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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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Weiter auf der Rutschbahn des Lebens

Nach all dem Gesagten war ich zweifellos nicht vom Himmel gefallen, sondern ein echter Odenwälder. Nun könnten neugierige Menschen kommen und fragen, wie ich zu dem fremdländischen Namen gekommen sei und wo ich eigentlich herstamme. Ich will ihnen das wenige sagen, was ich darüber weiß. Der Vater meines Vaters soll in Wehrheim am Taunus eine Strumpfweberei besessen haben und späterhin Torschreiber in Frankfurt gewesen sein. Seine Söhne wußte er im Dienste der freien Stadt nicht unterzubringen. Mein Vater ging ins Darmstädtische, und so kam es, daß ich als der Sohn eines großherzoglichen Schulmeisters auf hessischem Boden das Licht der Welt erblickte.

Wovon meine Frankfurter Großmutter nach dem Tode ihres Mannes gelebt hat, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich als Kind zuweilen bei ihr in der Mainstadt war, als sie hinterm Weißen Lämmchen wohnte. Von der Ecke ihres Wohnhauses herab blickte im flatternden Rokokokleid eine hölzerne Muttergottes freundlich auf die Straße, was jedoch nicht verhinderte, daß dieser Straße Pflaster immer sehr schmutzig und von leichtsinnigem Volk betreten war. Das ganze Erdgeschoß im großmütterlichen Hause schien etwas in den Boden gesunken zu sein, war feucht und roch nach Gewürznelken und Petroleum. Die Hälfte des Innenhofes war in Stockwerkhöhe von einer schönen Holzgalerie umkleidet. Hatte man diese erst auf altmodischer Treppe erreicht, so wurde die Luft reiner und gleichfalls der Boden. Man merke wohl auf, wo der Magistrat aufhörte, da fing meine Großmutter an zu regieren, wenn auch zunächst noch mit unsichtbaren Händen. Wollte man sie selber sehen, so mußte man an einem blanken Messingringe ziehen, worauf sie zu erscheinen pflegte, das Matronengesicht von einer Spitzenhaube umrahmt. War der Gast nicht willkommen, so lag eine feudale Kälte in den vornehmen Zügen, die sich aber zu milder Sonnenwärme wandelte, sobald das Gegenteil der Fall war. Das Möblement der alten Dame war derart, daß man ihm die bessere Abstammung noch immer ansah, trotzdem daß hier und da der Kanapeeüberzug gestopft war und der eine oder der andere Fauteuil auf drei Beinen stand. Wo die Frankfurter Großmutter herstammte, weiß ich nicht. Ich habe nur manchmal sagen hören, sie sei aus der Wetterau gewesen und von Talern entsprossen, aber von solchen, die zu Kreuzern geworden wären. Wie dem auch sei, der Schluß ist zulässig, daß mein Urgroßvater ledig oder als Witwer aus Frankreich nach Frankfurt kam und in der Stadt selber oder ihrer nächsten Umgebung seßhaft wurde und heiratete.

Gründete die eine Wurzel meines Stammbaumes in französischer Erde, so stak die andere um so tiefer in deutschem Boden. Mein Großvater mütterlicherseits besaß zu Hartenrod im Odenwald ein schönes Bauerngut, das er mit zähem Fleiß selber bewirtschaftete, bis er noch ein zweites hinzubekam in dem Nachbardorf Aschbach. Meine arme Mutter war leider bei dem geldstolzen Hofbauern in Ungnade gefallen, weil sie ohne die väterliche Einwilligung sich an einen hergelaufenen Federfuchser – meinen Vater eben – weggeworfen hatte. Lange und schwer genug trug sie an dem ungerechten Zorn und ich glaube, eine förmliche Aussöhnung hat sie überhaupt nicht erlebt, da erst nach ihrem Tode herbe Schicksalsschläge den zähen Bauern mürbe machten. Die Gräber von Vater und Tochter lagen übrigens auf dem Waldmichelbacher Kirchhof nicht weit auseinander, und wenn ich den Alten in »Adams Großvater« sein Kind viele Jahre überleben ließ, so geschah dies mit poetischer Freiheit und zwar aus künstlerischen Gründen.

Eine »orewällische« Großmutter werde ich wohl auch einmal besessen haben. Sie muß aber lange vor meiner Geburt gestorben sein, denn ich habe nie über sie sprechen hören. Vielleicht aber war dem nur deshalb so, weil in jenen patriarchalischen Zeiten neben dem Bauern die Bäuerin eine nur ganz untergeordnete Rolle spielte.

Eigentlich hätten nun meine Frankfurter Großmutter und der »orewällische« Großvater als Überbleibsel einer entschwundenen Zeit etwas füreinander empfinden können. Dem war aber nicht so. Sie haßten sich, wie das Feuer das Wasser haßt. Sie waren beide zu selbstherrliche Naturen, als daß eines dem andern das geringste Zugeständnis gemacht hätte, und wie der Bauer meinen Vater nicht als vollwertig hinnahm, so betrachtete hinwieder die Großstädterin meine Mutter als ein inferiores Landgewächs. Da meine beiden Ahnen klug genug waren, sich aus dem Wege zu gehen, so ist es zu einem Haarausreißen und Gesichtzerkratzen nie gekommen, obwohl ich überzeugt bin, daß die Großmutter im Ringkampfe ihren Mann gestellt hätte. Mir wenigstens hat sich ihre schlagfertige Energie einmal im hellsten Lichte gezeigt, wie der Leser späterhin sehen wird.

Nachdem ich somit über meine Abstammung kurz berichtet habe, will ich fortfahren, über mich selbst zu schreiben.

Ob's bei meiner Kindtaufe hoch hergegangen ist, darüber habe ich nichts erfahren können. Ich nehme aber an, daß es an dem landesüblichen Schüsselkäs nicht gefehlt haben wird, da mein Pate der Sohn eines dazumal noch gutstehenden Hofbauers war und wie herkömmlich für den Schmaus zu sorgen hatte. Für mein weiteres Fortkommen sorgten dann neben meiner Mutter noch zwei Kühe, die wir in einem Stalle neben der Schulstube stehen hatten, so daß sie da gelegentlich in den Unterricht mit hineinreden konnten. Auch an Eiern dürfte es nicht gefehlt haben, denn ich kann mir unsern Garten gar nicht anders vorstellen, als daß sich Hühner darin herumtrieben und nach den Erbsenschoten hüpften, die über schwankes Reisig herunterhingen. Im Schatten dieser Hülsenfrucht müssen viele Tage meiner Kindheit friedlich verlaufen sein, denn ich wurde dort zum Schlafen hingelegt.

Ist diese Paradieseserinnerung nur die einzige, die ich mir bis ins Greisenalter herein bewahrt habe? Nein, ich habe eine weitere, die wohl in mein drittes oder viertes Lebensjahr zurückreichen mag, soweit zurück, daß es für den oberflächlichen Beschauer noch nicht feststand, ob ich ein Bub oder Mädchen sein sollte. Ich weiß ganz genau, ich trug noch die weißen Haare lang und einen gewürfelten Mädchenrock und ging an der Hand meiner Mutter nach Gadern zu einem Kindtaufsschmause. Eine Zeitlang wird es mir wohl im Kreise der kaffeetrinkenden Menschen gefallen haben. Als ich mich aber am Kuchen satt gegessen hatte, wurde es mir langweilig, und ich fing an zu nengern und meine Mutter am Tuchrock zu zupfen, weil mich ein starkes Heimweh in die gewohnten Räume unseres Schulhauses zurückzog. Da meinem Drängen keine Folge gegeben wurde, so machte ich mich ohne Begleitung auf den Weg nach Hause. Ich habe späterhin im Leben gefährlichere Wege durch Wüsten und Urwald gemacht als den von Gadern nach Waldmichelbach. Krokodile und Nashörner gibt's da nicht und doch, ich erinnere mich dessen ganz genau, habe ich damals eine unsägliche Angst ausgestanden. Riesen, übermenschlich große Riesen standen nämlich in Hemdsärmeln auf dem Wiesengrund und fütterten Sauerkraut mit eisernen Gabeln. O, wie ich mich fürchtete, an ihnen vorbei zu müssen. Bildete ich mir ein, sie sähen mich nicht, und wagte ich in dieser Annahme ein paar Schritte voran, so änderte irgendeiner der Allgewaltigen die Richtung seiner Schritte und schien direkt auf mich losgehen zu wollen mit einem gezackten Ding auf der Schulter, das todsicher zum Kinderspießen war. O, wie ich mich da entsetzte! So sehr würgte mich die Angst, daß ich nicht einmal fliehen oder aus vollem Halse losbrüllen mochte. Nein, ich konnte nur wie angewurzelt stehen und zittern wie Espenlaub, wenn der Oktoberwind durch die Täler streicht. Wie ich schließlich an den Kinderfressern vorbeigekommen sein mag, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß mir die unheimlichen Knechte mit den aufgeschürzten Hemdsärmeln unauslöschlich im Gedächtnis haften geblieben sind, ja, daß sie zuweilen heute noch durch meine Träume spuken. Woher die Nachhaltigkeit eines solchen Eindruckes? Nun, sie erklärt sich aus der Differenz meiner eigenen Kleinheit gegen einen ausgewachsenen Alltagsmenschen in der Heuernte. Daß ja kein Kleiner ganz verzage! Ihn mag der Gedanke aufrichten, daß er auch schon einmal der Schrecken eines noch Kleineren gewesen ist.

Vielleicht übrigens, daß das Erlebnis sich doch nicht so tief meinem Gedächtnis eingegraben hätte, wenn es nicht in den Erzählungen der Erwachsenen tausendmal wiederholt worden wäre. Aber die Kunde von der sagenhaften Wanderung des Lausbuben im Mädchenrocke wollte und wollte nicht sterben, und sie wurde viele dutzend Male erzählt, wenn die Nachbarsfrauen bei uns an langen Winterabenden hinterm Spinnrad saßen und alles der Meinung war, daß ich in meiner Ecke hinterm Ofen eingeschlafen sei. Warum die Frauen der Nachbarschaft die Spinnräder nun gerade zu uns trugen, diese Erscheinung hing damit zusammen, daß der Lehrer seine Stube mit Besoldungsholz heizen konnte, und dann hatte man nebenher doch wohl auch die Absicht, der kranken Lehrersfrau die langen Abende ihres Krankenlagers mit Gesprächen ein wenig zu verkürzen. Bei diesen Unterhaltungen lernte ich frühzeitig etwas, was mancher im ganzen Leben nicht lernt, nämlich das Schweigen. Denn erstens mußte ich mäuschenstill sein, wenn die Zungen so recht ins Tratschen kommen sollten, und zweitens, wohin hätte ich die Freunde unseres Hauses gebracht, wenn ich nicht reinen Mund gehalten und das weitergetragen hätte, was mir über Hinz und Kunz, Richter und Pfarrer und über mich selber gar bekannt geworden war?

»Er wird nicht alt,« hatte eines Abends die Hoffmannsliese gesagt, und sie hatte sich umgeguckt, ob ich schliefe, »weil ihm eine blaue Ader über die Nasenwurzel läuft.«

Und die Kunzefranzehannädelsen hatte beigefügt: »Und weil er auch so gar gescheit ist.«

»Man wollt' ihn gern begraben, denn warum? Ei, so e Kind kummt doch direkt in Himmel nein. Wenn's nur net gar so e grausamer Tod wär, den er sterben müßt',« seufzte die Strickericke.

»Red' so kein Geißedreck daher. Was weißt denn du, an was das Kind stirbt,« ließ die Nahbärbel sich hören.

»Ich weiß es freilich nicht, aber die Zigeunerin. Nicht wahr, Frau Schullehrer, war nicht erst eine neulich hier in der Stube drin, die gesagt hat, der Adam tät im Wasser sterben?«

Als meine Mutter vom Bette aus die Angabe bestätigte, legte die Bärbel ihrerseits los:

»Bleibt mir vom Leib mit den Heidenmenschern! Vor dreißig Jahren hat mir so eine Hexe einen Mann prophezeit, und bis auf den heutigen Tag hab' ich noch keinen. Hätte sie mir einen Schnurrbart unter der Nas' prophezeit, dann hätte sie recht behalten!«

Jetzt lachten alle laut auf, und damit war der Gegenstand der Unterhaltung für heute erschöpft.

Auf mich selber hat die unheimliche Weissagung von meinem Sterben damals wenig Eindruck gemacht. Welche Vorstellung sollte auch ein Kind vom Tode durch Ertrinken haben können? Vergessen aber habe ich das Orakel nie ganz und zuweilen, wenn ich in Seenot war, wie im chinesischen Meere und auf der Ostsee, da war es mir so, als ob nun der Augenblick gekommen sein müsse, wo mein Geschick sich erfüllen werde. Seit Pius IX. durch sein einfaches Weiterleben die uralte Weissagung, daß kein Papst so lange regieren werde wie Petrus der Apostel, zuschanden gemacht hat, sollte die Menschheit vom Glauben an Weissagungen befreit sein. Freilich dieser Pius feierte sein Jubiläum erst später, als ich schon ums Glauben gekommen war.

War mir die Unterhaltung der Spinnerinnen zuweilen nicht interessant genug, so schlief ich, den Kopf wider die Wand gelehnt, wohl auch einmal ein Stückchen, oder ließ mir von meinem zwei Jahre älteren Bruder Nikolaus Kartoffelhostien in den Mund stecken. O, diese Seelenspeise der armen Leute, wie köstlich war nicht ihr Geschmack und wie leicht waren sie nicht herzustellen! Kleine Scheiben wurden von den rohen Knollen heruntergeschnitten, mit der Zunge beleckt und an den heißen Ofen geklebt. Sie piepsten ein bißchen wie junge Mäuse, fielen dann ab und waren zum Genusse fertig.

Merkwürdig, daß ich zum Schlafen niemals in mein Bettchen wollte. In meiner Ecke hinterm Ofen war mir die Welt gut genug. Hier schlief sich's fein. Hier konnte man auch so herrlich spielen mit dem Bügeleisen, das je nachdem einen Schuh, eine Hundehütte oder eine Kanone vorzustellen hatte. Ja, die Dinge sind immer das, was wir Menschen in sie hineindenken, und wer einen Stall für einen Palast ansieht, der wohnt so vornehm wie ein König und kann, wenn er will, sich einbilden, daß er mit einer Schneiderelle die Welt regiere. Schade, daß wir wachsen müssen und auch geistig nicht Kinder bleiben, so wie die Schafhüter etwa, von denen Heine singt: »König ist der Hirtenknabe.«

Mit meinem Größerwerden hatten leider auch meine guten Tage ein Ende. Ich bekam Hosen und mußte mich nun vorschriftsmäßig schämen, wenn mich die großen Schulmädchen auf die Arme nahmen oder gar küßten, obwohl ich eigentlich beides gut leiden mochte.

Getragen wurde ich zwar manchmal noch, und zwar, wenn die Zeit gekommen war, wo man den ausgereiften Kohl in die Krautsteine trat. Da dies Geschäft fast gleichzeitig an einem Tage in all den Nachbarhäusern einsetzte, so bekam ich die Füße gewaschen und wurde, damit sie nicht wieder schmutzig wurden, von Keller zu Keller getragen, um in den Steinen zu tanzen. Späterhin, als ich mich durchs Blasbalgtreten am Kirchengesang beteiligte und beim Aveläuten an den Strängen zog, lehnte ich das Krautgeschäft als unter meiner Würde dankend ab.

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