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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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»Enger wird um ihn die Welt.«

Es war die Zeit, wo meine Bücher zwischen dem Neckar und Rhein schon einiges Aufsehen erregt und mich in Verbindung gebracht hatten mit einer Anzahl hervorragender Männer. Joseph Lauff war gekommen, desgleichen Ernst von Wolzogen mit der Elsa Laura. Andere hatten schriftlich Fühlung mit mir genommen. Ein ganz sonderbarer Brief war einst aus Darmstadt an mich gekommen. Sein Inhalt lautete kurz und bündig: »Mein lieber Karrillon! Dich muß ich kennen lernen. Ich habe Deinen Hely gelesen. Löse ein Billett und Du wirst mich in der Gesellschaft von Arnold Mendelssohn am nächsten Sonntag zu dem Eilzug 1020 am Bahnhof zu Darmstadt finden. Erkennungszeichen meinerseits: 64 Zentimeter Kopfumfang. Gruß Dein Hermann Wette.«

»Mein Hermann Wette« sagte ich mir vor. Wahrhaftig ich gäbe was darum, wenn ich wüßte, wer mein Hermann Wette ist. Aber nun mal den Literaturkalender her, vielleicht daß der über den Briefschreiber mehr weiß, als ich, den er den seinen nennt.

Ein paar Seiten umgeschlagen! Na da steht es ja schon: Hermann Wette aus Köln hat den »Krauskopf« geschrieben und die Schwester des Komponisten Humperdinck geheiratet. Genügt mir. Ungewöhnliches Menschenkind jedenfalls. Originelle Art des Briefschreibens, vierundsechzig Zentimeter Kopfumfang, Mann der geborenen Humperdinck. Schon den Weg nach Darmstadt wert.

Ich setz mich also hin und schreibe. »Lieber Wette! Werde mich zur Minute einfinden, sofern das der ewige Streit zwischen badischen und hessischen Uhren zuläßt. Erkennungszeichen meinerseits: Spitzkopf, dem ein Kneifer auf der Nase reitet.«

Abgemacht. Ich komme in Darmstadt an, steige aus und sehe mich nach einem Menschen um, dessen Schädel vierundsechzig Zentimeter messen könnte. Na das trifft sich gut, da steht er ja schon der Mann, den ich suche. Er steckt in einem Lodenmantel, hat die Form eines Fliegenpilzes und dazu stimmend einen Hut auf dem Kopf, der einem Dutzend Schulmädchen als Regenschirm dienen könnte. Was ist da noch ein langes Besinnen nötig, zumal da du sein Schmollisbruder doch nun einmal bist. Ich also heran an den Kleinen, den Hut gelüftet und heraus mit der Begrüßungsrede: »Ei da wärst du ja mit deinem dicken Kopf.«

Da war ich schön angekommen. Die Angst fuhr mir in die Knochen, als ich das Augenrollen des Knirpses sah. Ach und gar seine Fäuste. Sie erschienen mir wie die Zuschlaghämmer eines Kesselschmiedes und sie standen in gefährlicher Nähe von meiner Nase, als mir das Zwerglein wütend die Worte entgegendonnerte: »Ei, Sie unverschämter Mensch, Sie! Wie kommen Sie dazu, mich zu beleidigen? Glauben Sie, weil ich klein bin und Sie ein langer Lackel! Täuschen Sie sich nicht! Mit dreien von Ihrer Sorte werd' ich noch fertig,« und er fing an, die Rockärmel in die Höhe zu schürzen.

Das Publikum hatte indessen respektvoll einen Kreis um uns gebildet, und der Ringkampf konnte seinen Anfang nehmen. Da, zu meinem Glücke schaufelte sich wie ein Kanonenboot eine Figur durch den Zuschauerkreis, die auf breiten Riesenschultern den Kopf eines Nilpferdes trug, faßte den Kleinen und schüttelte ihn am Ärmel, daß er klapperte wie ein Schellenbaum, während man die Rede hörte:

»Was vergreifst du dich an meinem Freunde hier, du Wasserkopf! Die Leute ersaufen, wenn ich dir ein Loch in den Schädel schlage. Das ist der einzige Grund, warum ich's nicht tue. Aber aufhängen werd' ich dich an der Gaslaterne hier, damit du mit Händen und Füßen zappeln kannst, wie ein Hampelmann.«

Indessen war eine hohe Gestalt mit weißem Kopfhaar an den Krauskopf herangetreten und hatte ihm besänftigend auf den Rücken geklopft, indem sie die Worte sprach: »Aber Hermann, was willst du hier am Bahnhof Menschen umbringen? Vergiß doch nicht, daß meine Frau zu Hause gut gekocht hat, und daß schon der Moselwein im Eisschrank steht.« Mendelssohn war's, der diese goldenen Worte sprach, und sie wirkten wie Öl auf der empörten Meerflut.

Zu dreien guckten wir uns lachend in die Gesichter, und ohne daß einer seinen Namen nannte, wußte jeder von uns, wer der andere war.

Wir gingen nun zu Mendelssohns hin, aßen gut und erzählten uns allerlei nach Tisch. Unter anderem erwähnte ich auch das seltsame Zusammentreffen mit meinem alten Studiengenossen Rot auf dem Dampfer »Sigurd Yarl«. Wette meinte, die Szene müsse als eine lustige Kapriole des Schicksals gedeutet werden, während Mendelssohn behauptete, er wisse eine bessere Erklärung für ein so auffallendes Zusammentreffen mit halbvergessenen Weggenossen und er fuhr fort: »Die Menschheit will mir manchmal wie eine Reissuppe erscheinen. Was vollwertige Körner sind, das liegt unten, und das einzelne Korn hat nur Kenntnis von seinem Nachbar rechts und Nachbar links. Oben aber auf der Suppe da schwimmen Hülsen und üble Blasen, die immer in Bewegung sind und die sich von Zeit zu Zeit begegnen und aneinander reiben müssen.«

»Wenn du den Arnold da für seinen Vergleich fordern willst, so werde ich dir sekundieren« sagte Hermann Wette und sah mich über den Rand seiner Brillengläser weg bedeutsam an.

»Ich denke, ich will ihn einstweilen leben lassen, wie du den Wasserkopf leben ließest, aber anstoßen wollen wir mal wieder miteinander.«

Wir taten es, und wahrhaftig, wir sollten's nicht oft mehr tun. Einmal war Wette noch bei mir in Weinheim, dann habe ich im Sommer 1919 in der Zeitung gelesen, daß der Krauskopf mit dem vierundsechzig Zentimeterschädel zu Heidelberg im Spital gestorben sei. Seine Gattin war ihm drei Jahre im Tode vorausgegangen.

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