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Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kaiser Wilhelm II. und Houston Stuart Chamberain

Oktober 1901.

Nachdem Kaiser Wilhelm »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts« Houston Chamberlains kennengelernt hatte, beherrschte ihn mehr noch als bisher die durch den geistig so hervorragenden Mann verkündete »Mission des Deutschtums«. Es erhielt aber dadurch seine schon vor der Thronbesteigung in ihm ausgeprägte Überzeugung von einer geistigen Mission des deutschen Kaisers auf der Basis persönlicher Macht neue Nahrung.

Die geistige Welt des Kaisers hatte uns einst zusammengeführt und bildete das Band, das uns zu Freunden machte. Die persönliche Macht desselben, als er Kaiser geworden war, hatte mich jedoch an seinen Reichswagen gespannt, und was von meinen Gaben dem Kaiser und dem Reich als Arbeit dienen konnte, machte er nutzbar: das war die »künstlerische Intuition«, wie ich es nennen will, und diese, praktisch in einem Amt verwertet, war wohl in dem diplomatischen Berufe an ihrem Platz.

Rein menschlich empfunden wurde jedoch meine Künstlernatur aus der Möglichkeit freier Entwicklung in eine Art Knechtschaft gezwungen, wie ich es auch niemals anders betrachtet und empfunden habe. Und menschlich blieb trotz dieser Knechtschaft die aufrichtige Freundschaft, die, durch die reiche Natur des Kaisers befestigt, sich in die Ketten des Staatsdienstes zwingen ließ. Rein geistig betrachtet blieb jedoch dieser Zwang dauernd ein seelisches Leiden, das mit der Zunahme körperlicher Erschöpfung unter der Last der realen Arbeit für Kaiser und Reich sich häufig zu Formen der Unerträglichkeit steigerte.

Immer blieb mir, als dem so gearteten Freunde, die Pflicht, dem Kaiser dennoch geistig und künstlerisch »etwas zu sein«. War es meine Musik und mein dichterisches Können gewesen, solange nicht die politische Arbeit sich als ein Mehltau auf diese Blumenwelt langsam niedersenkte, war es später doch stets noch mein Bestreben, dem mehr und mehr mit einer Art explosiver Leidenschaft sich den persönlichen Machtfragen zuwendenden Kaiser seine geistigen Ideale zu erhalten. Aber schließlich, fast erstickt in der Umklammerung des grimmen Tintenfisches »Politik«, vermochte ich eigentlich nur noch der in dem Andrange der Macht- und Tagesfragen sich erschöpfenden Kaisergestalt durch meinen von Vaterseite ererbten Humor die Wolken von der Stirn und dem Gemüt zu streichen. Und das schien mir gegenüber meiner tiefempfundenen Freundesmission herzlich wenig zu sein.

Immerhin blieb ich wachsam und verfehlte niemals die Gelegenheit, um meiner »geistigen Mission« treu zu bleiben. Hatte ich z. B. bemerkt, daß dem Kaiser eine abseits des immer steiniger und rauher werdenden Pfades der Politik stehende geistige oder künstlerische Gestalt durch ihr Werk Eindruck gemacht hatte, so suchte ich diesen Eindruck nach Möglichkeit zu verstärken.

Die Anregung, die der Kaiser durch Houston Chamberlains »Grundlagen« empfangen hatte, war eine starke gewesen, so erschien es mir wichtig, die Funken des Interesses für eine geistig und sittlich so hochstehende Gestalt, wie sie Chamberlain darstellte, zu einer brennenden Flamme zu schüren.

Chamberlain hielt sich damals in Wien auf. Ich teilte ihm mit, daß der Kaiser eine besonders große Freude an seinen »Grundlagen« habe und daß es mich freuen würde, mit ihm darüber zu sprechen. Er suchte mich bald auf und ich erwiderte seinen Besuch.

Hierbei trat deutlich in Erscheinung, daß ihm die Gestalt des Kaisers und seine Förderung deutschen nationalen Lebens sehr interessierte, und meine Anregung, eine persönliche Begegnung zwischen ihm und dem Kaiser zu ermöglichen, fand lebhaften Widerhall.

Ich beschloß, Chamberlain für einen Besuch in Liebenberg während der Anwesenheit des Kaisers zu gewinnen und machte ihm diesen Vorschlag brieflich, als die Tage des kaiserlichen Besuches festgestellt waren. Der Kaiser stimmte meinem Vorschlag natürlich begeistert zu.

Houston Stewart Chamberlain an Fürst Philipp Eulenburg-Hertefeld.

Schloß Schorn, 18. Oktober 1901.

Erlaucht! Seit einigen Wochen zu Besuch bei Graf und Gräfin Zichy in Schorn bei Berchtesgaden, erhielt ich Ihr so sehr gütiges Schreiben vom 13. Oktober erst aus Wien nachgeschickt, und zwar mit weiterer Verspätung, da ich den Brief erst bei meiner Rückkehr von einem Ausflug ins Gebirge vorfand. Die Verzögerung der Antwort wollen Sie freundlichst entschuldigen.

Erlauben Sie mir, Ihnen zunächst, hochgeehrter Herr Fürst, meinen wärmsten Dank auszusprechen sowohl für die Ehre Ihrer Einladung, wie auch ganz besonders für die liebenswürdigen Worte, in die Sie sie kleiden. Fast beschämen Sie mich, da ich nur allzu gut weiß, welche Kluft den Künstler von seinen Werken scheidet, wogegen Sie – und auch Se. Majestät der Kaiser – auf mich persönlich übertragen, was zum Teil Über- und Außerpersönliches ist.

Trotz Ihrer großen Güte hätte ich in diesem Augenblick Ihrer Einladung nicht zu folgen gewagt, wenn ich nicht den Wunsch des Monarchen als einen Befehl empfände, dem man unter jeder Bedingung gehorcht. Nicht allein ist das »Eremitische« in mir stark entwickelt, so daß ich Gesellschaft nur in kleinen Dosen vertrage, sondern es hat sich in den letzten Monaten eine gichtische Erkrankung gezeigt, gegen deren weiteres Fortschreiten ich ein sehr strenges Regime gebrauche und die mir den gezwungenen Aufenthalt in Gesellschaft unter Umständen zu einer physischen Qual und Gefahr gestaltet. Es handelt sich um eine, die Nieren betreffende Affektion und ich sage Ihnen das ganz freimütig schon heute, Herr Fürst, da ich überzeugt bin, daß Sie mit freundlichem Feingefühl es verstehen werden, einige Rücksicht auf diese Tatsache zu nehmen. Im übrigen beabsichtige ich - deo volente – gesund und munter und mit sorgfältigem Verstecken aller physischen Gebrechen an Ihrer gastlichen Tafel zu erscheinen.

Sollten Sie die Gelegenheit haben, Se. Majestät den Kaiser schon im Voraus meines ehrfurchtsvollen Dankes zu versichern, so wäre ich Ihnen sehr verpflichtet.

Darf ich Sie bitten, der Frau Fürstin den Ausdruck meiner Verehrung zu übermitteln.

Empfangen Sie bitte, hochverehrter Herr Fürst, den Ausdruck meiner verehrungsvollen Ergebenheit.

(gez.) Houston Stewart Chamberlain.

Von Houston Stewart Chamberlain.

Wien, Blümelgasse 1, 23. Oktober 1901.

Erlaucht! Mit dem ergebensten Dank bestätige ich den Empfang Ihrer beiden gütigen Briefe vom 17. und 22. dieses Monats. Deo volente, und falls keine Gegenmeldung von Ihnen eintrifft, werde ich also Montag, den 28. Oktober, 4,46 nachmittags, auf der Station Löwenberg eintreffen. Wenn das Fuhrwerk meinen Koffer aufnehmen kann, ist das die Hauptsache, ich selber nehme freudig mit jedem Beförderungsmittel fürlieb.

Daß ich von meinem Leiden sprach, tut mir fast leid, es gibt eben schmerzhafte Krisen, wo man sich schwach und mutlos fühlt. Doch mein Arzt war heute sehr optimistisch und hatte gegen die Reise nichts einzuwenden, und ich selber fühle mich trotz häufiger Schmerzen recht munter. Reden wir also nicht mehr davon. Bei Zichys hat ja auch nie die mindeste Störung stattgefunden.

Mit dem wiederholten Ausdruck meines wärmsten Dankes verbleibe ich, hochverehrter Herr Fürst, Ihr verehrungsvoll und ganz ergebener

(gez.) Houston S. Chamberlain.

 

Es begannen nun die Vorbereitungen für den Kaiserbesuch in Liebenberg, dem sich einige Jagdtage anschließen sollten, auch wenn sich der Bestand des Wildes nach den Manövern, die sich auf Häsener und Liebenberger Terrain abgespielt hatten, nicht genau feststellen ließ. Die Störungen durch das Manöver waren ganz ungeheuerliche gewesen.

Meine Mutter, die nun ihr 77. Lebensjahr erreicht hatte, erklärte, nicht die Kräfte zu haben, um diesen Trubel im Schlosse zu ertragen und begab sich nach Berlin, wo sie stets in dem Hospiz St. Michael in der Wilhelmstraße abstieg, das ein vortrefflicher und ruhiger Gasthof ist. Denn das Wort »Christliches Hospiz« verscheuchte jedweden Gast, der sich in Berlin amüsieren wollte und auch diejenigen, die sich für zu »hohe« Geister hielten, um sich auf derartigen »christlichen Unsinn« einlassen zu können. Meinerseits kann ich (die Letzteren besonders) nicht anders als mit dem Prädikat »Schafskopf« bezeichnen. Denn so oft ich in St. Michael abstieg, wenn meine gute Mutter dort wohnte, habe ich mich daselbst vortrefflich gut versorgt und gebettet befunden – auch wohltuend das Verbot jedes Trinkgeldes und die mäßigen Preise bemerkt. An den Andachten, die besonders Sonntags für die Gäste stattfanden, teilzunehmen, lag keine Veranlassung vor, wenn der Gast nicht einen solchen Wunsch in sich verspürte.

Die Hauptfrage für den erwarteten hohen Besuch in Liebenberg bildete die Unterkunft der Gäste, die alle mit den Jahren in Rang und Stellung erhoben und auch mit den Jahren bequemer geworden waren, ohne Diener nicht mehr leben zu können behaupteten. Das verdoppelte fast die Anzahl der Betten. Doch auch die Beköstigungsfrage trat dieses Jahr stark hervor, da, unmittelbar an den Kaiserbesuch angeschlossen, noch die erwartete Jagdgesellschaft logiert, gefüttert und getränkt werden mußte.

Die »Bespeisung« der zu erwartenden 70 Personen würde nicht allzu schwierig gewesen sein, wenn eine Tafel für die »Herrschaften«, eine für die Beamten und eine für die Dienerschaft zu richten gewesen wäre. Davon aber war natürlich keine Rede. Wurde die herrschaftliche Tafel in zwei aufgelöst, da die jüngsten Kinder nebst Erzieherin und Hauslehrer nicht an der großen Tafel mit dem Kaiser teilnehmen sollten, so lösten sich die beiden anderen in etwa 7–8 Tafeln auf. Denn ich habe die traurige Erfahrung gemacht, daß die Rangordnung bei Beamten und Dienerschaft eine bei weitem kompliziertere und empfindlichere ist als an irgendeinem Hofe. Die feinen Unterschiede zwischen Chiffreur, Sekretär, Privat-Sekretär, Rendant, Haushofmeister, – sowie Kammerdiener, Leibkutscher, Jäger, Leibjäger usw. usw. bilden eine Welt von erschütternden Feinheiten, die ich in ihrer ganzen Tiefe erst begriffen habe, als ich einst die Etiquettenfrage am Hofe der byzantinischen Kaiser studierte. Krieg, Friede, Gift, Totschlag und ewige Rache brütet über diesen Fragen und mir ist die Psychologie der Dynastien zu Byzanz wiederum erst zu völliger Klarheit geworden, als ich hören mußte, weshalb von meinen Untergebenen z. B. Nr. 1 nicht mit Nr. 7, 6 hingegen mit 2, 3 aber unter keinen Umständen mit 12, ebenso wie 5 nicht mit 8, 11 nicht mit 4 verkehren oder gar sprechen kann oder darf – auch bezüglich des Grüßens. (Wer zuerst die Hand hebt, wie tief man den Hut eventuell abnehmen, heben oder nur lüften darf.) Ja, das Leben ist ein sehr komplizierter Vorgang!

 

Tagebuch.

27. Oktober 1901.

Nach der Ankunft des Kaisers in Löwenberg, wo ich ihn erwartete, fuhren wir im Halbwagen nach Liebenberg. Der Schloßhof war hübsch erleuchtet. Große Begrüßung im Flur. Ich führte den Kaiser hinauf in seine Zimmer. Um ½ 8 Uhr begaben wir uns zum Souper.

Bei Tisch sehr lebhafte Unterhaltung. Dann wurde im Saal Billard gespielt, bis gegen 10 Uhr. Später wurde Musik gemacht, der der Kaiser mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. Tora Meine Kinder. und Sigwart Meine Kinder. spielten Klavier und Harmonieflöte. Dann sang Fritz-Wend Meine Kinder. hübsch wie immer, von Tora begleitet, meine Lieder »Liebessehnsucht« und »Adlerlied«. Zum Schluß improvisierte Sigwart sehr schön. Um ½ 12 Uhr geleitete ich den Kaiser in seine Zimmer.

28. Oktober 1901.

Nach dem ersten Frühstück, das wir gemeinsam mit dem Kaiser (ohne Damen) im Eß-Saal einnahmen, wurde eine Reihe von Lyckis[R4] Ölbildern, Studien nach der Natur, betrachtet, die mit Recht die Bewunderung des Kaisers erregten. Sodann machte der Kaiser den Vorschlag, bei dem schönen klaren Wetter einen Spaziergang zu unternehmen, und es freute mich, ihm und den Gästen den neuen »Parkweg« zu zeigen. Wir gingen bis zur Lanke und kehrten auf dem Parkwege durch die Kappe zurück. In der schönen Herbstfärbung war das ein Genuß, der die ganze Gesellschaft, besonders auch den Kaiser erfreute.

Nach der Rückkehr waren dienstlich-politische Sachen eingetroffen, die ich mit dem Kaiser zusammen oben in seinem Zimmer erledigte.

Dann fand das zweite Frühstück um 1 Uhr statt, bei dem es sehr lustige Konversation gab.

Das Placement bei jeder Mahlzeit zu variieren, ist nicht leicht, denn unter den Gästen gibt es häufig Leute, die ängstlich über ihre Würde wachen und einen tödlichen Haß gegen den Hausherrn in ihrem empfindsamen Herzen aufsteigen lassen, wenn nicht ihrer »Bedeutung« die entsprechende Würdigung zu Teil wird.

 

Von Reichskanzler Graf Bülow. Telegramm.

Berlin, 28. Oktober 1901.

Ich treffe um 4,46 in Löwenberg ein. Leider kann meine Frau mich nicht begleiten, da ihre Mutter mit Fieber zu Bett liegt und sie dieselbe nicht verlassen darf.

(gez.) Bernhard.

 

Es tat mir sehr leid, Marie Bülow vermissen zu sollen, auch daß die Hoffnung, meine berühmte Freundin Donna Laura Minghetti Mutter der Fürstin Bülow. mit ihr in Liebenberg begrüßen zu können, scheiterte. Immerhin war die Kehrseite vielleicht die nützlichere, denn die Ankunft Chamberlains mußte so sehr das Interesse des Kaisers in Anspruch nehmen, daß schließlich die Damen vielleicht nicht genügend von der Huld des Kaisers bestrahlt worden wären. Und für wenige Dinge auf Erden sind Frauen so empfindlich, als wenn ihnen, nach ihrer Ansicht, zu wenig Beachtung durch eine anwesende notable Persönlichkeit erwiesen wird, – ich muß allerdings bezweifeln, daß es nicht der glühenden Beredsamkeit und glänzenden Begabung Donna Lauras geglückt wäre, den Kaiser vorübergehend aus den geistigen Armen Chamberlains zu reißen.

Nach einer Stunde Ruhe, die sich der Kaiser nach dem Essen gönnte, fuhren die Wagen vor, um eine gemeinsame, längere Spazierfahrt zu machen. Alle Damen begleiteten uns und wir verteilten uns in 8 Wagen, die letzteren drei von meinen Kindern kutschiert. So fand die ganze Gesellschaft Platz und fuhr in bester Stimmung durch das Dorf und den alten Fahrweg zu der Lanke, wo wir den Borgwall umkreisten und dann zu der Alexandrinenhöhe hinaufstiegen. Das Wetter war herrlich und die Beleuchtung auf dem See sehr schön.

Oben fanden wir ein großes Feuer von Wacholderstrauch vor, das die Jägerei angezündet hatte, darin waren Kartoffeln in der Asche gebraten. Dazu gab es guten Punsch. Es war ein malerisches, hübsches Waldfest. Nach langem Aufenthalt und vielen Scherzen fuhren wir zurück.

Während unserer Abwesenheit war der Reichskanzler eingetroffen, und zwar mit Chamberlain. Er empfing uns im Flur, Chamberlain wurde in der Bibliothek vom Kaiser begrüßt. Das war für beide ein großer Augenblick, und der Kaiser rührte mich in seiner Dankbarkeit, daß ich ihm diese Bekanntschaft vermittelt hatte.

Zunächst aber gab es eine längere politische Besprechung zwischen dem Kaiser, Bülow und mir, oben in dem Salon des Kaisers. Dann wurde Toilette gemacht, und das Diner begann.

Unser Wiener Küchenchef »Signore Cecci« hatte sich wieder selbst übertroffen wie die Feinschmecker August Eulenburg, Eberhard Dohna, Moltke und Varnbüler behaupteten.

Die Unterhaltung war sehr lebhaft und ging meist über den Tisch von dem Kaiser hinüber zu Bülow, Chamberlain und mir.

Nach dem Essen wurde zunächst wieder von den Kindern musiziert. Doch war die Dauer nicht so lang wie gestern, denn der Kaiser, brennend in Spannung, sich mit dem so grenzenlos und mit vollem Recht von ihm bewunderten Verfasser der »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« auszusprechen, stellte sich rauchend mit ihm abseits von der übrigen Gesellschaft und hörte und sah nun während des ganzen Abends nichts anderes als Chamberlain. Ich hatte mich anfangs an der Unterhaltung beteiligt, aber ich wurde nach einer Stunde zerstreut: die gänzliche Ausschaltung der anderen Gäste war mir nicht angenehm. Ich bemerkte bei einigen sogar ein »militärisches Mißbehagen« gegenüber der kaiserlichen Vertiefung mit einem »beliebigen Zivil- Schriftsteller (noch dazu Engländer)«, den ich nach Liebenberg geschleppt hatte, »wohin er, Gott weiß, nicht gehörte«.

Schließlich sah ich, daß Müdigkeit und eine gewisse Lahmheit sich auf die vor dem großen Kamin versammelten Herren senkten – es war fast 12 Uhr geworden. So trat ich zu dem Kaiser, der sich gerade tief in der Erörterung einer verwickelten religiösen Frage befand, und dabei immer noch auf seinen festen Hohenzollern- Beinen stand, – (genau die Beine des alten Kaisers und die Beine seines Vaters, mit dem ich in meiner Münchener Zeit einmal von Nürnberg bis München in seinem Salonwagen stehend über Politik sprach!) – und ich sah Chamberlain leise wanken.

»Ew. Majestät wollen mir verzeihen, wenn ich Sie bitte, den Damen und Herren gestatten zu wollen, daß sie sich zu Bett legen«, sagte ich. – Er blickte schnell auf die Uhr.

»Oh! – es ist ja bald 12 Uhr!« rief er aus, »da ist es allerdings Zeit schlafen zu gehen! – Nun, wir haben morgen noch Zeit, unsere Unterhaltung fortzusetzen«, sagte er, zu Chamberlain gewendet, und empfahl sich in seiner liebenswürdigen Art der Gesellschaft.

»Noch etwas«, sagte er mir, als ich ihn die Treppe hinauf zu seinen Zimmern begleitete, »telegraphiere bitte an Harnack, daß er morgen kommt. Chamberlain kennt ihn nicht, und unser Gespräch führte uns auf ein paar Fragen, über die uns Harnack Aufklärung geben kann.«

 

Den 29. Oktober 1901.

Der Kaiser erschien wieder pünktlich um ½9 Uhr zum Frühstück, aber Chamberlain fehlte. Ich erkundigte mich nach seinem Befinden, da er gestern abend recht blaß war. Er war im Begriff hinunterzugehen, machte mir aber einen so kläglichen Eindruck, daß ich ihn bat, sein Frühstück oben in seinem Zimmer einzunehmen.

»Ich habe es niemals ertragen können, lange zu stehen, so hat mich der gestrige Abend etwas angegriffen«, sagte er. »Ich würde allerdings dankbar sein, wenn ich noch ein wenig ruhen dürfte.«

»Das soll so gründlich sein, daß Sie einer neuen kaiserlichen Konversation getrost entgegengehen können – dafür werde ich sorgen«, erwiderte ich, und Chamberlains große Augen leuchteten in Dankbarkeit. »Sie haben unendlich viel studiert, aber noch keine königlichen Beine«, fuhr ich fort. »Züchtung und Vererbung liegt auf diesem Körperteile auch. Durch eine lange Reihe von Generationen haben die Fürsten und Herrscher mehr gestanden als andere Sterbliche. Bei jeglichem Verkehr stehen sie. Nur ganz en famille und bei Tisch sitzen sie. Keinem Menschen ist es angenehm, der einzige zu sein, der sitzt. Das Leben der Fürsten besteht aber daraus, unaufhörlich Menschen zu empfangen, – es ist ihnen eine Gewohnheit geworden, Feierlichkeit um sich zu verbreiten, und dazu ist das Stehen notwendig, – im Sitzen liegt eine gewisse Gemütlichkeit, die dem Herrscher-Wesen nicht ansteht. Dieses »Stehen- Können« ist tatsächlich angezüchtet, und ich habe an allen Höfen, ohne Ausnahme, diese Dauerbeine angetroffen.«

Chamberlain lachte über mein Studium und blieb einen Teil des Vormittags in seinem Zimmer.

Dem Kaiser sagte ich, daß ich Chamberlain durch die lange stehende Konversation ermüdet gefunden und ihm einen Vortrag über die Kraft kaiserlicher Beine gehalten habe.

»Mein Gott«, rief der Kaiser in seiner ihm angeborenen Freundlichkeit aus, »weshalb hat er mir denn nicht gesagt, daß er müde sei?«

»Hat Ew. Majestät wohl jemals ein Mensch gesagt: ›Wollen wir uns nicht lieber setzen?‹« erwiderte ich.

»Darauf besinne ich mich nicht – aber ich werde jetzt dafür sorgen, daß Chamberlain sich setzt.«

Nun schlug der Kaiser vor, einen Spaziergang in die Kappe zu machen. Das Wetter war wiederum klar und schön.

Professor Harnack traf vormittags ein, während Reichskanzler Bülow und ich mit dem Kaiser in die hohe Politik getaucht waren.

Um 12 Uhr fand sich alles in der Bibliothek zusammen, und mit der dem Kaiser eigenen Lebhaftigkeit begann er sofort nach der Begrüßung Chamberlains und Harnacks die Erörterung der dogmatischen Fragen, um derentwillen Harnack zitiert worden war – natürlich wieder ohne sich zu setzen.

Dieses Mal aber trat ich mit der Meldung hervor, »daß das Essen angerichtet sei« – und man sprang von der Dogmatik zu den Leistungen der Küche über.

Der Nachmittag gestaltete sich in dem Rahmen einer gemeinsamen Unterhaltung bei dem Kamin in der Bibliothek sehr interessant, – doch ging es zwischen den Beteiligten: dem Kaiser, Chamberlain, Harnack, Bülow und mir zu hochwissenschaftlich, historisch, politisch, dogmatisch usw. her, um nicht einen Teil der übrigen Gesellschaft aus der Nähe verschwinden zu sehen. Es wurde ihnen »ungemütlich« dabei – und ich bedauerte, daß nicht ein Stenograph diese Unterhaltung fixieren konnte.

Der Kaiser führte, wie gewöhnlich, das Wort – und zwar recht gut, denn er spricht immer eindringlich und sicher.

In Harnack entstand ihm der scharf und logisch dozierende Professor als ein Gegner, dessen geistreiche Bemerkungen und tiefes Wissen – doch in einer geschmeidigen Form gesprochen – eindrucksvoll wirkten.

Chamberlain ist mehr mit seinem Feuergeist und seinen eine Welt ausdrückenden Augen und Blicken die Natur des Gelehrten, der sich lieber schreibend mitteilt als auf einem Katheder. Er war – wenn auch der Tiefste, und dessen Bemerkungen das Innerste und Wesentlichste trafen, doch eher der Schweigsamste in dieser Runde. Bülow hatte wenig Gelegenheit, um als Redner zu glänzen, aber sein vieles Wissen trat doch genug in Erscheinung. Es ging, wie gesagt, ganz ungewöhnlich interessant her an dem alten Kamin, der schon so manches erlauscht hat.

Es wurde bei diesen Gesprächen fast die Nachmittagsruhe vergessen. Doch lehrte mich nach einiger Zeit ein Blick auf Chamberlain, daß es Zeit sei, diese anzuregen. Ich erhielt von ihm einen dankbaren Blick, als ich den Kaiser mahnte, an seine (des Kaisers) Ruhe zu denken und dieser dem Appell folgte.

Die Ruhe dauerte eine gute halbe Stunde. Die große Spazierfahrt zu dem Papensee war aufgegeben. Es sollte ein gemeinsamer Spaziergang um 4 Uhr unternommen werden, zu dem sich die gesamte Gesellschaft einfand. Der Kaiser hatte eine Vorliebe für den neuen Parkweg gewonnen. Dorthin wurden die Schritte gelenkt und er zog dabei, was mir sehr lieb war, die Herren in sein Gespräch, die, wie Varnbüler, Eberhard Dohna, Werthern usw. wohl nicht zu seinem Gefolge gehörten, doch aber hinter der in diesen Tagen herrschenden Wissenschaft zurückgetreten waren.

Etwa um ½6 Uhr waren wir heimgekehrt, und in dem Bibliotheksaal mußten die Kinder musizieren. Dann aber war der Kaiser wieder zu Chamberlain und Harnack getreten, und nochmals wurde »die Mission des Deutschtums« von den verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtet, bis ich dem Kaiser meldete, daß die Uhr ½7 geschlagen habe und das Diner um 7 Uhr von ihm gewünscht sei.

Hiermit nahte der Kaiserbesuch seinem Ende, der, durch die Begegnung des Kaisers mit Chamberlain eine ganz besondere Weihe trug und mich sehr zufriedengestellt hatte –(was allerdings nicht die Meinung der Umgebung – auch nicht der Jugend war, denen die ethische Mission Deutschlands weniger wichtig war als die Gegenwart des Kaisers – wie er redete, lachte, rauchte, saß und stand).

Das interessierte auch besonders Fritz-Wends vortrefflichen Instruktor, Professor Kabisch, dem ich die Freude gemacht hatte, ihn zu dem letzten Kaiserdiner zu laden und der in gehobenster Stimmung von Johannisthal nach Liebenberg geeilt war.

Nach dem Abendessen gab es noch eine ruhige halbe Stunde am Kamin mit dem Kaiser und den Meinen, denn die Andern, die für ihre Abreise sorgen mußten, hatten den Saal verlassen.

Ich fuhr mit dem Kaiser später zur Bahn. Vor dem Schloß und bis zur Chaussee glänzte Fackelbeleuchtung. Zwei berittene Gendarmen begleiteten den Wagen.

Der Kaiser konnte mir nicht genug danken für die Freude, die ich ihm durch die Vermittlung der Bekanntschaft Chamberlains bereitet hatte. Er stand vollkommen unter dem Zauber dieser Persönlichkeit, die er durch das gründliche Studium seiner »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« genauer kannte als irgendein anderer der Anwesenden. Und Chamberlains persönlicher Eindruck hatte das Bild gerechtfertigt, das sich der Kaiser in seinen Gedanken von ihm gemacht hatte, auch wenn dieser in dem Verkehr mit ihm bei weitem nicht so mitteilsam gewesen war als der Kaiser selbst.

Ich hatte zur Erinnerung an diese Begegnung Beide gebeten, ihre Namen in das der Liebenberger Bibliothek gehörende Exemplar der »Grundlagen« einzuzeichnen, was mir gern gewährt wurde.

Nach der Beendigung dieses besonders bedeutungsvollen kaiserlichen Besuches trat nun meine Kinderschar gewissermaßen in ihr Recht. Es schlossen sich an die Kaisertage unmittelbar, d. h. nach einem »Ruhetag«, drei Jagdtage, die ich sehr genossen habe, denn es war das erstemal, daß mein lieber Ältester, Fritz-Wend, die Leitung und Anordnung der Jagd auf sich genommen hatte und mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Umsicht durchführte.

Auch waren zu meiner eigenen Freude liebe treue Jugendfreunde erschienen, deren Kinder zum Teil nun auch zu der Freundschaft der meinigen gehörten.

Unter ihnen leider nicht mein lieber Georg Hülsen, der vortreffliche Intendant des Hof-Theaters in Wiesbaden, der schon zum Kaiserbesuch erwartet worden war. Er war recht ernsthaft erkrankt, und zwar wohl hauptsächlich infolge der unerhörten Intrigen, die seitens meiner alten »Freunde«, des Fürsten Richard Dohna und des Generalintendanten Graf Bolko Hochberg gegen ihn in Szene gesetzt waren. Intrigen, die sich sogar gegen mich richteten in der abenteuerlichen Annahme, daß ich Hochberg zu stürzen beabsichtige, um Hülsen an dessen Stelle zum Generalintendanten zu machen. (!) Und sie mußten doch wissen, daß es der Kaiser war, der den ungewöhnlich für den Beruf des Intendanten begabten Georg Hülsen nach Berlin an diese Stelle setzen wollte.

Es waren harte Erfahrungen, die ich in jener Zeit machen mußte, denn nichts lag mir wohl ferner, als meine Hand zu Machenschaften gegen Freunde zu bieten, mit denen ich seit Jugendzeit eng verbunden war. Das sind eben Begleiterscheinungen eines so reichen Lebens wie das meine es war.

An dem folgenden Tage lief eine Depesche Chamberlains an mich ein, der, von dem Kaiser nach dem Neuen Palais eingeladen, dort einen Abend verbracht hatte.

 

Von H. St. Chamberlain.

Berlin, 31. Oktober 1901.

Soeben aus Potsdam zurück nach herrlichen Abendstunden gestern mit beiden Majestäten und gnädigster Verabschiedung heute früh. Nochmals Ihnen und der Frau Fürstin innigsten Dank.

(gez.) Houston Chamberlain.

Nachschrift

Im engsten Zusammenhang mit der Begegnung des Kaisers und Chamberlains in Liebenberg am 28. und 29. Oktober 1901 stehen die nachfolgenden Briefe. Sie sind untrennbar von dem interessanten Verkehr und den Gesprächen zwischen den beiden genannten Persönlichkeiten, an denen teilzunehmen mir ein Genuß war.

Als ich auf meinen Posten Anfang November nach Wien zurückgekehrt war, brachte mir Chamberlain zwei Briefe an den Kaiser, die er mich bat, an dessen Adresse gelangen zu lassen.

Die sehr unleserliche Handschrift Chamberlains veranlaßte mich, ihn zu bitten, eine Kopie in Maschinenschrift dem Originale beifügen zu dürfen. Auch bat ich ihn, eine mich besonders interessierende Stelle für mich zurückbehalten zu dürfen, was mir freudigst bewilligt wurde.

Später, als ich die Antwort des Kaisers Chamberlain überbrachte, bat ich ihn, mir als Andenken und zu der Vervollständigung seiner mir überlassnen schriftlichen Bemerkungen auch von diesem Briefe eine Abschrift anfertigen lassen zu dürfen. Er ging gern darauf ein, um so mehr, als ich den Kaiser von meiner Bitte verständigt hatte.

Diese Korrespondenz enthält sehr viel Wertvolles. Mich persönlich erfreute es auch, dies Schriftstück des Kaisers im Wortlaut zu besitzen, nachdem sich bei der Überlastung seines Lebens der briefliche Verkehr zwischen uns schließlich – und zwar schon seit einer Reihe von Jahren – fast nur in der Form abspielte, daß ich schrieb und er telegraphisch antwortete. Die Depeschen wurden schließlich auch ganz generell zu seinem Ausdrucksmittel im Fernverkehr. Ich möchte fast sagen, sein Leben überhaupt gestaltete sich depeschenartig.

Immer habe ich das bedauert, denn der Kaiser vermag, – ebenso wie er eine glänzende Rednergabe besitzt, auch gut zu schreiben. Und davon gibt uns sein nachfolgender Brief ein wertvolles Beispiel, trotz der charakteristischen Ausdrucksweise, die vielleicht an einigen Stellen als »Schönheitsfehler« zutage tritt. Andererseits dürfen aber gerade charakteristische Merkmale in einem Stil nicht fehlen, so daß man hier auch von Schönheitsfehlern nicht sprechen sollte. Der Inhalt dokumentiert jedenfalls eine Gesinnung, die eines deutschen Kaisers würdig ist und ihn in dem Lichte zeigt, das mir, seinem Freunde, wohltut.

Auf diesen Briefwechsel bezieht sich ein Brief, den ich meinerseits an den Kaiser richtete. Ich lasse diesen zunächst hier folgen, da der Inhalt auf eine Persönlichkeit Bezug nimmt, die nicht viel genannt und bekannt ist: Chamberlains erste Gattin.

 

An den Kaiser.

Wien, 30. November 1901.

Ew. Majestät beehre ich mich – den Bitten Chamberlains nachgebend – zwei Briefe anliegend zu überreichen, die er mir vor einigen Tagen brachte. Er las mir den langen Brief vor, weil er nicht wußte, ob er es wagen dürfe, ein so umfangreiches Schriftstück an Ew. Majestät zu senden. Es enthält der Brief so große Schönheiten und Wahrheiten, daß Ew. Majestät große Freude daran haben werden – nachdem er abgeschrieben sein wird. Denn die Handschrift ist, gelinde gesagt, mühsam.

Ich habe gestern Chamberlain in seinem unendlich bescheidenen Heim besucht. Vier Treppen hoch wohnt er, von Büchern umgeben und von einer weißhaarigen alten Frau bewacht, die seine eigene ist, aber eigentlich an Fafner erinnert, der vor dem Nibelungenhort lagert. Doch ist sie anscheinend intelligent. Von Freunden Chamberlains wird sie sehr geachtet und verehrt. Ich kann ihr vor der Hand nur die Verehrung einer Antiquität weihen. Sie sprach mit einer Bewunderung von ihrem »Schatz«, die den geistigen Unterschied der beiden Naturen nur um so deutlicher hervortreten läßt. Frau eines berühmten Mannes oder Mann einer berühmten Frau zu sein, ist eine ziemlich mühsame Kunst.

... (gez.) Philipp Eulenburg.

 

Aus einem Briefe Houston Stewart Chamberlains an Kaiser Wilhelm II. Veröffentlicht 1928 in »Houston Steward Chamberlain-Briefe«. II. Band. S. 137. F. Bruckmann. München..

Wien, 15. November 1901.

... Ew. Majestät und alle ihre Untertanen sind in einem Heiligtum geboren, die meisten unter ihnen ahnen es freilich nicht, weil man das Tägliche – wie die Strahlen der alles Leben spendenden Sonne – nicht beachtet. Ich aber mußte einen langen, mühsamen Weg zurücklegen, ehe ich das Heiligtum auch nur von weitem erblickte, und dann noch kostete es Jahre heißer Arbeit, ehe ich seine Stufen betreten durfte. Darum schaue ich nur mit Schrecken auf meine Vergangenheit zurück; denn habe ich auch das, was man eine glückliche Kindheit nennen muß, gehabt, für meine Anlagen konnte es kein wahres Glück außerhalb des Deutschtums geben, und ich zittere, wenn ich daran denke, wie spät ich mit der deutschen Sprache in Berührung kam und daß ich sie leicht gar nicht kennengelernt hätte. Denn es ist meine innige Überzeugung – gewonnen durch jahrelange Studien, gewonnen in jenen feierlichen Stunden, wo die Seele mit dem Göttlichen um Erkenntnis ringt, wie Jakob mit dem Engel – daß das moralische und geistige Heil der Menschheit von dem abhängt, was wir das Deutsche nennen können. In jener »moralischen Weltordnung«, von der Ew. Majestät in Liebenberg öfters sprachen, bildet augenblicklich das deutsche Element den Angelpunkt, le pivot central. Die Sprache ist es, die uns unwiderleglich davon überzeugt, denn Wissenschaft, Philosophie und Religion vermögen heute keinen Schritt weiter zu machen, außer in der deutschen Sprache. Und das Dasein dieser Sprache belehrt uns über etwas, woran die Erscheinungen des täglichen Lebens uns sonst nicht immer glauben lassen möchten: daß in diesem Volke die höchsten Fähigkeiten vereint sind, höhere als anderwärts. Sprache und Volksseele sind gegenseitig bedingend – bedingt; jede wächst aus der andern hervor, hier ist weiteres Emporblühen möglich, solange beide leben und ineinander greifen; bei den Romanen sind beide tot; bei den andern Germanen (ich denke namentlich an England) hat schon seit lange eine Entzweiung begonnen, dank welcher die Sprache nach und nach stumm wird, (das heißt, ein bloßes Medium für die praktische Verständigung, nicht ein Element, aus welchem neue Gebilde geprägt werden könnten) und die Seele infolgedessen nach und nach ihre Schwingen einbüßt und sich nur mehr wie ein Wurm auf dem Bauche weiterschleppt. Und weil die deutsche Seele unlösbar an die deutsche Sprache geknüpft ist, so ist denn auch die höhere Entwicklung der Menschheit an ein mächtiges, sich weit über die Erde hinausstreckendes, das heilige Erbe seiner Sprache überall behauptendes und andern aufzwingendes Deutschland gebunden. Die positive Realpolitik des deutschen Reiches, welche gewiß gar nicht zu nüchtern und matter of fact sein kann, bedeutet darum doch – wenigstens in meinen Augen – etwas anderes als die Politik anderer Länder. Der Angelsachse hat, von jenem Standpunkt einer moralischen Weltordnung aus betrachtet, sein Erbe verwirkt – ich spreche nicht von heute, ich schaue in die Jahrhunderte hinaus; der Russe ist nur die neueste Verkörperung des ewigen Tamerlanreiches, nimmt man ihm sein deutsches Kaiserhaus, so bleibt nur eine in sich zerfallende matière brute; auf den Deutschen allein baut heute Gott. Das ist die Erkenntnis, die sichere Wahrheit, die schon seit Jahren meine Seele erfüllt, um ihr zu dienen, habe ich meine Ruhe geopfert, für sie will ich leben und sterben. »Richard Wagner«, die »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« und das »19. Jahrhundert« (wenn ich mich dazu entschließen kann), die »Worte Christi«, »Immanuel Kant«, – und manches, was – so Gott will – folgen soll, der – nicht von Haß gegen die Semiten, sondern von Liebe gegen die Germanen eingegebene – Kampf gegen das zerfressende Gift des Judentums, der Kampf gegen den Ultramontanismus, gegen den Materialismus, der Versuch, die transzendentale Erkenntnislehre aus dem Besitz einer Gelehrtenkaste in einen Besitz jedes gebildeten Deutschen zu verwandeln, das Bestreben, die Religion aus syrisch-ägyptischen Fetzen loszuwinden, damit die reine Kraft des Glaubens uns eine, wogegen das Nachgeplappere sklavischer Superstitionen uns heute nur trennt; dazu später – wenn ich's erlebe – die völlige Umwandlung unserer Auffassung des Lebensproblems, wodurch sich unsere Naturwissenschaft auf einmal und zum erstenmal in Harmonie mit unserer deutschen Philosophie und Religion finden wird, das heißt, daß wir endlich eine wahre Weltanschauung besitzen werden – – – das alles bedeutet für mich ein Schaffen und ein Kämpfen im Dienste des Deutschtums. Denn wahrlich, es handelt sich um gar wichtige Dinge, und hat der moralische Weltordner den Deutschen zu seinem Werkzeug erwählt, so muß dieser in der Erfüllung der gottgegebenen Pflicht ganz aufgehen, sich ganz darin verzehren. Und ist »das Deutsche«, wie ich vorhin sagte, der Angelpunkt, auf dem die Zukunft des Menschengeistes ruht, so ist der jetzige Augenblick, das jetzige Jahrhundert – ich meine es – der Angelpunkt der Weltgeschichte. Jetzt heißt es: to make or to mar.

Es gibt Epochen, wo Geschichte gleichsam auf dem Webstuhle weiter gewoben wird, gerade oder schief, geschickt oder ungeschickt, doch immerhin so, daß Kette und Schuß gegeben und im wesentlichen gebunden sind; dann aber kommen Zeiten, wo zu einem neuen Gewebe die Fäden erst eingetragen, die Art des Stoffes und das Muster erst bestimmt und durch zweckmäßige Anordnung gesichert werden. In einer solchen Zeit stehen wir heute. Die Bildung des Deutschen Reiches im Jahre 1870 bedeutet zunächst nicht einen Anfang, sondern ein Ende. Jetzt kommt entweder ein »neuer Kurs« (wie Ew. Majestät vorlängst erkannte), oder gar nichts; und in letzterem Falle hat Deutschland versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeyisierten Angelsachsentums und eines tatarisierten Slawentums ereilt und ertränkt. Jetzt ist der Augenblick, wo Zukunft aufgebaut wird. – – – Wie steht aber ein armer, machtloser, vereinzelter Privatmann solchen Erkenntnissen gegenüber da? Und gar ein sogenannter »Ausländer«! Wollte er in politische Konjunkturen sich leitartikelnd mischen, so würde er sich zu den vom Grafen Bülow so trefflich verhöhnten Bierbankpolitikern gesellen. In das Schweigen der Studierstube ist er verbannt, seine einzige Waffe die Feder. Und andererseits, wie konnte ein solcher Geschichte studieren, ohne die Überzeugung zu gewinnen, daß die Zukunft der deutschen Sache an das Geschlecht der Hohenzollern gebunden ist? Wie wäre es möglich, das politische Chaos des heutigen reichstäglichen Reiches zu erblicken, ohne zu fühlen, daß nur hier seine Hoffnung Boden findet? Wohl ist das ganze deutsche Volk mit seiner unvergleichlichen Sprache der Quell jener Kraft, ohne welche die Hohenzollern selber nichts wären, doch das politische Heil, jenes Gestalten der äußeren Geschichte, ohne welche die innere Bestimmung nicht zur Erfüllung gelangt, kann nicht vom Volke bewirkt werden. In einer äußerst schwierigen Weltlage ist der einzige Trumpf, den das deutsche Volk in den Händen hält, der Besitz des Hohenzollernhauses. Nur die planmäßige Organisation bis ins letzte Detail, nicht – wie bei den Angelsachsen – die ungebundene Freikultur des losgelösten Individuums, kann Deutschland zum Siege verhelfen. Die politische Massenfreiheit hat abgewirtschaftet; dagegen kann Deutschland mit der Organisation noch alles erreichen, alles! Hierin vermag es ihm keiner gleich zu tun. Und an der Spitze dieser Organisation steht als erster Deutscher der König von Preußen.

Können Ew. Majestät sich nun vorstellen, mit welchen Gefühlen ein Mann, der solche Überzeugungen als freie Errungenschaft, als seines Lebens Leben im Busen trägt, die Hand dieses ersten Deutschen in der seinen gehalten hat. Auch hier mag ich keine Worte mehr beifügen; was ich fühlte, war mehr als Dank und etwas anderes als Glück. ......

(gez.) H. St. Chamberlain.


Kaiser Wilhelm an Houston Stewart Chamberlain Veröffentlicht 1928 in »Houston Stewart Chamberlain-Briefe«. II. Band S. 141..

Neues Palais, 31. Dezember 1901.

Mein lieber Herr Chamberlain!

Sie haben leider vollkommen recht, wenn Sie in dem Anfange Ihres packenden und ergreifenden Briefes der Vermutung Raum geben, daß ich wohl nicht über die »Upanischads« und andere Indo-Arische Bücher Bescheid wisse, noch über die in denselben enthaltenen schönen Aussprüche der Weisen über die Herrscher! Ich gestehe meine Unwissenheit offen ein und bitte um Gnade! Here you have me at a disadvantage! Aber es war auch Anfang der 70er Jahre kein Mensch vorhanden, gerade unter meinen Lehrern nicht, der auch nur im entferntesten solche Kenntnisse aufgewiesen, kurz, solche »Kultur« gehabt hätte! Wir quälten uns durch 1000 Seiten Grammatik, wir wandten sie an, und gingen mit ihrer Lupe und Seziermesser an alles heran von Phidias bis Demosthenes, von Perikles bis Alexander und gar an unsern lieben großen Homer! Und während aller der hundertfachen Zerlegungsoperationen, die ich an den Erzeugnissen der Hellenen vornehmen mußte, von wegen der »klassischen Bildung«, da bäumte sich mein Herz in mir auf, das auch in mir so lebendige Gefühl für Harmonie schrie in mir auf: »Das ist es doch nicht, das kann es nicht sein, was wir aus dem Hellenentum für die Förderung des Germanentums brauchen!« – Und das noch dazu unmittelbar nach und unter dem gewaltigen Eindruck des Krieges 1870, der Siege des Vaters und Großvaters! Diese hatten das Deutsche Reich zusammengeschmiedet, da hätten wir Jungens, das fühlte ich instinktiv, einen anderen Lauf unserer Vorbereitung bedurft, um nun die Arbeit in dem neuen Reich fortzusetzen. Da wäre unserer schwerbedrückten Jugend ein Befreier wie Sie vonnöten gewesen!, der die Indo-Arische Quelle uns erschloß, aber niemand kannte sie!

Und nun mußte all das Urarische-Germanische, was in mir mächtig geschichtet schlief, sich allmählich in schwerem Kampfe hervorarbeiten. Kam in offene Gegnerschaft zum »Althergebrachten«, äußerte sich oft in bizarrer Form, oft formlos, weil es mehr als dunkle Ahnung oft unbewußt in mir sich regte und sich Bahn brechen wollte. Da kommen Sie, – mit einem Zauberschlage bringen Sie Ordnung in den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit, Ziele, wonach gestrebt und gearbeitet werden muß, Erklärung für dunkel Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen zum Heil der Deutschen, und damit zum Heil der Menschheit! Sie singen das hohe Lied vom Deutschen und vor allem von unserer herrlichen Sprache und rufen dem Germanen bedeutsam zu: »Laß ab von deinen Streitigkeiten und Kleinlichkeiten, Deine Aufgabe auf der Erde ist: Gottes Instrument zu sein für die Verbreitung Seiner Kultur, Seiner Lehren! Darum vertiefe, hebe, pflege Deine Sprache und durch sie Wissenschaft, Aufklärung und Glauben!« Das war eine Erlösung! So! nun wissen Sie, mein lieber Mr. Chamberlain! was in mir vorging, als ich Ihre Hand in der meinen fühlte!

Lassen Sie mich Ihnen von tiefster Seele danken für dieses kostbare Juwel, welches Sie mir in Briefform übersandten! Wer bin ich, daß Sie mir danken? Doch nur ein armselig Menschenkind, das versucht, ein gutes Instrument für unsern Herrgott da droben zu werden. Das hat zur Folge, daß man das Menschenkind nicht verstehen will, kann oder mag und ihm daher vor allem das Leben so sauer zu machen sich bemüht als möglich, weil es eben ganz anders ist und ganz anderes will, wie bisher die und das »Althergebrachte« und »Landläufige«!

Nein! Fürwahr, danken wir Ihm dort oben, daß Er es mit unsern Deutschen noch so gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volke und Sie persönlich mir sandte Gott, das ist bei mir ein unumstößlich fester Glaube. Sie sind von Ihm zu meinem Bundesgenossen erkoren und ewig danke ich Ihm, daß Er es getan. Denn Ihre gewaltige Sprache packt die Leute und bringt sie zum Denken und natürlich auch zum Streiten, Angreifen! Was schadet es! – Der deutsche Michel wird wach, und das ist für ihn gut, dann paßt er auf und leistet etwas, und wenn er einmal zu arbeiten angefangen, dann leistet er eben mehr wie alle andern. Seine Wissenschaft in seiner Sprache ist eine Riesenwaffe, und es muß immer daran gemahnt werden! Denn »Vernunft« – i. e. common sense – und »Wissenschaft« sind unsere gefährlichsten Waffen, zumal im Kampfe gegen die Totenmacht von »Ubiquitous« Rom. Dann, wenn durch Sie die germanischen Katholiken erst in den offenen Konflikt zwischen Germanen und dem »Katholem«, also »Römer«, bekommen sind, dann sind sie »erwacht« und »Wissende« geworden, dessen, was die Beichtväter ihnen verbergen möchten, daß sie in schmachvoller Knechtschaft gehalten sind für »Rom« als Instrument gegen »Deutschland«. Also »Eritis sicut deus, scientes bonum et malum«. In dieser Hinsicht ist doch eine Bewegung zu bemerken, und Ihr Buch hat rasenden Absatz in den Kreisen gefunden, gottlob!

Erst für mich allein, dann an die um den Weihnachtstisch versammelten Meinigen habe ich Ihren herrlichen Brief vorgelesen unter lautlosem Schweigen und tiefer Ergriffenheit aller Stände und Geschlechter, und die Kaiserin läßt Ihnen auch innigen Dank und Gruß sagen!

Und nun Gottes Segen und unseres Heilands Stärkung zum neuen Jahr 1902 wünsche ich meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom, Jerusalem usw. Das Gefühl, für eine absolut gute, göttliche Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch und sage trotz aller Angriffe und Nörgeleien: Dennoch!

Ihr treu dankbarer Freund

(gez.) Wilhelm II. R.

P.S. Der Verkehr Harnacks bei mir hat »orthodoxe« protestantische Pfarrer und Kreise arg geängstigt. Das ist unseren Damen zu verstehen gegeben worden: diese haben denn auch Soireen, wo »positive« Herren waren, besucht! Mein Grundsatz »Nur keine Voreingenommenheit« ist den Leuten unbequem. Übrigens hat Harnack seine »Liegezeit«, um Ihr Werk zu lesen, als eine erzwungene hingestellt! Ich bezweifle es, die Idee ist zu professorenhaft wahrscheinlich!


Houston Stewart Chamberlain an Philipp Eulenburg-Hertefeld.

Wien, Blümelgasse 1, 5. Januar 1902.

Hochgeehrter Herr Fürst, eine Pflicht der Courtoisie erfülle ich, indem ich Ihnen den Brief Sr. Majestät des Kaisers mitteile, zugleich werden Sie darin ein Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit erblicken.

Nur Ihnen aber teile ich ihn mit, sonst keinem Menschen. Sobald ich den Brief gelesen hatte, entschloß ich mich, nicht allein ihn streng für mich zu behalten, sondern auch meinen intimsten Freunden gegenüber von seiner Existenz kein Wort zu erwähnen.

Sie sehen, in welchen warmen Ausdrücken Se. Majestät zu mir spricht und von mir spricht: daß mich dies innig beglückt und hebt, daß er alles Beste in mir weckt und ermuntert – warum sollte ich es leugnen? Doch Sie, mein hochverehrter Gönner, Sie wissen genau, wie ich der Welt gegenüberstehe und wie unendlich schwer – fast unmöglich – es mir wird, mit ihr auszukommen, wobei seit früher Jugend jener Gedanke mir immer verführerisch nahe steht: »Du brauchst sie nicht – sie braucht höchstens Dich.«

Was ich seit Berlin an Gemeinheit seitens der lieblichen Presse und an Vulgarität und Indiskretion seitens sonst distinguierter Leute erfahren habe, hat mich in einen Abgrund hineinblicken lassen. Die Begegnung konnte ich ja nicht verheimlichen, es lag nicht bei mir. Doch jetzt beabsichtige ich, mich mit aller Energie zu schützen.

Mein Verhältnis zum Kaiser ist mir ein heiliges, und ich will es innerhalb jener dreifachen Ringmauern des Herzens hüten, wo ich mit Stolz und Argwohn das mir Heilige als Unnahbares bewache. Gleichviel, ob es bei diesem einmaligen Briefwechsel bleibt oder ob der allerhöchste Herr mich auffordert oder auffordern läßt, ihm wieder zu schreiben. Des Kaisers Vertrauen will ich nicht bloß innerlich, sondern auch äußerlich würdig sein, damit wehre ich mich zugleich meiner eigenen Haut.

Ich hoffe, mein Dankschreiben ist nicht zu lang? Das Briefschreiben ist halt bei mir von jeher eine Leidenschaft, ich kann's besser als das Sprechen. Jetzt habe ich's aus Zeitmangel so ziemlich aufgegeben, doch fällt's mir immer noch schwer, sobald ich auf Sympathie rechnen zu können glaube, die Feder nicht mit mir nachschleppen zu lassen.

In der Hoffnung, daß diese Zeilen Sie wieder wohlauf antreffen, mit den verbindlichsten Grüßen Ihr verehrungsvoll ergebener

(gez.) Houston S. Chamberlain.

 

P. S. – Ich hielt mich für verpflichtet, den kaiserlichen Brief sofort zu beantworten, d. h. dafür zu danken; doch liegt es bei Ihnen natürlich, meine Zeilen zurückzubehalten, bis Sie die Mitteilung für opportun halten.

Es tat mir neulich so leid, auf Ihr Befragen: wie ich es fertig gebracht hätte, meine sehr despotischen Nerven zu bändigen, den Witterungseinflüssen z. B. nicht mehr so unterworfen zu sein usw. – nichts antworten zu können. Seither dachte ich manchmal darüber nach. Unter anderem scheint mir dieses eine beachtenswert: ich habe früher viel Musik getrieben, mindestens täglich ein paar Stunden, – dazu Oper und Konzert. Nach und nach hab' ich's ganz ausgegeben und glaube, daß dies sehr beruhigend gewirkt und namentlich die Qualität des Schlafens gebessert hat. Musik regt an, aber auch ab. Die angespannte Erregung des Pathos stellt große Ansprüche an die Physis. Wogegen Goethe und Naturwissenschaft wie lindernder Balsam auf das Nervensvstem wirken. Dazu käme bei Ihnen noch ein weiterer Umstand: der plötzliche Übergang aus größter Selbstbeherrschung des kühl und scharf beobachtenden Diplomaten in den vollen Rausch des freien und wahrhaftigen – dazu ganz eigenen und um so hinreißenderen – Affektes. Solche plötzlichen »Temperaturänderungen« sind besonders anstrengend Chamberlain machte diese Beobachtung, nachdem er meine Musik und meinen Gesang gehört hatte..

(gez.) H. S. Chamberlain.

Houston Stewart Chamberlain an Philipp Eulenburg-Hertefeld.

Wien, Blümelgasse 1, 25. Januar 1902.

Hochgeehrter Herr Fürst, mein Aufsatz über »katholische Universitäten« dürste für Sie nicht ganz ohne Interesse sein, ich überreiche ihn als Eisenbahnlektüre für irgendeine sich bietende Gelegenheit.

Ein zweites Stück lege ich bei, weil ich aus sehr vielem, was Se. Majestät der Kaiser zu mir sprach, fast voraussetzen zu können glaube, daß gerade diese neue Arbeit auch für ihn Wert haben könnte. Einige von den bezogenen Texten aus Evangelien u. dgl. sind doch nicht dem Laienpublikum gegenwärtig, auch die genauen Zahlenangaben bezüglich des französischen »Instituts catholiques« sind, glaube ich, noch nicht in die Öffentlichkeit gelangt.

Doch können nur Sie – nicht ich – beurteilen, ob eine Mitteilung möglich und wünschenswert ist. Ich lege nur für alle Fälle ein Exemplar bei. – (Da diese Nummer nur meinen Aufsatz enthält, ist Anstößiges jedenfalls nicht vorhanden!)

Übrigens habe ich Ihre gütige Warnung betr. »Die Fackel« durchaus nicht vergessen, nur war ich dem Verleger gegenüber verpflichtet, nach dem ersten Artikel auch diesen zweiten zu geben. Jetzt aber hat die Sache ein Ende.

Für die mir durch Graf Kayserling übermittelten Grüße usw. sage ich aufrichtigen Dank. Ich meinerseits lebe in emsigster Zurückgezogenheit.

Ich bitte – als Beweis Ihrer freundschaftlichen Gesinnung – ja keine Beantwortung dieser Sendung für nötig zu halten. Höchstens wenn Sie meinem Boten den Brief des Kaisers an mich übergeben wollten, wäre ich sehr verpflichtet ...

(gez.) Houston S. Chamberlain.


Mein Onkel, der Feldmarschall, liegt in hoffnungslosem Zustand. Das Geschenk des Kaisers wird die letzte große Freude seines tatenreichen Lebens gewesen sein.

H. S. Ch.

Nach siebzehn Jahren

Fürst Philipp zu Eulenburg an Houston Stuart Chamberlain Dieser Brief und nachfolgende Antwort wurden von mir nachträglich der abgeschlossen Aufzeichnung meines Mannes beigefügt. (Die Herausgeberin.).

Liebenberg, 18. März 1919.

Verehrter Herr Chamberlain,

es gibt wenige Menschen in Deutschland, zu denen meine Gedanken soviel in der entsetzlichen Zeit eilen, die wir jetzt durchleben, als zu Ihnen. Wenn auch der Verkehr zwischen uns seit Jahren unterbrochen ist, so wurde doch in mir ein so tiefes Mitgefühl mit Ihren seelischen Leiden wachgerufen, daß ich – wenn auch krank und elend – mich zu diesen Zeilen aufraffen mußte.

Ich gehörte stets zu denen, die tiefinnerlich mit Ihnen verbunden sind und daher auch die Wandlung, die sich in Ihnen von der angelsächsischen Geburt zu der »fine fleur« des Deutschtums vollzogen hat, nur als einen durch Ihre Natur bedingten Vorgang ansehen konnten. Ich will es präziser ausdrücken: indem ich Sie empfinde als den Kristall, der sich elementar aus einem allgemeinen Grundstoff herausbildete.

Denn Ihre Erkenntnis formte sich aus einem internationalen Empfinden. Wer aber so gerungen hat wie Sie, muß unter dem Erleben dessen, was wir jetzt tragen sollen, zu einem Märtyrer im tiefsten Sinne des Wortes werden.

Man spricht von einer Krone des Märtyrers – Sie tragen sie. Mögen Sie den Glanz, der von einer edelsteingeschmückten Krone ausgeht, auch innerlich empfinden, denn das Ewige leuchtet darin.

Aus dem ersten Briefe, den Sie an den unglücklichen Kaiser Wilhelm schrieben und der durch meine Hand ging, habe ich mir als ein Andenken eine Stelle kopiert, die mich besonders tief bewegte. Sie sprechen darin von der deutschen Sprache und gelangen zu folgendem Ausspruch:

Wien, 15. November 1901.

... »Und ist ›das Deutsche‹, wie ich vorhin sagte, der Angelpunkt, auf dem die Zukunft des Menschengeistes ruht, so ist der jetzige Augenblick, das jetzige Jahrhundert – ich meine es – der Angelpunkt der Weltgeschichte. Jetzt heißt es: to make or to mar.

Es gibt Epochen, wo Geschichte gleichsam auf dem Webstuhle weitergewoben wird, gerade oder schief, geschickt oder ungeschickt, doch immerhin so, daß Kette und Schuß gegeben und im wesentlichen gebunden sind, dann aber kommen Zeiten, wo zu einem neuen Gewebe die Fäden erst eingetragen, die Art des Stoffes und das Muster erst bestimmt und durch zweckmäßige Anordnung gesichert werden. In einer solchen Zeit stehen wir heute. Die Bildung des Deutschen Reiches im Jahre 1870 bedeutet zunächst nicht einen Anfang, sondern ein Ende. Jetzt kommt entweder ein ›neuer Kurs‹ (wie Ew. Majestät vorlängst erkannte) oder gar nichts, und in letzterem Falle hat Deutschland versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeyisierten Angelsachsentums und eines tartarisierten Slawentums ereilt und ertränkt. Jetzt ist der Augenblick, wo Zukunft aufgebaut wird.« ...

Als ich vor kurzer Zeit bei dem Ordnen alter Briefe auch diese Notiz fand, wurde ich durch Ihr seherisches Wort tief ergriffen, und meine Gedanken, die in dem jetzigen Erleben mich mehr denn je in einem grenzenlosen Mitleiden zu Ihnen zogen, zwangen mich zu diesen Zeilen.

Die »Organisation«, die sich Ihnen als die Mission der Hohenzollern in Preußen-Deutschland darstellt, scheint schließlich an dem totalen Versagen des Deutschen auf dem Gebiete der Politik gescheitert zu sein. Das, was seinen Ausdruck in der »deutschen Sprache« fand – deren Wert Sie so meisterhaft in jenem Briefe an den Kaiser schilderten –, liegt in seinem Wesen zu weit ab von dem Begriff der Politik – die lediglich der Ausdruck spekulativen Verstandes ist –, um nicht in der Entscheidungsstunde zu versagen.

Doch ist andererseits auch die Organisation an der Gestalt Wilhelms II. gescheitert. Sein stets edles Wollen zerbrach an dem Mangel der klaren Bewertung des »Tatsächlichen«, und eine Lücke in seiner unleugbaren Genialität zeigt sein völliger Mangel an Menschenkenntnis. Denn mehr oder minder ist er an seiner Umgebung gescheitert, die ihn klug beherrschte, indem sie ihm niemals widersprach. Die auch diejenigen beseitigte, die gegenüber dem Herrscher den Mut besaßen, ihm offen entgegenzutreten, wo es die Pflicht erheischte. Seine Umgebung sah die Mission des deutschen Kaisers lediglich in der Entfaltung von Macht, deren Anreizung auf eine kraftvolle Natur nur wirken konnte wie das Überheizen einer Maschine ohne Ventil.

Ich selbst habe jener Organisation der Hohenzollern bewundernd – niemals feindlich, wohl aber leidend – gegenübergestanden. Das militärische Gewand dieser Organisation, das mehr und mehr gespanntere Formen annahm, mußte eine Natur wie die meine zugrunde richten, denn diesem Räderwerk war mein Rad ein Hemmnis. Die Mittel, dasselbe zu entfernen, trugen den Stempel einer mittelalterlichen Folter und Hexenverbrennung. Es fehlte dabei auch nicht die Unschuld des »Verbrechers«. Er starb – weil er schwieg. Aber es gibt ein »Schweigen für das Vaterland«, das viel härter ist als das Sterben für dasselbe. Meine Henkersknechte waren das Judentum, das mit meinen Neidern ein Bündnis schloß, um den Lindwurm »Idealismus« zu erschlagen.

Auch Sie, mein hochverehrter Herr Chamberlain, werden nun für das Deutschtum schweigend leiden – doch nicht sterben. Denn wenn eine Auferstehung des Deutschtums noch einmal über den Sternen beschlossen werden sollte, so waren Sie sein Prophet! Der Prophet eines Deutschlands, das der gepanzerten Organisation der Hohenzollern entwachsen, aus einem Schmelzofen der Schande als Phönix aufsteigt. Glauben Sie daran in Ihrem seltsam seherischen Geiste – oder nicht mehr?

Ich vermag es kaum. Ich hoffe nur noch auf eine Wiederbelebung von etwas geordnetem, engen Politischen, doch zugleich weitem, geistig Innerlichen, das mir gewissermaßen als ein Vermächtnis blieb. Denn ich stand in meiner Kinderzeit und frühen Jugend noch in dem Kreise meiner hochgebildeten Großeltern und deren Freundschaft – nach den Freiheitskriegen. Es war noch das Leben der Goethe- und Schiller-Zeit, das mich erhebend in dieser Generation umflutete und jetzt sehnsuchtsvoll anlächeln will in der Wildnis der Gegenwart. Meine Phantasie malt mir wieder ein äußerlich beschränktes und innerlich weites Deutschtum geistigen Lebens, befruchtet aus dem Blütenstaub der deutschen Kultur, deren äußere Form nur einen Wechsel erlitt. Denn wenn wir eine Blume welken sahen, ging doch nicht ihre Art verloren.

Ihre Werke, ihr Geist, sind solche unvergänglichen Keime, und in Ihren schweren Leiden wird Sie dieses Bewußtsein über das Grauen der Tage ohne Sonnenstrahl erheben.

Damit tragen Sie jetzt ein desseres Los als diejenigen, die nur über den Untergang Deutschlands zu klagen vermögen.

Der Tod ist doch nur die Trennung der Materie von dem Geist. Ich sehe hier wohl auch einen Tod – doch auch hier die Trennung der Materie von dem Geist, dem Sie sichtbar, fühlbar angehören werden über das hinaus, was jetzt sich Ihnen als Hemmung in der bittersten Gestaltung entgegenstellt.

Doch ich meine, daß ich nun genug schrieb. Ich weiß Sie auch körperlich leidend und habe wohl über Gebühr Ansprüche an Ihre Kräfte gestellt – so wie ich auch meine Kräfte überspannte, die mir nur in kurzen Zeitabschnitten noch zur Verfügung stehen.

Meine Familie, die Ihnen gegenüber von denselben Gefühlen des Mitleidens und der Bewunderung getragen wird, trägt mir sehr herzliche Grüße für Sie und Ihre verehrte Gattin Eva Wagner, Tochter Richard Wagners. auf.

Wir leben eng vereint in dem alten Liebenberg – das Ihnen ein treues Andenken bewahrt hat –, eng vereint schwer leidend unter dem Verlust unseres herrlichen Sigwart Unser gefallener Sohn., dessen Genius uns immer noch erscheint, als wolle er trösten. Ich vermag mich – auch noch von anderen Todeswunden getroffen, die der furchtbare Krieg mir schlug – schwer zu erheben. Doch vermochte mein grausames Schicksal mich nicht zu zerbrechen. Es gibt einen Gott, der über allem Leid und aller Freude, über Recht und Unrecht steht und richtet!

Schließlich darf ich Sie wohl bitten, Ihrer verehrten Gattin meine besten Grüße ausrichten zu wollen. Ich denke mich oft in die hohen Aufgaben hinein, die sie in so edler Form erfüllt – Ihnen helfend und tröstend zur Seite stehend und ihrer Mutter hilfreich die Beschwerden des Alters erleichternd. Wollen Sie bitte auch Ihrer Frau Schwiegermutter Cosima Wagner. sagen, daß es zu dem Besten gehört, was mir das Leben gewährte, in einem freundschaftlichen Verkehr mit ihr gestanden zu haben und daß ich mich bis an mein Lebensende stets ihrer in Dankbarkeit erinnern werde. Auch Ihrem Schwager Siegfried Wagner. bitte ich einen herzlichen Gruß von mir bestellen zu wollen.

(gez.) Philipp Eulenburg-Hertefeld.

Houston Stewart Chamberlain Der Brief, in Maschinenschrift, ist seiner Gattin diktiert. an Fürst Philipp zu Eulenburg.

Bayreuth, 29. März 1919.

Eure Durchlaucht

haben mir eine ebenso große Überraschung wie Freude gemacht durch das ausführliche und so sehr gütige Schreiben vom 18. d. M., ich bitte meinen wärmsten Dank annehmen zu wollen.

Leider befinde ich mich in einer noch schlimmeren Lage als Sie, mein Fürst, da ich nicht allein unfähig bin, Bleistift und Feder zu handhaben, sondern auch nur mit beträchtlicher Mühe zu sprechen vermag, wodurch das Diktieren sehr beschränkt wird. Es ist mir daher unmöglich, eine entsprechende Erwiderung auch nur ins Auge zu fassen, vielmehr müssen diese Zeilen auf eine nachsichtige Aufnahme als bloßes Zeichen der dankbaren Übereinstimmung rechnen dürfen.

Wie Sie, so denke auch ich voll tiefster Teilnahme an unseren gemeinsamen hohen Freund und Gönner. Sehr häufig träume ich von Ihm und sehe Ihn stets voll Pläne und Tätigkeit zur Beförderung von wissenschaftlichen und industriellen Unternehmungen – also vollkommen lebenswahr. Sein tragisches Schicksal hat Er vor Gott sicher nicht verdient, da Er immer nur das Beste gewollt und sein verhängnisvollster Fehler – die Unfähigkeit, Menschen zu beurteilen – kein moralischer ist.

Ich selber habe mich infolge meines Leidens veranlaßt gefunden, Zuflucht in weiter Ferne zu suchen – nämlich in den allerersten Anfängen christlicher Zeitrechnung. Äußerlich herrschten den unserigen diametral entgegengesetzte Zustände, nämlich ununterbrochene Ordnung und Sicherheit der Person und des Besitzes – es ist eigentlich beschämend für unsere Zeit, wenn man bedenkt, daß damals ein unbewaffneter Mann unbehelligt von Kleinasien durch Mazedonien und Illyrien nach Rom und zurück reisen konnte, was bei uns schon seit Jahrhunderten undenkbar wäre –, aber innerlich näherte sich der chaotische Zustand merklich dem heutigen, und es wirkt großartig, ja überwältigend, wenn man die Macht eines bloßen Gedankens, eines Traumes erlebt, wie er aus kleinen Anfängen emporwächst und den Zusammenbruch eines Riesenreiches nicht bloß überlebt, sondern auch dessen Besieger besiegt. Wir Heutigen besitzen keinen Maßstab, um das zu beurteilen, was unmittelbar vor uns vorgeht, der Tag macht uns blind für das Gestern und das Morgen. Aus jenen Fernen aber gewinnt man die Überzeugung, daß viel größere Dinge im Werden sich befinden mögen, als die heutigen Machthaber sich träumen lassen. Unsere Feinde haben das geordnete Europa zerschlagen und zu einem Chaos umgewandelt. Mit teuflischem Instinkt haben sie die unruhvollsten Elemente, die niemals haben Staaten bilden können – die Polen und die Tschechen – begünstigt und damit ein Ferment ewigen Aufruhrs in das Herz Europas gesenkt. Doch Gott wird noch mächtiger als sie sich erweisen, und niemand kann voraussagen, wie teuer dieser Frevel den Feinden Deutschlands zu stehen kommt.

Hier muß ich heute unterbrechen, da die Ermüdung mich dazu zwingt, und füge nur nebst meinem wiederholten innigsten Dank die Bitte hinzu, allen hochverehrten Ihrigen empfohlen zu werden, als stets eingedenk der in Wien und Liebenberg genossenen Stunden.

Womit ich verbleibe

Euer Durchlaucht gehorsamer und herzlichst ergebener

(gez.) Houston Stewart Chamberlain.

Mein Mann wünscht, daß ich Ihnen, verehrter Fürst, persönlich sage, wie herzlich uns alle Ihr gütiges Gedenken bewegt und erfreut hat. Meine Mutter trägt mir die treueste Erwiderung in dankbarer Erinnerung auf, und mein Bruder und ich schließen uns verehrungsvoll an.

(gez.) Eva Chamberlain.

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