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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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Ein erster Flug vom Neste

Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen auch so geht wie mir. Wenn das Wetter mich ins Zimmer bannt, muß ich zu meiner Unterhaltung Reisepläne schmieden. Gebt mir ins Zuchthaus einen Atlas mit, und ihr habt mir die Hälfte meiner Strafe geschenkt. O, dies Arbeiten an einem Reiseplan! Es ist vielleicht das beste, was man von der Reise hat. Man ist vom Alltag fern, geht über schwindelerregende Abgründe und fällt nicht herunter, steigt über himmelhohe Berge und wird nicht müde dabei.

Diesmal hatte ich die Karte von Dänemark auf mein Knie genommen. Nach diesem fernen Norden wollt' ich einmal hinauf, um Renntiere zu sehen und die Menschen in ihrem Urzustand. O, ich war ja noch so dumm, daß ich glauben konnte, Deutschland allein habe die Kultur in seinen schwarz-weiß-roten Grenzpfählen eingefangen.

Es wurde Juni, bis ich aus dem Städtchen kam. Zum Schutz gegen Nordlicht und Mitternachtssonne hatte ich eine blaue Brille zu mir gesteckt. So ausgerüstet, stieg ich nach einer Nachtfahrt im Bahnhof zu Hamburg aus. Der Hafen war's, dem ich den ersten Besuch machte, nachdem ich mich im Hotel »Wismar« einlogiert hatte. Auswanderer und ihr Treiben zu sehen, das war's, was mich anzog. Am Kai der Amerikalinie lagen zwei Dampfer nebeneinander. Der, der am meisten nach der Mitte des Stromes lag, sollte in einer Stunde reisefertig sein. Der am Land vertaute wurde vor der Ausreise frisch bemalt und durfte besichtigt werden. Ich machte mich also daran und durchforschte ihn nach allen Dimensionen, indem ich mich nicht genug darüber wundern konnte, wie schön und zweckdienlich ein solcher Hochseedampfer eingerichtet ist. Selbst das Zwischendeck kam mir noch wie ein Raum vor, in dem man anstandslos den ganzen rheinisch-westfälischen Adel mit samt den Schwerindustriellen, die in dieser Gegend hausen, verstauen könne und nun gar die zweite Kajüte, von der ersten und ihren Luxuskabinen gar nicht zu reden! Ich hatte mich in einer der letzteren auf ein Sofa niedergelassen, sah durchs Bullenauge und träumte mir die affenbelebten Palmen des Amazonenstromes ans Ufer, als ich durch ein lebhaftes Getrampel über mir gestört wurde. Ich stürzte an Deck und sah, daß lebendes Rindvieh über den ersten Dampfer hinweg auf den zweiten transportiert wurde.

Als ob ich zum Ehrengeleite dieser Zweihufer gehörte, schloß ich mich der Prozession an und war unbeanstandet über die Laufplanke weg auf dem zweiten Schiff. Ich fand dieses so schön, wie das erste, nur noch bedeutend sauberer, sozusagen wie geleckt und zwar in allen seinen Teilen. Von der Barbierstube konnte ich mich schon gar nicht trennen, weil sie mit lebenden Blumen bestanden und schier wie ein Garten hergerichtet war. Aber der Uhrzeiger, der Uhrzeiger blieb nicht stehen, und wenn ich nicht mit nach Pernambuko wollte, mußte ich machen, daß ich aus dem Reisefertigen herauskam. An Deck hatte bereits das Zuströmen der Auswanderer begonnen, Polizeibeamte standen an der Laufplanke und kontrollierten die Papiere jedes einzelnen Reisenden. Meiner Ansicht nach gingen diese uniformierten Säbelträger mich nichts an. Ich wollte ja nur heraus aus dem Schiff und versuchte es ungeniert, mich zwischen ihnen durchzudrängen. Doch ich wurde festgehalten. »Ihr Ausweis, mein Herr,« wurde mir zugerufen.

»Ausweis?« Ich wußte kaum, was mit dem Worte gemeint sein sollte und machte ein verlegenes Gesicht.

»Wo kommen Sie her und wo wohnen Sie in der Stadt?«

Ich nannte das Hotel »Stadt Wismar« und durfte das Schiff verlassen, aber seltsamerweise nicht ohne einen Adjutanten. Der mehr wie schweigsame Diener der Gerechtigkeit begleitete mich bis ins Hotel, ja bis ins Heiligtum meines Zimmers sogar und verlangte, daß ich meinen Reisekoffer aufsperre. Das war sonderbar, aber ich fügte mich seinen Befehlen und sogar dem, daß ich das Haus nicht verlassen dürfe, bevor er mir die Erlaubnis dazu erteilt habe. Dann ging er von mir. Ich aber wurde den Gedanken nicht los, daß er aus der Tapete treten würde, sobald ich nur auf den Gang hinausginge. An drei Stunden mochte mein Arrest gedauert haben, da erschien der unheimliche Gast wieder, diesmal aber mit einem weniger grimmigen Gesicht und auch der Klang seiner Stimme war menschlicher, als er mir die Mitteilung machte, man habe mich für genügend verdächtig gehalten, aber inzwischen Erkundigungen über mich eingezogen und erfahren, daß ich mit dem Bankraub am gestrigen Tage in einen kriminellen Zusammenhang nicht gebracht werden könne. Ich möge deshalb entschuldigen und inzwischen fernerhin tun, was mir beliebe.

Das Wort Bankraub war mir ins Mark der Knochen gefahren. Ich bekam einen heillosen Respekt vor dem Spürsinn der Hamburger Justiz gegen Harmlose und beschloß, gleich nach dem Mittagessen abzufahren, um zu sehen, ob die Wilden in Dänemark drüben nicht bessere Menschen seien.

Bei Altona schon stieß ich auf die preußische Grenze und die ersten Apachen. Sie hatten blaue Nasen, staken in Uniformen von Zollbeamten und verlangten von mir, daß ich eine Wurst verzollen solle, die in meinem Koffer lag, oder umkehren. Ich sagte, daß ich keins von beiden täte und mir getraute, meine Wurst auch ohne Zoll über die Grenze zu bringen.

Als sie zornig erwiderten, »das wollten sie sehen«, zog ich mein Messer aus der Tasche und fraß vor ihren Augen meine Wurst zur Hälfte auf. Eine Zeitlang sahen sie meinem Beginnen wütend zu, dann aber schien sie ein Erbarmen mit der armen Wurst zu packen, und sie ließen mich mit dem letzten Drittel ihrer einstigen Größe durch die Zollschranke hindurch.

Von Altona nach Kiel ist nicht so sehr weit, und hinter Kiel beginnt es wässerig zu werden, und das Meer ist da. Trotz meiner Sehnsucht nach dem Grenzenlosen blieb ich doch in der Hafenstadt über Nacht, denn ich wollte etwas sehen von der Welt und die Fahrt nach Korsör bei Tag machen. Ich schlief im Hotel »Germania« und nahm auch allda ein substanzielles Frühstück ein, damit ich auf dem Dampfer die Zeit nicht mit Essen zu vertrödeln brauchte. Gegen elf Uhr ging ich an Bord mit krummen Beinen, denn ich wollte nicht als ein Grünhorn erscheinen, das mit dem schwankenden Gleichgewicht eines Schiffes noch keine Bekanntschaft gemacht habe.

Die Fahrt in der Bucht war still und schön. Als wir aber die offene See erreicht hatten, fing der kleine Dampfer heftig zu stampfen an und brachte manche Schweinsrippe wieder ans Tageslicht, die für immer in der dunkeln Tiefe des Magens geborgen schien. Mir konnte das Meer nichts anhaben, vielleicht weil ich verächtlich auf es herabsah. Es war mir nämlich zu klein. Ich hatte mich in den Gedanken eingesponnen, nur Himmel und Wasser um mich zu sehen, und das stimmte hier nicht, überall schaute noch der Saum von irgendeiner Insel auf unseren Kahn herüber, bald von Laaland, bald von Langeland, bald von Seeland, bis wir gegen Abend in Korsör waren. Von dort brachte mich die Eisenbahn in wenigen Stunden Nachtfahrt nach Kopenhagen. Von der Stadt sah ich zunächst nichts als die Beleuchtung in den Straßen und im Hotel, und da diese besser war, als die im berühmten »Rappen« zu Gießen, so fiel der erste Brocken vom Verputz nationaler Selbstgerechtigkeit von mir ab. Der zweite fiel beim Frühstück, das erfreulicherweise neben dem Kaffee noch einen Fleisch- und Fischgang brachte, und der dritte, als ich auf die Straße trat und bemerken mußte, daß die Menschen statt der Strümpfe wie in Marburg Glacéhandschuhe über den Fingern trugen.

Mein erster Gang aus dem Hotel führte mich natürlich nach dem Thorwaldsen-Museum, nach Holmens Kirke, nach den Schlössern Christiansborg und Rosenborg. Auch dem Kommunehospital machte ich einen Besuch und war erstaunt, daß ich dort die älteren Medizinstudenten, die statt geflickter Backen geflickte Hosenböden hatten, Operationen machen sah, an die zu meiner Zelt auf deutschen Universitäten kein Student herangelassen wurde.

Am Abend unterhielten mich im berühmten »Tivoli« die Kunstreiter, Kunstgeiger und Kunstfeuerwerker. So ging es einige Tage, bis ich mich an der Stadt satt gesehen hatte, nach Neuem verlangte und nordwärts nach dem Sund herausfuhr. Auf der Terrasse vor dem Schlosse Kronborg traf ich es nicht glücklich. Ich hatte nämlich einen Tag erwischt, wo eines Sterbfalls wegen in der Galerie der Geist des alten Hamlet nicht erscheinen konnte, dafür aber wurde den Reisenden für den Abend ein Fetzen Nordlicht in Aussicht gestellt, wenn sie sich entschließen könnten, in Helsingör zu übernachten. Ich war schlau genug, das nicht zu tun, sondern ich benutzte einen Dampfer, der von Göteborg kommend nach Lübeck an die deutsche Küste fuhr.

Die Nacht war wunderschön und der Wein gut und billig auf dem Schiff. Kein Wunder, daß ich auf dem Promenadendeck unterm klaren Sternenhimmel sitzen blieb und eine Flasche nach der anderen trank. Hatte ich mir doch auf alle Fälle eine schöne Kabine gesichert, in die ich mich zurückziehen konnte, sobald es mir beliebte. Aber es beliebte mir erst lange nach Mitternacht, obwohl auf mich die lieblichste Überraschung wartete, die einem jungen Manne nur bereitet werden kann.

Man stelle sich nur einmal vor: Ich ziehe die schwere Portiere vor meiner Kammer zurück und auf meinem schneeweißen Bette liegt die schönste Maid, die sich einer nur malen kann. Sie liegt da trotz der weißen Unterlage nicht so, wie Tizian seine Herzogin von Arbino hinlegte, sondern sie war vollständig bekleidet und sie blieb auch nicht liegen, sondern sprang auf, um mir durch eine Pantomine klar zu machen, daß das Schiff überfüllt sei, und daß sie zum Ausruhen das leere Bett benutzt habe, bis der eigentliche Inhaber der Kammer käme. Zu einer mündlichen Verständigung konnte es leider zwischen uns beiden nicht kommen, da die Schöne nur schwedisch sprach und ich nur deutsch. Im übrigen tat ich alles nur Erdenkbare, um die Kleine zu beruhigen und sie wieder zur Fortsetzung ihres Schlummers auf die Kissen niederzudrücken. Dann verließ ich mit einer tiefen Verbeugung den engen Raum. ›Was war nun zu tun in der herbstlichen Nacht?‹ fragte ich mich mit Goethe und antwortete mir mit dem gleichen Autor: ›So hab' ich doch manche weit schlimmer verbracht,‹ ließ mir in der Küche einen steifen Grog brauen und setzte mich auf dem Verdeck in die Nähe des Maschinenraumes, wo es mollig warm und gemütlich war.

Nicht gar zu lange, und die Sonne des neuen Tages stieg ostwärts aus dem Meere herauf und beleuchtete rechts und links vom Schiff grüne Wiesen und menschliche Ansiedlungen. Wir waren bereits in die Trave eingelaufen, und südwärts winkten in der Ferne die Steildächer der Lübecker Kirchtürme. Eine Stunde noch, und der Dampfer hatte am Kai der alten Hansakönigin festgemacht. Mir eilte es wahrhaftig nicht, wieder auf festen Boden zu kommen, und ich verließ als der letzte von allen Passagieren das Schiff. Kaum war ich über den Laufsteg, da trat ein Herr auf mich zu mit einer tiefen Verbeugung, reichte mir die Hand und lud mich ein, um elf Uhr im Ratskeller zu erscheinen und sein Gast zu sein. Ich wußte nicht gleich, wie ich einer solch' ausgesuchten Höflichkeit begegnen sollte, aber der Liebenswürdige ließ mich auch nicht zu Wort kommen. Er sagte mir, seine Braut habe ihm soeben erzählt, wie artig ich mich in letzter Nacht gegen sie benommen habe, und daß er's nur mir und meiner Höflichkeit verdanke, wenn sein Schatz heute so ausgeruht und rosig aussehe.

Da guckte ich mich denn gleichfalls um und erblickte zwischen den grauhaarigen Köpfen lächelnder Matronen das allerliebste Gesicht meiner Kabineninhaberin, und meine allzugroße Zuvorkommenheit der letzten Nacht wollte mich schier gereuen. Trotzdem nahm ich die Einladung zum Frühschoppen an, und ich muß sagen, bei gutem Gewissen habe ich selten eine so heitere Stunde verlebt wie die im Ratskeller zu Lübeck.

Bevor ich übrigens zum Frühschoppen gegangen war, hatte ich mir die Stadt angesehen und ihren uralten Dom. Seine Tore standen, weil's gerade Sonntag war, ausnahmsweise einmal offen. Sonst wohl möchte man fast vor jedem protestantischen Kirchenportal in seiner Unzugänglichkeit glauben, der Eintritt sei mit Lebensgefahr verbunden. Was legen sie Ketten vor die Tür, bei denen keine Monstranzen zu stehlen sind! Vertrauen ist Vertrauen wert.

Ich trat mit genügender Ehrfurcht in das mystische Halbdunkel des gotischen Backsteinbaues hinein und wurde von einem Kirchendiener empfangen, nach einem gepolsterten Stuhle gebracht, und es wurde mir ein sauberes Gesangbuch überreicht, derweilen mit lockenden Tönen die Glocken läuteten. Aber mochten sie, die ehernen Zungen, auch bitten und betteln, außer einigen Frauen und Kindern kam kein Teufel und von Hosenbekleideten war ich der einzige, der schließlich unter der Kanzel saß und einem schmalbackigen Pastor zuhörte, wie er goldene Wahrheiten einfach ins Leere streute. Der Redner dauerte mich, zumal er noch von dem Sämann sprach, dessen Weizenkörner auf die Straße fielen. Um meine Bewegung zu verbergen, wäre ich gerne fortgegangen, aber ich fürchtete, daß der Schall meiner Tritte in den Kreuzgewölben oben das Echo und dieses die toten Glaubenshelden wecken könne, die in steinernen Sarkophagen seit der Schwedenzeit da herumstehen im gott- und menschenverlassenen Gotteshause. Ich wartete also den Segen ab und ging dann zwischen ein paar Schulmädchen zur Kirche hinaus.

Zwei Tage später saß ich zu Berlin im Kaffee Bauer und mir gegenüber am Tisch ein Herr, der mich neugierig musterte. Mit einem Male stand der Fremde auf, verneigte sich vor mir und sagte im Tone großer Höflichkeit: »Sind Sie nicht der Herr, der am Sonntag zu Lübeck meine Predigt angehört hat?«

»Die Stimme des Rufenden in der Wüste,« sagte ich.

Er lächelte wehmütig und entgegnete: »Was haben Sie nur von unserem Glauben gedacht, als Sie die weiten Hallen so schrecklich und beschämend leer fanden?«

»Was ich gedacht habe? Nun, daß der David des Protestantismus schwerlich jemals in die Rüstung des katholischen Goliaths hineinpassen wird.«

Er schüttelte trübselig das Haupt, und wir gingen auseinander.

Vier Tage nach diesem Ereignisse kam ich wieder zu Weinheim ins Kasino hinein. Der Bezirksamtmann, der mit einem späteren Reichskanzler im Namen eine große Ähnlichkeit hatte, ließ den Kreuzbuben unter den Tisch fallen und begrüßte mich mit den Worten: »Aber härn's doch, Alterchen, was haben's denn in Hamburg nur angestellt gehatt? Z'wegen Ihna hab i ja en geschlagenen Tag am Telegraphendraht dranhängen müssen.«

In großer Offenherzigkeit gestand ich ein, daß ich in Hamburg einige Bankhäuser ausgeraubt und das Geld mitgebracht hätte. Ich wolle es verwenden, den Neckar bei Heidelberg abzugraben und ihn zur Verschönerung des Landschaftsbildes wieder die Bergstraße entlang laufen lassen. Mit den Rothschilds sei bereits Rücksprache genommen. Sie hätten nichts dagegen, daß der Fluß bei Frankfurt in den Main fließe.

Ob alle meine Zuhörer die Rede für ernst genommen, weiß ich nicht. Mir ist nur aufgefallen, daß einige mich fürderhin mit scheuen Blicken grüßten, so, als ob sie dächten: ›Ja, etwas muß er doch in Hamburg angestellt haben. Umsonst wird doch der amtliche Telegraph nicht in Bewegung gesetzt.‹

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