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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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»Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.«

Einer meiner ersten Ausgänge in die Stadt ließ mich mit dem Doktor Roder zusammentreffen. Der Leser fragt: »Wer ist der Mann,« und er soll Antwort haben. Er heißt mit dem Vornamen Georg und hat mit seinem heiligen Patron, dem Drachenspießer, die herkulische Gestalt und mit Johannes Gensfleisch, dem Mainzer Buchdrucker, den langen Bart gemeinsam. Der Herr ist nicht denkbar ohne einen Bullenbeißer an seinem linken Wadenbein, der gegen alles, was weich und katzenhaft war, eine todbringende Abneigung hatte. Roders Äußere und seinen Umgang kennen wir nun. Sein Inneres war komplizierter. Es war ein Mosaik aus frommem Bibelglauben und Schopenhauerscher Philosophie.

Außer dem Futterneid besaß er alle Eigenschaften, die für einen guten Arzt erforderlich sind. Er roch nichts, war schwerhörig und von gediegener Gefühllosigkeit. Die ärztliche Praxis betrieb er teils, um sich doch auch einigermaßen nützlich zu machen, und teils, um sich die Langeweile zu vertreiben, wenn er keine Gelegenheit hatte, im Kaffeehaus den Juden beim Franzzefußspiel in die Karten zu schauen.

Als dieser seltene Mann meiner ansichtig geworden war, kam er auf mich zu, schüttelte meine Hand und rief im Tone eines herzlichen Willkommens aus: »Sind Sie zurück, Herr Kollege, und haben Sie sich müde gesehen an diesen eidgenössischen Käseproduzenten? Schade, daß Sie nicht hier waren. Unendlich vieles haben Sie versäumt. Denken Sie nur, die Stadt hat einen Sängerkrieg veranstaltet. Ehrenpforten waren gebaut, und die Leute hatten, als die Tagesreveille erschallte, ihre Häuser bekränzt, der Bürgermeister aber sich selber mit einer goldenen Kette. Ja, es war alles sehr ernst und feierlich zugegangen unter den Augen einer hohen Behörde bis zum Abend wenigstens. Da allerdings waren nach der Preisverteilung kleine Differenzen entstanden unter den Vereinen. Die Leutershauser wollten schöner gesungen haben als die Käferthaler. Vökelsbach und Kreckelbach nahmen für die eine Seite Partei, Schnornbach und Hornbach für die andere. Als man sich in Worten nicht zu einigen vermochte, nahm man die Vereinsbanner und schlug sich gegenseitig die Köpfe blutig. O das hätten Sie sehen sollen, Kollege, es war, um sich krumm zu lachen. Ich hatte mich in der Festhalle mit meinem Zampa auf einen Tisch hinaufgerettet. Wie ein Meer schäumte unter mir die empörte Volksseele und mein Hund bellte dazu aus Leibeskräften. Fäuste, Stöcke, Schirme erhoben sich über dem vielköpfigen Ungeheuer, Pöbel geheißen, und sausten mit den Fahnenstangen um die Wette nieder auf alles, was da im Nahkampf biß, kratzte und würgte. Nein, Sie können sich nichts Lieblicheres denken als die Masse in ihrer urwüchsigen, unverzogenen Natürlichkeit. Und zuletzt als harmonischer Abschluß des Ganzen, stellen Sie sich einmal vor, da trat ein Skelett von einer Müllerstochter, als eben die Helden kampfesmüde sich aus der Schlacht zurückzogen, auf die Tribüne und sang aus einem Halse länger wie eine Gänsegurgel heraus in getragenen Fisteltönen das Lied der Sehnsucht:

»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?«

Bei meiner Seele, da fahren die Leute nach Frankfurt und Karlsruhe in die Theater und geben vieles Geld für gute Plätze aus und zu Hause kann man manchmal den größten Kunstgenuß rein umsonst haben. Sie hätten da sein sollen, Kollege, zumal es hintennach noch viel zu verbinden gab. Ich sage Ihnen, Nadeln habe ich an diesem Freudentage gelegt, mehr als sonst in einem ganzen Jahr. O, es ist eine Wonne, zu sehen, wie erbärmlich sich da die Helden krümmen, wenn sie den furchtbaren Nadelhalter sich ihren Siegerstirnen nähern sehen.

Aber kommt da nicht eine angeschwebt von den Heldenseelen? Wahrhaftig der Hauptkrakeeler ist es aus dem Scharmützel, passen Sie auf, eben geht er über die Brücke und dem Spital zu. Er wird verbunden sein wollen. Kommen Sie mit, kommen Sie mit ins Verbandzimmer, den müssen Sie flöten hören.«

Der Kollege Roder, heute längst schon vermodert mitsamt seinem Zampa, hatte mich am Arm gepackt und zog mich hinter sich her ins Krankenhaus hinein.

»Nun aber ernst und die Berufsgrimasse geschnitten, damit der Zeisig singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.«

Im Sprechzimmer angekommen machten wir Augurengesichter zu einem feierlichen Schweigen, zogen die Röcke aus und wuschen die Arme bis zur Achselhöhle hinauf. Als wir uns mit Seifeverschwendung ein genügendes medizinisches Ansehen verschafft hatten, wandte sich der Kollege um und sagte mit verwundertem Tone:

»Ei, was seh ich, Herr Liebermann, Sie auch noch einmal hier. Ich glaubte, daß Sie längst wieder vor der Werkbank ständen.«

»Was Sie da sagen? Vor der Werkbank? Mit so einem Kopp und gar keinem Appetit im Leib. E' leerer Sack bleibt doch nit stehen; Sie wisse das als studierter Mann so gut wie ich. Und wie's einem is, der nichts im Magen hat, und dazu bei den armen Leuten, auf deren Teller selten einmal was von einem Schweinshinterviertel kommt! Und dann, warum auch soll ich mich überschaffe? Sie müssens ja bezahlen, die Käfferthaler, sie warn's ja auch, die angefangen haben. Soll ich denn jetzt nichts dafür haben, wo ich doch die ganze Lyra von ihrer Fahnenstange als Narbe auf meinem Kopf rum trage? Wo blieb denn da die Gerechtigkeit? Beim Affekat war ich schon. Er hat gesagt: In 'n Bad sollten Sie mich schicken.«

»Damit Sie mal gewaschen würden,« unterbrach Roder den Sprechenden.

»Deshalb? Nein, da braucht ich's nit. Ich bin mir sauber genug. Werktags das Gesicht und Sonntags den Hals gewaschen. 's ist dessentwegen, daß die Käfferthaler sehen, an wem sie sich versündigt habe. Na, ich will denen schon n' Rechnung z'samme flicke! Mei Hemd müsse se bezahle, mein Rock, mei West, mei Hose bis auf die Stiefel runter. Überall sinn die Blutflecken, und die Blutflecken, die gehn, das wissen Sie ja auch als studierter Mann, gar nimmer 'raus aus em Zeug.«

»Nu mache Sie aber das Tuch vom Kopf herunter, daß wir die Narbe sehen,« brummte ich dazwischen.

»Zu sehen ist da dran nichts. Ich hab's zugebunden, damit die Luft nit dran kann, und dann es könnt einem ja n' Käfferthaler begegnen! Die solle sich nur en Augenspiegel da dran nehmen, was sie angestellt habe! Dann die innerliche Schmerze! Ich sag's Ihnen ja, die innerliche Schmerze, die kann man keinem beschreiben.«

»Mit dem Tuche mögen Sie künftighin Ihre Nase putzen. Auf dem Kopfe haben Sie's nimmer nötig, und morgen, denk ich, fangen Sie wieder an zu arbeiten,« sagte der Kollege kurz.

»Auf Ihre Verantwortung hin will ich's wagen. Meinetwegen. An mir liegt ja nichts. Aber Frau und Kinder, die könnte mich dauern, wenn e Rotlauf an mein Kopf kommt. Und nur noch, Herr Doktor, die Scheine fürs Rathaus habe Sie doch gut ausgefüllt? Zum erstenmal ist's, daß ich seit einem Vierteljahr die Krankenkasse in Anspruch nehme. Un nu will ich's halt in Gotts Namen probieren, ob ich morgen arbeiten kann. Wenn's nicht geht, so komm ich halt übermorgen wieder.«

Er ging, und als er draußen war, machte der Kollege hinter ihm her ein Kreuz in die Luft. »Dem Himmel sei's gedankt, daß wir ihn los sind,« sagte er.

Aber er war ihn nicht los. Die Tür ging nochmals auf, und wer stand auf der Schwelle? Der Schwerverletzte vom Sängerstreit.

Roder rang nach Fassung. Ich sah ihn bleich werden. Aber es gelang ihm, die innere Wut niederzuringen, gelang ihm so weit, daß er sogar in sanftmütigem Tone fragen konnte: »Nun, Herr Liebermann, Sie sind schon wieder da. Sie werden doch hoffentlich nichts zu fragen vergessen haben?«

»Doch, doch, Herr Doktor, ich wollt mich noch erkundigen, ob ich auch ins Feuchte greifen darf?«

»Um Christi Barmherzigkeit willen, ja, wenn Sie keine Forellen stehlen wollen!«

Nun merkte der Blechkopf doch, daß man ihn zum Besten hatte, und er drückte hinter seinem Rücken die Tür ins Schloß.

»Und das ist nun unser Beruf, daß wir uns mit solchen moralisch zusammenregierten Menschen jahraus jahrein herumdrücken müssen! Ist das Produkt deutscher Sozialerziehung noch ein Mann, vor dem man Achtung haben kann? Und sind wir Ärzte selber nicht Feiglinge, daß wir uns nicht aufzuraffen vermögen, um zu sagen: ›An dieser systematischen Demoralisationsarbeit, wie sie die Krankenkassengesetzgebung inauguriert hat, beteiligen wir uns nicht. Staat, mach was du willst, von uns aber bekommst du nicht ein einziges Attest mehr!‹«

So und in noch heftigeren Worten hatte der Kollege seinem bedrängten Herzen Luft gemacht. Ich stand dabei, mußte seine Rede billigen, und doch saß ich eine Stunde später wieder an meinem Schreibtisch und schrieb die Leute arbeitsunfähig, von denen ich wußte, daß sie's nicht waren, und verordnete ihnen auf Kosten der Allgemeinheit allerlei, obwohl ich überzeugt war, daß es Geldverschwendung war. Warum tat ich es? Nun, weil ich gleichfalls schon moralisch angefault war, weil's die andern taten und das Bezirksamt drohend hinter mir stand:

»Denn der Nacken wird gebrochen,
Der sich nicht gefügt den Jochen,«

hieß es früher schon und heißt es heute noch.

Wieder war einige Zeit vergangen, in der ich mich über Tags mit meinem Fahrrad auf der Landstraße herumtrieb, während ich in der Nacht immer noch mein totes Pferd benützte – man verstehe – wenn ich träumend durch die Wälder ritt. Aber merkwürdig, so munter traben wie früher wollte es nicht mehr. Kein Wunder auch, seit Monaten hatte ich ja keinen Hafer mehr gekauft, kein Heu mehr angeschafft, und doch verlangte ich von dem guten Tiere, daß es Tag für Tag seine Arbeit tue. Verstimmt und von Selbstvorwürfen gequält, pflegte ich dann zu erwachen. Und so wie dazumal geht es mir heute noch in meinen Nächten, nur daß die Träume nicht mehr so häufig kommen wie früher. Vielleicht auch, daß dazumal mir das Pferd mehr im Sinne lag, weil das Auto dem Radfahrer den Besitz der Straße streitig machte. Das Tuten der Hupe hinter mir zu hören, war schon eine Aufregung. Man drückte sich an den Rand der Straße hin, soweit es ging. Dann rasselte das fauchende Ungetüm an einem vorüber, ein paar blaue Schleier im Winde zeigend und brutale Ballonmützen. Was es hinter sich ließ, war Staub und Gestank. Kein Wunder, daß einem die Kultur zuwider wurde, und daß man sich aus ihr hinaussehnte in einfache, paradiesische Zustände hinein.

Mir bot sich die Gelegenheit, nach der Menschheit Uranfängen zurückzukehren. Eine Stelle als Schiffsarzt war mir angeboten. Ich griff zu und sollte über die Kanarischen Inseln hinweg nach dem Kamerunflusse fahren. Hamburg war unser Auslaufhafen. Ich sage unser, weil außer meinem Tagebuch meine Frau noch mit mir fuhr. Als sie mich an der Mole von Boulogne sur mer verließ, hatte ich schon mancherlei Notizen gemacht und was dann alles noch dazukam, findet – wer sich dafür interessiert – in dem Buche zusammengestellt, dem ich die Überschrift gegeben hatte: »Im Lande unserer Urenkel.« Heute würde ich diesen Titel nicht mehr wählen, aber heute ändere ich ihn auch nicht, weil ich hoffe, daß nach dem Gesetze der immanenten Gerechtigkeit dem die Ernte gehört, der die Aussaat bestellt hat, und weil ich Vertrauen habe zu dem Worte:

»Und würden – wend' das Gott – die Söhne
Nicht besser als die Väter wieder,
So sind sie uns'rer Schmerzentöne
Nicht wert und uns'rer Klagelieder.«

Als ich schon wieder zu Hause war, brachte eines Tages der Briefträger ein Paket aus Berlin. Es waren zwei Bücher aus der Feder von Hans Dominik, und zwar: »Vom Atlantik zum Tschadsee« und »Kamerun.« Ein Briefchen lag bei, worin der Wunsch ausgesprochen war, daß wir uns »drüben« noch einmal wiedertreffen möchten. In Kamerun wird dies nicht möglich sein, denn der tapfere Held ist nach einem andern »drüben« abgereist. Seinen Leib beherbergt der Apostelfriedhof zu Berlin, seine Seele aber sollte weiterleben im Himmel und im deutschen Lied, sofern das Vaterland stark genug ist, noch einmal einen Freiligrath zu erzeugen.

Dominiks Bücher verlieh ich oft in Weinheim und sie wurden viel gelesen. In Damenkreisen weckten sie ein Feuer der Begeisterung für diesen afrikanischen Siegfried, und von mehr als einer Schönen wurde ich gefragt, ob der Held noch ledig sei und ob ich sie nicht mitnehmen wolle, wenn ich wieder zum Äquator reiste. Ich erinnere mich, daß ich damals viel versprach, vor dem Herd und hinter dem Herd, aber ich glaube, meine Wechsel wurden nicht mehr für voll genommen. Ich hatte nämlich zu der Zeit schon fast soviel Bücher geschrieben wie der Kollege Moses, und Bücherschreiber verlieren ihren Kredit beim Publikum. Trotzdem verbrach ich ein neues, und zwar das »Bauerngeselchte«. Als es kaum im Buchhandel erhältlich war, fuhr ich einmal nobel nach Heidelberg, und zwar zweiter Klasse unter Benutzung meiner Freikarte als Bahnarzt. Als ich in Weinheim ins Kupee gestiegen war, saß in der einen Sofaecke ein alter Herr und in der anderen eine Dame, deren Gesicht von einem mächtigen Spitzenhut überschattet war. Ich setzte mich den beiden gegenüber und machte mir aus purer Nächstenliebe Gedanken darüber, ob und durch welche Bande die beiden Mitreisenden allenfalls zusammenhängen könnten. Vater und Tochter? Sie hatten keine Ähnlichkeit miteinander. Mann und Frau? Sie saßen zu weit auseinander. Onkel und Nichte? Sie tauschten keine verliebten Blicke. Primadonna und Impresario? Sie war nicht herrschsüchtig, er nicht unterwürfig genug. Ein Rätsel lag für mich zwischen den beiden und außerdem ein Buch, das in eine Zeitung gewickelt war.

Zwei »Sachsen« waren am Wagenfenster vorübergeglitten und dem dritten mit Namen »Großsachsen« näherte sich der Zug, als die Dame einem augenblicklichen Impulse folgend zu dem Herrn sagte: »Das Buch gehört wohl Ihnen? Erlauben Sie, daß ich es einmal ansehe?«

»Ich bitte Sie darum, verfügen Sie über mein Eigentum. Den Inhalt kenne ich noch nicht. Ich hab' es vor einer Stunde erst in Bensheim gekauft, weil ich mich für seinen Verfasser interessiere und dessen frühere Bücher schätze. Er ist ein Bergsträßer und wohnt in der Station, wo wir zuletzt gehalten haben. A propos, mein Herr, sind Sie nicht in Weinheim zu uns gestiegen?«

»Ja.«

»Und sind vielleicht gar aus dem Städtchen mit dem Gerberlohgeruch?«

»Ja. J–ja.«

»Da müssen Sie doch wohl den Mann mit dem seltsamen Namen kennen, den Adam Karrillon?«

»Kenne ich gut genug, wohne in einem Hause mit ihm zusammen und seine Frau hat mir des öfteren schon den Kopf gewaschen.«

Der Herr machte große Augen und fragte: »Kopf gewaschen? Ihnen?«

Die Dame leckte an dem Schleier und fragte gleichfalls: »Ihnen?«

»Ja,« war meine Antwort.

»Wohl komische Leute die beiden,« nahm der Herr wieder das Wort. »Er trinkt wohl gern, wie ich mir hab' sagen lassen?«

»Tut er. Sie können ihn jeden Abend unter seinen Spießgesellen in den ›Jahreszeiten‹ treffen.«

»Ist er von bemerkenswertem Äußern, mich interessieren Schriftsteller?« so fragte die Dame.

»Er ist wie der Dreinweck, den man nach dem Dutzend beim Bäcker bekommt, ein Mensch wie andere mehr. Ich für mein Teil möchte ihn nicht, auch wenn ich eine Dame wäre. Übrigens, da halten wir schon in Friedrichsfeld.«

»Wahrhaftig, indes bis wir nach Heidelberg kommen, können wir uns ja noch manches erzählen,« sagte der Herr. »Ich habe den Doktor einmal, doch nur von hinten gesehen und kann mir deshalb kein klares Bild von ihm machen.«

»Nach seinen Büchern ist er ein Weiberfeind. Ist dem so?« unterbrach die Dame.

»Wieblingen, da hält's nicht,« sagte ich.

»Nein, wenn's wieder hält, sind wir schon in Heidelberg. Also antworten Sie schnell. Sie scheinen mehr zu wissen, als Sie sagen wollen. Wie steht es mit dem Schriftsteller, hat er wirklich für uns arme Damen nichts übrig?«

»Was soll ich da sagen? Sein Vorname ist Adam, und wenn Sie zufällig, was man nicht wissen kann, Eva heißen, so müßten Sie sich mit dem Apfel in der Hand einmal selber an ihn wagen. Aber ich bitte Sie, beeilen Sie sich damit, denn alleweil steigt er aus.«

»Was?« schrieen nun die beiden wie aus einem Munde. »Sie wären?«

Der Zug war in den Bahnhof zu Heidelberg eingelaufen.

Der Herr erfaßte meine Hand und schüttelte sie. Die Dame aber nahm mich am Arm und sagte:

»Ganz ungeschoren kommen Sie mir nun doch nicht fort. Hier, diesen Blumenstrauß tragen Sie zunächst einmal und dann dies Paket. Ihr Lohn soll für heute eine Loge im Theater sein. Ich komme von Frankfurt und singe den Heidelbergern eine Gastrolle vor.«

Gut, ich übernahm bereitwillig das leichte Gepäck und den Arm meiner Reisegesellschafterin, und da sie wirklich nicht aussah, wie des Teufels Großmutter, so will ich keinem Bekannten grollen, wenn er mich in der Gesellschaft gesehen und sich allerlei dabei gedacht hat. Wie langweilig müßte übrigens das Leben sein, wenn es über die Komponenten der Menschheit Mann und Weib nichts mehr zu klatschen gäbe.

Nun, ich hab' es dazumal den lieben Nächsten an Stoff zu pikanter Nachrede nicht fehlen lassen und hatte sogar Phantasie genug, mit meinem Freunde Lederle zusammen noch allerlei Abenteuer zu erfinden, um dem »grünen Kränzchen« und dem »Verein der Unbescholtenen« eine Sonntagsfreude zu bereiten.

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