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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Des Prinzen Schwadron ist schlecht

Es begab sich aber, daß bei den zweiten Dragonern die Schwadronsbesichtigungen abgehalten wurden. Der Regimentskommandeur Oberst von Hengst fand für die fünfte Eskadron des Prinzen Arbogast Worte des Lobes, wenn er auch einige Einschränkungen machte. Der neue Brigadekommandeur dagegen, Generalmajor Rauh, dem, groß geworden bei den fünften Dragonern in Eula, »Eulen« genannt, das Regiment noch unbekannt war, meinte, die Pferde seien nicht genug im Gehorsam, und die Leute könnten nicht reiten. Kurz, er fand die Schwadron schlecht.

Beim Regimentsessen im Speisesaale des Kasinos hatte Rittmeister Prinz Arbogast ganz unten an der Tafel Platz genommen, denn im Unmute über die abfällige Kritik legte er keinen Wert darauf, den Herrn General zu sehen. So sagte er wenigstens zu seinen Schwadronsoffizieren, Oberleutnant von dem Grimme und Leutnant von Immerfroh, die er als seine getreuen Helfer heute eingeladen hatte. Mit den beiden Herren einmal über das andere anstoßend, trank er auf das Wohl der Schwadron, des Wachtmeisters Strenge, der Unteroffiziere, der alten Leute, der Rekruten, die alle nicht sollten reiten können. Ja, den Pferden, nicht im Gehorsam, widmete er trotzdem ein Glas. Darüber hatte er einen leidlich roten Kopf bekommen. Oberleutnant von dem Grimme aber, mit spärlichem dunklem Haupthaar, gilblich wie ein Gallenleidender, rollte die Augen, und der kleine strohblonde Leutnant von Immerfroh, bei jungen Jahren und beiderseitig gebrochenem Schlüsselbein, schon einer der besten Rennreiter im alten Reich, sagte, der Brigadekommandeur könnte die Schwadron ..., und er, dem sonst Goethe durchaus nicht lag, zog Götz von Berlichingen an.

Immerfort klang es: »Arbo, Prost!« Jeder der Kameraden trank dem jungen Rittmeister zu: der Oberst freundlich, wozu der Prinz sich erhob, die Rittmeister kameradschaftlich, die Leutnants herzlich ergeben, der Adjutant, Oberleutnant Schuster, mit einer gewissen geheimnisvoll-hofmeisternden Art, die des tüchtigen Offiziers Schwäche war. Just in diesem Augenblick brachte ihm eine Kasinoordonnanz eine Drahtnachricht. Er sprang auf und eilte zum Oberst von Hengst. Der Kommandeur las, fuhr sichtlich zurück und reichte das Papier dem Brigadekommandeur. Der setzte bedächtig den Kneifer auf, las, fuhr gleichfalls sichtlich zurück und wechselte mit dem Oberst einige Worte. Dann stand dieser auf. Die Trompeter schwiegen auf einen Wink, und Oberst von Hengst sprach:

»Meine Herren, ich habe Ihnen eine ernste und traurige Mitteilung zu machen. Ich bitte Sie, sich zu erheben. Seine Majestät unser allergnädigster König ist heute mittag einhalb zwölf Uhr plötzlich am Herzschlage verschieden ...«

Während er den betroffen dastehenden Offizieren noch ein paar Worte sagte, war der Regimentsschreiber Unteroffizier Federspiel zu Prinz Arbogast getreten und überreichte auch ihm eine Drahtung mit einer Strammheit, sonst dem Büroblassen, durch Dienst außer der Front etwas Unmilitärischen, fremd geworden. Der junge Rittmeister schien nicht zu begreifen und wies das Blatt zurück. Doch der Adjutant deutete auf die Worte: »Seiner Majestät dem König.«

Da entfärbte sich der junge König und las:

»Nach dem Hintritt Seiner Majestät Königs Ernst des Zweiten und der schon früher festgelegten Verzichtleistung Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Theodor haben Euer Majestät den Thron bestiegen. Euer Majestät Befehle gewärtigend alleruntertänigst

von Forsicht, Staatsminister.«

Der neue König blickte sich ein wenig hilflos um:

»Ja, aber meine Schwadron?«

Dieses ist, geschichtlich erwiesen, sein Allerhöchsterstes Wort gewesen.

Und nun geschah etwas Erstaunliches: die Kameraden, die noch eben »Prost Arbo!« gerufen, blieben in einer gewissen Erstarrung veränderten Ranges. Nur der kleine Leutnant Immerfroh sagte laut in dem Schweigen:

»Gratuliere gehorsamst zum Avancement, Herr Rittmeister!«

Trotz dem Ernste des Augenblickes lächelten die Herren. Der Rauhreiter, wie General Rauh heimlich hieß, wünschte dem jungen Herrscher Glück. Dieses geschah jedoch mit so seltsamen Worten, daß es unberechtigt sein würde, sie der Nachwelt vorzuenthalten:

»Euer Majestät spreche ich als ältester anwesender Offizier meine Genugtuung aus, daß ein Reitersmann den Thron bestiegen hat. Ich möchte aber damit nicht in den Geruch des Byzantinismus kommen. Nein, ich bleibe dabei, die Schwadron war doch schlecht!«

Dabei verneigte er sich kurz. Den jungen König aber überkam, wie er später gestanden hat, das jäh gewandelte Gefühl: dieser Rauhreiter, den er bei der Kritik am liebsten vom Pferde gestochen hätte, war ein ehrlicher Mann. So gab er ihm die Hand; zögernd noch, hatte er doch bisher immer auf eines Vorgesetzten Hand warten müssen. Seinen Gedanken folgend, hätte er nun, wie Ernst der Zweite zum Hauptmann vom Schloßdienst, sagen können: »Ich werde Sie im Auge behalten. Danke.« Aber ihm fehlte noch die Übung des neuen Amtes.

Oberst von Hengst bat den jungen König, in der Hauptstadt Tillenau sein altes Regiment nicht zu vergessen. Wohl ein ausgezeichneter Offizier, doch kein Redner, schloß er, indem er ohne Zweifel entgleiste:

»Seine Majestät König Arbo lebe hoch!«

Das bannte die gewisse Erstarrung neuen Abstandes, die geherrscht, und löste die Zungen. Ein Jubel klang, der ernsten Stunde wenig angemessen, und die jungen Offiziere hoben ihren jüngsten Rittmeister auf die Schultern, wie einst die alten Deutschen ihren Heerkönig auf den Schild. Dort oben, jäh zur Höhe gelangt, erblickte er eine Flügeladjutantenuniform: Puppchen meldete sich mit tiefer Verbeugung und fragte, wann Seine Majestät in Höchstdero Hauptstadt einzutreffen gedenke.

Hin und her geworfen in seinen Gefühlen, hätte der junge König wohl am liebsten erklärt, er verzichte wie der schöne Theodor und behielte seine Schwadron, doch Puppchen überreichte ihm ein versiegeltes Schreiben, das der Kabinettsekretär Geheimrat Doktor Kleber ihm mitgegeben hatte. Darauf stand von weiland Ernst des Zweiten Hand: »Seiner Durchlaucht dem Prinzen Ernst Arbogast von Osterburg-Hilligenstadt nach meinem Tode einzuhändigen.«

Der junge König trat in einen Erker, wo ein Spieltisch stand, und las, während Puppchen, umdrängt, flüsternd erzählte, der Kammerdiener Treu habe Ernst den Zweiten, als er ihm Helm und Säbel gebracht, weil der König zur Grundsteinlegung eines Siechenhauses fahren wollte, tot am Schreibtisch aufgefunden, die Feder in der Hand, mit der er eben noch die Begnadigung eines Raubmörders vollzogen. Ernst der Zweite unterschrieb nämlich grundsätzlich kein Todesurteil, da er doch einmal gesagt: »Der Tod ist Glück, Leben Strafe.«

Kaum hatte er fertig erzählt, als der junge König, blaß und ernst, sich bereit erklärte, sofort nach der Hauptstadt zu kommen. Und seltsam, das fürstliche Amt regte sich schon in einer gewissen Überschätzung irdischer Möglichkeiten. Der junge König dachte nämlich daran, nach Tillenau zu reiten. Schnell gab er es auf und fragte nach dem nächsten Zuge. Puppchen schloß klirrend die Absätze, der königliche Kraftwagen, mit dem er gekommen, hielte vor dem Kasino. Den Flügeladjutanten hinter sich, als ob er bereits einen kleinen Hofstaat besäße, das Offizierkorps geschlossen ein Stück entfernt, stand der auf den Thron Entrückte vor den alten Kameraden.

Jedem, auch den Ordonnanzen, schüttelte er die Hand, ja vor General und Oberst machte er seine stramme Rittmeisterverbeugung. Als er den Assistenzarzt Doktor Hanns Medicus ganz hinten gewahrte, durchbrach er die Reihe der Offiziere, umarmte den Jugendfreund, und im Gedanken an die Munde und das Große und Kleine Glück im meergleichen blauen Tillensee wurden ihm die Augen feucht, so daß er auch noch den nächsten Herrn an die Brust drückte. Es verschlug dabei nichts, daß es ausgerechnet der älteste Rittmeister war (der Name sei verschwiegen in solch hoher, bitterbeglückter Stunde), den er haßte, seitdem er einst als kleiner Leutnant bei dem grätigen Manne bittere Tage gefunden. –

In der Stadt war die Nachricht schon herumgekommen. Standen vor dem Kasino nicht Fräulein Riekchen Schämig und der Rentner Hainel und Frau Siebenwurff mit ihren vielen Kindern, von denen immer eines gestorben war? Und der alte Angelbäcker Dietrich Hefe? Und gar Herr Moritz Schofel, Inhaber des Zehnpfennigbasars? Jedem gab der junge König die Hand.

Puppchen aber machte ein Gesicht, als dächte er: Na, Seine Majestät scheint ja nette Freunde zu haben!

Den getreuen Burschen, Gefreiten Piephacke, der noch schnell jenes Handköfferchen gepackt, das der Prinz mitzunehmen pflegte, wenn er im »Goldenen Anker« übernachtete, vorn neben dem Führer, eilte der Kraftwagen zwischen Roggenfeldern und Wiesen durch das reichbestellte Land.

Der König schwieg. Er dachte an die Besichtigung und daß die Schwadron, für die er doch allein gelebt, schlecht gewesen. Und einer, der keine hundertfünfzig Mann erziehen konnte, sollte ein Volk regieren? Da sagte er plötzlich zu Puppchen, gleichsam entschuldigend:

»Ich wollte eigentlich nicht, aber der hochselige König hat mir geschrieben, es sei meine Pflicht; ich sei nicht zum Vergnügen auf diese Welt gekommen.«

»Zu Befehl, Euer Majestät!«

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