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Erlebtes. Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Erlebtes. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleErlebtes. Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeFünfundzwanzigster Band
year1860
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
projectid43cda009
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Die erste Wache

Eine etwas unheimliche Geschichte, denn sie handelt von Selbstmördern und Gespenstern

Als ich dazumal zur Batterie kam – es ist schon eine geraume Zeit her und ich war noch ein blutjunger Bursche, hatte Empfehlungen von meinem Alten selig an den Kapitän, die Beiden standen in mir unbekannten Beziehungen zu einander – da wurde ich recht gut aufgenommen, lernte auch bald das Exerciren, und als ich damit fertig war, commandirte mich der Hauptmann, da ich eine saubere Hand schrieb, zum Feldwebel und darauf wurde ich Batterieschreiber und hatte das beste Leben von der Welt.

In jener Zeit war auch die ganze Brigade mobil, und die zwölfpfundige Batterie, der ich die Ehre hatte anzugehören, lag mit ihren vielen bespannten Fahrzeugen, mit ihren Granat-, Kartätschen- und Kugelwagen, mit Bagagekarren und Feldschmide in acht Dörfern und Höfen zerstreut und der Stab, d.h. der Kapitän, der erste Lieutenant, Feldwebel, Doktor, Kurschmid und ich hatten unser Quartier in einem bedeutenden Bauernhofe, ganz in der Nähe der eben erwähnten acht Orte.

Es war das für mich ein ungeheuer angenehmes Leben, und des Morgens früh, wenn die Anderen in Hitze und Staub zum Exerciren hinaus mußten, trank ich meinen Kaffee im Garten und ging darauf wohlgemuth in die Schreibstube – ein angenehmes, schattiges Plätzchen. Ach! an dies Zimmer denke ich noch mit Vergnügen. Es hatte kleine Fenster, vor denselben befand sich dichtes Rebenlaub, das nur hie und da einen zitternden Sonnenstrahl hereinließ. Mitten im Zimmer saß der Feldwebel und ich, und ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, wir hätten uns zu Tode gearbeitet. Namentlich aber der Feldwebel. Das war ein sehr dicker Mann, und wenn es so recht heiß war, so hielt er sich am liebsten in der Ecke des alten Ledersophas auf, das in der Schreibstube stand. Da blies er die Hitze von sich, wedelte mit seinem Taschentuche und versicherte, im Sommer sei es ihm absolut unmöglich, viel zu thun.

Unser Batterie-Chef war der Hauptmann H – Gott hab' ihn selig, er ist jetzt todt – ein großer, magerer Mann mit einem langen, blonden Schnurrbart, dessen Enden horizontal von seinem Gesichte abstanden und ihm ein böses, martialisches Ansehen gaben. Aber er war die gute Stunde selbst, viel zu sanft für diese Welt. Fluchen konnte er gar nicht, und das war sein Unglück, denn wie soll man mit den Kerls von einer zwölfpfündigen Batterie fertig werden, ohne jeden Tag ein paar Dutzend Millionentausend Schock Donnerwetter loszulassen? Doch bei uns wurde das Gleichgewicht durch den ersten Lieutenant hergestellt; denn was der Hauptmann in diesem Punkt zu wenig that, das that dieser zu viel. Und ein strenges Regiment war unbedingt nothwendig. Denn wenn man damals den Leuten nicht die Faust aufs Auge hielt, so waren sie aus Rand und Band. Und wie sollte man sie bestrafen? Ein solides Arrestlokal gab's gar nicht, in einem der Dörfer war freilich so ein Ding, aber es gehörte einem Bäcker, der zugleich eine Wirthschaft hatte, und da wurde von den Arrestanten mehr getrunken, als vor Gott zu verantworten war.

Der erste Lieutenant, den die ganze Batterie wie das Feuer fürchtete, hatte sich nun seine eigenen Strafen erfunden. Hie und da ließ er Einen an das Geschützrad binden, die Arme rückwärts über die Felgen, und das war bei so einer Hitze ein artiges Vergnügen. Auch bestellte er wohl Einen, der sich besonders schlecht aufgeführt hatte, zum Rapport in den Stall, und dann schloß er die Thüren zu, schnallte seinen Steigbügelriemen los und was dann weiter geschah, davon sprach kein Mensch, weder der Eine noch der Andere; aber die wildesten Kerls hatten vor dem ersten Lieutenant einen donnermäßigen Respekt.

Der Bauer, dem der Hof gehörte, wo wir lagen, hatte eine sehr schöne Nichte. Man konnte nichts Lieberes sehen als das Mädel; doch als wir erst ein paar Tage im Haus waren, da packte sie ihre Sachen zusammen, und ihr Oheim, welcher der Soldatenwirthschaft nicht traute, wollte sie zu einem Anverwandten schicken, einem Geistlichen, der gerade eine Haushälterin brauchte. Doch redete der erste Lieutenant ein vernünftiges Wort mit dem Alten, und wir Alle, die wir das muntere Ding wohl leiden konnten, versprachen uns fein säuberlich aufzuführen. Und darauf blieb sie da. Aber es wäre besser gewesen, wenn sie den Hof verlassen hätte!

Da war bei der Batterie der Kurschmid, ein junger, hübscher Bursche, er hatte auch was gelernt und wollte sich später irgendwo als Thierarzt niederlassen. Der hatte ein ernsthaftes Auge ans das Mädel geworfen, wovon ich jedoch damals keine Ahnung hatte; denn auch ich machte mich natürlicher Weise daran, ihr in allen Ehren die Cour zu schneiden. Und dazu hatte ich die allerbeste Gelegenheit. Der Feldwebel bekümmerte sich im Allgemeinen um die Weiber gar nicht, und wenn ich recht fleißig für ihn schrieb, so hatte er auch wieder nichts dagegen, wenn ich manche Stunde zum Fenster hinauslauerte, und mich mit der kleinen Rosa herumneckte. Da saß sie meistens unter dem Rebenlaub und besorgte die Gemüse für die Küche. Ach! wie konnte man so allerliebst mit ihr necken! Ich warf sie mit Papierkugeln und sie mich mit Erbsen, und das trieben wir so lange, bis zufälliger Weise einmal eins dieser Geschosse den Feldwebel an seine dicke Nase traf. Dann mußten wir für eine Zeit lang aufhören. Ich muß gestehen, ich fing an, mich in das Mädchen auf das Heftigste zu verlieben und hatte die solidesten Absichten. Rosa hatte Vermögen, ihr gehörte ein kleines Bauerngut in der Nähe, das der Onkel für sie bewirthschaftete und von dem sich wohl leben ließ. Was mich allein genirte, das war der Kurschmid, denn so oft er keinen Dienst hatte, machte er sich an das Mädchen oder unterhielt sich mit dem Alten. Das fiel mir nach und nach auf, und ich hatte mir schon fest vorgenommen, mit ihm einmal darüber zu sprechen, denn entweder er oder ich mußte das Mädel aufgeben; das war doch natürlich. Ich konnte dabei gerade nicht behaupten, daß sie mich besonders bevorzugte, aber sie bewies mir auch keine Abneigung, wie sie es dem ersten Lieutenant that, der sich auch mit ihr zu schaffen machte, mehr als gerade nöthig war. Vor dem hatte sie eine wahre Todesangst, und wenn er auf seinem Rappen wie toll in den Hof sprengte, was er gar zu gern that, um sie zu erschrecken, da lief sie mit einem lauten Schrei davon und sah sich ganz schüchtern und ängstlich nach ihm um.

Da kam ich eines Tages dazu, wie der Kurschmid mit Rosa eine heftige Unterredung hatte. Aha! dachte ich mir, jetzt wird sie ihm schon sagen, wo er her ist, und ich bin Hahn im Korbe! Ich schlich mich sachte auf die Seite, und als ich hinter einem dicken Baum ein Bischen vor nach den Beiden sah, so hatte er die Hände gefaltet und sprach heftig in sie hinein. Bald blickte er gen Himmel und biß krampfhaft die Lippen aufeinander, bald schaute er ihr in die Augen, und endlich faßte er ihre beiden Hände, und ich hörte deutlich wie er sagte: »Rosa, das wär' mein gewisser Tod!« Sie aber hatte den Blick zu Boden geschlagen, und wenn ich mich nicht täuschte, so fielen ein paar Thränen auf ihr Halstuch.

Von der Stunde an schlich der Kurschmid wie eine Katze Tag und Nacht im Hofe umher. Abends, wenn Alles zu Bett ging, war er noch auf, und die ersten Leute, die Morgens um vier Uhr in den Stall gingen, sahen ihn schon wieder, wie er um die Ecke des Gehöftes herumkam. Dabei war er, sonst so lustig und aufgeräumt, jetzt finster und mürrisch, gab keinem ein gutes Wort, und wenn er bei Jemand vorbeikam, so knirschte er mit den Zähnen und ballte die Faust. Er dauerte mich. Offenbar hatte ihn das Mädchen wegen meiner abgewiesen; sie hatte ihm gestanden, daß sie mich über Alles liebe, und das war er nicht im Stande zu ertragen. Offen und ehrlich, wie ich immer gewesen, suchte ich ihn deßhalb eines Abends auf; ich wollte wahrhaftig so großmüthig sein und auf das Mädchen verzichten, wenn er wirklich gute Absichten auf sie habe. – Bei mir ist die Sache zweifelhaft, dachte ich, du bist noch ein junger Bursche, kannst nicht sobald heirathen. Er aber nimmt nächstens seinen Abschied, läßt sich irgendwo als Thierarzt nieder und kann eine Frau brauchen. Ich will edel sein.

Das war ich denn auch. Ich zog ihn also bei Seite und sagte ihm ungefähr, was ich gedacht. Da sah er mich mit großen Augen an und lachte mir schrecklich ins Gesicht. »Ei.« sagte er, »also auch du liebst das Mädel? und glaubst, ich gräme mich, weil sie dich vorzieht? Nimm mir nicht übel, aber ihr Schreiber seid doch ein ganz eigenthümliches Volk. Was nicht auf eurem Papier steht, das seht ihr nicht. Gott im Himmel! Du liebst die Rosa und kannst heiter und vergnügt sein bei all' den schrecklichen Geschichten?«

»Was für Geschichten?« rief ich erschreckt.

Da faßte er mich bei der Hand und preßte sie mir zusammen, daß ich vor Schmerz laut aufschrie, und sagte mit tiefer, tonloser Stimme: »vor meinem Fenster steht ein Baum, und auf dem Baum sitzt zuweilen ein Vogel und singt allerlei Schelmenlieder. Neulich erzählte er mir von einem Mädchen, das einen Liebsten habe, der es gut mit ihr meine, und einen anderen, der sie betrügen wolle. – – – – Und sie ließ sich betrügen, – – Schreiber, du hast aber nichts davon gemerkt, denn es ist bis jetzt kein Rapport darüber auf die Kanzlei gekommen.«

»Ah!« sagte ich, und sah ihn groß an, denn ich dachte nicht anders, als er sei ein Bischen verrückt geworden.

»Weißt du was,« fuhr er nach einer Pause fort, »ich laß' mich versetzen und mach' eine große Reise. Ich kann daß hier nicht aushalten. Aber ich will dir was sagen: Weißt du, wo das Schlafzimmer der Rosa ist?«

Ich wußte es zufällig.

»Nun gut; dem gegenüber ist unser Heuboden. Nun laß' dir einmal die Mühe nicht verdrießen, und klettere ein paar Abende nach einander dort hinauf.«

Damit ging er fort und an seine Geschäfte. Gott im Himmel! wie waren mir seine Worte aufs Herz gefallen! An dem Tage war ich nicht im Stande, eine ordentliche Zeile zu schreiben, und einen Bericht an das Abtheilungs-Commando überschrieb ich: »einem verehrlichen Heuboden« und erhielt dafür eine unendliche Nase.

Da kam ich einen Tag später als sonst in den Hof hinunter. Ich hatte die Rosa gestern nicht gesehen, und ich war erfreut darüber, denn wenn ich das liebe, frische, junge Mädchen sah und mir einen Sinn in die Worte des Kurschmids brachte, dann überlief mich ein Schauder von oben bis unten. Aber mit wem konnte sie eigentlich so böse Geschichten treiben? Das war mir am unerklärlichsten.

Also wie ich in den Hof hinunter kam, standen die Kanoniere der Haubitze, welche bei uns lag, auf dem Hofe beisammen und sprachen eifrig mit einander. Der Geschützführer und die Bombardiere gingen daneben auf und ab, und der Erstere sagte: »Das kann eine böse Geschichte werden; so zwanzig Jahre Festung oder dergleichen, wenn er nicht gar am Ende erschossen wird.« Da entgegnete einer der Bombardiere: »Es ist aber noch die Frage, ob der Lieutenant es anzeigt.«

Ich wollte eben auf sie zutreten, um mich zu erkundigen, worüber sie eigentlich sprächen, als der Kurschmid hinter mir die Treppe herabkam, die Unteroffiziere grüßte und gleichgültig an den Himmel hinauf sah. Er hatte, wahrscheinlich weil es ein Sonntag war, seine beste Uniform angezogen, den Säbel umgeschnallt und die Feldmütze auf dem Kopfe. »Ist denn hier was geschehen?« fragte ich ihn. »Die da drüben sagen von irgend einem Verbrechen, das begangen worden sei.«

»So, die sprechen davon?« entgegnete er mir ruhig. »Ja, in der Welt geschehen allerhand Sachen. Wer kann es ändern?« Damit nahm er seinen Säbel unter den Arm, grüßte mich freundlich und schritt zum Hofe hinaus.

Es war, wie gesagt, an einem Sonntag, der Bauer mit seiner Familie in der Kirche, der Hauptmann ebenfalls. Endlich kamen sie zurück, mit ihnen Rosa, frisch und gesund, aber etwas bleich. Ich hatte schon gefürchtet, er habe dem Mädel ein Leides gethan, denn er war sehr zornig auf sie und von heftiger Gemüthsart.

Gleich darauf ging der erste Lieutenant zum Hauptmann, und dann kam die Ordonnanz und fragte nach dem Kurschmid. Er war vielleicht in das nächste Dorf gegangen, wo kranke Pferde waren.

Sonntags war der Hof gewöhnlich sehr still, heute Nachmittag aber ausnahmsweise wie ausgestorben. Außer der Stallwache war von den Kanonieren Niemand da; die Bedienungsmannschaften hatte man nach einem der Dörfer beurlaubt, wo Kirchweihe war. Nur die Offiziere waren zurückgeblieben und Rosa, welche wie gewöhnlich unter einem Lindenbaum vor der Schreibstube saß. Sie hatte die Hände gefaltet und schaute starr vor sich hin und schrack bei dem leisesten Geräusch zusammen. Oft richtete sie ihre mit Thränen gefüllten Augen in die Höhe und blickte angelegentlich nach dem Eingang des Hofes, als ob da Jemand kommen sollte. Wie hatte sich das Mädchen seit ein paar Tagen verändert! Mir that es in der Seele weh, und ich ging hinaus, um mit ihr zu sprechen. Vielleicht schloß sie mir ihr Her; auf und nahm einen guten Rath von mir an. Ich setzte mich neben sie hin, sprach sie an; aber sie gab mir nur spärliche Antworten. Ihre Brust hob sich schwer athmend, und wenn sie oftmals in die Höhe fuhr, so wischte sie mit der Hand über die Stirne, auf welcher Schweißtropfen standen, oder strich ihr Haar heftig aus dem Gesicht. Sie schien auf's Höchste beunruhigt, irgend etwas ihr Herz zu drücken. Es war ein heißer Tag gewesen; wir saßen im Schatten, aber um uns herum brannten noch die Strahlen der untergehenden Sonne. Zahllose Mücken summten in den Blüthen der Linde.

Da kam ein kleiner Bauernjunge athemlos zum offenen Eingang des Hofes hereingelaufen, und als er mich sah, stürzte er auf mich zu, schnappte nach Luft und schluckte heftig. – »Da! da!« rief er endlich, »geht hinaus – draußen auf dem Kirchhof – hinter dem Thor – da liegt der Schmid eurer Batterie – er hat sich erschossen!« –

Das Mädchen neben mir war zitternd aufgesprungen, und als der Bube so gesprochen, schauderte sie zusammen und sank mit einem leisen Schrei nieder. Ich fing sie in meinen Armen auf.

Weiß nicht, wie es kam, aber es dauerte eine Zeit lang, bis sie sich wieder erholte, und als ich sie darauf aus meinem Arm lassen und an einen Baum lehnen wollte, blickte ich an den Fenstern in die Höhe, ob nicht Jemand da sei, den ich zur Hülfe herbeirufen könnte. Richtig! da lag auch Jemand im Fenster und blickte hohnlachend auf uns herab. Es war der erste Lieutenant, und der rief mir zu: »Ei, ei, das ist 'ne allerliebste Gruppe! Der Herr Batterieschreiber machen seine Cour recht öffentlich.«

Kaum hatte er aber diese Worte gesprochen, so sprang Rosa mit einem lauten Schrei empor, streckte ihre Hände wie beschwörend oder drohend in die Höhe und stürzte ins Haus.

»Was hat denn das Mädchen?« rief der Lieutenant.

»O, sie ist ein wenig alterirt!« entgegnete ich ihm. »Draußen auf dem Kirchhof liegt der Kurschmid erschossen; er hat es selbst gethan.«

»Der Teufel!« rief der Offizier bestürzt. – – »Unbegreiflich!«

»Vielleicht auch begreiflich!« entgegnete ich ihm lauter, als gerade nothwendig war. Und auf das hin fuhr er mit dem Kopf zurück und kam eiligst zu mir herab in den Hof. Er hatte den Säbel unter den Arm genommen, den Schnurrbart hoch hinaufgewichst, und biß die Lippen aufeinander, was er immer that, wenn er schlecht gelaunt war. Er sah ziemlich blaß aus und fragte mich mit einer sehr unangenehmen Höflichkeit: »Darf ich Sie vielleicht fragen, Herr Schreiber, was Sie in einer Sache, die mir unbegreiflich ist, sehr begreiflich finden? He?«

Was sollte ich darauf antworten? Ich zuckte die Achseln und schwieg.

»Wer ist von der Mannschaft zu Hause?« fragte er.

»Niemand als die zwei Offiziersburschen und ich.«

»Das sind drei,« sagte er zu sich selber; »wir müssen einen Posten dort aufstellen, bis das Gericht Zeit findet, die Legal-Inspektion vorzunehmen. – In dem Fall,« sagte er laut und sonderbar lächelnd, »werden Sie es begreiflich finden, daß ich Sie zu diesem Nachtdienst mit heranziehe.«

Was half alles Zornigwerden oder innerlich Raisonniren? Ich konnte nichts machen. Er gab darauf seine Befehle; im Stalle war unsere Wachtstube, und von da aus mußten wir den Posten bei dem Erschossenen beziehen. Mir gab der erste Lieutenant aus besonderer Rücksicht, wie er sagte, Numero zwei, d. h. da es jetzt neun Uhr war, wo die erste Nummer aufzog, mußte ich von Elf bis Eins, also während der Mitternachtsstunde, auf dem Kirchhofe Wache stehen. – – Schöne Commission Das!

Es war eine laue Sommernacht, der Himmel leicht mit Wolken überlaufen, die hie und da einen Stern durchblitzen ließen, aber das Licht des vollen Mondes dämpften und dadurch der ganzen Natur einen Ungewissen Schimmer gaben. In der Ferne an den Bergen wetterleuchtete es, und ringsumher hörte man die Stimmen unzähliger lebender Wesen, die sich nach dem heißen Tage der kühlen Nachtluft freuten. Leuchtkäfer flogen umher in hellen blauen Funken unter dem dunkeln Laub der Gebüsche glänzend. Nachtschmetterlinge summten mit schwerem Flug vorüber, und hie und da machte eine Fledermaus ihre seltsamen Bewegungen in der Luft. Wir gingen dahin, der Kamerad, der mich aufführte, und ich, bei der kleinen Kirche vorbei, und ich muß gestehen, je näher wir dem Friedhofe kamen, desto kleinere Schritte machten wir beide. Ich hatte von jeher mit todten Leuten nie gern etwas zu thun gehabt. Und nun hier einen guten Freund, mit dem ich heute noch gesprochen, und der sich nun selbst das Leben genommen! – Es hatte schon eine gute Weile elf geschlagen, und am Thore des Kirchhofs kam uns die Schildwache entgegen, indem sie uns zurief: »Nun, ihr bleibt lange genug aus!«

»Wo ist der – Posten?« fragte ich ihn, und mein Herz schlug schneller und stärker.

»Am anderen Ende!« entgegnete er. »Kommt, ich führe euch auf.«

Und darauf gingen wir bei dem ungewissen Schein des Mondes zuerst auf einem breiteren Weg, und dann bogen wir links ab und stolperten über die Grabhügel, Baumstämme und umgestürzte Steine. Die Kreuze von Holz, die hier standen, weiß angestrichen, erschienen so eigenthümlich hell glänzend, und blickten wie verwundert auf uns drei, die wir an dieser Städte des Friedens in Wehr und Waffen mit gezogenen Säbeln wandelten. Endlich kamen wir an Ort und Stelle. Ich hatte schon lange dorthin gespäht, sah aber nichts, als einen großen, weißen, viereckigen Flecken auf der Erde. – – Dort lag er – man hatte eine wollene Decke über ihn geworfen. –

»So,« sagte mein Kamerad, den ich ablöste, »jetzt bin ich froh, daß das vorbei ist; denn bis ich wieder aufziehe, kommt der Tag. – Brrrr! – Ich wünsch' Euch gute Wache!«

»'s ist doch nichts Neues hier auf Posten?« fragte ich ihn ziemlich ängstlich.

»Neues nichts, was gut zu melden wäre,« entgegnete er achselzuckend.

Und damit gingen die Beiden fort und ließen mich allein.

Es war gut, daß sie ihn zugedeckt hatten, denn den Anblick des Kameraden hätte ich nicht ertragen. So sah man doch nichts, als die wollene Decke, in deren Mitte freilich eine unheimliche Erhöhung. Es wurde mir sehr warm unter meinem Czako, und das Lederzeug drückte mich ungemein. Nachdem ich einen Augenblick stehen geblieben war, entfernte ich mich hastig von dem Todten so weit wie möglich, und ging dann in einem außerordentlich weiten Bogen um ihn herum, konnte aber kein Auge von der unangenehmen Stelle wegwenden.

Ich will nur gestehen, daß ich damals ein junger Mensch von sehr aufgeregter Phantasie war. Ich hatte viele merkwürdige Geschichten gelesen, und konnte mir leicht aus den einfachsten Dingen die sonderbarsten Bilder machen. So auch heute Abend. Daß der arme Kurschmid todt war, wußte ich ganz genau, aber wie ich so im weiten Bogen um ihn herum schritt, unablässig auf die Decke starrend, da kam es mir vor, als zucke es unter derselben und bewege sich etwas hin und her. Auch glaubte ich hie und da ein leises Geräusch zu vernehmen. Mein Haar sträubte sich empor, der Schweiß floß mir von der Stirne, und es trieb mich eine unsichtbare Macht, die Kreise um ihn immer kleiner und kleiner zu machen. Endlich berührte mein Fuß die Decke. Ich beugte mich nieder, hob sie empor und blickte auf sein zerschossenes Haupt. – – Ach! ein schrecklicher Anblick! Der konnte nicht mehr leben und sich bewegen! Ich floh entsetzt zurück und umschritt ihn abermals im weitesten Kreise. Doch es erging nur mehrmals, wie ich soeben erzählt. Immer glaubte ich, er bewege sich, und immer zwang ich mich selbst, zu ihm hinzugehen, die Decke aufzuheben und ihm ins Gesicht zu schauen, das eigentlich kein Gesicht mehr war. –

Die Zeit schlich mir unendlich langsam vorüber; jede Viertelstunde däuchte mir eine Ewigkeit. Mein größter Trost war, hie und da einen Hund zu hören, der anschlug, oder den Gesang des Nachtwächters im benachbarten Dorfe. Ich hätte gar zu gerne meinen Posten auf einen Augenblick verlassen, um am anderen Ende des Kirchhofes spazieren zu gehen; aber ich fürchtete mich dann wieder, hierher zu kommen. So lange ich den Todten mit meinem Blicke bannte, konnte da nichts geschehen; aber wenn ich fortging und wiederkam, da konnte er sich langsam aufgerichtet haben und sich nach der Schildwache umschauen. – – Solch' närrische Gedanken hatte ich in jener Nacht!

Aber meine Kreise machte ich immer weiter und weiter, und zuletzt setzte ich mich auf einen Grabstein, sehr entfernt von ihm und zwang mich zu ruhigerem Nachdenken.

In Betreff des Mädchens schien mir Manches klar zu werden, und es war mir ein wahrer Trost, daß er auf mich nicht eifersüchtig gewesen. O, die Weiber! die Weiber! Ich bekam von da an einen wahren Abscheu vor ihnen. Der Unglückliche da vor mir mußte in Betreff der Rosa saubere Erfahrungen gemacht haben. Er war gewiß auf den Heuboden gestiegen, von wo man in ihr Schlafzimmer sehen konnte. –

Doch was war das? Nein! Jetzt war es keine Täuschung mehr, wenn ich glaubte die Decke bewege sich. Sie wurde emporgehoben; ich sah das ganz deutlich. Schaudernd sprang ich empor, faßte meinen Säbel fester in die Hand und zwang mich gerade auszugehen. Es war richtig. Wo er mit dem Kopfe lag, bewegte sich etwas Weißes, und dann verschwand es wieder. Es war gerade, als wedle Jemand hie und da mit dem Taschentuch. Gott der Gerechte! der brauchte sich ja keinen Schweiß mehr abzutrocknen! – Wie mir zu Muthe war, könnt ihr euch denken! Ich eilte tief athmend und hochklopfenden Herzens an meinen Posten zurück. Jetzt hatte ich ihn erreicht. – Alles rundum still; die Decke lag da ausgebreitet wie vorhin; es bewegte sich nichts. Und doch hatte ich's vorhin so deutlich gesehen.

Ich war nicht im Stande, diesen Platz zu verlassen. Wie festgebannt, konnte ich nur meine Augen bewegen, und meine Blicke irrten über ihn hinweg bis aus Ende des Kirchhofs. – Da erschien es wieder dicht an der Mauer. Da flatterte eine weiße Gestalt vom Boden auf und war im nächsten Augenblicke wieder verschwunden. Mit dem Muthe der Verzweiflung stürze ich darauf zu, mir gleichviel, ob es ein Geist sei, oder vielleicht ein Mensch, der mich necken wollte. Sein Untergang war beschlossen: todt mußte es sein! Doch noch einmal hefteten sich meine Füße am Boden fest, als ich in die Nähe der räthselhaften Erscheinung gekommen. Ich sah vor mir ein offenes Grab, und es rieselte mir eiskalt den Rücken hinunter. In demselben flatterte etwas Weißes, Gespensterhaftes auf und nieder. – »Halt! Wer da?« schrie ich so laut wie möglich, schwang meinen Säbel hoch, sprang in großen Sätzen nahe hinzu, und da sah ich –

»Ein offenes, frisch gemachtes Grab und in demselben – –eine weiße Gans, die hineingefallen war, und sich nun vergeblich bemühte, da hinauszuflattern.« – –

Aber mich hat niemals der Anblick einer Gans, selbst der bestgebratenen nicht, die doch eine gute Gabe Gottes ist, wieder so glücklich gemacht, als in dem Augenblicke dies harmlose Geschöpf, und ich faßte von der Zeit an eine wahre Neigung zu allen Vögeln dieses Geschlechts. Ich half ihr aus dem Loche heraus und setzte sie neben mich hin. Sie war dankbar und lief nicht davon. Wir thaten die Wache gemeinschaftlich; die Zeit verging mir da auch viel schneller und bald schlug es ein Uhr, wo ich abgelöst wurde. Dann zogen wir nach Hause, und die Gans zog mit uns.

Der Kurschmid ward am andern Tage begraben, und trotzdem er ein Selbstmörder war, gab ihm doch die ganze Batterie das Geleite. Nur der erste Lieutenant fehlte. Daß er aber nicht mit hinaus gegangen, und auch vielleicht sonst noch manches Andere, nahm ihm unser guter Hauptmann so übel, daß er zum ersten Mal eine heftige Unterredung mit seinem ersten Lieutenant hatte, wovon die Folge war, daß sich der Letztere bald nachher zu einer andern Batterie versetzen ließ. Was nun die Geschichte mit Rosa anbelangte, so sprach von der Batterie damals Keiner gern darüber, und der dicke Feldwebel pflegte zu sagen, das ginge so mit im Cantonnirungsleben, und die Mädels sollten gescheidter sein. Sie war verdorben und ist bald nachher auch gestorben. Kurze Zeit darauf verließen wir die Höfe und kamen nach O. in Garnison, ein Jahr nachher aber ging ich in Urlaub und konnte es nicht unterlassen, über unsere ehemalige Cantonnirung zu gehen und den Kirchhof zu besuchen. Just an der Stelle, wo er damals gelegen, war nun ihr Grab, ein kleines, weißes Kreuz, darauf stand: Rosa F., geboren den ..., gestorben den ... Sie war nur achtzehn Jahre alt geworden, und das ist doch sehr wenig für ein Mädchen, so schön, so frisch, so blühend.

Ich habe sie nie vergessen können, meine erste Wache. –

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