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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Strenge Lehrjahre

Die Gänseweide von Waldmichelbach und der Turm, in dem der Michel Hely hauste, das war seither meine Welt gewesen.

In mein neuntes Lebensjahr fiel meine erste Wanderung über die Gemarkungsgrenze hinaus. Meine Mutter hatte in der Not ihrer vielen Krankheitsbeschwerden eine Wallfahrt zum Heiligen Blutsaltar zu Walldürn gelobt. Ich nehme an, daß dies im Winter des Jahres 1861-1862 der Fall war. Als aber die Zeit der Kornreife kam, wo die Bittprozessionen um Peter und Paul ihren Anfang nehmen, war sie kränker denn je. Nun tat sie, was zu allen Zeiten üblich war. Da sie nicht zahlen konnte, stellte sie dem Himmel in meiner Person einen Bürgen. Wer war glücklicher als ich über diese Stellvertretung? Sie gab meiner Persönlichkeit Bedeutung und führte mich den goldenen Wundern entgegen, die hinter dem schwarzen Kreise der Bergesgipfel lagen, die seither meinen Horizont eingeengt hatten. Voller Ungeduld horchte ich tagtäglich, hinter der Haustür marschbereit stehend, ob denn nicht endlich von der Kreidacher Höhe herunter das Lied der Waller ertönen wolle und ihr eintöniges Rosenkranzgebet.

Ein paarmal schon hatte ich die Eier aufgegessen, die man mir als Wegzehr für den heiligen Gang abgesotten hatte, da kam sie doch endlich, die Prozession, mit ihren im Winde flatternden Fahnen, dem Großmaul ihres Vorsängers und mit einem Menschenhaufen hinter dem hölzernen Kreuzesbilde, der aussah, als ob er den Anfang einer neuen Völkerwanderung vorzustellen habe. Im Nu war ich mit meinem Bündel die Schultreppe hinabgestürmt und hatte mich, »Stolz in der Brust«, eingegliedert in die fromme Kette. »Leb' wohl nun, du altes Schulhaus,« so dachte ich mir. »Fünf Tage ist eine lange Zeit und hinter den Bergen liegt die allmächtige Welt. Würden und Ämter hat sie zu verteilen, und wer kann wissen, was aus mir geworden sein wird, wenn an einem schönen Tag ich wiederkomme?«

Welch' ein Rausch des Glückes durchschauerte mich, als wir in der Herde durch die wogenden Kornfelder zogen, im Walde lagerten, uns um die rauschenden Dorfbrunnen stellten, um unseren Durst zu stillen. Anders gefärbte Vögel sangen neue Lieder von den Bäumen, und eine neue Weise klapperten die an den Bächen hin zerstreuten Mühlen. Bei Beerfelden sah ich zum ersten Male einen Galgen und hing an seinen sechs Ketten alle Menschen auf, die mir zuwider waren. Zunächst den Holzebein von Kocherbach, der bei Waterloo den Unterschenkel verloren. Er verletzte mein Schönheitsgefühl.

Ein lebender Edelhirsch im Park zu Ernsttal kam mir vor wie ein Zeitgenosse des Noah und ein Pfau zu Hesselbach wie eine wandelnde Monstranz. Was ich sonst noch alles erlebt habe an Zeichen und Wundern, hat mich beinah völlig umgestaltet, so daß ich von dem Gnadenorte den Entschluß mit nach Hause brachte, ein Priester, womöglich gar ein Bischof zu werden. In der Stube des Michael Hely begann nun ein eifriges Leimen und Flicken, dem Rauchfässer aus Zuckerstricken und kostbare Meßgewänder aus Zeitungspapier ihr Dasein verdankten.

So Vorzügliches ich auch auf dem alten Glockenturme schaffte, bei meinem Vater in der Schule leistete ich nicht viel. Zu meiner Faulheit drückte der gute Mann mehr als nur das eine Auge zu.

Durch die Sorge um meine schwerkranke Mutter und durch deren im Frühjahr 1863 erfolgten Tod war seine Aufmerksamkeit von mir abgelenkt. Vielleicht auch blendete ich ihn durch mein gutes Gedächtnis.

Hatte ich einem Bänkelsänger nur zehn Minuten auf den Jahrmärkten zugehört, so waren seine Lieder in meinem Kopf und ich konnte sie dann gelegentlich mit all den schiefen Mäulern des Rhapsoden in den Spinnstuben zur Erheiterung des Publikums zum Vortrag bringen. Mit solchen Mätzchen hatte ich mir das Ansehen eines »gewürfelten Kopfes« ersungen und galt für vielversprechend. Als aber der Kaplan Werner den ernstlichen Versuch machte, mich in die Geheimnisse der lateinischen Deklinationen einzuführen, da versagte ich vollständig. Ich war zerstreut und es hingen meine Gedanken draußen im Walde, wo ich die Nester der Eichhörnchen besser kannte, als die kniffeligen Regeln, nach denen ein Akkusativ cum infinitivo konstruiert sein wollte. So mußte ich denn eines Tages zu meiner großen Beschämung, in unserer Nebenstube versteckt, zuhören, wie der junge Priester mit dem feurigen Gesicht meinem Vater über meine angebliche Begabung reinen Wein einschenkte. Es ging gefährlich über mich her, und das Schlußergebnis der wohlwollenden Aussprache war, daß ich das Stundenlaufen ins Pfarrhaus einstellen durfte. Zum Lohn für mein gnädiges Herabsteigen aus höheren Regionen wurde ich von meinen Schulkameraden bei den Spielen um den Helyturm herum zum Räuberhauptmann befördert.

In mir selber war zur damaligen Zeit der Glaube erwacht, daß ein tüchtiger Kerl auch ohne Gelehrsamkeit sich in der Welt eine Stellung erringen könne. Götz von Berlichingen gefiel mir und Hans Sachs. Überhaupt für die Drahtzieher von Profession hatte ich etwas übrig. In der Schusterstube des Nachbars Basel ging es immer fidel her. Die Gesellen saßen abends im Scheine der Glaskugel um die Werkbank herum und sangen beim Hämmern der Sohlen mit schallenden Stimmen in die Luft hinein:

»Frau Meisterin lösch sie aus das Licht,
Wenn ich mein Schätzlein küß,
Das ist gewiß, dafür brauch ich's nicht«

und so weiter, bis eine Magd zum Abendessen rief und der Spannriemen mit samt dem Schabeisen in die Ecke flog. Nach Feierabend ging es auf die Straße hinaus, wo der Schuhmacher mit dem Hutmacher und Schneider Händel suchte und immer Sieger blieb.

An den Gedanken, das Meßgewand mit der blauen Pechschürze vertauschen zu wollen, hatte ich mich allmählich gewöhnt. Ja, ich hatte bereits mein Äußeres den Verhältnissen anzupassen gesucht und die bunte Mütze versteckt, die mir als dem künftigen Studenten das Stigma einer höheren Berufung aufzudrücken versuchte.

Unter solchen Umständen war ich vierzehn Jahre alt geworden und der Augenblick der Schulentlassung rückte heran. Im Vaterhause arbeitete eine Hemdennäherin dem Kommuniontage entgegen. Ein Tuchrock aus dem Nachlaß meiner Mutter war schwarz gefärbt und zu Michelstadt »dekatiert« worden. Derart verjüngt hatte sich das Kleidungsstück unter der Hand des Schäferschneiders zu einem Konfirmandenanzug für mich umgestaltet. Im obersten Knopfloch des Kittels pflegte bei jedem der männlichen Konfirmanden ein Sträußchen von scheckigen Zeugblumen zu prangen, die oft älter waren als der Konfirmand, der sie trug, und von einem Haus zum andern im Dorfe herumgeliehen zu werden pflegten. Wehe dem, der sich herausnahm, vom alten Brauche um eine Haaresbreite abzuweichen. Zu meinem Unglück war nun die Aufkäuferin, die zweimal in der Woche den Weinheimer Markt besuchte, auf den verwegenen Gedanken gekommen, mir ein Sträußchen lebender Blumen mitzubringen.

Meine Schwestern in ihrem Unverstand versteiften sich darauf, daß ich diese statt der Schirtingblumen an meinen Rock stecke. Ich fügte mich. Aber was geschah? Als die lange Schlange der Kommunikanten durch die Gasse der Neugierigen hindurch sich dem Kirchenportal zuwälzte, hörte ich, wie aus der Menge der Gaffer eine weibliche Stimme in die Andächtigen hineinrief: »Da guckt dem Schulmeister seinen! Der Aff muß natürlich was Extras haben. Hat er nit gar en lebendige Blumenstrauß vor sein Gänsebrüstel hingesteckt?«

So, da hatt' ich's nun, das Urteil meiner Landsleute über mich. Ein Affe war ich, weil sich meine Angehörigen herausgenommen hatten, mich mit einer anderen Kreide zu zeichnen als die übrigen Hammel. Da ging ich als Gebrandmarkter in der langen Reihe und hätte ich es auch gewollt, es wäre mir unmöglich gewesen, aus der Kette herauszubrechen. Ich mußte die Blicke des Menschenspaliers aushalten, so sehr sie mir auch durch den Rock hindurch bis in die Seele brannten. Nein, wie jetzt alle Freude, aller Stolz über den feierlichen Tag und den neuen Anzug plötzlich von mir genommen waren. Ja, ja, der Pfarrer hatte breitspurige Worte gemacht, als er uns erzählte, daß der große Napoleon den Tag seiner ersten Kommunion als den glücklichsten seines Lebens bezeichnet habe. Schon möglich. Der Schlachtenlenker war vielleicht ein frommer Knabe gewesen, sicher aber hatte ihm keine Aufkäuferin einen lebenden Blumenstrauß an den Rock gesteckt, sonst hätte er wohl gleich mir empfunden. O, wie ich mich schämte, daß ich, ich ganz allein, eine Ausnahme machen mußte, unter den Dutzenden meiner Kameraden. Ich wagte nicht aufzusehen, nicht zu husten aus Angst, ich könnte die Blicke der frommen Gemeinde auf mich lenken, auf mich, den Hoffärtigen, dem die Schirtingrosen nicht genügten, der einen Strauß lebender Blumen in seinem Knopfloch haben mußte.

Von des Pfarrers Predigt hörte ich nur wenig. Das Glück, den Heiland zu genießen, schätzte ich nicht hoch ein. Mir graute nur vor dem Augenblick, wo ich, von der Kommunionbank zurückkehrend, dem Publikum meine Vorderseite zuwenden mußte. Ach, da würden es dann tausend Augen sein, die meinen Strauß sahen, und tausend Gehirne, die den Gedanken hegten: »Da seht den Affen! Er muß natürlich was Extras haben.«

Ich kam auf den Gedanken, meine Blumen loszuzerren und sie unbemerkt auf den Boden fallen zu lassen. Der Versuch mißlang. Mit schwarzem Zwirn hatte man die Rosenstengel am Rock festgenäht. Aber was hätte ich wohl gewonnen, wenn ich ohne Strauß von der Kommunionbank zurückgegangen wäre? »Der Affe muß etwas Extras haben,« hätten von hundert sicher neunundneunzig gedacht, »er trägt keinen Strauß. Hatten sie kein Geld, einen anzuschaffen?« Man überlege nur, wie mich der Gedanke quälte und die Schmach, die er in sich schloß. Ach damals, da ich ja noch keine Bücher geschrieben hatte und noch eine so empfindsame Seele hatte, die sich krümmte, wie das Blütenblatt der Mimose, wenn sie unzart betastet wurde!

Wie die Sache schließlich ausging? Nun, die Blumen selber hatten Mitleid mit meinen Seelenschmerzen. Bis das Hochamt zu Ende war, waren sie verwelkt und abgefallen. Am Nachmittag hatte ich einen Schirtingstrauß im Knopfloch und war, was meine Kameraden auch waren, und balgte mich mit ihnen auf den Wiesen herum. O selige Gemeinschaft der Altersgenossen, die noch kein Oben und kein Unten kennt, und glückliche Zeit, in der jeder Groschen für drei Kreuzer gilt, solang er rund ist und man ihn rollen kann!

Ich erzählte schon, daß ich mich langsam an den Gedanken gewöhnt hatte, ein Schuhmacher zu werden. Doch es kam anders. In der Wetterau war ein Beamter nach der Ewigkeit abgereist und hatte durch sein Sterben das lustige Leben seines Sohnes auf der Gießener Hochschule ertötet. Als der erste Monatswechsel ausblieb und kein Kredit mehr vorhanden war, kam der bemooste Bursche auf den Gedanken, ein Volksschullehrer zu werden. Er stellte sich dem hessischen Staate zur Verfügung und wurde nach Gadern bei Waldmichelbach versetzt. Die erste Veränderung, die nun mit seinem äußeren Menschen vorging, war, daß sein Schnurrbart ihm aus dem Gesichte verschwand, denn innerhalb der rotweißen Grenzpfähle war es einem Volksschullehrer untersagt, Haare auf der Oberlippe zu tragen. Georg Pfuhl, der Studiosus außer Dienst, rasierte sich also und ist für mich und noch drei andere Buben in meinem Alter die größte Anregung geworden, die wir jemals von einer Menschenseele empfangen haben. Der neugebackene Lehrer nahm das muntere Viergespann vor seinen Wagen und lenkte es ohne Peitsche. Es war erstaunlich, mit welchem Eifer wir uns in die Stränge warfen. Um es kurz zu machen, nach drei Monaten bereits meldeten wir uns, Christof Haag und ich, zur Aufnahmeprüfung am Mainzer Gymnasium und übersprangen zwei Klassen, während Herr Pfuhl im abgelegenen Gadern saß, ohne daß eine Menschenseele eine Ahnung davon hatte, welche Kraft er war. Vielleicht säße er heute noch in dem grünen Wiesentälchen am Südabhang der Tromm oder läge auf dem Waldmichelbacher Kirchhof, wenn nicht eines Tages mein Bruder Karl aus Amerika gekommen wäre. Dieser war in St. Louis zu Geld und Ansehen gekommen und vermochte den Herrn Pfuhl zu bestimmen, daß er sich entschloß, mitzugehen nach der Neuen Welt. Drüben wußte man seine Talente besser zu schätzen. Er wurde Schulinspektor und erlangte eine Art von Oberaufsicht über die Lehranstalten eines weiten Bezirks. Leider hat er kein hohes Alter erreicht. Geschätzt und betrauert von den Leuten des Auslands ist er mitten aus einem erfolgreichen Schaffen heraus im besten Mannesalter nach einem besseren Jenseits heimgegangen.

Ich saß also nun in der Sexta des Mainzer Gymnasiums, aber nicht an deren erstem Platz, sondern am letzten. Meine Hauptaufgabe war, den Ofen in Ordnung zu halten, eine schwierige Sache unter einem Schuldiener, dem man im Holzstall ein jedes Stück Holz abbetteln mußte. Doch ich wehrte mich ritterlich gegen den Geiz des Alten und gelangte bei meinen Lehrern in das Ansehen eines guten Feuerwerkers. Vermutlich aber wäre ich gleichwohl am Ende des Jahres sitzen geblieben, wenn ich mich nicht durch eine kleine Unehrlichkeit, die ich zu Nutz und Frommen mittelmäßiger Schüler anderwärts beschrieben habe, unter die Zahl der dreißig vordersten hinaufgeschafft hätte. Die Anstalt war kolossal überfüllt. Siebenzig Zöglinge in einer Klasse war keine Seltenheit. Bei so viel Hochwasser pflegten die Lehrer sich Luft zu verschaffen. Es war üblich geworden, daß ein Drittel der Schüler in den unteren Klassen sitzen blieb. Hatte man erst die Quinta alten Stiles, die heutige Untertertia, erreicht, dann war man in einem minder bewegten Fahrwasser und konnte annehmen, daß man gemächlich bis an das Wehr des Maturitätsexamens herangeschwemmt werde. Unter der Direktion Bones hatte sich das Mainzer Gymnasium in ganz Süddeutschland eines guten Rufes zu erfreuen.

Überhaupt galt Mainz dazumal seinen vollen Batzen. Mit dem Krummstabe in der schwerberingten Rechten regierte von hier aus der streitbare Bischof Wilhelm Emanuel, Freiherr von Ketteler, das Hessenland. An den Stufen seines sazerdotalen Hochsitzes standen als Wappenriesen rechts der redegewaltige Moufang und links der ewig lächelnde Domdechant Heinrichs, während auf Katzenpfoten die Gräfin Hahn-Hahn und auf Hundekrallen der Schweinemetzger Falk die feudale Priesterresidenz umzirkelten. Über allen diesen aber und das Puppenspiel an unsichtbaren Fäden lenkend, schwebte als Spiritus Rektor der Jesuitenpater von Doß. Sein bartlos mageres Gesicht wuchs aus dem kelchförmigen, schwarzen Kragen der Sutane heraus und überschaute mit klugen Augen durch stark gebuckelte Brillengläser alle Winkel und Ecken der Stadt und des Landes. Nichts entging seiner kontrollierenden Aufmerksamkeit, und Dutzende von Sodalitäten und Kongregationen stellten ihm ein mehr als eifriges Überwachungspersonal zur Verfügung. So war es schwer, ja fast unmöglich gemacht, ungestraft über die Stränge zu schlagen. Dazu kam für mich noch während der ersten fünf Jahre meiner Gymnasiastenzeit die fast klösterliche Klausur des Konviktes. Kein Tritt vor die Tür, außer wenn es in geschlossenem Haufen zur Schule ging und wieder zurück. An den Mittwochen und Samstagen ein Spaziergang vor das Stadttor, aber nach Sträflingsart einer neben den anderen gereiht in langer Schlange. Festtage waren es, wenn wir, um den Kirschbaum zu leeren, in den Hof des Bischofs geladen waren, einen Ausflug auf den Leniaberg machten, mit dem ehrwürdigen Kirchenfürsten Ball spielten oder vor dem Gautor Schneeball warfen. Bei solchen Gelegenheiten lernte ich den Grafen Galen kennen, der damals die Sutane eines Kaplans trug, später aber der Beichtvater des in Serajewo ermordeten österreichischen Thronfolgers geworden war. Ein anderer war noch um den Bischof herum, der in der Weltgeschichte eine Rolle spielen sollte. Es war Kettelers Neffe, der in der Tien-Mönstraße zu Peking durch eine Kugel aus einer Boxerflinte endete und durch sein Blut dem Deutschen Reich den chimärischen Besitz der Provinz Schantung erkaufte. Der junge Freiherr war mit dem Grafen Hoensbroech am Jesuitengymnasium zu Feldkirch erzogen worden. Da aber die letztere Anstalt nicht das Maturitätszeugnis verleihen konnte, so pflegten deren Schüler, die sich aus dem rheinisch-westfälischen Adel rekrutierten, von Unterprima ab das Mainzer Gymnasium aufzusuchen. So kam's, daß die Sprößlinge aus den alten Geschlechtern der Gemmingen, Löwenstein, Diepenbrock usw. gleich mir aus dem Bäckerkorb im Mainzer Gymnasiumshof ihr schwarzgebranntes Frühstück kauften.

Daß übrigens sonstwie Rücksichten auf die feudalen Herrschaften genommen worden wären, kann ich nicht sagen. Der Lehrer handhabte noch das Züchtigungsrecht über seine Schüler, und wenn es Ohrfeigen gab, so bekam sie einer wie der andere.

Ewig denke ich dein und deiner Fäuste, o Professor Lindenschmitt, wie du uns den Abdruck deiner Finger auf die jugendlichen Backen geschrieben hast, als wir, noch am Morgenbrote kauend, nach der Zehnuhrpause in deinen Zeichensaal traten. Nicht das Kauen freilich war es, das den alten Graubart genierte, aber das Türzuschlagen, das unleidliche Türzuschlagen. Ach und darauf gerade hatten wir es ja doch abgesehen trotz den harmlosen Gesichtern, mit denen die Anführer unserer Klasse in den Saal traten und hinter sich die Tür ins Schloß warfen.

Einmal, zweimal, dreimal hatte die Sache gut getan, dann aber roch der Fuchs den Braten, und er biß zu. Zur Verwunderung der wenigen, die schon im Raume waren, verfügte sich der Graubart schweigsam in das dem Saale vorgelagerte, dunkle Gängchen.

›Was wird nun werden?‹ dachte ich, der ich schon vor meinem Zeichenbrette saß. Gleich sollte ich es wissen.

Oskar Hauswald, der große Oskar, stand auf der Schwelle und rieb sich die Backe. »Da steht er im Dunkeln und alleweil kriegt alles eine Ohrfeige, was von der Wendeltreppe auf das Gängchen tritt. Ich hab' die meine schon.«

Nun aber die Freude von uns, die wir ungeprügelt durchgekommen waren, und das Vergnügen, die Grimassen zu beobachten, mit denen der eine und der andere unserer Mitschüler ihr Mißgeschick hinnahmen! Vom Ingrimmirten bis zum ausgelassen Heiteren herunter waren alle Sorten menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten an den Gottesebenbildern zu beobachten, vor allem dann, als Lindenschmitt ganze Arbeit gemacht und auch einem jeden von den Frühgekommenen seinen Denkzettel gegeben hatte.

Wenn man berücksichtigt, daß sich unter den Geohrfeigten einer befand, der eben als Sieger von den französischen Schlachtfeldern heimgekehrt war, so wird man Respekt haben müssen vor dem Autoritätsglauben, der an unserer Musterschule herrschte.

Ich bin späterhin des öfteren gefragt worden, ob keiner meiner Lehrer dazumal gemerkt habe, daß ein gewisses Erzählertalent in mir stecke. Leider war dies nicht der Fall. Meine deutschen Aufsätze waren mittelmäßig, von einem einzigen abgesehen, den ich in der Unterprima schrieb. Unser Lehrer, Professor Hernnes, war neugierig, was wir aus uns selber künftighin zu machen gedächten, und gab uns als Aufsatzthema die Überschrift: »Mein künftiger Beruf.« Trotzdem ich damals noch nicht sicher entschlossen war, was ich eigentlich werden wollte, so vertiefte ich mich in die Vorstellung hinein, ich wäre Arzt, und schrieb, von der Idee bezaubert, ein begeistertes Essay über die erhabenen Vorzüge dieses vornehmen Standes. Der Aufsatz, den ich heute nicht noch einmal schreiben würde, trug mir am Schluß des Schuljahres den Preis im Deutschen ein und die Entlassung aus dem Konvikt. Mein Vater erhielt in den Herbstferien des Jahres 1872 einen Brief vom Rektor Erler, daß er sich für seinen Sohn um ein Logis in der Stadt umsehen möge, zum geistlichen Stande schiene derselbe doch weder Lust noch Anlagen zu haben.

War der preisgekrönte Aufsatz allein die Ursache meiner brüskierten Entlassung? Ich glaube nicht. Beim Religionslehrer Kempf hatten wir neben der Kirchengeschichte das Studium der christlichen Apologetik begonnen. Mit wahrer Begeisterung wühlte ich mich in die Streitigkeiten der alten Kirchenväter hinein und in ihre dogmatischen Spitzfindigkeiten, und ich schrieb darüber lange und gelehrte Abhandlungen, die Herr Kempf zu korrigieren hatte. Noch sehe ich den spitzen Mund dieses Herrn und seine durchbohrenden Augen, wenn er mir die Arbeiten zurückgab, und noch klingen seine sauersüßen Worte mir im Ohr: »Sehr fleißig, sehr gelehrt – – aber, aber! – –«

O, ich wußt' es wohl zu deuten, dieses »aber – aber.« Was Cäsar einst sagte, das meinte heute Herr Kempf: »Der magere Cassius denkt zu viel.« Bei den nahen Beziehungen des Religionslehrers zur Leitung des Konviktes ist es mir mehr als bloß wahrscheinlich, daß der Brief an meinen Vater zum Teil wenigstens auf die Einflüsterungen meines Religionslehrers zurückzuführen war.

Wie dem auch sei, am Anfang des Wintersemesters 1872-1873 stand ich auf dem Pflaster und suchte nach einer Bude bei braven, ordentlichen Bürgersleuten. Der Jesuitenpater von Doß wies mich an eine Familie im Gartenfeld. Fünf Tage wohnte ich unter dem Dache eines gottgefälligen, friedlichen Ehepaares wie in einem stillen Eden. Am sechsten – es war ein Samstag – da prügelten sie einander in der Betrunkenheit und wären des Nachts in meine Stube hereingefallen, wenn ich meine Tür nicht rasch vor der Katastrophe noch verriegelt hätte.

Am Montag zog ich aus, und zwar zu einer Witwe Klein, die in der Langgasse Nr. 34 ein Spezereilädchen betrieb. Von jetzt ab hatte ich mit meinem Mitschüler Hülfenhaus den gleichen Schulweg und die gleiche Ausrede, wenn ich zu spät in die Klasse kam. »Es hat ein Möbelwagen in der Langgasse gestanden,« die Bemerkung genügte bei der Enge des Sträßchens vollkommen, um einen Eintrag ins Klassenbuch zu vermeiden.

Ach, Hülfenhaus und das Schulbanksitzen! Der Bursche hatte den siebziger Feldzug mitgemacht, war ein Riese von Gestalt und hatte mehr Haare am Kinn als unsere Kuh am Schwanz und die ganze übrige Klasse im Gesicht. Spät hatte er sich zum Studium entschlossen und mit dem Aussehen eines Geheimrates trug er nun mit einem Bündel blauer Hefte zusammengewurstelt den Horaz in den Schulsaal der Prima hinein. Was Wunder, daß wir uns über ihn lustig machten und uns doch wie Kinder von ihm führen ließen, ins Gesellenhaus zum Mittagsmahle und zum Vieruhressen nach seiner Bude auf der mittleren Bleiche. In ihr war der Singularis durch ein Bett, der Dualis durch zwei Stühle und der Pluralis durch ein halbes Dutzend Tabakspfeifen vertreten, die am Fensterkreuz und an der Wand hingen. In diesem Raume, den ein eisernes Säulenöfchen mit behaglicher Wärme füllte, machten wir nach dem Grundsatz einer vernünftigen Arbeitsteilung unsere Schulaufgaben. Einer vom Stamme Juda löste die Zinseszinsaufgaben, ein Pfarrerssohn übersetzte den Sophokles, andere schrieben ab, und zuletzt machten wir uns über die Wurstscheiben her, die der Schermuly, weniger vom Standesdünkel angekränkelt als wir anderen, in den Metzgerläden zusammengekauft hatte.

Daß ich es nur gestehe, nicht immer saßen wir auf des Mitschülers kleiner Stube. Auf der großen Bleiche war eine Bierwirtschaft, »zum Kleeblatt« benannt. In dieses Himmelreich hinein führte, einzig dem Herrgott und dem Hülfenhaus bekannt, von der mittleren Bleiche aus ein enger Gang nach einer Nebenstube. Dort saßen wir zuweilen vom Auge des Zapfwirtes verständnisvoll gehütet, tranken zu Schweinsrippchen das schäumende Aktienbier und bereiteten uns zum Besuche der Universität vor, indem wir abwechselnd versuchten, aus unseres Seniors Pfeifen zu rauchen. So ging der Winter herum und die Osterferien lösten für drei Wochen unsere Tafelrunde auf.

Als ich nach dem weißen Sonntag wiederkam, war Frau Klein nach einem anderen Hause in der Langgasse Nr. 19 gezogen. Ich rückte ihr nach und sie hatte ja auch wieder ein Zimmerchen für mich. Es war nicht größer als ein Taubenschlag. Trotzdem gedachte ich in ihm auszuhalten, und ich hätte es gewiß auch getan, wenn die Nachbarschaft nicht gewesen wäre. Aber allmächtiger Himmel, mir gerade gegenüber in dem engen Hinterhofe war eine Nähstube. Wenn ich aus meinem Buche die Augen erhob, hatte ich mehr Jungfern vor mir als die heilige Ursula, da sie mit ihrem Schiffe abgefahren war, um das Grab des Erlösers zu befreien. Und dann das Geschnatter. Nein, das war keine Umgebung für einen, der die Regierungszeiten der deutschen Kaiser noch nicht im Kopfe hatte und doch Maturitas machen wollte! Leider zeigte Frau Klein für meine Ausstellungen an ihrem Logis kein Verständnis und wir sind im Streit auseinandergekommen.

Der Stefanskirche gegenüber verwohnte ich die letzten Monate meiner Gymnasialzeit. Sie war ausgefüllt mit dem Wirrwarr eines zusammenbrechenden Systems. Das Preußentum war mit einem kalten Bureaukratismus nach dem Süden vorgestoßen. Der gewiegte Schulmann Bone war durch einen rotbärtigen Unteroffizier Professor Beck ersetzt, die Jesuiten vertrieben, der Geschmack verändert. Ich, der Preisträger im Deutschen, schrieb einen der schlechtesten Aufsätze im Maturitätsexamen, hatte aber bestanden und verließ fröhlichen Herzens als Mulus im August 1873 die Bischofsstadt.

Zu Hause wurde ich von meiner Stiefmutter mit fragenden Blicken wie der Steuerbote empfangen, von meinem Vater mit offenen Armen und von einem Dritten Menschenkind, ich weiß nicht wie mit lachenden Augen, die sich doch vor mir zu fürchten schienen.

Daß ich's nur eingestehe. Von meinem zehnten Jahre ab war ich in eine Schulkameradin bis über die Ohren verliebt. Das Mädchen war mir in gar nichts entgegengekommen, so wenig wie ich gewagt hätte, mich ihr zu nahen. Aber es war in der Schule so üblich, daß jeder Lausejunge seinen Schatz haben mußte, und der Einfachheit halber teilte man jedem Hänsel die als seine Grete zu, die eben auf der Mädchenseite den gleichen Platz einnahm wie er auf der Bubenseite. Da man mich mit der schwarzäugigen Kleinen neckte, so war es nur natürlich, daß ich mir mein Teil genauer ansah. Die Kirchgänge gaben dazu die beste Gelegenheit. Da ich hinter ihr kniete, so konnte ich ihren Nacken bewundern und das zarte Rosa, das von ihm übersprang auf ein weiches, schier durchsichtiges Ohrläppchen. Ihr Gesicht bekam ich nur selten zu sehen, und wenn sie an mir vorüberging und ich auch noch so freundlich grüßte, so schien mir doch zwischen ihren dunklen Brauen immer so etwas Stolzes zu liegen, was ungefähr sagen wollte: »Dummer Junge, was dir bestimmt mag sein, steckt noch im Tragkissen drinnen.« Mädchen denken weiter voraus als Knaben.

Auch daß ich heute Maulesel war und das Recht hatte, Pfeife zu rauchen und den Hut verwegen aufs Ohr zu setzen, machte keinen Eindruck auf sie.

Gleichwohl, oder war's vielleicht gerade deshalb, liebte ich sie. Kurzum, ich hatte die Kinderkrankheit meiner ersten Leidenschaft aus der Volksschule heraus durch alle Klassen des Gymnasiums hindurchgeschleppt und nahm sie auch mit auf die Universität. Zweierlei Folgen waren mit diesem Seelenzustand verbunden. Einerseits störte die heimliche Sehnsucht meinen Lerneifer, andererseits befruchtete sie ihn wieder, indem ich mir sagte, was würde sie wohl für ein Gesicht machen, wenn ihr zu Ohren käme, daß du sitzen geblieben! Gewiß ist, daß die Neigung zu dem stolzen, engelreinen Mädchen mich sicherer als alle Schutzengel vor dem Gemeinen bewahrte. Wie aufgeputzt das flitterbesetzte Laster an mich versuchend herantreten mochte, ein Gedanke nur an dieses mein Ideal aller Weiblichkeit, und ich blieb Sieger gegen die Lockungen des Blutes. Sei drum gesegnet, du mein Gabriel, auf welchem Sterne du zurzeit auch weilen magst, gesegnet von deinem Tobias trotz der Fasttage, die er deinetwegen erduldet hat, als ein Gedicht zu deinem Preise in meinem Gebetbuch vom Rektor Erler gefunden worden war!

Möglich, daß meine Stiefmutter von meiner heimlichen Liebe etwas gemerkt hatte. Es gab eine heftige Szene zwischen uns beiden, und mein guter Vater, dem jeder Zank ein Greuel war, gab mir Geld zum Reisen. In dem Buche »Adams Großvater« findet man, wenn auch etwas idealisiert, zusammengestellt, was ich damals erlebte.

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