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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
projectid5afa4076
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»Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus«

Während ich scheinbar fest mit beiden Füßen im bürgerlichen Alltag begraben war, hatte mein Vater sich von den Geschäften zurückgezogen und lebte von einer Pension in Weinheim, so viel ich wußte, zufrieden und in leidlicher Gesundheit. Da kam eines Tages ein Brief von meiner Stiefmutter, der mir meldete, daß der Vater krank und in ärztlicher Behandlung sei. Ich reiste sofort, um ihn zu besuchen, und ich lernte an seinem Krankenbett den Doktor Roder kennen, einen Mann von düsterem Aussehen, mit langem Vollbart, aber einem klaren Auge, aus dem ein scharfer Verstand sprach. Als Kollege ward ich bald mit ihm vertrauter und ich erzählte ihm, wie mich die kleinen Verhältnisse meines jetzigen Aufenthaltes niederdrückten. »Sie sollten nicht säumen,« sagte er, »und machen, daß Sie dort wegkommen. Augenblicklich bietet sich hier im Städtchen eine gute Gelegenheit zur Niederlassung. Ein Doktor Nebel ist hoffnungslos erkrankt, und da doch ein anderer Arzt an seine Stelle kommt, so ist es mir persönlich lieber, Sie kommen als irgendein wildfremder.«

Dieser Rat meines Kollegen wurde zunächst zwischen meinem Vater und mir und am folgenden Tage zwischen meiner Frau und mir eifrig besprochen. Wir kamen schon fast zu einem Entschlusse, als uns abends vor Mattigkeit die Augen zufielen. Als wir aber am nächsten Morgen die Augen aufschlugen, wußte jedes von uns, was zu tun sei, und wir fingen an zu packen. Um acht Uhr schon trugen die Schreiner das erste Möbelstück nach dem Bahnhof. Nur eine Nacht schliefen wir noch in Rockenhausen. In der Morgenfrühe fuhr meine Frau mit den Kindern von der Station ab. Ich aber kehrte noch einmal ln die leere Wohnung zurück, um nachzusehen, ob auch nichts versehentlich zurückgeblieben sei. Wie ich so nach meinem Sprechzimmer zugehe, fand ich die Tür weit offenstehend und einen kleinen Säulenofen verdeckend, der nebst einem gebrechlichen Stuhle in der Zimmerecke stand.

»Haben Sie diesen lendenlahmen Reichsinvaliden mit Absicht zurückgelassen?« fragte mein seitheriger Hausherr, auf den Stuhl deutend.

»Ja, Herr Dietz, und zwar zur Erinnerung an den faulen Matterstock aus Rudolfskirchen. Was mag nur sein Bube machen?«

»Dem geht es gut. Er ist ein fetter Brocken schon. Ich sah ihn, als ich, um Gerste einzukaufen, in der ›alten Welt‹ da drüben war. Sein Vater ist aber immer noch nicht gut auf Euch zu sprechen. Er sagt, Sie wären nicht beizubringen gewesen, wenn eines nach Ihnen geschickt hätte.«

»Das fehlt nun gerade noch, daß der mir auch noch Vorwürfe macht. Stellen Sie sich nur vor, als er kam, um mich zu seiner Frau zu rufen, war ich zufällig im Städtchen. Vom Dienstmädchen wurde er nun angewiesen, sich neben den Ofen zu setzen und meine Rückkunft abzuwarten.«

»Da wird er doch nicht eingeschlafen sein?«

»Um kein Haar ist es anders, als Sie sagen. Er schlief den ganzen Tag von der Türe bedeckt und meldete sich erst am Abend, als wir uns eben zum Schlafengehen bereit machen wollten. Überlegen Sie, wie ich überrascht war, als ich erfuhr, wie lange der Bauer schon gewartet hatte, und verärgert, weil ich nun in die Nacht hineinfahren mußte.«

»Haben Sie ihn da nicht gehörig angehaucht, den Bruder Schlottrig?«

»Nicht einmal. Sie erinnern sich gewiß des Abends und wissen, da Sie einspannten, ich setzte ihn neben mich ins Halbverdeck und wir fuhren alsbald los, weil mich die arme Wöchnerin dauerte, die nun schon zehn Stunden vergeblich auf mich wartete.«

»Das hat dem Untier aber keine Sorgen weiter gemacht.«

»Es scheint nicht, denn hören Sie nur. Dort, wo die Straße gegen Dörrmoschel empor anfängt zu steigen und das Pferd im Schritt gehen mußte, habe ich, da ich sehr abgearbeitet war, dem Bauer die Zügel anvertraut, weil ich ein wenig zu schlafen gedachte.«

»Das weitere kann ich mir schon beinahe vorstellen,« bemerkte mein Hausherr.

»Doch wohl nur halb so schlimm, als es war. Ich schlief in der Tat fest vom Dunkel bedrückt. Als ich aber die Augen aufschlug, war's heller Tag und ich befand mich in einer Gegend, die mir durchaus fremd war. Nach meinem Fuhrmann mich umsehend, fand ich den Edlen gleichfalls schlummernd. Das Pferd war die Nacht über seinen ruhigen Schritt weitergegangen, und wir waren auf einem Irrweg über Ganglof hinausgekommen.«

»Sie haben doch hoffentlich jetzt den Schlafkollerer auf die Straße gesetzt?«

»Und ob, und ich fuhr im scharfen Trab gegen Rudolfskirchen davon. Als ich dort ankam, hatte sich der junge Matterstock bereits selber ans Licht herausgeschafft, was ich ihm nicht übelnehmen konnte, obwohl er mich in der Art um meinen Verdienst brachte.«

»Dem Alten hätte ich mal nicht zu wenig gerechnet. Ist er lange nach Ihnen in Rudolfskirchen angekommen?«

»Wann er zu Hause angekommen ist, das weiß ich nicht. Ich hab' ihn auf der Rückfahrt in Dörrmoschel getroffen, wie er eben in den ›Goldenen Pflug‹ hinein wollte.«

»Hat er keinen roten Kopf gekriegt, als er Sie sah?«

»Im Gegenteil, er schien die Seelenruhe selber zu sein. ›Was ist es, was Sie mir gebracht haben,‹ erkundigte er sich, indem er am Türpfosten seine Pfeife ausklopfte. Da wurde ich giftig über die Indolenz des Gesellen und sagte in meiner Erregtheit: ›Seinem Vater nachartend hätte es ein Kalb werden müssen, nun aber ist es ein Bub geworden,‹ und gab dem Pferd die Peitsche, damit ich nicht zu hören brauchte, was der Ungeschliffene darauf zu antworten habe.«

Herr Dietz lachte, strich seinen schütteren Knebelbart und entgegnete: »Wenn Sie aufgewärmt essen wollen, was Sie frisch nicht schluckten, so kann ich Ihnen die Mahlzeit vorsetzen. Der Matterstock war in meiner Wirtschaft, schimpfte über Sie und meinte unter anderem, Sie wären ein Grobian. Erst verlangten Sie, daß die Leute für Sie wachten, dann behandelten Sie sie schlecht und ließen sie wie einen Hund hinterm Wagen nachlaufen. Was denn ihn eigentlich die Kindbetterin anginge, zu der er gerufen habe?«

»Auch ein Standpunkt, Herr Dietz,« sagte ich. »Nun lassen Sie uns die Hände zum Abschied reichen,« und ich ließ die Reitpeitsche durch die Luft pfeifen und trat auf die Straße.

Vielerlei hatte ich, wie der Leser weiß, mit meinem Pferde zusammen erlebt. Deshalb wollte ich es mitnehmen nach der Bergstraße herüber und hatte mich auf seinen Rücken geschwungen. Ich verfolgte den Pfad, den ich einst mit dem Mühlknecht gegangen, und kam nach Marienthal, als eben der Lehrer mit seinen Schulkindern vor einem Sterbehause das Lied sang: »Selig alle, die in dem Herrn entschliefen.« Hier sollte jemand begraben werden. Hatte ich den Toten behandelt? Nein. Ich besann mich. Ich hatte was im Blättchen gelesen. Es mußte sich um den Besenbinder handeln, der statt mit einem Doktor seinem Leben mit einem Strick ein Ziel gesetzt hatte. ›Ach ja, so ist das Leben,‹ dachte ich bei mir, ›mit dem Sterben hat seither noch ein jedes geendet. Wo dies geschieht, ist im Grunde genommen einerlei. Am Ende hättest du in Rockenhausen bleiben sollen.‹

So grübelnd war ich auf die Wasserscheide bei Dannenfels gekommen und sah nun aus dem Sattel meines Pferdes heraus die breite Rheinebene vor mir liegen. Vom Donnersberg bis zum Melibokus hinüber ein schöner, blühender Gottesgarten. Da ging das Herz mir auf und ich mußte an jenen denken, der die Lilien kleidet. Und doch, und doch, er konnte wohl nicht jeden berücksichtigen mit der Kleiderlieferung. – Der Besenbinder – der Besenbinder! Immer trug er zerrissene Hosen. – Ob er in ganzen Stiefeln gestorben sein wird? – – –

Zigeuner kamen gezogen, und ihnen voraus fiedelte einer von seinem Kutschersitz herunter fröhliche Weisen. Da rieselten mir die letzten Bedenklichkeiten vom Leibe und heiter und wohlgemut zog ich meine Straße hinunter gegen Bolanden zu. Ich kam noch durch manchen wohlhabend und sauber aussehenden Ort und hielt um die Mittagsstunde, allerdings ohne Festjungfrauen, meinen feierlichen Einzug in Worms. Im »Römischen Kaiser« leistete ich mir ein gutes Mittagessen und wollte eben mein Rößlein aus dem Hoftor ziehen, als es auf der Straße Geschrei gab und einen Menschenauflauf. Ein Epileptiker hatte Krämpfe bekommen und wälzte sich in greulichen Zuckungen in der Gosse. Ich machte geltend, daß ich Arzt sei, und leistete Hilfe, soviel sich eben leisten ließ. Als der Kranke sich zu erholen anfing, wollte ich mich wieder in den Sattel schwingen. Aber da merkte ich, daß an mir etwas fehlte, was vorher da war. Was war das nun? Verflucht aber auch; meine Geldtasche hing nicht an mir. Meine Geldtasche mit allem, was wir im Zeitraum von dreieinhalb Jahren auf die Beine gebracht hatten. Schöne Geschichte das, wenn sie fort war! Ich stürze in den Speisesaal. Da hängt sie an einem Fensterriegel. Gott sei Dank! Jetzt aber los und aus dieser Stadt hinaus. Auch wenn man nicht gerade Luther heißt, kann es einem schwül da werden.

Ich kam an den Rhein, und die alte Schiffbrücke, die nach dem Rosengarten führte, schwankte unter mir. Das Pferd wurde unruhig und blies durch die Nüstern, als es nichts anderes um sich sah, als Wasser und auf diesem einige schwankende Kähne. Bald waren Pferd und Reiter auf dem rechten Rheinufer und passierten zwei nüchterne Rieddörfer. Dann ging's hinein in den Lorscher Wald, zwischen dessen uralten Stämmen noch heute der Geist des Schinderhannes und seiner Spießgesellen spukt. Hat man erst den Forst im Rücken, so liegt der Odenwald vor einem wie eine Reliefkarte.

Burgen grüßen von den Spitzen der Berge herüber, und an den Hängen hin strecken sich, mit Schlössern und Kirchen durchschossen, die lachendsten Städtchen und Dörfer. »Und da drüben in diesem Paradiese, dem eben die scheidende Sonne den Gutenachtkuß gab, da soll nun künftig deine Wohnung stehen.« Der Gedanke machte mir das Herz weit und freudenvoll und selbst mein Pferd schien sich zu freuen.

Es wieherte laut und trabte munter auf dem Weschnitzdamm der neuen Heimat entgegen.

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