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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?«

Als die Trauben am Rhein so langsam ins Reifen kamen, fuhr ich mit dem Herrn Merkle durch den Gotthard durch und dem Apennin entgegen. In Mailand machten wir Station, und dann ging's schlankweg über Bologna der Mediceerstadt entgegen. Der Blick von der Paßhöhe herunter nach Pistoia und weiterhin ins Arnotal hinein lohnt reichlich schon die Reiseunruhe und das wenige Lausegeld, das man damals noch zur Reise brauchte. Schade, daß der Genuß der Überfahrt ein so kurzer ist, denn der Schnellzug braucht von Mailand nach Florenz leider nur fünf Stunden. Nach dem Frühstück fuhren wir ab, und zum Mittagessen saßen wir schon in Florenz. Die Kost war tadellos, aber am Wein hatte mein Begleiter allerlei auszusetzen. Seine Zunge war auf den Chianti und Nostrano nicht so abgestimmt, daß es in der Kehle einen vollen Akkord gab. Immer suchte Herr Merkle nach einer neuen Sorte Rebensaft und immer fand er nicht das, was er sich vorgestellt hatte. So lebte er in einer ewigen Fehde mit den Kellnern und mit den Wirten. Für diese zwei Tierarten hatte er unglücklicherweise einen Vorrat italienischer Schimpfworte auf Lager.

Um mich nicht aufregen zu müssen, fing ich an zu dichten und schickte die Machwerke, sobald sie sich nur leidlich gereimt hatten, an den Amtsverkündiger meines Heimatstädtchens.

In Rom sahen wir viel Merkwürdiges, was vor uns auch andere Leute gesehen und zu unserer Bequemlichkeit beschrieben haben, aber den Papst bekamen wir nicht zu Gesicht, trotzdem uns der Hotelportier für den Preis von fünf Lire eine Audienz in Aussicht gestellt hatte. So zogen wir ohne Segen und Generalabsolution aus den Toren der ewigen Stadt und hätten doch eine Sündenvergebung zum mindesten gar nötig brauchen können. Man denke nur: Die Eisenbahnbrücke über den Sacco stürzte ein, zum Glück, als wir eben gerade darüber hinweggesaust waren. Niemand im Zug hatte eine Ahnung von der Gefahr, der wir entgangen. Erst als wir zu Neapel angekommen waren, belehrten uns die an den Straßenecken angeschlagenen Depeschen, daß nur wenig fehlte und die Wellen des Flusses hätten unsere Leichen ins Meer gespült.

Obgleich die Todesgefahr uns auf Ernsteres hätte hinweisen sollen, änderte Herr Merkle seinen Lebenswandel nicht, sondern fuhr mit Beharrlichkeit fort, auf den Wein und die faulen Wirte zu schimpfen, die von einer Kellerbehandlung des Rebensaftes keine Ahnung hätten. Immer war mein Reisebegleiter verstimmt und lachen sah ich ihn nur ein einziges Mal und das war vor der Kirche San Fernando.

Als wir vor deren säulengeschmücktem Portale im Mondenschein promenierten, hatte sich so eine glutäugige Parthenove an mich herangeschlichen mit dem ehrenvollen Ansinnen, daß ich sie nach Haus begleiten möchte. Da es nicht in meiner Natur liegt, einer Aufforderung zum Tanz mit einer Grobheit zu begegnen, so lehnte ich dankend ab unter dem plausiblen Vorwand, daß ich mit meinem Vater reise. Ob die Schöne dieser Ausrede schon einmal im Leben begegnet ist, weiß ich nicht. Keinesfalls aber kam sie dadurch in Verlegenheit. Ehe ich's nur dachte, war sie mit der schlagfertigen Antwort bereit: »Nehmen Sie Ihren Vater nur mit. Zu Hause ist auch für den noch eine zu finden.« Wie gesagt, bei der Gelegenheit lachte Herr Merkle, und noch einmal, als er erfuhr, daß man auf dem Wege nach dem Vesuv in einer Osteria die Marke »Lacrimae Christi« rein zu trinken bekäme. Von jetzt ab drängte er auf eine Besteigung des Vulkans.

Wir versuchten am Bahnhof zu Neapel, ein Billet nach Pompeji zu lösen, indem ich Pompeji forderte.

»Bombay, oder Vale Bombay?« schrie mir der Schalterbeamte entgegen.

»Bombay?« so fragte ich mich verwundert. Wenn ich auch für mein Leben gern nach Indien und an die Türme des Schweigens gekommen wäre, so paßte es mir in diesem Augenblicke doch nicht recht und ich sagte auf gut Glück: »Vale,« worauf ich eine Fahrkarte bekam.

Ich zahlte eine mäßige Summe und stieg mit Herrn Merkle in den Zug, der sich in einer Richtung vorwärts bewegte, die, gemäß meiner Kartenkenntnis, nach Pompeji führen mußte. Der größeren Sicherheit wegen guckte ich immer zum Fenster hinaus, bereit auszusteigen, sobald ich die von Abbildungen her bekannten Ruinen sehen würde. Ein paar Stationen nur, und sie guckten hinter dem graugrünen Laubwerk ehrwürdiger Olivenbäume hervor. »Nun aber raus aus dem Kasten!« rief ich dem Herrn Merkle zu, und wir standen auf dem Bahnsteig. Aber jetzt kam mit großen Gesten der Zugführer auf uns zu und suchte uns klarzumachen, daß der italienische Eisenbahnfiskus sich von niemand auf der Welt etwas schenken lasse. Nach Vale Bombay lautete unser Billet, und bis dahin hatten wir auch die Pflicht zu fahren, und einen freiwilligen Verzicht auf die Strecke von anderthalb Kilometern wollte der stolze Spanier durchaus nicht gelten lassen. Herr Merkle, der zehn Worte mehr vom Italienischen verstand als ich, führte die Unterhandlungen und erzielte für uns einen Erfolg dadurch, daß er sich noch schwerhöriger stellte, als er in der Tat war. Kurzum, der Zugführer schrie sich müde und ließ zu guter Letzt uns beide stehen, wo wir standen, und fuhr mit seinen anderen Reisenden südwärts weiter. Erst lachten wir zwei uns eine Weile an, dann gingen wir nach Erlegung eines Obolus durch ein Tor in die wieder ausgegrabene Stadt hinein. Das erste, was wir sahen, war ein vor eine Haustür gemalter Hund mit der Unterschrift: »Cave canem.« »Was soll das bedeuten?« fragte Herr Merkle.

»Ich nehme an, daß im Anfang unserer Zeitrechnung die Pompejaner schon kluge Köpfe waren, die sich zu helfen wußten. Sie malten den Hauswächter an die Wand und brachten den Staat um die Hundesteuer.«

»Das läßt sich hören,« sagte er. »Wenn sie nur aber auch verstanden hätten, ihre Weine besser zu bauen. Will sehen, was sie uns vorm Tor da im Hotel Schweizerhof vorsetzen werden.«

Wir gingen weiter und sahen noch mancherlei, was sich schöner aus dem Baedeker herauslesen läßt, als ich es sagen kann. Bei einbrechender Dunkelheit aber saßen wir im Gasthof hinter einer Flasche dunkelroten Weines.

»Die reine Tinte,« versicherte Herr Merkle und fuhr fort: »Wenn's auf dem Vesuv oben morgen nichts Besseres gibt, hätten wir uns die Reise hierher ersparen können. Haben Sie übrigens zur Bergbesteigung die Pferde bestellt?«

»Ja und auch einen Mann, der Ihren alten Knochen in den Sattel hilft. Daß Sie's nur wissen: Punkt drei Uhr reiten wir los.«

»All right,« erwiderte er in einem Anfall von englischer Krankheit, die zuweilen über ihn kam.

Ich erinnere mich noch recht gut, daß ich in jener Nacht von Lavaströmen und dem Kollegen Plinius träumte, der die Katastrophe von Pompeji beschrieben hat, daß ich aber plötzlich wach wurde, als ich das Schlagen von Hufeisen auf dem Pflaster des Hofes zu hören vermeinte. Ein Blick auf die Uhr – wahrhaftig verschlafen! Nun aber die Beine aus dem Bett und den Fenstervorhang hoch. Aber was war denn nur das da draußen? Kein Baum, kein Strauch, keine Mauer war zu sehen. Ein einziger eselsgrauer Teppich aus unermeßlichem Regen war vor das Trümmerfeld und den Vesuv gespannt, und was ich vorhin als Hufeisenschlag glaubte ansprechen zu dürfen, war der Überlauf einer Regenrinne, der von Zelt zu Zeit auf das Blechdach einer Garküche niederprasselte. Welch schrecklicher Gedanke! Statt der Lacrimae Christi diese graue, charakterlose Brühe. In die Tiefen meiner Seele hinein dauerte mich der arme Herr Merkle, den ich bei so bewandten Umständen zunächst noch schlafen ließ.

Als ich ihn beim Frühstück traf, machte er ein verdrießliches Gesicht und fragte mit enttäuschter Miene: »Was jetzt?«

Um ihn aufzuheitern zog ich den Viktor von Scheffel aus der Tasche, indem ich pathetisch vorzulesen begann:

»Bruder, bei dem pfiffig krummen
Apotheker von Sorrento
Ließ ich blaue Tinte mischen,
Schiffte mich durchs Meer nach Capri.«

»Hörn's auf, oder i schrei! I will nur sehn, wo's mich noch alles hinführn,« stieß er hervor und nippte unter Kopfschütteln zum wiederholten Male an einem Weinglase.

Nach einer Stunde, als der wahrhaft tropische Regenguß nachgelassen hatte, befanden wir uns auf dem Wege nach Castellammare und kehrten gegen Abend im Hotel Loreley zu Sorrento ein. Mein Schlaf war gesund und mein Erwachen hoffnungsfroh. Da das Haus auf einem senkrecht ins Meer hinunterstürzenden Felsen steht, so fielen meine Blicke vom Bett aus direkt aufs Meer hinaus. In schäumend grauen Rollen wälzte es Woge auf Woge heran und ließ sie donnernd in den Höhlen zerschellen, die es sich in jahrtausendealter Arbeit tief unter den Fundamenten des Hauses ins Gestein gegraben hat. Zuweilen schien es, als ob die Mauern bebten, und das war keine Täuschung. Die Scheiben klirrten in den Rahmen zumal, wenn der Wind durch die Schornsteine strich und in tausend Tönen klagte wie eine Hölle von Verdammten.

Ich wurde unruhig und machte mich aus den Federn heraus, um einen freieren Blick auf das Meer zu gewinnen. Ich suchte das Felseneiland von Capri, das da ja irgendwo ins Meer gestreut liegen mußte. Zu trübe war der Horizont. Ich fand es nicht. Was ich aber fand, war die Nußschale eines kleinen Dampfers, der auf den Wellen tanzend bald sichtbar war, bald verschwand und dann nichts von sich sehen ließ als eine schwarze Rauchfahne, die der Wind in Fetzen riß. »Hilf, Himmel,« dachte ich bei mir, »dies Spielzeug da wird doch nicht etwa der Dämpfling sein, der den Verkehr zwischen Neapel und Capri vermittelt? Wenn er das ist und das Meer sich nicht beruhigt, sitzen wir in sechs Wochen noch in Sorrent, denn wie wollte ich den Wasserfeind Merkle überreden, sein Leben dieser schwimmenden Pelzkappe anzuvertrauen?«

Ich schellte nach dem Zimmermädchen. Eine leicht geschürzte Hebe erschien und erklärte auf meine Frage mit süßem Lächeln: »Er ist es, der Postdampfer, aber bis er bei dem Wetter auf die Höhe von Sorrent kommt, vergeht eine Stunde und mehr noch.«

Sechzig Minuten hatte ich Zeit, meinen Reisegenossen zu bearbeiten, und ich benutzte sie in der Art, daß ich den Wein von Capri lobte, als ob seinesgleichen nicht auf der Welt zu finden sei. Und Herr Merkle ließ sich biegen. Um ihm den Anblick der Gefahr etwas zu verschleiern, stieg ich vor ihm die schmale Felsentreppe hinunter, die aus dem Gestein gehauen bis in die Brandung führt. Unten im schäumenden Gischt hielt, von einem verwegen aussehenden Kerl gesteuert, eine kleine Barke. Erst mußten wir unser Leben dem Schiffchen anvertrauen und, wenn dies nicht absackte, während der Pesce cola davonschwamm, dann erst dem Schiff. Ich gestehe, daß mir da doch das Herz unter das Zwerchfell rutschte, und daß ich umgekehrt wäre, wenn nicht eine altdeutsche Mutter mit einer neudeutschen Tochter die Treppe betreten hätte, um sich uns anzuschließen. Man hat schon etwas gewonnen, wenn man in gefährlichen Lagen ein Sprichwort findet, das der Situation gerecht wird. Also sprach ich: »Frisch gewagt ist halb gewonnen« und stieg zuerst in den Spucknapf hinein. Die andern folgten, und die Fahrt ging los. Himmel, wie sich der Wind in das lateinische Segel legte und den Mastbaum bog! Wie der Schiffer die Füße an die Spanten leimte, um das Steuer zu beherrschen! Wie das ganze Fahrzeug nicht auf dem Kiele schwamm, sondern auf den Seitenbrettern! Wie sich die schäumenden Wellen überholten und uns durchnäßten! Wie es anfing, im Bauche des Schiffchens zu schwappern und die Brühe durch unsere Stiefel drang! Wehe, und nun kehrte sich gar noch den Damen der Magen um! Fort aus dem stinkenden Brockenregen! Aber wohin? Wäre ich ein Kaiser gewesen, ich hätte in der Wassernot den vierzehn Nothelfern einen Dom versprochen.

Doch es ging auch so. Wir kamen vorm Fallreep des Dampfers an. Herr Merkle und ich konnten auf eigenen Füßen die schwankenden Stufen hinauf. Die Damen aber wurden mit Hilfe des Ladebaums an Bord geschafft.

Viel gebessert waren wir mit dem Seelenverkäufer auch noch nicht. Auf dem Deck stand eine Bretterbank. Auf diese warf ich mich bäuchlings nieder, zog die Knie unter meinen Gummimantel und genoß in aller Stille, während die Spritzwellen über mich zischten, die jugendlichen Freuden meiner ersten Seekrankheit.

Indes, die Insel kam geschwommen. Zwei Schritte auf dem festen Boden des Eilandes getan, und vorüber war aller Schmerz und alles Unbehagen. Mit gutem Appetit verzehrten wir beide ein reichliches Gericht frischer Fische und tranken einen Wein dazu, der auch den verwöhnten Gaumen meines Mitreisenden befriedigte. Was wir sonst noch genossen? Nun ja, die blaue Grotte, die »Rausschmeiß des Tiberius« und den Gesang einiger Straßenjungen, die mit dünnen Stimmen das Lied vortrugen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus,« nach welcher Leistung dann der Anführer der Bande vortrat und zu mir sagte: »Du, Signore, giff mi e Mark.«

Am übernächsten Tage benutzten wir zur Rückfahrt nach Neapel einen transatlantischen Dampfer, der aus Argentinien kam und an der Insel beilegte. Die See war während der Rückfahrt ruhig, und das Riesenschiff zog wie ein Schwan stolz und sicher seine Spur in die spiegelglatte Fläche. Je näher wir der Stadt der Parthenope kamen, um so schärfer traten die Formen des Vesuvs und seines Nachbarberges Somma hervor, während der Südwind eine schwarze Rauchfahne über das Atrio del Cavallo spannte. Ich stand an der Steuerbordseite des Schiffes und schaute zum kahlen Gipfel des Berges hinauf, als Herr Merkle zu mir trat und sagte: »Sie, daß Sie's wissen, eine Schande wär's doch, wenn wir heimkämen, ohne Lacrimae Christi getrunken zu haben und ohne droben gewesen zu sein auf diesem Kehrichthaufen da!«

Diese großsprecherige Rede war nach meinem Geschmack. »Machen wir,« sagte ich kurzerhand, und in der Frühe des nächsten Morgens saßen wir auf der Straßenbahn und fuhren nach Torre del Greco hinaus. Eigentlich wollten wir im Merkleschen Sinne den Ruhm einheimsen, die ganze Tour zu Fuß zurückgelegt zu haben. Da uns aber ein Vetturino unaufhörlich mit seinem zweisitzigen Fuhrwerk verfolgte und die Sonne unbarmherzig vom Himmel brannte, so stiegen wir schließlich auf, nachdem wir einen festen Preis für die Fahrt verabredet hatten. Bald sollten wir erfahren, daß so ein Kutscherhidalgo sich von keiner Abmachung für gebunden erachtet.

Zunächst nahm der Biedermann einen kleinen Jungen aufs Fuhrwerk herauf. Dieser Teufelsbraten, der aber ein großer Spitzbub war, warf nämlich, ohne daß wir's merkten, des Herrn Merkle Rucksack aus dem Karren und tat nach kurzer Zeit sehr verwundert darüber, daß der Sack verloren war. Sein Anerbieten, daß er zurücklaufen und den Vermißten holen wolle, wurde natürlich dankbar angenommen. Als der gefällige Knabe kam, verlangte er einen Finderlohn von fünf Lire, während eben sein Conpatriote uns klarmachte, daß wir uns jetzt auf einem Privatwege befänden, für dessen Benutzung wir dem Besitzer zehn Lire zu entrichten hätten. Na, wir zahlten, und der Strauchdieb überließ das letzte Drittel des Berges großmütig unseren Beinen, indem er vor einem allerdings stark zerklüfteten Lavafelde haltmachte und erklärte, daß sein edles Pferd zu weiche Hufe habe.

›Immerzu,‹ dachten wir und halfen uns selber den Berg hinauf und gar noch auf den Aschenkegel. Als wir oben waren und die wundervolle Rundsicht genossen hatten mit dem Kranz von Städten, mit dem Ring der lachendsten Gefilde, mit dem Meer und seinen Inseln, dem Apennin und seinen Schroffen, da zahlten wir denn noch einmal einem Polizisten, den der Krater ausgeworfen haben mußte, sieben Lire Steuer. Hoffen wir, daß Italien dafür Stricke kauft, um jene aufzuhängen, die uns zu diesem lateinischen Bundesbruder verholfen haben.

Beim Niedersteigen vom Berge entdeckten wir hinter einem Kastaniengebüsch unseren Vetturino wieder. Daß er uns auf der Herfahrt übers Ohr gehauen hatte, das hatte er uns längst verziehen, und er hätte uns außer in seine Gnade auch in sein Fuhrwerk aufgenommen, wenn wir auch nur halb soviel für die Rückfahrt hätten zahlen wollen, als die Herfahrt gekostet hatte. Doch wir behalfen uns ohne ihn und fanden uns mit Hilfe unseres Reisehandbuches zu einer Osteria hin, deren feurige Tränen ich allen denen in die Adern wünsche, die kalten und betrübten Herzens sind. Dank, Vesuv, für solche Gabe!

Die Heimfahrt, die auf den nächsten Morgen festgesetzt war, verzögerte sich um sechzehn Stunden. Weil die Brücke über den Sacco noch nicht hergestellt war, mußte alles, was von Reisenden nach Rom wollte, mit Bauernfuhrwerken durch die Monti Lepini befördert werden. So kam's, daß nur eine bestimmte Anzahl von Fahrkarten ausgegeben wurde, und wer keine erwischt hatte, mußte eben warten bis zum nächsten Schnellzug. Nun, wir konnten ganz gut noch einen Tag in Neapel bummeln, genossen wir doch nachher auch das Nachtvergnügen, von Frosinone nach Piperno beim Fackelscheine unter Gendarmenbegleitung phantastisch genug befördert zu werden.

Eine Nebenbahn nahm uns in Piperno auf. Links der Fahrtrichtung schwankte das Rohr der pontinischen Sümpfe. Nochmals grüßte uns aus der Ferne die Kuppel der Peterskirche und der schneeige Gipfel des Soracte. Dann ging's in die Maremma hinein, wo der breitgehörnte Büffel grast und die Stechfliege ihm und seinen Hirten das Leben zur Hölle macht. Bei Genua erkletterte der Zug die Höhe der Ligurischen Alpen, stürzte sich in die Poebene hinunter, um wieder durch das Tal des Tessino den Gotthard zu erreichen. Wir bohren uns durch die samtweiche Finsternis des Tunnels und atmen abermals die kältere Luft des Nordens. Wenig Stunden noch, und wir sind wieder an der Bergstraße.

»Schier gar hätten's Ihr'n Gaul nimmer antroffen,« sagte der Tierarzt zu mir, als sich am Bahnhof eben unsere Wege kreuzten. »Kolik hat er g'habt, aber i hab en doch wieder auf die Beine g'bracht. E wink alt, sollt i denken, is des Vieh halt anfangs auch schon.«

Ja, ja, es ist schon wahr, alt war er, der Gaul. Aber der Gedanke, ihn verlieren zu müssen, brachte doch viel Schmerzliches über mich. Vieles hatten wir in elf Jahren zusammen erlebt, wie's eben kam, Frohes und Trauriges. Durch meinen Sinn schoß mir auf dem Heimweg der Gedanke, wie ich zu dem Tiere gekommen war. Halt, da fällt es mir doch eben ein. In Winnweiler war der Kollege Röhrig gestorben und seine Witwe hatte an mich geschrieben, daß sie nun ein Pferd vor dem Raufen stehen habe, mit dem sie nichts anzufangen wisse. Zwar sei schon ein Geschirrhändler bei ihr gewesen und hätte einen annehmbaren Preis geboten. Allein man wisse ja, wie solche Leute mit Pferden umgingen, und sie wolle doch den Arbeitsgenossen ihres Mannes selig in guten Händen sehen. Sie gönnte ihm, wie jedem, der fleißig gearbeitet habe, einen stillen Lebensabend. Ich möge kommen und das Tier ansehen. Sechzehn Jahre sei es zur Stunde alt, aber noch gut auf den Knochen.

Na, wie ging's denn dann weiter? Ich besann mich. Recht so! Ich hatte meiner Frau den Brief gegeben. Warum nur? Ei, weil ich ein junger Ehemann war, und weil ich meinte, sie als eine Bauerntochter müsse alles verstehen, was irgendwie mit Stall und Fuhrwerk in Zusammenhang gebracht werden könne.

Sie las die Zeilen und sah mich fragend an mit den Worten: »Du willst doch nicht noch einen zweiten Gaul auf die Streu stellen? Du hast ja im Stalle den edlen Renner, der den Mac Mahon in der Schlacht bei Wörth auf seinem Buckel getragen haben soll.«

»Ganz recht, aber der Pferdejude hat mir damals etwas weisgemacht. Ich glaube, die Schindmähre bewegte schon auf den Jahrmärkten die Reitschulen, als der unglückliche General noch Kadett war.«

»Aber sie hat doch noch vier Beine unterm Bauch.«

»Ganz recht, und die will ich dir geben, wenn du einmal einen neuen Bügeltisch brauchst. Vorläufig ist der Holzwurm noch nicht drinnen. Etwas Wäsche und ein Bügeleisen werden die Stempel schon noch eine Weile tragen, wenn auch keinen Reiter mehr.«

»Gut, wenn's nicht anders geht, dann will ich gegen den Pferdekauf weiter nicht sein. Aber daß du nicht mehr auf den Waschbock bietest als hundert Mark! Bedenk' nur, er ist sechzehn Jahre alt!«

Mit dieser Ermahnung und anderen Verhaltungsmaßregeln war ich nach Winnweiler gereist und traf das Pferd im Stall. Als die Türe aufging, krähte es hell auf und machte Anstalten, mit den Vorderbeinen in die Krippe zu steigen. Das gefiel mir, und ich malte mir schon die lustigen Manöver aus, die es setzen würde, wenn ich ihn erst einmal zwischen meinen Schenkeln auf der Straße hätte.

Vom Stall ging ich in den Salon zur trauernden Witwe. Sie sah niedergeschlagen aus, vielleicht weil sie der Gedanke drückte, daß sie in dem Pferde noch einmal einen Teil ihres Mannes herzugeben habe. Schon aus dieser Vorstellung heraus hätte ich generös sein und die lumpigen hundertfünfzig Mark hinlegen sollen, die sie als Kaufpreis von mir verlangte.

Doch da machte sich der Einfluß meiner Frau geltend. Wie ein Jude fing ich an zu markten und zu handeln, wollte den Sattel noch in den Kaufpreis hereinziehen, eine Garantie haben gegen Währschaftsfehler und was dergleichen Dinge mehr sind, die man im Geschäft des Pferdehandels vorzubringen pflegt.

Frau Röhrig blieb meinen Ausführungen gegenüber zugeknöpft, ließ mich aber reden, solange ich wollte. Als ich endlich fertig war, tat sie, was die Greisin dem Tarquinius gegenüber tat in dem berühmten Bücherhandel: Sie steigerte den Preis. Und was habe ich gemacht? Ich beschloß, keinem Eheweib mehr zu folgen, und schlug in den Handel ein.

Eine halbe Stunde später ging das Pferd aus dem Hofe, und ich saß darauf. Noch waren wir beide nicht aneinander gewöhnt, wobei es unentschieden bleiben mag, ob ich dem Tiere zu wenig den Herrn zeigte oder zu viel. Sicher ist, daß es mich los sein wollte. Als es mit dem Ausschlagen nach hinten seine Absicht nicht erreichte, bäumte es nach vornen auf. Auf dieses Manöver vorbereitet, schlug ich ihm die Reitpeitsche zwischen den Ohren durch auf die Schnauze. Die Reaktion gegen diesen Regierungsakt war sofort da. Mit gewaltigem Satze sprang der Gaul über den Chausseegraben und flog in gestreckter Karriere mit seinem Reiter auf dem Rücken über den weichen, kurzgeschorenen Wiesengrund. Die Stange hatte der Schinder sich zwischen die Zähne geschafft und damit hatte ich die Herrschaft über ihn verloren.

›Er mag's versuchen, wie weit er kommt,‹ dachte ich mir und klemmte mich auf dem Sattel fest, immer nur bestrebt, das wildgewordene Tier auf dem weichen Rasen zu halten, weil es da schneller ermüden mußte, als auf festem Untergrund. Da mit einem Male wurde es sumpfig unter uns. Schollen flogen und der Dreck spritzte auf. Noch ein Satz, und das Pferd des Colleone stand nicht fester auf seinem Leopardoschen Piedestal als wir mit einem Male in den Wiesen zu Imsweiler. Nun hob ich mich aus dem Sattel, um die Schwere zu vermindern. Die Zügel straff in der Faust stand ich vor dem Ausreißer und sah ihm mit drohender Reitpeitsche starr in die Augen. Er blies die Nüstern auf, überschüttete mich mit einem Sprühregen aus seiner Nase, aber er beugte den stolzen Kopf und schien um gut Wetter zu flehen. Von da ab waren wir gute Freunde. Aber zeitlebens hat er sich mit meiner Frau nicht recht vertragen, und ich vermute deshalb, weil sie geglaubt hatte, ihn, der ein Königreich wert war, um hundert Mark erhandeln zu können.

Ach, und dieses Roß sollte ich jetzt verlieren! Ihn, der den Gerichtssekretär in den Schnee, den Schuhmacher in den Dreck, die Aufkäuferin in die Eier gelegt hatte? Der Gedanke war mir schmerzlich.

Herr Merkle sah, daß etwas in mir vorging. Da er aber nicht wußte, was, nahm er an, daß ich Durst hätte und nötigte mich in den Pfälzer Hof herein. Herr Reiffel begrüßte uns Weltreisende nicht mit allzugroßem Respekt und stellte uns einen Wein auf den Tisch, bei dessen Genuß wir beide die Gesichter verzogen. Unsere Grimassen nahm er wohl nicht als Schmeichelei für seinen Wein hin und um diesen in ein besseres Licht zu rücken, sagte er: »Nun, so gut wie euere Gedichte im hiesigen Anzeiger wird er wohl noch sein.«

Da hatte ich's denn einmal wieder. Was ich vorzusetzen hatte, war nicht jedermanns Geschmack, und ich nahm mir vor, künftighin nur noch teure Rezepte zu schreiben, um die Apotheker wenigstens auf meine Seite zu bringen, nachdem ich's mit dem Repräsentanten der Gastwirte verdorben hatte.

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