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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Königslos

»Ein wilder Schrei des Schmerzes zittert durch alle Tillener Herzen«, so schrieb der ›Staatsanzeiger‹ (obwohl gewiß achtundneunzig vom Hundert sämtlicher Tillen den armen Kronprinzen nie zu Gesicht bekommen hatten) in jenem Speichelleckerstil, der, den Königsgedanken unrettbar schädigend, gerade von Ernst dem Zweiten immer verspottet wurde.

Jeder Gerechte mußte Seiner Majestät Haltung bewundern. Er, am schwersten betroffen, wahrte die Fassung, während seine Umgebung den Kopf verlor, hielt man es doch für gewiß, daß der Basileus Schuldige suchen würde. Der alte König hatte erst vor kurzem geäußert, als der kleinliche abgesägte Justizminister Doktor Justus Spaltehaar sich abgemeldet: »Man sieht auch gern mal neue Gesichter!« So herrschte denn am Hofe ein Fallobstbangen vorzeitiger Reife, wie unter Äpfeln in einem windigen Sommer. Ein Trost nur, daß offensichtlich zwei besonders bedroht schienen: einmal der ausgerechnet in solchem Augenblick abwesende Adjutant, dann aber vor allem Seine Exzellenz Hausmarschall Graf Schellenlaut, der durch Nichtbewilligung eines Ersatzes des tödlichen Gegenstandes im Grunde der Anstifter genannt werden konnte. Doch Ernst der Zweite hatte wohl eine lange Unterredung mit Rittmeister Hofgang, aber man vernahm kein Löwengebrüll, und was den Hausmarschall anbetraf, so hatte ja der Basileus einmal auf Graf Schellenlaut das Jesuswort angewandt (Ev.Matth. 5,13): »Wo nun das Salz dumm wird.«

Damit schien die Sache für ihn erledigt. Nicht so für das Volk. Der Klatsch behauptete, der Kronprinz sei »ganz allein und verlassen verreckt wie 'n Hund«, ging doch die Riesenschar von Hofscheuerweibern (zwei zu vierundfünfzig und siebenundfünfzig Jahren) allabendlich auf den Strich, das Dutzend Lakaien (zwei) lag die Nacht in den Kneipen, der Adjutant weilte bei seiner Liebsten, kein Arzt war trotz den ungezählten Leibärzten und Hofräten zu finden gewesen. Und all diese schamlosen Tagediebe lebten vom Gelde der Steuerträger, denn im Tillen jener versunkenen Zeit fühlte sich jeder als Steuerträger, als ob es ein Titel gewesen wäre, etwa wie Wirklicher Geheimer Grubenentleerer.

Da fanden denn Demokraten, denen amerikanische Parteiwirtschaft mit ständig wechselndem Beamtenheer als Vorbild vorschwebte, der König sei viel zu milde. Er müsse mal »feste durchgreifen« (Lieblingswort der Tillen). Die Roten

aber, die sonst, sobald der König für Ordnung sorgte, von Gewaltherrschaft zu reden pflegten, standen mit einem Male auf seiten des Herrschers, wenn sie auch, ihrer Wählerschaft halber, behaupteten, es läge am System.

Selbst die rechtsstehende ›Tillener Landeszeitung‹ gab ihrem Mißfallen Ausdruck über die ungewohnte Tatenlosigkeit Ernsts des Zweiten, aber obwohl sie von »Allerhöchstihm« sprach, war es im Grunde doch, weil weniger offen, schlimmer als die Rüpeleien des ,Proleten'.

Sobald es einmal feststand, daß kein Strafgericht zu erfolgen schien, wurde der Hof, den bisher etwas wie eine Zitterlähmung gebannt, bei der Versammlung vor der Beisetzung wieder lebendig. Oberstallmeister von Zaum fand sich unentbehrlicher denn je, Oberstabelmeister Freiherr von Quatsch war betriebsam ohne ersichtlichen Erfolg. In des Hausmarschalls Grafen Schellenlaut Gesicht schienen die Strahlenmuskeln, besonders aber der Lachmuskel freudig betont.

Auch der oberste Herr des alten Reiches war erschienen mit seinem an Körpergröße bedeutenden Hauptquartier, während Ernst der Zweite es liebte, kleine Gestalten wie Puppchen und den ebenfalls kaum Mittelwuchs überschreitenden Generaladjutanten Generalleutnant von Scharff um sich zu sehen. Von ungewöhnlich großen Menschen (er selbst stand ja außer Vergleich) pflegte er nämlich zu sagen, die Natur habe an ihren Körper so viel Stoff verschwendet, daß für das Hirn nichts übriggeblieben sei.

Natürlich war auch Prinz Arbogast erschienen. Dem Herrn des alten Reiches vorgestellt, sah jener auf die Medaille mit der Inschrift Vita donorum suprema, die einsam über dem Osterburger Hausordensstern schwebte, und fragte nach deren Bedeutung. »Ich habe einmal einer Dame das Leben gerettet, Euer Majestät,« antwortete der Prinz, und der Fragende meinte aufgeräumt:

»War sie hübsch?«

»Danach habe ich nicht gesehen, Euer Majestät!«

Der oberste Herr schlug sich mit breitem Lachen auf den Schenkel:

»Na, wenn's nu ne olle Schraube jewesen wäre?«

Es muß bedauernd gemeldet werden, daß Prinz Arbogast, feierlich gestimmt allem gegenüber, das mit seinem geliebten Tillensee zusammenhing, harte Jugend ihm und spärliches Glück bedeutend, eine ungehörige Antwort gab, die nicht vergessen worden ist. Er wurde blaß:

»Ich sah den Tod eines Menschen als etwas an, das über Scherzen steht, Euer Majestät.«

Der Herr des alten Reiches ließ ihn kurzerhand stehen. Ein für das fernere Leben des jungen Prinzen wichtiger Augenblick.

Handelte es sich hier um offensichtliche Ungnade, so geschah von seiten des Hofes das Gegenteil. Der Oberstabelmeister rutschte heran und hielt eine Art Verbeugung für angebracht vor jenem, der plötzlich dem Throne so viel näher stand. Der Kutscher fragte mit seinem eigentümlichen Wiehern, wie Seine Durchlaucht mit der Adele zufrieden wäre, worauf der Prinz erwiderte, er habe noch keine Zeit gehabt, den Schinder zu reiten. Da kam der Hausmarschall, betonte noch stärker Strahlen- und Lachmuskeln unter der Habichtsnase und meldete, sobald nach der Tafel die Fürstlichkeiten abgereist wären, befehle Seine Majestät der König Seine Durchlaucht ins Arbeitszimmer.

Bei der Fürstentafel wurden die Teller aus der Hofsilberkammer so schnell gewechselt, daß die arme alte Prinzessin Aurora, bei ihrem Zahnersatz vorsichtig kauend, ebensowenig Zeit zum Essen fand wie Prinzessin Ingeborg, der nordische Engel, dem die Lakaien den Teller wegzogen, ehe sie etwas aufgabeln konnte, denn die Hofdienerschaft und ihr Anhang waren für Rester eingenommen. Nur zwei an der Fürstentafel ließen sich um nichts bringen: einmal der schöne Theodor, der mit der überlegenen Ruhe seines fürstlichen Selbstmannwesens die Prinzessin Tertiana der Askariden an seiner Seite ruhig schwatzen ließ. Dann aber Prinz Arbogast. Er saß untenan, und sein Nachbar, irgendein fremdes Prinzlein, noch jünger als er, war ihm um so gleichgültiger, als er entschlossen schien, von dem ungewohnt guten Essen nichts übrigzulassen. Sein hagerer Reiterleib, der sich abends daheim nur Tee und Butterbrot leistete, konnte solch herrliche Dinge wohl brauchen. Aber ihm ging auch, unzufrieden mit sich selbst, die gereizte, ihm nicht zustehende Antwort im Kopfe herum, die er dem Allerhöchsten Kriegsherrn gegeben. Kein Zweifel: deshalb sah er sich nach Beendigung der Feierlichkeit zum Könige befohlen.

Die Fürstlichkeiten waren abgereist, als Puppchen dem in einer Ecke träumenden Prinzen Arbogast sich wichtig näherte und meldete, Seine Majestät der König erwarte Seine Durchlaucht. Er sagte »Durchlaucht«, und auf dem Wege durch das Porzellanzimmer und die lange Galerie blieb er diesmal streng links.

Ein Wunder geschah: Ernst der Zweite, der am Fenster in den Nebel des traurigen Tages geblickt, wandte sich um und umarmte Prinz Arbogast so jäh, daß jenem sein Helm entglitt, den der eilfertig zugesprungene Puppchen aufhob. Nach kurzer Gemütsregung zur Sachlichkeit zurückgekehrt, ließ der König von dem einsamen letzten Mahle seines Sohnes sich erzählen. Als Prinz Arbogast ein Herz sich faßte und seine Geldlage berührte, forschte der Basileus nach Schulden. Es wurde bis auf eine ausstehende Schneiderrechnung verneint. Ernst der Zweite fragte, ob es auch die Wahrheit sei. Da schloß Prinz Arbogast scharf die Absätze:

»Ich bin Offizier, Euer Majestät.«

Der König blickte den jungen Rittmeister ernst an:

»Und ich der König. Das bedeutet: der Einsamste im Land. Das bedeutet: ausgebeutet werden. Das bedeutet: belogen werden. Es ist kein Vergnügen, König zu sein. Gut, wenn du das beizeiten erfährst. Du hast heute, wie ich gehört habe, eine ungehörige Antwort gegeben. Ich bedaure die Form, aber es ist gesund, wenn mal einer die Wahrheit sagt. Die ihn umgeben, tun es ja nicht. Merke dir: Man kann nie so scharf sein, als wenn man höflich ist. Ich wollte, mir sagte mal einer, was er wirklich denkt.«

Hier nun wäre die Gelegenheit gewesen, nie wiederkehrend, der Majestät nahezukommen, aber es muß leider zugestanden werden, daß Prinz Arbogast den Augenblick nicht erfaßte. Freilich sei es dahingestellt, ob Ernst der Zweite von einem etwas angenommen hätte, der ihm dem Alter nach so ferne stand. Auch war der Basileus dem Prinzen, so gut dessen Verstand sein mochte, denn doch an Erfahrung und Geistesschärfe zu sehr überlegen. Dieser ein aus Menschenverachtung im Herzen ausgebrannter Hirnherrscher, jener ein Dragonerrittmeister mit allerlei Sehnsucht.

Ernst der Zweite zögerte, dann fragte er gütig, ob er für den jungen Verwandten etwas tun könnte. Einen Augenblick schwankte der Prinz, sollte er abermals von seiner wirtschaftlichen Lage beginnen? Ihm erschien die Geldfrage in solchem Augenblick unmöglich. Und wie so oft Menschen sich nicht finden, weil zwei Körper durch zwei getrennte Hirne die Befehle in Nerven-, Blut- und Lymphbahnen bekommen, so kehrte Prinz Arbogast zu seiner Schwadron zurück, während der König sich an seinem Schreibtisch zu dem niederließ, das ihm allein das Leben ertragenswert machte: zur Arbeit.

Es war ruchbar geworden, Prinz Arbogast sei des Kronprinzen letzter Gast gewesen, allein und eine Stunde nur vor seinem Tode. Die Masse, immer geneigt bei Dingen, die sich ihrer Einsicht entziehen, Umtriebe vorauszusetzen, witterte hier ein Geheimnis. Wie kam es, daß Prinz Arbogast, sonst nie in Tillenau, gerade an jenem Unglücksabend den Kronprinzen besuchen mußte? Da lag ein Dunkel. Doch bald fand man die Deutung: der arme Kronprinz hatte dem Arbo im Wege zum Throne gestanden: Arbo hatte den Kronprinzen umgebracht!

Wie sollte man aber erklären, daß Kronprinz Ernst doch erst gestorben, nachdem Prinz Arbo längst gegangen war? Nun, gab es denn nicht übernatürliche Fernmittel, etwa wie Gesundbeten? Warum sollte man nicht ebensogut auch einen totbeten können?

Da schien es auch dem Stammtisch im »Goldenen Anker« klar: der Arbo hatte sich dort nur gezeigt, um ein Alibi zu haben. Machten es die Verbrecher nicht so? Darum mußte an jenem Abend die gesamte Dienerschaft fehlen. Auch der Adjutant war fortgeschickt worden. Und mit einem Male genoß in der Vorstadt Weyher der Kronprinz eine bislang ungeahnte Volkstümlichkeit, ja auf den König fiel ein Schein davon. Wie nun selbst im Kohlenlande Stangenberg weniger von Isidor dem Ersten und Herrn Schreyer die Rede war als von »unserm Kenich«, hielt es der ›Prolet‹ denn doch an der Zeit, zu bremsen. Er behauptete, das Vertuschen sei einmal so Stil bei den Fürsten.

Ernst der Zweite wünschte grundsätzlich keine Strafanträge auf Grund des Majestätsbeleidigungsparagraphen; so wurde denn nicht eingeschritten. Nun wuchs der Klatsch: es hieß, der ganze Hof habe Schweigegelder erhalten. Nicht umsonst sei der König so schrecklich reich. Und hatte nicht der Adjutant außer Landes gehen müssen? (Ernst der Zweite hatte ihm Urlaub erteilt, um seine kranke Mutter nach dem Süden zu bringen.) Wie nun der König – es muß wiederholt werden – eine übertriebene Meinung von der Dummheit seiner Nebenmenschen besaß, so konnte das Volk ihm nicht genug Gerissenheit und Tatkraft zutrauen. Er würde sich einfach wieder verheiraten, hieß es, trotz seiner Jahre, und einen Thronerben erzwingen, ja erzwingen!

Hier muß eingeschaltet werden, daß an den schönen Theodor erstaunlicherweise niemand dachte. Die einen kannten ihn nicht, die anderen, und hier traf einmal die öffentliche Meinung das Richtige, meinten, dieser Händlerprinz würde ja doch nicht König werden wollen.

Als auf Betreiben des Oberhofpredigers Dr. theol. Salbader, der das Wirken der Gottheit evangelischer Konfession, damit vor allem aber sich, in Erinnerung bringen wollte, eine Hofansage zu einem Trauergottesdienst für den hochseligen Kronprinzen erging, traf die Hofdame der alten Prinzessin Aurora, Fräulein Mirabella von Wunderlich, auf dem Schloßhofe den Kabinettsekretär des Königs, Geheimrat Doktor Kleber. Sie sprach öfters mit dem klugen Herrn, der bei hochgetragenem Schulterring und faßförmigem Brustkasten immer so ängstlich Atem holte. Zu gern hätte sie gewußt, ob an den Heiratsgerüchten etwas sei. Sie bezweifelte es errötend mit den Worten:

»Aber wenn Seine Majestät nun nicht mehr ... ich meine, er wird wohl keine Kinder haben.«

Geheimrat Kleber rang nach Atem:

»Gnädiges Fräulein, Sie unterschätzen die Kraft des Willens. Seine Majestät kann, was er will. Und im Notfall... im Notfall...«

Fräulein Mirabella von Wunderlichs Giraffenhals schoß bei ihrer gebeugten Wuchsform noch mehr vor, daß ihr hohles Kreuz sich vertiefte:

»Ich verstehe nicht.«

Voller Geheimnis klang die Antwort:

»Ein Mann von dem Wissen Seiner Majestät erzeugt den Homo sapiens syntheticus.«

»Wie macht man denn das?« lispelte sie. Er schnappte nach Atem und lachte in sich hinein. Bei der Hofdame aber wirkten seelische Vorstellungen der Scham auf ihr Erweiterungszentrum, so daß sie errötete:

»Wenn es unpassend ist, will ich es lieber nicht hören!«

Eine halbe Stunde darauf wußte es der Hirschgartenflügel des Schlosses, wo Prinzessin Aurora wohnte; nach einer neuen halben Stunde war es Gemeingut.

Damit verblaßte der Gedanke an Prinz Arbogast als dem Throne nahegerückt. Und bald dachte man am Hofe, in der Residenz, wie im Lande nicht mehr an ihn mit dem für einen König überdies völlig unmöglichen Namen, an ihn, der still und glücklich seine Schwadron erzog, weit draußenin Illzenau.

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