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Georg Freiherr von Ompteda: Ernst III. - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherrn von Ompteda
titleErnst III.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid806d2cd7
created20061230
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Meldung bei Seiner Majestät

Im Empfangssaale, dessen schwere Renaissancedecke auf Marmorsäulen ruhte, von einem blassen Rot, etwa wie das Fleisch der gekochten köstlichen Tille, pflegte Ernst der Zweite die Meldungen Beförderter und Ausgezeichneter entgegenzunehmen. Gehoben durch Aufstieg und Gnade, gingen der Wartenden Lippen über, daß bald ein Summen entstand, etwa wie der Sprachgebrauch die Judenschule sich vorstellen mag. Den größten Lärm aber verursachte gerade jener, der auf Ruhe hätte halten sollen: Oberstabelmeister Freiherr von Quatsch. Einige Berufssterne über dem linken Lungenflügel, erklärte er, gleichsam im Alleinbesitz des Hofbrauches, jedem einzelnen, er solle auf Fragen Seiner Majestät des Königs nur ja »bündig, bündig« antworten, womit freilich die eigene greisenhafte Geschwätzigkeit in einigem Widerspruche stand.

Die Reihe herunterrutschend, ohne die Sohlen zu heben, kam er zu Prinz Arbogast. Da der Oberstabelmeister an durch fortschreitenden Entzündungsvorgang im Mittelohr bedingter Schwerhörigkeit litt, wenn er es auch, im Bangen um seine Stellung, nicht wahr haben wollte, so zerrte er den neu ernannten Rittmeister gönnerisch am Knopfloche heran: »Na, Prinzchen, lassen Sie sich ooch mal sehen?« Der Prinz, nicht schlagfertig, fand um so weniger gleich eine Antwort, als eben ein kleiner, ungemein eng in seine Flügeladjutantenuniform gezwängter Major erschien, mit langer Ordensreihe über der vierten Rippe, und sich vor der Exzellenz verbeugte:

»Seine Majestät ...«

Ehe er ausgeredet, war der Oberstabelmeister gleichsam im Rückgrat niedergebrochen und hatte eine Art Spazierstock des 18. Jahrhunderts mit goldenem Knauf dreimal auf den Täfelboden gestoßen, so daß die Judenschule jäh verstummte. Es war aber nichts als ein Mißverständnis, wie Ernst der Zweite einmal das ganze Dasein des Herrn Oberstabelmeisters genannt hatte, denn Major Pupp, wegen seiner zierlichen Gestalt und der runden Porzellanbäckchen vom Hofwitz Puppchen geheißen, ergänzte: »... hat nach Rittmeister Prinz Arbogast gefragt.«

Der Flügeladjutant ging rechts voraus, wortlos, die Nase nichtachtend erhoben, durch den »Waffensaal« mit Pfeifenharnischen an den getäfelten Wänden, durch die »lange Galerie« voll Schulbilder, die einst Kurfürst Sigismund dem Kenner als alte Meister aufgehängt worden, zu einer Tür, an der ein Doppelposten von Leibdragonern stand. Prinz Arbogast trat ein. Puppchen blieb zurück und verneigte sich tief vor dem Holz der wieder geschlossenen Pforte.

Es war ein düsterer Raum, der durch bunte Scheiben kaum mehr als ein gebrochenes Licht einfing, ein strenger Raum, ein Raum der Arbeit. Am mächtigen Schreibtisch voller Schriftstücke und Bücher, darauf nur eine Uhr tickte, ein Bild der in Gott ruhenden Königin stand und ein großer Vormerkkalender sichtbar ward, saß im weißen Bart einer, dessen Gänsekiel beim Schreiben einen dünnen, singenden Ton gab, wie eine scheidende Kindesseele. Der König erhob sich. Nun erst konnte man seiner Größe recht inne werden, da Prinz Arbogast ihm kaum bis an die Schultern reichte, als er die Absätze schloß: »Ich melde mich alleruntertänigst unter dem 28. November zum Rittmeister befördert.«

Ernst der Zweite blickte ihn mit seinen unerbittlichen graublauen Augen an:

»Hättest du das Examen zur Kriegsakademie gemacht, so würde ich dich bei etwaiger Einberufung zum Generalstabe vorpatentiert haben. Aber Leute ohne Ehrgeiz berücksichtigt man nicht.«

Prinz Arbogast:

»Halten zu Gnaden, Euer Majestät, mein Kommandeur meinte, Mitglieder des Königlichen Hauses sollten nicht auf die borussische Kriegsakademie gehen.«

Der König blitzte den Verwandten von der Seitenlinie an:

»Das mag für den Kronprinzen gelten, aber nicht für dich. Das heißt denn doch seine Bedeutung überschätzen. Übrigens habe ich von deinem Kommandeur nichts Nachteiliges gehört. Es mag dabei bleiben. Vergiß nicht, daß du die Ehre, dem Königlichen Hause anzugehören, damit bezahlen mußt, dich keinen Augenblick gehen lassen zu dürfen. Noch eines: Du brauchst als Rittmeister ein zweites eigenes Pferd. Melde dich beim Oberstallmeister. Ich habe ihm befohlen, dir eines aus dem Reitstall zu überweisen. Dort sind ohnehin allerlei unnütze Fresser. Danke.«

Damit war Prinz Arbogast entlassen. Der Kammerdiener Treu, mit faltigem Gesicht und blondweißem Backenbart, so dicht und lang, daß man meinen konnte, ihm hingen zwei Hasenpfoten aus den Ohren, mahnte durch stumme Gegenwart. Der Basileus legte ihm freundlich die Hand auf die Achsel:

»Ich komme, mein Lieber!«

Und der alte König folgte seiner Pflicht, irgendwelchen ihm gänzlich fernen Leuten ein anerkennendes Wort zu sagen. Puppchen schritt, links zurückbleibend, neben ihm her durch »lange Galerie« und »Waffensaal«. Dort stand in Helm und Schärpe der Offizier vom Schloßdienst Hauptmann von Standfest, gelblich, mit ausgesprochenem Leberanschoppungsverdacht, und legte die linke Hand an die Kopfbedeckung, während er rechts einen ähnlichen Stab, wie der Oberstabelmeister ihn trug, dreimal aufstieß. Im Empfangssaal verstummte sofort wieder die Judenschule. Der König verhielt seinen Gang:

»Sie sehen krank aus.«

»Majestät, ich habe bisweilen mit der Leber zu tun.« »Haben Sie einen Arzt befragt?«

»Zu Befehl, Euer Majestät, Oberstabsarzt Koryza vom Leibregiment.«

»Ja, wenn Sie einen wählen, dem bei den jungen Soldaten das ganze Jahr hindurch nichts anderes vorkommt als Gonokokken ... Warum sind Sie nicht zu Hepar gegangen?«

»Der ist mir zu teuer, Euer Majestät.«

Nun ist es bedauerlich, sagen zu müssen, wie Ernst der Zweite es leider verstand, Wohltaten in ein verletzendes Gewand zu kleiden:

»Aber Sekt beim Liebesmahl ist da ...«

Hauptmann von Standfest blickte den König grade an:

»Euer Majestät wollen alleruntertänigst verzeihen, ich trinke nur einmal im Jahre Sekt, zum Geburtstag Eurer Majestät.«

Ernst der Zweite stutzte und wandte sich zu Puppchen:

»Professor Hepar soll sofort gerufen werden; zu meinen Lasten. Melden Sie das Böswetter.«

Dann zum Hauptmann:

»Sie sind ein aufrechter Mann. Ich bin in dieser Beziehung nicht verwöhnt. Ich werde Sie im Auge behalten. Danke.«

Und der König ging in den Empfangssaal, während ihm Puppchen wie ein kurzer Mittagsschatten folgte, die Nase höher noch erhoben als sonst.

Damit könnte der Hof verlassen werden, schiene es nicht ratsam, noch einiges zu berichten, was ein Licht auf Menschen wie Zustände im Tillen jener nun bereits geschichtlich gewordenen Zeit wirft.

Seine Exzellenz Oberstallmeister von Zaum zeigte sich gegen den Prinzen herablassend wie die meisten Herren vom Hofe, die, um im Stallbilde zu bleiben, an der königlichen Futterkrippe fraßen. Des kaum Mittelgroßen rachitisch verkrümmte Beine steckten immer in Reithosen; nur zu Hause nicht, denn dort hatte Ihre Exzellenz die Hosen an.

Landwirtschaftsminister, zugleich Minister des Königlichen Hauses von Sturzacker, mit dem der Oberstallmeister einmal in einer Zuständigkeitsfrage über Domänenheu aneinandergeraten, hatte von ihm zum Könige gesagt, er besitze doch kaum mehr als einen Pferdeverstand, worauf Ernst der Zweite erwidert: »Ich unterhalte mich ja mit ihm nicht über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, und ein guter Kutscher ist er – mehr brauche ich ja nicht.«

Seitdem hieß der Oberstallmeister bei Hofe der »Kutscher«.

Wie nun Seine Exzellenz geruhte, mit dem Prinzen durch den Reitstall zu gehen, fand es sich, daß jeder Gaul, sobald er dem jungen Rittmeister gefiel, sofort unabkömmlich wurde, indem ihn der Kutscher zum Leibreitpferd Seiner Majestät ernannte, obwohl der König nur noch selten ritt. Dadurch von der Zwecklosigkeit weiteren Aussuchens überzeugt, ließ Prinz Arbogast sich hinreißen zu erklären, es sei ihm völlig »wurscht«, welche dieser alten Himmelsziegen er bekäme. Der Kutscher setzte zu seiner stadtbekannten Lache an, einem höhnischen, ja unverschämten Wiehern, das ihm erstaunlicherweise bei Ernst dem Zweiten durchging (weil der es in seiner königlichen und Osterburger Überlegenheit auf andere bezog), schloß die Absätze, vergeblich bemüht, die Knie aneinander zu bringen, und wurde mit einem Male dienstlich:

»Im Königlichen Marstalle stehen keine Himmelsziegen, sondern Königliche Pferde, Herr Rittmeister.«

Auch der Prinz schloß die Absätze, aber er brachte die Kniescheiben aneinander:

»Wenn es der Befehl Seiner Majestät sein sollte, daß ich mit den überfälligsten Schindern beritten gemacht werde, so bitte ich ganz gehorsamst Euer Exzellenz, mir einfach ein Pferd zuzuteilen. Ich darf aber darauf aufmerksam machen, daß mir die Anrede Durchlaucht zusteht.«

Da nun der König unberechenbar empfindlich sein konnte, wenn man seinem Hause zu nahe trat, schwieg der Kutscher, denn er wollte keinesfalls herunter vom Bock, waren doch trotz schlechter Geldlage Ihre Exzellenzen eifrig bemüht, die Kutscher nicht aussterben zu lassen, obwohl bei dem Überhandnehmen der Kraftwagen der Stall ständig bedroht schien.

Rot vor Wut rief er den Bereiter:

»Die Adele, die alte Himmelsziege, geht morgen an Seine Durchlaucht Prinz Osterburg-Hilligenstadt nach Illzenau.«

Seine Exzellenz nannte also selbst die königliche Fuchsstute Adele alte Himmelsziege, den Rittmeister aber Durchlaucht.

Des Prinzen Arbogast Leidensweg schien damit noch nicht beendet, denn sein ewiger Widersacher, der Schatullverwalter Wirklicher Geheimer Rat von Böswetter, ein alter Herr mit weißem kinnfreien Bart, seltsam verschobenen Nasenmuscheln und wächserner Hautfarbe, der geborene Abstrich, erklärte dem Prinzen, er müsse in Anbetracht des höheren Gehaltes (so armselig und unzureichend es in damaliger Zeit auch war) als Rittmeister zweiter Klasse auf den königlichen Zuschuß verzichten.

Doppelt enttäuscht kehrte der Prinz in den Gasthof, wo er abgestiegen war, zurück. Mitnichten das »Palasthotel« an der Stechbahn oder das » Grand Hôtel Bristol« am Tillkai, sondern der bescheidene »Goldene Anker« in der engen Langegasse. Bessere Bürger hatten dort ihren Stammtisch, Geschäftsleute aus dem Kreise Stangenberg stiegen hier ab, vor allem aber Landwirte aus Illz und Till.

Prinz Arbogast fand einen Brief des Kronprinzen vor: Er habe soeben vernommen, daß sein Vetter in Tillenau sei, und bäte ihn, falls er nichts Besseres vorhabe, abends acht Uhr bei ihm »gemütlich in Zivil und allein« zu speisen. Um das Nachtlager zu sparen, hatte der junge Rittmeister sofort nach Illzenau zurückkehren wollen; nun sagte er zum Wirt, Herrn Süffig, er führe erst mit dem Nachtzuge. Der zwinkerte so zweideutig, daß Prinz Arbo, befürchtend, man könne ihm einen kostspieligen Lebenswandel zutrauen, fast verlegen erklärte:

»Ich bin nämlich beim Kronprinzen eingeladen.«

Es ist nicht zu leugnen, daß es auch seiner heute mehrfach geduckten kleinen Prinzenseele gut tat. Herr Süffig aber erzählte es am Stammtisch: es hob sein Haus. Doch Hofmundbäcker Germ, immer voller Flausen, gleichsam der Sauerteig der Gesellschaft, gab ein Verslein zum besten, das über den Prinzen umging:

»Was das Saucischen unter den Würschten,
Das ist der Arbo unter den Fürschten.«

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