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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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»Auf die Berge will ich steigen,
Lachend auf euch niederschauen.«

Mein Sohn, der noch in Rockenhausen geboren war, lief schon wacker in Höschen herum, also mochte ich schon ein paar Jahre in Weinheim wohnen, da kam's, das lang versprochene Geschenk des Staates an die Arbeiterschaft. Die eisengepanzerte Germania hatte sich vorgenommen, die Welt zu verbessern und den Moses zu überbieten, mit seinem Jubeljahr, indem man anfing, die soziale Frage zu lösen. Die kleine Meppener Exzellenz putzte damals ihre katholische Brille und sagte: »Es ist ein Sprung ins Dunkle hinein.«

Trotzdem kam er, der Versicherungsschwindel. Wir hatten einen sozialen Kaiser, warum sollten wir nicht auch soziale Nachtwächter haben. Freie Bahnen! Man konnte zu Amt und Würden gelangen, wenn man verstand, sozial zu husten, zu niesen und zu schwitzen.

O, wie hat diese unselige Gesetzesfabrikation dem Vaterlande geschadet. Sie ist es, die dem deutschen Manne das Beste nahm, was er überhaupt hatte, die Pflichttreue und das stolze Gefühl, daß er zunächst selber verantwortlich sei für sein eigenes Wohl und das seiner Familie. Sie ist es, die den moralischen Zusammenbruch unseres Volkes seit dem Jahre achtzehn verschuldete, weil wir zu einer Herde geworden waren, die nach Futter blökte, statt zu arbeiten, wenn sie Hunger hatte. Wehe dem deutschen Ärztestand, daß er sich damals nicht wie ein Mann erhob und dem Staate sein non possumus entgegenschleuderte. Daß er nicht sagte: »Mach', o Staat, mit deinen Arbeitern, was du willst, wir tun nicht mit. Für uns bleibt jeder Kranke, der unsere Hilfe nachsucht, Privatpatient. Der Arme, der nichts hat, ist uns nichts schuldig. Der Vermögliche aber verbürgt uns die Existenz.« Leider! Leider! – – Was in England, in Amerika todsicher erfolgt wäre, es geschah bei uns nicht. Die Adepten eines Hufeland, Humboldt und Virchow hielten still und ließen sich das Joch des Staatssozialismus hinter die Büffelhörner legen. Von da ab der Niedergang der Ärzteschaft. Eingeklemmt als Puffer zwischen die Begehrlichkeit der Arbeitnehmer und den Geiz der Arbeitgeber und Kassenverwaltungen mußten sie zur formlosen Masse zerrieben werden. Man denke doch nur, seit der Inauguration des neuen Evangeliums gab es – zum ersten Male seit der Vertreibung aus dem Paradiese – Dinge, für die man kein Geld auf den Tisch zu legen brauchte. Man konnte Medikamente, Seife, Wein, ja »Ferientage vom Ich« erhalten, ohne einen Pfennig zu bezahlen. Alles das mit ein paar Zeilen, die der Arzt auf einen Zettel schrieb. Aber der, konnte der sich der Hochflut der Fordernden entgegenstemmen? O, der sollte nur! War man als Versicherter nicht sein Herr? Konnte man ihn nicht brotlos machen, wenn man seine Sprechstunde mied? War er nicht geächtet, wenn man in den Werkstätten die Losung ausgab: »Bleibt von ihm weg, er ist kein Doktor für den armen Mann.«

Und der andere Stein des Mahlganges, die Kassenverwaltung, was tat denn die? War einmal in der höchsten Not der Krankheit dem Patienten eine Flasche Wein aufgeschrieben worden, so hatte man sich als Arzt am Monatsschluß zu verantworten, wieso und warum man derart unerklärlich mit dem Kassenvermögen hause. Was lag dem Herrn Direktor daran, was aus dem Kranken werde. Er kannte seinen Namen kaum. Eine gute Bilanz am Schlusse des Geschäftsjahres, das war's, worauf man hinarbeitete, weil dann mit dieser die Gehälter des Kassenpersonals erhöht werden konnten. Von dem gleichen Standpunkte aus wurden die ärztlichen Honorare heruntergedrückt auf dreißig Pfennige für den Krankenbesuch. Man vergaß ganz, daß man für einen Groschen wohl einen Löffel haben konnte, daß dieser aber kaum von Silber war. Mit anderen Worten: Die ärztliche Leistung wurde diesem Honorar gleichwertig gemacht, um den Goetheschen Spruch zu bewahrheiten, daß »Vernunft Unsinn und Wohltat Plage wird«. O, wieviel Ethik ist seither verloren gegangen in dem mehr als dreißigjährigen Kriege der Ärzte mit den Kassenverwaltungen! Jeder neue Tag gebar den alten Ekel wieder vor der Krankenkassenpraxis und die Sehnsucht nach ein paar Tagen Erholung von der schmachvollen Kuliarbeit.

In jener Zeit, es mag so gegen den Anfang der neunziger Jahre gewesen sein, verabredete ich mit meiner Frau eine kleine Schweizerreise. Eine Verwandte aus Heidelberg schloß sich uns an und nach einer sechsstündigen Nachtfahrt schon saßen wir im Bahnhof zu Basel vor unserem Morgenkaffee. Er war nicht allzu heiß, als wir ihn bekamen, und doch hatten wir ihn noch nicht getrunken, als schon der Schaffner in den Wartesaal hereinrief: »Einsteigen zur Abfahrt nach Olten, Luzern, Bellinzona, Mailand.«

»Einsteigen, ja einsteigen, das wäre schon recht, wenn wir nur erst den Zahlkellner dahätten.«

Ich klopfte mit dem Kaffeelöffel an die Tasse. Er ließ sich sehen, kam aber nicht näher. Ich rief, und er verschwand hinterm Büfett. Meine Damen wurden unruhig, denn rings um mich her da leerten sich schon die Tische. Sollten wir gehen, ohne bezahlt zu haben? Welche Blamage, wenn wir angehalten wurden! Sollten wir auf einen Fensterplatz verzichten, wir, die wir zum ersten Male den Wundern der Alpenwelt entgegenfuhren? Beide Eventualitäten waren für uns gar schmerzenreich.

Ich war indessen aufgesprungen und stampfte mit den Füßen. Da endlich kam der ersehnte Schwarzfrackteufel. »Drei Kaffee,« sagte ich und warf ein Fünffrankstück auf die Marmorplatte.

»Sofort, mein Herr, zwei Frank zurück. Ich werde wechseln lassen.«

Auf dieses Wechseln warte ich noch bis auf den heutigen Tag. Vom Perron herein schrien meine Damen ängstlich und winkten mit den Hutschachteln. Ich ließ mein Geld im Stich und eilte aus dem Saal. Meine einzige Beruhigung war ein Engländer, der langsam seinen Mokka schlürfte und dann in gemächlicher Seelenruhe seine Pfeife stopfte. ›Kommt der noch recht,‹ so dachte ich, ,›so kommst du auch nicht zu spät. Er hat auch noch nicht bezahlt.‹ Aber plötzlich stand der Nachkomme Wilhelms des Eroberers auf, legte einen grünen Fetzen Papier auf den Tisch und verschwand mit einem Angelstecken in einem Kupee. Hinter ihm her meine Damen und hinter diesen ich.

Als wir dem Jura entgegenrollten, erzählte ich mein erstes Abenteuer auf eidgenössischem Boden einem Bundesbruder des Wilhelm Tell, der in der Schützenjoppe neben mir saß und fragte, was der grüne Zettel des Engländers für eine Bedeutung haben könne. »Cha, cha,« fing der an zu röcheln, »'s isch wohl e Coupon g'sin von dem Reisebureau Cook & Comp. So hat der Chaib noch viele in der Tasch. Mit dem grünen Zettel zahlt er seinen Kaffee in Basel, mit dem roten das Mittagessen in Rom und mit einem gelben seinen Strohsack in Neapel. So drückt er sich ums Trinkgeld, wird beim Wechseln nicht bemogelt und profitiert noch alleweil Zeit.«

Geriebene Luders sind sie doch, diese Engländer und unsere Konkurrenten auf dem Weltmarkte, mußte ich voll Schwermut denken, als der Zug durch das Dunkel des Hauensteintunnels sauste. Dann aber wurde ich wieder froh, als die Bergesnacht hinter mir lag und die saftgrünen Ufer der Aar mir entgegenlachten.

Bald war Luzern erreicht und der Vierwaldstätter See. Dem Schöpfer sei's gedankt, daß er uns dies Prachtstück seiner schönen Erde so nahe gelegt hat. Kein Deutscher sollte sterben, ohne diesen Gletscherspiegel gesehen zu haben. Mehr kann ich nicht sagen, denn wie durch ein Wunder waren wir allzuschnell durch den smaragdgrünen See getragen, der Kapitän unseres Schiffes hatte »rackwärts« kommandiert, und wir standen bei Flüelen am Eingang des Reußtals. Hier auf der Schaubühne der Wilhelm Telltragödie erwartete uns ein Eisenbahnzug und schleppte uns den Wasserstürzen des schäumenden Flusses entgegen nach Göschenen hinauf. Das Dunkel des Gotthardtunnels schenkten wir uns. Ich war mit meiner Frau schon zu lange verheiratet, als daß uns dieses Dorado verliebter Hochzeitsreisenden noch verlocken konnte. Wir stiegen vorm nördlichen Tunneltor aus und gingen selbdritt über die Teufelsbrücke nach Hospental, wo wir einkehrten, um uns ein wenig zu erfrischen. Nach dem Essen setzten wir unseren Weg fort nach dem Gotthardhospiz empor. Es ist ein nicht gerade mühsames Aufsteigen in dem alten Saumpfad, der zuweilen die Landstraße schneidet, um sich dann wieder durch Geröll und Steine hindurchzuwinden. Längst schon ist der letzte Wacholderstrauch entschwunden, und in einer öden Steinwüste erscheinen die kahlen Mauern des Hospizes doppelt vor unseren Augen, weil sie sich einerseits auf dem Blau eines südlichen Himmels und andererseits auf der glatten Fläche eines Bergsees widerspiegeln. Wir umgehen eine scharfe Gebäudeecke und treten in die große Wirtsstube eines kalten Hauses, aus dem die Gemütlichkeit ausgezogen ist. Kaum nur, daß es gelingt, mit Rufen und Klopfen ein weibliches Wesen herbeizulocken, das eine Schüssel Milch bringt und sie wortlos vor uns auf den Tisch stellt. Wer sich zunächst darüber hermacht, das ist ein Schwarm von Fliegen. Ihrer viele arrangieren ein Wettschwimmen, während wir dem Gezappel zusehen, gähnen und uns fragen, was wir mit den Stunden anfangen sollen, die es noch dauern wird, bevor die Nacht erscheint und das Abendessen bringt. Meine Frau kommt auf den Gedanken, daß wir eine der Höhen erklettern möchten, die rings den Talübergang umstarrten. Gedacht, getan, und eine Stunde später schon schlitterten wir auf den glatten Grashängen herum, die mit spärlichem Grün diese Gipfel übermalen. Das Gehen wurde immer schwieriger, die Luft dünner, das Atmen kurz und kürzer bei raschem Schlagen des Herzens, plötzlich fiel meine Frau nieder und riß sich die Kleider von der Brust. Wir zwei andern standen dabei mit einer ungefähren Ahnung im Herzen, daß es sich hier, wo man außer Bergen nichts anderes sah, um die Bergkrankheit handeln könne. Wir nahmen nun die Kranke zwischen uns und rutschten mit ihr auf den Kehrseiten den Abhang wieder hinunter. Da diese Talfahrt trotz der traurigen Ursache stellenweise etwas Lustiges hatte, so erlaubten ich und die Base uns, ab und zu ein wenig zu lachen. Das nahm meine Frau uns übel, und sie schmollte derart mit uns beiden, daß sie uns kein Wort gönnte, als wir am Hospiz angekommen waren. Wir hatten dagegen nichts einzuwenden und grämten uns darüber auch nicht zu Tode, daß die Gattin sich an den Tisch zu den Knechten der Anstalt setzte und folgende geistreiche Unterhaltung mit den grobschrötigen Männern begann:

»Leben Sie das ganze Jahr hier oben?«

»Cha.«

»Auch im Winter?«

»Cha.«

»Was essen Sie denn da?«

»Cha, was wir han.«

»Auch Eier?«

»Cha.«

»Habt ihr denn auch Hühner hier?«

»Cha.«

»Legen die gegen's Frühjahr zu auch Eier?«

»Naan.«

»Warum legen sie keine Eier?«

»Cha, mir fraßet se zuvor.«

Hier fielen nun die Base und ich mit einem homerischen Gelächter in die phäakenhafte Unterhaltung herein, und als wir ausgelacht hatten, holte ich Feder und Tinte herbei. In mir war nämlich der in meinem Unterbewußtsein seither bescheiden schlummernde Schriftsteller plötzlich wach geworden und zwang mich, den Ausflug nach dem Monte Prosa – so hieß der Gipfel, den wir erklettert hatten – in einem Feuilleton zu verewigen. Bevor ich das Manuskript in einem Kuvert verstaute, unterstrich ich einmal das »P« im Worte »Prosa«, weil mich wie einen Hellseher der Gedanke an ein drohendes Unheil erfaßt hatte. Dann warf ich den Brief in einen Kasten, der im Hausgang aufgehängt war, und hoffte, daß er seinen Weg nach der von mir gemeinten Redaktion finden werde.

Indessen war der Abendtisch gedeckt, und unsere Gesellschaft vermehrte sich um einen französischen Abbé und eine Dame, mit der dieser wahrscheinlich verwandt war wie Dortchen Lakenreißer mit Fallstaff, denn sie hatte Simpelfransen in die Stirne hängen und zwischen den Brustansätzen einen nackten Amor, der auf Porzellan gemalt war. Sie lachte viel und nahm es durchaus nicht ungnädig, als ich mit ihr ein wenig zu schäkern anfing. Den harmlosen Flirt sollte ich bald bereuen. Es setzte sich nämlich eine schönere an meine Seite. Frau Lombardi war's, die Besitzerin des Hauses, eine ausnehmend blühende Dame, so daß ich »wie der Esel, zwischen zwei Bündeln Heu« saß, »ohne zu wissen, wo das bessere Futter sei«.

Im übrigen wurde es noch recht lustig an jenem Abend. Der Abbé spielte heitere Weisen auf dem Klavier, und Frau Lombardi sang dazu mit einer volltönenden, glockenreinen Stimme.

Als wir uns am nächsten Morgen von der bildschönen Nachtigall trennten, sagten wir: »Auf Wiedersehn!«

Daraus ist nichts geworden. Im folgenden Frühjahr bereits löste sich oberhalb von Airolo ein Felsbrocken los und begrub die frohe Sängerin samt ihrem Sommerhause am Südabhang des Gotthards. Ein Glück für uns drei, daß wir nicht wußten, was die nahe Zukunft brachte, sonst wären wir wohl nicht so fröhlich durch die grause Schlucht hinuntergetänzelt, die der junge Tessin sich hier aus dem Urgestein des Bergriesen Gotthard herausgemeißelt hat.

Als wir so an zwei Stunden gelaufen sein mochten, war die Schlucht zu Ende. Das Tal bot schöne Wiesengründe, den gelbgrünen Schimmer von Kastanienbäumen, mit einem Worte, die Welt zeigte, an unseren Erfahrungen gemessen, einen veränderten Charakter, zumal da uns zuweilen auch noch ein Mauleselfuhrwerk begegnete oder ein Dudelsackpfeifer. Wie ich so auf der guten Landstraße gegen Faido hin rüstig ausschreite und mit Interesse die veränderte Form der Kirchtürme betrachte, merke ich, daß die Base sich hilfsbedürftig an mich drängt und mich ungeachtet der Nähe meiner Frau unterm Arme faßt. Ich guckte fragend an der kleinen Gestalt herunter, und wie ihr blaues Auge mir forschend entgegenleuchtete, fragte ich so obenhin: »Du frierst doch nicht, Base?«

»Nein,« gab sie zur Antwort, »aber ich fürchte mich, denn sie müssen doch jetzt bald kommen.«

»Wer denn?«

»Eben die Fra Diavolos, die Abruzzenräuber, die man so auf den Theatern sieht.«

Ich lachte nicht über diese dämliche Bemerkung, denn ich erinnerte mich meiner eigenen Torheit, die vor wenig Jahren noch in Kopenhagen die Renntiere suchte.

Indessen schritten wir rüstig voran und erreichten in Faido einen Schnellzug, der uns rasch nach Bellinzona brachte, wo wir übernachteten.

Am anderen Tage ging's gegen Locarno zu, die vielbetretene Straße und von da weiter nach Luino, Pallanza, Arona usw. usw.

Wie wir so in letzterer Stadt im Schatten des heiligen Karl von Borromeo standen, meinte meine Frau, den Blick rückwärts über den See gerichtet, die Welt sei doch weitläufiger, als sie gedacht, und die Base sagte. »Was fangen wir nur an, Onkel, wenn es Regen geben sollte, da wir keine Schirme mit uns haben?«

Kurzum ich merkte, daß beide schon etwas reisemüde waren, und daß sie am liebsten heimgefahren wären. Diesem Drange gegenüber fing ich an, zu bramarbasieren: »Mailand zum mindesten müßten wir bestimmt erreichen. – Mailand in der Lombardei« betonte ich. »Wer seinen Dom nicht gesehen und das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci, der rechne nicht zu den gebildeten Menschen.« Daß ich außer den beiden Sehenswürdigkeiten in Milano noch eine dritte erwartete, nämlich von der Zeitungsredaktion das Geld für meinen allerersten literarischen Versuch, das verschwieg ich, hoffte aber bestimmt auf dies Wunder, denn ich hatte vorsichtshalber bei Einsendung des Manuskriptes meine Mailänder Adresse angegeben.

Wir fuhren also nach Milano hin. Als meine Frau die enge Gasse sah, in der das Hotel »Schweizerhof« lag, wollte sie nicht mehr mit und nannte mich eigensinnig, als ich auf der Einkehr in diesem Gasthof und keinem anderen bestand. Mit Ach und Krach behielt ich Recht, und was fand ich vor beim Hotelportier? Einen Brief von der Zeitungsredaktion mit der Einlage von einem Zwanzigmarkschein.

Beim Anblick meines ersten mit der Feder verdienten Geldes verlor der Mailänder Dom, das Amphitheater, ja die Brera für mich jede Bedeutung. Nicht um alle Welt hätte ich den Zettel aus der Hand gegeben. Ich beschloß, ihn aufzuheben, einzurahmen und den spätesten Enkeln zu vermachen, damit sie sich überzeugen könnten, von welch' bedeutendem Urgroßvater sie abstammten. – Im Überschwang meiner Gefühle baute ich eine Phantasievilla, für deren Portal ich folgendes verwegene Epigramm dichtete:

Manch einer, dem dies Haus gefällt,
Denkt: Woher hat er nur das Geld?
Und lacht verschmitzt. So wißt denn, daß
Es floß aus meinem Tintenfaß.

Von jetzt ab teilte ich das Heimweh meiner Frau und der Base. Wir sahen uns zwar den Dom noch an, die Brera und auch den Kirchhof. Dann aber machten wir, daß wir nordwärts und wieder nach Deutschland kamen. Die Base meinte, als wir überm Rhein waren, sie hätte immer an Konradin von Schwaben denken müssen, und sie sei froh, daß sie ihren Kopf noch habe. Da meine Frau sich freute, daß sie ihr geschmuggeltes Foulardtuch noch hatte und ich meinen Zwanzigmarkschein, so waren wir alle drei seelenvergnügt, als wir uns der Musenstadt im engen Neckartale wieder näherten. Die Base ließen wir hier zurück, und nur noch zwei Personen stark lief die Reisegesellschaft im Bahnhof zu Weinheim ein. Hier wunderte ich mich einigermaßen, daß nicht an der Spitze des Magistrats der Bürgermeister mit den Insignien seiner Würde zu meinem Empfang am Bahnhof stand. Wie kam das nur? Hatte ich geheime Neider? Man mußte doch in Deutschland meinen Artikel gelesen haben, und nun in Weinheim gar, wo zum Interesse am Inhalt noch das am berühmten Verfasser hinzukam. Nein, dieses Ignorieren hatte etwas Beleidigendes. »Florentiner, Florentiner, was kann euren Sinn verkehren«, deklamierte ich vor mich hin, ging aber an der Seite meiner reisemüden Gattin heim. Merkwürdig, daß ich selbst beim Anblick meiner Kinder nicht zur Ruhe kam. Nein, ich konnte nicht zu Bette gehen, bevor ich wußte, was die Stadt über mein literarisches Opus dachte. Ich ging also los, womöglich um die Gesellschaft der Rundbrenner aufzufinden. Ich traf sie in dem Hotel »Zu den vier Jahreszeiten«. Bei meinem Eintritt in die Nebenstube entstand eine große, allgemeine Heiterkeit, von der sich auch Liese, die Kellnerin, bei der ich doch einen Stein im Brett hatte, nicht ausschloß. Hinterm Tisch aber erhob sich vorschriftsmäßig der Oberamtmann wieder zu folgender Rede: »Schade, daß Sie nicht vor zehn Minuten gekommen sind. Eben ist der Lehrer Weyermann weggegangen. Er hatte Ihren Artikel mitgebracht und eine Landkarte von der Westschweiz. Er meinte, daß Sie den Ausflug vom St. Gotthard nach dem Monte Rosa in einem Nachmittag gemacht hätten, sei mehr, als Jules Verne oder Münchhausen ihren Lesern zu glauben zugemutet hätten. Nach Weyermanns Ansicht sollte man auf Ihrem Grabstein Münchhausens berühmte Enten aushauen lassen.«

Ich begriff im Augenblick. Da hatt' ich's nun. Dem verfluchten Setzer hatte der Strich unter dem »P« des Wortes Prosa nicht imponiert. »Monte Prosa« hatte er gedacht – »Unsinn, gibt's gar nicht, muß natürlich Rosa heißen« – und so hat er die greulichste Unmöglichkeit in die Zeitung hineingeschwärzt. Wehe, wenn die Setzerlehrlinge anfangen zu denken! Sie können den berühmtesten Menschen für Jahrtausende hinaus zum Gelächter der Nachwelt machen. Für mich stand vorläufig unerschütterlich fest, daß ich mich mit meinem Artikel nicht in die deutsche Literaturgeschichte hineingebaut hatte. Was sollte aber nun mein Zwanzigmarkschein noch für einen weiteren Wert haben? Keinen anderen als den der Erinnerung an eine ungeheure Blamage. Nein, er durfte mich durch die Anwesenheit in meiner Brieftasche nicht weiter kränken. Ich setzte mich unter die fidelen Brüder und vertrank das Geld noch am gleichen Abend.

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