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Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid5552a445
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»Umsonst«

Eine politische Arbeit gegen und für den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand

Einführung.

In einem von mir an Kaiser Wilhelm II. am 21. August 1897 gerichteten Brief sage ich am Schluß meiner Betrachtungen über die komplizierte innere Lage Österreichs und die schwankende Gesundheit des nun 67 Jahre alten Kaisers Franz Joseph:

»Ich möchte auch – im Hinblick auf eine Überraschung, die uns der plötzliche Tod Kaiser Franz Josephs bereiten könnte – in Erwägung stellen, einen Kurier stets fertig zu halten, der sofort nach Petersburg fahren könnte. Wir hätten, wenn ein solches Ereignis einträte, keine Minute Zeit zu verlieren, um das Prävenire zu spielen – vor Erzherzog Franz Ferdinand, der bis in die tiefsten Knochen Russe ist ....«

Angesichts dieser drohenden Möglichkeit, die unsere gesamte bisherige Bündnispolitik über den Haufen werfen müßte, sah ich meine wesentlichste politische Aufgabe darin, den »russischen« Erzherzog dem deutschen Bündnis zu gewinnen, bevor der alte Kaiser die Augen für immer schloß.

Stammbaum

 

Diese Aufgabe schien mir zunächst unüberwindlich, denn der Erzherzog wich mir geflissentlich aus. Er glaubte in Berlin Kränkungen erfahren zu haben, die ihm absichtlich, nicht etwa versehentlich, zugefügt seien, um ihm zu markieren, »daß wir mit seiner Haltung unzufrieden seien«.

Wir waren allerdings mit ihm »unzufrieden« – und hatten allerdings auch allen Grund dazu, denn es hängt sich an jeden Thronfolger die Partei der Mächtigen, d.h. der mit der Politik des Herrschers Unzufriedenen, der Ehrgeizigen, Ruhmsüchtigen, Eiteln, Mißgünstigen, die mit dem vorschreitenden Alter des Herrschers selbst älter werden und ungeduldig feststellen, daß ihre Zeit der Wünsche verstreicht, ihre besten Lebensjahre, ihre Kraft im Warten sich verzehrt und sich schon die jüngere Generation hinter ihnen ansammelt, um zu ernten, was sie als ihr »Recht auf Ernte« beanspruchen.

Das habe ich unter dem »alten Kaiser« in Berlin erlebt, wo hinter der Maske grenzenloser Verehrung in manchen Kreisen sich der Haß ansammelte.

In Wien war es nicht anders, und das Berliner Schreckgespenst mit dem Kaiser, der es fertiggebracht hatte, 91 Iahre alt zu werden, stellte sich immer drohender vor die Phantasie der Wiener Wartenden, da Kaiser Franz Joseph sich unleugbar einer guten Gesundheit erfreute und unter Umständen, ebenso wie der alte Kaiser Wilhelm, die Nachfolger noch 25 Jahre lang an der Nase herumführen konnte.

Stand jedoch in Berlin hinter dem Thronfolger »nur« die liberale Partei, die deutsch war und deutsche, »wenn auch liberale« Wünsche hatte, so berührte in Wien die Frage der Erbschaft nicht nur politische Parteien, sondern Sonderbestrebungen von Völkern. Es rangen in Wien Deutsche, Ungarn und Slawen um die Macht der Zukunft, und der Thronfolger bildete, je nach der Seite, der er sich zuwendete, gegenüber Deutschland einen Feind oder einen Freund. So war er, gekränkt durch unvorsichtige Äußerungen Kaiser Wilhelms, noch mehr, noch fester an die Seite der Tschechen gedrängt worden, als er ohne dieses zu ihnen mit seiner »privaten Sympathie« gehörte. Das bedeutete also nichts mehr und nichts weniger als die Tatsache, daß der Thronfolger Österreich- Ungarns nach Rußland orientiert war und zugleich Deutschland, nach der Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages im Jahre 1890, die Brücken nach Petersburg abgebrochen hatte.

Unser Bündnis mit Österreich schwebte daher auf den Atemzügen des alten Kaisers Franz Joseph. Eine furchtbare Gefahr drohte uns von seinem Thronfolger, und ich sah keine Verbindung, die ich zu einem Erzherzoge finden konnte, der dem deutschen Botschafter nun schon durch mehrere Jahre auswich, ihn nur bei den beiden, von mehr als tausend Personen besuchten Hofbällen im Winter durch eine kühle Verbeugung beehrte.

Ich wußte sehr wohl, welche Gefahr uns mit dem Augenblick drohte, da Kaiser Franz Joseph seine Augen für immer schloß: die Koalition Österreich-Rußland- Frankreich mußte uns erwürgen. Alles stand für uns auf dem Spiel, wenn ich nicht diesen harten, bösen und klugen Erzherzog gewann, der unnahbar, ja feindlich dem Vertreter des deutschen Kaisers gegenüberstand, des Kaisers, von dem er, in seiner nervösen Empfindlichkeit und maßlosen hochmütigen Eitelkeit, sich tödlich beleidigt fühlte. Und um so mehr war es notwendig, ihn zu gewinnen, als für ihn durch seine Stiefmutter, die intrigante »Deutschhasserin« Erzherzogin Marie Therese, Eheverbindungen gesucht wurden, die uns auch feindlich waren. Das Projekt einer Ehe mit der Prinzessin Helene von Orleans war gottlob schon 1894 an dem starken Eigenwillen des Erzherzogs gescheitert.

Aus Briefen des deutschen Botschafters Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertefeld.

An Kaiser Wilhelm ll.

Wien, 6. Januar 1899.

... Die Beziehungen des Kaisers zu seinen Neffen Franz Ferdinand und Otto haben sich in der letzten Zeit eher verschlechtert als verbessert. Er kann beide nicht leiden. Die schlechte Meinung, die er von ihnen hat, ist so weit in das Publikum gedrungen, daß vor einigen Tagen wieder das törichte Gerücht durch Wien lief, der Kaiser habe die Erbfolge zugunsten seiner Tochter (!), der Erzherzogin Valerie, tatsächlich geändert.

Erzherzog Otto tritt, nachdem sein Bruder sich wieder zu den Gesunden zählen läßt, auffallend zurück. Da ihm jedwedes ernstere Gespräch oder alles, was auch nur im Entferntesten an einen Zwang erinnert, ein Greuel ist, so ist ihm dieses Zurücktreten ein wahrer Genuß.

Erzherzog Franz Ferdinand spielt eine allgemein verstimmende Rolle. Niemand weiß genau, wie er denkt, aber man hat eine schlechte Meinung von ihm – nach wie vor. Die Ungarn hassen ihn, und die (von Wien ausgehenden) Versuche, das schlechte Verhältnis als gebessert darzustellen, haben keine Wirkung. Jetzt soll er auch plötzlich deutsch-freundlich geworden sein. Daran glaube ich noch nicht, wenn es auch Probst Marschall, der Beichtvater des Hauses Karl Ludwig, einem Bekannten von mir gesagt hat. Höchstens könnte diese vermeintliche Änderung eine prinzipielle Wendung gegen alles das bedeuten, was der Kaiser tut. Andererseits ist der Erzherzog jetzt wieder eng mit Franz Thun Graf Thun, Tscheche, Statthalter des Königreichs Böhmen. befreundet, nachdem diese Freundschaft während der Zeit des Amtierens des Grafen als Obersthofmeister des Erzherzogs infolge der beliebten Wutausbrüche des hohen Herrn gelitten hatte. Während der letzten Lebenstage der Gräfin Franz Thun hat der Erzherzog noch à trois häufig dort gegessen und nachher Tarock gespielt. So dürfte vielleicht der Gedanke, den Grafen Thun einst an die Stelle Goluchowskis Graf Goluchowsky, Minister des Kaiserlichen Hauses und des Äußern., des Verhaßten, zu setzen, wieder in dem Kopfe des Erzherzogs lebendig geworden sein.

Wenn ich nun schließlich melde, daß die Erzherzöge mit dem größten Teil der reichen Wiener Gesellschaft die Flucht ergriffen haben, um in Abbazia, Meran oder an der Riviera die ihrer Komplexion zusagende Zerstreuung zu finden und der unerträglichen schwarzen Trauer Kaiserin Elisabeth war am 12. September 1898 in Genf ermordet worden. (Siehe meine Aufzeichnung »Mord«.) in Wien den Rücken zu wenden, so habe ich über die Personalia, die hier die erste und entscheidende Rolle spielen, alles gesagt, was wohl zu sagen wäre.

Daß Erzherzog Ludwig Victor Der jüngste unvermählte Bruder des Kaisers. der hiesigen Gesellschaft den Wunsch ausgesprochen hat, täglich irgendwo mit sechs älteren Damen zum Essen geladen zu werden, solange die Trauer dauert, dürfte wenig in Erstaunen setzen. Seine Gedanken sind so absolut alten Damen homogen, daß man sich nur immer von neuem über seinen Schnurrbart und die Generalsuniform wundern kann ...

An Staatssekretär B. von Bülow.

Wien, 26. Mai 1899.

Mein lieber Bernhard, es erscheint mir notwendig, dich vor Ankunft des österreichischen Thronfolgers in Potsdam über alles das aufzuklären, was dieser Fahrt vorangegangen ist. Du hast wohl die Güte, Sr. Majestät das mitzuteilen, was allerhöchstdenselben interessieren könnte. Ich weiß nicht, wo ein Brief von mir den Kaiser in diesen Tagen erreichen würde.

Der beabsichtigte Besuch des Erzherzogs in Potsdam wurde in ein gewisses geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Das lag daran, daß Franz Ferdinand die Absicht hatte, incognito zu seiner Schwester Württemberg zu fahren. Da aber der Erzherzog genötigt war, seine Reise anzuzeigen, erklärte Kaiser Franz Joseph, daß der Erzherzog nur nach Potsdam fahren könne, wenn er sich bei Sr. Majestät melde Herzog Albrecht von Württemberg, der Gatte der Erzherzogin, hatte damals ein militärisches Kommando in Berlin-Potsdam.. Da dieses ganz und gar nicht der Zweck dieser Fahrt war, so ventilierte der Erzherzog nun die Möglichkeit, überhaupt nicht nach Potsdam zu reisen. Hierin wurde er auf das Lebhafteste von der Erzherzogin Marie Therese Die Stiefmutter des Erzherzogs, geb. Prinzessin von Braganza. unterstützt, während die zufällig aus Anlaß der Enthüllung des Albrecht-Monuments anwesende Schwester Württemberg für den Besuch plädierte.

Der Grund einer deutschen Gegnerschaft der Erzherzogin Marie Therese ist in erster Linie in religiösen Fragen zu suchen. Sie ist, wie bekannt, fanatisch katholisch und konstruiert sich in ihrer Scheuklappenpolitik einen großen Kampf, der durch die Gegensätze des verbissenen, leidenschaftlichen, streng-katholischen Franz Ferdinand zu unserem protestantischen Kaiser eingeleitet, einen Triumph des katholischen Österreich herbeiführen soll.

Die recht gescheite und durch den Verkehr mit dem sehr vernünftigen Manne in deutsche Interessen gezogene Schwester (Württemberg) des Erzherzogs gleicht nach Möglichkeit die Schwierigkeiten aus, ohne sie doch überwinden zu können. Ich zweifle nicht daran, daß sie, politisch von uns benutzt, Gutes wirken kann; doch darf man hierbei niemals vergessen, daß sie, sehr katholisch und im Grunde ihres Herzens österreichisch, nur mit großer Vorsicht und unter Schonung ihrer angeborenen Heiligtümer verwendet werden kann.

Der Gegensatz zwischen dem Erzherzog Franz Ferdinand und unserm Herrn ist deshalb ein kaum zu überwindender, weil maßloser Hochmut die alte Weltanschauung des Erzherzogs niemals in Einklang zu der modernen Anschauung unseres Kaisers bringen kann. Das tief religiöse Gefühl unseres Kaisers, welches eine Art Brücke zu einer mehr objektiven katholischen Natur, wie sie sich in Kaiser Franz Joseph darstellt, bildet, stellt sich dem Erzherzog mehr als das Ketzertum eines Philipp von Hessen gegenüber Karl V. dar.

Der Erzherzog äußert deshalb in vertrautem Kreise unverhohlen seine antipathischen Empfindungen gegen das Wesen unseres Kaisers, zollt jedoch der geistigen Befähigung desselben Anerkennung, und auf dieser letzteren Basis wäre eine Art Verständigung denkbar, wenn man dem Erzherzog zugleich die größtmöglichen Ehren in Berlin erweist.

Er hat eine Bemerkung unseres Herrn noch nicht vergessen, die ihn fürchterlich tief verletzte. Es war jener Empfang auf dem Bahnhof in Berlin vor einigen Jahren, wo Se. Majestät dem Erzherzog sagte: »Bilde dir nicht ein, daß ich zu deinem Empfang gekommen bin – ich erwarte den Kronprinzen von Italien.«

In der außergewöhnlich hochmütigen Natur des Erzherzogs ist der Stachel dieser »Beleidigung« geblieben. Herzog Albrecht von Württemberg, sein Schwager, sagte mir hier, daß diese Geschichte jetzt vergessen sei – »so gut wie vergessen«.

Eine andere Bemerkung des Kaisers hat ebenso getroffen und ist augenscheinlich benutzt worden, um die Kluft zwischen den beiden Herren zu erweitern. Seine Majestät hatte bei der letzten Anwesenheit in Pest nach dem vertrauten Verkehr mit dem Erzherzog die Bemerkung gemacht: »Ich habe gar nicht geglaubt, daß Franz Ferdinand so gescheit wäre.« Der Erzherzog, dem man diese Bemerkung wiedererzählte, ist blaß vor Wut geworden und sagte: »Hielt er mich denn für einen Trottel?«

Ich kann nur konstatieren, daß Seine Majestät nach einer Familientafel in Pest zu mir sagte: »Ich wußte gar nicht, daß der Erzherzog so amüsant erzählen konnte – er war wirklich ganz charmant.« Aber leider sitzt die erste Version noch immer ganz fest, und ich fürchte, daß meine eifrigen Bemühungen, jene Worte als eine böswillige Verdrehung darzustellen, fruchtlos geblieben sind.

Ich zähle diese beiden Geschichten auf, weil sie symptomatisch für die eigentliche Stimmung sind. Nicht diese Geschichten vermochten diesen Gegensatz hervorzurufen: Hochmut und Neid sind die eigentlichen Krankheitserreger, und die Tatsachen werden diese Bazillen nicht beseitigen. Ein starkes Deutschland mit einem genial beanlagten Herrscher sind ein zu gutes Kulturfeld für die bösen Charakter-Bazillen, die den Erben der Habsburger Krone beherrschen.

Alle Bemühungen, ihn zu gewinnen, werden daher nur eine schwache Wirkung haben. Aber eine Art praktische Beurteilung aller Fragen wird an dem recht gescheiten Erzherzog nicht ganz abgleiten, und hierzu gehört auch der Weihrauch eines sehr glänzenden Empfanges.

An die Schilderung der Persönlichkeit des Thronfolgers möchte ich noch ein paar Worte über seine Politik anknüpfen.

In den Rahmen aller frondierenden Thronfolger gehört auch Franz Ferdinand. Wie er niemals das vergißt, was seine Eitelkeit verletzte, so wird er niemals vergessen, daß törichte Ärzte und ungeschickte Hofbeamte ihn während seiner letzten Krankheit zu den Toten legten, während er noch Lebenskraft genug besaß, um sich zu erholen. Er vergißt niemals Goluchowski, daß dieser ihn damals als quantité négligeable behandelte. Deshalb ist Franz Ferdinand politisch immer da zu finden, wo die Gegner Goluchowskis stehen. Während Goluchowski seine Reden für eine Annäherung an Rußland hielt, also im Sinne des Erzherzogs, schwieg Franz Ferdinand in politischer Hinsicht und machte den Grafen nur persönlich lächerlich. Letzteres setzt er auch jetzt unentwegt fort. Er hat deshalb nicht nur lediglich seinem Schwager Albrecht von Württemberg mit Genugtuung erzählt, daß unser allergnädigster Herr ihm gesagt habe: »Goluchowski ist ein Esel.« Diese Äußerung war – wenn überhaupt gemacht – unvorsichtig.

Als die Schwenkung der hiesigen inneren Politik nach der tschechischen Seite eine Fülle von Schwierigkeiten in der Monarchie zeitigte, stellte sich der Erzherzog auf die deutsche Seite, und Graf Thun, sein alter Freund, wußte es sehr geschickt einzurichten, daß die Schuld der politischen Wirrnis von seinen Schultern auf Goluchowski abgelenkt wurde. Jetzt, wo die Politik des Kaisers Franz Joseph sich von den übermütig gewordenen Tschechen abwendet, sucht Franz Ferdinand dieses Faktum gleichfalls gegen Goluchowski auszubeuten, indem dieser als unselbständig und unter deutschen (meinen) Einfluß geraten hingestellt wird. Hierzu hilft Thun, der mich unbequem findet. Von hier geht auch eine gegen mich gerichtete Aktion aus, welche bezweckt, die Kluft zwischen Franz Ferdinand und Deutschland zu verbreitern, nachdem man sich von der Vergeblichkeit der Erschütterung des Vertrauens des Kaisers Franz Joseph zu mir überzeugt hatte. Thun lehnt sich, sinkend, mehr an den Thronfolger an.

Aehrenthal, der ganz im Fahrwasser Thuns schwimmt – wenn er auch dessen Fähigkeit als Staatsmann verurteilte –, hat z.B. das Märchen verbreitet, ich spräche mich hier ungünstig über Franz Ferdinand aus. Dieses Märchen ist Franz Ferdinand hinterbracht worden. Ich brauche wohl nicht erst zu erklären, daß ich mich gehütet habe, zu Österreichern meine Meinung über den Thronfolger zu äußern!

Die Mißerfolge, die Goluchowski bei seinen Bestrebungen hatte, sich Rußland zu nähern, und die allein darin liegen, daß ein polnischer Ministerpräsident Österreichs in Rußland niemals ehrlich genommen wird, haben die Partei seiner Gegner vergrößert und gefestigt. Denn Goluchowski findet, trotz seiner katholischen Frömmigkeit, die Ultramontanen auf seinem Wege, die gegen den Dreibund Sturm laufen. Was ihn hält, ist das Vertrauen seines Kaisers. Wir würden einen Fehler begehen, wenn wir ihn trotz seiner verschiedenen Schwächen jetzt nicht unterstützten, wo die russische, antideutsche Partei ziemlich stark ist. Der Vorteil für uns liegt darin, daß Goluchowski wegen des Hasses von Franz Ferdinand nicht vor dieser russisch-feudalen-antideutschen Partei kapitulieren kann.

Um die komplizierte und nicht immer leicht zu durchschauende Lage noch zu verwirren, hat Franz Ferdinand die Südslawen (Slowenen, Kroaten, Dalmatiner) während seiner letzten Reise im Süden, wenn auch nicht gerade aufgehetzt, so doch sehr aufgeregt. Es zeigen sich dort seitdem starke russische Sympathien, und das »Königreich Slowenien« tritt mehr und mehr in den Vordergrund. Mit dieser Reise hat Franz Ferdinand Ungarn einen perfiden Streich gespielt. Ich weiß nicht, ob das in Pest richtig gewürdigt wird. Er hat eigentlich damit die slawische Frage in Ungarn aufgerollt Seinem Charakter traue ich zu, daß er dieses mit Bewußtsein tat. Ob er den Gedanken an die slawische Transformation der Habsburgischen Monarchie - worüber ich gelegentlich berichtet habe - in sich trägt, lasse ich dahingestellt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß er derartigen Plänen zugänglich gewesen ist, indem man ihm die Rache für 1866 in dem slawischen Kleide als aussichtsvoll im Anschluß an Rußland und Frankreich dargestellt hat.

Ich habe dir, lieber Bernhard, zugleich mit der hohen Persönlichkeit, die du in diesen Tagen in Berlin sehen wirst, die gesamte politische Lage in Österreich-Ungarn – mit der Franz Ferdinand so eng verknüpft ist – dargestellt. Es ist damit vielleicht mein Zweck erfüllt, die Bedeutung des Thronfolgers genau zu schildern.

Nach nun bald fünfjähriger Anwesenheit in Wien stehen mir so intime und so mannigfache Quellen zu Gebot, daß ich dir das vorstehende Bild wohl ganz genau geben konnte. Es ist ernst genug, und die Bedeutung des alten Kaisers Franz Joseph tritt uns – kaum in diesen Zeilen erwähnt – deutlicher daraus entgegen, als aus der eingehendsten Schilderung seiner eigenen Persönlichkeit, seines Denkens und Wirkens ...

 

An Kaiser Wilhelm ll.

Wien, 30. November 1899.

... Tassilo Festetics Mein Freund, Graf Tassilo Festetics, ist einer der größten Grundbesitzer Ungarns. Sein Wohnsitz ist Schloß Keszhely. Vermählt mit Mary, Tochter des Herzogs von Hamilton und der Prinzessin von Baden. erzählte mir viel Interessantes. Die drohende Ehe des Erzherzogs Franz Ferdinand mit Gräfin Chotek Gräfin Sophie Chotek. Hofdame der Erzherzogin Friedrich, geb. Prinzessin Croy. regt die Leute fürchterlich auf. Eigentlich glaubt jeder, daß sie zustande kommt. Zu Tassilo hat der Erzherzog im Frühjahr in Keszthely (wo er in drei Tagen 75 starke Böcke geschossen hat) gesagt: »Wenn ich die Ehe meines Bruders Otto sehe, so will ich nur eine Herzensehe oder gar keine schließen.« Nachher im Sommer ist seine Liebe zu einer Leidenschaft geworden (was ihn aber durchaus nicht abgehalten hat, in Pest sich alle schönen Tingel-Tangel-Damen kommen zu lassen, so daß selbst die Pester » jeunesse dorée« entsetzt war!). Letzteres erzählte mir der nette älteste Sohn von Louis Apponyi (und der Gräfin Margarete Seherr). Dieser war zwei Jahre Adjutant in Wien bei Erzherzog Ludwig Viktor gewesen und behauptet, es sei unbeschreiblich, wie verhaßt alle Erzherzöge in Ungarn seien. Man achte und liebe nur den alten Kaiser – und ließe Erzherzog Josef sein törichtes Leben. Sonst niemand.

Die Möglichkeit, daß Erzherzog Franz Ferdinand die Chotek einst zur Kaiserin machen wolle, ziehen alle gleichfalls ernsthaft in Erwägung, während ich aus der Nähe des Erzherzogs Otto (seines Adjutanten) weiß, daß dieser wieder mehr mit der Eventualität, Kaiser zu werden, rechnet, und daraufhin nachdenklich immer ein Glas Kognak nach dem andern trinkt.

Gräfin Mary sagte mir mit einem ziemlich scharfen Gesicht: »Huldigen werden wir einer Kaiserin Chotek nicht!« Ich begreife das....

Notiz.

Wien, Februar 1900.

Die Gefahr, den Thronerben Österreichs, der völlig von russischen Sympathien erfüllt war, in schroffstem Gegensatz zu Kaiser Wilhelm zu sehen, war immer noch groß. Schlösse jetzt der alte Kaiser seine Augen, so würden wir uns sofort gegenüber einer Koalition Österreich – Rußland – Frankreich sehen. So stand es – und es galt, den Thronfolger mit Kaiser Wilhelm ernstlich und tatsächlich zu versöhnen, womöglich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Naturen herzustellen, die beide von einer übermäßig hohen Einschätzung ihrer Macht, ihres Geistes, ihrer Befähigung auf allen Gebieten erfüllt waren, ja, von ihren Anschauungen in einem Maße überzeugt waren, daß sie, im Gegensatz zueinander, nur unheilvoll wirken mußten, wenn der alte Kaiser starb.

Aber wie war der Erzherzog »anzupacken«, der mir sehr absichtlich auswich? Er vermied meine Nähe bei den Hoffesten, und wo sich sonst eine Gelegenheit fand, ihm zu begegnen. Eine Mittelsperson war nicht zu finden. Meine Freunde, die ich mit einer Mission zur Herstellung besserer Beziehungen hätte betrauen können, befanden sich in der Umgebung und bei der »Partei« des Kaisers Franz Joseph. Dieser Partei aber stand der Erzherzog feindlich gegenüber, denn er wußte nur zu genau, daß der Kaiser ihn nicht liebe. Das waren für mich fast unüberwindliche Schwierigkeiten, und doch war ich mir bewußt, daß die Aufgabe dieser Versöhnung zur Zeit wichtiger war als alle andern, recht komplizierten Fragen der Politik, die durch die verschiedenen Strömungen in der Wilhelmstraße mir überdies nicht gerade leicht gemacht wurden.

So stand es seit einigen Jahren und quälte mich noch bei Beginn 1900. Sollte es mir nicht in der gegenwärtigen Saison gelingen, den Erzherzog bei irgendeiner Gelegenheit zu »stellen«, so mußte ich wohl alle Hoffnung aufgeben, denn die Intrigen seiner Freunde gegen mich nahmen stetig zu. Würde mir jedoch die Möglichkeit geboten, ein einziges Mal den Erzherzog in eine Unterhaltung zu verwickeln, so war ich meiner Sache gewiß. Mir ist selten ein Fisch durch meine Netze gegangen, der eitel war. Und Eitelkeit ist die unbewußte lange Nase vieler Fürsten und Herrn aus regierendem Hause.

Aber es stand in den Sternen geschrieben, daß diese Stunde schlagen sollte. Es war auf dem großen Hofball in der Burg im Januar. Eine Welle von bediademten Fürstinnen, denen ich mich conversando: widmete, warf mich, gedeckt durch einen dicken Pfeiler des Saales, plötzlich neben den Erzherzog, der, ziemlich eingedrängt durch eine Gruppe Tänzer, an der anderen Seite des Pfeilers stand.

Ich machte ihm eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, die er höflich erwiderte, – und sagte ihm, »daß ich glücklich sei, ihm zu begegnen, da es mich lange schon drücke, ihm nicht sagen zu können, wie unendlich mich das von ihm veröffentlichte Werk über seine Weltreise interessiert, ja begeistert habe«. Das genügte, das Eis war gebrochen. Er sprach – er sprach sogar viel. Ich schwärmte von seinem Aufenthalt in Indien – er noch mehr und schüttelte mir freundschaftlich die Hand, als das Fest schloß.

P. E.-H.

 

An Staatssekretär B. von Bülow.

Wien, 15. Januar 1900.

Lieber Bernhard! Es ist Dir vielleicht erinnerlich, daß ich Dir von Treibereien in Wien sprach, die darauf gerichtet waren, einen Gegensatz zwischen mir und Erzherzog Franz Ferdinand zu konstruieren. Ich kann mir sehr wohl denken, daß einer gewissen deutschfeindlichen Partei, die in Böhmen bei den Feudalen ihren Hauptsitz und ihre Freunde in dem Triumvirat Nuntius, Kapnist Graf Kapnist, russischer Botschafter. und Reverseaux Marquis de Reverseaux, französischer Botschafter. hat, meine feste Stellung Bei den beiden Kaisern. unbequem ist. Die Kundgebungen aufrichtiger Freude über den hohen Gnadenbeweis Sr. Majestät für mich am Neujahrstage Meine Erhebung in den Fürstenstand., die immer noch nicht ruhen und wirklich sehr unerwartete Dimensionen angenommen haben, geben vielleicht die Erklärung, weshalb jene Gesellschaft mir übel will.

Es war nicht ungeschickt, mir womöglich in dem Erzherzog und allen denjenigen, die sich bei der Häufung der Jahre des alten Kaisers Franz Joseph der neuen Sonne bereits zugewendet haben, eine Gegenpartei zu konstruieren. Es gelangte sogar einmal an mich das Gerücht, man habe dem Erzherzog hinterbracht, daß ich mich in abfälliger Weise in Wien über ihn geäußert habe. Wenn ich auch eine so kolossale Ungeschicklichkeit niemals begangen habe, so wäre ja bei dem sehr eitlen und über seine Stellung als Thronfolger empfindlich wachenden hohen Herrn die Wirkung solcher Mitteilung ziemlich eindrucksvoll gewesen. Ein gewisses Ausweichen des Erzherzogs, der von allen Botschaftern nur Kapnist zu kennen schien, mußte mir auffallen.

Es war mir deshalb lieb, bei dem letzten Hofball eine Gelegenheit gefunden zu haben, den Erzherzog durch ein Gespräch zu fesseln und ihn durch den Inhalt desselben aus einem Ideenkreise zu ziehen, der ihn möglicherweise gefangenhielt. Das ist mir vollkommen gelungen. Der Brief des Erzherzogs, den ich heute erhielt – zu meiner großen Überraschung – zeigt mir, daß jedes Mißtrauen gewichen ist, ... aber der Brief zeigt auch, daß jene Mißverständnisse, die eine Zeitlang den Erzherzog in eine, unserem allergnädigsten Herrn entgegengesetzte Richtung trieben, nun definitiv beseitigt sind.

Ich halte das für eine glückliche Wendung, weil es uns möglicherweise eine Überraschung erspart, wenn Kaiser Franz Joseph einmal plötzlich die Augen für immer schließen sollte. Der leidenschaftliche, aufbrausende und zu unüberlegten Handlungen neigende Charakter des Erzherzogs hätte uns bei andauernder Verstimmung gegen Se. Majestät vor ein ganz plötzliches Abschwenken vom Dreibund nach Rußland und Frankreich stellen können.

Jetzt liegt die Sache anders. Der Erzherzog empfindet, wenn auch nicht Liebe, so doch Bewunderung für Se. Majestät. Ich habe den Erzherzog auf seine Weltkenntnis, seine überseeischen Erfahrungen angeredet und diese Eigenschaften in Parallele zu der Weltpolitik unseres Herrn gebracht. Das Band, das auf dieser Basis fortgesponnen wird, reißt nicht so leicht. Ihn »groß« zu fassen, ist das Sesam zum Öffnen der Tür des Hauses, welches so viel explosible, gefährliche Stoffe enthält.

Den Erzherzog nach Möglichkeit heranzuziehen und ihn mit Ehren, Aufmerksamkeiten zu überschütten (leider ist er hier nicht Admiral, denn alles, was auf dem Seegebiet für ihn in Berlin geschehen könnte, würde am meisten wirken!), das ist wohl vom Standpunkt unserer Politik richtig und nötig, so lange wir noch an die österreichisch-ungarische Monarchie glauben. Ein Thronerbe, dessen Charakter unzuverlässig (und dazu rachesüchtig) ist, kann nur durch das gefesselt werden, was seiner Eitelkeit schmeichelt und ihm Spaß macht. Mit anderen Argumenten kann man nicht operieren.

P.S. Leider ist bezüglich der Affaire Chotek immer noch dieselbe Unklarheit wie bisher. Der Erzherzog will die Gräfin nicht aufgeben, der Kaiser wird täglich empfindlicher. Selbst gute Freunde des Erzherzogs wissen nicht mehr, was sie glauben sollen. Ich hoffe, daß die Sache sich, wie so viele andere, lösen wird.

... Das Ministerium Körber ist soeben gebildet worden und soll am nächsten Sonnabend vereidigt werden. Ich habe es unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit ( nota bene!) erfahren. Witek, Hartel, Welsersheim sind dabei ...

 

I. Anlage zu dem Brief an Bülow vom 15. Januar 1900.

An Erzherzog Franz Ferdinand.

Wien, 11. Januar 1900.

Ew. Kaiserliche Hoheit hatten die Gnade, mir zu gestatten, die Reisebriefe meines verstorbenen Onkels, des Ministers Graf Fritz Eulenburg aus Ost-Asien überreichen zu dürfen. Es gewährt mir dieses eine ganz besonders große Freude, nicht nur, weil ich aus Ew. Kaiserlichen Hoheit interessantem Reisewerke das Bewußtsein geschöpft habe, daß eine so fein beobachtende und weitsehende Natur Freude aus dem Beginn der Handelsverbindungen zwischen Mittel-Europa und Ost- Asien haben wird, sondern weil unsere letzte Unterhaltung in glänzender Weise den Geist bestätigt hat, der durch Ew. Kaiserlichen Hoheit interessantes Werk weht.

Ich gestehe, daß es lange schon mein Wunsch gewesen ist, Ew. Kaiserlichen Hoheit meine Bewunderung für das Werk auszusprechen, welches dem Geiste desjenigen entsprossen ist, der einst berufen sein wird, eines der mächtigsten und schönsten Reiche der Erde zu leiten, und darum werde ich mich auch stets jener Unterhaltung mit Freude erinnern.

Aber noch etwas anderes hat mich glücklich gemacht: das verständnisvolle Zusammenklingen auf dem Gebiete der großen Weltinteressen zwischen Ew. Kaiserlichen Hoheit und Sr. Majestät dem Kaiser Wilhelm, jener weite Zug, der sich nicht irremachen läßt durch die kleinen Miseren elender Interessen- und Partei- Politik. Ich erblicke darin ein gutes Wahrzeichen für das neue Jahrhundert – vielleicht das beste der neuen Zeit!

In diesem Sinne bitte ich Ew. Kaiserliche Hoheit, an meine treue Förderung zu glauben und mir die Bitte zu gestatten, daß Ew. Kaiserliche Hoheit stets über meine Kräfte verfügen mögen.

... (gez.) Fürst Eulenburg-Hertefeld.

 

II. Anlage zu dem Brief an Bülow vom 15. Januar 1900.

Von Erzherzog Franz Ferdinand. (Eigenhändig.)

Eckartsau, 13. Januar 1900.

Ew. Durchlaucht! Gestern erhielt ich das Reisewerk, sowie Ihren so freundlichen Brief und beeile mich, Ew. Durchlaucht hierfür meinen herzlichsten und wärmsten Dank auszusprechen. Schon beim ersten flüchtigen Durchblättern konnte ich mit Freude konstatieren, daß so viele Plätze, die ich von meiner Weltreise aus kenne, von Ihrem Onkel berührt wurden und die Beschreibung seiner Reise eine äußerst interessante und lebhafte ist.

Ich war ungemein geschmeichelt, daß sich Durchlaucht für mein Reisewerk interessierten und dasselbe gelesen haben, es ist ja nur ein ganz anspruchsloses Tagebuch, ich wollte es ursprünglich gar nicht der Öffentlichkeit übergeben, und nur dem Drängen einiger Freunde gab ich endlich nach, diese Notizen auch dem großen Publikum zugänglich zu machen.

Sehr glücklich bin ich auch, daß Durchlaucht bei unserem kurzen Gespräche Gelegenheit hatten zu bemerken, daß ich in allen Fragen, welche die großen Weltinteressen berühren, mich in vollkommener Übereinstimmung mit Ihrem allergnädigsten Herrn, dem Kaiser, befinde.

Se. Majestät, Kaiser Wilhelm, dessen Energie und Tatkraft mir immer die größte Bewunderung einflößt, ist aber auch stets besonders gnädig und herablassend für mich, und bei den Gesprächen, die er die Gnade hatte, mit mir zu führen, erfüllte es mich mit besonderer Freude, daß Höchstdieselben sich so eingehend mit mir aussprachen.

Meinen Dank wiederholend, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen Ew. Durchlaucht aufrichtig ergebener

(gez.) Eh. Franz.

III. Anlage zu dem Brief an Bülow vom 15. Januar 1900.]

An Erzherzog Franz Ferdinand.

Wien, 14. Januar 1900.

Ew. Kaiserliche Hoheit wollen mir gnädigst vergeben, wenn ich meiner großen Freude über Ew. Kaiserlichen Hoheit so gütiges Schreiben einen vielleicht etwas breiteren Ausdruck gebe, als die kostbare Zeit Ew. Kaiserlichen Hoheit es verträgt.

Ew. Kaiserliche Hoheit sprechen Sich so offen und der Beziehungen zwischen Ew. Kaiserl. Hoheit und Sr. Majestät dem Kaiser, meinem allergnädigsten Herrn, so warm gedenkend aus, daß ich es wage, auch ganz offen in meinen tiefgefühlten und aufrichtigen Dank ein Wort einzuflechten, welches dazu beitragen kann, fördernd zu wirken. Fördernd dasjenige, was ich als treuster – ja leidenschaftlicher – Freund des herrlichen Österreich auch mit Leidenschaft vertrete: die Freundschaft zwischen dem mächtigen Erben der habsburgischen Krone und Kaiser Wilhelm – zwischen den zwei selten aufgeklärten und weitblickendsten Fürsten, die Europa besitzt.

Es gibt in Österreich (auch in Deutschland) Leute, die ein Interesse gezeigt haben, trennend auf die Beziehungen Ew. Kaiserl. Hoheit und mir, dem Vertreter des deutschen Kaisers, einzuwirken.

Ich wage es, Ew. Kaiserl. Hoheit zu bitten, Insinuationen in dieser Hinsicht stets auf das richtige Niveau der Verleumdung hinunterdrücken zu wollen, wenn solche an Ew. Kaiserl. Hoheit herantreten sollten. Als Edelmann wäre es unwürdig, Politik gegen einen hohen Herrn in Ew. Kaiserl. Hoheit Stellung zu machen. Als Diplomat so ungeschickt, daß man mich fortjagen müßte.

Nein, ich wiederhole meine ausgesprochene Bitte mit großer Wärme: Betrachten Ew. Kaiserl. Hoheit mich als jemand, der es für eine seiner schönsten Pflichten hält, den Interessen Ew. Kaiserl. Hoheit im Interesse seines kaiserlichen Herrn und seines Vaterlandes dienen zu können.

... (gez.) Fürst Eulenburg-Hertefeld.

 

An Kaiser Wilhelm II.

Wien, 17. Februar 1900.

... Die leidige Angelegenheit Franz Ferdinand – Chotek ist immer noch in der Schwebe. Nachdem ich in der letzten Zeit eher den Eindruck hatte, die Sache verliefe sich im Sande, erfahre ich jetzt, daß der Kaiser und Erzherzog Rainer (letzterer wohl nur aus allgemeinem Interesse) sich eingehende Gutachten über die Thronfolgerfrage im Hinblick auf eine solche Ehe von den namhaftesten Juristen eingefordert haben. Dieses ist ein Faktum.

Der Erzherzog ist, nachdem er in persönlichen Kontakt mit mir getreten ist, von größter Liebenswürdigkeit und Offenheit. Wünschen möchte ich nur, daß der hohe Herr mehr Vertrauen verdiente. Aber er redet jeden Tag anders und steckt überall seine Finger hinein, so daß niemand auf ihn baut und niemand ihn ernst nehmen will. Die Hauptsache für uns ist, ihn für die Eventualität und den Augenblick des Thronwechsels zu gewinnen. Ew. Majestät haben dieses ja nun glänzend gelöst. Der Erzherzog schwärmt jetzt für Ew. Majestät ... Der Kaiser ernannte ihn zum deutschen Admiral, was ich dringend geraten hatte.

Wien, 22. März 1900.

... Ich hatte die Gelegenheit, nach langer Pause Frau Kathi Schratt Die bekannte Freundin des Kaisers und der Kaiserin Elisabeth. Hofschauspielerin. Von ihrem Gatten Baron Kiß getrennt. vertraulich zu sprechen. Da mir bekannt geworden war, daß mich das Ministerium Thun als »gefährlich« überwachen ließ und ich mir dachte, daß diese Überwachung vielleicht zu einer Gewohnheit der hohen Polizei geworden sein konnte, so hatte ich ein sehr langes Intermezzo in meinem Verkehr mit Frau Kathi eintreten lassen. Es war besser so für mich und für sie.

Ich fand die gute Frau recht nervös, aber tiefer eingeweiht in alle den Kaiser betreffenden Dinge als jemals zuvor. Sie weiß, daß ich in Anbetracht der deutschen Richtung, der sie angehört, ihren Verkehr mit dem armen alten Herrn billige und ihm von Herzen diese einzige Erholung gönne. Darum ist sie von einer grenzenlosen Offenheit mit mir.

Sie sagte mir über die Vorgänge im Kaiserhaus folgendes: »Der Kaiser ist durch die Heirat der Kronprinzessin Die Kronprinzessin-Witwe, Erzherzogin Stephanie heiratete den Grafen Elimer Lonay. sehr nervös geworden. Die Sache war ihm äußerst unangenehm, dann war ihm die Trennung leid, – aber schließlich wurde ihm das ewige Hinausschieben, das Getratsch und Gerede ganz unerträglich. Es ist gut, daß die Sache tant bien que mal jetzt ein Ende hat.

Mit Erzherzog Otto geht es trotz aller kleinen Ärgernisse noch leidlich. Er ist wenigstens gutmütig und rücksichtsvoll gegen den Kaiser.

Bezüglich des Erzherzogs Franz Ferdinand ist der Zustand völlig unerträglich. Nachdem die häufigen Versuche, den Kaiser zu einer Zustimmung zu der Ehe mit Gräfin Chotek zu bewegen, immer fehlschlagen, hat der Erzherzog neuerdings fromme Seiten aufgezogen. ... Der Kaiser ist noch fest, aber er fängt an zu schwanken. Wenn man immer wieder kommt, so sagt er schließlich ja. Das war das Prinzip der Kaiserin Elisabeth. Und mit der Frömmigkeit kann man jetzt mehr bei ihm ausrichten als bisher.«

»Ich habe«, fuhr Frau Kathi fort, »dem Kaiser erzählt, daß der Propst Marschall Der Erzieher und Beichtvater des Erzherzogs Franz Ferdinand. mir stets gesagt habe, dem Erzherzog sei nicht zu trauen, wenn er den Frommen spiele.... Der Kaiser fängt aber an, den frommen Faxen Glauben zu schenken, und er quält sich Tag und Nacht mit der Sache.«

Soweit die Schratt. Ich muß nun folgendes dazu ergänzen: Vor einigen Tagen hat der Erzherzog der alten Hofdame aus dem Karl Ludwigschen Hause, Gräfin Stolberg, gesagt, er werde noch in dieser, jedenfalls aber in der nächsten Woche die Gräfin Chotek zu Dresden morganatisch heiraten. Sie werde wohl, wie seine eventuellen Nachkommen, den Titel einer Herzogin von Konopich bekommen. (Der Name seiner Herrschaft in Böhmen.) Auf den Thron verzichte er nicht. Die Söhne Ottos würden sukzedieren. Er habe nichts dagegen, wenn die Gräfin Stolberg dieses erzähle. Auch von anderer Seite erfahre ich, daß in der Tat der Erzherzog jetzt heiraten wolle.

Ich halte mich für verpflichtet, Ew. Majestät vorstehendes zu melden, ohne jedoch die Garantie für die Wahrhaftigkeit der Mitteilung des Erzherzogs an Gräfin Stolberg übernehmen zu können. Kein Mensch traut dem Erzherzog ein wahres Wort zu. Aber nach den Mitteilungen der Frau Schratt scheint jedenfalls die Sache in eine ernstere Phase getreten zu sein, und wenn er eingewilligt haben sollte, die Gräfin morganatisch zu heiraten, so ist damit vielleicht der Widerstand des Kaisers beseitigt worden.

Ich bin allerdings vollkommen davon überzeugt, daß der Erzherzog sich innerlich, in dem Falle einer solchen Ehe, vorbehält, die Gräfin nach seiner Thronbesteigung entweder zur Kaiserin zu machen – oder fortzujagen, falls ihm etwas anderes in den Sinn käme.

Kurz und gut – es kann einem bei dem Einblick in diese Interna der kaiserlichen Familie, welche der einzige Kitt zwischen allen Nationalitäten der Habsburger Monarchie bildet, übel und angst und bange werden.

In einem dienstlichen Bericht hatte ich gestern eine Bemerkung über die stark zunehmende kirchliche Richtung des Kaisers gemacht....

 

30. März 1900.

... Gestern besuchte mich Ministerpräsident Körber. Ministerpräsident Körber, ein Beamter deutschliberaler Färbung. Er begegnet mir stets vertrauensvoll und schüttete mir nun sein Herz über die schwierige innere Lage Österreichs aus. Zum Schluß sagte er mir, daß ihn auch die Eheprojekte des Erzherzogs Franz Ferdinand quälten. Das sei eine Beunruhigung aller Kreise, die in geradezu erschreckender Weise das dynastische Gefühl untergrabe und verletze. Er, Herr von Körber, sei zu der Überzeugung gekommen, daß es notwendig geworden sei, ein Ende zu machen, wie dieses auch ausfallen möge.

»In eine morganatische Ehe, die als fait accompli dem Lande mitgeteilt werde, würde sich die Bevölkerung leicht finden, da die Succession durch die Söhne des Erzherzogs Otto feststehe. Wenn also der Erzherzog in seinem entsetzlichen und gefährlichen Eigensinn bei der Absicht beharre, die Gräfin zu heiraten, so sei eben eine Sinnesänderung nicht mehr zu erwarten. Ein Verbot des Kaisers werde daran nichts ändern, höchstens die Ehe aufschieben und den unerträglichen Zustand verlängern.

Noch eine andere Erwägung käme in Frage: Schlösse Kaiser Franz Joseph – was Gott noch lange verhüten möge – die Augen, ehe die Sache geregelt sei, so werde ohne jeden Zweifel der Erzherzog die Gräfin zur Kaiserin machen, während nach eingegangener morganatischer Ehe bis zum Regierungsantritt manches andere geschehen sein würde. Jedenfalls werde aber die Erhebung der morganatisch angetrauten Frau zur Kaiserin gar nicht mehr in Erwägung gezogen werden. Der nahe Termin der Hochzeit, den der Erzherzog einigen alten Damen mitgeteilt habe, sei wohl ausgeschlossen. Aber man würde jetzt mit gewissen Eventualitäten rechnen müssen.«

Ich habe natürlich eine völlig passive, zuhörende Rolle bei diesen Mitteilungen gespielt, die mir – wenn auch ganz vertraulich gemacht – aus dem Munde des Ministerpräsidenten einerseits wie eine Vorbereitung auf ein zu erwartendes Faktum, andererseits wie ein Hinhorchen auf meine Meinung aussahen.

Interessant dabei ist folgendes: Propst Marschall, der Beichtvater und – so erfolgreiche! – Erzieher des Erzherzogs, hat gestern unseren Sekretär Baron Romberg gefragt, ob er authentisch wisse, wie Ew. Majestät über eine eventuelle Ehe des Erzherzogs mit Gräfin Chotek dächten? Er, Propst Marschall, wolle nicht gern direkt an mich gehen, aber es sei ihm wertvoll zu wissen, wie Kaiser Wilhelm wirklich darüber dächte. Romberg hat gesagt, »daß er nicht orientiert sei«.

Ich habe ihm folgendes zur Mitteilung an Marschall gesagt: »Der Propst könne sich an seinen zehn fetten Fingern abzählen, wie Kaiser Wilhelm dächte. Aber unter keinen Umständen könne der deutsche Kaiser in einer so heiklen Familienangelegenheit des Habsburger Hauses und des Habsburger Staates eine Meinung äußern, welche als Einflußnahme gedeutet werden könne.«

Ich habe Romberg diesen Auftrag mit den Worten motiviert: »daß, wenn der Erzherzog trotz alledem heirate, er eine entgegenstehende Kundgebung des deutschen Kaisers diesem niemals vergessen werde. Das aber könne von weittragenden Folgen für die späteren Beziehungen der beiden Reiche sein.

Würde aber der Erzherzog nicht heiraten oder daran verhindert werden, so würde er ein gutes Teil der Schuld dem deutschen Kaiser zurechnen und auch dann diese Haltung nicht vergessen. Es käme also nur Schädliches heraus, wenn der Kaiser sich irgendwie äußere.«

Der Fühler des dicken Marschall ist nicht weniger interessant als die Mitteilung Körbers. Es unterliegt somit keinem Zweifel, daß die Sache in ein »brenzliches« Stadium eingetreten ist ...

 

... den 2. April 1900.

... Ich kann leider nur berichten, daß die Eheangelegenheit des Erzherzogs Franz Ferdinand sich anscheinend den Formen der Unabwendbarkeit nähert.

Propst Marschall wirft die Flinte ins Korn und hat die für seine geistliche Stellung sonderbare Äußerung getan: »Wenn der Erzherzog immer von Heiraten oder Totschießen spricht, so solle er lieber zur Pistole greifen!« Der gute Propst hat allerdings für den Fall dieser Ehe wenig Freundlichkeit als Erzieher zu gewärtigen.

Die Wünsche, Ew. Majestät zu einer Meinungsäußerung, beziehungsweise zu einer Einflußnahme auf den Erzherzog zu bewegen, werden von verschiedenen Seiten laut, aber von Kennern des Erzherzogs als eine äußerst gefährliche Maßregel im Hinblick auf die Zukunft angesehen. So, wie ich bereits in meinem letzten Brief Ew. Majestät meine Ansicht darüber aussprach. Ich lasse nirgends einen Zweifel bestehen, daß Ew. Majestät, wie ein jeder zur Monarchie gehörende Mann, die morganatische Eheschließung eines Thronfolgers nur verurteilen könne ...

 

Botschafter Fürst Eulenburg-Hertefeld an Ministerpräsident von Körber.

Wien, 25. April 1900

Hochverehrte Exzellenz. Als Sie die Güte hatten, mich kürzlich aufzusuchen, berührten Sie die Möglichkeit einer morganatischen Eheschließung des Erzherzogs Franz Ferdinand und sprachen die Ansicht aus, daß, wenn diese Ehe stattfinden sollte, eine baldige Heirat der Unruhe vorzuziehen wäre, in welcher man sich diesbezüglich jetzt hier allgemein bewege. Ich habe nun diese Ansicht auch von anderer Seite aussprechen hören und halte es demnach für nicht ausgeschlossen, daß in der Tat die Sache diese Wendung nimmt.

Angesichts solcher Lage möchte ich Sie nochmals ausdrücklich bitten, meine Ihnen diesbezüglich vertraulich und objektiv gemachten Äußerungen als ganz persönliche zu betrachten.

Ich vermag als Vertreter meines allergnädigsten Herrn ebensowenig wie Allerhöchstderselbe selbst eine Stellung zu der Angelegenheit zu nehmen, die eine viel zu interne österreichische, ja habsburgische ist, um eine offizielle oder auch nur offiziöse Äußerung eines fremden – wenn auch befreundeten – Monarchen oder seines Vertreters dulden zu können.

(gez) Philipp Eulenburg.

An Kaiser Wilhelm ll.

Wien, 22. Mai 1900.

... Je näher diese Katastrophe rückt, desto unheimlicher wird die Stimmung in der Gesellschaft und im Lande. Ein jeder empfindet den Schlag, der der Monarchie versetzt werden soll.

Zum erstenmal sprach Goluchowski ernsthaft und sehr aufrichtig mit mir über diese Frage, deren Berührung ich absichtlich vor ihm vermieden hatte. Er leugnete früher gegenüber jedermann alles, um Diskussionen aus dem Wege zu gehen, die nur peinlich gewesen wären. Dabei mußte mir nun seine in tiefstem Vertrauen gemachte Äußerung auffallen, daß das aufgeregte Benehmen des Erzherzogs ihn und die Minister Körber und Szell beunruhige. Ein normaler Mensch im Alter des Erzherzogs könne sich nicht so maßlos und sinnlos gebärden. Selbst bei großer Liebe und Leidenschaft hielte man doch gewisse Schranken ein. Er, der Minister, wolle mir als guter Freund (um Gotteswillen nicht amtlich!) zugestehen, daß er an den Beginn einer tuberkulösen Gehirnkrankheit glaube.

Das hat mir natürlich einen gewissen Eindruck gemacht. ... »Man kann nur Gott auf Knien bitten, daß dieser Mensch sterbe«, sagte mir Fürstin Pauline Metternich, »damit die Schmach Österreich erspart bleibe, die er der Monarchie und dem Lande zufügt.« So denken die meisten.

Daß der Kaiser aber nicht die Energie gefunden hat zu erklären: »Du hast die Wahl: entweder die Krone oder die Chotek!« – bleibt mir ein Rätsel. Hätte dann der Erzherzog die Krone darangegeben, so hätte er sich nicht umgebracht, weil er für das geliebte Weib leben wollte. Hätte er die Chotek geopfert, so hätte er sich auch nicht umgebracht, denn er will ja leben, um Kaiser zu werden. Es ist ganz sonderbar, »aus Angst vor einer Katastrophe nach Art des Kronprinzen Rudolf« nachzugeben und das Mittel in der Hand zu haben, die Ehre der Krone zu retten.

In diesem Lande ist eben alles anders wie bei uns, und für die Erziehung ist dieses Land und diese Dynastie zu alt....

 

Notiz für mich.

26. Mai 1900.

Die Ehe Franz Ferdinand.

Die staats- und familienrechtlichen Folgen für das Haus Österreich bezüglich einer Ehe des Thronfolgers mit der Gräfin Chotek trugen einen so komplizierten Charakter, daß bei einem plötzlichen Ableben des bejahrten Kaisers Vorgänge zu erwarten waren, die auch unser Bündnis tiefer berühren mußten, als die Allgemeinheit sie erwarten konnte. Davon war ich überzeugt und wendete deshalb den Vorgängen, die diese Liebesgeschichte zeitigte, eine viel eingehendere Aufmerksamkeit zu, als sie der unbeteiligte Politiker für erforderlich geachtet hätte. Es lag dieser meiner Aufmerksamkeit eine ähnliche Veranlassung zugrunde als diejenige, die ich der Frau Kathi Schratt zuwendete, denn auch dieser Einfluß – ob er blieb oder ging – warf Schatten oder Licht auf unser Bündnis, über das ich zu wachen hatte.

Mehr noch als mich mußte der erste Beamte Österreichs, d. h. der Ministerpräsident Herr von Körber, durch diese Vorgänge beunruhigt werden, denn ihm fiel die Rolle des Wächters über das Staatswohl zu, nachdem der Kaiser, ermüdet und dauernd belästigt, die Genehmigung zu der Eheschließung erteilt hatte – unter der Bedingung, daß die Krone Österreich dadurch in keiner weise tangiert oder alteriert werde. Der Ministerpräsident allein hatte daher die staatsrechtlichen Wirkungen der Sache zu prüfen, von denen weder der Hof selbst noch die hohen Hofchargen eine Ahnung hatten. Es hat mich oft belustigt, die Urteile aus diesen Kreisen zu hören, Unsinn, der mir in salbungsvoller »unumstößlicher« Form vorgetragen wurde.

Ich befand mich bei alledem in der schwierigen Lage, als Botschafter – wenn auch einer verbündeten, so doch fremden Macht – nicht in die Interna Österreich-Ungarns eingreifen zu sollen. Doch warf ich eines Tages solche Gepflogenheiten über Bord, da ich glaubte, das Vertrauen des klugen Herrn von Körber genügend erworben zu haben, um nicht durch »indiskrete« Fragen zu verletzen oder gar mich einem Refus auszusetzen. Ich stand ihm politisch nahe, er gehörte der deutsch-liberalen Partei an, die ohne jeden Rückhalt fest zu dem deutschen Reiche stand.

Unsere Besprechung in dem Ministerium des Innern – (dem von Prinz Eugen von Savoven, »dem edlen Ritter«, erbauten herrlichen Palais) – trug einen ebenso offenherzigen als vertraulichen Charakter, und Herr von Körber teilte mir alle Details der Verhandlungen mit, die zwischen den Regierungsorganen und dem Erzherzog stattgefunden hatten.

Anscheinend hatte der Erzherzog stark mit Drohungen operiert. Sich selbst totschießen war noch das Geringere. Bei der Zügellosigkeit seiner Leidenschaften und der Heftigkeit, die den Verkehr mit ihm sehr erschwerten, war es keine Kleinigkeit, einerseits ihm gegenüber Maß zu halten, andererseits zu erreichen, was dem Staat kein Unheil zufügen konnte.

Auf die Krone zu verzichten, kam für den ehrgeizigen Mann, der sich das Reich nach seiner Laune modeln wollte, nicht in Frage. Aber nun die Stellung seiner, des einstigen Kaisers, Gattin? Weshalb wollte der Kaiser nicht die uralte tschechische Familie der Chotek zu einer ebenbürtigen erheben? Die ungarische Verfassung sah überdies Ebenbürtigkeit der Königin nicht vor, usw.

Der Kaiser war von dem Verzicht auf den Thron allmählich abgegangen. Er wollte sich mit der morganatischen Ehe abfinden. Doch unter keinen Umständen sollten die Nachkommen ein Anrecht auf den Thron haben.

Darin lag schließlich jetzt die größte Schwierigkeit und der härteste Kampf, den der unglückliche Körber auszufechten hatte. Nicht etwa, weil der Erzherzog sich nicht einverstanden mit der morganatischen Ehe erklärt hätte, sondern weil die Form der schriftlichen Verpflichtung derart geschickt verklausuliert war, daß sich allerhand Hintertüren darin befanden, durch die er schlüpfen konnte. Es war der katholische Klerus, der in dieser Hinsicht mit äußerst geschickten Jesuiten arbeitete, um sich die unvergängliche Dankbarkeit des einstigen Kaisers zu sichern.

Aber Körber blieb hart und war in diesem Punkt nicht zu erweichen.

»Die Urkunde, in der der Erzherzog auf alle Rechte seiner Nachkommen bezüglich des Thrones verzichtet«, sagte mir der Minister, »ist so unumstößlich, daß ihm die Hände völlig gebunden sind. Er kann vielleicht einmal seine Gattin und seine Kinder zu Herzögen machen – niemals aber ihnen einen Thron geben.«

»Und Ungarn?« fragte ich.

»Ungarn kann nur pragmatisch von dem Hause Österreich beherrscht werden, und das Haus Österreich bedarf der Ebenbürtigkeit, um zu regieren oder auch nur, um Erzherzog zu werden.«

»Und wenn sich Ungarn staatlich von Österreich trennt - eine Personalunion eintritt und die Gattin des Königs von Ungarn eine Chotek sein darf?«

»Das ist ein Fall, der sich praktisch schwer durchführen ließe«, antwortete Herr von Körber, dem sichtlich die ungarische Frage nicht behagte. »Übrigens hat der Erzherzog seine Verzichterklärung für Gattin und Kinder eidlich bekräftigt im Beisein von gewichtigen Zeugen. Er würde in eine schlimme Lage kommen, wenn er in irgendeiner Form dem Eide entgegentreten wollte.«

»Das gebe ich zu«, erwiderte ich, »doch würde die Aufrollung der ungarischen Selbständigkeit eine Erschütterung von sehr schwerwiegendem Charakter sein. Das deutsche Bündnis z. B. wäre dadurch bedroht. Ich möchte Ihnen auch noch andere Fragen vorlegen, die mich bedrücken – und die ich selbstverständlich gegen niemand in Erwägung gezogen habe, sie Ihnen gegenüber zu erwähnen, erscheint mir jedoch als eine Pflicht.

Was würde eintreten, wenn der Erzherzog, Kaiser geworden, den Papst anruft und ihm sagt: Ich fühle mein Gewissen bedrückt. Ich habe heilige Versprechungen meiner Gattin gegeben und bin unter den Zwang gestellt worden, ein Dokument zu unterschreiben und eidlich zu bekräftigen, durch welches ich dem heiligen Eide gegenüber meiner Gattin eidbrüchig geworden bin. Ich bitte den Heiligen Vater, mich von dem Eide zu entbinden, den ich unter einem Zwang geleistet habe.

Oder noch etwas anderes: Was würde eintreten, wenn der Erzherzog, Kaiser geworden, mit einer großen liberalen Geste erklärte: es bedrückt mich, daß das Kaiserliche Hausgesetz niemals der gesetzlichen Volksvertretung vorgelegt worden ist. Ich lege es hiermit zur Sanktion vor. Wenn er aber zugleich durch eine (arrangierte) Interpellation verschiedene Paragraphen als »antiagiert« und »fast ungesetzlich« darstellen läßt, dem Volk seinen Willen unterordnen will und erklärt: Ich hebe hiermit das Hausgesetz auf (wozu er das Recht hat) und werde ein neues vorlegen. In diesem Hausgesetz ändert er alsdann die Ehebestimmungen in einer seinen Wünschen entsprechenden Weise.«

Herr von Körber war so aufrichtig, mir zu sagen, daß er an einen solchen Schritt allerdings nicht gedacht – überhaupt niemand gedacht habe. Darum müsse er hoffen, daß auch bei einem Thronwechsel niemand daran denken werde, »denn wir sind hier nicht so nachdenklich wie Sie.«

Ich lachte und meinte, daß es mich eitel machen könne, auf Dinge aufmerksam gemacht zu haben, die einer Persönlichkeit wie ihm nicht in den Sinn gekommen seien, doch könne ich aus vollem Herzen ihm die Versicherung geben, daß ich glücklich sei, einen Mann von seiner Bedeutung in diesen für die Monarchie so schwierigen Zeiten an der Spitze der Regierung zu sehen. Ich hätte früher andere Herren auf seinem Posten gesehen, mit denen ich wahrlich nicht gern die gegenwärtige Krise durchlebt haben würde.

Im übrigen hätte ich die Absicht, dem Erzherzog nach Erledigung der Hemmnisse seiner Eheschließung einen chaleureusen Gratulationsbrief zu schreiben, um nicht nur meinen, sondern besonders auch Kaiser Wilhelms freundschaftlichen Standpunkt ihm gegenüber festzulegen.

Das staatsrechtliche Faktum der durch Kaiserliche Bestätigung rechtskräftig gewordenen Ehe des Thronfolgers nähme auch für uns die Form eines österreichischen inneren Staatsaktes an, gegen den selbst die leiseste Einwendung zu erheben eine grobe politische Ungeschicklichkeit darstellen müsse.

Die Regierung werde daher mit unserer Haltung zufrieden sein können. P. E.-H.

An Erzherzog Franz Ferdinand vor seiner Vermählung mit Gräfin Sophie Chotek.

Wien, 26. Juni 1900.

Ew. Kaiserliche Hoheit haben mir gnädigst gestattet, mich bei besonderen Gelegenheiten in aller Offenheit an Hochdieselben zu wenden.

Das tue ich heute unter dem Eindruck einer Entscheidung, welche dasjenige zu glücklichem Abschluß bringt, was Ew. Kaiserliche Hoheit Herz und Gemüt so lange tief erfüllte und Ew. Kaiserliche Hoheit wahrlich schwere Prüfungen auferlegt hatte.

Ich würde es für zudringlich halten, wenn ich lediglich Ew. Kaiserlichen Hoheit das Mitgefühl für Ew. Kaiserlichen Hoheit Kampf, Ringen und Sieg aussprechen wollte – ich denke mir, daß viele auf einen solchen Gedanken verfallen könnten. Nein, es liegt mir daran, vor Ew. Kaiserlichen Hoheit offenherzig den Standpunkt festzustellen, den ich während der vielen Kämpfe der letzten Zeit einzunehmen allein für richtig hielt und der von Sr. Majestät dem Kaiser, meinem allergnädigsten Herrn, ausdrücklich gebilligt worden ist. Ich habe bei mehrfachen Versuchen, die auf Umwegen und ohne den Ursprung klar erkennen zu lassen, an mich herantraten, mich zu einer Meinungsäußerung in bezug auf die Pläne Ew. Kaiserlichen Hoheit zu bewegen, in sehr entschiedener Weise erklärt, daß ich es als einen Eingriff in die Rechte Ew. Kaiserlichen Hoheit und der Krone Österreichs betrachte, igendeine Stellung zu der Angelegenheit zu nehmen.

Ich habe daher auch in Berlin, gelegentlich des Besuches Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph, in so positiver Weise ausgesprochen, daß jegliche Besprechung der Frage durchaus inopportun sei, daß in der Tat nicht ein Wort darüber gefallen ist.

Es war allein meine größte Sorge, Ew. Kaiserlichen Hoheit nicht, in welcher Form es auch sei, in den Weg zu treten, sondern ängstlich über das zu wachen, was ein kostbares Gut nicht nur der verbündeten Völker, Österreichs und Deutschlands, sondern ganz Europas ist: die Freundschaft zwischen Ew. Kaiserlichen Hoheit und Kaiser Wilhelm.

Ich hoffe, daß diese meine Haltung nicht entstellt worden ist, denn ich habe leider in dieser Hinsicht schon merkwürdige Dinge erleben müssen.

Das Glück aber, das Ew. Kaiserliche Hoheit gewonnen haben, kann nur wärmstes Mitgefühl und innige Wünsche bei denen erzeugen, welche Ew. Kaiserlichen Hoheit Wert erkannten und Ew. Kaiserlichen Hoheit Wohl im Auge haben. In diesem Sinne wage ich es, Ew. Kaiserlichen Hoheit meine Huldigung und meinen Glückwunsch untertänigst darzubringen.

Haben aber auch Erwägungen prinzipieller Art meinen kaiserlichen Herrn bisweilen besorgt gemacht, so können doch Ew. Kaiserliche Hoheit versichert sein, daß das edle große Herz Kaiser Wilhelms niemals einen anderen Standpunkt als den meinen einnehmen wird, wenn es sich um Ew. Kaiserliche Hoheit Glück und Ruhe handelt.

(gez.) Philipp Eulenburg.

 

Von Erzherzog Franz Ferdinand.

(Eigenhändig.) Wien, 28. Juni 1900.

Empfangen Ew. Durchlaucht meinen lebhaften Dank für die herzlichen Worte, die Sie in Ihrem Schreiben vom 26. anläßlich eines Ereignisses an mich richteten, welches für mich den Inbegriff des Glückes bedeutet.

Besonderen Wert verleiht Ihren Worten der Umstand, daß Sie volles Verständnis für das bekunden, was ich zu ertragen hatte und was mich geleitet hat. In der Tat ist es mir nur nach jahrelangem Ringen, nach schweren Kämpfen, nach Erduldung manch bittrer Stunde, dank der Gnade Gottes und der väterlichen Güte Sr. Majestät des Kaisers beschieden gewesen, an das Ziel meiner Wünsche zu gelangen.

Wenn mich die unerschütterliche Ausdauer, mit der ich dem selbstgesteckten Ziele zugesteuert bin, auch nicht einen Augenblick verlassen hat, so schreibe ich dies der Zuversicht zu, daß ich in der Verbindung, deren Eingehung mir nunmehr ermöglicht ist, nicht nur die Befriedigung des innigsten Herzenswunsches, sondern auch eine Bürgschaft für jene dauernde innere Ruhe und Zufriedenheit finden werde, welche ich für unentbehrliche Voraussetzung eines, der Erfüllung ernster und verantwortungsvoller Pflichten gewidmeten Lebens halte deshalb ist, was ich mir errungen, so unendlich kostbar.

Daß meine Pläne nicht von vornherein auf allseitiges Verständnis und auf ungeteilte Zustimmung zu rechnen haben würden, habe ich, als in der Natur der Sache gelegen, vorhergesehen, ebenso, daß mannigfache Versuche von den verschiedensten Seiten gemacht würden, auf die Entscheidung über mein Schicksal unzukömmlichen Einfluß zu nehmen.

Immerhin hat mich, was ich in dieser Hinsicht erfahren mußte, mitunter überrascht, ohne daß ich mich jedoch hätte dadurch von meinem Wege abbringen, oder auch nur in meinem Urteile beirren zu lassen.

Es gereicht mir zu ganz besonderer Genugtuung, in den Worten Ew. Durchlaucht die volle Rechtfertigung jener Erwartungen finden zu können, die ich Ew. Durchlaucht von Anfang an entgegengebracht habe. Tatsächlich habe ich keinen Augenblick einen Zweifel in mir darüber aufkommen lassen, daß Ew. Durchlaucht in einer mich so nahe berührenden Angelegenheit stets den allein richtigen Standpunkt einnehmen und auch vertreten werden.

Es verpflichtet mich dies Ihnen gegenüber zu lebhaftem Danke.

Die Glückwünsche Ew. Durchlaucht gewinnen für mich außerordentlich an Bedeutung, weil Sie dieselben in Verbindung bringen mit der für mich so überaus wertvollen

Freundschaft, welche Se. Majestät Kaiser Wilhelm und mich verbindet. Ich schätze mich glücklich, die gnädige Gesinnung Sr. Majestät gegen mich, sowie dessen edlen, ritterlichen Sinn genau zu kennen; ich habe daher auch mit Zuversicht darauf gebaut, daß eine Angelegenheit, welche für mich Glück und Zukunft bedeutet, bei Sr. Majestät dem gnädigen Interesse begegnen würde. Ich nehme die dankbaren Gefühle, welche ich bisher für Se. Majestät empfunden, in mein neu zu begründendes Heim hinüber, in welchem jene Gefühle eine Stätte treuer Pflege finden werden.

Indem ich meinen herzlichen Dank wiederhole, bleibe ich mit den herzlichsten Grüßen Ew. Durchlaucht aufrichtiger

(gez.) Erzherzog Franz.

Nach der Eheschließung.

An Kaiser Wilhelm II.

Wien, 22. Oktober 1900.

... Von hier kann ich Ew. Majestät berichten, daß der Einfluß der Fürstin Hohenberg sich zum ersten Male in sehr prägnanter Weise gezeigt hat.

Erzherzog Franz Ferdinand, der völlig mit Franz Thun gebrochen hatte, und zwar so, daß er einem Vetter Thuns die Bemerkung machte: »Die Kluft zwischen mir und Franz Thun ist für alle Zeit unüberbrückbar«, hat sich mit ihm ausgesöhnt auf Betreiben der Fürstin Hohenberg, deren Schwester mit dem Bruder des Grafen Franz verheiratet ist. Es soll demnächst ein Besuch des Erzherzogs und der Fürstin in Teschen stattfinden, wo der böhmische Adel der letzteren besondere Huldigungen bereiten will. In diesen Kreisen ist infolge der Wendung der Dinge bereits das Programm für die Zukunft fertig: Krönung als König von Böhmen und eine Art Sonderstellung der Gemahlin, welche aus altem böhmischen Geschlechte stammt. Das kann ja recht hübsch werden! ...

 

Notiz.

Wien, 14. April 1901.

Kronprinz Wilhelm machte dem Kaiser Franz Joseph seinen ersten offiziellen Besuch. Bezüglich seines hiesigen Auftretens und geselligen Verkehrs war mir von seinem Vater völlig freie Hand gegeben. So veranlagte ich den Kronprinzen, nach seinem Besuch bei Kaiser Franz Joseph direkt und zuerst zum Belvedere zu fahren und den Erzherzog Franz Ferdinand zu besuchen. Daselbst sich aber auch persönlich bei der Fürstin Hohenberg melden zu lassen.

Ich schrieb abends nach der großen Galatafel in der Burg an Kaiser Wilhelm, um ihm den Erfolg seines Sohnes mitzuteilen. Ein Erfolg, der sich besonders darin äußerte, daß er bei dem großen Ball, den ich gab und zu dem auch Kaiser Franz Joseph und die ganze kaiserliche Familie erschien, der Kronprinz jeder tanzenden jungen Dame bei dem Kotillon einen Strauß brachte, denn alle Mütter Wiens gerieten darüber in helle Begeisterung.

Von dem andern und wohl bedeutsamsten Erfolge teilte ich in dem Brief an Kaiser Wilhelm diesem folgendes mit:

»Wegen des Besuches bei der Fürstin Hohenberg kam abends unmittelbar nach der Galatafel Erzherzog Franz Ferdinand mit den Worten auf mich zugestürzt: ›Ich bin tief gerührt und dankbar für den Besuch, den der Kronprinz meiner Frau abgestattet hat! – und vergesse ihm das nicht. Ja, er weiß, was recht ist, – ein Fremder! – und hier versteht man es nicht! Ich bin sehr, sehr dankbar!‹«

Ich wußte genau, daß dieses die von mir so mühevoll hergestellte Freundschaft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Erzherzog für alle Zeit sichern werde. P. E.-H.

An Reichskanzler Graf Bülow.

Karlsbad, 11. Mai 1901.

... Der Ausfall, den der Abgeordnete Kramarcz Tschechenführer. in der Reichsrats-Sitzung machte, die sich mit der Eheschließung des Erzherzogs Franz Ferdinand zu beschäftigen hatte, ist in vieler Hinsicht interessant. Es wird allerdings dem gewandten Tschechen nicht glücken, den Erzherzog zu irgendeiner öffentlichen Betätigung seiner russischen Sympathien zu bewegen. Durch den glänzenden und freundschaftlichen Empfang, der ihm jetzt in Deutschland durch den Kaiser bereitet wird, sind diese in letzter Zeit mehr in den Hintergrund getreten. Doch wird die Auslassung des Herrn Kramarcz den Erzherzog zu allerhand Betrachtungen anregen, die besser unterblieben wären. Jedenfalls wird die tschechische Zustimmung zu seinem, ihm von seiten der Regierung so sehr verübelten Auftreten in der Los-von-Rom-Bewegung unvergessen bleiben und einen Eindruck hinterlassen, den Dr. Kramarcz beabsichtigt.

Es ist mir aufgefallen, daß einige Tage vor der bewußten Reichsratssitzung von privater Seite eine Mitteilung an mich gelangte, wonach sich der Erzherzog (der gern und viel Briefe schreibt) auf Kosten Deutschlands in bewundernder Weise über Rußland zu einem Bekannten geäußert haben soll. Ich will dieser Mitteilung jedoch keine allzu große Bedeutung zumessen, weil ich den Zusammenhang nicht kenne und die Mitteilung mir auch darauf berechnet schien, den Erzähler in interessantem Lichte erscheinen zu lassen.

Von größerem Interesse war es mir, zu hören, daß eine politische Persönlichkeit sich kurz vor jener Sitzung über meine Tätigkeit in Wien sehr abfällig geäußert habe, indem sie mir den Vorwurf machte, ich mischte mich zu sehr in die inneren Verhältnisse Österreichs und meine Abberufung könne nicht lange auf sich warten lassen.

Ich erkenne daraus dieselbe Clique, welche, fast gleichzeitig mit den Äußerungen des Herrn Kramarcz im Reichsrat, meine Ernennung zum Botschafter in Paris in die Wiener Presse lancierte.

Da die böhmischen Feudalen den Fall Thuns immer noch nicht verschmerzen können, bringen sie allerhand alte Geschichten in einem Augenblick vor, wo die Klerikalen, dank der Initiative des Thronfolgers, Vorstöße machten...

 

An Kaiser Wilhelm II.

Wien, 30. November 1901.

... Die Fürstin Hohenberg begleitete den Erzherzog Franz Ferdinand bis Dresden. Ich sprach sie bei der Abfahrt des Erzherzogs nach Berlin, der anscheinend sehr glücklich über die Einladung nach der Göhrde war. Massentötungen liebt ja der hohe Herr über alles, und die Jagd spielt in diesem Leben eine große Rolle. Fast so groß wie die Messe. Ich erinnere mich dabei des gemeinschaftlichen Kirchenliedes, das König Friedrich Wilhelm I. vor dem Aufbruch zur Jagd mit seinen Gästen sang. Das ist 170 Jahre her. Aber ich höre, daß die Messe hier auch häufig vor dem Aufbruch zur Jagd besucht wird.

... Fürstin Hohenberg gewinnt an Ansehen und Einfluß. Ich schrieb vor langer Zeit, daß ich sie, trotz gegenteiliger Ansicht der Wiener Gesellschaft, für sehr schlau hielte. Das Prototyp der Frau als solche. Darin habe ich mich nicht geirrt. Sie operiert mit »Bescheidenheit« und hat großartige Erfolge. Man beginnt überall von ihrer »korrekten Haltung«, von ihrer »rücksichtsvollen

Art«, von ihrer »einfachen Freundlichkeit« zu sprechen, – und von den Beichtvätern, die ich nicht die Ehre habe zu kennen, dürfte sie warm empfohlen werden...

Ich war zwei Tage bei Betka und Roman Potocki zur Jagd in Lançut (Galizien). Dort war das Ehepaar Franz Ferdinand-Hohenberg soeben gewesen und hatte alle Herzen gewonnen. Betka Geborene Prinzessin Radziwill, Tochter des Fürsten Anton Radziwill, der in Berlin lebte), und der Gräfin Castelane., die eine kluge Dame ist, konnte mir nicht genug die »Geschicklichkeit« der Fürstin rühmen, deren Bescheidenheit und Einfachheit alles begeistert habe. Ich glaube, daß Fürstin Hohenberg jetzt schwankt, ob sie Kaiserin oder Heilige werden will. Vorderhand hat sie wohl das letztere in Aussicht genommen...

In Lançut machte das schlechte Wetter einen Strich durch die Rechnung, es war unmöglich, in dem tiefen Boden zu jagen. Wir fuhren hinaus, gaben aber dann alles auf. Dafür habe ich mir zwei Tage lang herrliche Sachen angesehen, die eine Urgroßmutter, Fürstin Lubomirska, der französischen Revolution und Paris entfliehend, in Lançut angehäuft hat. Bronzen, Bilder, Porzellan in großen Massen. Alles aber mehr mit dem Verständnis des Luxus als der Kunst hübsch aufgestellt und gruppiert. Die Fremdenzimmer äußerst bequem. Ein jedes mit einem Bad versehen. Die alte Mutter Potocki hat gesagt: »Ich bewohnte immer ein großes, schönes Schloß, – ich verstehe nicht, weshalb Roman daraus eine Badeanstalt gemacht hat.« ...

Schlußwort.

Nachdem die Ehe Franz Ferdinands » tant bien que mal« in Wien verdaut war, redete mich Körber darauf an, daß die Freundlichkeiten in Berlin für den Erzherzog Franz Ferdinand und die Fürstin Hohenberg eine wahre Beruhigung auch für ihn, den Minister, seien. Ich sagte ihm, daß sein mir während der Schwierigkeiten bewiesenes Vertrauen Erwiderung verdiene und führte folgendes aus:

Drei bedeutende Gefahren verkörperten sich in der zu Brutalität neigenden Figur des Erzherzogs Franz: 1 . sein Haß gegen Kaiser Wilhelm, 2. seine Neigung zu Rußland und für ein Bündnis mit dem Zaren gegen Deutschland, 3. seine Abhängigkeit von der katholischen Kirche und daher seine Zugänglichkeit für vatikanische Politik.

Wenn es mir glückte, Nr. 1 in Liebe und Vertrauen zu wandeln, so werde Nr. 2 keine Gefahr mehr darstellen und Nr. 3 abgeschwächt werden. Ich könne dem Minister versichern, daß es eine Art Kunststück gewesen sei, zunächst eine Verbindung zwischen dem Erzherzog und mir (der ihm als Vertreter Kaiser Wilhelms widerwärtig war) herzustellen und sodann das gute Einvernehmen zwischen den beiden hohen Herren zu schaffen. Ich wolle ihm auch gestehen, daß ich dieses ganz wesentlich der Fürstin Hohenberg verdanke, die ich als ein Objekt dem Kaiser Wilhelm darstellte, das, mit Freundlichkeit und Rücksicht behandelt, zu einer engen Verbindung zwischen ihm und dem Erzherzog führen müsse. Herr von Körber wisse, daß diese Politik glänzende Früchte getragen habe. Es sei jetzt, komme nun was wolle, bis auf weiteres unser Bündnis festgefügt, denn der Erzherzog, früher mir fast den Rücken wendend, begegne mir jetzt mit einer geradezu »berückenden« Freundlichkeit und schwärme für Kaiser Wilhelm.

Herr von Körber sagte mir soviel angenehme Dinge über die Verdienste, die ich mir durch diese erfolgreiche Operation für Österreich erworben habe, daß ich feige genug war, ihm nicht zu sagen, daß ich alles nur für Deutschland tat.

Das Ende.

Liebenberg 1915.

Mit meinem Austritt aus dem Dienst waren auch meine persönlichen Beziehungen zu dem Erzherzog- Thronfolger beendet. Hatte ich das Bewußtsein, während der Dauer meiner amtlichen Tätigkeit in Wien politisch erfolgreich im Interesse meines Vaterlandes gewirkt zu haden, so gipfelte doch in meinem Versöhnungswerk zwischen Kaiser Wilhelm und dem feindlichen Erzherzog gewissermaßen dieser Erfolg. Ich glaube aussprechen zu dürfen, daß der Erfolg einem anderen nicht beschieden worden wäre, denn es spielte zuviel »Beiwerk« in dieser überaus schwierigen Lösung hinein, das der Zufall in meiner Persönlichkeit vereinigt hatte.

Dauernd waren sich nach meinem Versöhnungswerk die beiden hohen Herren nähergekommen. Ihr gegenseitiges Vertrauen schloß jegliche Verstimmung zwischen Deutschland und Österreich aus, und russisch-französische Einflüsse waren seitdem in Wien völlig geschwunden.

Aber, wie so oft im Leben schwindet, was Menschengeist in Vermessenheit eigener hoher Einschätzung für »vollkommen« betrachtet, vor dem Eingriff dämonischer Gewalten. So sind die Namen des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gattin in fürchterlicher Tragik für alle Zeiten der Weltgeschichte eingereiht worden, und all ihr Ringen um das »Glück«, wie all mein Ringen, das Vaterland vor Gefahren zu bewahren, war nichts als ein aufflammendes Strohfeuer, das schnell in ein kleines unscheinbares Aschenhäufchen zusammensank. Verweht sind alle Spuren großer menschlicher Leidenschaften sowie treuer, mühevoller Arbeit. Wahrlich, es dürfte weniges so eindrucksvoll die absolute Nichtigkeit jeglicher menschlicher Bemühungen darstellen als der Inhalt der hier wiedergegebenen Notizen und Briefe.

Die nachfolgende kurze Depesche, die der Signalruf für die unsagbare Qual des Völkerringens war, sagt mehr als ich mit Tausenden von Worten zu sagen vermöchte. Sie schließt das hier geschilderte Drama und hebt den Vorhang für die große Tragödie der Menschheit. Philipp Eulenburg-Hertefeld.

Wolffsches Telegramm-Bureau.

Sarajewo, 28. Juni 1914.

Der bei den Manövern in Bosnien weilende Erzherzog -Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, sind heute vormittag bei der Abfahrt vom Rathause von einem älteren Gymnasiasten Princip aus Crahovo durch mehrere Schüsse aus einer Browningpistole ermordet worden. Das erste, von einem Mann namens Gabrinowitsch aus Tochinze bei der Fahrt des Erzherzogpaares zum Rathause durch eine Bombe versuchte Attentat war mißglückt. Es handelt sich zweifelsohne um Anschläge politischer Natur, die ihren Ursprung aus der in Bosnien betriebenen großserbischen Propaganda genommen haben.

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