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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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»Muß selber nun Philister sein«

Zu Hause angekommen, grüßten und beglückwünschten mich eine Menge alter Bekannter. Von keinem aber war ich lieber gesehen worden als von dem gichtbrüchigen Doktor Willmann. Er hatte seit langem mit meinem Kommen gerechnet, weil er sich einmal zu einem Sprunge in die Welt hinaus ein paar freie Tage machen wollte. Gerne war ich bereit, ihn zu vertreten. Denn so auf einem Fuhrwerk bei guten Wegen durch die Täler hinzuklappern, das erschien mir als der Gipfel allen Erdenglückes.

Aber Willmann war kaum fort, so änderte sich das Wetter. Unendlicher Schnee fiel vom Himmel und auf der Höhe von Oberabsteinach war ich dem Tode des Erfrierens so nahe wie die Weißrübe, die im Felde vergessen worden ist. Es schien überhaupt so, als ob der Sensenmann nur so hinter mir herschleiche, um mir bei der ersten besten Gelegenheit das Lebenslicht auszublasen. In Aschbach war ich auf dem Stauweiher eines Hammerwerkes beim Schlittschuhlaufen eingebrochen, und in Bad Nauheim, wo ich den Doktor Grödel vertrat, holte ich mir an einem Kinderkrankenbette die Diphtherie. Noch erinnere ich mich genau der qualvollen Stunden, in denen ich mit der Atemnot zu ringen hatte. Was war das doch für eine Nacht, in der ich mich von einer Seite auf die andere warf, ohne das finden zu können, was mich doch zehn Kilometer hoch so massenhaft umgab, die Luft.

Wie ein Gürtel schnürte mir ein eiserner Reif die Rippen zusammen und trieb mir das Blut nach dem Kopfe. Farbige Kränze schwebten vor meinen Augen. In den Ohren war ein verworrenes Singen, aus dem heraus ich nur ab und zu die Sätze hören konnte: »Warum hast du dich jetzt nur geplagt und dein Examen gemacht? Warum nur, wo du doch nun dem Tode verfallen bist?«

Doch noch war es nicht ganz so weit. Meine zähe Konstitution blieb Sieger über die Heimtücken der Krankheit. Ich erholte mich verhältnismäßig schnell unter der sorgsamen Pflege der Frau Doktor, und als ich erst wieder auf sein und die eingelaufene Post lesen konnte, genoß ich mit Wonne die Gewißheit, daß es noch Menschen gab, die an mich dachten. Fräulein Himmelreich hatte mir nämlich eine Anzahl lyrischer Gedichte zugesendet, in denen von Vergißmeinnichten die Rede und die aus einer Fleischerzeitung ausgeschnitten waren. Wer sie auch gemacht haben mag, ihm sei dafür gedankt. Vom Rande des Grabes abermals zurückkehrend, war ich sehr empfänglich für Zärtlichkeiten, und wenn man's mit den Reimen nicht so genau nahm, so konnte man die Versfüße hinunterschlucken, als ob sie wie Schnuten und Pfoten in einer braunen Sauce lägen.

Indessen war Doktor Grödel wieder heimgekommen und ich mußte wandern. Als sichtbaren Gewinn meines Nauheimer Aufenthaltes nahm ich einen Sommerüberzieher mit hinweg, den ich mir gekauft, und ein illustriertes Exemplar des Gil Blas, das mir ein Herr v. Löw geschenkt hatte.

Mein Weg ging jetzt über den Rhein hinüber. An einem seiner Altwasser in der Gemeinde Eich war ich unter mehreren Bewerbern als Armenarzt erwählt worden. Meine Wohnung war ein verlassenes Bauernhaus mit vielen Stuben, in die ich mich mit den Ratten teilte, während in der halbleeren Dunggrube die Frösche zu nächtlichen Serenaden ungebeten ihre Instrumente stimmten. Was der Hofreite außer einem Stall voll Vieh noch fehlte, fand ich in einer Wirtschaft, die mir gerade gegenüber in der Dorfgasse stand und den Namen »Zum Löwen« führte. Man kann nicht besser aufgehoben sein, als ich es bei den braven Wirtsleuten war. Und was ich da für meine ganze Verköstigung im Tage zahlte? Ich geniere mich, es niederzuschreiben. Man bekäme heute keine rauchbare Zigarre dafür. Um die Leute einigermaßen schadlos zu halten, ließ ich mir über Tisch eine Flasche ihres besten Weines vorsetzen. Da kam es nun manchmal vor, daß ich nicht alles trinken mochte und mir von einem Nachbarn helfen ließ, mit dem ich zuweilen auf den Altrhein fuhr, wenn er Wildenten schoß. Diese meine Liberalität war nicht nach dem Sinne meiner Wirtin, obwohl sie doch ihrer Kasse nicht zum Schaden gereichen konnte. Und so stand sie denn eines Tages vor mir mit der Erklärung: »Daß Sie es wissen, Herr Doktor, ich habe meinem Mann anempfohlen, den »Goldberger« in halbe Flaschen abzufüllen. Haben Sie Durst, so trinken Sie zwei Halbe. In der Art bezahlen Sie doch nur, was Sie getrunken haben. Es ist nicht nötig, daß Ihr Huhn sein Ei ins Nest reicher Leute legt.«

Ich erzähle dies Ereignis, weil es zeigt, wie vordem die Menschen waren, als der unselige Geldhunger, der mit den französischen Milliarden ins Land gekommen war, noch nicht die deutsche Volksseele angefressen hatte.

Unter der mütterlichen Fürsorge der Löwenwirtin war ich zu neuer Leibwäsche gekommen und sogar zu einem Sparkassenbuch, dessen Zahlen sich nach meinen Begriffen unheimlich vergrößert hatten, so oft es mir neuerdings zu Gesicht kam. Für gewöhnlich befand es sich in den Händen des Polizeidieners Rüßler. Einen Gröberen als er in seinen äußeren Formen war, hätte man in der absolut ländlichen Bevölkerung nicht auftreiben können, und so war er durchaus naturgemäß zur Würde des Dorfbüttels gelangt, zumal da er gerne einen Schoppen trank und deshalb ein Auge zudrückte, wenn die Wirtsuhren nach Mitternacht ihren Gang verlangsamten.

Wie er mein Tresorchef geworden war? Nun, ich hatte ihn von meinem Vorgänger übernommen, wie der Thronfolger von der toten Majestät einen brauchbaren Minister übernimmt. Er kam am Quartalschluß und holte meine Rechnungen ab. Die offenen Zettel trug er den Leuten überm Essen in die Häuser hinein. Er sagte nicht »Guten Tag«, sondern nur: »Vergeßt nicht, dem Doktor sein Geld aufs Fensterbrett zu legen, ehe ihr ins Feld geht! Gegens Abendläuten komm ich vorüber und nehm's mit.« Und er machte selten einen Metzgersgang. Unter den Groben genießt der Gröbere immer noch ein Ansehen und setzt seinen Willen durch.

Hätte ich irgend eine geistige Anregung gehabt, so hätte es mir in Eich lange gut genug sein können. Allein dieses rein vegetabile Hinleben unter den Bauern befriedigte mich nicht. In mir war ein ewiges Drängen und Schieben nach den großen Horizonten des Lebens. Die flache Gegend ermüdete mich; sie war mir zu übersichtlich, zu gefahrenarm. Ich wünschte Schrecken um mich herum. Auf Schroffen wollte ich hinaufklettern, und in Abgründe wollte ich hinuntertauchen. Wenn ich bei hellem Wetter im Osten den Melibokus sehen konnte, dann verzehrte mich das Heimweh nach den Bergen wie ein Fieber, und Tag und Nacht schmiedete ich Pläne, wie ich aus dem Engen heraus und in die größere Weite kommen möchte. »Wie du den Wolf auch füttern magst, immer schielt er nach dem Walde.« Irgendwo hatte ich damals diesen Ausspruch gelesen, und wie ein Stempel hatte er sich meinem Gedächtnis eingeprägt, nicht weil er leicht zu behalten war, sondern weil er schon darinnen stand, lange bevor ich wußte, daß der Kulturmensch für ein sicheres Stallfutter das Beste, was an ihm ist, seine Freiheit verhandelt hat.

Um die innere Glut zur Siedhitze zu steigern, war der älteste Sohn des Dorfpfarrers Jung für einige Monate nach Hause zurückgekehrt. Er war für ein holländisches Geschäft am Kongo tätig und erhitzte meine leicht erregbare Phantasie durch lebhafte Schilderungen der Tropenwelt. Von da ab weilte fast nur noch mein Körper in der rohrbestandenen Sumpflandschaft, während mein Geist zwischen Lianen und vielgestaltigen Orchideenblüten der Urwaldstämme mit Schmetterlingsflügeln herumschwebte. Immer mehr und mehr gewann der Vorsatz des Auswanderns in meinem Inneren Form und Gestalt, namentlich dann, wenn ich mir vom Polizeidiener mein Kontobüchlein zeigen ließ und mit Staunen wahrnahm, daß mein Vermögen schon weit über das hinausgewachsen war, was ein anständiger Mensch für ein bescheidenes Leichenbegängnis nötig hatte.

Aber halt die Pferde an, Fuhrmann! Da war mein guter Vater noch, der durch meine Abreise das letzte von seinen elf Kindern aus dem Auge verloren hätte, und dann – und dann – es war eben noch ein Wesen da, zu dem hinüber sich so langsam ein Faden gesponnen hatte, der sich wohl noch hätte zerreißen lassen, aber nicht so, daß nicht eine schmerzliche Stelle hüben oder drüben zurückgeblieben wäre.

An einem Bauernhofe vorüber führte mein Weg des öfteren über ein Stückchen Rasen, auf dem außer einem Nußbaum noch andere Bäume so standen, daß man zwischen ihnen bei schönem Wetter ein Waschseil bequem spannen konnte. War's Zufall oder Fügung, daß ich unter flatternden Wäschestücken des öfteren eine Mädchengestalt beobachten konnte, die mir in ihrem schlanken Körperbau gar wohl gefiel, zumal wenn sie die Arme nach oben reckte und mit arbeitsgewohnten Fingern die Klammern verteilte über den schneeigen Glanz der Leinenstücke hin. Beim ersten Anblick werde ich mir wohl nicht allzuviele Sorgen über das Mädchen gemacht haben. Beim öfteren Hinsehen muß mir aber der Gedanke gekommen sein, daß die Kleine so das richtige Mittelstück wäre zwischen einer hyperkultivierten Modedame und einem bürgerlichen Arbeitsweibe, ebenso beschaffen und zurechtgestutzt, wie sie für den bescheidenen Haushalt eines Landarztes paßte, und ich fing an, dem Mädchen ein wenig den Hof zu machen. Soll ich das Alltägliche zu beschreiben versuchen? Ich werd' es bleiben lassen! Man nützt keinem anderen damit, wenn man den eignen Liebesweg topographisch wie eine Wandkarte hinzeichnet. Immer sind Amors Pfade andere, und wie vorsichtig man auch auf sie treten mag, gewöhnlich enden sie vor dem Schreibtisch eines Standesbeamten. Nun, so weit war es vorläufig bei mir noch nicht. Ich hatte zunächst noch einen Winter vor mir, den ich auf dem Lande zubringen wollte, aber der wäre mir zum zweiten Male beinahe verhängnisvoll geworden.

In breiten Tafeln trieb das Treibeis träge den Rheinstrom hinunter. Nur hier und da wagte sich der Kahn eines verwegenen Schiffers zwischen die Schollen, um am anderen Ufer spurlos zwischen den kahlen Weidengerten zu verschwinden. Ich war an diesem Tage an der Rheinfähre bei einem kranken Kinde gewesen und ging langsam durch eine langweilige Pappelallee dem Dorfe zu. Es schneite mehr und mehr, und schon mußte ich den Schnee von meinen Schuhen klopfen, als ich über die Schwelle meiner Wohnung trat. Der Wind rüttelte an den Fensterläden, als ich mich zu Bette legte. An dieses Geräusch war ich gewöhnt, und es störte meine Nachtruhe nicht weiter. Ganz anders war's, wenn jemand noch so vorsichtig auf die Haustürklinke drückte. Da fuhr ich auf und war mein Schlaf noch so tief gewesen. Und heute hatte es auf die Klinke gedrückt. Schon zum zweiten Male, bevor ich Zeit gefunden hatte, mit den Beinen in die Hosen zu fahren. Ich zündete Licht an und öffnete das niedere Fenster. Im Hofe stand frierend, einen dicken Schal um den Hals gewickelt, ein ärmlich gekleideter Mann.

»Es wird nichts anderes übrig bleiben,« sagte er, »Ihr werdet mit müssen aufs Wörth hinüber. Es handelt sich um eine Wöchnerin.«

Natürlich mußte ich mit, da gab es doch keine Widerrede, wo es sich um das Leben von zwei oder noch mehr Menschen handeln konnte. Ich also aus dem Hause heraus und neben dem Boten her. Bald hatten wir die Gasse hinter uns und befanden uns im Feld. Der Wind pfiff in den blätterlosen Gerten gestutzter Weidenbäume. Was ging das uns an! Raben strichen auf und schlugen mit den Flügeln. Wollten sie uns vor etwas warnen? Wenn schon, nur keine Bedenklichkeiten! Immer voran und dahin, wo die Pflicht unsere Gegenwart verlangte.

Plötzlich aber standen wir beide vor einer breiten, weißen Fläche. Das war ein Arm des Rheines. Drüben an seinem anderen Ufer lag das Wörth, auf dem die Backsteinmacher im Sommer die Ziegel brannten, während sie im Winter die Erdarbeiten verrichteten. Zu diesen Menschen sollte ich hinüber. Wie aber wollte ich das machen, da doch kein Nachen weit und breit zu sehen war?

»Das Eis trägt,« ermunterte der Bote, »die Schulkinder sind über Tags vom Wörth nach Hamm gegangen, und ich selber habe die Fläche vor einer Stunde erst überschritten.«

Nur keiner Gefahr aus dem Wege gehen! Wer in ferne Länder wollte, durfte sich vor dem Wasser nicht fürchten. Ich also hinter dem Arbeiter her auf die glatte Breite des schneeüberdeckten Eises.

Anfangs ging alles gut, obwohl ein gefahrdrohendes Krachen und Springen sich fortwährend unter unseren Sohlen hören ließ. Plötzlich aber ein Schrei, und vor meinen Augen war mitsamt der Laterne der Bote verschwunden. Ehe ich meinen Schritt noch hemmen konnte, fühlte ich schon, daß ich im kalten Wasser auf dem Manne lag. Nun gab's da im Nassen ein verworrenes Zappeln und Tasten, bis wir beide auf den Beinen standen. Zum Glück für uns war die Stelle, wo wir einbrachen nicht tief und nahe dem anderen Ufer, und als wir erst wieder in der Senkrechten uns befanden, waren wir außer Lebensgefahr. Wenige Schritte nur, und wir hörten den Kies der sandigen Halbinsel unter unseren Schuhen knirschen.

Nun hieß es wacker ausschreiten, denn in hellem Galopp froren unsere Kleider zu steifen Panzern zusammen. Kaum noch, daß es möglich war, die Knie krumm zu machen in den eisigen Röhren der Hosen. Doch in der Ferne winkte ein Licht, und wir beide eilten drauf zu. Welch eine Glut schlug mir nun aber entgegen, als ich plötzlich in die niedere, überheizte Wochenstube trat. Ein rotbackiges Säulenöfchen warf tausend feurige Pfeile gegen mich und im Nu fing ich an zu rinnen wie der Tugendbrunnen vor der Lorenzikirche zu Nürnberg. Wenn das so fort ging, mußten einige Katzen versaufen, die da auf dem Boden spielten mitsamt einigen Wickelkindern, die auf einem niederen Gestell wie Reisigbündel aufgestapelt lagen. Trockene Kleider waren erstes Erfordernis für mich, wenn anders ich ans Werk der Nächstenliebe schreiten sollte. Zum Glück war der Sonntagsanzug eines Arbeiters bald aus dem Kasten herausgekramt, und ich fühlte mich von warmem Zeug umhüllt, wenn es auch schon peinlich war, den Kostümwechsel vor einem geschlechtlich gemischten Publikum vornehmen zu müssen. Nun, die Notwendigkeit ist ein gewandter Helfer, und unter ihrer Mitwirkung gelingt gar manches, was anfangs unmöglich schien. So war ich denn bald mit mir und auch mit der Wöchnerin fertig und lernte es sogar rasch, als ich an mir heruntersah, über mich selber zu lachen, wie auch die Leute über mich lachten, als der Weltbürger gewaschen war und sie Zeit gefunden hatten, mich in meinem Anzuge zu betrachten.

Sobald man sich genügend über mich amüsiert hatte, wußte man nichts Rechtes mehr mit mir anzufangen. Man kochte mir Kaffee und als ich den getrunken hatte, und der Tag immer noch nicht kommen wollte, machte eine alte Frau den Vorschlag, sie wolle die größeren Kinder aus dem Bette jagen und ich solle mich auf deren Platz legen. Indessen sei wohl gegen Morgen das Eis fester geworden, und ich könne dann gefahrlos über den stillen Rheinarm hinüberschreiten.

Ich ging auf das Ansinnen ein, zog mich aus und schlief in dem vorgewärmten Bett in der Tat einige Stunden lang noch recht gut. Als ich erwacht war, schien eine bleiche, kalte Wintersonne durch die gefrorenen Fensterscheiben mitleidig auf meine Bettdecke und ich bemerkte, daß letztere derartig überflickt war, daß man nur schwer entscheiden konnte, wo der Urstoff aufhörte und der Flickstoff seinen Anfang nahm.

Vom Hauptstrom herüber hörte man das Knistern und Springen des Treibeises, und ein kalter Wind strich schneidend durch die dünnen Backsteinmauern. Da außerdem der neue Weltbürger zu brüllen angefangen hatte, überkam mich ein gelindes Grausen vor meiner verzweifelten Lage und ich beschloß, den Rückweg anzutreten, selbst auf die Gefahr hin, daß ich nochmals einbrechen sollte. Den Ermahnungen der Wöchnerin folgend, trank ich als Prophylaktikum gegen Erkältungen abermals Kaffee und machte mich dann auf den Weg. Das Eis mußte in der Tat in den Morgenstunden dicker geworden sein, denn es trug mich sogar ohne inneres Knirschen, und ich kam lebend und trocken, wenn auch in fremden Kleidern steckend, ans andere Ufer.

Zu Hause angekommen, fand ich meine Wirtin in nicht geringer Aufregung. Sie hatte mein Frühstück über die Straße getragen und an meiner Tür gepocht. Als niemand öffnete, erwachten in der guten Frau allerlei ängstliche Vorstellungen. Die Hofreite, in der ich wohnte, genoß nicht den besten Ruf. Man wollte schon Geisterstimmen aus ihr vernommen haben und ein früherer Besitzer, der einmal einen Grenzstein versetzt hatte, rollte, ein zweiter Sisyphus, das corpus delicti der Sage nach in den Wochen des Adventes über die Holzstiegen. Na, wer konnte unter solchen Umständen mit Sicherheit wissen, was aus dem neuen Doktor geworden sein mochte? Zum Glück war ich eben noch in die Gaststube des »Löwen« eingetreten, bevor man den Polizeidiener Rüßler in Trab gesetzt hatte, und trotz meiner Verkleidung wurde ich als der Richtige erkannt.

Nachdem ich meine Erlebnisse kurz zum Besten gegeben hatte, mußte ich natürlich zum Schutze gegen Erkältungen Kaffee zu mir nehmen. Und dieser himmlische Trank wirkte in der Tat derart erfolgreich, daß ich weder einen Schnupfen noch auch den geringsten Husten davontrug. Das einzige, was mich unangenehm belästigte, war in den folgenden Tagen ein geheimnisvolles Beißen über meinen Schädel hin, das mich dann am meisten quälte, wenn ich zu geographischen Afrikastudien mich vor den grünen Schirm der Petroleumlampe am Abend niedergesetzt hatte. Über das Nesselfieber hinweg hatte ich alle Krankheiten der medizinischen Enzyklopädie bis zur Hysterie herunter schon für dieses Beißen verantwortlich gemacht, bis eines schönen Abends während meiner Kratzbemühungen mit hörbarem Aufschlagen ein schwerer Gegenstand gerade mitten in den Kongofluß meines Atlasses hineinfiel. Wäre er wirklich voll Wasser gewesen, so hätte den Gegenstand die Tiefe verschlungen, bevor ich noch hätte feststellen können, wer er war. So aber konnte ich ihm nachsehen und konstatieren, daß er Beine hatte und auf dem Rücken gar ein schwarzes Kreuz nach Art der Mühlesel.

Himmel, Wetter! Nun wußte ich, woher mein Beißen kam. Keine Frage mehr, ich hatte vom Wörth herüber einige Läuse mitgebracht. Ach und was für eine Sorte! Überläuse waren's, die sich an den Zinken meines Kammes mit Verzweiflung festklammerten. Ich muß schier annehmen, daß man sie da drüben zum Backsteintragen verwendete. Nie noch hatte ich im Leben solche Monstra zu Gesicht bekommen. Wie hätte dem seligen Nietzsche das Herz sich erweitern müssen, wenn er gesehen hätte, wie seine Lehren wenigstens irgendwo auf Erden in die Tat umgesetzt waren.

Nun mit Hilfe des Dorfbarbiers Pfeffer und eines Krügleins voll grauer Salbe aus der Apotheke zu Guntersblum wurde ich die Tausendfüßler innerhalb weniger Stunden los. Das Beißen und ein unsauberes Gewissen aber hatte ich noch mehrere Monate lang und auffallenderweise gerade dann am stärksten, wenn jemand hinter mir stand und mir, wie ich annahm, ins Genick sehen konnte.

Im übrigen war meine Praxis in der billardebenen Gegend bei weitem nicht so abenteuerreich, wie ich es wünschte. Daß einmal ein Räuber des Nachts meinen Weg versperrt hätte, oder ein Wagen unter mir zusammengebrochen wäre, kam gar nicht vor, und allzu romantisch war auch das nicht, was ich nun zu erzählen habe, obwohl ich einen nicht geringen Schrecken dabei ausgestanden hatte.

Von der Bahnstation Mettenheim führte eine beinah kerzengerade Chaussee nach meinem Amtssitze Eich. Rechts von der Landstraße etwas entfernt, liegt zwischen Sandhügeln halb versteckt ein mit den Resten einer abbröckelnden Schlängelmauer umgürtetes Gehöft.

Außer zwei Gutsbesitzern hauste allda als Schankwirt ein gar seltsamer Mensch. Er hatte einen dicken Kopf, breite Schultern und kurze Beine. Obwohl er nicht länger war als ein ausgewachsener Reiterstiefel, konnte er sich doch in eine haushohe Wut hineinreden lassen, was nicht schwer war für seine Gäste, da der zwerghafte Wirt allerlei Seltsamkeiten sein eigen nannte. So hatte er beispielsweise seinen Schubkarren frisch anstreichen lassen und trug seitdem seine Heringsfäßchen, um den Karren zu schonen, auf den Schultern von Osthofen herunter und wieder zurück. Dem Räderwerk seiner Wanduhr zu Liebe hatte er den Perpendickel festgenagelt. Wer ihn über solche Dinge zur Rede stellte, konnte ihn in eine schier komische Raserei hineintreiben, und es ist verständlich, daß er im Volksmund nur noch kurzweg der »Zornwirt« hieß.

Zu diesem Zunftgenossen des Andreas Hofer trat während der Dämmerung ein Klempnermeister aus Eich in die Stube.

»Guten Abend, Zornwirt!« sprach der Gast.

»Guten Abend, Galoppspengler!« antwortete der Wirt.

»Heiß ich Galoppspengler?« war die Frage, und eine Ohrfeige klatschte dem Sandhofer ins Gesicht.

»Heiß ich Zornwirt?« war die Gegenfrage und klatsch, der Spengler hatte wieder, was er soeben hergegeben hatte. Eine Balgerei war die natürliche Fortsetzung der vertraulichen Aussprache. Der Wirt zog den Kürzeren und flog wider seinen Kachelofen. Rasch hatte er sich aus dem Staube erhoben und war nach einem Beil in den Holzstall gerannt. Er wollte unter allen Umständen dem Blechklopfer den Kopf abhacken. Da er nur einen Stiel vorfand, war er mit diesem in die Stube gerannt. Ein derber Schlag und der Spengler kugelte unter den Tisch und rührte kein Glied mehr.

Jetzt kam die Reue über den Zornwirt, und er überlegte, daß da nur ein Doktor helfen könne. Sofort traf er Anstalten, um mich herbeizuzaubern.

Noch erinnere ich mich jener Nacht so genau, als ob sie erst vierundzwanzig Stunden hinter mir läge. Es war um Laurenzi herum und eine unheimliche Schwüle in meinem Schlafzimmer.

Die Rheinschnaken sangen zum Verzweifeln ihre langweilige Weise mir ins Ohr und ihre Stiche brannten wie Feuer mir auf den Händen und der Stirn. Man muß solche Nächte an den Altwassern des Rheines mitgemacht haben, um zu begreifen, daß dieser Strom nicht jeden zu patriotischen Liedern begeistert. Wie sehnte ich mich doch hinweg aus diesem Sumpfgebiete und hinein in das kühle Fächeln einer Waldlandschaft. Aber wenn das ja auch nicht zu ermöglichen war, ein Gang ins Freie hinaus, wohin der Pfad auch immer führen mochte, mußte schon eine Erquickung sein wie die Finger des armen Lazarus auf der Zunge des reichen Prassers. Das wars ungefähr, was ich dachte.

Hörte man da übrigens nicht das Schlagen von Wagenrädern auf dem Pflaster? In welchem Hofe hatte man gestern vergessen, daß nach Mitternacht die Sonntagsruh beginnt? Doch das Schlagen kam näher und hörte plötzlich auf.

Klopfte es da nicht an meinem Hoftor? Es war so, ich konnte mich nicht täuschen. Ich eilte zum offenen Fenster und sah nach der Straße hinunter. Da stand im Halbjoch vor einem Bollerkarren eine Kuh. Was wollte dieses seltsame Fahrzeug zur nachtschlafenden Zeit vor meinem Hause? Ich rief in die Nacht hinein: »Ist jemand da?«

Eine rauhe Männerstimme antwortete: »Ich bin's, Doktor! Kennt er mich nicht, den Wirt vom Sandhof. Daß Er's nur weiß, die Sach' erleidet keinen Aufschub. Leicht möglich, daß ich dem Spengleruntier den Garaus gemacht habe. Eilt euch, ich hab ein Fuhrwerk mitgebracht.«

»Die Kuh da?« fragte ich verwundert.

»Wenn sie nicht trächtig wäre, keine zweite im Überrhein hätte den Weg vom Sandhof hierher in kürzerer Zeit zurückgelegt.«

»Ich will's Euch glauben und will mich zu Euch hinter ihren Schwanz setzen. Schneller werden wir immerhin vom Platze kommen, als wenn Ihr mit einer Schildkröte vorgefahren wäret.«

Fünf Minuten später schon saßen der Zornwirt und ich einträchtig nebeneinander, und die Kuh zog uns gemächlichen Schrittes zum Dorfe hinaus. So hatte ich Zeit, die ganze verzweifelte Geschichte zu hören, ob deren das arme Rindvieh seine Nachtruh zu opfern gezwungen war. Da ich den Spengler kannte, dachte ich mir gleich, die Sache wird nicht so schlimm sein, als die Angst des Wirtes sie macht, und ich hätte mich gerne noch eine Stunde lang durch die Nacht fahren lassen, wenn es nicht hinter dem Donnersberg im Westen da hinten gefährlich zu blitzen begonnen hätte. Ich stieg deshalb, einen nassen Buckel fürchtend, vom Wagen herunter und brachte, mit raschen Schritten voranschreitend, den Zornwirt hinter meinen Rücken und den Spengler vor mein Angesicht. Mehr wie meine Augen brauchte ich nicht, um zu konstatieren, daß der Galoppspengler eine Ohnmacht vorgetäuscht hatte, um den Zornwirt in Trab zu bringen. Ich konnte also nach wenigen Minuten den Heimweg unter die Füße nehmen. Ich beeilte mich, so viel ich konnte, denn es fegte in wilden Stößen ein ungestümer Wind über die Sandhügel hin und wirbelte den Staub durch die Luft, daß man sich schon anstrengen durfte, wenn man sich durch dieses Chaos von Sand, Stroh und Nußbaumblättern hindurch drücken wollte. Meinen Fuhrmann traf ich keine zweihundert Meter weiter über den Punkt hinaus vorgerückt, wo ich ihn verlassen hatte.

Sein erstes Wort beim Wiedersehen war: »Schnauft er noch, der Malefizhund?«

»Ja,« sagte ich, »und zwar mit den Stallhasen zusammen im Futtergang.«

»Wenn's keine Assisen gäbe, wollte ich, daß er verreckt wäre. Hat's je ein Gespenst gegeben, das die Leute so in Schrecken bringen konnte wie er? Das Gewitter soll ihn verschlagen!«

»Vielleicht tut es das in dieser Nacht noch,« rief ich hinter mich und machte, daß ich weiterkam, denn schon fielen Tropfen aus den Wolken, von denen der kleinste einen Fingerhut gefüllt hätte. Stürmisch wiegte sich der Wald der Nußbaumstämme, die längs der Straße hin eine Allee bildeten, von einer Seite zur anderen und seine Gerten peitschten die Maiskolben, die sich mit groben Waffen unter ihnen wehrten. Ab und zu fuhren unter prasselndem Donner lange Zickzackblitze aus den hellgeränderten Wolken und beleuchteten taghell die spiegelnde Straße und die weißen Nußbaumstämme.

Da war einer breit und dick wie eine dorische Säule in die Erde gerammt.

Hinter seiner Wetterseite mußte man etwas Schutz gegen den Regen finden. Schon fühlte ich, wie mir die Tropfen unter den Kleidern von der Schulter nach der Achselhöhle liefen. 's ist eine alte Bauernregel, man soll sich bei einem Gewitter nicht unter einen Baum stellen. Aber was tut man nicht, wenn einem das Wasser schon in den Stiefeln quatscht?

»Komm's wie's will, ich stell mich unter,« dachte ich mir, ging auf den dicksten Stamm los und postierte mich so, daß sich mein Gesicht der Straße zuwandte. Ja, etwas besser wie auf dem Wege war es da schon, wo ich stand. Wie das Eckblatt von der Säule auf die Basis fällt, so zog sich eine trockene Stelle, einer Bischofsmütze gleich, über den Boden hin. Man konnte das ganz deutlich sehen, so oft ein neuer Blitz die Nacht erhellte.

Derart stand ich regengeschützt und fühlte mich leidlich geborgen, als sich mir plötzlich etwas Breites, Weiches auf die Schulter legte. Himmel, wie's mir da durch alle Nerven zuckte! Ich drehte mich um und hätte in den Boden sinken mögen, als ich dicht vor meinen Augen, von einem neuen Blitze grell beleuchtet, in ein bekanntes bärtiges Gesicht schaute.

»Wie Ihr mich erschreckt habt,« hörte ich derweilen eine Stimme ertönen. »Denkt nur, die Allee vom Sandhof hat doch so viele Stämme. Einen hatte ich mir zum Schutze gegen's Wetter ausgesucht. Und auf diesen einen sehe ich beim Blitzen mit festen Schritten einen Mann zueilen. Mußte ich da nicht denken, er weiß um das Geld in deiner Tasche und er kommt nicht mit den freundlichsten Absichten?«

»Und was tatet Ihr, weil Ihr so dachtet?« fragte ich.

»Jetzt kann ich's Euch ja sagen. Ich griff nach dem Messer in meiner Tasche und erwartete, fest an den Stamm mich drückend, den Angriff eurerseits.«

»Und als der ausblieb?«

»Ei, da dachte ich: ›Sieht er dich nicht, so siehst du um so besser ihn‹, und ich bemühte mich, während des Blitzens Euer Gesicht zu erkennen. Als ich wußte, wen ich vor mir hatte, schlug ich Euch auf die Schulter.«

»Und das hätte Euer Tod sein können, denn, werdet Ihr mir glauben, ich hatte gleichfalls das offene Messer in der Hand, und ich hätte vielleicht zugestochen, wenn ich nicht durch Euer Schulterklopfen zu sehr erschrocken gewesen wäre.«

»Wie's doch gehen kann? Nichts weiter fehlt nun mehr noch, als daß uns zwei Helden hier der Blitz erschlüge. Wollen wir nicht machen, daß wir weiterkommen?«

Und wir gingen in den Regen hinein.

Den Zornwirt habe ich nicht mehr gesehen, und ob seine Kuh ihr Wochenbett gut überstanden hat, davon weiß ich nichts zu berichten. Alles, was zur Landwirtschaft gehörte, war mir so fremd und unbekannt wie dem Grobschmied der Grabstichel. Ich glaube deshalb auch nicht, daß es mir je gelungen wäre, mich in den Geist der Bevölkerung einzuleben.

Die Stunde des Abschiedes war nahe gerückt. Von meinen guten Wirtsleuten nahm ich einen gerührten Abschied, und wir versprachen uns gegenseitig, daß wir uns nicht vergessen wollten. Ich meinerseits habe dies Versprechen gehalten, und wenn wir uns heute nicht mehr schreiben, so liegt dies daran, daß ich das Auslandsporto bis zu dem dunklen Strande, am Hadesflusse, wo sie jetzt wohnen, nicht bezahlen kann.

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