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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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»Den lieben langen Tag
Hab' ich nur Sorg' und Plag'.«

Am nächsten Morgen hatte mich, trotz meines Katzenjammers, der Alltag wieder in seinen Dienst gezwungen. Streit hatte es im Logis gegeben und zwar mit dem Hausbesitzer. Mein kleiner Junge war ihm über die Mistbeetfenster gelaufen und hatte einige Scheiben zertrümmert. Das Hausfräulein flehte mit gerungenen Händen zum Himmel um Rache, während ihr Vater mit der Faust auf den Tisch schlug und brüllte: »Naus muß sie, die Bagage.«

Ein Zufall war es, daß ganz in der Nähe ein Anwesen feil wurde. Ich griff zu und war Hausbesitzer. Darüber freute sich am meisten mein guter Gaul, denn er kam aus einem dumpfen Loch in einen anständigen Stall und in die Gesellschaft eines kleinen Schweinchens.

Ich muß erzählen, wie dies zugegangen. Kaum waren wir umgezogen, so erkrankten meine beiden Kinder an Scharlach, den ich von der Praxis in die Familie geschleppt hatte. Sie erkrankten gleichzeitig an einem Tage und lagen eine Woche lang schwer danieder. Dann aber ging's besser. Sie wurden lebhaft und manchmal konnte ich sie schon im dritten Stockwerk toben hören, sobald ich unten nur die Haustür geöffnet hatte. Eines Tages waren sie überlaut in ihrem Tollen, und mit stürmischen Schritten lief ich die Treppe empor, um Ruhe zu schaffen. Als ich nicht ohne einen kleinen Zorn ins Schlafzimmer trat, konnte ich eben noch beobachten, wie die nackten Hinterteile meiner Kleinen unter den Bettladen verschwanden. »Daß euch der Kuckuck hole, ihr Rackerware,« rief ich in meiner Empörung. »Was schafft ihr unterm Bett da drunten?«

Im Nu hatten sich die Kinder um eine frontale Achse gedreht und zwei lachende, strahlende Gesichter kamen am Bettrand zum Vorschein, aus denen zwei rosige Mäulchen die Worte riefen: »Da schau doch nur, Papa, schau nur, was wir haben!« Und was hatten sie nun?

Wenn ein Taschenspieler einen Handwerksburschen aus dem Futtertuch eines alten Hutes herausentwickelt, so ist unsere Verwunderung groß, aber sie kann nicht größer sein, wie die meine war, als die Kinder ein allerliebstes kleines Ferkel unterm Bette hervorzauberten.

»Wo zum Teufel habt ihr denn den Dreiläufer her?«

»Eine Frau hat ihn gebracht, und er ist ganz unser,« schrieen sie in hellem Jubel auf.

Indessen war meine Gattin gekommen und brachte Klarheit in die Geschichte. »Hast du nicht in Siedelsbrunn einen armen Steinhauer behandelt?«

»Doch, und er ist gestorben trotz aller meiner Bemühungen.«

»Die Witwe ist dir dankbar, vielleicht deshalb, weil's so gekommen ist.«

»Das will ich nicht hoffen. Ich nehme vielmehr an, daß sie dankbar ist, weil ich ihr keine Rechnung schickte.«

»Mag's denn auch so sein. Item, sie war da und hat den Kindern das Schwein geschenkt und die sind überglücklich damit. Aber sag, was fangen wir nur damit an, um des Himmels Willen, nachdem's die Kinder doch um keinen Preis mehr hergeben wollen?«

Unser Dienstmädchen war an uns herangeschlichen und hatte die Unterhaltung belauscht. Münch hieß sie, Eva Münch, und sie war eines braven Bäckers fleißige Tochter. »Daß Sie sich keinen Kummer machen, Frau Doktor,« so ließ sie sich hören. »Ich versteh mich wohl aufs Schweinemästen, und zu Weihnachten feiern wir ein fröhliches Schlachtfest, wenn Sie mir den Frosch da überlassen.«

Das Schwein blieb und wurde meinem Söhnchen vor allem ein lieber Spielkamerad. Den Kleinen drückten noch keine Schulsorgen, und wenn er den Löffel aus dem Mund gelegt hatte, konnte er in den Garten eilen zu seinem Wutzchen. Die Zwei tollten miteinander herum und wenn sie müde waren, schliefen sie nebeneinander im warmen Sande des Kiesweges. Der Himmel lohne den guten Willen der armen Steinhauersfrau. Der reichste aller meiner Patienten hat mir soviel Glück nicht ins Haus gebracht wie diese Bettlerin.

Immer roher, immer rücksichtsloser war derweilen unter dem veredelnden Einflusse der Krankenkassengesetzgebung die Form geworden, in der das übrige Publikum mit dem Arzt verkehrte. Er kostete ja nichts mehr und auf ihm konnte man herumtreten wie auf dem Abputzlumpen vor der Haustür. Wer nachts ins Feld ging, schellte und gab den Kassenzettel ab: »Er soll ihn ausfülle, daß man am Samstag 's Geld holle kann,« riefen sie dem Dienstmädchen zu und schoben unter der Tür das Kassenformular ins Haus herein. Bei allem guten Willen war nun der Arzt außer Stande, den Zettel auszufüllen, denn die Tintenbuben der Kassenverwaltung waren zu faul, auch nur den Namen des Bezugsberechtigten auf dem Wische zu bemerken. Wie sollte nun der Doktor die anderen Fragen beantworten, die da lauteten: Beschäftigt bei ... Erkrankt am ... Verschwägert mit ... Geschieden von ... usw. So kam's denn, daß unser neues Mädchen den Auftrag erhielt, sich unter keinen Umständen mehr einen Krankenschein aufdrängen zu lassen, sondern jedes mit seinem Anliegen auf die Sprechstunde zu verweisen. Hätten wir noch die Eva Münch gehabt, so wäre das keine große Sache gewesen. Sie wußte mit den Pfahlbürgern umzugehen. Allein sie war nun nicht mehr da, und eine Perle von einem Mädchen aus Hammelbach war bei uns eingezogen. Ihre Menschenkenntnisse gingen soweit, daß sie ein Mannsbild von einem Weibsbild wohl, aber einen Kerl von einem Herrn nicht unterscheiden konnte. Ihre Heranbildung zum Kulturwesen unsererseits mußte sich auf eine Art von Dressur beschränken. Du darfst die Nase nicht in den Unterrock putzen und keine Krankenscheine entgegennehmen, das war's, was sie so ungefähr begriffen hatte, als sich eines Tages ein Herr von Hornstein mir im Kasino vorstellen ließ.

Der höfliche Mann reichte mir die Hand mit den Worten: »Ich hatte Ihnen, Herr Doktor, eine Antrittsvisite zugedacht, habe aber niemand von den Herrschaften zu Hause getroffen.«

»Bedaure sehr, Herr von Hornstein.«

»Nicht einmal meine Karte konnte ich bei Ihnen anbringen, da das Mädchen die Annahme derselben auf das entschiedenste verweigerte.«

»Mir geht ein Licht auf, Herr Assessor. Werden Sie mich für genügend entschuldigt halten, wenn ich Ihnen eine Photographie von unserem Hausgeist verehre?«

»Nicht nötig,« erwiderte er, »ich habe das Mädchen in der Erinnerung. Die Kleine sah nicht so aus, als ob sie wie weiland Athene aus dem Haupte des Zeus stamme. Ein Prost übrigens, Herr Doktor, auf dies Erlebnis hin.«

Wir stießen die Gläser wider einander und sprachen von etwas anderem.

Am nächsten Morgen traf ich unsere Perle, wie sie am Wasserstein stand und den Versuch machte, den Meerrettich darauf zu zerreiben. »Sie sind doch zu dumm, Bärbel,« sagte ich, »warum nehmen Sie nicht ein Reibeisen?«

»Weiß ich denn, ob ich darf? Ich soll ja nicht einmal ein Papier nehmen.«

»Gott steh' mir bei, und weil Sie kein Papier nehmen sollen, deshalb haben Sie auch am Sonntag dem Herrn die Karte nicht abgenommen.«

»Sell is aber net wahr! Erstens war kein Herr bei mir, sondern e Mannskerl, und zweitens hat er keine Kart gehabt, sondern e weiß Papierle.«

»Ja und dies Papierle eben war dem Herrn seine Karte.«

»Gott laß Ihne Ihrn Verstand und mir den meinen auch. Glauben sie, die Orewällische wäre hinterm Mond dehaam und täten die Kart nit kenne? Im ›Bäre‹ zu Hammelbach, potz Donnerkeil, da karten die Leineweber alle Samstag.«

Na, ich war geschlagen und zog mich auf meine Stube zurück, um das Frühstück einzunehmen, während die Bärbel in einem der vorderen Zimmer Fenster putzte. Plötzlich stand sie mit dem Putzlumpen in der Hand vor mir, fuhr sich mit dem Ärmel unter der Nase her und sagte zutraulich: »An der Türe draußen, da klappert wer. Was meine Se, Herr, wolle wir den reinlassen?«

Ich belehrte sie: »Ja Bärbel, wenn's an die Türe klopft, dann pflegt man ›Herein!‹ zu rufen. Wer draußen steht, besorgt dann das Weitere schon selbst, vor allem, wenn er Geld will.«

Sie ging also ins Zimmer zurück und schrie, so laut sie nur konnte: »Herein also, wenn's nit grad en Kerl ist, der Geld will.«

Unwillig wollt' ich aufspringen und das Untier beim Schopfe fassen, da rannte ich wider meinen Freund Weidig.

»Nun bin ich aber starr,« schrie ich auf, »Weidig, wo kommst du denn her?«

»Well,« sagt er, »aus Amerika, und ich hab' auch meine Frau mitgebracht. Gleich wird sie antanzen. Ich bin ihr ein paar Schritte vorausgegangen, um dich zu bitten, daß du mir nichts von Rastatt redest. Daß ich da gesessen und warum, das weiß sie ja, aber daß ich von dort weg bin, ohne begnadigt zu sein, das braucht sie nicht zu wissen. Sie könnte unruhig werden, wenn sie sich vorstellen soll, es käme eines Tages ein Polizist, der mich wieder nach der Festung brächte.«

»Keine Sorge, alter Freund. Übrigens, du siehst nicht so aus, als ob es dir schlecht ginge. Für deine amerikanische Busennadel da kannst du dir ein deutsches Bauerngut kaufen.«

»Na, es mußte doch auch einmal kommen. Das Schicksal hat mich überm Heringsteiche drüben ein wenig dafür entschädigt, daß es mich hier gepiesackt hat. Als ich kaum den Boden New-Yorks betreten hatte, fand ich eine Stelle in einer chemischen Fabrik zu Newark, und diese Fabrik ist heute die meine, dem Himmel sei's gedankt und der kleinen Frau, die du gleich sehen wirst.«

Frau Weidig war inzwischen gekommen. Sie war eine jugendliche Erscheinung mit bleichem, aber freundlichem Gesicht. Um ein Gesprächsthema verlegen, fragte ich, an welchem Hafen die Herrschaften ans Land gegangen seien.

»In Neustadt« entgegnete Frau Weidig munter und sah mir forschend ins Gesicht.

›Da schau einer,‹ dachte ich bei mir, ›die Importierte da will dir mit ihren Kenntnissen im Griechischen imponieren. Nun mal nicht verblüffen lassen.‹ Ich setzte also, ohne stutzig zu werden, die Unterhaltung mit den Worten fort:

»Haben Sie auch hinter Neustadt den Vesuv erstiegen?«

»Yes, Mylord, und von da sind wir durch die Volsker Berge nach Rom gegangen.«

»Und haben das vatikanische Museum besucht. Wie hat es Ihnen gefallen?«

»Nicht allzusehr. Es liegt da zuviel Staub herum. Man sieht eben, daß der Papst keine Frau hat.«

»Was sagst du, Freund, zu meiner Kleinen da?« mischte sich Weidig in die Unterhaltung. »Sie ist übers Meer gekommen, um Europa umzugestalten.«

»Sie fängt ihr Geschäft am richtigen Ende an. Vieles bei uns wäre schon gebessert, wenn der Papst eine Frau hätte. Übrigens, alter Büchsier, wie hast du dich an den Onkel Jonathan, seine Sitten und Gebräuche gewöhnen können?«

»O ich bin fast nur von Germanen umgeben. Die meisten meiner Arbeiter sind Süddeutsche sogar, und meine Skatbrüder sind deutsche Akademiker. Wir treffen uns regelmäßig in einem Restaurant des Castelgartens. Der Nicklas ist der Hauslehrer meiner Kinder, und denke doch nur, der Kapitän Dettweiler, du erinnerst dich doch noch, in welch' genialer Weise er seinerzeit den Schulrat Soldan und seinen eigenen Vater zu Darmstadt aus dem Sattel gehoben hat, besucht mich, wenn sein Schiff im New-Yorker Hafen liegt. Übrigens für heute genug davon. Wir haben sonst noch Besuche zu machen.«

Weidig blieb einige Tage in Weinheim. Als er weiterreiste, versprach er mir, in zwei Jahren wiederzukommen. Dieses Versprechen hat er nicht gehalten. Der Tod hat seinem Erdenwallen ein Ende gemacht. Durch seinen Hauslehrer Nicklas erfuhr ich, daß Weidig, auf einer Erholungsreise begriffen, aus einem Hotelfenster gestürzt und zerschmettert vom Straßenpflaster aufgelesen worden sei. Merkwürdig, daß der Sensenmann am Hudson-River auf eine Beute wartete, die er doch zu Gießen im elterlichen Schlafzimmer mit so leichter Mühe hätte haben können.

Ich trauerte gebührend um meinen Freund, ohne mich übrigens von der Gesellschaft der Rundbrenner und deren Jagd- und Schlachtfesten fernzuhalten. Was wäre ohne sie für mich der lange Winter gewesen – für mich, der ich über Tag durch die verschneiten Dörfer irrte, einsam und ohne Aussprache mit einem Menschen meinesgleichen.

Wo hätte ich mich unterrichten sollen über Ereignisse, die Europa erregten, das Vaterland und die Frau Apotheker? Meine liebste Erholung war es, zuzusehen, wenn der Tierarzt Marquart mit dem Feuerwehrkommandanten und dem Ratschreiber Skat spielte und das Trio in Streit geriet.

»Warum haben's allweil nit den Zehner zugeben?« brauste der Tierarzt auf.

»Weil's Aß noch nicht auf dem Tisch war, Sie Dämel Sie!«

»An Dämel habens mi g'heißen? Wart i werd Ihnen,« und Marquart stand auf dem Stuhl. Der Ratschreiber, nicht faul und auf die Bank. Wenn die Beiden sahen, daß jetzt keiner mehr etwas Überragendes vor dem anderen voraushatte, beruhigten sie sich soweit, daß der Tierarzt wiederholen konnte:

»En Dämel haben's mi geheißen?«

»Ja, und dös kann ka Beleidigung für Ihna net sei, wo's sogar an deutschen Dichter gibt, der grad so heißt.«

»Na, da mag's für heut mal bei dem Dämel bleiben. Aber daß es nur wissen, mit Ihna spiel i nit mehr.«

»I mit Ihna a net, mei Lebtag net mehr,« und die Karten flogen auf den Tisch, daß es nur so krachte und der Fidibusbecher vor Schreck auf den Boden flog.

In einer der Kunstpausen, die da regelmäßig eintraten, fragte mich ein alter Weinhändler:

»Gehes jetzt heur a wieder über die Alpen, Sie? Wissens i möcht schon a mol mitgehn!«

»Das können's schon, aber lassen Sie uns später noch emal von der Sache reden, Herr Merkle. Ich glaub', die drei fangen wieder mit dem Karten an.«

»Wer is an der Reih?« fragte der Tierarzt. »Wer hat die Karten zu geben?«

»Aber mit Ihna wollt' i fein nimmer spielen,« entgegnete der Ratschreiber und fing an, die Karten zu mischen.

»Daß ihr's wisset: Nachg'spielt darf nimmer werden, sonst schmeiß i die Karten weg,« bemerkte der Feuerwehrkommandant und hob ab.

»E Kart hab' i zu wenig! Ach na, 's is recht geben. Da liegt eine im Kindbett, und dösmal überbiet mich kaner von euch. En Grand sag' i an.«

Krach knallte der Kreuzbub auf den Tisch und ein neues Spiel nahm seinen Anfang. Der Weinhändler fragte derweilen bei mir an: »Wann wollen wir fort?«

»Im September,« sagte ich, »und bis Neapel runter.«

»Oh Sakra,« sagte der Tierarzt, »nei so e Spiel soll nichts gelten? Nu hab' i doch e Kart zu wenig. Net emal Kart geben kann er, der Federfuchser, und will andre Leut en Dämel heißen.«

Na, da lagen sie sich denn wieder in den Haaren, die Kartenspieler.

Ich aber ging mit dem Weinhändler fort, und wir gaben uns die Hände daraufhin, daß ein Mann ein Wort sein solle, und die Reise abgesprochen und im reinen sei.

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