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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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Über Zion und Seinebabel zurück an die Bergstraße

Das Jahr fünfundneunzig hatte einen guten Wein geliefert und mit dem half ich mir hinweg über die Schikanen des überlauten Werkeltages. Im stillen bereitete ich mich vor auf eine längere Reise, die mich über das Land der Griechen hinweg nach dem Libanon und seinen Ausläufern führen sollte. Das Jahr sechsundneunzig brachte die Verwirklichung meines alten Traumes. Was ich auf dem Hin- und Herweg erlebt, ist in der »Kreuzfahrt« beschrieben. Unnötig deshalb, daß ich hier weitschweifig werde. Bemerken aber will ich, daß mir das zitierte Buch viel Anfechtungen brachte, weil ich noch nicht wußte, daß man nicht ungestraft auf den Markt gehen darf, um seine Seele zu entkleiden im Dienste der Wahrheit. Zu meiner Rechtfertigung will ich nur eines hier erzählen.

Eines Tages, es war im Frühjahr neunzehnhundert, bekam ich einen Brief aus Augsburg. Ein angesehener Geistlicher dieser Stadt ersuchte mich um die Erlaubnis, die »Kreuzfahrt« in einem katholischen Sonntagsblatt, dessen Redakteur er sei, veröffentlichen zu dürfen. Ich schrieb sofort zu und bekam nun die einzelnen Belegnummern regelmäßig ins Haus geschickt. Doch eines Tages blieben sie aus. Statt ihrer kam ein Brief, worin mir mitgeteilt wurde, daß die Publikation des Ganzen hätte müssen unterbrochen werden. Das Nähere würde ich erfahren, wenn der Briefschreiber demnächst nach Weinheim käme. Er hätte die Absicht, die Pariser Weltausstellung zu besuchen, und gedächte bei mir Station zu machen, vorausgesetzt, daß sein Kommen erwünscht wäre.

Von meiner Seite ging nun eine höfliche Einladung ab, und ich hatte die Freude, am Bahnhof einen lieben geistlichen Herrn begrüßen zu dürfen, mit dem ich auf der Palästinareise bekannt geworden war. Da dem Hochwürdigen die Gegend gefiel, blieb er einige Tage bei mir und begleitete mich auf meinen Gängen in die Nachbardörfer.

»Hören Sie,« sprach er eines Tages, indem er mich unterm Arme faßte, »waren Sie nicht erstaunt, als ich Ihnen die Belegnummern des Sonntagsblättchens nicht mehr schickte?«

»Gewiß,« entgegnete ich. »Allein ich dachte mir, Sie hätten wohl Gründe gehabt für Ihr Vorgehen und habe mir über deren Erforschung nicht gerade den Schädel zerbrochen.«

»Sie sollen sie jetzt hören, ohne daß Sie die lebensgefährliche Manipulation an sich vollstrecken. Denken Sie nur, eines Tages werde ich zu meinem Bischof ins Palais bestellt.

›Herr Pfarrer,‹ sagte der hohe Herr zu mir,›Sie veröffentlichen da ein Buch von einem gewissen Karrillon. Sind denn da in Ihnen keine Bedenken erwacht?‹

›Doch, bischöfliche Gnaden,‹ hab' ich g'sagt, ›aber ich glaubte der guten Sache einen Dienst zu erweisen, wenn ich einem weiteren Kreise bekannt gäbe, wie's im heiligen Lande bestellt ist. Nur wenn man erst im Abendlande die Mißstände kennt, wird man sich an deren Beseitigung heranmachen dürfen. Berücksichtigen Euer Gnaden wohl, daß ich selber drüben war in Palästina, und daß ich nur die Wahrheit dessen bestätigen kann, was dieser gewisse Herr Karrillon geschrieben hat.‹

›An Ihrer guten Absicht, Herr Pfarrer, zweifelt niemand. Aber Sie müssen mit dem Eindruck rechnen, den derartige Veröffentlichungen auf die Leser machen. Da liegt ein Haufen Briefe aus der Diözese. Lesen Sie diese, und dann bilden Sie sich selbst ein Urteil darüber, was der Laie denkt, wenn er erfährt, wie es an den Stellen zugeht, die ihm seither heilig waren.‹

»I hab' nun so ein und den anderen Brief aufg'macht und fang zu lesen an. Da war nu freilich viel die Red' von liebgewordenen Vorstellungen und geheiligten Überlieferungen, so daß i rein selber darüber erschrocken bin, was mer nit alles für en Unheil anstellen kann, wenn man anfängt, an so altem Hausrat zu wackeln. Und wissen's, was i meinem Bischof g'sagt hab'?

›Gnaden,‹ hab' i g'sagt, ›wann's nit sein kann, so wollen wir halt die weiteren Fortsetzungen unterlassen.‹ Nit wahr, mein lieber Doktor, Sie sein mir deshalb doch nit bös drum? Zumal, wenn's bedenken, daß i persönlich bei dem Gang nach Kanossa hab' Haar lassen müssen.«

»All die, die auf Ihrer Glatze fehlen?« unterbrach ich scherzend.

»Dös net. Aber mein' schöne Vollbart hat's mi kost. Sie erinnern sich doch noch an den? Ausg'schaut hab i da drin wie der Judas Ischariot. Aber zur Erinnerung an meine Wanderung im heiligen Land hab' i ihn wolle weiter tragen hier unter dene bayerischen Biergesichtern. Wann's der Bischof nit grad g'sehn hätt, hätt's vielleicht a' noch e Zeitlang gut getan, denn so war er net, daß seinetwegen die Elektrische en Umweg hätt um en erum mache müsse. Dem Bischof aber hat er im Weg gestanden, und er hat zu mer g'sagt: ›Herr Pfarrer‹, hat er g'sagt, ›wollten's mir net den Gefallen tun und Ihne hier und da als emal rasieren lassen?‹

»›Warum nit, bischöfliche Gnaden‹, hab i g'sagt, ›ans Herz g'wachsen sin' mir die paar Schweinsborsten fein a net.‹

Damit war's alle mit die Audienz, un wir sinn im Frieden auseinander gegangen.«

»Und der Wahrheit war wieder einmal eine Tür versperrt, weil man sie nicht in jeder Stube brauchen kann. Dort vor allem nicht, wo man mit Kindernahrung die großen Puppen füttert. Kennen Sie sich übrigens aus in Paris, Herr Pfarrer, da Sie eben doch dahin wollen?«

»Das nicht, aber indem Sie ja vor drei Wochen erst von dort zurückkommen sind, so können Sie mir gewiß sagen, wo i mich einquartieren muß, um billig durchzukommen.«

»Ich würde, wenn ich die Ausstellung zum zweiten Male zu besuchen hätte, mir nur ein Zimmer in einem der entlegneren Stadtviertel suchen, etwa am linken Seineufer hinter dem Palais Luxembourg. Essen zu billigen Preisen finden Sie in den über die ganze Stadt hin zerstreuten Cafés Duval, vor allem aber auf dem Ausstellungsplatze selber im sogenannten algerischen Dorfe. Für einen einzigen Franken bekommen Sie dort ein Hammelragout, wie Sie es nirgends auf der Welt besser treffen können, und algerischen Rotwein können Sie dazutrinken, so viel Sie nur immer wollen. Eine Flasche steht vor Ihnen auf dem Tische, die sich immer wieder füllt, wie das Ölkrüglein der Witwe von Sarepta.«

»Was Sie da sagen, ist mir sehr wertvoll. Können Sie mir nicht noch andere Dinge nennen, die man nur in Paris findet und sonst nirgends?«

»Gewiß, wenn Sie einmal sehen wollen, wie man mit Eleganz betteln geht, dann verfügen Sie sich an einem Sonntag in die Kirche von St. Eustache. Sie werden sich wundern, wenn Sie sehen, daß da den Andächtigen nicht etwa in rücksichtsloser Weise ein Klingelbeutel unter die Nase geschoben wird, sondern daß der schönste Mann eines ganzen Domkapitels in veilchenblauer Sutane an den Kopf der Bänke tritt und neben sich einen Diener hat, der eine schwere Silberplatte die Reihe der Beter hinunter wandern läßt. O, Sie sollten das Klingeln hören, mit dem die Goldstücke auf die spiegelblanke Platte fallen, und den verliebten Blick sehen, mit dem der würdige Kirchenfürst den schönen Spenderinnen zu quittieren weiß. Dieser Blick, er ist nicht nur eine vollendete Liebeserklärung, sondern bedeutend mehr. Er ist ein Ego absolvo te ab omnibus peccatis tuis, der reine Himmelsschlüssel sogar. Laßt uns die französischen Geistlichen loben. Ich glaube, Sie verstehen es, das Bußsakrament zu einer Art von Vergnügen umzugestalten. Wenn ich eine Prinzessin wäre, kein anderer als ein französischer Abbé dürfte mein Beichtvater sein. Ich glaube fast, sie sind die Nährväter der reizvollsten von allen Sünden. Wie auf dem Moos die Pilze, so gedeiht in ihrer Nähe die verliebte Torheit.

Wenn Sie an einem Werktag sich einmal im Schatten von St. Eustache umsehen wollen, werden Sie die Mauern der Kirche umlagert finden von Magdalenen. Alle jene, aus denen das Alter sieben und mehr Dämonen ausgetrieben hat, gelangen, zu Fischweibern umgestaltet, hier beim Patron der Jäger an, dem einst das Heil der Welt zwischen den Hörnern eines Hirsches erschienen ist. Aber was schwatze ich Ihnen da vor, Herr Pfarrer, Sie werden keine Lust haben, dem Laster nachzugehen, auf seinem Wege aus dem Spiegelglanz der Maximsäle bis zum Fischmarkt vor der Eustachiuskirche.«

»Man sollte wohl schöne Gesichter in diesen Hallen machen, wenn einer mit der Tonsur auf dem Wirbel sich dort blicken ließe. Aber wissen Sie, was ich mir ansehen möchte: Den Pere Lachaise. Ein sonderbarer Name übrigens für einen Kirchhof: Vater Lachaise. Können Sie mir über die Geschichte dieses Namens Auskunft geben?‹

»Sie ist einfach genug. Der Jesuit Lachaise war der Beichtvater Ludwigs des Vierzehnten und bekam von seinem König ein Landhaus mit einem Park geschenkt. Dieser Park ist im Jahre 1804 zu einem Kirchhof eingerichtet worden und seine Mauern umschließen heute ein Kunstwerk, das mein Interesse mehr in Anspruch nahm, als die ganze Weltausstellung. Ich meine jenes ergreifende Monument des Bartholomé, das dieser Künstler den Toten gewidmet hat. Gewiß, Herr Pfarrer, dies Denkmal müssen Sie gesehen haben. Der Eiffelturm wird sich Ihnen von selber aufdrängen. Die Kunst aber läßt sich in Paris, wie überall in der Welt, suchen. Sie braucht Stille um sich her und flieht den lauten Markt der menschlichen Eitelkeiten. Sie werden übrigens doch noch nicht abreisen wollen, mein Bester?«

»Doch, doch, morgen muß es sein. Ich darf die Zeit meiner Ferien nicht allzu nutzlos vertrödeln.«

Er ging, und ich habe den lieben Palästinapilger vom Jahre 1896 nicht wiedergesehen, wohl aber ein kleines Buch von ihm, das »Dornen und Disteln« überschrieben, seine Erlebnisse aus jenen Reisetagen wiedergibt.

Während ich die Absicht hatte, meine »Kreuzfahrt« zu verteidigen, merke ich nun, daß im Handumdrehen aus der Apologie eine Beschreibung von Paris und seiner Weltausstellung herausgewachsen ist. Nun, was einmal dasteht, braucht nicht mehr niedergeschrieben zu werden. Der Leser weiß jetzt, daß ich in Seinebabel war, und ich hoffe, daß er mir deshalb nicht grollen wird. Meine Weinheimer Mitbürger taten es auch nicht. In ihrer überwiegenden Mehrheit haßten sie Frankreich nicht, so wenig wie ich selber, und sie machten mich zur damaligen Zeit zum Vorstand der Schützengesellschaft, obwohl ich das Evangelium predigte, daß Deutschland mit Frankreich Arm in Arm für Europa den Beginn des goldenen Zeitalters zu bedeuten habe. Den derzeitigen Schützenbrüdern war es übrigens mit dem Losbrennen auf zweibeinige Feinde, von Enten abgesehen, überhaupt nicht ernst. Sie renommierten nur gerne ein wenig mit dem Stutzen auf der Schulter, der Feder am Hut und dem grünen Kragen am Rock.

Unser Hauptkünstler vor den Scheiben war zweifelsohne ein Zahnarzt namens Lehmer. Mit unfehlbarer Sicherheit traf der eingefleischte Altbayer ins Schwarze, d. h. wenn er's nicht grad »verwackelte«. Aber leider kam er von Tag zu Tag mehr ins »verwackeln« hinein. Ein heimtückisches Leberleiden zehrte seine Kräfte auf. Einen halben Winter lang stand er noch am Fenster seines Zimmers und zählte durch die Scheiben die Raben, die an den Abenden von der Rheinebene nach ihren Nachtquartieren im Odenwalde flogen. So lang es ging, fuhr er ihrem Fluge mit dem Zimmerstutzen nach. Aber es ging nicht lange mehr, denn ihn selber hatte der Schütze Tod aufs Korn genommen. Er wurde bettlägerig und hing mit der Welt nur noch durch die paar Menschen zusammen, die an sein Krankenlager kamen, und mich, der ich sein Arzt war. Die beste Medizin, die ich ihm bieten konnte, war die, daß ich seine Gedanken ablenkte von seinen Leiden, indem ich von vergangenen besseren Zeiten sprach. Wenn ich die Namen Magenta oder Königgrätz nannte, glühte er auf in heiliger Begeisterung, nicht minder aber, wenn die Worte Tucherbräu oder Hacker fielen. Ich hatte also eine reiche materia medica zur Verfügung, die ich den Umständen entsprechend verschreiben und verteilen konnte. Der Abwechslung halber kam ich einmal auf die Idee, das Rauchbier zu loben, einen Absud, in dem die Wacholderbeere eine Rolle spielt. Er hörte mir eine Zeitlang zu, ohne Ja oder Nein zu sagen. Plötzlich aber konnte er mit seiner Ansicht nicht mehr zurückhalten und, wie Funken aus dem Span springen, so knisterte es aus ihm heraus: »Sie, Doktor, haben's a schon mal n' G'frorn's trunken?«

»E G'frorn's, Herr Lehmer, was is n' G'frorn's?«

»E G'frorn's is e G'frorn's un dös, wann es noch net trunken haben, dann haben's n' Bier überhaupt noch net trunken.«

»Wollten Sie mir nicht wenigstens sagen, wie so e G'frorn's hergestellt wird, denn zum Versuchen wern's doch wohl keins dahaben.«

»Wie's gemacht wird, ah Sie mein Lieber, da müßten's zu Augsburg den Wirt zum ›Hölzernen Nachttopf‹ fragen. Der hat Ihna, als wenn's in en Winter recht kalt g'wesen, e paar Fasserln in sein Hof naus g'stellt, bis es a gar ganz g'frorn war.«

»Das Bier im Faß, das meinen Sie doch?«

»Ah freili, freili nicks anners. Den Spunden muß ma einschlagen können ins Faß und kein Tropfen a darf auslaufen, kein Tropfen sag' i.«

»Aber wie soll man trinken, wann kein Tropfen ausläuft.«

»Mit der Goschen natürli. Aber erst muß mit an Bohrer en Loch durchs Eis durchbohrt sein, daß de Brüh' a auslaafen kann, natürli.«

»Jetzt begreif' ich, Herr Lehmer. Das was im Bier Wasser ist, hat sich an die Faßdauben rangemacht und ist da selber zu einem Eisfaß geworden, worin nun der alkoholreiche Extrakt eingeschlossen liegt. Da kann ich mir jetzt schon vorstellen, daß dies, was flüssig bleibt, ganz was besonderes sein muß.«

»Können's das? Na, wartens! Bald's den Winter kalt werden sollt' und i wieder a wink besser bei enand bin, machen wir dös in en ›Vier Jahreszeiten‹ da drüben.«

Dies Projekt ist nicht zur Ausführung gekommen. Eine Stunde nach seinem Entwurf schon war der tot, der es entworfen. Was mögen die Gefallenen von Königgrätz und Magenta gesagt haben, als der bayerische Scharfschütz beim himmlischen Appell in ihren Reihen stand?

Um jene Zelt ist mancher noch aus dem Kreise meiner Bekannten ausgeschieden. So was ist immerhin unheimlich. Meine Stimmung war zudem noch durch pekuniäre Verluste getrübt. Um meine Gedanken abzulenken, setzte ich mich an den Abenden hin und schrieb, schrieb große und kleine Novellen, um sie nach einigen Tagen wieder in den Ofen zu werfen. Nicht jeder Stein, den der Maurer in die Hand nimmt, wird in die Wand gesetzt. Verloren ist aber auch diese Mühe nicht. Man bleibt gewissermaßen im Training und entflieht dem Alltag, von dem nur zu verzeichnen war: Ich ging nach Buchklingen zu durch den Wald. Aus den Brombeerstauden lockte der Schlag eines Dompfaffen. Ein Eichhorn kletterte am braunen Stamm einer Fichte empor. Die Sonne warf rote Lichter übers Unterholz. Aus der Ferne vernahm man das Dengeln einer Sense. Das alles zusammen gab Stimmung. Abendstimmung in die Seele und wenn ich die einmal brauchte, konnte ich sie auferwecken wie Christus den Jüngling zu Nain. Immer bereit stehen und Eindrücke sammeln.

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