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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Tod des Kronprinzen

Die Residenz- und Hauptstadt Tillenau verleugnete ihren Ursprung als Festung nicht, nur war an die Stelle von Wall und Graben eine breite Ringstraße getreten, auf Veranlassung Ernsts des Zweiten in Jahren allgemeiner Arbeitslosigkeit angelegt, um Tausenden Verdienst zu schaffen. Der Oberrote von Tillen, Herr Isidor Wühlheimer, freilich behauptete, es sei nur geschehen, um das Volk leichter niederkartätschen zu können, als es in der winkligen alten Stadt möglich gewesen wäre. Der damalige Minister von Scheuklapp hatte deshalb gegen ihn vorgehen wollen, doch der König verhinderte es. Auf ein Pech anspielend, das dem armen Proletariervertreter von Stangenberg widerfahren, der dort, süßen Weines voll, auf einer Bank im Stadtgarten von Leichenfledderern ausgeraubt worden, wobei dem in Wirklichkeit längst gesättigten Bürger eine erstaunlich hohe Summe abhanden gekommen, hatte Ernst der Zweite gesagt:

»Lassen Sie die Sache ruhen! Auf den Bänken in den werdenden Anlagen schläft ja doch Isidor der Erste; Ernst der Zweite hat dazu keine Zeit.«

Immerhin schien diese Ringstraße für die Stadt heute noch ein zu weites Kleid, denn der Verkehr blieb am Osterburger Platz. Vom romanischen Dom, dem berühmten Rathaus in Frührenaissance, der alten Münze, den gotischen Gildenhäusern der Kaufleute, der Lebzelter sowie der Schreiner umstanden, wirkte er bei seiner rechteckigen Geschlossenheit fast wie ein großer mittelalterlicher Saal. Der Baedeker nannte ihn denn auch einen der prachtvollsten Plätze der Welt.

Von ihm führte die Hauptverkehrsader, die Straße »An der Stechbahn« (einst durch bunte Reiterspiele belebt), daran Hofoper, Königliches Schauspielhaus und das Museum, zum Schloß. Mehr wehrhaft als baulich bedeutend, war sein schönster Teil der Sigismundflügel, vom schon genannten Meister Pius Glockenstrang entworfen. Doch erst Kurfürst Sigismund der Sechste hatte den wie ein Edelstein aus der Fassung des alten Schlosses in den Hirschgarten vorspringenden Bau, der eigenen Zeit entsprechend, innen im Empirestil vollendet.

Hier wohnte der Kronprinz, seit seiner Mündigkeitserklärung mit eigener Hofhaltung, bestehend aus dem persönlichen Adjutanten Rittmeister Hofgang, zwei Hofscheuerfrauen und zwei Lakaien.

Als Prinz Arbogast eben zum Schlosse hinanstieg, hörte er hinter sich einen Wagen und erkannte den Leibkutscher. Der junge Rittmeister fand gerade noch Zeit, hinter einem Baume sich zu decken, war doch den Offizieren das Ziviltragen streng verboten. Ernst der Zweite hatte soeben draußen in der Vorstadt Weyher das von ihm begründete Krüppelheim Bethesda besichtigt, weil Fräulein Gumma Stänker, deren Söhnchen auf Kosten des Königs aufgenommen worden, durch den ,Proleten' verbreitet, die Kinder müßten dort verhungern.

Er hatte den übrigens von der Mutter her erblich belasteten Knaben selbst gefragt (wenn auch leider in seiner die Herzen nicht gewinnenden Art), war es doch eine der Seltsamkeiten Ernsts des Zweiten, daß er den Zustand des Kronprinzen scheinbar übersah, während er sonst allen Kranken seine besondere Fürsorge zuwendete. Fräulein Gumma Stänker dankte dem König, indem sie, wie man später erfahren hat, erklärte:

»Was ist denn da Jroßes derbei, wenn der Kenich in seinen joldenen Wagen mit Sprungfeder hinfährt? Er hat cha in sein' schienen Schlosse den janzen Dag so nischt zu tun, als wie fressen und saufen!«

Vom königlichen Vater kurz gehalten, hätte der Kronprinz nie daran denken können, den Sigismundflügel nach eigenem Geschmacke einzurichten. So war es in dem kleinen Saal mit steifen Empiresesseln und falschem Römerprunk ungemütlich, auch frostig, denn der Kamin, in dem ein paar Scheite Holz knisterten, bedeutete nicht viel mehr als einen Schmuck. Der Kronprinz begrüßte seinen Gast:

»Ich dachte schon, du würdest nicht kommen.« Prinz Arbogast fragte: »Warum?« Des Thronfolgers schwarze Augen blickten ihn hilflos an:

»Es ist so langweilig bei mir. Alle sagen das. Findest du nicht auch?«

Und das »Saucischen unter den Fürschten« hat sich angesichts eines augenscheinlich noch Ärmeren gehoben gefühlt. Im ungeheizten Nebensaal stand die Tafel für die beiden gedeckt. Der Kronprinz erklärte, er habe Rittmeister Hofgang zugeredet, heute bei seiner, nach einer Rippenfellentzündung noch anfälligen, Mutter zu essen, denn er wolle den Vetter in einer Sache unter vier Augen um Rat fragen. Man speiste auf Porzellan aus der Königlichen Manufaktur Heym, das ganz schön, wenn auch Meißen, Berlin oder Nymphenburg nicht erreichend, einen Stich ins Grüne besaß, etwa wie der Tillensee an seichten Stellen. In zarten Eilenftädter (Tillkreis) Gläsern mit dem eingeschliffenen Osterburger Wappen stand, gleich dunklem venösem Blute, »Windwein« von den Südhängen der Windberge bei Tillenau. Prinz Theodor pflegte ihn mit jenem Schmunzeln, das seinem Fuchsgesichte nicht übel stand, » lacrimae Petri« zu nennen, indem er die Worte der Schrift wandelte: »Als Petrus davon genossen, ging er hinaus und weinete bitterlich.« Aber der Basileus durfte derartige Scherze des schönen Theodors nicht vernehmen, denn er erblickte königliche Pflicht darin, heimische Erzeugnisse zu bevorzugen. Das Essen war nicht recht warm, weil es aus der Hofküche in den Sigismundflügel einen zu langen Weg zurücklegen mußte.

»Es ist kalt bei mir. Findest du nicht auch?« fragte der Kronprinz und bat um die Erlaubnis, in einen Mantel schlüpfen zu dürfen, den der Lakai sorglich brachte. Auch dem Prinzen Arbogast wurde einer angezogen. So saßen die beiden Osterburger fröstelnd drüben am Kamin und leerten eine »Eule«, wie der Schnaps aus dem Eulaer Kreise hieß, bei den Tillen aus Heimatsdünkel geschätzt, während Fremde an ihm leider einen tintenartigen Beigeschmack fanden.

Der Kronprinz erzählte, es habe Zentralheizung eingebaut werden sollen, aber der Ministerpräsident Doktor von Forsicht scheue sich, dem Landtage die Forderung vorzulegen:

»Er wagt es nicht, weil neulich der sozialistische Abgeordnete Schreyer etwas gesagt hat von ›Luxus in Schlössern, wo Millionen verheizt werden, während die Proletarierkinder frieren müssen‹. Na, lieber Vetter, ich friere hier mindestens ebenso wie die Proletarierkinder. Herr Schreyer sollte nur einmal hier sitzen müssen. Findest du nicht auch?«

Prinz Arbogast lachte:

»Warum ladest du ihn nicht ein?«

Der Kronprinz blickte ihn ganz erschrocken an:

»Findest du, daß das ginge?«

»Ich täte es gleich. Allerdings, du als Kronprinz? Majestät hat mir heute gesagt, was für dich gilt, gelte nicht für mich.«

Gleichsam neidisch musterte ihn der Kronprinz:

»Ja, du Glückspilz, du kannst machen, was du willst! Findest du nicht auch?«

Prinz Arbogast warf die Lippen auf:

»Ich? Ich muß die Schinder nehmen, die der Kutscher die Gnade hat, mir zu überlassen.«

»Der Kutscher?«

Und es kam an den Tag, daß der Kronprinz wohl der einzige am ganzen Hofe war, der den Namen nicht kannte. Er fing an zu lachen. Zu spaßhaft, daß Exzellenz von Zaum »der Kutscher« hieß! Er lachte immer herzlicher, wozu er sonst selten Gelegenheit fand. Ja, als Prinz Arbogast erzählte, daß Herr Schreyer, einst Heizer bei der Hamburg-Amerika-Linie, als Fachmann in die Hauskommission des Landtags gewählt, dort immer für mindestens 23 Grad Celsius Wärme sorge, weshalb das Landhaus im Volksmunde »der Schwitzkasten« hieße, fand des Kronprinzen Heiterkeit kein Ende. Aufgekratzt, anvertraute er nun dem Vetter, weshalb er mit ihm hatte allein sein wollen. Der König wünschte, er solle sich verloben. Es klang so unfreudig, daß Prinz Arbo empört rief:

»So sage doch nein! Du wirst doch nicht deine Freiheit opfern!«

Verdutzt, ja erschrocken antwortete der Kronprinz:

»Meine Freiheit? Ich habe doch gar keine Freiheit! Ich bin doch Kronprinz! Findest du nicht auch?«

Aber dann redete er wieder, in dunkler Beteiligung des Lendenmarkes, als stünde er vor etwas ganz Witzigem. Vor allem versöhnte ihn augenblicklich der Gedanke, bei der Gelegenheit vielleicht doch noch zur Zentralheizung kommen zu können. Übrigens schien er eine Heirat aus Staats- oder Hausrücksichten ebensowenig zu beanstanden, etwa wie ein Handwerker, die Witwe des Meisters ehelichend, das Hineinheiraten ins Geschäft. Er sprach von der Zukünftigen, nämlich Taenia, dritter Tochter des Königs Santonin des Neunten der Askariden, und sagte, der Minister des Königlichen Hauses, Landwirtschaftsminister von Sturzacker, habe erklärt, die Heirat sei ganz passend, denn die Braut sei aus regierendem Hause und bekäme jährlich zweiunddreißigtausend Lot, also nach deutschem Gelde über sechshunderttausend Mark. Das hatte Exzellenz von Sturzacker für sehr anständig, aber auch für wesentlich gehalten. Der Kronprinz schien sich darüber zu freuen, man verstand freilich nicht warum, war er doch sonst von rührender Bedürfnislosigkeit. Diese zu erhärten ist hier der Ort. Der Adjutant Rittmeister Hofgang hatte nämlich vor kurzem verlangt, ein nachts nicht unwichtiges, gesprungenes Gefäß müsse erneuert werden, weil die Gefahr bestand, es möchte einmal, auseinanderbrechend, Seiner Königlichen Hoheit aus der Hand fallen. Aber Hausmarschall Graf Schellenlaut fand die Ausgabe unnötig. Wie nun der Adjutant den Kronprinzen selbst als Kronzeugen aufrief, antwortete jener, seinen besorgten Helfer völlig im Stich lassend:

»Er ist noch ganz gut. Finden Sie nicht auch?«...

Es ist nicht zu sagen, wie lange Prinz Arbogast noch geblieben ist. Feststeht, daß er ein Lichtbild der Braut zu sehen bekam, denn es stellte sich heraus, wie meist wenn einer eines anderen Rat einholt: die Frage war bereits entschieden. Prinz Arbo, der damals gerade für Nietzsche schwärmte, fand übrigens die Prinzessin Taenia, dritte Tochter des Königs Santonin des Neunten der Askariden, völlig »jenseits von Gut und Böse«. Aber er äußerte es nicht, obwohl der Kronprinz zum Abschied sagte:

»Meine Braut sieht doch ganz nett aus. Findest du nicht auch?«

An diesem Abend nun, als Prinz Arbogast, ein wenig gehoben von Windwein wie Eule und glücklich, zurückkehren zu können zu seiner Schwadron, nach Illzenau fuhr, geschah etwas, das für die Zukunft des Rittmeisters im 2. Tillener Dragoner-Regiment Nr.36 Prinzen Arbogast Ernst Peter Franz von Osterburg-Hilligenstadt von grundlegender Wichtigkeit geworden ist.

Der Kronprinz wurde nach vielmaligem vergeblichem Klingeln vom Lakai Sorglich, der schlaftrunken wahrscheinlich erst nach langer Zeit erschienen war, auf dem Bettrande hockend und heftig blutend vorgefunden. Der zweite Lakai Flatter soll verlobt und deshalb unauffindbar gewesen sein. Die beiden Hofscheuerfrauen (obwohl längst im kanonischen Alter) hatte Hausmarschall Graf Schellenlaut aus Gründen der Sittlichkeit so weit entfernt untergebracht, daß sie nichts hören konnten. Rittmeister Hofgang aber war von seiner Mutter noch nicht zurückgekehrt. Kurz, als endlich der Leibarzt Seiner Majestät, Generalarzt Doktor Vagus eintraf, gelang es ihm nicht mehr, die Blutung zu stillen; ein Beginnen, das übrigens von Anfang an aussichtslos erschien. An den Scherben jenes geborstenen Gefäßes, um dessen Erneuerung der Adjutant vergeblich sich bemüht, hatte der Kronprinz am langen Daumenabzieher der rechten Hand einen Schnitt davongetragen, der bei einem Gesunden belanglos, ihm jedoch durch Verblutung das Leben kostete.

Als Prinz Arbogast in Illzenau ahnungslos einschlief, war er nach dem kinderlosen und über siebzigjährigen »schönen Theodor« der Nächste zum Throne des Königreichs Tillen.

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