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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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»Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.«

Der Vesuv regte sich einmal wieder und bedrohte Torre del Greco mit dem Schicksal von Pompeji und Herculanum. Potz Blitz, so was war nicht alle Jahre zu sehen wie das Kasperltheater. Auf also nach den Tyrrhenischen Gestaden hinunter. Mein Freund Kalbow war Feuer und Flamme, als ich ihm erzählte, wohin die Reise gehen solle, und seine Frau setzte sich sofort an die Nähmaschine und schneiderte an einem feuersicheren Mantel herum, weil sie dem Lavaregen mißtraute, den sie aus Bulwers »Letzten Tagen von Pompeji« kannte.

Genua erreichten wir, nicht ohne daß unsere Reisegenossin bereits den Vesuv zu riechen glaubte und die Fenster des Wagens schloß. Im »Aquila nera« erkundigte ich mich vergeblich nach der schönen Kammerzofe, die mir damals mit Zwirn und Nadel so hilfreich zur Seite gestanden hatte. Sie war spurlos verschwunden. Hätte ein Raffael sie auf ein Stück Leinwand gepinselt, so hätte ihr Gesicht in tausend Jahren noch die Menschheit nach irgendeinem Galeriezimmer locken können. So aber war's nichts mit ihrer Unsterblichkeit und meinem Fragen nach ihr. Punktum, sie war erledigt, und wir drei hatten eine andere Doktorfrage zu lösen, und das war die: Wie wir zwischen uns die Blutsverwandtschaft herstellten, die von der Navigazione generale italiana gefordert wurde, wenn uns die 33% Fahrpreisermäßigung zuteil werden sollten, die die Gesellschaft gewährte. Nach einigem Hin und Her einigten wir uns dahin, daß Herr und Frau Kalbow bleiben sollten, was sie waren, ein Ehepaar nämlich, ich aber sollte den Schwiegervater mimen. Zu diesem Zwecke lernte ich von »ihm« das Walli-Sagen und traktierte von jetzt ab »sie« mit dem allerväterlichsten Du, das sich einer nur ersinnen mag, wenn er sich und andere täuschen will. Beim Generaldirektor der Schiffsgesellschaft gelang das Manöver. Als wir aber auf den Dampfer Letimbro kamen und der Kapitän mit mißtrauischem Gesichte Frau Kalbow fragte: »Was sind Sie für eine Geborene,« da glaubte ich schon, es werde »Pusch« herauskommen. Allein sie besann sich noch im letzten Moment und sagte mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht: »Herr Kapitän, wer wird so neugierig sein. Man schätzt eine Dame ab nach ihrem Aussehen, nicht nach ihrem Namen.«

Da schmunzelte der alte Seelöwe ein wenig und bemerkte: »Mit welchem von den beiden da wünschen Sie nun die Kabine zu teilen?«

»Mit dem da,« erwiderte sie und hing sich in den Arm ihres Mannes.

»Und Sie sind nun der monsieur seul und bekommen die Kammer hier neben der Friseurstube,« bemerkte der Alte noch, strich seinen Schnauzbart über die Lippen und ging nach der Kommandobrücke.

Wir waren untergebracht. Unserthalben konnte es losgehen, und es ging auch los. Bald schwanden hinterm Achterschiff die ligurischen Berge, und im Vorblick stieg Korsika aus dem Meere herauf, dies Inselchen, das ein kleiner Mann zum berühmtesten Eiland der Erde gemacht hat.

Die Nacht brach an, und der Speisesaal wurde erleuchtet. Wir kamen beim Essen in die Nähe des Kapitäns zu sitzen, wie ich glaube, nicht meinetwegen. Der Biedermann wußte das Schöne zu schätzen, und das Schöne bedankte sich bei dem Starken mit klugen Reden, die aus allen Gebieten menschlichen Wissens zusammengesucht waren. So verlief die Unterhaltung gar belehrend für mich, und ich erfuhr nebenbei aus dem Gerede der Frau Kalbow, daß es in Deutschland Olivenbäume gibt, die an den Bächen hinwachsen, keine Früchte tragen und vom Volke Weiden genannt werden.

Am nächsten Morgen schon liefen wir den Hafen von Livorno an. Wir benützten den vielstündigen Aufenthalt, um nach Pisa zu fahren, den schiefen Turm zu besteigen und das berühmte Echo im Baptisterium zu bewundern. In dreißig Minuten trug uns, als wir uns weidlich umgesehen, die Eisenbahn durch den Schatten von Pinienhainen unserem Schiffe wieder entgegen, und wir fuhren südwärts weiter. Gegen die zwölfte Stunde des folgenden Tages waren wir auf der Höhe von Ostia, und wer ein Fernglas hatte, der suchte über das Flachland der Campagna hinweg vor dem schwarzen Schatten der Albanerberge die Kuppel der Peterskirche zu entdecken.

Ich bemühte mich nicht allzusehr, das Riesendach zu finden. Denn erstens kannte ich es ja von früher, und zweitens war all mein Denken dem Vesuv zugewandt, den ich mir in voller Tätigkeit furchtbar und herrlich zu gleicher Zeit wie die Gottheit selber vorstellte. Für meine Ungeduld hatte übrigens das Schiff kein Verständnis. Der alte Kasten bummelte seinen alten Trott weiter, und es ging noch eine Nacht herum und beinahe noch ein ganzer Tag, bis das Cap Miseno in Sicht kam.

»Jetzt dürfte man schon eher den Vesuv riechen,« sagte ich zu Frau Kalbow. Sie rümpfte die Nase, hob sich auf die Zehenspitzen und sagte: »Doch, und ganz sicher, ich seh' ihn auch schon. Bemerken Sie nicht, da links am Fockmast vorbei eine lichte Stelle, nicht größer zunächst wie ein Feigenblatt? Aber passen Sie wohl auf, der Lichtpunkt wird wachsen.«

Und er tat es auch, und als wir näher kamen, war es das Leuchtfeuer der Insel Procida.

»Da haben Sie Ihren Vesuv,« sagte ich zu Frau Kalbow. »Wollen Sie ihn nicht ins Handtäschchen packen und mit nach Weinheim nehmen?«

»Ich hab' ihn schon, und denken Sie nur: in der Nase. Hören Sie doch, wie ich niesen muß.«

Sie nieste in der Tat, und ich sagte »Gesundheit«, aber ich hätte das Wort noch hundertmal wiederholen können, denn andere Passagiere fingen gleichfalls zu niesen an, und ich muß wohl annehmen, daß es Nasen gibt, die, empfindlicher als die meine, bereits den Lavastaub merkten, der über den Wassern in der Luft schwebte.

Während wir noch schäkerten und uns gegenseitig neckten, machte sich am östlichen Horizont von Zeit zu Zeit ein Aufleuchten bemerkbar, wie das Wetterleuchten eines heranziehenden Gewitters.

»Walli, du kannst mich dauern, so unbeschirmt wie du nach dem Süden gereist bist,« sagte Herr Kalbow, »bis wir vom Schiff nach dem Hotel kommen, ist dein neuer Hut dir vom Kopf hinweggeschwommen. Ich habe soeben den ersten Tropfen Regenwasser ins Gesicht bekommen.«

»Ich auch. Aber ich glaube, die Tropfen sind nur das Kondenswasser aus dem Schornstein.«

Mit dieser glücklichen Bemerkung verscheuchte ich aus Wallis Gesicht die Angst und das Mitleid mit ihrem neuen Hut. Von da ab konnten wir drei die Blicke wieder dem Osten zukehren, wo sich hinter kämmenden Wogen ein ruhiges Leuchten wie Nordlicht über einem Fjord gelagert hatte.

Höher und breiter wurde nach und nach der purpurne Teppich, während doch in Minutenabständen hellblinkende Lichter von blau, gelb und rosa über ihn hinüberhuschten. »So wie da vor mir die Gegend,« dacht' ich mir, »muß die Welt ausgesehen haben, als der Herr das Wort gesprochen: ›Licht soll es werden.‹«

Und es wurde Licht auch um unser Schiff. Das feste Land schied sich von dem Wasser. Enger zog sich der Golf von Neapel zusammen, und man unterschied die Felsenschroffen von Capri und Sorrent. Wie Leuchtkäfer hingen an ihren Klippen die erleuchteten Scheiben menschlicher Behausungen.

Auch übers Bugspriet hinaus erschaute man jetzt ein anderes Bild. Stolz und kühn liefen zwei schwarze Linien zu einem spitzen Dreieck zusammen, über dem ein grauer Drache schwebte, der statt der Eingeweide ein ewiges Feuer in seinem Bauche wälzte. Aber nur für eine Minute stimmte dieses Bild. In der nächsten schon blühte über dem Bergesgipfel eine ungeheure Feuertulpe auf, fraß die Rauchsäule des Drachen in sich hinein und stand in allen Farben des Regenbogens erstrahlend da wie ein kristallener Kelch, aus dem nur Götterlippen den blutigen Nektar schlürfen.

Nein, wie sank bei solchem Anblick doch das kleine Ich zu einem Nichts zusammen, so winzig und unbedeutend, daß es sich kaum zu atmen getraute! Redet mit Zungen aus Höllenflammen geformt, all ihr Fastenprediger zusammen, nie werdet ihr die sündige Menschenseele so zermalmen können, wie es einzig ein solcher Anblick zu tun vermag!

Und dazu noch von Zeit zu Zelt das Grollen und Donnern aus den unheimlichen Tiefen des gefährlichen Berges heraus. War's nicht der reine Wahnsinn von unserem Schiff, daß es sich nach dem Feuerspeienden hinbewegte, statt sich von ihm zu entfernen?

Indessen, wir waren rings um uns her von Millionen von Lichtern umgeben. Ein strahlender Polyp hatte seine Arme um uns geschlungen und uns eingefangen. Lange Reihen von Gaslaternen standen stramm wie Soldaten da und beleuchteten die Kais. Der Bug knirschte gegen eine Mole, und die Laufplanke rutschte über den Schiffsrand herüber. Wie Treibholz im Bergstrom wurden die Passagiere ans Ufer geschwemmt. Dahin und dorthin verlor sich die Menge in schmale Gäßchen hinein.

Unser Trio fand in einem Hotel auf der Chiaja, wo ich früher schon war, ein Unterkommen. Mich aber duldete es nicht in den engen Räumen eines Gebäudes und wär' es ein Palast gewesen. Ich mußte ins Freie hinaus, an einen Ort hin, wo ich einen Umblick genoß und vor allem den geheimnisvollen Berg vor mir hatte. In Sprungschritten, als ob mir das Phänomen entschwinden könne, eilte ich um den Pizzofalcone herum nach der Piazza Plebiscito. Dort hinterm Königspalaste stand ich wie festgenagelt und schaute nach dem Vesuv hinüber, dem eine rotglühende Feuerstola vor der Brust hing, Vernichtung drohend den Häusern von Portici. Diese Stola, von der fortwährend wie Lämmer von der Weide weiße Wölkchen sich hinwegstahlen, war das dickflüssige Herzblut des Vulkans, Saft von jenem Safte, unter dem vor zweitausend Jahren die Städte Stabiae, Pompeji und Herculanum wie unter einem Brotteige erstickt waren.

Allgewaltig ist der Anblick der entfesselten Naturgewalten. Und doch des Menschen Herz gewöhnt sich an alles! Während die empörte Woge ihm übers Gesicht leckt, schläft im Mastkorb der Matrose. Wenn der Vesuv Feuer speit, lacht der Neapolitaner erst recht. Die Zigarette zwischen die Lippen gedrückt, geht er schäkernd mit seinem Schatz spazieren. Der Lazzarone pfeift, und ein Dudelsackbläser verdient sich ein paar Soldi mit seinem Gewimmer. Nicht einmal die Grisetten in ihrem Erwerbsbestreben werden von dem drohenden Höllendrachen am Berge drüben erschreckt. Eine aus der Zunft mit goldenen Reifen in den Ohrläppchen hat sich an mich herangebirscht und flüstert mit Sirenentönen: »Signore, Signore, la camera mia è vicina.«

Als ich ins Hotel zurückkam, saßen Herr und Frau Kalbow noch bei einer Flasche weißen Capriweines, und die Dame ließ sich folgendermaßen vernehmen: »Hören Sie, Doktorchen, man soll hier in der Stadt so billige Handschuhe zu kaufen kriegen. Daß Sie mir nur den Fritze nicht vor die Tore schleppen, bevor dies Geschäft allhier erledigt ist.«

Die gute Frau hatte am nächsten Tage Ruhe vor mir. Mich zog es hinweg nach den Ruinen von Pästum hinunter. Früh umfuhr ich den Vesuv und tat gut daran. Da waren meine Lungen noch nicht zugestaubt, denn heute zum ersten Male sollt' ich erfahren, was es bedeuten wollte, wenn einst die kranke Mutter sagte: »Macht, Kinder, keinen Staub und laßt doch nicht die Lampe rußen, kaum kann ich's noch erschnaufen.«

Schon bei den Granilis war die Luft mit gepulverter Asche erfüllt. Bei Greco war's, als ob man nur ins Himmelblaue zu greifen brauche, um sich Streusand aus der Luft zu holen. Der Geruchsinn war verschwunden, und hören tat man schon gar nichts mehr. Keuchend wie durch Schneewehen hindurch arbeitete sich die Maschine auf dem Bahndamm weiter. O, wie so schneckenmäßig langsam lief der Zug der Station La Cava entgegen! Hier wo der Apennin seine Berge wie Kulissen schützend gegen das Meer vorschiebt, verschwand das aschgraue Einerlei von den Fluren, und Grün trat wieder hervor auf Wiesen und Wald. Heil uns Reisenden! Auf dem Wege zum Paradies hatten wir die Vorhölle hinter uns gebracht. In tiefem Tale geht's gegen Salerno vor und bald sahen wir, wie die altberühmte Universitätsstadt ihre Türme und Häusergiebel im blauen Azur des Tyrrhenischen Meeres spiegelt. Zur Rechten wird's nun flach, während zur Linken die baumlosen Ausläufer des Apennin sich in die Ebene stürzen. Nicht lange mehr und schon sieht man die Silhouetten alter Griechentempel aus dem Boden steigen.

»Paestum« heißt es vor einem armseligen Bahnhof, und ich als einziger verlasse den Zug. Ist es denn möglich? Kann eine Stadt und eine Gegend, die einst wegen ihrer Rosenzucht weltberühmt gewesen, derartig vereinsamen? Noch stehen ohne Dach in ernster Würde die dorischen Tempel da und noch die meterbreiten Stadtmauern, die einst das lustige Völkchen der Sybariten umzirkelten. Aber wo ist am Tore der Wächter, wo in den Basiliken der Priester, wo auch nur der Hund, der einst vor jeder Haustür wachte? Das einzige lebende Wesen, das ich zwischen den Ruinen sah, war ein Mutterschwein, das einen Hofstaat von Ferkeln hinter sich nachzog. Wie sich's geziemt, bewohnen diese Hochwohlgeborenen einen kostbaren Stall, zu dem vielleicht einmal ein Phidias und Ageladas die Ornamente geliefert haben. Sein Erbauer war allerdings ein Kunstbanause; denn regellos hat er rohe Feldsteine neben Marmorbruchstücke von antiken Helmen gesetzt und Kniee von Göttinnen neben Kiesel, die der Silarus auf seinem Wege vom Gebirg herunter leidlich geschliffen und poliert hat.

Wer frohen Mutes ist, soll von Pästum fernbleiben. Ich beneide nicht die Hirten, die im Sumpfland dort den Büffel hüten, ja nicht einmal dies Mutterschwein trotz seinem kostbaren Palaste und der fröhlichen Schar seiner Epigonen. Eine schwere Melancholie brütet heute über den Trümmern dieser vordem so lustigen Stadt, und wenn's der Trübsinn allein nicht fertigbringt, daß er einem das Leben verleidet, so helfen ihm Tausende von kleinen Stechfliegen, die ihren Stachel wie eine Impflanzette gebrauchen, um einem die Malaria ins Blut zu drängen. Hinweg von diesen Trümmern verfluchter Zeiten!

Mit meinen Reisegenossen war verabredet, daß wir uns in Salerno wieder zusammenfinden sollten. Es klappte bei meiner Rückreise alles, und in einem Zweispänner ging die Fahrt nach Amalfi weiter. Im Hotel Sirene fanden wir ein gutes Unterkommen für die Nacht, und der nächste Morgen brachte einen unvergleichlich schönen Sonnenaufgang über dem Tyrrhenischen Meere und seinen berühmten Inselchen. Obwohl ich das Schauspiel so bequem wie möglich vom Bette aus genießen konnte, so trieb mich der Hunger nach Schönheit gleichwohl auf die Terrasse. Im Schatten eines Rebganges nahm ich da mein Frühstück ein, derweilen auf der Straße unten ein Mauleselgespann vorfuhr. Als Herr Kalbow sich zu mir gesellt und seinen Kaffee getrunken hatte, hätten wir wegfahren können, wenn, ja wenn – Frau Kalbow zur Stelle gewesen wäre.

»Fritze, sieh, wo deine Frau bleibt,« schnurrte ich heraus.

»Gleich wird sie da sein. Das Zimmermädchen hat nur an ihrem Kleid noch einiges zu putzen.«

»Der Himmel sei uns gnädig! Das Zimmermädchen wird das Nähmädchen suchen, diese den Hausdiener und der das Benzin. Bis alles zusammen ist, wird der Lavastrom erkaltet sein, der vom Vesuv niederhängt. Was stellen wir nun an, daß wir deine Frau zu uns herunterbringen?«

»Ich werde ihr sagen, der Prinz von Neapel käme mit seinem Stabe vorübergeritten, und du sollst sehen, in zwei Minuten ist sie da.«

Fritze ging, und richtig: in zwei Minuten war Walli auf der Terrasse. In der einen Hand hatte sie ein Opernglas, durch das sie den Prinzen zu beobachten gedachte, und in der andern ein Aquarell, das sie offenbar soeben vom Oberkellner erstanden hatte. Ihre Freude an dem billig erhandelten Kunstwerk war groß, und ich muß gestehen, es war eine Schöpfung von erstaunlicher Vielseitigkeit. Auf den ersten Blick glaubte man auf dem Karton die blaue Grotte zu erkennen. Drehte man den Pappdeckel herum, so stellte er einen Eisbär dar. Von links besehen, erschien er einem als der Dom von Mailand, und von rechts als eine Mannheimer Dreschmaschine. Das war allerdings eine Akquisition, die mit dreißig Franken nicht zu teuer bezahlt war.

»Nun aber aufpassen, daß uns das Juwel während der Reise nicht gestohlen wird. Es werden in Deutschland die Museumsdirektoren sich danach die Sohlen von den Schuhen laufen,« sagte ich.

»Werd' ich auf den Schoß nehmen,« bemerkte Fritze.

Frau Walli aber entschied: »Wird hinter uns ins Verdeckleder gesteckt,« und so geschah's, als wir gleich darauf abfuhren, ohne den Prinzen von Neapel gesehen zu haben.

Die Gegend von Amalfi nach Sorrent ist zu schön, als daß man außer ihr noch etwas anderes beobachten könnte. Bald geht der Weg auf hochgespannter Brücke über eine Meeresbucht hinüber, bald bohrt er sich eigensinnig mitten durch einen Felsen hindurch. Unter einem schaukeln Fischerboote auf blauer Meerflut und über einem klettern Geißen über lorbeerumgrünte Felszacken. Kurzum, es gibt so viel zu bewundern, daß man darüber das Aufpassen verlernt. So war denn auch, als wir auf der Cantoniera dei due golfi ankamen, unser berühmtes Aquarell glücklich aus dem Verdeck herausgeklaut. Fritze und Walli sahen für einen Augenblick einander drohend an, dann wandten sie die Augensterne voneinander ab, und es sah aus, als ob die Eheleute nie mehr im Leben einander ansehen wollten. In diesem Augenblicke fühlte ich die Wohltat des Alleinreisens, so wie ich sie seinerzeit am Rhonegletscher gefühlt hatte, und ich machte mich unter Wonneschauern von Glückseligkeit über eine Flasche Wein und Gorgonzolakäse her, den eine glutäugige Wirtin mit klingelnden Ohrringen herbeigeschleppt hatte. Aber selten ist der Mensch ganz glücklich.

So wurde denn auch meine Freude hier in diesem Erdenparadies durch Netze gestört, die hinterm Hause aufgestellt waren. Sie hatten den Zweck, die Zugvögel abzufangen, die von der Reise übers Mittelmeer ermüdet hier ankommen und beim ersten Versuch, ihre Füße auf den Boden zu setzen, der menschlichen Arglist zum Opfer fallen. Eine ganze Anzahl der lieben Sänger lag getötet vor den Netzen und verleidete mir den Aufenthalt an einer Stätte, die sonst aussieht wie ein Stück Himmel, das auf die Erde niedergefallen ist.

Da Fritze und Walli wegen des Bildes noch immer schmollten, so war es ausnahmsweise einmal an mir, die großen Töne zu reden. Ich kommandierte also den Vetturino ans Fuhrwerk und ließ mich an seiner Backbordseite auf dem Bocksitz nieder.

Die Straße fällt von hier ab beständig über Sorrent hinweg nach Castellammare hinunter. Zwischen uralten Ölbäumen hindurch streift der Blick aufs blaue Meer und auf den Kranz von Villen und Städten hinunter, die vom Cap Miseno über Camaldoli hinweg sich hinziehen, bis der rauchende Vesuv im Hintergrunde das unvergleichliche Panorama abschließt.

Als ich mich an der Gegend sattgesehen hatte, sah ich mich nach meinen Reisegenossen um. Sie saßen noch immer grollend nebeneinander. Um sie zu versöhnen, langte ich über mich in einen Olivenbaum hinein und brach einen mit Früchten reich beladenen Zweig herunter. Beide griffen sie danach. Dabei müssen ihre Hände sich berührt haben, und alles war auf einmal wie bei Hans und Liese wieder gut.

In Castellammare entließen wir unseren Fuhrmann und benützten zur Fahrt nach Neapel die Straßenbahn. Wir hatten noch Zeit, unsere Koffer zu packen und uns nach dem Hafen zu verfügen. Mit Sonnenuntergang fuhr der Dampfer ab, der uns nach Palermo bringen sollte. Der kleine Seelenverkäufer zerrte unruhig an seiner Ankerkette, als wir über die Laufplanke gingen, und das Meer spielte mit Seetang und allerlei Unrat, den es vom Grund heraufgeholt hatte, um unseren Kiel herum. Das waren keine Vorzeichen für eine glückliche Fahrt. Die Gesellschaft der Mitreisenden war auch nicht erstklassig, zumal da so an zwanzig Abruzzenräuber an einer langen Kette zusammengeschmiedet im Zwischendeck verstaut worden waren. Frau Kalbow schüttelte den Kopf und sah so aus, als ob sie lieber in Neapel geschlafen hätte, als auf dem Meere. Ihr Mann aber knöpfte den marineblauen Rock zu und sagte gleichmütig: »Komm's, wie's will.« Da auch ich seiner Ansicht war, so hatten wir die Majorität und fuhren los mit dem Schiff oder das Schiff mit uns.

Solange wir im Golf waren, gestaltete sich alles noch erträglich. Als wir aber Capri und die Punta Campanella hinter uns hatten, ging's los. Der kleine Dämpfling warf sich wie eine Forelle im Gebirgsbach von einer Seite auf die andere. Die Maschine ächzte, als ob sie am Verenden wäre, und als noch gar aus der Küche heraus Töpfe und Gläser widereinander klirrten, klang's wie ein wahrhaftiges Sterbegeläute um unsere Ohren.

Und doch waren wir noch nicht beim Schlimmsten angelangt. Als wir gegen Mitternacht in die Nähe der liparischen Inseln kamen, wo der Stromboli seine glühende Rauchsäule nach den Sternen warf, da entfaltete erst das Meer all seine Tücken. Von unten herauf stieß es gegen den Kiel, hob bald das Vorder-, bald das Achterschiff aus den Wassern und dazu brüllten die gefangenen Räuber im Zwischendeck wie eine ganze Hölle voller Verdammten.

Wo Herr Kalbow und seine Frau waren, wußte ich nicht. Ich hatte nur so eine ungefähre Ahnung davon, daß sie sich in eine Kabine versteckt haben könnten, um der Welt zu verbergen, wie erbärmlich es um sie bestellt sei. Ich selber vermochte mich kaum auf den Füßen zu halten, wollte mich aber um alle Welt auch nicht in eine Kabine einschließen. So kauerte ich mich denn auf dem Verdeck in der Nähe der Maschine hin und ließ mir von der Kesselwand den Rücken wärmen, während mir die Kniee in einem eisig kalten Nordwind schlotterten.

Endlich, endlich wich die sternenlose Nacht dem Tage und im Vorblick zeigten sich die scharfen Formen des Monte Pellegrino, nachdem ein ersehntes Leuchtfeuer früher schon ins Meer hinaus uns gegrüßt hatte.

Gerne verließ ich das Schiff, und doch betrat ich das Land hinwieder mit einem geheimen Grausen. Eine Art von Hautgout hängt an der Insel. Fast glaubt man einen gewissen Fäulnisgeruch noch heute zu verspüren von den Tagen der sizilianischen Vesper her. Und gleichwohl: Palermo ist eine schöne Stadt und was hinter ihm liegt, die Conca d'oro, ist ein Eden. Die Fahrt nach Monreale hinauf ist mit das Schönste, was einem die Erde bieten kann. Mehr sage ich nicht, denn nie wird das Wort auch nur annähernd das beschreiben können, was dem Auge hier geboten wird! Der Versuch ist tausendmal schon vergeblich gemacht. Wozu soll ich meine Tinte vergeuden?

Drei Tage weilten wir in Palermo. Dann ging es über Cefalù auf Messina los. Zu meiner Rechten hatte ich im Kupee den schlafenden Herrn Kalbow, zu meiner Linken das klippenreiche Tyrrhenische Meer, während vor mir lang ausgestreckt Frau Kalbow auf dem Sofa lag. Bei soviel Schönheit im Gesichtsfeld wußte ich manchmal nicht, wohin ich die Blicke richten sollte. Und weil ich es nicht wußte, schloß ich die Augen und schlief auch ein Weilchen.

Die Sonne hatte sich gedreht und stach mir wie ein Brennglas ins Gesicht. Ich wurde wach und hatte einen verteufelt unangenehmen Geruch in der Nase. Was war das nur? Es roch, als ob eine Petroleumquelle in der Nähe wäre. Sollte das mit dem Ausbruch des nahen Stromboli auf den Liparen da drüben in einem Zusammenhange stehen?

Ich sah mich im Abteil nach allen Seiten um. Was war nur das? Aus dem Netz herunter fiel alle Augenblick ein dicker Tropfen und zerplatzte auf der Hüfte meiner Reisegenossin. Lag übrigens da oben nicht mein Rucksack und da drinnen eine Flasche mit Odol? Mag der Teufel alle Drogisten holen! In Weinheim hatte mir von diesen einer ein Mundwasser verkauft mit einem Patentverschluß über der Flasche »extra für das Reisen eingerichtet«, so hatte er versichert. Da hatt' ich's nun. Der Extraverschluß war extra aufgegangen und hatte meinen Rucksack durchnäßt und die arme Frau Kalbow erst recht. Na, den Jammer will ich hören, wenn sie wird wach geworden sein! Jedenfalls will ich das Corpus delicti zuvor aus der Welt schaffen. Ich nahm das Glas und warf es beim Kap Orlando ungefähr ins Meer. Nach dieser befreienden Tat fing ich aus Leibeskräften zu schnarchen an und es dauerte denn auch nicht lange und ich hatte meine beiden Begleiter wach geschnarcht.

»Schier unglaublich. Wie doch der Doktor sägt,« hörte ich den Fritze sagen.

»Laß ihn, er wird müde sein,« erwiderte Walli gutmütig. »Aber, Mann, wonach riecht's denn hier nur so schrecklich?«

»Kann ich mir ooch nich erklären. Sollte da unter dem Boden nicht irgendeine Röhre geplatzt sein?«

Fritze schnüffelte ein wenig in den Ecken herum und schrie dann auf: »Da unter uns liegt übrigens Messina. Schüttle mal den Doktor, damit er sich hinterher einbilden kann, er hätte die Scylla und die Charybdis gesehen, denn das, was hier zum Fenster hereinleuchtet, muß wohl die Straße von Messina sein.«

Ich wurde munter und entdeckte, wir waren in der Tat für den heutigen Tag an unseren Reiseziel. Daß wir im Hotel Trinacria ein dunkles Zimmer nach einem engen Sträßchen hinaus beziehen mußten, hängt meiner Meinung nach mit den Odolgerüchen zusammen, die von Frau Kalbow ausströmten, obgleich ich mich wohl hütete, dieser Ansicht mündlich Ausdruck zu verleihen.

Am nächsten Tag durchwanderten wir die Stadt. Sie ist alt und weder sauber, noch scheint sie gesund zu sein. Die Menschen, denen man begegnet, machen zumeist einen verlebten oder krankhaften Eindruck, und nicht viel anders sehen auch die Gebäude aus. Angenehm könnt' ich es auch nicht finden, daß man fortwährend von einem Gefolge von Bettlern umgeben war. Um dieses Ehrengeleite los zu werden, fuhren wir mit einer schmutzigen Straßenbahn nach der Punta di Faro hinaus. Aber es muß uns wohl eine Depesche vorausgeeilt sein, denn als wir ausstiegen, standen zu unserem Empfange bereit an die drei Dutzend halbwilder Knaben und ungefähr gerade so viele Mädels, die wohl alle dem Teufel aus der Kiepe gefallen waren und scheinbar ohne Eltern, von Wölfen gesäugt, groß wurden. Was kann aus Italien nicht alles werden, wenn nur die Hälfte von diesen Ungewaschenen das wird, was Romulus und Remus waren. Vorläufig schrien sie alle unisono: Fame, Signore, und hielten die Hand hin, um sich eine Gabe zu erbetteln.

Der Blick vom Faro aus reicht westwärts über die Meerenge bis zur Scylla hin und nordwärts bis zu den Liparen. Ein Leuchtturm steht an diesem nördlichen Zipfel Siziliens, und sein Licht fing eben an, übers Meer hin zu blitzen, als wir uns wieder südwärts wandten. Vor uns hatten wir das offene Tor einer kleinen Kapelle, und aus dieser heraus brach ein breiter Lichtschein und beleuchtete eine Masse zumeist kröpfiger Frauengestalten, die mit Rosenkränzen in den Fingern nahten, um bei der Madonna im Pinienhaine ihre Andacht zu verrichten, denn es war Samstag heute. So häßlich das Weibsvolk da war, eines mußte man ihnen lassen: Sie hatten gute Stimmen, und als ihr Ave Maria purissima sine peccatis concepta über Land und Meer hinschallte, war ich so ergriffen von der Macht des Gesanges, daß mir die Tränen in die Augen traten.

Auf der Rückfahrt war die Straßenbahn schrecklich überfüllt. Da aber Frau Kalbow noch immer stark nach Odol duftete, so gähnte um uns drei herum eine erwünschte Leere.

Wie üblich besuchten wir in den folgenden Tagen das Theater, einige Gotteshäuser und den Kirchhof. Von letzterem, der hochgelegen ist, hat man einen entzückenden Ausblick über die Meerenge hinüber nach dem Aspromonte. Schade, daß die meisten, die nach dem Campo santo kommen, in Särgen reisen und geschlossene Augen mitbringen.

Abgemalt könnte ich mich wohl an tausend Jahre in Messina aufhalten, aber so mit den Bedürfnissen des Kulturmenschen am Leibe war ich zufrieden, daß es bald wieder südwärts ging der Küste entlang, dem berühmten Theater von Taormina entgegen. Die kleine Stadt liegt auf schroffem Felsen hoch überm Ionischen Meer. Seine Eisenbahnstation heißt Giardini, und da verließen wir drei den Zug. Das erste, was passierte, war, daß Herr Kalbow einem Literaten in die Arme lief. Der muntere Herr hatte irgendwo im Lande Italia seinen Namen in die Präsenzliste eines Kongresses eingetragen und war dann ausgerissen nach Sizilien herüber. Sehr befriedigt war er von seinem Ausflug nicht. Er klagte über die Heimtücke des Regengottes, der ihm während eines dreiwöchigen Aufenthaltes in Taormina hartnäckig den Anblick des Ätna verweigert habe, und er riet uns, schleunigst wieder abzureisen. Ich bestand darauf, daß wir trotz allem und allem hinausmüßten und machte mich, um alle weiteren Erörterungen abzuschneiden, auf den Weg. Er ist lang und steil, aber er führte zu einem Fürstenschlosse empor, dem Hotel »Castello a mare«. Es war schon dunkel, als wir, von einem feinen Nebelregen stark angefeuchtet, in den mit Kronleuchtern erhellten Speisesaal traten. Ein kurzes Abendessen, und ich suchte mein Schlafzimmer auf. Es lag nach dem Meere hinaus und hatte einen kleinen Balkon. Die Brandung mußte unmittelbar unter meinen Füßen liegen. Ich hörte, wie sie gegen den Felsen donnerte, aber ich sah sie nicht. Himmel und Erde war von einem grauen, naßkalten Schleier verhüllt. »Zu ärgerlich wäre es doch, wenn uns die Wetterlaune hier an dieser Stelle gerade einen Possen spielen sollte.« Mit diesem dunkeln Gedanken stieg ich in die blendende Weiße eines tadellosen Bettes hinein und schlief alsbald.

Nach einigen Stunden wurde ich wach. Aber welch' ein Wechsel in der Szenerie! Ein silbernes Licht hatte das ganze Zimmer gefüllt. Hell glänzten mir die Vorhänge entgegen, so hell, daß ich die Arabesken der Stickereien unterscheiden konnte. Ein Satz, und ich stand im Nachthemd auf dem Balkon. Das erste, was ich sah, war über mir ein Vollmond so groß, wie ich ihn nie vor mir gesehen, und merkwürdig genug, unter mir schwamm der gleiche goldglänzende Schild auf den Wellen des Meeres. Drüben aber, durch ein Tal von mir geschieden, da gleißte ein ungeheurer Bergesriese, von silbernem Lichte umflossen und auf dem Haupte eine schneeweiße Kappe. Der Ätna war es, der erderschütternde Vulkan, der vorzeiten Lavaströme von sich ausgeschickt hatte, die siebzig Kilometer von seinem Gipfel entfernt das Meerwasser noch zum Kochen gebracht hatten. Heute aber war er friedlich, der Allgewaltige, und über seinem Scheitel kreiste nur ein leichtes Wölkchen so, als ob der Bergesalte ein Knasterpfeifchen rauchte. Ja, er sah sogar etwas spöttisch und lächelnd aus, und er schien sich zu verwundern, wie so mit einem Male ein langaufgeschossener Germane im Nachthemd gar da drüben auf den Balkon käme. ›Was machen die Deutschen?‹ schien er fragen zu wollen, ›liegen sie noch immer auf der Bärenhaut?‹

»Weit gefehlt,« gab ich stolz zurück. »Sie haben die Führung der Menschheit im Sozialen übernommen. Gegenwärtig züchten sie mit Wohltätigkeitsverordnungen die vielen Allzuvielen heran.«

»Schade,« entgegnete der Riese und er warf einen forschenden Blick in die Zukunft hinein. »Ihr solltet nach Nietzscheschen Rezepten einen Übermenschen heranmästen; Ihr werdet ihn bald brauchen können.« Und er zog ein weißes Gewölk um sein Haupt und war für mich unsichtbar geworden.

Ein Frösteln kam über mich. Ich fürchtete, daß ich dem Alten nicht imponiert haben könnte, und machte, daß ich ins Bett kam.

Am nächsten Morgen lag blendender Sonnenschein über Meer, Gebirg und Tal, und so ging es fort an all den Tagen, wo wir die Stadt durchstreiften, den Monte Venere erstiegen und nach dem Gestade hinunterkletterten, um die Grotte von San Giovanni aufzusuchen.

Ein Fischerjüngling mit rotem Gürtel um die Lenden und der phrygischen Mütze auf dem schwarzen Lockenhaar nahm uns in einen kleinen Nachen auf und steuerte uns mit langer Stange durch die seichte Brandung hindurch nach einem dunkeln Felsentore. Das Schifflein stieß rechts und links an die Steinkante, dann aber hob es eine geschickte Welle, und sanft und leise war es unter die schwarze Wölbung eines breiten Domes hineingeglitten. Im ersten Augenblicke sah man nicht viel. Das Auge mußte sich zunächst ein wenig an das Dunkel gewöhnen, und es mußte sich rückwärts wenden, um die Morgensonnenstrahlen zu trinken, die durch das Sandsteinportal in die Grotte drangen. Jetzt erst kleidete ein blaues Licht das ganze Innere aus und füllte das Wasser, das plätschernd unseren Nachen trug, mit einem satten Saphirschimmer, der mit spielenden Zungen am Kiele unseres Schiffleins leckte.

Unter uns aber in nicht allzugroßer Tiefe, da lag ein Teppich ausgebreitet, wie er schöner nie vom Webstuhl eines Persers heruntergekommen ist. Seesterne, Medusen, Korallen, Quallen, Muscheln lagen wie in einem Kaleidoskope bunt durcheinander, und zwischen ihnen hindurch schlängelten sich mit elegantem Körperschwunge Aale, oder krochen in träger Ruhe Hummern und Krebse hin.

Über all der Herrlichkeit schwebend, bedauerte ich zum ersten Male, daß ich als Mensch auf die Welt gekommen bin. Wahrhaftig, welch' eine Wonne muß es nicht für diese Kaltblüter sein, da zwischen den Radiolarien sich im kristallklaren Wasser herumzutreiben. Es ist nicht erlogen, mit einem Male packte mich der Gedanke, daß ich tot da unten liegen möchte auf dem weißen Meeresgrunde, umringt von all der Herrlichkeit. Hinaus, hinaus, so winkte ich dem Schiffer zu, und ich war fast froh, daß ich mich selber lebend wiederfand dem Ätna gegenüber und der Felsenmauer von Taormina. – –

»Verlassen Sie Sizilien nicht, ohne die Circumaetnea gesehen zu haben,« so predigten einem an den Straßenecken und in den Osterien die Reklameplakate entgegen. Herr und Frau Kalbow wollten nicht mit. Also mußte ich die Reise allein machen um den Vulkan herum.

Zunächst bedeutete das für mich ein frühes Aufstehen am nächsten Tage. Vor sechs Uhr schon ging der Zug von Giardini ab, und gegen zehn Uhr war ich in Riposto. Hier Routenwechsel. Beim Aus- und Einsteigen geriet ich unter viel Volk, wie es ein Markttag von den Eisenbahnen in Empfang zu nehmen und wieder zurückzugeben pflegt. Mit den Wölfen zu heulen, das war immer so mein Geschmack und gerade deshalb löste ich eine Fahrkarte der niedrigsten Klasse. Ich saß kaum auf einer der wurmstichigen Holzbänke, als in spiegelnder Sutane ein Pfarrer im Kupee erschien und einen Sack mit rätselhaftem Inhalt unter seinen Sitz schob. Das geheimnisvolle Gepäckstück lag nämlich nicht ruhig, sondern drehte sich unter der Bank hervor und rollte auf meine Füße zu. Was mag das sein, dachte ich mir, als eben aus einem Loch im Sacke ein Schweinsfüßchen hervorkam und mich belehrte, daß Hochwürden auf dem Markte Ferkel eingekauft hatte.

Er selber stand derweilen mit dem Barett auf dem Kopfe da und schob sich in jedes Nasenloch eine gehörige Prise. Als er damit zu Ende gekommen war, putzte er mit einem blauen Taschentuch die Stelle ab, auf die er sich zu setzen gedachte, und hob dann sein geistliches Gewand in die Höhe. In ganz Italien ist die niedere Geistlichkeit erbärmlich gestellt. Man wundere sich deshalb nicht, daß unter der Sutane kein weiteres Unterzeug mehr zu sehen war als das, was mit dem geistlichen Herrn und seinem Knochengestell unmittelbar zusammenhing. Gott hat den Mann so geschaffen, wie er sich uns zeigte, und auf den Schöpfer fällt die Schuld, wenn ein paar junge Mädchen von ihrem Seelsorger mehr gesehen haben sollten, als man so im Alltagsleben zu zeigen pflegt. Sie schienen übrigens an derartige Perspektiven gewöhnt zu sein. Sie erröteten weder, noch kicherten sie in sich hinein. Mehr als ihr Pfarrer und seine Kehrseite schien sie ein Harmonikaspieler zu interessieren und ein fliegender Händler, die mit eingestiegen waren und unterwegs ihre Geschäfte machten in Liedermelodien, Korallenschnüren und Hosenträgern.

Langsam und in beständigem Ansteigen fährt die Bahn von Station zu Station. Anfangs geht's durch Reben-, Feigen- und Orangenhaine.

Dann folgen ganze Haselnußwälder. Reiner und klarer wird die Luft. Man sieht in ein tiefes Tal hinunter, aber vergebens sucht man auf seinem Grund den rauschenden Bach. Sizilien ist ausgetrocknet, wie ein Weihnachtsgutsel um die Osterzeit. Auf dem vulkanischen Boden kommt nur ein magerer Graswuchs fort, während andererseits die genügsame Kaktusfeige in ihrer Verwendung als Gartenzaun über Mannshöhe hinaus in die Lüfte wächst.

Leute steigen aus und andere ein. Sonderbare Erscheinungen sind unter diesen Reisenden. Da ist einer mit einem wahrhaftigen Räubergesicht unter einem zerrissenen Schlapphut. Seine Kleidung besteht aus einigen Lumpen, über die er eine Kuhhaut gehängt hat. Mit trotzigem Gesicht hat er sich niedergelassen, und zwischen die halbnackten Schenkel hat er ein Gewehr gestellt. Der Schaffner kommt und bemüht sich mit allen Zeichen einer tiefen Devotion dem Gentleman ein Billett zu verkaufen. Er begegnet nur einem ärgerlichen Kopfschütteln mit einem drohenden Griff nach dem Gewehrkolben, als seine Liebesmüh anfängt, lästig zu werden. So ein Schaffner auf der Cirumaetnea muß ein horrendes Einkommen haben, wenn die Gefährlichkeit seines Berufes mit Gold aufgewogen werden kann.

Als übrigens der Flintenträger lang genug gefahren war, verließ er den Zug.

Der Pfarrer mit seinen Spanferkeln war auch fort und ich beschäftigte mich mit den Flöhen, die ich von meinen durchlauchtigsten Mitreisenden geerbt hatte, als wir Nikolosi erreicht hatten und einen Ausblick gewannen nach den roten Bergen hin, alten Ausbruchstellen des vielzerrissenen Berges.

Von jetzt ab kam der Zug in ein besseres Lauftempo hinein. Die Route senkte sich gegen Catania hinunter, und als es Abend wurde, war ich dort. Die Verabredung stimmte auch diesmal. Mit den Kalbows traf ich im Hotel zusammen. Wir blieben über Nacht und fuhren erst am nächsten Tage weiter gegen Syrakus zu.

Syrakus ist nur noch ein Schatten von dem, was es einstens war. In einer Stunde ist man um seine Häuserhäufchen herumgegangen, während man acht Stunden brauchte, um die alte Stadt zu umschreiten. Wir drei Reisende hatten uns in einem kleinen Hotel eingemietet, das den Namen »Arethusa« trug und einer deutschen Witfrau gehörte namens Zunke. Gleich bei der ersten Mahlzeit lernten wir da einen italienischen Obersten namens Erba kennen, die höchste Militärperson, die es am Orte gab. Ich habe dem Herrn in mehr als einer Beziehung dankbar zu sein. Er hat mich am ersten Abend gleich aus einer Falle gezogen, die so geschickt aufgestellt war, daß ich voraussichtlich nicht ohne Schaden die Pfoten wieder aus den Eisen gebracht hätte. Ich war nämlich im Halbdunkel ausgegangen, um einen Barbier zu suchen. In den engen Straßen war ich unter einen Haufen halbwüchsiger Mädchen geraten, denen ich mit dem rechten Zeigefinger die Pantomime des Bartscherens vormachte. Sie schienen sofort verstanden zu haben, was ich wollte, denn es begann unter ihnen ein heftiger Kampf um meine Persönlichkeit. Die eine hatte mich am Ärmel gefaßt und wollte mich in einen Hausgang hineinziehen, die andere packte mich an der Hosentasche und deutete nach einer kleinen Winkelgasse, während andere vor meinen Augen allerlei Figuren mit den Fingern in der Luft machten. Da ich nirgends das Zunftzeichen der Haarkünstler, die goldene Schüssel sah, so war ich mißtrauisch und suchte mich den kleinen Sirenen zu entziehen, während diese wie Stechbremsen nur immer zudringlicher wurden und, ehe ich mich dessen versah, zu einem Ringelreigen angetreten waren.

In diesem Augenblick einer schier komischen Bedrängnis hörte ich eine Reitpeitsche durch die Luft schneiden und sah den Obersten Erba, wie er zornfunkelnd auf die Köpfe der Teufelsware herunterhieb, bis sie nach allen Winden zerstoben war. »Nie mehr am Abend ohne meine Begleitung auf die Straße gehen,« sagte der Oberst warnend. »Dieses minderjährige Kropfzeug da sind Angelhaken, an denen die Geheimbünde der Maffia und Camorra die Fremden zu fangen pflegen. Einen Schritt nur in einen der dunkeln Hausgänge hinein, und Sie waren von Männerfäusten erfaßt, aus denen Sie nur mit schwerem Lösegeld befreit werden konnten.«

Ich erschrak nicht wenig vor der Gefahr, der ich soeben entronnen, und nahm mir vor, mich ganz nach den Anweisungen des redlichen Soldaten zu richten, wenigstens in soweit, als sie sich auf den Abend und die Nacht erstreckten. Für den Tag freilich verließ ich mich auf meinen kräftigen Arm und einen derben Prügel. Mit letzterem zwischen den Fingern ging ich in der Frühe aus und kam am Abend zurück.

Bis man die Latomien besichtigt hat, das Ohr des Dionysos, die zerstörten Theater und die Bergfeste Euryalos ist manche Stunde vergangen. Mein Eigensinn bestand darauf, daß meine Beine einmal zum mindesten die alte Stadtmauer umschritten. Damit wird begreiflich, daß ich für Frau Zunke nicht der bequeme Gast war, der regelmäßig zum Essen kam.

So hatte ich herumirrend wieder einmal nicht nach der Uhr gesehen. Meine Blicke waren nach Seltenheiten suchend auf den Boden gerichtet, als mich ein fernes Donnern aus meinen Träumereien riß. Ich erhob die Augen, um eine drohende Wetterwand zu erspähen, und fand statt deren im Gesichtsfeld einen Kapuziner in seiner braunen Kutte.

Er kam freundlich lächelnd näher und sagte: »Es ist sehr schön hier, mein Herr,« und ich antwortete: »Ja, Pater, sind Sie zum ersten Male hier?«

»Nein,« war die Antwort. »Ich wohne in Paris, und meine Aufgabe ist es, die Klöster vom Orden des heiligen Franziskus zu inspizieren. Vor zwei Tagen war ich noch in Malta, und seit zwei Stunden bin ich hier. Aber wir werden Regen haben, ehe Sie noch die Stadt erreichen können. Wollen Sie nicht mit mir ins nahe Kloster San Giovanni gehen? Während es in der Oberwelt donnert und kracht, zeige ich Ihnen unter der Erde die Katakomben.«

Obwohl ich schon anderwärts die altchristlichen Gräberstädte gesehen hatte, und diese Gänge, wo man sie auch finden mag, immer die gleichen sind, so entschloß ich mich doch rasch zu deren Besichtigung, da sie mir hier für diesmal einen nassen Buckel ersparen konnten.

Während wir nun von einem Grab zum andern gehend ein halbes Dutzend qualmender Fackeln verbrannten, hatte sich auf der Oberwelt das Gewitter ausgetobt und ein purpurnes Abendrot spannte sich über den westlichen Himmel aus und leuchtete ab und zu durch Luftschächte in die dunkle Tiefe hinein.

»Ein schönes Wandern nach der Stadt hinunter wird es jetzt für mich werden, Pater,« hatte ich eben zu meinem gütigen Führer gesagt und wollte ihm die Hand zum Abschied reichen.

»Da sei Gott vor, daß Sie ohne Labung aus dem Convente gingen,« war seine Antwort, und er drängte mich ins Refektorium hinein, wo ein dienender Bruder bereits Wein, Käse und Brot auf den Tisch gestellt hatte. Ich ließ es mir schmecken, obwohl ich wußte, daß ein »Gott vergelt's« alles sein würde, womit ich das Kloster bezahlen konnte, und doch, wenn auch nicht dem Kloster, – dem französischen Pater konnte ich seine Gefälligkeit mit einem Gegengefallen lohnen.

Wir hatten die Arethusaquelle, das städtische Museum und darin auch das genügend betrachtet, was der Venus Kallipygos den unvergänglichen Weltruhm eingebracht hat, und strebten wieder dem Norden zu. Herr Oberst Erba gab uns das Geleite zum Bahnhof, ja, mehr noch, er stieg in Uniform zu uns ins Kupee herein.

»Werden Sie mit uns fahren, Herr Kommandant?« rief Frau Kalbow aus und klatschte fröhlich in die Hände. »O das wäre nett, zu nett!«

Der Oberst lachte nur und sagte, als der Zug eben ins Rollen kam, und er rasch ausstieg: »Ich hoffe, Sie werden noch wohltätig empfinden, daß ich mit Ihnen eingestiegen bin.«

Er ging und ein Schaffner kam und schloß unseren Wagen ab.

Wir drei sahen einander an. Wie bequem. Unser Trio war wieder allein. Ein ganzes Kupee für uns, in dem wir machen konnten, was wir wollten. War die italienische Eisenbahnverwaltung gegen alle Fremde so zuvorkommend, wie gegen uns? Das war kaum anzunehmen. Oder sollten wir als die Schützlinge des Kommandanten eine Extrawurst bekommen? Aha, da lag's vielleicht. Deshalb also war der Oberst zu uns ins Kupee geklettert, damit wir kenntlich gemacht waren. Wie dem auch sei, wir freuten uns der größeren Bequemlichkeit und dachten gerührten Herzens an den zurück, dem wir sie verdankten.

Indessen raste der Zug durchs Land.

Bei unserer Ankunft in Catania wimmelte es von Menschen auf dem Bahnsteig. In Klumpen schoben sich die Reisenden an dem Zuge auf und nieder, ein jeder bestrebt, für sich noch ein Plätzchen zu ergattern. Wir drei hatten uns ans Fenster gedrängt und in dem gemeinsamen Bemühen, ein überfülltes Abteil vorzutäuschen, die Oberkörper an die Luft gehängt. Aber plötzlich, was sehe ich denn da? Nein, ich kann mich ja nicht irren. Er ist es, mitten in einer Schar Kapuziner, der französische Prior, dessen Gast ich im Kloster San Giovanni gewesen war. Nun, ein mächtiges Winken mit den Armen, ein Rufen und Schreien, und es glückte. Wir wurden bemerkt. Die braune Herde der Ordensleute kam auf uns zu. Aber schnell jetzt eingestiegen, ehe die Räder ins Rollen kamen. Die Tür von innen aufgestoßen und den Kapuziner hereingezogen mitsamt seinem Reisesack. So, das war gelungen. Der alte Herr gab seinen Ordensbrüdern mit der Hand den Segen zum Fenster hinaus, und wir fuhren weiter in nördlicher Richtung.

Die Gesellschaft des frommen Ordensmannes war für Frau Kalbow etwas Neues, und sie gab sich alle Mühe, den herzenskalten Greis durch Belehrung etwas anzuwärmen. Erst als sie so ziemlich ausverkauft hatte, kam ich an die Reihe, den interessanten Mann zu unterhalten. Nach den ersten billigen Redewendungen fragte der Prior, aus welcher Gegend Deutschlands wir kämen. Obwohl das nicht ganz richtig, aber doch auch nicht ganz falsch war, und weil ich annahm, daß der geistliche Herr, wenn überhaupt eine deutsche Stadt, dann doch diese kennen würde, so sagte ich mit erweitertem, geographischem Gewissen: »Von Mainz.«

»Haben Sie dort studiert?« war die Gegenfrage des Paters.

»Ja, sechs Jahre lang.«

»Dann dürften Sie wohl meinen Freund Moufang kennen, den Domkapitular. Ich habe mit ihm zusammen an den Vorarbeiten zum vatikanischen Konzil gearbeitet.«

»Ich sah ihn oft, und er verkehrte in einem Hause, wo auch ich gern gelitten war.«

»Kannten Sie nicht auch den Grafen Hoensbroech? Er muß doch auch zu Ihrer Zeit auf dem Mainzer Gymnasium gewesen sein.«

»Und ob ich ihn kannte! Als einen guten Turner und flotten Schlittschuhläufer, und ich vermute, daß er auch ein begehrter Tänzer war.«

»Auch Reiter,« bemerkte der Pater. »O, er war zu allem zu gebrauchen, nur eben zum Priester nicht. Die Jesuiten haben übel daran getan, daß sie ihn nicht gehen ließen, als er aus ihrem Orden fort wollte. Dadurch, daß sie ihn hielten, ging dem Staat ein tüchtiger Offizier, ein schneidiger Verwaltungsbeamter verloren, und die Kirche hat an der Person des Grafen nichts gewonnen, übrigens wir müssen bald in Messina sein und auf dem Fährboot, das den ganzen Zug in sich hineinschluckt und über die Meerenge nach Calabrien hinüberträgt.«

Es war so weit. Die Wagen standen auf der Fähre, und wir verließen unsere Plätze, um auf dem ungeheuren Lastschiff zu promenieren und uns die berüchtigte Enge zwischen Scylla und Charybdis zu betrachten. Unsern Gottesmann hatten wir inzwischen aus den Augen verloren. Als wir ihn auf dem Calabrischen Ufer wiederfanden, hatte er auf den Polstern des Kupees für uns den Abendtisch gedeckt.

Die Mönche von Catania hatten gut für ihren Confrater gesorgt. Gebratene Hühner lagen da auf reinlicher Serviette, Schinken, Wurst und Käse. Selbst die Butter kam aus der Tiefe des Zwerchsackes herauf, als Frau Kalbow sich nach ihr erkundigte. Wir aßen gehörig und tranken dazu den berauschenden Hybleawein der Mönche von Catania und wurden lustig, obwohl wir unterwegs erfahren hatten, daß infolge der Erdbeben Brücken zusammengekracht und Tunnels eingestürzt wären.

Da es schon dunkelte, als wir in Reggio abfuhren, so stellte sich bald der Schlaf bei uns vieren ein. Doch war dieser leider nicht ungestört. Infolge der Erdbebenverwerfungen mußten wir ein paarmal umsteigen, eine Strecke laufen und dergleichen mehr, was gewiß interessant genug gewesen wäre, wenn die Nacht uns erlaubt hätte, einen Überblick über die Gegend zu gewinnen. So aber sahen wir nicht viel mehr als die Rotglut vorausgetragener Fackeln und hier und da eine in Eile zusammengezimmerte Bretterbude. Mit wie vielstündiger Verspätung wir in Neapel ankamen, vermag ich nicht mehr zu sagen. Ich weiß nur, daß wir uns noch einen Tag und eine Nacht herumtrieben und erst am nächsten Morgen weiterfuhren gegen Rom.

Als wir in die Nähe des Sacco kamen, erzählte ich dem Pater mein früheres Erlebnis bei der Brücke von Frosinone.

»Da hätten Sie allen Grund, mit mir vorher auszusteigen und im Kloster Monte Cassino oben dem Himmel zu danken für die Errettung aus Todesgefahr. Wie wär's,« fuhr er eindringlicher fort. »Ich habe nur drei Tage oben zu tun, dann fahren wir zusammen nach Rom und sind im Vatikan die Gäste des Papstes. Seine Heiligkeit ist ein Jugendfreund von mir. Als wir noch junge Kapläne waren, haben wir monatelang die gleiche Stube miteinander geteilt.«

Das war ein Anerbieten, wie es nicht an jeden Menschen herantritt. Wird man mir verzeihen, wenn ich es trotzdem ausschlug und zwar des Umstandes halber, weil ich meiner Frau versprochen hatte, mit ihr den dreißigsten Hochzeitstag in Baden-Baden zu verleben? Was wäre geschehen, wenn ich mein Versprechen nicht gehalten hätte? Ich will dem nicht nachsinnen, bedauere aber heute, daß ich mein Wort gehalten. Rheinsalm und Kälberbraten könnt ich wohl schon noch einmal mit meiner Frau zusammen essen. Mit dem Stellvertreter Gottes die Beine unter den Tisch zu stellen, ist mir nie mehr gelungen.

Doch geschehen ist geschehen. Der Kapuziner ging seine Wege und wir die unsrigen über viele tausend Kilometer italienischer Eisenbahndämme hinweg.

In Como gönnten wir uns noch einen Ruhetag und nahmen ein Diner ein in einem Restaurant am See. Frau Kalbow war überaus gut aufgelegt.

»Sie freuen sich, nach Hause zu kommen.« fragte ich über den Tisch hinüber.

»Ja und über diesen Schal hier, den mein Mann mir gekauft.«

»Fritze du?« fragte ich befremdet.

»Eben ich,« gab er zurück. »Ich mußte sie doch schadlos halten von wegen des gestohlenen Aquarells. Sie geht uns sonst nicht mehr mit.«

Trotz dem kostbaren Tuche ging Frau Kalbow nicht mehr mit. Wer sollt' es denken: Sie, die Überschäumende, Übersprudelnde trug hinter einem blühenden Äußeren den Keim des Todes in der Brust. Sie kämpfte wacker mit dem Vernichter alles Schönen, bis er, der Unüberwindliche, sie, ich weiß nicht genau in welchem Jahre, in den Sarg zwang.

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