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Erlebtes. Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Erlebtes. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleErlebtes. Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeFünfundzwanzigster Band
year1860
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
projectid43cda009
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Zeitungsartikel in aufsteigender Potenz.

Ein Blatt aus der Residenz.

Es ist wirklich zu verwundern, daß die gestrige Volksversammlung nach den aufreizenden Redensarten, die gehalten wurden, im Ganzen ruhig vorüberging; nur ist ein kleiner Unfall zu beklagen, der nach Beendigung derselben stattfand. Auf dem Heimweg stolperte ein Bürger, von dem man übrigens durch seinen früheren Lebenswandel berechtigt ist zu glauben, daß er etwas betrunken gewesen, über den Schleppsäbel eines Cavalleristen und fiel sich die Nase blutig. Andere sagen, es sei eine kleine Streitigkeit zwischen ihnen vorgefallen.

Ein anderes Blatt der Residenz.

Die erhebende Volksversammlung, von einer unzähligen gesinnungstüchtigen Menschenmenge besucht, ging auf solche Weise mit Ehrfurcht gebietender Ordnung und Stille vorüber. Sie können sich denken, wie die schnöde Reaction die Einigkeit des Volkes mit scheelen Augen ansieht. Auch spricht man bereits von bösen Conflicten, in welche die Soldateska mit dem ruhig heimkehrenden Bürger gerathen sein soll.

Nachschrift

Leider hat sich das, was ich von Conflicten zwischen Militär und Bürgern nach dem Schluß der gestrigen Volksversammlung sagte, bestätigt. Augenzeugen sprechen von zahlreichen Verwundungen und es soll jetzt schon gewiß sein, daß das Militär ohne den geringsten Vorwand und ohne von den vorüberwandelnden Bürgern gereizt zu sein, auf die schonungsloseste Art von seinen Waffen Gebrauch machte. Wird man denn nun nicht einmal bald der Volksstimme Gehör geben und dem Militär das höchst unnöthige Tragen der Waffen außer des Dienstes verbieten? Das Volk ist ja bewaffnet, und gesinnungstüchtige Männer vom zartesten Alter sieht man bewaffnet einherziehen; wozu also noch bewaffnetes Militär?

Zwei Stunden von der Residenz.

Mit tiefem Schmerz und gerechter Entrüstung haben wir unsern Lesern neue Schandthaten zu erzählen, welche sich das verwilderte Militär gegen harmlos einherwandelnde Bürger erlaubte. Sie haben von der zahlreich besuchten Volksversammlung gehört, wo das souveräne Volk fest und bestimmt, aber ohne den Rechtsboden zu verlassen, deutlich aussprach, was ihm fehle und wo ihm geholfen werden müsse. Schon während der herzerhebenden Reden, die dort gehalten wurden, bemerkte man herumschleichende Spione und Emissäre der Reactionäre, welche sich bemühten, die goldenen Worte gesinnungstüchtiger Redner dem Volke zu verdächtigen und, sie mit reactionärem Geifer beschmutzend, als unlauteres Metall darzustellen. Auf dem Heimwege nun wurden mehrere unserer ehrenhaftesten Bürger von einer großen Anzahl Soldaten mit der blanken Waffe überfallen. Vergebens war das Abwehren dieser unschuldigen Schlachtopfer, die verthierte Soldateska hieb schonungslos ein, einem Bürger sollen mehrere Nasen abgehauen worden sein. Man fürchtet Unruhen in der Stadt, und so traurig es ist, wenn wir neue Unruhen erleben, so ist es endlich einmal Zeit, daß der grenzenlosen Willkühr des Militärs entgegengetreten wird.

Berichtigung.

In unserem gestrigen Artikel über die Schandthaten in der Residenz muß es heißen statt: es wurden einem Bürger mehrere Nasen abgehauen, es wurde mehreren Bürgern eine Nase abgehauen.

Nachschrift.

Ueber die unverantwortliche, schmähliche Schandthat in der Residenz soll man dorten, wie wir von glaubwürdigen Freunden erfahren, immer mehr Details entdecken. Man soll einem Verein auf die Spur gekommen sein, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, durch Aufhetzen des Militärs gegen ruhige Bürger der Reaction kräftig in die Hand zu arbeiten. Bezeichnend und nicht zu übersehen ist, daß, während auf offener Straße die besprochenen Schandthaten vorfielen, mehrere Offiziere, Cigarren rauchend, vorüberritten. Glaubwürdige Zeugen versichern sogar, daß einer dieser Offiziere mit dem andern einige leise Worte wechselte, und daß dieselben alsdann davon geritten, mit Mienen, welche deutlich ihr Wohlgefallen an der verübten Schandthat aussprachen.

Vier Stunden von der Residenz.

Ein Schrei des Entsetzens geht durch's ganze Land. Wir erhalten soeben Nachricht von einer Militärverschwörung gegen das Leben ruhiger Bürger, eine Verschwörung, welche glücklicherweise übereilt, aber mit solch furchtbaren Symptomen an das Tageslicht herantrat, daß dem unparteiischen Zuschauer die Haut schaudert. Die Metzelei soll unerhört gewesen sein, und man spricht von 7 bis 8 Todten und die doppelte Anzahl Verwundeter auf Seiten der Bürger. Auch sah man Offiziere zu Pferde in der Nähe, welche das ganze Gemetzel commandirten. Man sagt, es sei Generalmarsch geschlagen worden und die Stadt sei vollkommen im Aufruhr. Wird man jetzt auch wieder schonend verfahren, wird man jetzt nicht endlich einmal einschreiten gegen die Urheber solcher Gräuelthaten? Oder wird man abwarten, bis das ganze Volk entrüstet aufsteht und selbst zu Gericht sitzt?

Sechs Stunden von der Residenz.

Es ist eine der schreiendsten Unthaten begangen worden, ein namenloses Verbrechen, welches noch nie stattfand, seit die Welt steht. Sie haben von der äußerst würdigen Art und Weise gehört, mit welcher die letzte Volksversammlung begann. Aber leider konnten die Männer, welche für das Wohl des Volkes ihr Leben einsetzten, ihre glorreiche Sache nicht zum Ende führen. Kaum hatte Herr X. mit erhebenden Worten von den Rechten des Volkes gesprochen und ihm die Banden und Ketten gezeigt, mit denen es täglich mehr geknechtet wird, so überfiel eine zu diesem Zweck von der fluchwürdigsten Reaction bis dahin versteckt gehaltene Militärmacht die harmlose Versammlung. Man spricht von mehreren Regimentern, welche zu dieser Schandthat aufgeboten wurden. Schonungslos metzelten diese Wütheriche, diese Thiere in militärischen Röcken, Alles nieder, was ihnen in den Weg kam. »Zu den Waffen!« schrien die Bürger. Es wurde Generalmarsch geschlagen, und nachdem die Bürgerwehr dem Kampf ein Ende gemacht, beschloß sie auf dem Philipp'schen Bierkeller unter dem Donner reactionärer Geschütze und unter dem Blinken reactionärer Bajonnete eine Petition an die Regierung, die militärischen Horden augenblicklich aus der Stadt zurückzuziehen.

Nachschrift.

Am Schlusse dieses entsetzlichen Tages war es rührend anzusehen, wie einige der schwer getroffenen armen Schlachtopfer den, wie man jetzt ganz genau weiß, verführten Soldaten ihre Missethat vergaben und in verschiedenen Wirthshäusern auf's Neue mit ihnen fraternisirten.

Acht Stunden von der Residenz.

Mit Bezug auf die in der Residenz begangene unerhörte Greuelthat verlangen wir Folgendes:

  1. Es sollen alle stehenden Heere aufgelöst und nach Hause geschickt werden.
  2. Es soll den Militärs das Waffentragen außer Dienst untersagt sein.
  3. Es sollen sämmtlichen Militärs Civilanzüge beschafft werden, damit der Bürger nicht mehr genöthigt ist, die verhaßten Uniformen zu sehen.
  4. Es soll jedem Soldaten freistehen, sich zu erklären, ob er Monarchist ist oder Republikaner sein will.
    Man soll
  5. diese alsdann gebildeten Parteien gegen einander kämpfen lassen, um zu sehen, welche Partei die stärkere ist; denn so werden wir
  6. auf eine schickliche Art beide Parteien los, und das souveräne Volk tritt in die Rechte ein, die ihm gebühren.

Erklärung,

welche wir zwei Beiden ganz gehorsamst Unterzeichneten die sämmtlich verehrten Redaktionen aller Blätter bitten gratis aufzudrucken.

Ich und mein guter Freund, der Tuchmachergeselle Carl Muckenbold, gingen von der neulichen Volksversammlung Arm in Arm nach Hause zu spazieren. Plötzlich blieb ich stehen und sagte zu meinem Freund Muckenbold: »Muckenbold, du blutest allbereits aus deiner Nase.« – »So,« sagte mein Freund Muckenbold, ich blute aus meiner Nase?« Und darauf zog er sein rothes Sacktuch aus der Tasche, und ich putzte ihm seine Nase ab. Darauf blieben einige Leute stehen und frugten mich, ob wir Beide uns geschlagen hätten; darauf antwortete mein Freund Muckenbold: wir hätten fraternisirt, und wenn wir uns auch geschlagen hätten, ginge es ihnen doch nichts an. So ist der gewisse und wahrhaftige Hergang dieser ganzen Sache. Darauf gingen wir ins Wirthshaus zusammen und deßhalb bitten wir alle verehrlichen Redactionen, diesen Aufsatz gratis aufzunehmen.

Philipp Katzenwadel und sein Freund Muckenbold, Unteroffizier im 64. Regiment, das heißt Ich.

Nachschrift.

Was von meinem früheren Lebenswandel gesagt worden ist, geht keinen Menschen nichts an, und wenn ich zuweilen betrunken war, so habe ich es bezahlt. Die Obigen.

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