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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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»Ohne Sorg' durch Dick und Dünn
Strampelt er durchs Dasein hin.«

Das erste, was ich am nächsten Tage machte, war, daß ich meinen Gaul einspannte. Er schien sich zu freuen, daß ich wieder da war und ihm eine gelbe Rübe mitgebracht hatte. Als er im Geschirr erglänzte, merkte man nichts mehr von der überstandenen Kolik. Er lief, wie immer, die Wegstunde in fünfzehn Minuten. Dies mit Wohlgefallen bemerkend, dachte ich mir: ›Was will der Tierarzt nur mit seiner schlechten Prognose. Der Gaul ist frisch wie ein Fohlen. Sprecht einem nur das Leben ab, und er wird älter als alle Erz- und Holzväter zusammen!‹ Nicht um tausend Gulden und die Haut einer Leberwurst wollt' ich diesen Renner umtauschen, und ich hielt vorm Hause eines meiner Patienten still und band die Zügel an einen Gartenzaun. Als ich aber vom Krankenbette wiederkam, was sah ich da? Es war ein schmerzlicher Anblick. Vor meinem Chaischen lag das Pferd und die Scherendeichsel war zusammengebrochen.

Der gleiche Vorgang wiederholte sich von jetzt ab noch verschiedene Male, und da ich nicht immer Hebebäume mit mir führen konnte, um den Schlafkoller aufzurichten, so entschloß ich mich, den Genossen meiner Leiden und Freuden an den Wasenmeister zu verkaufen, daß er verlocht werde und nicht etwa einem meiner Mitmenschen zu einem Darmgrimmen verhelfe, weder als Sauerbraten noch als Salamiwurst.

Nun war der Stall leer und die Frage entstand, ob ich dem Verstorbenen einen Nachfolger geben oder warten solle, bis Herr Benz von Mannheim einen Wagen zustande gebracht hätte, der von selber lief. An zähen Versuchen ließ es der gute Mann nicht fehlen, und es wird wenig von meinen Weinheimer Zeitgenossen geben, die nicht ein oder das andere Mal unter dem Halloh des Janhagels geschoben hätten, wenn der unermüdliche Erfinder mit dem klapperdürren Skelette seines phantastischen Vehikels nicht weiterkam.

Zum Glück für mich hatte damals das Fahrrad bereits eine Form angenommen, die sein Besteigen möglich machte, ohne daß man über den Tod von Basel mitsamt seiner Sense wegmußte. Ich kaufte mir also ein Niederrad und machte mich daran, die damals noch seltene Kunst zu erlernen. Meine Versuche haben einen Metzgerhund kreuzlahm gemacht und etwelchem Federvieh das Lebenslicht ausgeblasen. Aber ich ließ nicht nach, bis ich unabhängig war von der irdischen Schwerkraft und dem Gesetz der Trägheit. Nein, wie ich mich damals erhaben fühlte, als der Radfahrer noch keine Proletariererscheinung war, sondern so gleichsam ein von allen Hunden angekläffter Himmelsgast, der die Erdenkugel perquasi nur tangential berührte. Entfernungen gab's fast nicht mehr, und da das Stahlroß keinen Hafer fraß, so war es billig zu halten. Einen Nachteil hatte es freilich. Man war mit ihm an die Landstraße gebunden und leider auch an ihren Staub. Vorbei waren die poetischen Träume jener Nächte, wo mein gutes Roß mich über mondbeschienene Bergesrücken getragen hatte und hinein in den Nachtigallenschlag junggrüner Buchenhaine, in denen Nixen gängelten und des Erlenkönigs holdselige Töchterlein mit ihren Schleiern das Gebüsch umrauschten. Ach ich fürchte, ich fürchte, das Automobil gar wird unsere Poeten überfahren oder ihre Machwerke mindestens nach Benzin stinken lassen.

An mir selber merkte ich, daß ich trotz aller Zeitersparnis des modernen Fuhrwerks zu einer stillen Einkehr in mich selbst keine Zeit mehr hatte. Freilich die Krankenkassen sorgten auch dafür, daß man ausreichend beschäftigt war. Um einen Schwindsüchtigen in ein Sanatorium zu bringen, mußte man ein Aktenfaszikel schreiben so dick wie eine Käskiste, und die Krankenzettel wurden endlos wie die Streifen einer chinesischen Gebetmühle. O hehrer Genuß und Himmelswonne, wenn sie, die Drückeberger Freitags angerückt kamen mit erlogenen Schmerzen, um ihre Scheine ausfüllen zu lassen, und aus dem Sprechzimmer gingen mit der Gewißheit, daß das Beschummeln eines Arztes leichter sei als das Verrücken eines Uhrzeigers. Aber was machen? Der Fuchs hatte den Hals in der Schlinge, und ohne daß er sich selber den Kopf abbiß, kam er nicht wieder frei. Also man schrieb, schrieb gegen seine innere Überzeugung und sein besseres Wissen und hatte keine andere Rechtfertigung vor Gott und sich selber als die, daß es die Kollegen gerade so machten. Wollte man sich eine Erholung gönnen, so träumte man sich hinaus aus dieser schlechtesten aller Welten oder wandelte nach dem Bahnhof, um die Fahrpläne zu studieren, die einem mit einem Schlage Beziehungen gaben zu neuen Welten.

Als ich wieder einmal im Wartesaal stand, das Auge starr auf eine Reklametafel der Circumaetnea geheftet, klopfte mir von hinten jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um und erkannte, trotz dem wettergebräunten Gesichte, der kupfernen Nase und der weißen Seemannsmütze, nun wen denn? Meinen ersten Patienten, den Michel Venedey.

»Freundchen, wie siehst du abgezehrt aus?« sagte er. »Wer dich am Karfreitag ißt, hat trotzdem keine Todsünde begangen, denn Fleisch ist wahrhaftig kein's an dir. Verschreibst du immer noch den Leuten Bruchbänder? Nun, dann kann ich mir wohl erklären, daß sie vor dir Reißaus nehmen und dich so nach und nach verhungern lassen.«

»Ach, Michel,« erwiderte ich, »du solltest dich vor einem Bruchband nicht mehr fürchten. Wer dir eins anmessen wollte, brauchte die Stangen eines Klafterschlägers. Mensch, wie bist du nur zu so viel Fett gekommen? Laß nach oder die Speckmäuse gehen an dich.«

»Nachlassen,« wiederholte er. »Guck, das sagst du so in deinem Unverstand und bedenkst nicht, daß die Sorgen einen aufschwemmen, daß man wird wie eine Wasserleiche. Was glaubst du nur, was ich nicht alles durchgemacht einzig nur, bis meine Mutter von mir erzogen war.«

»Gott verzeihe allen Menschen, die sich irren, Michel, aber ich war der Ansicht, deine Mutter hätte viel ausgestanden, bis sie dich so leidlich zurechtgestutzt hatte.«

»Wie man's nimmt. Alles ist relativ. Aber stelle dir einmal vor, die alte Frau wollte noch einmal heiraten, und den Gedanken mußt ich ihr wie einen Champagnerpfropfen aus dem Kopfe ziehen. Ein wahres Glück, daß ich in dem Geschäft einige Übung habe. Und des ferneren weißt du am Ende noch gar nicht, daß Herr Runkele, weiland mein Schwiegervater, gestorben ist.«

»Herr Runkele, der dich etwas knapp im Gelde hielt?«

»Eben der, und nun hab' ich doch seinen Nachlaß zu verwalten bis zu meiner Tochter Volljährigkeit.«

»Die hoffentlich nicht ferne ist, wenn du Schwiegervater werden willst.«

»Was du für Gedanken hegst! Ich fahre nicht mehr und lebe als Biedermann in Freiburg. Du glaubst doch nicht, daß ich mit dem Erbe meines Kindes in den Tag hineinhause?«

»Nein, Freundchen, aber in die Nacht. Sag' an, wie vielmal schlägt vom Martinsturm die Uhr, wenn du aus dem Portal der Weinstube gehst?«

»Soll ich dir zu Gefallen mein Gewissen erforschen? Kannst du mich absolvieren, wenn ich gesündigt habe? Sag' lieber, daß du einen Wagen in der Nähe hast, der mich nach deiner Wohnung bringt.«

»Du wirst laufen müssen. Mein Pferd ist mir eingegangen.«

»An Überfütterung sicher,« bemerkte er boshaft und humpelte dann schicksalsergeben neben mir her.

Er blieb einige Tage bei mir, und von ihm erfuhr ich vieles über das Ergehen alter Jugendfreunde. Dieses Amerika war seit seiner Entdeckung stets ein Hafen für gescheiterte Lebensschiffe. Venedey sah auf seiner »Lahn« gar manchen, der unserer alten Welt verdrossen den Rücken zukehrte, und er stand ihnen bei mit seinem Rat. Wenn er gar nicht wußte, wohin mit einem, so schickte er ihn nach Newark zum Weidig. So war's vielleicht doch des Schicksals Wille gewesen, daß die beiden Kampfhähne sich nicht mit den Pistolen in der Hand auf dem Freiburger Exerzierplatz gegenübertraten. Ist alles Leben nur ein Zufall, oder steht hinter den Kulissen doch einer, der die Menschenpuppen nach seinen Plänen tanzen läßt?

Ehe der Michel von mir ging, mußte ich ihn einmal am Benderschen Institut vorüberführen, und ich meine, er hätte zu mir gesagt: »Du, da drinnen habe ich viele Prügel gekriegt und doch am Ende nicht genug. Was meinst du dazu?«

Diese Frage werde ich wohl nicht beantwortet haben. Sie ist nicht mit einem Ja oder Nein zu lösen. Jeder ist sich selber Richter am Schluß seiner Tage, und die unseres Freundes waren abgezählt. Er starb kurz darnach rasch und schmerzlos in Freiburg.

Als Venedey weg war, zog ich wieder mit den Rundbrennern auf der feuchten Wirtshausstraße. Die Zahl der Zechkumpane hatte sich um eine Nummer verringert. Der Gerber Schmitz war gestorben. Auf seinem Todesbette hatte er noch mit westfälischer Zunge gesagt: »Wenn ich in die Binsen jejangen sein werde, jrabt unterm Lohhaufen. Ihr werdet eine Sohlhaut finden. Kann sich ein jeder von sie seine Stiefel von sticken lassen, a's en Andenken an mir.«

Wir haben den biederen Westfälinger in der pfälzer Erde verscharrt und haben seiner an der Tafelrunde gedacht.

Von Wirtshaus zu Wirtshaus gezogen sind wir nicht mehr. Diese und jene Kneipe hatte ihren Besitzer gewechselt, eine andere hatte ihr Renommee verloren. So drängten wir uns in den »Jahreszeiten« zusammen, erzählten uns was und rauchten die Tapete braun. »Was hängen Sie da eigentlich auf, Liese,« so fragte ich eines Abends die Kellnerin.

»S'ist eine Reklametafel für die Antwerpener Ausstellung. Sie werden da wohl nicht hinwollen?« war deren Antwort.

»Warum nicht, wenn ich Gesellschaft finde.«

»Die sollst du haben,« sagten wie aus einem Mund gleich zwei Herren vom ovalen Tisch. Man fing an, sich in das Projekt zu vertiefen. Man fand, daß sich an den Besuch der Ausstellung leicht eine Seereise anschließen lasse um Spanien herum und nach Genua. Wie das zog, wie das lockte! Das blaue Meer und hier und da ein Zipfel Festland von Frankreich, Spanien, von Afrika sogar. Je mehr man redete, um so mehr Leute wollten mit, die Kellnerin sogar, wenn erst ihre Sommerbluse fertig wäre.

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