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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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»Funkenblicke seh' ich sprühen
Durch der Linden Doppelnacht.«

Niemals war das Paradies auf der Erde, wenn wir Deutschen es vor dem Jahre 1914 nicht hatten. Aus dem frommen Boden schossen die Kirchtürme heraus wie die Spargeln, und Fabrikschornsteine wie gaile Hanfstengel. Geld kam ins Land und der Arbeiter schwamm im Bier und mästete sich mit billigen Schweinerippchen. Einen Fehler freilich hatte dieses Eden, es waren zu viele Adams darin und leider auch Evas. Die Folge dieses Umstandes war ein zu rasches Anwachsen der Bevölkerungsziffer. »Wovon wollen die leben, wenn sie noch mehr geworden sind,« fragten jene sich, die am Zaune standen und durch das Laub der Bäume guckten. »Sie werden über unsere Felder herfallen, wenn sie ihren Kohl aufgefüttert haben,« gaben sie sich selber zur Antwort und wurden ängstlich. Der Furchtsame sucht immer nach einem Helfer und findet ihn leicht in einem anderen Verzagten. So waren, durch unsere Überproduktion veranlaßt, jene starken Völkerverbrüderungen entstanden, die das Vaterland wie ein eiserner Ring umspannten. Jeder Deutsche fühlte den Druck des Reifes in der Gegend seiner kurzen Rippen. Ihm war, als ob er nicht atmen könne, und das was jeder empfand, machte sich in dem Worte Luft: »So kann's nicht bleiben.« Um diesem verwegenen Diktum, das an den Grundfesten des Bestehenden rüttelte, auszuweichen, hatte ich mich mit anderen Leichtlebigen nach dem Nebenzimmer in den »Vier Jahreszeiten« zurückgezogen. Da saßen wir um den runden Tisch, rauchten, tranken und überließen das Weltregieren dem lieben Gott und jenen, die dafür bezahlt wurden. Dachte man ganz und gar einmal an die Möglichkeit eines Krieges, so stellte man sich den als einen kurzdauernden vor und seine Schlachten verlegte man hinter die Berge und hinter sumpfige Einöden, in deren Morast man den Gegner ersticken ließ. Man war eben in der langen Friedenszeit der richtige Philister geworden, der an die Allmacht des preußischen Landwehrmannes glaubte, Gott einen guten Mann sein ließ und nicht geniert sein wollte. Eine Ausnahme von der Regel dieser Musterknaben machte auch ich nicht. Ich war im langsamen Vorrücken sechzig Jahre alt geworden und hatte meine beiden Kinder versorgt. Der Sohn war in meine Fußstapfen getreten und ging hausieren mit den Kraftbrühen der Medizin. In selbstgerechter Sorglosigkeit hatte ich mich nach einer Schiffsarztstelle umgesehen und war mit dem Dampfer Scandia nach Ostasien gegangen. Noch war ich damit beschäftigt, meine Reiseerlebnisse unter dem Titel »Sechs Schwaben und ein halber« zu sammeln, als der politische Horizont sich mehr und mehr trübte. Es war klar, daß die Wolken, die Deutschland umlagerten, zu einer Entladung führen mußten.

Eher schon, als diese kam, hatte das Unglück an meiner Tür gepocht. Im Frühjahr 1914 war mein Schwiegersohn gestorben, und die Sorge für zwei Enkel belastete neuerdings meine Schultern. Wenige Monate nur, und wir hatten den Krieg. Mein Sohn war eingerufen und schwamm auf dem Schiffe »Albatroß« in den Gewässern der Nord- und Ostsee herum. Um ihm die künftige Rückkehr zu erleichtern, hatte ich seine Praxis bis zur Beendigung des Feldzuges übernommen. Diese Vorsicht war überflüssig gewesen. Er kam nicht mehr. An dem Gestade der schwedischen Insel Gotland hatte er den Heldentod und ein ehrliches Soldatengrab gefunden. Sein Name aber lebte auf und rauschte in dem deutschen Blätterwald. Hunderte von Briefen regneten nieder auf den Schreibtisch seiner Mutter und auf den meinigen. Darunter war einer, der mit den Worten begann: »Mein lieber Herr Doktor« und endigte: »Ihre Luise Happold.« Ich strengte alle meine Sinne an, um Klarheit darüber zu erlangen, wer die Schreiberin sein könne. Es half nichts. Ich mußte mich an die Entzifferung einer ziemlich undeutlichen Handschrift heranmachen. Ich tat's und stieß auf den folgenden Satz, nachdem eine Anzahl von Beileidsbezeugungen durchgelesen war.

»Erinnern Sie sich noch, wie Sie mir zu Würzburg in mein Album schrieben: ›Nun ist die Welt vom Winterschlaf umfangen.‹«

Ich griff nach meiner Stirn. Das waren ja Verse. Hatte ich mich je mit der Fabrikation von Versen befaßt? Ach richtig – in der Eichhornstraße der fränkischen Bischofsstadt, zugunsten jener Todeskandidatin, die von Meran aus meinen Hauswirten zugereist war. Hätte ich die nicht beerben sollen? Ja doch, und nun lebte sie heute noch.

Aber nun wo denn?

Da stand's ja. Zu Sachsenhausen in einer Straße, die ihren Namen von einem Musikanten herleitete, Mozart, Bach oder Wagner.

Und eingeladen war ich, die Briefschreiberin einmal zu besuchen, wenn mich mein Weg an den Main führen sollte.

Da ich bald darauf in Frankfurt zu tun hatte, so scheute ich den Gang über die Brücke nicht und fand den Todeskandidaten aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in leidlich guten Gesundheitsverhältnissen vor. Ich glaube, die Absicht, daß das Mädchen mir ihr Vermögen vermachen wollte, mag ihren Körper erhalten haben. Wer ein hohes Alter erreichen will, muß einen deutschen Dichter zum Erben einsetzen.

Wir sprachen viel über den unseligen Krieg und einiges wenige auch über die Literatur. Während des Geredes erfuhr meine Partnerin mit Staunen, daß der »Michael Hely,« »Die Mühle zu Husterloh« und »O domina mea« von mir verfaßt seien. Sie hatte die Bücher aus einer Leihbibliothek bezogen, und sie hatten ihr gefallen. Von wem sie geschrieben sein mochten, das hatte die Gute nicht interessiert. Der Tod meines Sohnes erst hatte ihr den Gedanken nahegebracht, daß der Student von dazumal mit dem Schiffsarzt des Albatroß in einem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen könne. So war der Brief an mich zustande gekommen und als dessen Folge unsere nähere Aussprache.

In Weinheim hatten sich rasch die Verhältnisse geändert. Der Überschwang einer patriotischen Begeisterung war im Verlauf des Krieges einer nüchternen Sparsamkeit gewichen. Die Stadtväter fanden, daß sie mehr Spitäler gegründet hatten, als sie unterhalten konnten. So wurde das von mir verwaltete Lazarett aufgehoben, ohne daß ich um meine Meinung gefragt worden wäre. Verärgert verließ ich die Stadt, um mir einen anderen Posten zu suchen.

Durch Vermittlung meines Freundes Max Nassauer in München fand ich rasch eine ärztliche Verwendung in Schliersee. Dort zwischen den bayrischen Bergen, wo ich dem Kanonendonner von der französischen Grenze ferner war, fand ich die Ruhe wieder zum Schreiben. Lange hatte ich mich mit dem Gedanken getragen, die Gestalt meines Großvaters literarisch festzunageln. Wie ich den Alten aber auch packen mochte, immer war er mir für den Wagen zu kurz und für den Karren zu lang. Mit seinem Sohne zusammen mußte er auf den Markt gefahren werden, aber die Beiden ließen sich in einer Kiste nur schwer verpacken.

Da – es war an einem Sonntag in der Morgenfrühe – kam der erlösende Gedanke. Ich lag im Bett und ließ mein Ohr füllen von fernem Glockengeläute, das wache Träume schuf. »So, jetzt hast du ihn,« mußt ich da mit einem Male sagen und sprang mit gleichen Füßen aus den Federn. »Genau in der Pose wie der Kirchenschwänzer damals der Engelwirtin zu Waldmichelbach erschien, so mußt du ihn vor dein Publikum stellen und es wird wissen, was es an ihm hat.« Von da ab schrieb ich denn munter drauf los. Freilich, ein Jahr hat's doch noch gedauert, bis »Adams Großvater« fertig war und bis ich im Rheingau unter das vollendete Werk die Worte setzen konnte:

Zu Schliersee erdacht' ich den Roman,
Zu Schlangenbad macht' ich den Schlußpunkt dran.

Ich war nämlich in dies stille Waldtal geflohen, um ruhig arbeiten zu können. Nun, wo ich fertig, suchte ich nach neuer Tätigkeit und fand in einer Zeitung das Gesuch eines Wittener Arztes nach einem Vertreter. Ich meldete mich und wurde angenommen.

So stand ich denn am 1. September des Jahres 1917 zwischen rauchenden Schornsteinen am Ufer der kohlenschwarzen Ruhr in einer mir gänzlich unbekannten Stadt. Um mir die Orientierung zu erleichtern, suchte ich nach einer Kartenskizze und geriet in den Laden eines Buchhändlers. Hier vor einer Unmasse von Gelehrsamkeit, die in Regalen aufgespeichert war, spielte mir mein Regenmantel einen dummen Streich. Er war wie das Kleid Johannis des Täufers aus Kamelshaaren und ich hatte ihn in Peking gekauft. Ich muß zugeben, daß er etwas Exotisches an sich hatte, selbst dann noch, wenn man sich das Ideogramm wegdenkt, das der mongolische Schneidermeister an das Rockfutter genäht hatte. In den Verdacht der Spionage wäre ich aber wohl doch noch nicht gekommen, wenn nicht die Wogen politischer Erregung allzuhoch gegangen wären und wenn mir nicht eine bleichsüchtige Jungfrau gegenübergestanden hätte, die es mit ihren patriotischen Pflichten gar zu ernst nahm. Kaum hatte sich dem kleinen Racker der Gedanke aufgedrängt, daß ich ein Ausländer sei, so mußte ich auch schon Kriegsgeheimnissen nachspüren und mit dem feindlichen Ausland im Bunde stehen. Der schlaue Cherub ließ mich in seinen Büchern wühlen, verkaufte mir aber weder einen Führer noch eine Karte. Ich ging ärgerlich aus dem Geschäft und die Ruhrstraße entlang. Vor den Körben einer Obsthändlerin machte ich halt, um mir Birnen zu kaufen. Als ich eben den Geldbeutel ziehen will, legt mir ein Polizist die Hand auf den Arm. »Im Namen des Gesetzes« sagt er, »mein Herr, Sie sind verhaftet.«

»Schon wieder einmal« bemerkte ich und folgte dem Zutreiber der Gerechtigkeit ins Ratshaus hinein.

In einem öden Zimmer, das nach Handkäse und Streusand roch, saß ein schnauzbärtiger Beamter, der mich vergeblich mit seinen Blicken zu durchbohren suchte. Als dies mißlang, verlangte er mit gebietender Stimme nach dem Anblicke meines Passes. Da ich keinen hatte, so war ich schon so gut wie der Spionage überführt, und ich wurde angepfiffen.

»Er treibt sich also ausweislos im Lande herum und versucht es, Karten und sonstiges Material zusammenzukaufen und über die Grenze zu schaffen. Wie heißt er denn?«

Da ich nun gar das schreckliche Wort Karrillon noch hervorstoßen mußte, da war ich verhört, gerichtet und verdammt. »Er bleibt zunächst in Haft, bis anderweitig über ihn verfügt sein wird,« hieß es. »Oder hat er vielleicht eine vertrauenswürdige Persönlichkeit hier am Ort, die über ihn aussagen kann.«

Ich nannte die Gattin meines Chefs und bat, dieselbe telephonisch über mich befragen zu wollen. Ihr Mann war nämlich, nachdem er mich kurz instruiert hatte, nach dem Sennelager abgereist.

Der Apparat schnurrte und der Kommissar rief in den Schallbecher hinein: »Frau Doktor da?«

»Nein, ausgegangen in die Stadt« antwortete das Dienstmädchen.

»Schlimm für Sie« fuhr der Beamte mir zugewendet fort. »Haben Sie nicht etwa noch einen anderen Bekannten in der Stadt?«

»Da fällt mir eben ein, den Herrn Oberbürgermeister« entgegnete ich.

»So so, mein Herr, wollen wir also den einmal anrufen. Aber bitte, nehmen Sie Platz. Sie werden müde sein,« flötete in milden Tönen der Großinquisitor.

Als ich mich nach einem Stuhl umwende, sehe ich die kleine Buchhändlergans sitzen, die durchaus das Kapitol retten wollte und ihre Sache auch jetzt noch nicht verloren gab.

Mit spitzem Finger deutete sie nach der Keilschrift meines Mantels hin und erreichte damit, daß der Kommissar die Frage an mich richtete: »Was die Hühnerfüße zu bedeuten hätten.«

Ich sagte, es sei wohl die Reklame einer Schneiderfirma und wollte weiteres beifügen, als es aus dem Telephon erschallte:

»Bitte wer dort?«

»Dein Bundesbruder, erkennst du meine Stimme?«

»Du, Karrillon? Aber sag Mensch, warum hast du mich noch nicht aufgesucht?«

»Soll heute noch geschehen, sobald ich wieder auf freien Füßen bin.«

»Sie sind es schon mein Herr,« mengte sich unter Bücklingen der Beamte in die Unterhaltung. »Ich kann meinerseits nur bedauern, daß Sie durch den Übereifer einer Unerfahrenen in Ungelegenheiten gekommen sind.«

»Einer Unerfahrenen,« da hatte sie ihren Lohn, die kleine Papiermotte. Nun konnte sie gehn. Aber sie ging nicht, sondern sauste in Sprungschritten die Treppe hinunter, offenbar in Sorge, daß ich nachkommen und sie bei den Ohren nehmen könne. Außer dieser Belästigung erlebte ich nur gutes an der Ruhr.

Ein Jahr lang weilte ich zu Witten. Länger zu bleiben erschien mir nicht ratsam. Die Zeichen des nahen Zusammenbruchs der deutschen Front waren zu deutlich. Den einen über den andern Tag standen die Granatendreher in den Straßen und drehten – Zigaretten. –

»Warum schafft ihr nicht?«

»Wir haben keinen Strom.«

Diese Antwort war falsch. In Wahrheit fehlte es am Magneteisen zur Herstellung der Geschützmunition.

Auch Soldaten trieben sich da herum. Sie erzählten ungescheut, daß sie ohne Urlaub die Front verlassen hätten und daß sie nicht gesonnen wären, wieder ins Feld zu gehen. Es ging dem Schlusse zu. Die Begeisterung verrauscht, der Opfermut zerrieben. – – –

Die letzte Nacht vor meiner Abreise verbrachte ich im Hause des Direktors Liske. Seine Gattin und die Kinder hatten mir viel Anhänglichkeit und Liebe entgegengebracht und als ich in der Morgenfrühe am Bahnhof von den Guten Abschied nahm, war mir das Herz recht schwer. Was hinter mir lag, war mir bekannt, was vor mir drohte, durchaus gespenstisch und rätselvoll.

Zu Köln am Rhein sah ich mir den Dom noch einmal genauer von außen und innen an, wie man ein Ding betrachten mag, das dem Untergang geweiht ist. Vor achtunddreißig Jahren hatte ich die Einweihung des Wunderbaues mitgemacht. Sollte ich seine Einäscherung noch erleben?

Der Feind war im Anrücken, wer wollte prophezeien, was geschah?

Zu Bonn nahm ich Nachtquartier und besuchte den eisernen Ernst Moritz auf seiner Terrasse überm Fluß. Er hat noch immer die Hand erhoben, als ob er Deutschlands Jugend belehren wolle. Allein ich fürchte, er predigt tauben Ohren. Marx und Lassalle haben die Menge hinter sich. Das Herz ist mundtot gemacht. Die Menschen fühlen mit dem Magen.

Eine Stimme aus meinem Innern flüsterte mir beim Blick über den Rhein und nach dem Siebengebirge hin zu: »Wer weiß, bald wird es einen Deutschen Rhein nicht mehr geben. Laß dich von seinen Wogen noch einmal tragen, bevor das Banner der Alliierten von seinen Burgen weht.«

Der schmerzliche Gedanke gebar eine unruhige Nacht. Der Morgen sah mich mit meinem Gepäck auf dem Dampfer und es ging stromaufwärts. Viele Leute kamen an den Zwischenstationen mit wehenden Fahnen und Standarten an Bord. Waller warens, die zur Madonna von Bornhofen pilgerten. Wollten sie mit Gebeten fertig bringen, was mit Kanonen nicht zu erreichen war? Laut genug schrillte ihr Rufen zum Himmel hin:

»O, Maria hilf uns all'
Hier in diesem Jammertal.«

Umsonst das Beten, umsonst der Sang. Wie eine Springflut wälzten sich die Scharen unserer Feinde dem Rheine zu. Ehe sie die Ufer des heiligen Stromes erreichten, verließ ich Bornhofen, wo ich mich einige Wochen aufgehalten hatte. In Wiesbaden traf ich mit meiner Frau zusammen. Wir waren beide alt und arbeitsmüde und hofften nichts mehr von besseren künftigen Tagen. So mieteten wir uns in der Bäderstadt ein. Bis meine Frau den Umzug von Weinheim bewerkstelligt hatte, weilte ich bei meiner Tochter in Freiburg. Zwei Jahre vorher war ich auch bei ihr gewesen, aber ich hatte unruhige Nächte dort erlebt. Die Flieger von Belfort waren des öftern zum Besuch der Stadt gekommen. Der Keller war Nachtquartier geworden, das Bett ein Kohlenhaufen.

Die Nachrichten vom Vorrücken des Feindes beschleunigten meine Abreise nach meinem neuen Wohnsitz. In Weinheim machte ich eine kurze Station, um noch einmal mit meinem Freunde Platz zusammen zu sein. Alte Bekannte von den verschiedenen Stammtischen sahen sich wieder, aber mit veränderten Gesichtern. Die Augen trübe, die Stirnen umwölkt, trotz des Trompetenschalls, der von der Straße her zu uns dringt. Geschlagene Östreicher sind's, die vom Rhein ostwärts nach der Donau fluten.

Nun nicht länger zögern. Komme, was kommen mag, ich kann die Frau nicht allein in Wiesbaden lassen.

Ich eile nach dem Bahnhof. Autos flitzen an mir vorüber. Sie sehen verlebt aus ebenso wie die Männer, die in ihren Polstern liegen. Unter den Wagenachsen hervor quälen sich krächzende Töne, wie von einem Kranichzuge, der dem Winter vorausfliegt. Wohin zielt die Reise dieser verschlagenen Fuhrwerke? Eilen sie den weichenden Regimentern voraus, um ihnen Quartiere zu bereiten? Sind ihre Insassen Führer, die ihren Posten verlassen haben? Wie niederdrückend, wie undenkbar ist diese Möglichkeit nach so vielen Jahren eines beispiellos zähen Standhaltens. Aber nun nur nicht tiefsinnig werden und stehen bleiben. Immer voran, teils schiebend, teils geschoben. Die Menge drängt nach den Schaltern, nach den Bahnsteigen. Wohin wollen sie, alle diese Vergeisterten mit den flatternden Haaren und zerrissenen Kleidern? Nur an die Bahn, an diese Schlagader des Verkehrs. Man hofft auf eine bessere Nachricht aus der Ferne. Es ist ja nicht möglich, daß unsere Heere anders heimkommen als mit dem Siegeslorbeer um die Fahnen. Man schiebt sich ineinander hinein. Es entsteht eine Mauer von Menschenfleisch. Vorsichtig, um kein Unheil anzurichten, nähert sich die Lokomotive. Ich steige ein. Heppenheim, Bensheim, Zwingenberg ruft es vor den Wagentüren. Überall das gleiche Bild. Die Menge steht, staunt und gafft dem Unglaublichen entgegen.

In Darmstadt gibt es einen längeren Aufenthalt. Ob und wann ein Zug nach Mainz fährt, weiß man nicht. Ich gehe vor den Bahnhof. In langen Reihen stehen Pferde da herum, magere, struppige, abgetriebene Tiere. Traurig lassen sie die Köpfe hängen. Gewiß nicht jeder Gaul konnte glauben, daß er den siegreichen Feldherrn auf seinem Rücken durchs Brandenburger Tor tragen werde, aber daß es keiner von ihnen tat, das schien der große Gattungsschmerz zu sein. Oder war es das Strohseil im Schwanz, das sie beschämte? Hatten sie nicht durch vier Jahre hindurch alle Mühe und Gefahr ihrer Reiter geteilt und nun war dies Sklavenzeichen, daß sie käuflich seien für den Zigeuner, Milchhändler und Pferdemetzger ihr Lohn. O wie undankbar ist doch der Mensch.

Plötzlich ein Rennen nach den Einsteigehallen. Ein Gerücht geht, daß ein Zug gegen Mainz hinabgelassen werde. Man fragt nicht, welcher Zug das sei. Man steigt nur ein und ist glücklich, daß man sitzt oder steht. Ein Zufall hatte mich gut geleitet. Ich war, wo ich hingehörte, und sah nach einer Stunde bereits, wie sich die Türme der alten Bischofsstadt im Rheine spiegelten. Nur bis zum Neutor ging der Zug. Vorm Tunnel mußten alle Reisenden heraus und nun flutete es mit Kisten und Kasten in die engen Straßen hinein. Welch' ein Gedränge in den Winkeln und Gassen. Jeder schien nur dazu da zu sein, um etwas Verkehrtes zu tun. Der schöpfte Wasser mit einem Sieb, jener spannte einen Maulesel vor eine Komodschublade. Alles schien fort zu wollen und keiner wußte doch wohin. Nur die Diebe waren sich darüber klar, warum sie ihre Beine bemühten.

Auf der Brücke über den Strom war ein lebensgefährliches Gedränge. »Sie kommen und sperren den Weg nach Wiesbaden ab«, diese Losung war es, die jeden Fuß beflügelte. Und sie kamen auch, die ersten Geschütze von den zurückströmenden Heeren. Mit Mühe rettete ich mich noch in einen Wagen der Elektrischen hinein und saß am Ende dieser traurigen Reise ratlos bei meiner Frau in Wiesbaden.

Um nicht ganz im Trübsinn zu versinken, hatte ich mich an meinen Schreibtisch zurückgezogen und fing an, meine fröhliche Vergangenheit niederzuschreiben, um meine traurige Gegenwart zu vergessen.

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