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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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»Es wuchsen einst auf Hildings Gut –«

Also merkte ich auch auf, als eines Tages meine Frau sagte: »Hast du schon das reizende Wesen gesehen?«

›Das reizende Wesen! Als ob es nur eines gäbe auf der Welt,‹ überlegte ich und warf so kurz hin: »Welches meinst du wohl? Wohinaus zielt deine Frage?«

»Verstelle dich nur nicht. Sicher bin ich, du hast sie längst bemerkt. Alle Welt ist von ihr entzückt, in erster Reihe natürlich die Herren.«

»Dann wird's aber höchste Zeit, daß auch ich mir das Mirakel ansehe! Sag' mir doch, so schnell es dir möglich ist: Wo weilt sie nur, hinter welchem Ladenfenster ist die Sehenswürdigkeit ausgestellt?«

»Als ob du und gerade du nicht längst schon besser orientiert wärst als unsereiner, der im Tage kaum jemals mehr als drei Kaffeegesellschaften mitgemacht hat. Übrigens vor einer Stunde etwa bin ich ihr zum erstenmal begegnet. Am Rochensteinbrunnen droben, und ich muß sagen, daß ich es nur verstehen kann, wenn so viel Anmut und Schönheit den Herren die Köpfe verrückt.«

»Habe ich dir's nicht immer gesagt, du solltest meine Kragen steifer bügeln! Gegen so ein Kopfverrücken ist das meiner Ansicht nach das einzig praktische Schutzmittel. Im übrigen hast du meine Neugierde aufs höchste gesteigert. Ansehen muß ich mir auf alle Fälle dieses Wesen, schon deshalb, weil du soviel Wesens aus ihm machst,« und ich ging gleich nach dem Essen, um die ganze müßige Unterhaltung wieder zu vergessen.

Vielleicht hat es noch ein Vierteljahr gedauert, vielleicht auch länger noch, bis ich im Kasino einmal einem Ingenieur Kalbow vorgestellt wurde und auf dem Heimgang von anderen erfuhr, daß er der Mann der allerschönsten Frau sei, die zurzeit an der Bergstraße zu sehen wäre. Als ich nun wirklich einmal hinter einer jungen Dame herging, die unter ausgesucht eleganter Kleidung die Körperformen der Venus Kallipygos versteckte, fühlte ich natürlich das Verlangen, den Avers der Medaille kennen zu lernen. Monate gingen abermals ins Land, und was derweil aller Welt gelungen war, blieb mir versagt, nämlich mit dem reizenden Wesen einmal zusammenzutreffen, und zwar obwohl und trotzdem, daß ich mit ihrem Manne des öfteren Skat spielte. Als wir wieder einmal eine Partie beendet hatten und uns mit dem Stadtklatsch nicht befassen wollten, sagte Herr Kalbow zu mir: »Wie wär's, Herr Doktor, könnten wir nicht zusammen reisen, wenn es Sie in diesem Jahre wieder einmal in die Weiten hinausziehen sollte?«

»Keinen, den ich lieber auf der Reise neben mir sehen möchte, als Sie, Herr Kalbow,« erwiderte ich, »und nach welcher Himmelsrichtung wünschen Sie, daß uns die Dampfkraft tragen soll?«

»Mir ganz egal, meinswegen nach dem Nordpol. Und was meine Frau, die Walli, betrifft, des bin ich überzeugt, die macht mit, und wenn sie Lebertran trinken muß statt der Morgenschokolade.«

»Gut denn, fahren wir mal zu den Eskimos hinauf.«

Und wirklich, keine vierzehn Tage waren vorüber, und wir gingen selbdritt zu Hamburg auf den »Sigurd Varl« und fuhren der norwegischen Küste entgegen. O, glückliches Deutschland, als es deinen Kindern noch möglich war, für einen Preis, den man heute für eine Fahrt auf der Straßenbahn anlegen muß, die halbe Welt zu sehen.

Die Seekrankheit legte eine leichte, interessante Blässe ins feine Ovalgesicht unserer Reisegefährtin, aber nicht länger als wir brauchten, um das Skagerrak zu überqueren. In Stavanger bereits glich die Wangenfarbe wieder dem Blatt der wilden Rose, und unsere Freundin konnte in vollen Zügen die Bewunderung des männlichen Teils der Reisegesellschaft einheimsen. Wir waren für ein paar Stunden an Land gegangen und ich meinerseits hatte mich in eine Schenke verirrt, um einen Kümmel zu trinken. Ein halbes Dutzend verwegen aussehender Seeleute saßen in dem niederen Zimmer zu Stavanger. Jeder von ihnen hatte eine kurze Tonpfeife im Mund. Alle waren sie schweigsam, als ob sie in einer Kirche säßen. Vielleicht, daß dies Rauchen für sie eine stille Andacht vorstellte, wobei ihre Gedanken beim Schöpfer der Tabakpflanze weilten und der anderen Dinge, die es sonst noch im weiten Weltenraume gibt. Wie einen Gralsbecher hatten sie ein irdenes Gefäß in die Mitte ihres heiligen Kreises gestellt. ›Weiheschale‹ bildete ich mir ein, bis ich erkannte, daß der Topf die Funktion eines Spucknapfes übernommen hatte, wohin ein jeder der wackeren Heringfänger mit wunderbarer Geschicklichkeit seinen Speichel entleerte. Immer kann es mich ärgern, wenn ein Volk glaubt, daß es in allen Dingen vorbildlich sei. Man muß nur reisen, und man wird erkennen, daß auch andere Leute Spezialitäten besitzen, in denen sie unbedingt tonangebend sind. So diese Norweger in der Kunst des Spuckens.

Unser nächstes Reiseziel war Bergen. Daß wir Menschen über die Amphibien hinweg von den Fischen abstammen, zu diesem Glauben verführte mich vor allem meine Liebe zum Meer. Ich liebe es, wenn es wie ein Kind still in seiner Felsenwiege liegt, und ich liebe es auch, wenn es wie ein ungezogener Junge daherstürmt und mit Händen und Füßen um sich schlägt. Ja, ich liebe es sogar dann noch, wenn es wie ein Ungeheuer wütet, seinen weiten Rachen öffnet und mit blinkendem Gebisse mich zu zermalmen droht.

Wir hatten eine stürmische Nachtfahrt. An ein Schlafen war nicht zu denken, und um Gesellschaft zu haben, bat ich den Kapitän, daß er mich zu sich auf die Brücke ließe. Er tat's, nachdem ich ihm versprochen hatte, daß ich stumm sein wolle wie eine Weinbergschnecke. Der Seemann liebt den Schwätzer nicht. Sein Amt verlangt Taten von ihm und nicht Worte. In jedem Augenblick hängt Leben und Gesundheit, Hab und Gut von der Ruhe seiner Entschlüsse ab. Gott und sich selber verantwortlich steht er an einer Stelle, wo niemand ihm raten kann, keiner ihn belehren soll. Allein des Himmels Sterne sind seine Wegweiser in der uferlosen Breite und das Licht der Leuchtfeuer sein Führer. Die Flammen hat er zu beachten, ob ihr Schein aus der Unendlichkeit zu ihm dringt, ob von den Türmen des Ufers oder wie ein Leuchtkäfer aus dem schwarzen Nachen des Meeres. Ja, da unter uns, wo mit scharfem Sporn der Kiel die Meerflut pflügt, da vor allem lauert die Gefahr. Nicht höher oft als der Rücken eines Alligators ragt ein schwarzer Fels aus dem Wasser heraus. Wehe dem Schiffe, das auf ihn stößt! Bei der Schnelligkeit der Bewegung wirkt der plumpe Stein wie ein Dolch im Gekröse eines Menschen. Im Nu ist ein Loch in der Wand, das Herz des Schiffes steht still, die Maschine erstickt vor der eindringenden Flut. Die Schwere wirkt, und alles sinkt dem Mittelpunkt der Erde zu oder so weit wenigstens, als der Grund des Meeres dies erlaubt. Um die Gefahren für die Schiffahrt zu vermindern, haben allenthalben die Regierungen eingegriffen und einen regelmäßigen Befeuerungsdienst eingerichtet. Achtundzwanzigtausend Feuer brennen zwischen Stavanger und Hammerfest und warnen, soviel sie können, den Schiffer.

Die Nacht entschwindet, aber es erbleichen nicht alle Feuer. Viele brennen Tag und Nacht weiter. Sie befinden sich auf menschenleeren Eilanden. Nur von Zeit zu Zeit betritt einmal ein Schiffer das Gestade und füllt die Lampe mit Öl, damit sie weiter warne, ein guter Geist.

Es war an einem Vormittage, als der »Sigurd Varl« vor Tyskebryggen zu Bergen festmachte. Diese »deutsche Brücke« ist eine lange Reihe von alten Holzhäusern, die in gerader Front dastehen und alle ihre hohen Giebel dem Hafen zukehren. Sie enthielten vorzeiten die Büros der hanseatischen Handelsfürsten und auch die Wohnräume für Kaufleute, die nach dem Norden ausgesandt waren, um Geschäfte zu machen. Diese Sorte von untergeordneten Menschen mußte ehelos bleiben. Für ihre Geschäftsherren hatte das den Vorteil, daß man sie mit geringen Umzugskosten bald an diesen, bald an jenen exponierten Punkt der Erde werfen konnte. Ich weiß nicht, ob sie durch einen Eid zum Zölibat verpflichtet wurden, weiß auch nicht, ob man ihnen eine Tonsur auf den Wirbel rasierte, um sie den Weibern als verbotene Frucht kenntlich zu machen, ich merkte nur, daß die Handelsfürsten dem allem mißtrauten, dafür aber den Bau der Häuser so einrichteten, daß Plus und Minus durch Mauern voneinander geschieden waren. Wunderbare Vorstellungen werden in einem wach, wenn man neben den Betten die Löcher sieht, durch welche nur die obere Hälfte eines Weibes sich drängen kann, um die Federn aufzuschütteln – –

Als wir die sinnige Einrichtung genügend besichtigt hatten, erlaubte ich mir gegen Herrn Kalbow die Bemerkung: »Wird's viel geholfen haben?«

Seine Frau hatte die Frage aufgefangen und antwortete an des Gatten Stelle: »I wo! Man baue einmal Mauern, durch die kein Luftzug dringt, und wo ein Wille ist, da ist auch immer ein Weg.«

»Guck, Walli, du gerade mußt das wissen,« sagte ihr Mann, und lachend gingen wir weiter.

In den Straßen von Bergen suchte ich vergeblich nach jenen blondschlanken Erscheinungen, wie sie die deutsche Phantasie so gerne in Tegners Frithjofssage hinein illustriert. Was da auf dem Fischmarkt herumwimmelte von holder Weiblichkeit war nicht so, daß es auch nur den allerhungrigsten Gaumen befriedigen konnte. Als ich mich von der Straße enttäuscht nach einer Barbierstube wandte, um nach den blondgelockten Ingeborgs zu fragen, sagte man mir, ich könne eine solche auf Cooks Reisebüro besichtigen, wenn ich durchaus eine sehen wolle. Ich ging wirklich nach der Office hin und fand dort auch eine Semmelblonde vor, die sich als eine maskierte Dalekarlierin auswies, geboren am Matzeberg in der deutschen Rheinpfalz. Von da ab gab ich das Suchen nach skandinavischen Schönheiten auf und begnügte mich damit, von Zeit zu Zeit meine Reisegenossin zu bewundern, die viel umschwärmt auch als geborene Magdeburgerin das war, was ich seither umsonst an einer Skandinavierin suchte.

Bergen war besichtigt und wir alle wieder an Bord, auch der Feudalkreis Hamburger Kaffeebohnenspekulanten. Diese exquisite Sorte hatte sich lästig gemacht durch ihre Champagnergelage, ihren Manilageruch und ihre Börsengespräche. Mir war die Ausschußware gleichgültig. Wir reisten also friedlich nebeneinander von einem Fjord in den andern und störten einander nicht beim Anglotzen der Gletschermassen, die allenthalben bis ins Meer herunterhängen, und der Wasserfälle, die wie silberne Schlangen am bemoosten Felsgestein herabrieselten. Nein, es war mir nicht möglich, mich satt zu sehen. Ich war sogar eifersüchtig geworden auf die Schönheit des nordischen Landes, so zwar, daß ich deren Mitgenuß keinem anderen gönnte und mich diebisch freute, wenn der Dampfer um eine kühne Felsenecke bog, während im Speisesaal die Gesellschaft die Nasen über einen gesottenen Stockfisch beugte, da genoß ich allein, ganz allein. Um gar nicht in meinen Träumen gestört zu sein, schlief ich fast gar nicht mehr und war zumeist schon stundenlang auf dem Promenadendeck, wenn in den Kabinen noch niemand an ein Aufstehen dachte.

Als ich eines Morgens mal wieder so saß und meinen Regenmantel derartig um mich drapiert hatte, daß er meine Unterhosen verdeckte, kam ein Frühaufsteher von den Hamburger Übermenschen auf mich zu.

»Guten Morgen, Herr Doktor,« sagte er gnädig.

»Guten Morgen,« war meine devote Antwort.

»Schöne Aussicht heute?«

»Schöne Aussicht.«

»Reisen Sie allein hier im Norden?«

»Nein, mit einer Reisegesellschaft.«

»Ich meine, ob mit Gemahlin oder nicht?«

»Oder nicht.«

»Sie sind wohl überhaupt noch nicht verheiratet?«

»Doch und habe sogar schon einen Sohn, der zurzeit in der Gießener Burschenschaft den Schläger schwingt.«

»Was Sie nicht sagen. Vor Jahren habe ich in Würzburg zwei Gießener gekannt, von denen der eine Kemperdick hieß und der andere Karrillon.«

Nun durfte die Sache dramatisch werden. Ich sprang von meinem Sitze auf und sah dem Hamburger ins Gesicht. Trotz der Glatze, die einen früher schwarzen Haarwuchs überklebte, erkannte ich plötzlich einen alten Studienfreund.

»Knallprotze,« fuhr ich auf ihn los. »Soll ich dir sagen, wer du bist? Bist du nicht einer, der einmal auf der Marienburg gesessen und nun zu Hamburg sich auf einem Senatorsessel rekelt? Rot mußt du übrigens heute noch heißen, wenn nicht inzwischen ein schwarzer Adler dir durchs Knopfloch deines Gehrockes gefahren sein sollte.«

»Hat er nicht getan, Karrillon, und weißt du, woran ich dich wiedererkenne? An dem Schmiß in deiner Nasenspitze. Herrgott haben wir uns damals gefreut, wie du von einer Marburger Gastspielreise übel zugerichtet zurückkamst. Dreißig Jahre, und keiner hat vom andern mehr ein Wort vernommen. Und nun führt der Zufall uns hier im Norden zusammen, eine Minute übrigens nur vor dem Augenblick, der uns wieder trennen wird! Sind die Schindeldächer da nicht Lördals am Sognefjord? Hier muß ich das Schiff verlassen. Aber nicht wahr, du besuchst mich doch, wenn du wieder einmal nach Hamburg kommst?«

Ich versprach's dem Abgehenden in die Hand hinein. Gehalten hab' ich dies Versprechen bis heute noch nicht. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, so mag es denn auch der nach Hamburg sein.

Unser Schiff schlängelte sich einem Aale gleich an drei, vier Wochen lang durch die engen Wassersträßchen des wildzerklüfteten Landes hindurch. Bald kamen die Häuschen zutraulich an den »Sigurd Yarl« heran, bald wichen sie scheu vor ihm zurück und schauten von überragenden Klippen herunter ängstlich in seinen Schornstein hinein. So näherten wir uns allmählich dem Städtchen Molde, das für diesmal der nördlichste Punkt der Reise sein sollte, und damit war ich einverstanden. So schön die Landschaftsbilder auch sein mögen, immer sind sie doch aus Felsen, Gletschern, Wassern und Himmel zusammengemalt. Dem Norden fehlen die Ruinen, die von der Menschheit Kindertagen zu uns reden. Die Geschichte fehlt ihm, die um Tempelsäulen heilige Träume windet und uns mit Helden, Halbgöttern und Göttern in Verbindung bringt, ohne deren erlauchte Gesellschaft doch nur der Proletarier leben mag.

Molde liegt vor den schneebedeckten Bergen von Romsdalen in geschützter Lage. Hier wachsen die letzten Rosen. In wilden Ranken klettern sie an Häusern und Zäunen hin und ihre großen weißen Blüten schwängern die Luft mit Wohlgerüchen. Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn ich sage: Man riecht das kleine Städtchen, bevor man noch seine Häuser sieht, und doch hatte ich scharf genug nach ihnen ausgeguckt.

Wie ich als unverbesserlicher Idealist bei Oberwesel immer denke, ich müßt' einmal die Lorelei sehen, so konnt' ich mich hier im Norden von dem Gedanken nicht freimachen, daß mir doch noch nach all den bleichen Stockfischgesichtern eine Ingeborg übern Weg laufen könne. Ganz ohne realen Hintergrund war mein Hoffen auch nicht. Ich hatte nämlich unserer Stewardeß, die als eine Schönheit mittleren Ranges gelten konnte, einmal geklagt, daß eine solche ersten Ranges mir noch nicht vor die Augen gekommen wäre.

»Warten Sie,« hatte sie mich getröstet, »wenn wir nach Molde kommen, dann zeige ich Ihnen eine.«

Nun war Molde da, und man wird es mir nicht zur Sünde anrechnen, wenn ich an der Reeling stand, um das Gegenstück zu jenem Götterbild in Blond zu sichten, das ich in Schwarz beim Knopfannähen zu Genua bewundern durfte. Ich stand, sagen wir einmal, wie angenagelt da und suchte die Holzmole ab, an der unser Schiff festmachen mußte. Na gut, da wimmelte etwas wie Kraut und Rüben durcheinandergemengt von Gottes Ebenbildern herum, aber so was, wie es Tegner in der Frithjofssaga schilderte, war nicht dabei.

Mit einem Male aber ging es mir wie dem Türmer im zweiten Teil von Goethes Faust:

»Harrend auf des Morgens Wonne,
Östlich spähend ihren Lauf,
Ging auf einmal mir die Sonne
Wunderbar im Süden auf.«

An einer Rosenhecke nämlich öffnete sich ein Gartentürchen, und eine hohe, blonde Schöne trat ans Meeresufer heran. Wie Aphrodite selber stand sie da, und, o Wunder, sie winkte mir sogar mit einem Taschentuch, das aus weißen Rosen zusammengesetzt erschien. Konnt' ich meinen Augen trauen? Galt dies Grüßen wirklich mir? Im frommen Glauben nahm ich's vorläufig an, im stillen freilich fürchtend, daß mein schöner Glaube durch irgendeine banale Trivialität vernichtet werden könne.

Und wirklich. Eine ungebetene Hand legte sich von hinten erbarmungslos auf meine Schulter. Gekränkt fast drehte ich mich um. Und wer stand da? Daß sie der Himmel für den Frevel strafe – unsere Stewardeß.

»Haben Sie nun gefunden, was Sie suchen?« fragte sie.

Ich hauchte ein »Ja« in den Rosenduft hinein und ließ neben meiner Pfeifenspitze heraus mir die Worte entschlüpfen: »Und sehen Sie denn nicht das Mädchen dort, sie fängt schon wieder an, mir zu winken,«

»Dies dürfte wohl nicht Ihnen gelten, sie, die da steht, ist meine Schwester.«

»Ihr Fläschchen,« sagte ich, »wenn mich nicht die Vernichtung treffen soll. Aber immerhin besser noch Ihre Schwester, als die meine. Könnte man übrigens nicht einmal mit dieser Himmelserscheinung zusammen irgendwo einen Kaffee trinken?«

»Ei, warum denn nicht, meine Mutter wird sich freuen, wenn Sie uns die Ehre Ihres Besuches schenken.«

So war denn das erste Kapitel eines kleinen Romans geschrieben. Die nächste Fortsetzung war leider schon sehr langweilig. Nicht jeder kann sich wie der König von Kypros Pygmalion in ein elfenbeinern Bild verlieben, und was ist das schönste Weib denn anders, wenn ihm die Worte fehlen, uns zu sagen, was in ihr vorgeht. Der Teufel mag den holen, der am Turmbau zu Babel schuld ist und der Sprachverwirrung. Er hat uns doch um manchen Genuß gebracht.

Nach zwei Tagen schon kehrte unser Dampfer sein Bugspriet wieder dem Süden zu. Ich glaube, die Frau meines Freundes war froh, daß wir von Molde loskamen, denn keine schöne Frau fühlt sich ganz behaglich an einem Orte, wo eine noch schönere neben ihr existiert.

Sechs Reisetage teils zu Wasser, teils zu Lande noch und wir waren wieder, wo jeder hingehörte, zu Hause und was ein jeder für sich mitgebracht, war die Erinnerung an schöne Tage. Ich aber im besonderen brachte blasse Schemen mit, die sich späterhin in der »Mühle zu Husterloh« und in »O domina mea« zu Gestalten verdichteten.

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