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Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid5552a445
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Ich trete meinen Botschafterposten in Wien an und besuche meine Kollegen

(Tagebuchnotizen.)

17. Mai 1894.

Ankunft in Wien, Abend.

18. Mai 1894.

Ich melde meine Ankunft dem Grafen Kálnoky.

19. Mai 1894.

Besuch beim Grafen Kalnoky. Er empfängt mich mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit. Die Besprechung der Lage im Mittelmeer bezüglich der Meerengen habe ich in meinem Bericht Nr. 102 dargestellt.

Bezüglich der Unterhaltung über die etwas schwierige Situation, die sich aus Wünschen des Grafen Kálnoky ergibt, mit Frankreich in guten Beziehungen zu sein, habe ich in meinem Briefe an den Kaiser vom 19. Mai ausgesprochen.

Besuch bei dem italienischen Botschafter Grafen Nigra und dem russischen Botschafter Fürsten Lobanow. Beide empfangen mich sehr kollegial, beide suchen mich in der Richtung hin zu beeinflussen, daß ich den Ausführungen des Grafen Kálnoky unbedingt vertraue. Besonders ist es Graf Nigra, der in dieser Richtung zu wirken sucht. Es sind entweder Einflüsse meines Vorgängers, oder Graf Kálnoky hat selbst eine Demarche bei ihnen gemacht, was ich jedoch als das unwahrscheinlichere ansehe. Bezüglich Serbiens äußerte sich Fürst Lobanow in ähnlicher Weise wie Graf Kálnoky. Dieser faßte die Lage ernst auf, ohne doch im geringsten anzunehmen, daß daraus eine Komplikation entstehen könne, welche die Nachbarstaaten in Mitleidenschaft zöge. Lobanow sagte mir, daß auch Rußland nicht die Absicht habe, die serbische Lage zum Ausgangspunkt für eine politische Aktion zu machen.

20. Mai 1894.

Besuch beim englischen Botschafter Monson, in dem ich einen der seltenen Engländer finde, die lebhaft sind, ich spreche nicht Politik. Ebensowenig bei dem französischen Botschafter Lozé, bisher Polizeipräsident von Paris, der absolut keine diplomatischen Manieren hat. Abends Diner von Lichnowsky im Jockey-Club. Es nimmt daran teil Finanzminister von Plener, bisher der Führer der Deutsch-Liberalen Österreichs; er ist sehr gescheit, aber nicht übermäßig sympathisch. Wir unterhalten uns über englische Politik.

21. Mai 1894.

Feierlicher Empfang beim Kaiser Franz Joseph. Spanische Etiquette! Abholung im Galawagen durch Kämmerer Graf Karl Kinsky. Die Wache tritt ins Gewehr. Die Leibwachen von Österreich und Ungarn in Gala präsentieren oben im Vorsaal, die ganzen Hofstaaten in Gala, ich werde allein zum Kaiser eingelassen, nachher stelle ich meine Herren von der Botschaft vor, die in zwei Galawagen folgten. Es ist bei solchen Gelegenheiten wirklich schwer ernst zu bleiben! Ich sage dem Kaiser in meiner Anrede, daß ich es für meine heiligste Pflicht halten werde, die bestehende Freundschaft zwischen den beiden Monarchen und Ländern zu pflegen, und daß ich die friedliche Tendenz, die ich in meinen bisherigen Stellungen verfolgt und zum Ausdruck gebracht habe, in besonderem Maße hier in Österreich werde gelten lassen. Der Kaiser äußerte mir sein besonderes Vertrauen in sehr liebenswürdigen Worten. Im Laufe der Unterhaltung über äußerliche Dinge wendete sich das Gespräch auf die »Strikes« in Mähren. Der Kaiser sah sehr schwarz in bezug auf die sozialen Verhältnisse und stimmte mir bei, daß eine Entscheidung durch Waffengewalt und vereinbarte Gesetzgebung der Monarchie gegenüber der Sozialdemokratie allein nur Klärung in die soziale Frage zu bringen vermöge.

22. Mai 1894.

Besuch des Prinz-Regenten von Bayern bei Augusta. Er ist voller Anhänglichkeit, und ich habe mich bemüht, ihm darzutun, daß die landwirtschaftlichen Kalamitäten Bayerns sich durchaus nicht mit den Verlegenheiten messen könnten, welche in Preußen auf die innere Lage drückten. Auch er sprach besorgt über die sozialen Verhältnisse und war erschreckt über die Maifeier, an welcher sich 25000 Sozialdemokraten beteiligten.

Besuch beim Grafen Kálnoky. Ich lerne im Vorzimmer den türkischen Botschafter Zia-Pascha und die Gesandten von Serbien, Portugal und Belgien kennen.

Graf Kálnoky sprach in viel zuversichtlicherer Weise über eine demnächst glückliche Erledigung der Ehegesetzgebung in Ungarn als die meisten andern Politiker, deren Urteil ich hörte. Ich nehme an, daß es dem Grafen erwünscht ist, nicht bei mir den Schein zu erwecken, als sei seine Stellung im geringsten durch die Lage in Ungarn berührt. Tatsächlich aber ist Graf Kálnoky in Verlegenheit. Finanzminister Herr von Plener äußerte vertraulich sogar, daß Graf Kálnoky »zurückgehe«.

Die Behauptung des Grafen, daß das Ehegesetz durch eine »Verzettelung« der Magnaten, welche bisher gegen das Gesetz gestimmt hätten, sichere Annahme finden würde, wird durch die Anschauung anderer Persönlichkeiten, welche Einblick in die bestehenden Verhältnisse haben, widerlegt.

Der Kaiser hat sich zu Herrn von Plener in einer Weise geäußert, daß an dem Wunsch des Monarchen, das Ehegesetz zu verhindern, nicht zu zweifeln ist. Das sind offenkundige Gegensätze zwischen dem Kaiser und Kálnoky.

Besuch beim Nuntius Agliardi, der mich sehr warm und freundschaftlich begrüßt und auf die Fortsetzung unserer guten Beziehungen in München rechnet. Er scheint sich in Wien nicht übermäßig wohl zu fühlen. Danach Besuch beim bayerischen Gesandten Grafen Bray, der bald 90 Jahr alt und total taub ist.

Ich mache mit Augusta bei der französischen und bei der englischen Botschafterin Besuche. Nachher mit Ratibor und Lichnowsky zum Rennen gefahren. Viel Bekanntschaften gemacht. Abends 8 Uhr nehme ich von dem Prinzregenten Abschied auf der Bahn.

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