Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld >

Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid5552a445
Schließen

Navigation:

Frau Malwine von Dutschka

Eine Persönlichkeit, die neben der sogenannten »vornehmen Gesellschaft« steht, zu der jedoch sich aus dieser exklusiven Welt einige begeben, die etwas anderes suchen als Hof- und Gesellschaftsklatsch, ist Frau Malwine von Dutschka, eine geborene Russin deutscher Herkunft, nicht mehr jung, als ich sie kennenlernte, doch immer noch eine sehr schöne Frau. Ihr Gatte gehört den Wiener Finanzkreisen an. Ich hatte das Glück, durch unsere gemeinsame Freundin, Marie Bülow Gräfin Marie, spätere Fürstin von Bülow. ihre Bekanntschaft zu machen, und kann wohl sagen, daß mein Verkehr im Salon Dutschka meine stete Erholung war, wenn ich durch Politik oder den Zwang der Formen der Gesellschaft, zu der ich nun einmal durch Geburt und Rang gehöre, in jenen Zustand geistigen Übelbefindens geriet, der mich häufig völlig »umwarf«.

Bei Frau von Dutschka verkehrte alles, was geistige Welt und Welt der Kunst in Wien vorstellt. Bedeutende Männer, wie der Kultusminister Hartel und der geistvolle Professor Baron Berger waren die Hausfreunde. Und nicht das allein: jeder in Wien auftretende namhafte Künstler suchte Frau von Dutschka auf. Niemals kehrte ich heim aus diesem Kreise ohne das Gefühl eines wirklichen Genusses, einer wirklichen, meiner Natur völlig homogenen Freude empfunden zu haben.

Frau von Dutschka war tatsächlich der künstlerischen Wiener Welt würdiger, kluger, gütiger Mittelpunkt. Niemand vermochte sich dem Zauber dieser edlen, hochgebildeten Frau zu entziehen. So wird ihr Bild auch immer leuchtend vor meinem Geiste und in meinem Herzen stehen, voller Dankbarkeit in Erinnerung dessen, was sie mir, was sie meinem ganzen Hause an hoher, edler Anregung gab, und es erfüllt mich mit Glück, daß die Güte, die sie meinen Kindern, besonders meinem Sigwart und seiner Begabung in Freundschaft erwies, auch noch weiterklingen wird, wenn ich nicht mehr auf dieser mühevollen Erde wallen werde.

Bei dem Durchblättern der kurzen Aufzeichnung, die ich ihr widmete, stieg das Bild ihres Salons, der herrlichen Abende, die ich dort verlebte, in Lebendigkeit vor mir auf. Ich sah die Künstler vor mir, – den alten berühmten Leschititzki am Klavier, der sich bis zu seinen 80 Jahren alle drei Jahre von seiner Gattin scheiden ließ, um eine neue Schülerin zu heiraten, und immer zu Geburtstagen die »vergangenen« Frauen mit Handschuhen, Konfitüren oder Bonbons beschenkte, – ich sah zwei Wunderknaben aus Galizien, Violinist und Pianist, die erst 8 Jahre alt waren und entzückend spielten, nachher aber unter ein Sofa krochen, wo sie sich, heulend, gegenseitig die Haare ausrissen, – ich sah so viele reichbegabte jugendliche Gestalten, die dort die »große Welt« nach langem Studium zum erstenmal betreten sollten, und ich lernte dort auch die unsterbliche große Darstellerin der Fides im »Propheten«, der Ortrud im »Lohengrin«, der Kundri im »Parzival«, Marianne Brandt kennen, die von der Bühne geschieden, in Wien junge Talente für die Bühnen-Laufbahn vorbereitete.

Marianne Brandt sagte mir eines Tages, daß unter allen Schülerinnen, die sie jemals unterrichtet habe, eine junge Dame sich jetzt befände, die durch ihre herrliche Stimme, ihre schauspielerische Begabung und ihr auffallend schönes Äußere die ganze Welt in Entzücken setzen werde, – bei Frau von Dutschka wolle sie mir dieses »Wunder« vorführen, – wenn die junge Dame hierzu »die Nerven« fände, denn sie werde von einer entsetzlichen Schüchternheit, Verlegenheit, Ängstlichkeit vor fremden Menschen erfaßt.

Nach längerer Zeit teilte mir Frau von Dutschka mit, daß es endlich ihr und Marianne Brandt gelungen sei, das Fräulein zu bewegen, in kleinem Kreise eines Abends in dem Salon Dutschka zu singen.

An diese »Vorführung« knüpft sich ein Ereignis, dem sich meine Gedanken plötzlich zuwenden, denn es ist mir tief eindrucksvoll geblieben.

Die totenbleiche, herrlich edle Erscheinung mit ihren unergründlich dunklen Augen trat – unnahbaren Wesens – an den Flügel, an dem der Pianist Platz genommen hatte, der ihren Gesang begleiten sollte.

Sie sang die große Arie der »Elisabeth« im »Tannhäuser«, sie sang sie so ergreifend schön, wie ich sie niemals singen hörte! In ihren Augen, in ihren edeln Zügen, in ihrer Stimme lag ein unnennbarer Zauber. Ich war so ergriffen davon, daß ich kein Wort fand, als ich ihr die Hand drückte. Alle Anwesenden traten lebhaft zusammen, den starken Eindruck gemeinsam empfindend. Die junge Dame aber war durch die Tür bei dem Klavier in das Nebenzimmer getreten, von dort hinausgeeilt und heimgegangen.

Zwei Tage darauf trat Frau von Dutschka in meinen Salon der deutschen Botschaft, sehr blaß und ernst. Ich sprach sofort von dem tiefen Eindruck, den mir die junge Sängerin machte, – ich fragte, wie ihr der große Erfolg bekommen sei?

»Sie ist tot!« – sagte die Freundin mit Tränen in den Augen.

»Tot!« – rief ich entsetzt.

»Wir haben sie heute begraben«. Sie hatte in der Nacht nach ihrem Gesang Gift genommen. Es sei ihr, wie sie zu ihren Angehörigen äußerte, klar geworden, daß sie niemals das Entsetzen vor einer Zuhörerschaft überwinden werde – und doch sei ihre Kunst ihr eine Lebensnotwendigkeit, seelisch und materiell. Sie hatte den Ausweg des Todes aus diesem Dilemma gesucht.

Dieses Ereignis hatte so stark auf mich gewirkt, daß ich es nicht von der Erinnerung an den Salon Dutschka zu trennen vermag.

Es drängt sich mir auch mit seiner tragischen Erschütterung wie ein verwandter Ton auf, wenn ich an Malwine von Dutschka denke: an das, was sie mir künstlerisch in tiefer Freundschaft gab, – und was auch wie mit einem schrillen Klange endete, als schwere Krankheit meinen Wiener Aufenthalt für immer beschloß.

Nachschrift.

Liebenberg, April 1918.

Die Augen unserer Freundin Malwine von Dutschka haben sich für immer geschlossen! Wir sahen sie zuletzt in Liebenberg, kurz vor Ausbruch des fürchterlichen Weltkrieges 1914, der unheilbare Wunden auch unserem glücklichen Familienleben schlug Mein geliebter Sohn Sigwart (bekannt als Komponist ›Botho Sigwart‹) starb den Heldentod am 2. Juni 1915 bei dem siegreichen Durchbruch von Gorlice unter Mackensen. Die Uraufführung seiner Heldenoper »Die Lieder des Euripides« in Stuttgart unter Leitung Schillings, erlebte er nicht mehr..

Die Mutter meiner lieben Schwiegertochter Marie, Gräfin Mathilde Stubenberg, war eng mit Malwine von Dutschka befreundet. Sie hat ihr einen Nachruf gewidmet, der so sehr auch unsere Gedanken wiedergibt, daß ich einen Auszug daraus obigen Worten beifüge, die ich vor Jahren in Wien Malwine von Dutschka widmete.

Aus dem Gedenkblatt von Mathilde zu Stubenberg.

... Die rückschauenden Gedanken zaubern ein unvergeßbares Bild vor meine Seele, ein Bild, das ich in dankbarem Erinnern immer festhalten werde.

Ein traulicher Raum – von einer breitbeschirmten Hängelampe erleuchtet, welche ihr helles Licht über einen ovalen, weißgedeckten Tisch strahlen läßt, der zu einer gemütlichen »Alt-Wiener Kaffee-Jause« gedeckt ist ... Ein Kreis plaudernder Menschen hat um jenen Platz genommen – und wie verschieden sie in ihrer Lebensstellung, ihrem Charakter, Schaffen und Streben, ja, in ihrer ganzen Veranlagung sein mögen – hier an dieser Tischrunde findet sich alles ganz selbstverständlich zusammen: Literaten, Politiker, Kunstfreunde, Staatsmänner, Künstler, Männer der Wissenschaft u. a. m. Da sieht man alte und junge, fröhliche, nachdenkliche und ernste Gesichter, eifrige Sprecher und stille Zuhörer ....

Wenn je eine Menschenseele den Begriff »Freundschaft« in seiner idealsten Auffassung – gelebt hat, so ist es Malwine von Dutschka. Vor Jahren, da sie an der Seite ihres sie in allen künstlerischen und geistigen Interessensphären vollkommen ergänzenden Gatten in Wien ein gastliches Haus führte, wurde der Salon Dutschka der Mittelpunkt eines nicht nur kunstliebenden, sondern auch kunstverständigen Kreises, in welchem neben bester Musik auch Literatur und Konversation in des Wortes feinsinnigster Bedeutung gepflegt wurden. Nach dem Tode ihres Mannes, und weiter nach dem Verluste ihres einzigen Sohnes – verstummten im Hause Dutschka die ernsten und frohen Klänge, die geistvollen Gespräche für manches Jahr. Als sich die Pforten wieder öffneten, gewährten sie nur mehr einem kleinen Kreise besonders Erwählter Einlaß.

Diesem Freundeskreise aber lebte die einsame Frau fortan mit einem stetig gütevollen, fördernden, aufbauenden Interesse, mit einer Aufopferung und Selbstlosigkeit, die wenig ihresgleichen haben ....

Wieviel junge, unbekannte Talente hat sie erfolgreich gefördert, wie viele Gemüter bereichert, in wie viele mutlosen Seelen wußte sie Licht und Freudigkeit zu bringen. Eine Spezialität ihrer Eigenart war das – wie sie es scherzweise nannte - »Menschen schenken«. Wenn sie mit dem seinen Tastsinn ihrer Seele in ihrem Freundeskreise verwandte Geister zu entdecken glaubte, die sich noch fremd gegenüberstanden, war es eine ihrer größten Freuden, solche Menschen allmählich zu befreunden, und diese »Geschenke« wurden, wie oft für die Beteiligten, zu Lebenswerten, für welche sie der klugen Geberin ewig dankbar blieben.

An Malwine von Dutschkas Tischrunde gab es keine Mißhelligkeiten, keinen Stadtklatsch, keine zweideutigen oder den lieben Nächsten zerpflückenden Gesprächsthemen. Kam es vor, daß ein neuer Gast, in Unkenntnis des Milieus, etwa von dieser sich ganz selbstverständlich ergebenden Gepflogenheit abwich, wußte die Hausfrau stets mit feinfühligem Takt dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

In der Friedenshelle, welche die breitbeschirmte Hängelampe über die Anwesenden ergoß, wurde stets das Herz so weit – der Geist so klar! Die Freude, nicht im Sinne lauten Jubels und Trubels, sondern in dem tiefbewußten Empfangen von Gaben, die nur wahre Herzens- und Geisteskultur zu spenden vermag, erfüllte jeden, dem es vergönnt war, inmitten des hastenden, so wenig wahre Befriedigung gewährenden Lebens der Großstadt ein »Plätzchen Welt« zu finden, wo hoher Sinn und edles Menschentum ihm eine Heimstatt der Freundschaft und des Lichtes bereitet hatte.

Nun ist auch dieser traute Kreis der Mölkerbastei, welchen der stets mehr und mehr verdämmernde Geist edelsten Alt-Wienertums verklärte, nur noch – eine liebe Erinnerung!

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.