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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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Beginn der Ruhmeslaufbahn

Noch einmal spielte die Schulhaustreppe in den Erlebnissen aus meinen Kindertagen eine Rolle. Ich erinnere mich, daß ich auf ihr stehend eine nicht allzu gelinde Strafexekution von seiten meiner Mutter über meine Kehrseite ergehen lassen mußte. Das Warum war mir dazumal unklar und ist es auch geblieben, bis ein Zufall in den reifen Mannesjahren die überraschende Aufklärung brachte, daß der Donatische Komet vom Jahre 1858 an meinem Mißgeschicke schuld war.

Ich war schon einige Jahre Arzt in Weinheim gewesen. Mehr noch, ich hatte die Kreuzfahrt geschrieben und den Michael Hely. Der letztere namentlich hatte sich einen weiteren Leserkreis erworben und hatte um mich einen matten Schimmer von zweifelhafter Berühmtheit ausgebreitet, der mich immer verlegen machte, wenn ein ehrlicher Mensch mir lächelnd ins Gesicht sah. Eines Tages mußte ich dies nun gar von einem Wesen erleben, an dessen Achtung mir unendlich viel gelegen war, und dieses Wesen war die Stadtschwester Philippine Schwarz. Ihr schiefer Kopf stak unschön in der schwarzweißen Haube drinnen. Sie hatte einen großen Mund und war durchaus nicht so, daß sie ein Titian als Modell für einen Venuskopf ausgewählt hätte, und doch hatte ich sie immer gut leiden mögen. Sie war nämlich die fleischgewordene Gutmütigkeit selber und unermüdlich in den Werken christlicher Nächstenliebe. Mir selber erschien sie immer wie ein strafender Mentor, wenn mein lässiger Eifer für die Leiden der Menschheit erlahmen wollte. Als ich nun das verdächtige Lächeln in ihren Zügen sah, hatte ich mehr noch als sonst kein gutes Gewissen und fürchtete so halb und halb, daß sie wieder einmal hinter eine meiner Dummheiten und Nachlässigkeiten gekommen sein könnte. Um nun aber den völlig Ahnungslosen spielen zu können, kam ich ihrer Anrede zuvor, indem ich sagte:

»Gut ausgeschlafen heute oder in der Lotterie gewonnen, Schwester, oder gar zu einem Judenball geladen?«

»Weil ich so lustig bin,« war die Antwort. »Nein, ich soll Ihnen nur ausrichten, daß Sie einmal zu Fräulein Pfander kommen möchten.«

»So, und da freuen Sie sich auch noch, daß wieder einmal ein Menschenkind einem Doktor verfallen ist.«

»Sie sucht den Arzt nicht in Ihnen. Aber tun Sie mir doch den Gefallen und beehren Sie das alte Fräulein im Laufe des Vormittags. Sie sind ja nun doch schon einmal auf dem Weg. Um die Ecke herum, und Sie stehen am Diebsloch, dann den Grundelbach entlang, am Spital vorbei. Die Waschbleiche lassen Sie rechts liegen, den Rosengarten links und dann über die zweite Brücke den Burgweg hinein. Sind Sie erst dort, so schauen Sie sich nach einem Fenster um, aus dem eine gefranste Bettspreite herniederhängt, übrigens brauchen Sie im Burgweg nur nach Fräulein Pfander zu fragen, und jeder Mensch wird Ihnen sagen können, wo sie wohnt.«

Mit diesen Worten und einem verschmitzten Blick unter ihrer Haube hervor war sie hinter einer Haustür im Gerberviertel verschwunden.

Ich müßte nicht neugierig sein und nicht Adam heißen, wenn ich nicht das Verlangen verspürt hätte, dahinter zu kommen, welche Überraschung diese Evastochter Philippine mir bereitet hatte. Ich machte mich also sofort auf den Weg, um die Wohnung des Fräuleins Pfander aufzusuchen. Drei Treppen hoch, und ich war dem Himmel näher als andere Leute und vor der Türe des Fräuleins Pfander. Auf mein leises Pochen antwortete aus dem Zimmer heraus ein schwaches »Herein!« Ich trat ein und stand einem schneeweißen Damenkopfe gegenüber, von dem ich zunächst nur das eine wußte, nämlich, daß er nicht zu Fräulein Pfander gehörte. Um dem rätselhaften Wesen näher zu kommen, erklärte ich, daß ich ein Doktor wäre und durch die Stadtschwester hierherbestellt.

»Dann heißen Sie am Ende gar Karrillon und sind der Schullehrersadam?«

»Das erstere bin ich für die Polizei und Steuerbehörde, das letztere für meine Freunde,« gab ich zur Antwort.

»Zu denen auch ich mich rechne,« fuhr die Dame fort, »oder sollte Ihnen der Name Pauli gänzlich unbekannt sein?«

»Pauli, Pauli,« gab ich zurück, »wenn's mir recht ist, spielt der Name in den Erzählungen meines Vaters aus seinem Leben eine Rolle.«

»Wird wohl stimmen. Pauli hatte die Apotheke in Waldmichelbach, und Ihr Vater selig verkehrte viel in unserm Hause. Mein Gott, er hatte wenig von dem eignen Heim! Viel kleine Kinder und seit Jahr und Tag eine kranke Frau. Wo gab es da für ihn eine Stelle, wo er sich ausruhen konnte von den Sorgen und Mühen des Tages? So sprach er des öfteren bei uns in der Apotheke vor, trank einen Kaffee mit und sah seinem Jüngsten zu, wie er an Stühlen und Bänken die ersten Versuche machte, ein Weltenbummler und Dichter zu werden.«

»Und diesen kleinen Athleten haben Sie gekannt?«

»Gewiß, und er glich Ihnen bis auf den Schnurrbart unter Ihrer Nase. Lassen Sie mich nur weiter erzählen und Sie werden erfahren, warum ich die Schwester Philippine ersuchte, Sie einmal herzuschicken. Ich bin nämlich des Paulis Tochter und jene, die den kleinen Blondkopf mit Süßholz fütterte, wenn er unruhig wurde. Ich habe späterhin einen Doktor Kritzler geheiratet, bin in die Nähe von Aschaffenburg gezogen und habe meinen Schützling von ehedem aus dem Auge verloren, zumal da ich gar bald für zwei Weißköpfe zu sorgen hatte, die nicht minder gefräßig waren, wie vordem der Lehrersbub. Nun, Gott sei Dank, wir hatten zu essen für die Söhne. Sie wurden groß und dienen heute als Offiziere dem Vaterlande. Der eine ist Hauptmann in Koblenz, der andere in Leipzig. Von letzterem komme ich soeben. Er hat eine Lungenentzündung überstanden und war schwerkrank.«

»Und Sie haben ihn gepflegt?«

»Ja und bin bei dem Geschäfte wieder auf Ihre Fährte gestoßen. Hören Sie nur! Als es meinem Jungen wieder besser ging, bat er eines Tages seinen Arzt um etwas Lektüre. Der vielbelesene Mann brachte seinem Patienten ein Buch mit, und denken Sie nur, was das war.«

»Vermutlich keiner von den Kirchenvätern.«

»Das nicht, obwohl der Inhalt des Buches sich um einen Mann drehte, der im Alten Testament schon eine Rolle spielte.«

»Er wird doch nicht Michael Hely geheißen haben?«

»Nicht anders, und das Buch war von einem Autor geschrieben, dessen Name nicht leicht mit einem andern verwechselt werden kann. Verstehen Sie jetzt, warum es mich in meinen alten Tagen hierher an die Bergstraße gezogen hat? Daß ich's nur offen sage: Ich bilde mir ein, daß ich ein Anrecht an den Früchten eines Baumes hätte, dessen Wurzeln ich vordem mit Himbeerwasser begossen habe.«

An dieser Stelle suchte ich dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, indem ich bemerkte: »Sie müssen doch meine Mutter gekannt haben, verehrte Frau Doktor, wollen Sie mir nicht einmal von ihr erzählen? Denken Sie nur, ich kann mir, so sehr ich auch mein Gehirn plagen mag, keine Vorstellung davon machen, wie sie ausgesehen haben kann, obwohl ich doch schon zehn Jahre alt war, als sie starb. Ein bleiches Gesicht, aus dem zwei hektische Rosen traurig herausleuchteten, ist alles, was mir als Erinnerung von ihr geblieben ist.«

»Nur zu begreiflich,« sagte Frau Kritzler, »sie hat mehr als acht Jahre im Bette zugebracht. Aber ich kann Ihnen sagen: Sie war eine hehre Gestalt mit breiten Schultern und schwarzem Haar, das leicht gewellt über eine hohe Stirne niederfiel. Wenn sie erregt war, konnte sie sogar energisch, ja furchtbar erscheinen.«

»Und eine solche Gestalt, von der ich aber nicht weiß, ob sie meine Mutter war oder nicht, schwebt meinem Geiste vor. Werden Sie mir verzeihen, wenn ich Ihnen erzähle, in welcher Situation?«

»Reden Sie immerhin. Wir sind beide alt und dickhäutig genug geworden, so daß von innen heraus die Schamröte uns nicht mehr durchleuchten kann.«

»Sei's drum gewagt! Eine ernste Frauengestalt schwebt mir vor. Sie hat sich über mich gebeugt, hebt mir mit der Linken das Hemd empor und bearbeitet mit der Rechten mein Hinterteil, wie mir's erscheinen will, nicht allzu zärtlich. Wissen Sie vielleicht, wer das war?«

Frau Kritzler lachte laut auf, indem sie sagte: »Ihre Mutter war's, und wissen Sie auch, warum Sie damals die Prügel erhalten haben?«

Als ich den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: »Sie dürfen es der Guten nicht gar so übel nehmen. Aber Sie hatten sie ja auch in eine arge Verlegenheit gebracht. Ich muß den Donatischen Kometen vom Jahre 1858 noch einmal an den Himmel malen, wenn ich Ihnen erklären soll, wieso. Haben Sie eine Vorstellung, wie der damals ausgesehen hat?'

»Wie eine Zuchtrute aus glühenden Eisendrähten hat er über dem Dorfe gestanden.«

»Und für eine Zuchtrute hat ihn auch das Volk genommen. ›Gott will seine mißratenen Kinder züchtigen,‹ so sagten sich die Leute untereinander. ›Kriege werden kommen, Erdbeben auftreten, ja der Weltenuntergang ist so gut wie sicher. Wehe alle denen, die jetzt nicht in sich gehen.‹

Man lief zu den Beichtstühlen, und die Rosenkranzhändler hatten goldene Zeiten. An jedem Abend, den Gott am Himmel erscheinen ließ, versammelte sich eine fromme Schar am Fuße der hohen Schultreppe, und der Erbhannädel belehrte die Leute über all' die Zeichen, die dem letzten Gerichte vorangehen würden. ›Die Erde wird ihren Mund auftun und Feuer speien, und warmes Wasser wird niederregnen aus den Wolken.‹ Na und das letztere war in diesem Augenblicke wahr geworden.«

»Ich fange an, zu begreifen,« unterbrach ich plötzlich. »Sollte ich an diesem Tage getan haben, was an jedem Abend vor dem zu Bette gehen mein letztes Geschäft war?«

»Sie machten das Männchen auf dem Brunnen zu Brüssel, weiter sage ich nichts. Aber nun denken Sie sich nur, wie angesichts der eben gehörten Weissagung unmittelbar unter der Wirkung der Gottesrute das warme Wasser wirkte! Wie eine Taubenschar, in die der Habicht stößt, fuhr die Menge auseinander. Wer die warme Nässe im Genick zu fühlen bekam, spürte gleichzeitig unter seinen Füßen auch schon die versengenden Flammen aus der geborstenen Erde. Angstrufe und Geschrei aus fünfzig Kehlen erfüllten die Luft. Der einzige, der ruhig Blut und Fassung behielt, waren Sie auf Ihrem erhabenen Standpunkt über dem Volkshaufen.«

»Vermutlich nur so lange, bis meine Mutter Zeit gefunden, aus dem Zimmer zu stürzen, um den Übeltäter zu bestrafen,« erlaubte ich mir zu ergänzen.

»Ganz recht, dann stimmten auch Sie mit ein in das allgemeine Heulen und Zähneknirschen und doch, denken Sie nur, hatten Sie an diesem Abend die erste Sprosse auf der Leiter Ihres Ruhmes erstiegen.«

»Man wird mich doch nicht zum Ehrenbürger gemacht haben, weil ich den Leuten umsonst den Scheitel gesalbt hatte?«

»Das nicht. Aber Sie wurden von den Aufgeklärten, vom Aktuar, Forstrat und Apotheker, auf den Schild gehoben. Der Hutmacher erklärte Sie für einen neuen Luther, der mit beißender Essenz den Leuten den Kopf wasche. Ihr Name ging am Honoratiorenstammtisch von Mund zu Mund, und überhaupt das ganze Kirchspiel lachte und redete über drei Monate lang von nichts anderem als dieser lustigen Geschichte.«

»Gleichwohl kann ich mir nicht vorstellen, daß alle Leute von meinem ersten Auftreten auf der Lebensbühne entzückt gewesen sind.«

»Waren sie auch nicht. Aber Sie hatten andere Eigenschaften, die Sie Ihren Gegnern wieder unentbehrlich machten.«

»Sie können meine Achtung vor mir selber nur steigern, wenn Sie mir die nennen wollen, Frau Kritzler.«

»Nun, da war zunächst einmal Ihre Stimme.«

»War die so, daß man mit ihr die Hasen aus dem Krautfeld scheuchen konnte?«

»Das nicht, aber Sie galten als guter Sänger bei den Beerdigungen, verstanden es, die Altarkerzen zu bedienen, schwangen bewundernswürdig das Rauchfaß und gossen das Öl in die ewige Lampe, wenn die Künste der Karline versagten, und die Leute trotz Streichens und Blasens zum Sterben kamen. Ach, die Karline, können Sie sich deren nicht erinnern, der kleinen, rotbäckigen Alten, die acht Söhne und zweiunddreißig Zähne verloren hatte und doch immer ein so fröhliches Gesicht machte, als ob Kirmes und Fastnacht bei ihr auf einen Tag fielen?«

»Sie meinen doch die Haubenbüglerin, die auch die Schirtingblumen fabrizierte in den Buchs der Totenkränze hinein?«

»Gott gebe ihr eine fröhliche Auferstehung! Sie hat mehr Gutes an der Menschheit getan als hundert Wundärzte zusammengenommen. Sie konnte das Blut mit Spinnweben stillen und brauchte keine Blutegel hinters Ohr zu setzen, wenn sie ein Kopfweh vertreiben wollte. Schade, daß ihre Zaubersprüchlein mit ihr verloren gingen.«

»Bis auf eines, das wie ein verwehter Schmetterling in dem Brei meines Gehirns hängen blieb. Denken Sie nur, Frau Kritzler, die Sache kam so. Meine Mutter litt stark an Migräne, und sie wurde ihre Schmerzen los, wenn die Karline kam, um es zu brauchen. Freilich hielt die Wirkung oft nur einige Stunden an, und um die Nachtruhe der weisen Frau wäre es geschehen gewesen, hätte man sie so oft rufen wollen, als meine arme Mutter nach ihrer Hilfe verlangte. Man mußte also auf einen Ersatz bedacht sein, und man kam auf den Gedanken, daß ich das Sprüchlein der klugen Frau erlernen solle, um es anzuwenden, wenn es verlangt wurde. Zu ihrem Nachteil gab die Künstlerin ihr Geheimnis preis. Zwei-, dreimal hergesagt, und ich konnte das Sprüchlein nachplappern: »Wilder Wald, ich hör' dein Brausen, hör' dein Sausen, will der Marieliese Kopfweh mit dir vertauschen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.«

»Und haben Sie die Zauberformel an ihrer Mutter angewendet und damit Erfolg erzielt?«

»Mehr als tausendmal hat der Humbug ihr geholfen. Er hilft jedem, der dran glaubt, und zum mindesten er schadet keinem Menschen, es sei denn, daß die Einnahmen der alten Karline durch meine Konkurrenz zurückgegangen wären.«

»Sind Sie ihr denn wirklich ein gefährlicher Konkurrent geworden?« fragte Frau Kritzler.

»Ich nehme es an, denn ich war damals ein gesuchter Heilkünstler, so zwar, daß ich nur an wenig Tagen der Woche noch zur ganzen Nacht kam. Hundert Male bin ich von einem Arm auf den anderen gewandert und habe die Reise durch alle Höfe und Winkel des Dorfes gemacht, zwischen dem letzten Abendschein der Sonne und dem ersten Hahnenschrei. Wie gut erinnere ich mich des Umstandes, daß ich kalte Zehen bekam, weil mir die Füße unten aus der umgeschlagenen Pferdedecke herausguckten.«

»So waren's etwa gar Ihre wißbegierigen Zehen, die das beobachteten, was Sie später zu Papier gebracht haben?«

»Kann sein, Frau Kritzler. Kalte Füße veranlassen erst einen warmen Kopf, und den muß der Dichter haben, wenn er auf gescheite Einfälle kommen soll. Im übrigen danke ich nun für das Interesse, das Sie an meiner Person bekundet haben, Frau Kollega. Wenn's das Schicksal will, sehen wir uns noch einmal wieder im Leben, nur darf es sich nicht abermals vierzig Jahre Zeit gönnen wollen, bis es uns zusammenführt.«

Wir verabschiedeten uns voneinander, um uns niemals wiederzusehen. Wie ich gehört habe, ist die Dame im Jahre 19 in Heidelberg gestorben.

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