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Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid5552a445
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Fürstin Gabi Hatzfeldt

Bei dem Ordnen meiner spärlichen Tagebuch-Notizen lese ich einige Worte, die meinen ersten Besuch in Schloß Leipnick (Mähren) bei meiner alten lieben Freundin Hatzfeldt im Jahre 1894 schildern, und es leuchtet dabei zu vollem Bewußtsein wieder in mir auf, wie groß und wertvoll meine Freundschaft mit dieser originellen, vortrefflichen und klugen Frau nicht nur rein menschlich für mich war, sondern auch zu welcher Bedeutung diese Freundschaft für meine, mir in Österreich gestellten dienstlichen Aufgaben wurde.

Ich verdanke ihr sehr wesentlich jenes schnelle Eindringen in die maßgebenden Kreise Österreichs, die immer noch in dem Hochadel zu suchen sind, weil dieser als eine Einheit fest geschart um die »Burg« steht und das Eigentliche der kaiserlichen Regierung darstellt. Nur im engen Zusammenhange mit dieser Kaste wird man in der Lage sein, zu beurteilen, wie der Wind im Lande Österreich weht. Und was vielen deutschen Vertretern erst nach Jahren – oft überhaupt nicht – gelang, wurde mir, dank der Freundschaft Gabi Hatzfeldts, in wenigen Wochen zuteil.

Man darf in Wien nicht vergessen, daß der deutschösterreichische Liberale heute noch von der herrschenden Kaste – die auch deutsch spricht wie er – mehr gehaßt wird als alle anderen, unter dem kaiserlichen Zepter vereinigten Nationalitäten: »denn diese, die zu den deutschen Kreisen Österreichs gehören, schielen hinüber zu dem deutschen Reich als Abtrünnige und Hochverräter.«

So denkt »die Burg«. Und darum wird es immer für den deutschen offiziellen Vertreter eines gewissen Taktes bedürfen, einerseits die deutschen Liberalen Österreichs freundlich zu behandeln, andererseits durch das Benehmen ihnen gegenüber nicht »die Burg« zu verletzen.

In allen solchen und vielen anderen Fragen konnte ich mich stets auf das kluge und sichere Urteil meiner Freundin verlassen. Sie orientierte mich – als treue deutsche Bundesgenossin - über alles, was in gewissen hohen Kreisen vorging, denen sie durch ihre äußerst vornehme Geburt angehörte, und ich war dadurch in der glücklichen Lage, öfters sowohl Mißverständnisse, wie auch ernstere Machenschaften, die dem deutsch-österreichischen Bündnisse hätten schädlich werden können, auszugleichen, ehe sie öffentlich in Erscheinung traten.

Bei dieser Bedeutung, die der Verkehr mit meiner alten Freundin, und ihrem, von mir hochverehrten Gatten, während der Dauer meiner amtlichen Tätigkeit in Wien, in den Jahren 1894 bis 1902, hatte, will ich hier Mitteilungen aus einer Aufzeichnung wiedergeben, die in einer meiner familiengeschichtlichen Arbeiten »Die Nachbarin« enthalten sind; sie lauten wie folgt:

Die Mitglieder der Hatzfeldt-Wildenburgschen Linie, die mir in meinen späteren Lebensjahren liebe teuere Freunde geworden sind, waren der Chef der zweiten Linie des Hauses Hatzfeldt, Fürst Alfred von Hatzfeldt-Wildenburg (geb. 1825) und seine Gattin Gabriele (Gabi), geborene Gräfin von Dietrichstein, Tochter des letzten Fürsten von Dietrichstein (geb. 1825).

Fürst Alfred hatte das typische, häßliche, bartlose Gesicht dieser Linie Hatzfeldt, rötliche Hautfarbe und helles, straffes, blondes Haar, kaum Augenbrauen, da sie zu lichtblond waren, um bemerkt zu werden, dazu graue, etwas matte Augen. Doch rührte mich seine freundliche, angenehme Sprechweise, und begeisterten mich immer sein phänomenales Gedächtnis und sein Verstand. Uber allem ausgebreitet lag ein rührender Zug von Ergebenheit in sein Schicksal, das durch die Lebensführung seines einzigen Sohnes traurig gestaltet war.

Dieser, Prinz Franz (Franzi), geb. 1853, war mein Studienfreund von Straßburg aus den Jahren 1874 und 1875. Er glich dem Vater auf ein Haar, doch leider nur äußerlich. Unleugbar war er klug, doch unklug in seinen Sportgelüsten und anglomanen Neigungen. Als er in Aachen das Gymnasium besuchte, hielt er sich, ohne Wissen seines Vaters, Rennpferde und ritt selbst in gelber Jockeybluse und schwarzer Kappe unter dem Namen Captain Yellow. Sein Vater, der sich für Pferderennen soweit interessierte, als er die Berichte in den Zeitungen las, gewann Interesse für die Erfolge eines gewissen, ihm unbekannten Engländers Captain Yellow. Da der Schüler Franzi aber beichten mußte, daß er 100000 Mark Schulden gemacht habe, führte er zu seiner »Entschuldigung« an, daß er Captain Yellow sei. Leider führte der Reichtum der Eltern und die Leidenschaft des Sportes den Captain Yellow immer tiefer in Schulden, die schließlich phantastische Formen annahmen. Er war so vollkommen Engländer geworden, daß er sich nur in England wohl fühlte, sich in London niederließ und sich 1889 mit der sehr hübschen und recht angenehmen Adoptivtochter des amerikanischen Eisenbahn-Milliardärs Huntington, Clara Huntington, vermählte. Sein Fürstenhut dürfte ihr wohl besonders gefallen haben, denn was darunter saß, war schließlich – sonderbar. Für pathologisch konnte es allerdings eine Amerikanerin nicht halten, während ich die Anglomanie, wenn sie in den Formen wie bei Franzi auftritt, unbedingt dazu rechnen muß.

Das Ehepaar Franzi mietete den Landsitz Draykothouse, wohin das sehnsuchtsvolle Herz der Mutter Gabi diese bisweilen hinzog, obgleich sie England und die Engländer aus tiefster Seele verabscheute.

Ich sah Franzi nach langen Jahren wieder. Wir feierten ein gutes Wiedersehen im Schlosse Talcum, nahe Düsseldorf, bei seinen Eltern, und er war froh und freundlich. Als ich aber am Tage unseres Wiedersehens vor dem Essen Franzi in seinem Zimmer aufsuchte, fand ich ihn fast blaurot im Gesicht mit gläsernen Augen und lallender Zunge: er war total betrunken. Er hatte in England leider auch den Sport des Whiskytrinkens den Engländern abgelauscht – und war zu einem hoffnungslosen Säufer geworden. Ich litt entsetzlich unter diesem Eindruck in Gegenwart der unglücklichen Eltern. Wir schwiegen alle drei. Aber auf den Zügen der beiden Alten lagerte ein Kummer, dessen Eindruck heute noch auf mir lastet.

Die interessanten Erzählungen des alten Fürsten Alfred werden mir unvergeßlich sein. Besonders wenn er von seinen Erlebnissen aus dem Jahre 1848 sprach, wo er übrigens nur dank der Beziehungen seiner seltsam berühmten Mutter Sophie zu Ferdinand Lassalle, mit dem Leben davonkam. Das geschah in Berlin bei den Straßenkämpfen. Das Gedächtnis des Fürsten erregte stets meine Bewunderung. Aber er lachte mich aus, wenn ich davon sprach. »Das ist nur Übungssache«, sagte er, »und ein jeder ist in der Lage, für ein gutes Gedächtnis zu sorgen.«

Dennoch weiß ich sehr genau, daß nicht ein jeder den ganzen Faust, den ganzen Hamlet und auch noch Romeo und Julia auswendig lernen würde.

Stets sah ich den guten Alten in seinem langen dunklen Paletot, ein dickes, weißes Tuch um den Hals und einen kleinen schwarzen Hut über dem schmalen, roten Gesicht mit den weißen Haaren, morgens in den Gärten von Schloß Taleum, Schloß Schönstein oder Schloß Leipnick umherwandern und sich – ganz versunken in irgendeinen Akt dieser herrlichen Werke – einzelne Szenen daraus hersagen.

Selten hat mich eine geistige Errungenschaft in größeres Erstaunen gesetzt, es schlug auch niemals eine Probe fehl, die ich mit ihm anstellte. Nur einen Mann kannte ich außer ihm, der allerdings »nur« den Faust vollständig auswendig wußte und berühmte Szenen aus Shakespeares Werken: das war Professor Bernays, ein fürchterlich schielender Jude mit einem klaffenden Maul, aus dem die herrlichen Goetheschen Verse mir nach den braunen, hohlen Zähnen zu riechen schienen, die er scheußlich fletschte, wenn er als schmachtender Faust, Gretchen kosend anredete.

Selten aber hat mich auch eine Unterhaltung über Tagesereignisse und Politik mehr angezogen, als wenn ich solche Fragen mit Fürst Hatzfeldt erörterte. Er war vielleicht nicht so genial wie sein Bruder Paul, der bekannte Botschafter in London, doch hatte er auch dessen klaren Blick und das seine Abwägen der Dinge.

Mit seiner Gattin Gabriele Dietrichstein hatte der Fürst sich 1852 nicht nur eine treue, kluge, gewissenhafte und herzensgute Frau erheiratet, deren Ehrlichkeit bisweilen vielleicht weh tun konnte, zugleich aber auch eine reiche Erbin, die darum imstande war, die Millionen zu zahlen, die ihr geliebter Franzi auf dem Altar des Sportes mit so vielen anderen Affen niedergelegt hatte.

Fürstin Gabriele war eine der vier Töchter des unermeßlich reichen letzten Fürsten Dietrichstein, der ohne männliche Erben 1858 starb. Seine Töchter waren die Gräfin Therese Herberstein (die kurz nach meinem Amtsantritt in Wien starb), Gräfin Clothilde Clam- Gallas, Gräfin Aline Mensdorff (die den Titel einer Fürstin Dietrichstein mit dem Besitz von Nikolsburg erhielt), und schließlich Fürstin Gabriele Hatzfeldt-Wildenburg, Herrin der Herrschaften Leipnick und Weißkirchen in Mähren, – meine alte Freundin.

Wir hatten uns schon in Berlin kennengelernt und zwar in den siebziger Jahren, als bei der Fürstin Stolberg-Wernigerode in ihrem Palais in der Wilhelmstraße eine Theateraufführung durch Mitglieder der Hofgesellschaft stattfand. Es war in dem schönen alten Palais, wo ich stets so glückliche Ostertage als Kind verlebte, wenn die damalige Besitzerin, Gräfin Sophie Schwerin, geb. Gräfin Dönhoff, die bildschöne alte Dame und intime Freundin meiner lieben Mutter, uns Kindern in ihrem Garten ein großes Eiersuchen veranstaltete. Das war in den Jahren 1854-1858.

Bei der Stolbergschen Theatervorstellung gab Fürstin Gabi Hatzfeldt meisterhaft die Rolle einer rothaarigen, dicken Schustersfrau, deren Äußeres (ich muß es leider gestehen) von täuschender Echtheit war. Mit Graf Ferdinand Harrach (meinem liebenswürdigen, unvergeßlichen Freunde, dem berühmten Maler) war ich Arrangeur, Souffleur und Regisseur.

Hatzfeldts besaßen in Berlin am Wilhelmsplatz ein Palais, das sie einige Jahre nach ihrer Verheiratung, die 1852 erfolgte, kauften und glänzend, auch für großen, gesellschaftlichen Verkehr geeignet, herrichteten. Wer in Berlin ein Palais besitzt, wird hochgeachtet, er mag ein Engel, ein Scheusal, ein Lumen mundi oder ein Rindvieh sein. Das lag an der, bis zu dem Ende der siebziger Jahre in Berlin noch stark in Erscheinung tretenden Kleinstädterei und einem Snobismus, der dem Preußen merkwürdig anhaftet. Ich zerbreche mir immer noch den Kopf darüber, ob es der stark slawische Einschlag in dem preußischen Blute ist, oder ob es immer noch Nachklänge aus der Prügelzeit unter den Hohenzollern bis zu der Regierung Friedrich Wilhelms II. sind.

Zu einem Fest bei Hatzfeldts geladen zu werden, galt daher als eine »Bevorzugung«, die man in gehobenem Tone mitteilte, wo und wie es irgend angängig war.

Bei Hatzfeldts verkehrte auch viel der Berliner Hof, und die Einfälle und Bemerkungen der Fürstin Gabi erregten an dieser hohen Stelle Sensation. Ihr scharfer Verstand und die Urwüchsigkeit ihrer Bemerkungen wurden hier so hoch geschätzt, weil man derartiges in Berlin vor alleruntertänigster, in Demut ersterbender Dienerei der Hofgesellschaft durchaus nicht gewohnt war und »höchst belustigend« fand. Weniger fand man der Fürstin Gabi Bemerkungen in der Berliner »Hofgesellschaft« belustigend. Wohl machten ihre Äußerungen »Spaß«, aber im allgemeinen fand man sie hochmütig, »da sie glaube, sich alles herausnehmen zu dürfen.«

Der Fürstin Verkehr im Hause Bismarck und die sonstigen Begegnungen mit dieser Familie trugen den »ungenierten« Charakter, der beide Teile auszeichnete. Doch erlitten diese Beziehungen ernstliche Störungen, je mehr zwischen Österreich und Preußen in den sechziger Jahren Verstimmungen Platz griffen.

Bismarck roch stets und überall Feinde. Nicht nur des Staates, sondern besonders seiner eigenen Person: und er hatte wohl auch alle Veranlassung dazu. Immerhin wäre es nicht nötig gewesen, eine Art System daraus zu machen, in dem seine gesamte Familie sich bewegte.

Gabi Hatzfeldts Schwester Aline aber war die Gattin des Ministers des Auswärtigen in Wien, des Generals Grafen Mensdorff. »Demnach« war Fürstin Gabi eine Spionin. (So sagte Bismarck.) Arme, ehrliche Gabi!

Graf Mensdorff, von Mutterseite (Prinzessin von Coburg) mit Intrige stark behaftet, führte die Politik Österreichs in der bekannten Weise. Je mehr sich aber Bismarck (in der Rolle, die er spielte, von Österreich bedroht zu sein), sich aufzuregen für nötig erachtete (da in seinem Kopfe der Entschluß längst gereift war, mit Österreich den Kampf um die Vorherrschaft zu wagen), um so mehr wurde Fürstin Gabi für »bedenklich und spionenhaft« geschildert, wenngleich gerade diese Frau mit ihren merkwürdig offenen Augen gegenüber den Schwächen ihrer Landsleute eher dazu neigte, die österreichische Politik für ungeschickt zu halten.

Doch was sich einmal in dem Kopfe unseres großen Meisters Bismarck bezüglich »Mißtrauen« festgesetzt hatte (mochte es eine Art »Selbsthypnose«, begründet oder unbegründet sein), führte immer zu einer Katastrophe. So ging es auch 1866 mit Fürstin Gabi nicht anders: es wurde ihr nahegelegt, Berlin zu verlassen, was sie und besonders den deutschen Fürsten Alfred mit Recht kränkte, doch mit jenem Humor und jener Offenkundigkeit von ihr in Szene gesetzt wurde, die sie in allen Situationen ihres Lebens auszeichnete.

Doch war es weder dem Fürsten Alfred noch ihr übelzunehmen, daß sie in den Jahren nach 1866 ihr Palais in Berlin der dortigen Gesellschaft verschloß und ihren Schwerpunkt nach den rheinischen Besitzungen ihres Gatten verlegte, – bis sie es vorzog, das Palais zu verkaufen und sich ihrerseits für die Winterzeit wiederum in Wien zu etablieren.

Als ich nun nach langen Jahren der Trennung 1894 meinen Botschafterposten in Wien antrat, wurde ich von der alten Freundin mit wahrhaft rührender Güte in ihrer prächtigen Wohnung am Parkring empfangen. Mit alter Lebendigkeit und neu aufflammendem Interesse lancierte sie mich nun als »zu ihr gehörig«.

So betrat ich denn ohne weiteres alle jene Salons, an deren Wänden immer noch das Jahr 1866 mit der Schlacht von Königgrätz zu kleben schien. Besonders in dem »Olymp«, dem sogenannten Palais am Minoritenplatz der Fürstin Aline Dietrichstein, Gabis Schwester, Witwe des bereits von mir erwähnten Ministers des Äußeren, Grafen Mensdorff, der 1866 seine Rolle ausgespielt hatte. Jeden Abend »empfing« die Fürstin, und ich war schnell bekannt, indem ich versuchte, die unendlich vornehme Langeweile dieses Teetisches durch harmlose Heiterkeit zu vertreiben.

Fürstin Aline, in deren Schloß Nikolsburg 1866 der Friede zwischen Preußen und Österreich geschlossen wurde, während ihr Gatte als grollender Minister des Äußeren in Wien regierte, fand mich »sehr angenehm«, wie mir Gabi mitteilte. Ich konnte leider nicht von Fürstin Aline dasselbe sagen. Sie hat mich immer höchst liebenswürdig empfangen und mir gern zugehört, aber ich liebte niemals Damen, die vor Hochmut platzen. Interessant war dort aber die stereotype Versammlung von antideutschen Verschwörern am Teetisch, die sich alle einbildeten, ich durchschaue sie nicht. Ich muß allerdings behaupten, daß sich in diesem »Olymp« eine höchst seltsame Götterversammlung befand! Wenn meine Gedanken dorthin eilen, so tauchen zunächst die politischen Köpfe vor mir auf. Der Kopf des grämlichen Ministers des Äußeren, Grafen Kaxlnoky, der vor allen Dingen und vor aller Politik zu dem »Hochadel« gerechnet werden wollte, was ihm jedoch nicht gelang. Sodann die Köpfe meiner Kollegen, des ungewöhnlich schlauen russischen Botschafters (späteren Ministerpräsidenten) Fürsten Lobanow, ferner des von mir sehr verehrten Freundes, des italienischen Botschafters Grafen Nigra mit seinem spärlichen, so mühsam zurechtgelegten Haar und seinen geistvollen Augen, der nach der Katastrophe von Sedan 1870 die Kaiserin Eugenie in einer Droschke aus den Tuilerien rettete. Sodann die Köpfe einer Serie von besonders unbedeutenden, ganz vornehmen alten Damen und Herren des Namens Liechtenstein, Trauttmansdorff, Kinsky, Schwarzenberg, Schönburg und andere mehr, von denen man beim Hinlauschen zu ihrem Gespräche nur immer die Namen Tini, Toni, Poldi, Rudi, Resi, Pepi, Lintschi hörte, weiter nichts. Alles Verwandte, deren Schnupfen, Halsschmerzen und »mit wem eine Verlobung in Aussicht sei«, die unerschöpfliche Quelle der Aussprache bildete.

Sehr anders und sehr viel wohltuender war der Salon der zweiten Schwester, meiner guten Freundin Gabi, der bildschönen, 1828 geborenen Gräfin Clothilde Clam-Gallas. Ihr Palais, das einem Landhaus, in einem großen Garten gelegen, glich (und zwar mitten in der Stadt), enthielt luftige, helle Salons zu ebener Erde und während des ganzen Winters stets eine solche Fülle herrlicher blühender Azaleen und Kamelien, daß man glaubte, in Italien einen Frühling zu erleben. Darin empfing diese sehr liebenswürdige und schöne Frau von hoher Gestalt und meist in schwarzen Samt gekleidet, zwischen den Blütenbäumen sitzend, ihre Besuche. Stets werde ich mich ihrer mit lebhafter Sympathie erinnern, wie eines schönen Bildes, das unendlich viel Liebenswürdiges zu sagen vermochte.

Ihr Gatte war jener General Graf Clam-Gallas, der im Feldzug 1866 als kommandierender General in Böhmen recht unglücklich manövrierte, ein Nachkomme jenes Generals Clam-Gallas, der nach mannigfachen Schicksalen pro und contra Wallenstein schließlich nach dessen Sturz als Belohnung die große Herrschaft Friedland in Böhmen, Wallensteins Eigentum, erhielt, die jetzt noch den 32000 Hektar großen Besitz des Sohnes der schönen und gütigen Gräfin Clothilde Clam bildet.

Meine Freundin Gabi Hatzfeldt bewohnte die erste Etage des großen Colloredo-Mannsfeldschen Palais am Ring, wo sie zur Winterszeit nachmittags zwischen 2 und 4 Uhr stets Besuche empfing. Abends gab sie mehrfach große Soireen, zu denen sich die ganze Wiener »erste« Gesellschaft drängte.

Der Grund dieser sehr eifrigen Besuche und dieses lebhaften Verkehrs bei ihr war ein höchst merkwürdiger: man kam aus Angst zu ihr. Man wollte sich nicht durch Versäumnis irgendeiner gesellschaftlichen Pflicht ihren Zorn zuziehen. Wer aber mit ihr befreundet war, ihr goldenes, edles Herz kannte, ihren ehrlichen Charakter und ihren scharfen Verstand, mußte wahrlich über diese Angst der Wiener lachen. Was sich vor ihr fürchtete, war eben nur die in Wiens hohen Kreisen und Verwandtschaften leider herrschende Torheit und mangelnde Bildung, die sich vor Gabis sehr ehrlicher Aufrichtigkeit und Furchtlosigkeit völlig hilflos und stetig bedroht fühlte.

Sie wußte allerdings mit einer Komik und Derbheit allerhand törichte Geschichten aus den Kreisen ihrer Verwandtschaft zu erzählen (und sie war mit der gesamten vornehmsten Gesellschaft Wiens verwandt), die außerordentlich unterhaltend und nicht eben rücksichtsvoll und schonend waren. Das lag in ihrer Natur. Ich aber habe ihr nur für ihren lieben, geraden, aufrichtigen Sinn, für ihre treue Freundschaft von Herzen zu danken.

Besonders originell und zugleich voller Aufmerksamkeit war sie, wenn ich sie auf ihrer großen Herrschaft Leipnick in Mähren oder in dem Schlosse Calcum bei Düsseldorf, besonders aber in der alten Hatzfeldtschen Burg Schönstein, hoch über der Sieg im Rheinland gelegen, besuchte, wo kein Zimmer ohne eine besondere Treppe zu erreichen war und sie, mit ihren armen alten Beinen recht wacklig, über jede Stufe schimpfte.

Ich schreibe diese Erinnerungen mit Wehmut nieder. Der Verkehr, die Freundschaft mit Gabi Hatzfeldt in Wien, auf ihren Schlössern und wo ich ihr sonst begegnete, gehört zu meinen besten Erinnerungen, an die völlig in Ruhe und in abgeklärter Dankbarkeit zu denken ich immer noch nicht alt genug bin. Denn um in Erinnerung schwelgen zu können, muß man sehr glücklich sein, und dazu trage ich zu viel Leid in der Seele.

 

Fürst Alfred von Hatzfeldt-Wildenburg starb 1911. Fürstin Gabriele Hatzfeldt-Dietrichstein, starb 1909.

 

Ihr Sohn Franz starb kinderlos 1910, und der große, mütterliche Besitz fiel ihrer Tochter, der Gräfin Antoinette Althann, zu. Der Fürstentitel und die Hatzfeldt-Wildenburgschen Fideikommißgüter gingen in den Besitz des Neffen des Fürsten, des jetzigen Fürsten Hermann, Sohn des bekannten Botschafters Paul Hatzfeldt, über.

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