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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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Es steht ein Wirtshaus an der Lahn

Indessen war ich schlüssig geworden, daß ich Arzt werden wolle. Unendlich freute ich mich auf die Studentenzeit. Mein Vater hatte mir in verständiger Weise einen Einblick in seine Vermögensverhältnisse gewährt und mich wissen lassen, daß ich nicht allzusehr zu sparen brauche. So zog ich denn guten Mutes gegen Gießen hin. Einige meiner Mainzer Compennäler fand ich dort schon vor, und da diese sich der Burschenschaft angeschlossen hatten, so war es nur natürlich, daß auch ich diesem Bunde beitrat. Der Mann, auf den wir als unseren Führer und besten Fechter viel Vertrauen setzten, hieß Wallenstein. Leider kam ich mit ihm zu einem recht gespannten Verhältnis. Um dies zu erklären, muß ich noch einmal um fünf Jahre zurückgreifen. Wallenstein war der Sohn eines Bäckers in Gaualgesheim. Er hatte sich zu Hause einige Vorkenntnisse im Lateinischen erworben und war zu uns ins Mainzer Gymnasium gekommen, als wir eben das bellum gallicum des Julius Cäsar zu lesen begannen. Professor Keller stand vor der Klasse und hatte uns in weitschweifiger Weise auseinandergesetzt, daß der Mensch im allgemeinen und der Gymnasiast im besonderen bestimmten Gesetzen unterworfen sei, die unter allen Umständen und unter allen Breitengraden unserer Erde nicht außer acht gelassen werden dürften. Als er mit seiner langatmigen Erklärung endlich fertig war, wandte er sich mit der Frage an Wallenstein: »Nun, du Neuzugetretener, sag' einmal, hast du dich auf die Lektüre des Julius Cäsar gehörig vorbereitet?«

Der Aufgerufene bejahte und fing sofort mit lauter Stimme zu lesen an: »Gahlia est omnis divisa in partes tres.« Ein schallendes Gelächter erschütterte die ganze Klasse. Verdutzt hielt der blondgelockte Leser inne. Verwundert sah er sich um mit den wasserblauen Fischaugen. Hatte man ihn zum Besten? Warum lachten die Mitschüler? Die frechen Stadtbuben? Warum schmunzelte sogar der Lehrer selber?

Herr Keller fühlte, daß außer ihm kein anderer hier Klarheit schaffen könne, und mit der Hand seinen Striefelbart streichend, begann er würdevoll die folgende Rede: »Nicht wahr, Wallenstein, du findest es unbegreiflich, warum deine Mitschüler lachen. Ich will es dir sagen, wenn du mir versprichst, dich für alle Zukunft einem Gesetze zu unterwerfen, das für jeden seine Gültigkeit hat, selbst für jene Menschen, die in Gauahlgesheim geboren wurden. Und dies Gesetz, verstehe mich wohl, es gebietet mit zwingender Notwendigkeit, daß ein Vokal, dem zwei Konsonanten folgen, unter allen Umständen kurz ausgesprochen werde. Es heißt also nicht, wie du gelesen hast, Gahlia sondern Gallia. Nun nachdem du solches gehört hast, wirst du nie mehr im Leben in die Versuchung kommen, dich gleicherweise an dem heiligen Geiste einer erhabenen Sprache zu versündigen. Frisch dran jetzt und übersetze ins Deutsche, was du soeben lateinisch vorgetragen hast.«

Wallenstein besann sich nicht länger und brüllte los: »Ganz Gahlien ...«

Weiter kam er nicht. Ein ungeheures Gelächter erfüllte den Saal. Federhalter trommelten von selber auf den Tintenfässern, Lineale tanzten auf den Bänken, Absätze schlugen den Takt zu einer Indianermusik auf dem Stubenboden. Alles war in Bewegung, alles im Wirbeln mit Ausnahme von zwei Menschen, die sich wie Schulze und Müller gegenüberstanden im Kladderadatsch. Der große Wallenstein war der eine und sein Klassenführer der andere. Lange freilich dauerte das bange Schweigen der beiden auch nicht, da fuhr der letztere los, und seine zornigen Worte kollerten kantig und scharf über seine Lippen: »Hat es je einen traurigern Beruf gegeben, als der des Lehrers ist? Bringt nicht der Steinhauer seine Steine klein, formt nicht der Grobschmied das Eisen, macht nicht der Wagner aus Krummholz den Radschuh? Einzig nur dem Lehrer ist es aufgespart, daß er keinen Erfolg von seiner Arbeit sehen darf. Was ist ein Sisyphus gegen unsereinen? O du Rindvieh im Quadrat, wie lange willst du das a im Worte Gallia ziehen? Etwa bis es zu einem Stricke wird, um dich dranzuhängen? Könnt' ich dich baumeln sehen wie das Feldhuhn an der Tasche des Jägers, meine Frau und Kinder wollt ich opfern und mich als Witwer mit dem Ovid in der Tasche durch das Leben schlagen, wenn ich nur deinem Anblick entfliehen könnte. Stammst du von einem Seiler ab, daß sich alles bei dir in die Länge ziehen muß?«

Der Professor schwieg ganz erschöpft von einer solchen Expektoration klassischer Gedächtnisvorräte.

Wallenstein selbst war wie ein Fernrohr in sich selber hineingesunken und saß zerschlagen wie die Tabakpflanze nach dem Hagelschlage still und traurig auf seinem Platz.

Neben ihm aber war's derweilen lebendig geworden. Der Peter Eichhorn hatte angefangen, dem großen Übersetzer des großen Feldherrn mit den Absätzen die Waden zu bearbeiten. Auch stach er ihn unterm Tische mit dem Bleistift in die Schenkel. Kein Wunder, daß der Namensvetter des Friedländers endlich aufgeregt und zapplig wurde. Der Klassenführer aber nahm dies unruhige Wesen seines Schülers als eine Auflehnung gegen seine Worte hin und schickte den Interpreten des krummnasigen Römers vor die Tür. Während Wallenstein extra muros lebte, hatte sich über ihn und seine Taten bereits die Satire hergemacht und ihn selber umgetauft. Als er in der Zehnuhrpause wieder vor seinen Mitschülern erschien, war er etikettiert und gestempelt. Er hieß von da ab nicht mehr Wallenstein, sondern nur noch der Gahlier, wie er sich auch mit Fußtritten und Faustschlägen gegen diesen Namen zu wehren suchte.

Von Mainz nach Gießen war ein weiter Weg, und Wallenstein durfte wohl hoffen, daß ihm sein Spitzname nicht nachfolgen würde auf die Universität, zumal da er jetzt in der Lage war, jede ihm angetane Schmach mit der scharfen Schneide des Schlägers zu rächen. Und doch, Wallenstein hätte leichter wie der Schmetterling seine äußeren Formen abwerfen können als seinen Spitznamen.

Eines Tages war er wieder da, der unleidliche Gahlier. Von wem war der Name hereingetragen in die Kneipe der Alemannen?

Wallenstein hatte mich in Verdacht, und es kam zu einer wüsten Szene zwischen uns beiden. Wenig fehlte, und ich wäre aus der Burschenschaft hinausgeflogen, ohne daß Wallenstein davon einen Vorteil gehabt hätte, denn der Name hing nun einmal an ihm, und er begleitete ihn sogar ins Philistertum hinüber. War ich späterhin imstande, mir den blondlockigen Notar vorzustellen, ohne daß der Name Gahlier mir in den Sinn gekommen wäre? Es war unmöglich, ja der Name überdauerte sogar seinen Inhaber, wie sich sogleich zeigen soll.

Gehe ich da eines Tages zu Worms von der Martinskirche nach dem Obermarkte zu an dem Eisengitter eines Vorgärtchens entlang. Bei meiner Seele Seligkeit, ich dachte an nichts so wenig als an Gallien und all die Völker, die seine Grenzen einst bevölkerten, und doch mit einem Male standen Büffel, Auerochsen und römische Krieger wieder vor meiner Seele, und zwar beim Anblick eines kleinen Schildes, das die Aufschrift trug: Gustav Wallenstein, Großherzoglicher Notar. Der »Gahlier« mußt' ich denken, und ich hätte nichts anderes denken können, selbst nicht an Reue und Leid über meine Sünden, und wenn mir einer das Messer an die Kehle gesetzt hätte. Also lebt er noch, so folgerte ich aus dem Blechschild weiter, und da gerade in einem Fenstergewand des unteren Stockwerkes ein Dienstmädchen mit einem Putzlappen herumgeisterte, so faßte ich mir ein Herz und rief der Küchenfee entgegen: »Mein Fräulein, ist der Gahlier zu Hause?«

Ich weiß nicht, ob das ominöse Wort begriffen war oder nicht. Ich merkte nur, wie das Mädchen mich mit leeren Augen fragend ansah, und ich verbesserte meine Rede und fragte, ob der Herr Notar zu Hause sei, und erhielt als knappe Antwort das Wörtchen: »Nein!«

»So ist er ausgegangen – verreist?«

»Nein!«

»Aber wo steckt er denn, Fräulein, wenn er nicht zu Hause, nicht in der Stadt und nicht in der Fremde ist?«

»Im Grabloch,« sagte die ländliche Schöne und putzte gefühllos an einer Fensterscheibe weiter.

»Im Grabloch!« Wie dieses Wort mich doch erschüttert hat! Im Nu stand ein Dutzend Menschen um mich herum, die alle einmal mit mir jung und fröhlich und jetzt tot waren.

Auch du warst unter der Gesellschaft der Abgeschiedenen, mein guter Leibbursche August Weber, der du die neue Welt meines Geistes, ein zweiter Kolumbus, entdeckt hast. Tierarzt bist du nur gewesen und hast doch besser in Menschengehirnen zu lesen verstanden als mancher Psychologe.

Apropos! Daß ich nicht vergesse, dich meinem Publikum vorzustellen! Hört Leute! Weber war von mittlerer Größe. Über den schwarzen Schädel lief ihm eine kunstgerechte Läuseallee von der Stirne bis tief ins Genick hinein. Seine Brust zierten zwei Bänder, drei Bierzipfel seine Magengegend, während in seiner Rechten der Elfenbeingriff eines Wappenstockes lustig auf- und niedertänzelte. So schritt in Kidlederstiefeln der Übermensch über das Pflaster Gießens, das Entzücken aller Vogelsberger, auch wenn sie vom Burschentum nur eine blasse Ahnung hatten. Daß sein hehres Aussehen mich bestochen hatte, mag der Umstand dartun, daß ich diesen Adonis zum Leibburschen gewählt habe. Gut, er tat mir den Gefallen und nahm mich an. Mehr noch, er kümmerte sich sogar um mich, führte mich zum Friseur, trank mir zuweilen vor oder setzte sich sogar neben mich, um sich von mir allerlei aus meinem Vorleben erzählen zu lassen, wenn ich angetrunken war. Lag mir damals schon etwas Autoreneitelkeit im Sinn, daß ich die Leute liebte, die ihr Ohr meinem Gesange öffneten? Mag sein, denn ich erinnere mich genau, daß ich meinem Leibburschen gegenüber sehr gesprächig wurde, und daß es mich mit stolzer Freude erfüllte, wenn er zu meinen Geschichten lachte. Ach und er konnte lachen! Lachen, so recht aus tiefstem Herzensgrund. Lachen, daß die größten Krakehler stumm wurden und die Wände zu tönen anfingen.

Als er wieder einmal lachend an meiner Seite saß, näherte sich uns mit vornehm überlegener Miene ein anderes bemoostes Haupt. Es war ein Herr Räuschenberg, vielgewandert von einer Universität zur anderen und doch bis heute noch nicht soviel erstarkt, daß er den Gang ins Examen hätte wagen können. Als er, ohne mich eines Blick zu würdigen, stolz an unserer Tischecke vorüber wollte, suchte mein Leibbursche ihn mit den Worten festzuhalten: »Setz dich da mal her, Räuschenberg, und hör' dem krummen Fuchs da zu, wie der erzählen kann.«

Wunder über Wunder! Der weltgereiste Herr, der gefürchtete Fechter, der die scharfe Klinge schlug, er setzte sich neben dem krassen Füchslein nieder und er lauschte auf seine Worte, zwar nicht derart, daß darüber sein Durst zu kurz gekommen wäre, aber er lauschte doch. Bald erhob er sich wieder und ging. Im Abgehen hatte er noch die Gnade, daß er mir herablassend auf die Schulter klopfte und die ermunternden Worte sprach, die ich in meinen »Sechs Schwaben« einem anderen in den Mund gelegt habe: »Junge, aus dir wär' was zu machen, wennste Talent hättest!«

Warum ich diese Geschichte hier erzählt habe? Nun weil ich durch sie dartuen wollte, wie manchmal das Huhn das Körnchen findet, nach dem das Auge des Geiers vergeblich geschaut hat. Hatte ich nicht siebzig und noch mehr deutsche Aufsätze geschrieben, ohne daß von irgendeinem meiner Lehrer eine schriftstellerische Begabung in mir auch nur geahnt worden wäre. Und da mußte ausgerechnet ein Student der Tierarzneikunde kommen und herausfinden, daß ich Talent zum Erzählen hätte, und ein Bummler mußte es bestätigen.

Gefallen hat es mir in Gießen nicht. Der Student lebte dazumal fast nur im Wirtshause. Um elf Uhr hatte man zum Frühschoppen bei Andreas Weidig zu erscheinen und die halbe Nacht über saß man auf der Kneipe. Wer am meisten trinken konnte, kam zu Ansehen bei seiner Korporation und wer eine gute Klinge zu führen verstand, konnte im Städtchen seinen Namen zu einem gefürchteten machen. Doch auch ein derber Prügel konnte ein Gegenstand werden, der einen aus der Mittelmäßigkeit heraushob.

Nicht selten waren nämlich die nächtlichen Holzereien der Studenten untereinander. Korps und Burschenschaften standen gegenseitig beständig in Waffenverruf und stießen sie im Hellen oder Dunkeln aufeinander, so begann die Prügelei. Wer eine Mütze oder gar ein Band bei einer solchen Gelegenheit ergattern konnte, hängte sie als Siegestrophäe in seinem Zimmer auf. Wer Beulen am Kopfe hatte, schämte sich und rieb sie schweigend ein.

Gottserbärmlich waren auch die Wohnungsverhältnisse des Studenten zu meiner Zelt. Die neueren Stadtteile überm Graben existierten noch nicht, und die alten Holzbaracken der inneren Stadt standen nur, weil sie nicht umfallen konnten. Windschief hing ein Haus übers andere hinüber. Die Türen waren verzogen, die Treppen ungleich und die Fenster schlossen nicht. Dem Winde war es eine Kleinigkeit, einem das Gucklicht auszublasen, wenn man sich einmal entschlossen hatte, zu Hause zu bleiben und einen Brief zu schreiben. Ich wohnte ein Semester lang in einer derartig verzogenen Bude, daß ich vorwärts fiel, wenn ich von der Tür nach dem Fenster strebte, und den Kopf an die Decke anschlug, wenn ich wieder zurückwollte. Den Abort vertrat ein Eimer, der geheimnisvoll auf dem Hausgang hinter einem grünen Vorhang lauerte. Streit und Zank mit den Hausleuten ersetzten das Morgen- und Abendgebet, und sie hätten auch über Mittag angedauert, wenn man es nicht vorgezogen hätte, sich selber an die Luft zu setzen, und so den Gerüchen zu entgehen, die aus den Geißenställen und Hühnerhöfen zu den Musensöhnen in den Dachkammern emporkletterten.

Daß ich im dritten Semester bereits mein Philosophikum bestanden habe, verdanke ich nur der Frechheit, mit der ich ins Examen ging, und dem Zufall, daß ich das wenige gefragt wurde, wovon ich eine blasse Ahnung hatte.

Schwer ist mir der Abschied von der Musenstadt an der Lahn nicht geworden. Als ich noch ein letztes Mal auf der Ruine Staufenberg den Schläger mit einem Marburger Burschenschafter gekreuzt hatte und mit leichten Schrammen davongekommen war, packte ich meine Siebensachen zusammen, um in die Osterferien zu gehen. Kein weibliches Auge ist bei meinem Weggang naß geworden. Abgesehen von einigen Theologen war in unserem Bunde keiner verliebt, und wenn es einer gewesen wäre, so hätte er es niemandem gezeigt, am wenigsten dem geliebten Wesen selber. Wir waren viel zu sehr Übermenschen, als daß wir uns um das schwache Geschlecht hätten kümmern sollen.

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