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Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid5552a445
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Graf Tassilo Festetics

Unter den Persönlichkeiten, denen ich nach Antritt meiner Stellung als deutscher Botschafter in Wien bald näher trat, nahm Graf Tassilo Festetics einen von mir bevorzugten Platz ein.

Einer der reichsten und größten Grundbesitzer Ungarns, hatte er sich in internationalem Verkehr vielseitige Kenntnisse erworben, die seine natürlich liebenswürdigen Umgangsformen in angenehmster Weise vertieften. Sein Äußeres war eher das Bild eines Engländers. Schlank und blond, mit freundlichem Lächeln und gütigen Augen, erschien er mir wahrscheinlicher in seinem eleganten Gesellschaftsanzug, als in der reichen ungarischen Magnatentracht von braunrotem Samt mit der Goldstickerei und den wundervollen Edelsteinen auf Mantelagraffe, Säbelgehänge und glitzernden Knöpfen, in der ich ihn bei Hofe sah.

Graf Tassilo hatte, abgesehen von der Schwäche für England und englischen Rennsport, dem er mit einem erstaunlichen Luxus an Pferden und ihren Stallungen huldigte, – Stallungen, die an fürstliche Schlösser erinnerten, – eine zweite Schwäche, das war – der erste, vornehmste und eleganteste Mann Ungarns sein zu wollen. Und das war ihm ungefähr gelungen.

Mich aber störte beides nicht, denn Tassilo Festetics war viel zu fein gebildet, um in dem genannten Sport untergehen zu können. Wohl erfreute ich mich auch an seinem herrlichen Schloß Keszthely am Plattensee, an seinen schönen Sachen, an seinem eleganten Palais in Pest und Wien, seinen Jagden – aber der Schwerpunkt blieb die Unterhaltung mit ihm über die weltbewegenden Fragen, die politischen Persönlichkeiten Europas – und schließlich über die Politik Ungarns und Deutschlands, die uns beide sehr lebhaft berührte.

Es ist selbstverständlich, daß Tassilo eine vornehme Frau heiratete. Ich möchte hinzufügen: selbstverständlich eine vornehme Engländerin.

Das aber vollzog sich nicht ohne Schwierigkeiten.

Lady Mary war die einzige Tochter des Herzogs von Hamilton, ersten Pairs von Schottland, auch Herzogs von Brandon in England und Herzogs von Chatelherault in Frankreich, der 1843 die Tochter des Großherzogs Karl von Baden und der schönen und berühmten Stephanie geheiratet hatte. Stephanie Beauharnais war die Nichte der Josephine Beauharnais, die in zweiter Ehe Kaiser Napoleon l. heiratete. Es ist bekannt, daß der Kaiser für die Nichte Stephanie eine besondere Vorliebe hatte, sie adoptierte und mit allen Rechten und Vorteilen einer kaiserlichen Prinzessin ausstattete.

So war denn ohne Zweifel Lady Mary eine der vornehmsten Töchter Englands, deren Äußeres auch dieser Vornehmheit entsprach: ein edler englischer Tvpus mit französischem Einschlag – sehr anziehend, wohl schön zu nennen, und liebenswürdig, angenehm in ihrem Wesen.

Es war durchaus erklärlich, daß Tassilo Festetics Mary liebte, die er auf dem Rennplatz zu Baden-Baden bei ihren Verwandten und im Palais ihrer Mutter daselbst kennenlernte. Es war auch durchaus erklärlich, daß er sie heiraten wollte.

Die Schwierigkeit lag jedoch darin – daß sie bereits verheiratet war! Und zwar mit dem Erbprinzen von Monaco. Dazu waren beide Eheleute katholisch und die Ehe daher nicht zu trennen, wenn nicht irgendein Auskunftsmittel dafür gefunden werden konnte.

Die Erbprinzessin glaubte es durch heimliche Flucht aus Monaeo bewerkstelligen zu können. Sie bestieg, von einer Freundin begleitet, den Pariser Schnellzug – als habe sie die Absicht, nur einen kleinen Ausflug zu machen, und der Kondukteur hatte ihr die Tür eines Kupees geöffnet. Als aber der Pfiff der Lokomotive ertönte und der Zug sich in Bewegung setzte – blieb der letzte Wagen, in dem die Fürstin sich befand, stehen! Der Fürst schien von der beabsichtigten Flucht Kenntnis erhalten und Vorsorge dagegen getroffen zu haben.

So ging es denn nicht auf diesem Wege, auf dem Wege über den Papst ging es aber besser. Die Kirche annullierte die Ehe.

Auf diese Weise war man denn allen Wünschen gerecht geworden, auch dem Wunsch, die Hindernisse zwischen einer Ehe Tassilo-Mary fortgeräumt zu haben.

Ich kann nicht leugnen, daß ich die von mir sehr verehrte Gräfin Mary bis zu einem gewissen Grade verstanden habe, daß sie Tassilo dem nun regierenden Herrn von Monaco, Carlo III. Honorius, vorgezogen hatte. Ich lernte diesen im Eismeer kennen, wo er nördlich der Lofoten mit seiner, für Tiefseeforschung eingerichteten Nacht »Alice« (der er diesen Namen zu Ehren seiner zweiten Gattin, geb. Alice Heine, Tochter des großen Pariser Bankhauses, verwitwete Herzogin von Richelieu gab), aus 5000 Meter Tiefe unwahrscheinliche Krabbentiere heraufzog. Er hatte zu dieser Forschung einen französischen, einen englischen, einen deutschen und einen italienischen Gelehrten an Bord und sah selbst unendlich gelehrter und professoraler, trockener und unschöner als seine Kollegen aus.

Verehre ich auch persönlich den Professor Carlo III. Honorius sehr, so meine ich doch, daß die Ehe mit meinem Freunde Tassilo in jeder Hinsicht mehr den Empfindungen der verehrten Gräfin Mary entsprechen mußte. Und sie bewährte sich darin als ausgezeichnete Gattin und treue Mutter.

Den immer wiederholten Bitten des liebenswürdigen Paares hatte ich endlich nachgegeben, als ich mich im November 1897 entschloß, sie in ihrem Schloß Keszthely in Ungarn zu besuchen und dort zu jagen.

Das am Plattensee gelegene großartige Schloß entzückte mich – nicht etwa, weil es die Dimensionen eines königlichen Sitzes hat, sondern weil es eine Fülle interessanter Dinge birgt und der Empfang, der mir zuteil wurde, überaus herzlich war.

Dort fand ich während langer Fahrten mit dem Grafen Tassilo zur Jagd und bei Besichtigung des herrlichen Besitzes Gelegenheit, mich wieder einmal gründlich mit ihm auszusprechen.

Aus einem Brief an Kaiser Wilhelm vom 30. November 1899.

... Ich mußte mit Szell angesichts der trotz aller Bemühungen des Kaisers noch unendlich schwierigen Lage in Österreich sprechen.

Da man in Wien meinen Besuch in Pest nicht übermäßig liebt, fuhr ich schon am nächsten Morgen nach Keszthely zu Tassilo Festetics, um zu jagen.

Es ist wirklich ein herrlicher Besitz. Ich lege alleruntertänigst eine Postkarte mit einer Ansicht des Schlosses bei. Dazu sind die Besitzer mit ihren netten Kindern unendlich liebenswürdig und angenehm.

Natürlich würde ein Besuch Ew. Majestät die größte Freude erregen. Wenn Ew. Majestät denselben mit einem Besuch in Wien verbinden, so würde dieser Aufenthalt auf dem Lande in Ungarn (unter Vermeidung eines Besuches in Pest, wo der Empfang vielleicht zu stürmisch warm ausfallen könnte), gerade das Rechte sein, eine kleine Anregung in Freundschaft. Vorher würde, wenn Erzherzog Friedrich, der große Verluste an Hirschen durch die letzte Überschwemmung hatte, Gödöllö ganz ensprechend sein.

Doch das ist cura posterior. Tassilos sind, wie gesagt, glücklich – werden aber zu niemandem davon sprechen, ehe nicht die Sache eine bestimmte Form angenommen hat.

Wir jagten in kleinem Kreise (5 Schützen – lauter Ungarn) auf Fasanen, Hasen und Hühner. Das Wetter war herrlich, wie die Jagd, so daß man noch einigermaßen den Zustand völliger Nacktheit der braunen Zigeunerbuben begriff, die ihre Winterquartiere in Erdhöhlen bezogen haben und wie eine Rotte Indianer mit Gekreisch hinter den Juckerzügen herstürzten, wenn wir vorüberfuhren. Auch sollen dort in der Nähe noch »arme Leute« sein, die mit Flinten herumlaufen und Hammel verlangen.

Abends, nach dem vortrefflichen Diner, spielten die Zigeuner, und die Jugend tanzte. Die jüngste Tochter stellte sich mitten unter die braunen Leute und spielte das Cymbal mit einer erstaunlichen Meisterschaft. Ein reizendes Bild! Schließlich behauptete Gräfin Mary, die Zigeuner müßten gehen, es finge an, schlecht zu riechen. Ich hatte es noch nicht gemerkt. Dafür aber war mir ein Floh auf die Hand gesprungen, den ich schnell in einem Glase Limonade ersäufte. Ich hütete mich, Gräfin Mary den Mord zu gestehen. Sie würde die Zigeuner sofort aus dem Schlosse gejagt haben – und die netten Töchter, die eben Czardas tanzten, wären untröstlich gewesen.

Diese Gegensätze von musizierenden Floh-Zigeunern und dem musterhaft und großartig – im englischen Stil und Luxus – gehaltenen Schlosse sind höchst originell und anziehend.

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