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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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Weiter in der Tretmühle des Lebens

Bald war ich in den alten Geschäftsgang wieder eingewohnt, schrieb Rezepte, Krankenscheine, Geburts- und Todeszeugnisse. Eines der letztern auch für einen Mann, den ich zu meinen Freunden rechnete. Der dicke Herr wog so nahezu an drei Zentner und konnte mit einem solchen Gewichte die drei Gemeinden Gorxheim, Flockenbach und Kunzebach würdig vertreten, bis er eines Tages beim Kopfwaschen vorm Brunnentrog zusammengebrochen war. Bewußtlos hatte man ihn ins Haus getragen. Durch seine nächsten Angehörigen wurde nach mir geschickt, und ich war am Sterbebett erschienen, gerade noch rechtzeitig genug, um dem Toten die Augen zudrücken zu können. Natürlich sollten nun doch die Leute im Wochenblättchen lesen, daß es in der Welt einen Bürgermeister weniger gäbe und auch ein wie vortrefflicher Mensch der Verschiedene gewesen sei. Ein Sohn des Toten hatte sich, da das Schriftstellern keine leichte Sache ist, mit der Frage an mich gewendet, ob ich nicht während der Heimfahrt bei der Zeitungsredaktion vorfahren und die Annonce aufsetzen wolle. Ich sagte ja und bestieg meinen Wagen. Neben mich ins Chaischen drängte sich der Enkel des Toten, ein grobknochiger Bengel von etwa sechzehn Jahren. Er grüßte nicht, er sprach nichts, er saß nur da und lachte vergnügt, weil an ihn einmal die Reihe gekommen war, weich zu sitzen und Chais zu fahren. Da ich ihn in seiner Beschaulichkeit nicht stören wollte, so sagte ich auch nichts und machte mich darüber her, die Todesanzeige zu entwerfen. Aber halt, da fehlte mir gleich von vornherein etwas. Es hat Gott gefallen, unseren lieben Großvater, Vater, Onkel usw., den Großherzoglichen Bürgermeister – da halt zum Teufel, der Vornamen fehlte. Aber da konnte doch sicher der trauernde Enkel mit seinen Kenntnissen aushelfen, der grinsend neben mir saß und sich mit leisem Pfeifen die Zeit vertrieb. »Adam,« so fuhr ich den Träumer an, »wie hat doch dein Großvater geheißen?«

»Philipp,« war die kurze, aber erschöpfende Antwort, mit der mir vorläufig geholfen war. Ich komponierte also weiter: Philipp Schmidt im Alter von?? Da eine neue Schwierigkeit, die sich ohne Standesregister nicht lösen ließ. Aber wo dieses hernehmen, ohne den Gaul zu drehen und zurückzufahren. Doch vielleicht konnte da abermals der Enkel Rechenschaft geben.

»Adam,« so lautete die neue Frage, »weißt du, wann dein Großvater geboren wurde?«

»Nein, dös war vor meiner Zeit.«

›Du hättest anders fragen sollen,‹ sagte ich mir und ich fing nochmals an: »Wie alt war doch dein Großvater, jetzt, wo er eben gestorben ist?«

Adam steckte den linken Daumen in den Mund zum Zeichen, daß er sich besinnen wolle. Als er ihn wieder herausholte, stürzte hinter ihm die Antwort her: »Der kann alt gewesen sein, so an achtzehn – neunzehn Jahren.« Nun könnt' ich mir nicht länger helfen. Ich mußte lachen, daß mir der Hosenbund zu eng wurde, und das Patenkind des ersten Menschen lachte mit. So waren wir vor dem Zeitungsverlag angekommen, wo ich das Wundertier eines sechzehnjährigen Enkels von einem achtzehnjährigen Großvater der Redaktion zur gefälligen Weiterverhandlung überließ.

Durch den Tod des Bürgermeisters Philipp Schmidt war der Lauf der Zeiten nicht unterbrochen. Dem Verewigten folgte im Amt sein Sohn nach, der genau wie der Vater hieß und dem von den drei Zentnern Schlachtgewicht, die sein Vater hatte, höchstens zehn Pfund fehlten. Also war alles wieder in Ordnung. Die Gemeinde hatte ihr Oberhaupt und ich einen wohlwollenden Protektor, von dem man alles verlangen konnte, nur kein Geld. Bald sollte ich in die Lage kommen, seine Güte in Anspruch nehmen zu müssen.

Es war eine bitterkalte Winternacht und vor meinem Schlafzimmer hatte die Nachtglocke geschrien. Ich zog den Fenstervorhang zurück und sah auf die nackten Steine des Pflasters hinunter. Da hielt ein armseliges Fuhrwerk im fahlen Lichte des Halbmondes und eine Stimme rief zu mir herauf: »Ich bin's, der Forstwart von Steineklingen. Sei's wie's will! Ich hab' ein Fuhrwerk mitgebracht. Sie müssen heraus und mit mir fort.«

Ich zog mich an und kam reisefertig auf die Straße. Hölle und Fegefeuer, welchem Fuhrwerk stand ich da mal wieder gegenüber! Da war zunächst ein Wagen, an dem außer der Deichsel nichts heil war. Die Radkränze waren mit Stricken gebunden und die Leitern schienen aus den Resten alter Kinderwiegen zusammengesetzt zu sein. Ach, und nun gar der Gaul, der vor dieses Fuhrwerk geknotet war! Das reine Pferdeskelett, und selbst das nicht einheitlich, sondern aus der Knochensammlung einer Tierarzneischule zusammengestohlen. »Von welchem Schinderwasen, Förster,« rief ich aus, »haben Sie diesen Lazarus geholt?« und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Den laß ich mir nicht schlecht machen,« sagte der Waldmensch beleidigt. »Er hat den Weg von Steineklingen nach Weinheim gefunden, und er findet ihn auch wieder zurück. Im Übrigen stammt er von den Leutershäuser Judden und hat mich fünfundsiebzig Mark gekostet.«

Bei Tag hätte ich mich unter keinen Umständen auf das Fuhrwerk gesetzt – aus Furcht vor der Ärztekammer und ihrem Standesdünkel. In der Nacht aber, da mocht' es einmal hingehen, da ich bei meiner Fahrt außer dem verschwiegenen Mond keinen anderen Zuschauer wußte. Ich stieg also auf, und es ging los und zwar mit einem Spektakel, den ich dem Vehikel gar nicht zugetraut hätte. Alle vier Eisen des Pferdes hingen lose und besorgten die Schellenbaummusik zu den Fagottönen, die sich unter den Achsen hervordrängten. Ohne Peitsche wären wir der ruhende Punkt gewesen, den Archimedes suchte, und mit ihr kamen wir auch nicht anders als im Schneckentempo voran. Aber immerhin, im Lauf von einer halben Stunde hatten wir die letzte von des Städtleins achtzig Wirtschaften erreicht. Eben wollte ich den Strohsack unter meinem Sitzfleisch etwas aufschütteln, als ich aus dem Wagen fiel und über die Straße rollte. Was war geschehen? Eines der beiden Hinterräder hatte sich selbständig gemacht und lief auf eigne Rechnung und Gefahr dem Gastwirt Bienhaus in die offene Torfahrt hinein. Ein Hund fing an zu bellen, und es dauerte noch keine zwei Minuten, so stand der freundliche Wirt auf der Straße und half uns, das Rad wieder über die Achse zu schieben. Da der eiserne Bolzen verloren gegangen war, so behalfen wir uns mit einem hölzernen, den der erfindungsreiche Herr Bienhaus aus einem Besenstiel gebrochen hatte. »Glückliche Reise!« rief uns der gute Mann noch nach und wir setzten unseren Weg ins Tal hinein fort.

Ein Hahn krähte, als wir nach Gorxheim kamen und dem Hause des neuen Bürgermeisters gerade gegenüber waren. Was fiel nur da dem Roß auf einmal ein? Schneller, als es ihm ein Mensch je zugetraut hätte, machte es nach rechts hin Kehrt und zog das Fuhrwerk einer Notbrücke zu, die über den Bach hinüber in des Bürgermeisters Hof führte. Da die Brücke keine Rampe hatte, so waren nur die Vorderräder so glücklich, auf den Holzdielen zu bleiben. Die hinteren glitten ab und ich fiel zum zweiten Male aus dem Wagen heraus und ins kalte Wasser des seichten Baches hinein. Diesmal brauchte ich keinen Hund, um die Nachbarschaft zu wecken. Ich fing aus Leibeskräften zu fluchen an und trieb damit den neuen Ortsgewaltigen aus den Federn heraus. Bald stand er mit der Laterne im Hof und leuchtete dem Pferd ins Gesicht hinein. Während ich den Versuch machte, aus dem Wasser zu krabbeln, hörte ich auf einmal, wie der dicke Herr verwundert sagte: »Ei, da wärst du ja glücklich wieder! Sag', wie kommst du, altes Schindluder, zum zweitenmal ins Tal herein? Forstwart, wer hat Euch den Gäulsknochen aufgehängt, nachdem wir ihn an die Mannheimer Pferdemetzger verkauft hatten? Adam,« rief er nach der Stube hinauf, »komm schnell und guck! Da ist die Liese wieder, die wir schon in den Ladenburger Salamiwürsten vermuteten.«

Der Adam kam, und er war auch nötig, erstens um die Tatsache zu konstatieren, zweitens um den Wagen wieder auf die Straße zu setzen und dann um das Pferd einige hundert Meter weit über die Bürgermeisterwohnung hinaus zu führen. Als man an den nächsten Meilenstein gekommen war, ließ der Adam das Kopfgestell los, indem er sagte: »So, von jetzt ab geht er wieder bis in den Siedelsbrunner Steinbruch hinein. Das heißt, wenn euch ein Mülleresel begegnen sollte, dann steigt ab, so rat ich euch. Mit drei Beinen hat ein Schmisser wie der da noch einen Huf zuviel.«

Wir hofften, daß wir mit dem bereits Überstandenen das Schicksal versöhnt hätten, und es kam auch weiter nichts mehr vor. Nachdem wir an der Daumühle noch einmal Halt gemacht und die Räder geschmiert hatten, kamen wir, als man eben die Schweine fütterte, in Steineklingen an. Ich waltete allda meines Amtes und lehnte, wie vordem auf dem Sandhof, die Rückfahrt dankend ab. In ein Gewitter bin ich diesmal nicht gekommen, wohl aber zu einem Wellfleischessen.

Als ich nämlich so gegen zehn Uhr an der Bienhäuserschen Wirtschaft in Weinheim vorüber wollte, hörte ich, wie die gute Frau Wirtin sagte: »Sieh, Martin, da kehrt soeben der Doktor heim von Steineklingen. Guck, wie erfroren er doch aussieht. Ruf ihm zu, und da wir doch heute geschlachtet haben, so mag er ein Stück warmes Wellfleisch essen. Ich weiß, er liebt das sehr.«

Herr Bienhaus rief mir zu, und ich machte Kehrt, wie ich dies über Nacht von der alten Liese gelernt hatte. In der Schenkstube fand ich um den ovalen Tisch die Schmidte, die Schmiede, die Schmiedels und die Schmidtchens, wie sie so in der Vorstadt hausten, versammelt. Sie aßen tüchtig, tranken nicht zu wenig und unterhielten sich über Kindererziehung.

»Daß man ein Kind schlägt, halt ich für eine Rohheit meinerseits,« sagte einer, der zufällig Schmidtdecke hieß. »Sieben Buben hab' ich groß gezogen, geschlagen aber niemals einen.«

Dem Schmidtdecke senior entgegnete auf's prompteste ein junior: »O Vater, wie lügt Ihr da! Habt Ihr mich nicht des öfteren geschlagen, daß die Schwarten krachten?«

»Na, und du, mein Sohn, sag', hast du mich denn nicht auch geschlagen? Heben da die Prügel sich nicht gegenseitig auf?«

Die Schmidt und Schmidtchens lachten höhnisch über die Schmidtdeckens, und die Situation hatte schon einen Schimmer von gestörter Gemütlichkeit, als sich ein Schmiedel mit den Worten meldete: »Da wir nun doch beim Schlagen sind. Da ist mein Großer, der Athlet. Ihr kennt ihn ja. Hat er nicht Hände wie die Backofenschießer? Der Kerl, denkt nur, vor dem muß man Respekt haben. Hat er mir da neulich eine Ohrfeige gesteckt, daß ich wider den Bettpfosten gefahren bin. Da schaut her an meiner Schläfe, da könnt ihr noch die Narbe sehen. Der Doktor da, er sitzt ja hier, der hat die Wunde zusammengenäht.«

Da ich direkt apostrophiert war, so fühlte ich, daß ich etwas antworten müsse, und ich sagte drum: »Was Prügel her und Prügel hin! Sein Teil muß jeder haben. Wer sie nicht als Knabe eingerieben hat, dem werden sie im Greisenalter zugemessen,« und ich erhob mich, um zu gehen.

Auf der Straße draußen überholte mich der Waldhüter von Steineklingen. Er hatte das Rezept für seinen Patienten verloren. Ich mußte mit ihm in die Apotheke hinein, um ein neues zu schreiben, und da ich nun doch einmal bei dem Giftmischer war, kaufte ich mir Kampfersalbe, um die Beulen einzureiben, die das Schicksal mir in der letzten Nacht geschlagen hatte.

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