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Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Die Schratt«

Ein kaiserliches Freundschaftsidyll.

Von der »Schratt« ist während der Dauer von nun mehr als 15 Jahren in Wien mehr die Rede gewesen als von irgendeiner anderen Persönlichkeit, welchem Stande und welcher Stellung sie auch angehört haben mochte.

Kathi Schratt war ein liebes bildhübsches Naturkind aus kleinbürgerlichem oberösterreichischen Hause, das mit seiner lieblichen Art zu sprechen als Darstellerin bäuerlicher Rollen zu den ersten Künstlerinnen ihres Berufes gezählt werden konnte. Sie gewann das Herz der Kaiserin Elisabeth bei allerhand Wohltätigkeitsvorstellungen, und diese zog sie zunächst als Vorleserin in ihren Verkehr. Um dieses Faktum zu erklären, bedarf es des Hinweises, daß die Kaiserin mit ihren Schwestern und Brüdern fast ohne Erziehung und ohne besondere Schulbildung in Oberbayern zu Possenhofen am Starnberger See und in Tegernsee aufgewachsen war. Daß ferner ihr infolge des ungezwungenen Verkehrs in ihrer Kinder- und Jugendzeit der Umgang mit der gemütlichen, gutherzigen Landbevölkerung als etwas Selbstverständliches erschien. Es ging so weit, daß sie sich im Grunde nur behaglich in solchen Kreisen fühlte und daß daher die Art des Verkehrs der Geschwister untereinander, ihrer Sprechweise, auch diese Formen trug. Kaiser Franz Joseph hatte sich selbst so sehr daran gewöhnt, daß sogar Persönlichkeiten, die durch Zufall Gespräche en famille zwischen dem Kaiser und der Kaiserin und seinen Schwägerinnen im Gasthof von Straubinger zu Feldafing belauscht hatten, nicht im mindesten einen Unterschied in Ton und Inhalt mit der Art der Landleute des Gebirges entdecken konnten. So kann es mir auch nicht auffallen, daß die Kaiserin einen besonderen Gefallen an »der Kathi« fand. Ich verstehe es durchaus. Denn Kathi war, abgesehen von dem Zauber ihrer kindlichen Schönheit, ihrer herrlichen Farben, ihres wundervollen glänzenden Goldhaares, ihrer großen gütigen, blauen Augen, ein »herzensguter Kerl«, immer freundlich, heiter, harmlos, half jedem, soviel sie konnte, und wußte allerhand Geschichten originell zu erzählen. Ihrem Ruf aber war nicht das geringste Böse nachzusagen.

Da sich die Kaiserin allmählich mit dem Kaiser und seinen Staatsgeschäften zu langweilen begann, kam sie auf den Einfall, mit Kathi zum Kaiser zu gehen – und schließlich oft und öfters à trois mit dem Kaiser zu speisen.

Das ist die Geschichte des Entstehens der rührenden Freundschaft zwischen »Der Schratt« und dem alten Kaiser, dem sie die Zeit bei Tisch und Spaziergängen im Park von Schönbrunn durch ihr freundliches Geplauder vertreibt.

Kathi hatte jedoch einmal eine Dummheit gemacht. Das war, als sie ihre Hand einem ungarischen Baron Kiß, der ihr anscheinend gut gefallen hatte, zum Ehebund reichte. Denn dieser stürmische Ungar verwickelte sich und sie in allerhand törichte Spekulationen und wurde ihr immer unbequemer. Er fand eines Tages eine entsprechende Anstellung als Konsul in einem überseeischen Lande. Kathis Sohn glich mit seinem schwarzen lockigen Haar dem Vater, war aber ein guter harmloser Junge.

Als ich 1894 nach Wien kam, war die Freundschaft mit Frau Kathi so weit vorgeschritten, daß sie ein hübsches Haus in Hitzing bei dem Schönbrunner Park besaß und eine kleine Villa bei Ischl. Der Kaiser, der jeden Morgen zwischen 2 und 3 Uhr aufsteht und um ½5 Uhr frühstückt, kommt häufig zu dieser Stunde zu der Baronin, wo er seinen Kaffee und seine warme Speise findet. Alle Leute müssen dann sauber angezogen sein, und Frau Kathi erzählt ihm beim Frühstück, was es Neues gibt. Die Tageseinteilung des Kaisers ist allerdings für andere Sterbliche schwer zu ertragen.

Für den Nichteingeweihten trägt ein Umstand den Charakter einer gewissen Komik, daß der Kaiser bei Frau Schratt ihren, sie in finanziellen Fragen beratenden Freund, einen älteren Mann, Herrn Palmer, kennenlernte (jüdischen Ursprungs), der als Vorstand einer großen Bank die Geldgeschäfte der Frau Baronin besorgte – und daß der Kaiser mit diesem und Frau Kathi gern eine Partie Tarock spielte. Palmer hatte bei einer Begegnung dem Kaiser gut gefallen. Weshalb eigentlich sollten diese drei nicht eine Partie Tarock miteinander spielen? Allerdings glaube ich, daß die Zusammensetzung der Teilnehmer ein Kuriosum genannt werden kann. Übrigens waren die Beziehungen Palmers zu Frau Kathi völlig einwandfrei. Der ältere Mann, der sich ihrer väterlich annahm, trug, wie ich glaube, richtig beobachtet zu haben, eine sentimentale, treue, hoffnungslose Liebe für Kathi in seinem alten Herzen. Er gehörte überhaupt zu den sentimentalen Vertretern seiner Stammesgenossen. Kathi verkehrte achtungsvoll scherzend mit ihm, und er lächelte traurig, wahrscheinlich auch dann, wenn er wieder einmal die in Unordnung geratenen Finanzen Kathis zu ordnen hatte.

Ich lernte Palmer bei Frau Schratt kennen, der, seit er mit dem Kaiser Tarock spielte, eine gewisse geheimnisvolle politische Miene aufgesetzt hatte, die mich oft lachen machte, denn der Kaiser sprach niemals Politik mit ihm. Mit Frau Kathi hingegen öfters, und ich gestehe, daß ich bisweilen durch sie mit dem Kaiser sprach – in kurzen Fragen und Antworten: ob ihm dies und jenes lieb oder nicht lieb sei. Frau Kathi hingegen bat mich stets, wenn ich sie besuchte oder sonst traf: »Bitte schön, schaun's, erzählen's mir a lustige Geschichten für Se. Majestät!« und ich gab mir Mühe, ihr den Gefallen zu tun, denn bei den täglichen Spaziergängen ging wohl oft genug der guten Frau der Atem aus.

Wie sehr vertraut aber das Verhältnis zwischen den Dreien: Kaiser, Kaiserin und Kathi war, wird wohl am deutlichsten durch die Tatsache beleuchtet, daß in der schrecklichsten Stunde dieses kaiserlichen Ehelebens, als Kronprinz Rudolf Mord und Selbstmord beging, die Kaiserin Frau Kathi zum Kaiser holte, weil ihre Kraft allein versagte. Und als die arme Kaiserin Elisabeth ermordet wurde, war es wieder die Schratt, die dem unglücklichen alten Kaiser als treue Stütze zur Seite stand, – von den Töchtern herbeigeholt.

Das ist »die Schratt« – auf die ich mein Leben lang kein böses Wort werde kommen lassen. Sie war der Tvpus eines ehrlichen braven oberösterreichischen Naturkindes. Deshalb wirkte sie auch auf der Bühne so überaus stark in solchen Rollen.

Ich will aber noch mehr zu ihrem Ruhme sagen: In ihrem Charakter lag unleugbar auch ein edler vornehmer Zug. Ich habe nicht häufig bei Damen der sogenannten »großen Welt« diesen Zug so sein vertreten gesehen, als bei »der Schratt«.

 

Aus Privatbriefen an Kaiser Wilhelm II.

Wien, 29. Dezember 1896.

... Der Kaiser feierte das Fest bei der Erzherzogin Valerie und der Prinzessin Leopold. – Frau Kathi Schratt hatte Ferien, denn die Kaiserin ist in Biarritz. Die Freundschaft zwischen letzterer und ihr ist eigentlich noch fester als die zwischen dem Kaiser und Frau Kathi. Wenn jetzt Dinge an sie herantreten, – und es tritt vieles an sie heran! – (Dinge, welche der Kaiser erfahren soll, und Frau Kathi hat den Animus, daß es ihn ärgern könnte), so spricht sie erst mit der Kaiserin darüber und berät, wann und wie es gesagt werden kann. Es ist ein ganz sonderbarer Zustand! Wie ich höre, drängen sich alte Freunde der Frau Kathi mehr und mehr vor, und dieser Einfluß macht sich bei der Hofverwaltung unangenehm fühlbar. Baron Kiß – Kathis Mann – ist auch eine Unbequemlichkeit. Man hat ihn nach Venezuela gebracht, wo er sich entsetzlich langweilt. Er hat den dringenden Wunsch, nach Europa zurückzukommen, was um so erklärlicher ist, als man ihm alle Schulden bezahlt hat. Es wäre klüger gewesen, dieses zu unterlassen.

Ich sehe die Schratt selten, um nicht in den Verdacht zu kommen, Politik »hinten herum« zu machen. Sie ist wirklich eine ganz charmante, einfache, nette Person. Im Theater herrscht sie natürlich unumschränkt, und man kriecht auf allen Vieren, wenn sie kommt, der Intendant nicht ausgeschlossen. Leider hat sie einen Zahn auf die berühmte Hohenfels, die Gattin Baron Bergers Baron Alfred Berger, Professor der Literaturgeschichte, Intendant des Burgtheaters.. Darunter leidet der arme Mensch sehr und hat die Idee, Wien den Rücken zu kehren.

Die Kaiserin macht in letzter Zeit dem Kaiser und Frau Kathi Sorgen. Man hat heimlich einen Arzt nach Biarritz gesandt, weil sie nichts ißt, lahm wurde, dabei immer am Strande spazierte und schließlich erklärte, nicht nach Cap Martin Die Kaiserin besitzt dort eine Villa, wo sie der Kaiser zu besuchen pflegte. kommen zu wollen. Das war dem Kaiser zu arg. Ietzt hat man sie aber für eine gewisse Sorte von Beefsteaks begeistert, und seitdem lauten die Nachrichten besser. Sie will nun auch Mitte Januar nach Cap Martin fahren.

Wien, 4. Februar 1897.

... Während die Politiker rechnen – bzw. sich verrechnen – und die Gesellschaft in einen Karnevalstaumel geraten ist, der mir stärker als üblich erscheint, spielt hinter den Kulissen der Politik und Gesellschaft die Idylle weiter, die man »Frau Kathi« nennen kann. Es hat sich in dem äußeren Verkehr des Kaisers mit seiner Freundin nichts geändert. So trägt derselbe auch immer noch den Charakter außerordentlicher »Anständigkeit«. Der platonische Charakter der Beziehungen hat durch nichts eine Änderung erfahren. Immer noch beginnen die Briefe mit der Anrede »Hochgeehrte, gnädige Frau«. Und doch hat das Verhältnis seit einiger Zeit eine andere Form angenommen.

Wenn der Kaiser auch in Frau Kathi nicht das besitzt, was man im allgemeinen unter dem Begriffe einer Maitresse zu verstehen pflegt, so ist die Wirkung dieses Verhältnisses doch eine ähnliche nach außen geworden. Die gutmütige Frau Kathi, die sich sonst nach Möglichkeit dem Andrängen ihrer Umgebung erwehrte, ist darin müde gemacht, und es treten Einflüsse auf, die früher nicht zu bemerken waren.

In ganz direktem Zusammenhange hiermit aber steht das »Altwerden« des Kaisers, das mir seine nächste Umgebung (wie Graf Paar und andere) berichtete. Auch ich habe es in einem Nachlassen der Haltung bemerkt. Die Widerstandsfähigkeit des Kaisers hat nachgelassen, und er merkt es nicht, daß er mehr unter den Einfluß der Frau Kathi gekommen ist als früher. Die politischen Kreise munkeln von Einflüssen, die sich sogar in dieser Hinsicht Geltung verschaffen, und zwar scheint Ungarn den Weg zu Frau Kathi gefunden zu haben ....

Ich habe konstatiert, daß Herr von Doezy, Sektionschef im Auswärtigen Ministerium, ein Ungar, bei ihr mehr aus- und eingeht als früher. Ob er die Vermittlung ungarischer Interessen besorgt, weiß ich nicht genau. Aber er steht in engen Beziehungen zu dem berühmten Redakteur Falk des Pester Lloyd – dem gräßlich wie eine Wasserleiche ansehenden Manne. Aus einer sehr guten Quelle erfuhr ich zu meiner Uberraschung, daß die ungarische Hofdame der Kaiserin, Gräfin Festetics, jenen Zusammenhang herstellt und Frau Kathi in die gewünschte Richtung schiebt. Die Gräfin ist eine sehr gescheite Person und lebt still in der Burg.

Der Zusammenhang zwischen der Kaiserin und Frau Kathi ist ein sehr enger. Bei der Kaiserin holt sich Frau Kathi oft Rat, wenn eine schwierige Bitte an den Kaiser gebracht werden soll. Das dürfte sich wohl in der Hauptsache auf Ungarn beziehen. Die Kaiserin überhäuft dafür Frau Kathi mit kleinen Aufmerksamkeiten. Da aber Frau Kathi sehr abergläubisch ist, so spielen kleine Amulette, kleine und große Schweine von Metall und Porzellan dabei eine große Rolle. ...

An den kleinen Essen bei Frau Kathi mit Sr. Majestät nehmen neuerdings bisweilen die beiden hübschen Schauspielerinnen, Frau Reinhold-Devrient und Fräulein Kallina, teil, pour varier les plaisiers. Frau Kathi ahnt nicht, welche Schlangen sie an ihrem Freundschaftsbusen pflegt! Beide jungen Damen waren, ehe sie an die Hofbühne kamen, also fast noch Kinder, Geliebte von Greisen. Sie müssen für die hohen Jahre eine besondere Anziehungskraft haben. Ich scheine noch nicht in den richtigen Jahren zu sein: ich finde sie ganz niedlich, aber zu frech und abgefeimt. Bei den kleinen Diners denke ich sie mir wie zwei junge Katzen, während Frau Kathi als eine etwas alternde, edle, englische Hühner -Hündin dabei sitzt.

Es kann nur langweilen, wenn ich von dem Burgtheater erzähle, das gänzlich von Frau Kathi, bzw. von Frau Devrient und Fräulein Kallina, geleitet wird. Da geht wirklich alles drunter und drüber. Georg Hülsen, der zu meiner Freude einige Tage hier war, konnte sich nicht darüber beruhigen. Leider wird unser guter, geistvoller Baron Berger stark davon betroffen, weil seine Gattin, Frau von Hohenfels, von Frau Kathi und ihrem Anhang verfolgt wird. Allerdings ist die Hohenfels eine fatale Person: launisch, arrogant und intrigant. Der arme Berger leidet sehr unter dieser »großen Künstlerin«.

Die sich steigernde Stimmung in hohen und aristokratischen Kreisen gegen Frau Kathi ist bemerkenswert, als Symptom dafür, daß es nicht mehr ist wie es war – und das der Kaiser alt wird.

 

Wien, 20. Juni 1897.

... Hier drängt leider die Lage langsam immer mehr dem klerikalen Fahrwasser zu. Ich habe darüber berichtet, konnte aber nicht folgendes schreiben, daß ich ganz geheim erfuhr ... Die Erzherzogin Valerie hat allmählich den Verkehr mit Frau Schratt aufgegeben. Sie hat diesen Verkehr aber erst fallen lassen, als sie sicher fühlte, den Vater sich dadurch nicht etwa zu entfremden. Der Grund, der Schratt entgegenzutreten, ist in dem Beichtvater der Erzherzogin, dem sehr genialen, aber sehr gefährlichen Pater Abel, zu suchen, der Jesuit ist. Da Frau Schratt (auch die Kaiserin) ungarische Attachen haben und deshalb gegen Lueger, d. h. gegen die Christlich-Sozialen sind, hat Pater Abel versucht, die Erzherzogin von der Schratt zu trennen und durch sie auf den Kaiser zu wirken, wenn er allein bei ihr ist, was jetzt häufig der Fall ist. Es führen die Fäden der zunehmenden Wendung des Kaisers zu den Klerikalen auf diesen Verkehr mit der Tochter. Pater Abel feiert heimliche Triumphe. Natürlich bedeutet eine solche Wendung keineswegs eine Abwendung von der Schratt, die dem Kaiser für den persönlichen Verkehr unentbehrlich ist. Es zeigt sich nur darin, daß der alte Herr mehr und mehr in Abhängigkeit gerät und in diesem Falle der Einfluß der Tochter stärker geworden ist als derjenige der Freundin.

Diese Dinge haben sogar auf das sonst so zärtliche Verhältnis der Kaiserin zu ihrer Tochter eingewirkt. Die Kaiserin ist intimer denn je mit der Schratt, und es geht nicht mehr gut zwischen ihr und der Erzherzogin Valerie.

Ein sonderbares Leben in diesem apostolischen Kaiserhause!...

 

Wien, Dezember 1897.

... Das einzige Mal, daß sich Frau Kathis Einfluß politisch und tatsächlich sehr bedeutend bemerkbar machte, war bei Veranlassung der bösen »Sprachenverordnung« in Böhmen, die durch den Ministerpräsidenten Grafen Badeni erlassen war. Diese Frage nahm allerdings bedenkliche und aufregende Formen an, und ich will hier nur kurz das Folgende darüber sagen:

Am 5. April 1897 war eine »Sprachen-Verordnung« in Böhmen erlassen, die den Zweck hatte, die Feindseligkeiten zwischen Deutschen und Tschechen zu verhindern oder doch zu mildern. Hiernach sollten bei den Behörden und Gerichtsstellen die Verhandlungen in derjenigen Sprache geführt werden, in welcher die erste Eingabe gemacht war.

Es ergab sich also daraus, daß in tschechischer Sprache verhandelt werden muß, wenn in den absolut deutschen Teilen Böhmens ein Tscheche irgendeine Eingabe macht.

Die Gegensätze zwischen den Nationalitäten hatten sich sofort nach dieser Sprachenverordnung sehr verschärft und die Verhandlungen in dem Abgeordnetenhaus zu Wien wurden andauernd stürmischer. Besonders hervorgerufen durch den Deutsch-Böhmen Wolf, der der ganz linksstehenden deutschen Partei angehört und ein bösartiger Debatter ist.

Ende Juli versuchte Ministerpräsident Graf Badeni vergeblich, eine Einigung herbeizuführen, und die Unruhe in ganz Böhmen wächst seitdem.

Im September findet ein Duell zwischen Badeni und Wolf statt, weil letzterer von Badenis »Schufterei« sprach.

Im Oktober wird der Antrag von den Nationaldeutschen gestellt, Badeni in Anklagezustand zu versetzen.

Am 26./27. November kommt es zu wilden Prügelszenen im Abgeordnetenhause und zu heftigen Zusammenstößen auf den Straßen in Wien und Graz. In Wien muß am 27. November Militär einschreiten. Am 28. November entläßt der Kaiser den Grasen Badeni und ernennt Baron Gautsch zum Ministerpräsidenten.

Es spielt in diese politische Situation Frau Kathi hinein, Herr Palmer ist ein Gegner Badenis. Darum hat in dem Augenblick, als der Kaiser von Wallsee (dem Schloß an der Donau, das er der Erzherzogin Valerie schenkte), zurückkehrte und hier totale Zerfahrenheit fand, Frau Kathi gewirkt und den Rat Goluchowskis und Bánffys Der ungarische Ministerpräsident.) unterstützt, sich von Badeni zu trennen. Ich möchte glauben, daß der Rat der beiden Minister nicht darauf hinzielte, die sofortige Entlassung Badenis zu befürworten (denn beide Herren hatten politisches Einsehen genug, um eine Kapitulation vor der Gasse vermeiden zu wollen), sondern das Haus zu schließen und durch einige Handlungen des Grafen Badeni der kommenden Regierung die Möglichkeit einer Existenz zu geben.

Aber der Kaiser war bereits umgestimmt und überstürzte den Abschied, weil er in starke Unruhe versetzt war – und zwar durch Frau Kathi Schratt. Er hatte schon, vom Westbahnhof kommend, nicht den gewohnten Weg durch die Mariahilfer-Gasse genommen, sondern war über den Maria-Theresien-Platz gefahren. Ich lasse dahingestellt, von welcher Seite ihm dieser ängstliche Rat kam. Tatsächlich war in der Mariahilfer-Gasse keine Volksansammlung, und niemand wußte, daß er kam.

Frau Schratt aber saß zitternd zu Hause, während die Tumulte immer größer wurden. Sie wußte sehr wohl, daß in der Menge die Auffassung mehr und mehr Boden gefunden hatte, daß der Kaiser alt und schwach geworden und eigentlich nur noch auf sie höre. Sie sah bereits im Geiste das Volk ihre Wohnung stürmen und schielte unruhig nach den Laternen-Pfählen auf der Straße. Sie erinnerte sich vielleicht auch der Episode des Jahres 1848, wo das wütende Volk von der Kamarilla hörte, die an allem Schuld sei und in der Überzeugung, daß die »Kamarilla« die Maitresse des Kaisers Ferdinand sei, einen Sturm auf die Burg unternahm.

Frau Kathi hatte wohl nur den einen Gedanken: jene aufgeregte Menge zu beschwichtigen. Und ein Mittel, das augenblicklich wirken mußte, war die sofortige Entlassung Badenis.

So sahen wir ihn denn plötzlich verschwinden, in einem Augenblick, wo er sicherlich nicht verschwinden durfte. Das verhinderte aber nicht einmal, daß der Mob und die Sozialdemokraten in den Vorstädten »Herrn Schrattenbach« Pereats brachten.

Wer nun nach der Entlassung Badenis an den groben Ungeschicklichkeiten schuld ist, die auf der Straße begangen wurden, weiß ich nicht. Ich vermute, daß auch Statthalter Graf Kielmannsegg einigermaßen den Kopf verlor. Er sagte mir selbst, daß er eine Revolution befürchtet habe und dieser Ansicht bei Badeni Ausdruck gegeben habe. Das heißt mit anderen Worten, daß mit allen Mitteln abgewiegelt werden sollte. Hierdurch erklären sich allein die fast unglaublichen Vorgänge, daß die Polizisten den Verkauf von Extrablättern unterstützten, welche die Entlassung Badenis meldeten und Sorge trugen, daß sie im Volke richtige Verbreitung fanden.

Der Menge, welche nach dem Landgericht zog, um den Abgeordneten Wolf, der dort inhaftiert war, zu befreien, wurde auch von den Polizeiorganen sofort mitgeteilt, daß bereits Order eingetroffen sei, Herrn Wolf zu entlassen. Daß ein unglücklicher Gendarm zu Pferde, das auf dem Asphalt zu Fall kam, von der Menge buchstäblich mit Steinen totgeschlagen wurde, ist verschwiegen worden.

Frau Kathi hatte allerdings in diesem Fall ein leichtes Spiel gegenüber dem Kaiser, weil dieser sein Leben lang die fixe Idee hatte: durch eine Revolution sein Ende zu finden – »weil er durch eine Revolution zum Kaiser erhoben worden sei«.

Die jetzt recht bedenklich gewordenen Gegensätze in Böhmen (die im übrigen stets vorhanden sein werden), waren allerdings das törichte Werk Badenis, d. h. wohl eigentlich nur seiner törichten Berater, denn er selber war weder dumm noch antideutsch. Für die Tschechen hatte er jedenfalls keine Sympathien –, denn die Polen wollen in der Burg herrschen und finden dort stets den tschechischen Hochadel auf ihrem Wege.

Momentan aber war nun Badeni der » Croc mitaine« für alle Deutschen geworden, besonders die liberalen Deutschen, zu denen Herr Palmer und Frau Kathi gehören.

Wien, 25. März 1898.

... Die Taktik der Frau Kathi, nach der ungarischen Intrige auf den Semmering zu flüchten und selbst bei Rückkehr des Kaisers nach Wien nicht anwesend zu sein, hat sich als richtig bewährt. Es scheint, daß der Verkehr mit der Erzherzogin Valerie, welche ihrem Vater gegenüber stets ein etwas befangenes, fast verlegenes Wesen zeigte, dem hohen Herrn auf die Dauer nicht genügte. Das lustige Geplauder von Frau Kathi über die großen und kleinen Miseren der Kulissenwelt, über die Hunderln und die Vögerln und die Haushaltsereignisse seiner Freundin hat ihm gefehlt. Weder die Dichtungen noch die ewigen Kinderstubenangelegenheiten der Tochter fesseln ihn. Er braucht auch die Attraktion der schönen Weiblichkeit Frau Kathis, über die er in unschuldvollster Weise gebietet. Kurz und gut: es ging nicht länger ohne sie. Das scheint auch die Kaiserin behauptet zu haben, die bereits zweimal Ärgernisse ähnlicher Art, wie die jetzt eingetretenen, ausgeglichen hat.

Das Resultat ist, daß die kleinen Diners bei Frau Kathi, die Spaziergänge und das Hin und Her von Billets wieder nach alter Weise begonnen haben. Der Sturm hat sich gelegt.

Wien, 6. Januar 1899.

... Hier hat nach dem stillen Intermezzo der Weihnachtswoche der Kampf »Aller gegen Alle« wieder begonnen, und aus der tosenden See ragt nur als ruhige Insel die Idylle des kaiserlichen Privatlebens hervor. Es ist eine alte Wahrheit, daß in den hohen Jahren menschlichen Lebens einerseits die Empfindungsfähigkeit sich abstumpft, andererseits der Gedanke den Greis beherrscht: es kann ja lange nicht mehr dauern. So ist denn auch Kaiser Franz Joseph so völlig über den Verlust der Kaiserin Siehe meine Aufzeichnungen »Mord«. hinaus, daß sich die Umgebung wun*dert, wie dieses grauenvolle Ereignis so wenig Spuren hat hinterlassen können. Aber Spuren hat es dennoch hinterlassen, nur eben nicht eine zerbrochene Existenz oder trostlosen Schmerz und fassungsloses Hinbrüten. Denn in das behagliche Leben des Kaisers, das sich zwischen der Tochter mit ihren Kindern und der Freundin Kathi teilt, hat sich der alte kirchliche Geist geschlichen, der durch alle Zeiten die alternden Fürsten des Hauses Österreich in der Burg gefangennahm.

Die Werkzeuge, deren sich die Kirche bedient, sind sehr verschiedenartige. Katharina von Österreich – wie man die gute Frau Kathi nennt, – ist es nicht. Im Gegenteil. Sie gehört nach Tradition und Naturell in das liberale deutsche Lager, zu dem gemütlichen, künstlerischen Wien, das deutsch redet, denkt und alles Ausländische (wozu auch die unbequemen ungarischen, tschechischen, italienischen und sonstigen Dialekte gehören), perhorresziert. Die bedrohliche Nähe der frommen, klerikalen Gesellschaft, welche jetzt mit dem Ministerium Thun am Ruder ist, läßt Frau Kathi nur um so fester an ihrer gemütlichen bürgerlichen Wiener Art hängen. Aber – sie wagt sich gegenüber dieser Art politisch nicht hervor. Damit zeigt sie viel Klugheit, denn es fragt sich, ob sie nicht bei der in der Burg und bei der Regierung herrschenden Stimmung unterliegen würde, wenn sie als »Gegenströmung« bemerkbar würde. So hat sich auch ihr alter Freund Palmer, der Tarockpartner des Kaisers, vorsichtig zurückgezogen und weder er noch Frau Kathi sind den dringenden Bitten, im Interesse der Deutschen Österreichs zu intervenieren, zugänglich gewesen, die in letzter Zeit von verschiedenen Personen ausgesprochen worden sind.

Es ist diese schroffe Ablehnung symptomatisch sehr interessant: sie spricht für die Bedeutung, die jene feudal-tschechisch -polnische Richtung angenommen haben muß. Denn es ergäbe sich, wie früher, so leicht die Gelegenheit für Frau Kathi oder Herrn Palmer, dem Kaiser Dinge aus dem Alltagsleben Wiens oder Böhmens zu erzählen, welche die Lage grell beleuchten und den alten Herrn zum Nachdenken anregen könnten. Denn der Kaiser nimmt fast immer noch das erste Frühstück in der Villa Schratt ein. Von Schönbrunn geht er nur 10 Minuten durch den Park bis an die Pforte, die das Gärtchen von diesem trennt. Auch macht er täglich seine Nachmittagspromenaden mit der Freundin. Bisweilen, gegen Abend, findet sich dann wohl auch Herr Palmer in dem eleganten Salon Frau Kathis ein. Aber, wie gesagt: »Man will den armen Herrn, der soviel Ärger und Sorgen hat, nicht auch bei diesem gemütlichen Verkehr mit Politik langweilen.«

Von unzweifelhafter Bedeutung für die »andere« politische Richtung ist der viel weniger harmlose Verkehr des Kaisers mit der Tochter geworden. Erzherzogin Valerie mit Gatten und Kindern hat das Schloß von Schönbrunn bezogen, um dem Vater nahe zu sein. Aber merkwürdigerweise ist der Umgang der Tochter mit dem Vater gar nicht der harmlose, kindliche, wie man anzunehmen geneigt ist. Trotz aller Begabung und trotz allen Verstandes, den die Erzherzogin unzweifelhaft besitzt, die sie zu einer anziehenden Erscheinung machen, kann sie ein Gefühl der Scheu nicht überwinden, das ihr der Kaiser als solcher einflößt. Sie wird dadurch nicht amüsanter – und da der alte Herr nicht zu den Unterhaltenden gehört, so trägt dieser Verkehr den Stempel größter Langeweile.

Es dürfte diese Langeweile nicht dadurch gemindert werden, daß die Erzherzogin ihren Vater durch allerhand Sorgen, das ewige Seelenheil der ermordeten Kaiserin betreffend, quält. Das nicht fortzuschaffende Faktum, daß die Kaiserin auf dem Wege vom Dampfboot zum Gasthaus starb und weder beichten konnte, noch versehen wurde, ängstigt die fromme Tochter auf das Furchtbarste und dürfte wohl von dem Jesuiten-Pater Abel, dem Beichtvater, benutzt werden, um auch auf den Kaiser zu wirken. Allerhand fromme Unternehmungen, die mir als Protestanten in ihren Zwecken und Wirkungen schleierhaft sind, werden in Szene gesetzt. Ein ganzer Apparat ist losgelassen, der den alten Herrn teils beschäftigt, teils nachdenklich macht, teils langweilt, der aber schließlich wohl den Zweck der Kirche erreicht, ihn stärker in Anspruch zu nehmen als bisher. Es ist mir bekannt, daß sogar recht streng-kirchliche Herren diese Geschichten für »zu viel« halten. Die Damen meinen natürlich, daß es noch nicht genug sei, und dazu dürfte wohl Pater Abel auch gehören.

Aus zwei Briefen an den Staatssekretär B. v. Bülow.

Wien, 10. Januar 1899.

... Gestern war ich zum Diner bei Frau Kathi Schratt geladen. Ich ging nur für eine Stunde am Abend hin und traf Oberhofmeister Fürst Rudolf Liechtenstein, Marquis Baqueham (den letzten Statthalter in Graz), Herrn Palmer, Hofkapellmeister Mahler, Komiker Tewele, Ehepaar Devrient, Gräfin Nora Fugger-Hohenlohe, Gräfin Westphalen (eine geborene Schauspielerin) und Komtesse Bubna – die unter anderem Namen am Burgtheater spielt.

Frau Kathi war in Hoftrauer mit prachtvollen Perlen, machte reizend die Honneurs in ihrer schönen Wohnung.

Ich benutzte ein Tête-à-tête mit ihr, um sie auf die gegenwärtige Lage anzureden. Sie war außer sich über die Haltung des Kaisers, der rund heraus erklärte, nur mit Thun Graf Thun, der neue Ministerpräsident. die politische Situation besprechen zu können. Er höre nur diesen, – Beck, Goluchowski bisweilen – und diese alle seien erfüllt von Haß gegen die Deutsch-Nationalen und redeten nur in der Richtung, in der ja leider der Kaiser selbst sich bewege. Sie wisse nicht, wie sich diese Lage ändern könne und sei äußerst besorgt. Sie erzählte mir auch, daß Doczy bei ihr die größten Anstrengungen gemacht habe, um sie zu bewegen in deutschem Sinne zu wirken, aber sie habe ihm nur sagen können, daß die Lage ganz aussichtslos sei und sie leider nichts vermöge.

Ich stellte ihr nunmehr sehr deutlich die Gefahren dar, welche bei einer Fortführung des jetzigen Systems drohten und gab ihr einige Schlagwörter mit auf den Weg, den sie ja so häufig an der Seite des alten Herrn im Schönbrunner Park wandelt – aber ich erwarte leider nicht viel Wirkung davon.

 

1. Februar 1899.

... Ich erfahre soeben aus sonst stets zuverlässiger Quelle, daß eine Wiedervermählung des Kaisers Franz Joseph angebahnt sei. Die zukünftige Kaiserin soll die jüngere Schwester der Königin von Portugal und der Herzogin von Aosta sein. Im März, nach Ablauf der Trauer, soll die Absicht des Kaisers bekanntgegeben werden und die Hochzeit noch vor dem 70. Geburtstage des hohen Herrn gefeiert werden.

Bis jetzt traten alle diese Heiratspläne nur als Gerücht auf. Jetzt gewinnen sie anscheinend mehr Hintergrund...

 

Aus Briefen an Kaiser Wilhelm II.

Wien, 20 Februar 1899.

... Da mein Verkehr, meine Gesellschaft, meine Äußerungen usw. überwacht werden Durch den deutschfeindlichen Ministerpräsidenten Graf Thun., so muß ich auch danach handeln und meine Rede in die Form kleiden, die nötig ist, um diejenige Wirkung zu erzielen, die wir haben wollen – und leider nicht erreichen, weil die Herren Kaizl Tschechenführer, Kramarz Tschechenführer und Genossen das große Wort – und die Intrige führen! Ich kann daher noch weniger als sonst die gute Schratt besuchen. Man würde den Verkehr in einer Weise ausbeuten, die weder uns noch Kaiser Franz Joseph dienlich wäre.

Daß ich aber gestern Frau Kathi einen Besuch abstattete, nachdem sie mich letzthin eingeladen hatte, war völlig unverfänglich, weniger aber unsere Unterhaltung.

Die gute Frau klagte in allen Tönen: es sei unerträglich, die ärgerliche Politik verstimme den Kaiser entsetzlich, niemals eine gute Nachricht, er sei so unglücklich, daß er schon öfters gesagt habe: »Es wird erst besser, wenn es mit mir aus ist.«

»Jessas Maria«, hat Frau Kathi gesagt, »das ist aber a Red! – da wirds ja grad toll!« – aber der Kaiser sagt, »es sei gar nicht mehr auszuhalten, und er gäbe sich doch soviel Mühe und arbeite soviel. Er könnte halt niemand recht machen!«

Frau Kathi hat dann von der Notwendigkeit gesprochen, daß der Kaiser doch auch hin und wieder einen anderen höre als Thun allein und immer nur Thun. Er habe wohl einmal zugehört, was der Palmer ihm sagte, aber alles bliebe doch beim alten.

Nachher brach sie gegen Thun los, »der nicht einmal das täte, was der Kaiser ihm austrage«. So habe der Kaiser ihm schon vor 4 Wochen gesagt, er solle einmal mit Singer (von der »Neuen Freien Presse«) sprechen (der ihr, Frau Kathi, gesagt habe, daß er alles tun wolle, was der Kaiser befehle), aber Thun habe ihn noch nicht gesehen. Das hätte nicht geschehen können, wenn die Kaiserin noch lebte, da hätte auch nicht die ungarische Krise eintreten können.

Von den Besuchen des Fürsten Schwarzenberg beim Kaiser sprach Frau Kathi nicht. Der sieht aber tatsächlich den Kaiser öfters, und in manchen Kreisen legt man diesen Audienzen eine gewisse Bedeutung bei. Ich glaube nicht, daß viel Ernsthaftes dabei gesprochen wird, doch schwimmt Schwarzenberg in dem Thunschen Fahrwasser und dürfte daher dessen Richtung verstärken.

Ich erwähnte nun das Familienleben in Schönbrunn, Erzherzogin Valerie und ihre Kinder. Frau Kathi sagte, daß dieser Verkehr dem Kaiser gerade die Zeit seiner Spaziergänge am Nachmittag raube, aber er ließe sich nicht bestimmen, dieses zu ändern, obgleich Professor Wiederhofer Leibarzt des Kaisers. ganz unglücklich deswegen sei. »Man hat's halt gewollt«, sagt der Kaiser, »da ist nix zu machen.«

»Der Kaiser ist halt zu gut«, meint Frau Kathi. »Statt daß er seinen Tag wieder anders richtet, trägt er lieber die Last.«

In der Tat steht der Kaiser unter dem Zwang dieses Familien-Verkehrs, der ihn ebenso langweilt wie die anderen.

Nichts Fürchterlicheres soll es geben, als die Familiendiners, wo alles feierlich herumsitzt, niemand den Mund aufmacht und nachher ein steifer Cercle stattfindet wie unter Fremden. Der Kaiser kann gar nicht erwarten, daß er wieder hinauskommt.

Ähnliche Empfindungen hat er im engeren Kreise der Familie seiner Tochter. Aber »er tuts halt«.

»I glaub net«, sagt Frau Kathi, »daß's mi weg hab'n wollen«. Sie meint, daß sie gar nichts von Intrigen gegen sie bemerkt habe. Aber Palmer wisse davon etwas und darum habe sie kürzlich dem Kaiser davon gesprochen. Der wollte gleich den Palmer fragen. »Aber«, hat er gesagt, »möglich is schon, daß die was wollen, aber i will nix«.

»Passens auf« – fuhr Frau Kathi fort – »hat der Palmer mir gesagt, wenn's recht freundlich wer'n – die andern – dann is halt recht z'gfärlich.« »Und, passens auf«, erzählte sie weiter, »letzthin hat der Ludwig Victor Erzherzog Ludwig Victor, der jüngere jetzt einzige Bruder des Kaisers. mir g'schrieben, weil er ein Gedicht von mir habn wollt, und dann hat er mir eine Broschen g'schickt! Als i des Sr. Majestät verzählt hob, hat er glei gsagt: ›Mei Bruder!!? – Jesses, i setz mi untern Tisch!‹ – und i hob gsagt, da setz i mi glei auch zu Eu'r Majestät!«

Frau Kathi glaubt nicht an die Wirkung der Intrigen, die sie hauptsächlich bei Erzherzog Franz Salvator Gatte der Erzherzogin Valerie. sucht – mehr wie bei der Erzherzogin Valerie. Doch darin irrt sie.

Daß der Einfluß der Tochter und der Schwägerin Marie Therese Witwe des Erzherzogs Karl Ludwig, Bruder des Kaisers, geb. Prinzessin von Braganza. vorhanden ist, scheint mir unumstößlich. Doch weniger jetzt in der Gegnerschaft zu Frau Kathi als in klerikalem Sinne.

Die Schratt in ihrer stets mir gegenüber zunehmenden, offenen, vertraulichen Art (denn sonst ist sie sehr vorsichtig!) erzählte mir, daß der Kaiser unter diesem »frommen Druck« zu leiden habe. Dreimal hat er bereits in diesem Jahre gebeichtet (jetzt sind wir im Februar), und sonst beichte er nur dreimal während des ganzen Jahres!

»Mein Gott«, rief sie, »und was wollns denn beichten, Majestät?« hob i gfragt. »So ein lieber guter Herr hat ja gar nix zum beichten! Hab'ns denn so viel Sünd'?« – »Ja«, hat der Kaiser gsagt, »wollns denn nit, daß i mi bess'r auf meine alten Tag?« – I hob gsagt, »das wohl – aber Eu'r Majestät hab'n ja halt gar nix zu beichten!«

Diese kleine Episode zeigt mehr als die gute Frau Kathi ahnt – und gibt auch manche Erklärung für den Zusammenhang mit Thun, der sich gesellschaftlich ganz zurückzieht, nicht mehr in den Klub geht und auch mehr beichtet als früher.

Die große Frage blieb für mich das Heiratsprojekt. Frau Kathi sprach nicht davon; ich wartete lange. So begann ich denn im Zusammenhang mit den Palmerschen Sorgen davon zu sprechen und fragte, was sie davon wisse? »Nichts«, sagte sie. »Man wird Ihnen auch zuletzt davon sagen«, erwiderte ich. »Ja, das schon«, sagte sie, »aber ich merke halt doch. Wenn Se. Majestät was druckt, da gehts halt immer beim Redn so im Kreis herum – bis's halt raus ist. Und bis jetzt hat er halt noch gar net herumgedruckt.«

Frau Kathi glaubt eben nicht daran, vielleicht auch nicht, weil es ihr fatal ist. Aber ich habe auch Näheres nicht gehört.

Daß irgend etwas in dieser Hinsicht geschmiedet wird, steht fest. Doch mag es wohl damit sein, wie mit den Intrigen gegen die Schratt, wozu der Kaiser sagte: »Möglich is schon, daß die was wolln – aber i will nix!«

Und dennoch kann, wenn die tatsächlich an Einfluß zunehmenden Beichtväter sich mit der Familie verschwören und eine Frage der Pflicht und des Wohles des Vaterlands daraus machen, der Kaiser schwach werden – trotz Frau Kathi. Daß aber der Kaiser vorläufig nicht »herumdruckt«, ist allerdings ein gutes Zeichen.

Ich habe dabei natürlich die Ehe Orleans oder eine solche Ehe im Auge, die den alten Herrn in totale Abhängigkeit der Kirche oder uns Feindlicher Strömungen bringt. Sonst hätte ich ja durchaus nichts dagegen, wenn der hohe Herr schließlich noch der Linie Karl Ludwig Die Söhne des Erzherzogs Karl Ludwig sind 1. der Thronfolger Franz Ferdinand, 2. Erzherzog Otto. ein Schnippchen schlüge.

Kann letzteres aber nicht geschehen, so ist Frau Schratt für uns bei weitem das Beste. Ich habe aus diesem Grunde auch meine Beziehung zu ihr so freundschaftlich gestaltet, und der Kaiser nimmt das sehr hoch auf....

 

Wien, 8. März 1899.

... Frau Schratt teilte mir gestern auf einem Feste bei mir folgendes mit:

Sie hatte am Morgen den Kaiser gesehen und ihren gewohnten Spaziergang mit ihm gemacht. Die Unterhaltung streifte das Thema »Stadtklatsch«, und Frau Kathi sagte, daß der Glaube an eine beabsichtigte Wiederverheiratung des Kaisers in immer weitere Kreise dringe. Der Kaiser lachte und meinte, es sei wohl ein Witz, den sie erzähle. »Nein«, habe sie gesagt, »auch ganz ernsthafte Kreise sprechen davon: sogar Graf Eulenburg hat mir erzählt, wie sehr man sich mit dieser Frage beschäftigt.«

Der Kaiser sagte ihr: »Da Sie heute den Grafen sehen, so sagen Sie ihm ganz im Vertrauen, in meinem Auftrage, daß ich mich nicht wieder verheiraten werde.«

Diese Mitteilung hat natürlich angesichts der nicht zur Ruhe kommenden Gerüchte großen Wert – (auch das Faktum, daß der Kaiser Frau Kathi mit dieser Mitteilung beauftragte, entbehrt nicht des Interesses!).

Natürlich kann man nun mit größerer Ruhe der Entwicklung dieser Frage entgegensehen, die allerdings wohl trotz der Äußerung des Kaisers bestehen bleibt. Ich bemerke eine immer stärkere Tätigkeit in dieser Richtung seitens der Kirche und des Kaiserhauses. Der Gesichtspunkt der Nachkommenschaft ist mehr in den Hintergrund getreten. (Ich weiß nicht, welche Erwägung plötzlich hierin Wandel geschaffen hat, nachdem noch vor kurzem die Möglichkeit im Vordergrund stand!) Man betont die Notwendigkeit einer Kaiserin, welche repräsentiert und Menschen sieht, die Notwendigkeit eines stärkeren Hervortretens des Hofes als Gesellschaftsmittelpunkt. Ich möchte bei dieser Betonung doch Erzherzogin Marie Therese und Erzherzog Ludwig Victor vermuten.

 

... Das Fest, welches die Veranlassung wurde, mir die so interessante Mitteilung Frau Kathis zu bringen, fand zu Ehren der Künstler statt, die sich an dem großen Konzert zugunsten des deutschen Hilfsvereins beteiligten. Ich lud dazu alles ein, was mir sonst aus Künstlerkreisen bekannt war. Dazu eine Anzahl Damen der hohen Aristokratie, welche Fühlung zu ihnen haben, wie Fürstin Croy, Fürstin Hatzfeldt, Gräfin Wydenbruck usw. Es waren wohl 80–100 Personen anwesend, die zuerst herumstanden, wie die Götzenbilder auf einem siamesischen Kirchhof. Dann aber goß der Champagner Leben hinein, und es entstand eine für Wien ganz ungewöhnliche Vertraulichkeit des Verkehrs zwischen den Kasten, welche die hiesige Gesellschaft trennen und die wahrhaftig an Indien erinnern. Man hörte das volltönende Organ des alten Sonnenthal durch das Lachen der Damen hindurch, und kleine jüdische Klavierspieler rauchten mit Fürstin Croy lange braune Zigarren. Dann hatte sich Herr Sistermann mit dem Studium meiner Lieder in einem leeren Zimmer beschäftigt und erklärte mir, er wolle trotz des eben absolvierten Konzertes davon singen. Es klangt wirklich schön. Dann trat Miß Walker, die Altistin der hiesigen Oper, ein und sang zur Begeisterung der Gesellschaft ebenfalls Lieder von mir. Sie hat eine wunderbare Stimme. Mich störte nur ein schwarzes Schönheitspflästerchen auf ihrem Busen, auf das man, wie auf einen Magnet, hinblicken mußte. Erst nach 1 Uhr war der Schluß des Festes.

 

Wien, 13. Oktober 1900.

... Von besonderem Interesse ist die Entwicklung der Dinge, welche man hier »den Bruch zwischen dem Kaiser und der Schratt« nennt.

Die Dinge liegen so, wie ich vermutete: Frau Kathi hat durch das Burgtheater, das sich bettelnd und quälend an ihre Gutmütigkeit hing, durch das täglich früh um 6 Uhr »fertig zum Empfang des Kaisers beim Frühstück sein« und durch kontinuierliche Geldverlegenheiten die Nerven total verloren. Sie konnte nicht weiter. So gab sie das Burgtheater auf und reiste zu längerer Erholung in die Schweiz, aber ihr hoher Gönner schreibt ihr täglich einen Brief und hat ihr erlaubt, um sich zu schonen, stets nur telegraphisch darauf zu antworten! Also wird das klatschsüchtige Wien, das jetzt die lächerlichsten und dümmsten Dinge über die »Trennung« erfunden hat, in einiger Zeit wohl wieder von einer Versöhnung sprechen müssen.

Ich höre, daß Prinzeß Gisela, auch Rudolf Liechtenstein und die nächste Umgebung des Kaisers alles tun, um Frau Kathi zu halten, welche die einzige Erholung für den alten Herrn bedeutet. Erzherzogin Valerie soll allerdings grollen, aber, auch sie hat jetzt keine Trennungsversuche gemacht, so wird mir aus guter Quelle versichert.

Inwieweit eine sehr lange Trennung psychologisch auf den alten Herrn wirken könnte, lasse ich dahingestellt. Dazu wird es aber Frau Kathi wohl nicht kommen lassen....

Wien, 22. Oktober 1900. ... Das anliegende Inserat aus der Neuen Freien Presse:

Kathi

kehre zurück – alles geordnet – zu

Deinem unglücklich verlassenen

Franzl.

macht viel Gerede. Es ist in der Tat sehr frech. übrigens wird Frau Kathi in nächster Zeit hier zurückerwartet...

 

Tagebuchnotiz.

6. Dezember 1900.

Da Baron Berger in seiner Eigenschaft als Dramaturg des Burgtheaters eine Dienstreise nach München gemacht hatte, und ich erfahren hatte, daß Frau Kathi dort eingetroffen sei, schrieb ich ihm eilend dorthin, er solle mir die eigentlichen Gründe ihrer Verstimmung mitteilen und versuchen, sie zu einer Rückkehr nach Wien zu bewegen.

Ich erhielt darauf von ihm den nachfolgenden Brief:

München, 4. Dezember 1900.

Euer Durchlaucht! In größter Eile fasse ich das Ergebnis der Unterredung mit der bewußten Dame zusammen. Über die Ursache der Kränkung, die sie empfindet, sprach sie sich in folgender drastischer und urwienerischen Weise aus: »Jeder kleine Bub' läßt sich gutwillig den Wurschtl (Hanswurst), an dem er seine Freude hat und mit dem er spielt, nicht wegnehmen, er schlagt wenigstens nach denen, die ihm sein geliebtes Spielzeug wegnehmen. Er aber tut das nicht.«

Verstimmt ist sie, wie sie aus dem Theater entfernt wurde. Sie hatte ihr Entlassungsgesuch eingebracht, hielt es aber für abgetan nach einer Besprechung mit dem Fürsten Liechtenstein, der ihr gesagt haben soll: »Also, Ihr Gesuch existiert nicht mehr, Sie kommen zurück, wann Sie wollen....« usw. Nach einiger Zeit aber war das Gesuch – zustimmend erledigt.

Seit dem Tode einer allerhöchsten Dame hätte überdies eine Nuance gefehlt, die bis dahin alles anders, vornehmer gestaltet hatte. – Sie würde, wenn ihr gewisse Genugtuungen geboten würden, wohl sogleich zurückkehren. Aber man würde ihr von 4 Personen, die sie mir genannt hat, wohl keine opfern. Auf meine Bemerkung, Gott habe sich statt des Isaak mit einem Schaf als Opfer begnügt, und irgendein Schaf würde man ihr gern opfern, meinte sie, ein Schaf tue es nicht, sie wolle den Isaak. Nennen kann ich die 4 Isaaks nicht, deren eine Person eine Dame ist. Sie hält die 4 für beteiligt an der gegen sie gerichteten Intrige.

Resultat: Die Aufopferung eines Gegners würde sie zurückführen. Dieses Resultat entnehme ich einem Wirrsal von ernst- und scherzhaften Hin und Widerreden.

Die Äußerung Ew. Durchlaucht, die ich ihr hinterbrachte, hat sichtlich Eindruck auf sie gemacht. Ich würde es mir zutrauen, wenn ich Zeit und ein Mandat hätte, sie zurückzubringen.

In tiefer Ergebenheit (gez. Berger.

 

Wien, 22. Dezember 1900.

Frau Schratt boudiert immer noch, und zwar hauptsächlich, weil der Kaiser ihr durch seine Haltung nicht genug Freundschaft gezeigt habe, als der Ansturm der Schwarzen stattfand. Sie verlangt jetzt als Bedingung der Rückkehr vier Opfer. Ich weiß nur zwei davon: eine bösartige, schwarze Hofdame der Erzherzogin Valerie und einen Hofrat im Obersthofmeisteramt. Vielleicht begnügt sie sich mit einem.

Die Bemühungen, sie zur Rückkehr zu bewegen, sind sehr große, und es interessieren sich immer mehr mächtige Leute dafür, weil der Kaiser augenscheinlich schwer darunter leidet, traurig und verstimmt ist. Die Umgebung macht mir Andeutungen, die recht kummervoll lauten. Paar Graf Paar, Generaladjutant des Kaisers. sagt mir, daß die Melancholie, die auf dem Verkehr mit dem Kaiser ruhe, geradezu niederdrückend sei. Er nannte mir nicht die Affäre Schratt als Grund, aber Liechtenstein sprach ganz offen mit mir. Er spricht auch mit dem Kaiser davon, der ganz sonderbar hilflos gegenüber dieser Wendung der Dinge ist. Er scheut sich wohl vor jener gewünschten Abschlachtung, aber ich glaube, daß, wenn er nur guten Willen zeigte, und sich nicht hinter allerhand Rücksichten verkröche, die gekränkte Schratt sich mit einem Ziegenbock als Opfer begnügen würde. So aber verbringt er seine Zeit zwischen der Arbeitsmappe und einem tödlich langweiligen, konventionellen Verkehr mit dem Hofe. Eine wahrlich entsetzliche Existenz!

Unterdessen ist Frau Kathi von der Schweiz nach München gefahren, wo Prinzessin Leopold sie sehr freundlich empfing und im Sinne des »Ausgleichens« mit ihr verhandelte. Besonders warm aber tritt für die Rückkehr Gräfin Trani Die Schwester der verstorbenen Kaiserin Elisabeth. Vermählt mit dem Bourbon-Prinzen, Graf von Trani. ein. Diese hat mir aber durch ihren Eifer einen Plan verdorben.

Ich hatte einen beliebigen Vorwand gesucht, um nach München zu fahren. Dort wollte ich der bösen Frau Kathi sehr ernst ins Gewissen reden. Als ich im Hotel vorsprach, war der Vogel ausgeflogen! Gräfin Trani hatte sie schleunigst nach Rom zitiert, um ihr bei der Zumauerung der heiligen Jubiläumstür zu helfen. Ich habe darauf einen Brief geschrieben – ein Meisterstück von Überredungskunst zu schmieden versucht! Unter anderem sagte ich, daß ich darauf rechnete, sie im Januar in Wien zu sehen, da ich es für unmöglich hielte, daß sie ihren lieben, alten Kaiser, dem sie soviel Dank schulde, das neue Jahr ohne Gratulation beginnen lasse. Mit Frauen ist ja im allgemeinen nicht leicht verhandeln, mit Schauspielerinnen fast unmöglich.

Wie ernst man diese Dinge ansieht, zeigt die Haltung der Erzherzogin Valerie. Liechtenstein erzählt mir, daß sie angesichts der Wirkung der Trennung auf den Vater jetzt ganz für die Rückkehr der Schratt sei.

Das wäre der augenblickliche Stand dieser Sache, die tatsächlich ebensoviel Bedeutung für unser Bündnis durch die Wirkung auf die Gesundheit des Kaisers hat, als auf die gesamte politische Lage in Österreich. Davon hatte ich eingehend berichtet.

Die vertrauensvolle Aussprache des Kaisers Franz Joseph mit mir enthält doch manches, was uns beruhigen kann. Doch ist man niemals in diesem Lande vor Überraschungen sicher, und zwar vor unangenehmen.

 

Aus Briefen an Kaiser Wilhelm ll.

Wien, 18. Januar 1901. ... Frau Kathi ist zu der größten Freude des Kaisers vor einigen Tagen eingetroffen, und ich habe ihr einen Besuch gemacht, der unter ihren Tränen und ihrem Lachen abwechslungsvoll verlief. Die Dame ist noch immer schwer gekränkt und Argumenten von Vernunft schwer zugänglich, denn sie sagt zum Schluß, wie die meisten Frauen: »Aber es ist doch so, wie ich gesagt habe!«

Im wesentlichen zürnt sie dem Kaiser selbst. Er hebe nicht den Arm, um sie zu schützen. Früher sei die Kaiserin für sie eingetreten, jetzt habe sie keinen Schutz. Der Kaiser könne sich nicht entschließen, ein einziges energisches Wort für sie zu sprechen. Ich habe ihr erwidert, daß ich ihr Empfinden verstünde. Eine temperamentvolle Frau, welche liebt, verlange absolut das gleiche Temperament von dem Objekt ihrer Liebe und gerate in Raserei über den sogenannten Mangel an Liebe des andern. Ich nehme nach ihren Äußerungen an, daß sie den Kaiser wirklich »liebe«, aber sie könne mit dieser Liebe den Kaiser nicht zu einem feurigen Jüngling machen. Der Schrank, der dort stehe, könne z. B. nicht gehen, denn er ist eben ein Schrank. Der Kaiser täte sicherlich alles für sie, soweit es seine Individualität vermöchte, aber was solle er eigentlich tun, da sie gar nicht klar wisse, was sie wolle. Sie solle mir präzisieren, was sie wünsche?

Frau Kathi gab mir recht – sie wisse eigentlich nicht, was sie wolle, denn daß der Kaiser »anders« werde, sei leider nicht möglich. Ich erwiderte, sie könne wohl Schutz verlangen gegen Angriffe und Beleidigungen durch Personen, die zu dem Hofe gehörten. Das werde man gewähren, aber sie müsse ihre Wünsche präzisieren. Wie sollten der Kaiser und die kaiserliche Umgebung wissen, was sie zu tun haben, wenn sie nur »brumme« und sich in Schweigen hülle? Ich wisse, daß man nach der schlechten Wirkung ihrer Abwesenheit selbst in Kreisen, die sonst feindlich waren, ihr Bleiben wünsche. Man habe Angst vor einem Regierungswechsel und wolle alles tun, um das kostbare Leben des Kaisers soweit Menschen es vermögen, zu verlängern und ruhig zu gestalten.

Frau Kathi machte hierauf die Bemerkung: »Ich will nicht ins Theater zurück, aus dem man mich hinausgeärgert hat, ich will auch sonst gar nichts - mich haben überhaupt im Leben nur die Überraschungen gefreut.«

Ich sagte ihr, daß dieses ja immerhin ein Wunsch sei, über den sich reden ließe. Dann sprach ich ihr sehr ernst ins Gewissen und schonte sie nicht, sprach von Undankbarkeit und Rücksichtslosigkeit, die einer treuen Landestochter nicht zieme.

Sie klagte mir dann unter Tränen all das Unrecht vor, das ihr durch den Hof, die Erzherzogin Valerie und die Geistlichkeit zugefügt sei und rief aus: »Er (der Kaiser) schaut zu und läßt sich das gefallen – und ich soll nix dazu sagen!«

Von dem Wiedersehen mit dem Kaiser erzählte sie mir alle Details: »Gut und lieb wie immer war er, aber immer hat er gesagt: »Sein Sie aber bös'!« – »Ja«, ha' ich gesagt, »bös bin i und ich werd' auch sag'n warum«. - »Lassen's doch das!« hat er immer g'sagt, aber i hab g'sagt: »Nein, Majestät, wenn zwei Freunde miteinander reden, so müssen's sich halt aussprechen, und i geb' net nach!«

Ich habe Frau Kathi gesagt, daß sie den alten Herrn nicht gar zu sehr mit solchen Aussprachen »sekkieren« möge. Im übrigen würde sie an mir einen guten Freund behalten, denn ich hätte nur das Interesse des Kaisers im Auge. Ich vermöge ihr auch zu sagen, daß mein allergnädigster Kaiser, der stets ein Bewunderer ihrer Kunst auf der Bühne gewesen sei, durchaus mein Auftreten im Interesse des Kaisers billige.

Sie brach darauf erneut in Tränen aus und sagte: »Bitte schön, küssen's Sr. Majestät die Händ' von mir. Ja, i weiß genau, daß solche G'schichten in Berlin gar net möglich wär'n!«

Ich konnte auf diesen Entrüstungsschrei nur zustimmend antworten – allerdings in einem etwas anderen Sinne als die gute Frau Kathi.

Von der Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit der kaiserlichen Umgebung kann man sich allerdings keinen Begriff machen. Liechtenstein war bereits bei mir und hat verschiedentlich gefragt, was man um Gottes willen machen solle? Er sehe ein, daß, wenn Frau Kathi sich nicht halten ließe, der Kaiser binnen allerkürzester Zeit den Jesuiten völlig in die Arme fiele. Rudolf Liechtenstein ist »Freidenker« und den Jesuiten sehr feind, doch zeigt er dieses Antlitz nicht jedem.

Ich vermochte nur als guter Freund zu sagen, daß keine Summe hoch genug sei, um die bös' gewordene Frau zu beschwichtigen. Er solle sich der Geschichte des berühmten geistreichen Prince de Ligne erinnern, welcher vor der Kaiserin Katharina in Petersburg behauptete, jede Frau ohne Ausnahme sei durch Geld zu kaufen. » J'espère que vous faites une exeption pour moi!« sagte die Kaiserin. » Représentez-vous, Madame, la somme de 3 Millions roubles en argent«, erwiderte Ligne, und die Kaiserin sagte lachend: » C'est beaucoup

Ich werde nun jetzt, nachdem ich die Freude Frau Kathis an Überraschungen festgestellt habe, Liechtenstein einen entsprechenden kostspieligen Vorschlag in diesem Sinne machen, denn er war bei ihr völlig ratlos. Es sei wirklich kaum zu glauben. Ich würde mich anheischig machen, die Sache in einigen Stunden zu regeln, aber ich bin bis an die äußerste Grenze meiner Einflußnahme gegangen und kann nicht weiter gehen.

Jedenfalls halte ich die Sache für eine wesentliche und wichtige politische Angelegenheit, da der Schrecken des Kaisers über den Ausfall der Wahlen in radikaler Hinsicht ein großer ist. Treten die Jesuiten in den Vordergrund, so nützen sie die »veränderte« Stimmung im Lande aus und treiben den alten Herrn ganz sicher so tief in den Beichtstuhl, daß er nicht mehr hinausfindet...

Wien, 13. März 1901.

... Der Eigensinn von Frau Kathi Schratt macht dem alten Kaiser viel Sorgen. Sie fährt unruhig herum, gibt vor, hier und dort zu tun zu haben. Wünscht allerhand Stellungen, wie Vorleserin Sr. Majestät« (was ja Maitresse en titre bedeuten würde), und spielt sich auf die gekränkte Freundin. Immerhin ist sie klug genug, den Kaiser nicht zu langweilen. Sie macht sich nur »rar« und kommt immer wieder her. Das ist schließlich nicht so schlecht, denn der arme alte Herr freut sich dann bei jeder Rückkehr »unbändig«.

Man hat hier in der Stadt behauptet, daß dieses »Sichrarmachen« bedeute, den Kaiser zu einer Ehe zu bewegen. Das ist natürlich Unsinn. Aber in Rom war der Vatikan in größter Aufregung, als Frau Schratt mit Gräfin Trani erschien. Man hat zuerst die Audienz beim Heiligen Vater unter allerhand Ausflüchten hingehalten. Der Papst glaubte ernsthaft an eine Bitte für definitive Lösung der getrennten Ehe Kiß–Schratt, um den Kaiser heiraten zu können. Als man erfuhr, daß nichts als eine gewöhnliche Audienz verlangt wurde, hat man Frau Kathi sehr gnädig empfangen. So erzählte mir kürzlich Obersthofmeister Rudolf Liechtenstein....

 

Wien, 30. November 1901.

... Es wird erzählt, daß Frau Kathi Schratt ein Engagement in Amerika angenommen hat. Wie sie sagt: aus unüberwindlichem »Berufsgefühl«. Man will ihr anscheinend viel Geld zahlen. und sie ahnt nicht, wie die Reklame für sie ausfallen wird. Ich nehme an, daß auf Riesenaffichen in New York das Bildnis des guten Kaisers neben dem ihren zu sehen sein wird. Hoffentlich wird man hier das Verständnis für die Gefahr einer solchen Reise haben und lieber die Kosten auf die Promenaden in Schönbrunn umschreiben, die nach wie vor stattfinden.

Aber das Tempo ist langsamer geworden. Dazu ist Frau Kathi noch eigensinnig und spielt sich immer noch als die Gekränkte auf. Doch muß es wohl nicht zu schlimm sein, da der Kaiser nicht die Laune verlor.

Die früher fast täglich stattfindenden Frühstücke, morgens um 6 Uhr bei der Freundin sind allerdings abgestellt, weil sie bestimmt erklärte, nicht vor 9 Uhr freundlich sein zu können. Das begreife ich ...

 

Schlußbemerkung.

Frau Kathi ist nicht nach Amerika gefahren. Der große Gelderwerb, der mit allerhand neuen Schulden in Zusammenhang stand, konnte schließlich auf andere Weise bewirkt werden – und wurde bewirkt.

Denn als ich, nach erneuter schwerer Erkrankung, 1902, meinen Wiener Posten verließ, war sie die glückliche Eigentümerin eines großen vierstöckigen Hauses am Eingang der Mariahilferstraße, das ein »Millionen- Objekt« war.

Man darf bei ihren Schuldennöten jedoch nicht vergessen, daß sie Baronin Kiß war, einen herangewachsenen, großen, schwarzhaarigen Sohn Kiß besaß, der ein feueriger Ungar mit allen Passionen dieses seltsamen Landes war, hinter dem noch (wenn auch ziemlich verborgen, so doch noch sehr lebendig und bedürfnisvoll) dessen Vater stand, also zwei Herren, die den Geldbeutel Kaiser Franz Josephs mit Recht für sehr groß hielten. Allerdings liebte Frau Kathi nur den Sohn, aber war dieser von seinem Vater zu trennen? Es waren also nicht nur die Bibelots der Auktionen, wo alte Kommoden, Uhren und Kanapees gekauft werden mußten, die an dem Geldbeutel Frau Kathis zehrten, es stand auch »die Familie« hinter ihr, und es standen neben ihr auch die Freundinnen vom Theater, die Kolleginnen, welche der »berühmten Schauspielerin Katharina Schratt« Lorbeerkränze flochten in vielen Worten und Gedichten, unter Tränen der Rührung und Begeisterung, und auch Lorbeerkränze in natura, oft von einer Größe, die fast den Eingang ihrer Haustür versperrte, wie ich mich öfters selbst überzeugen konnte.

Frau Schratt, die unleugbar »eine Größe« in ländlichen Stücken nach Art der »Lorle« von Charlotte Birchpfeifer war, versagte in anderen Rollen, die sie aber mit Vorliebe spielte. Es ging so weit, daß sie in einem Stück auftrat, in dem sie die Rolle der Kaiserin Maria Theresia gab. (Es ging das Gerücht, Kaiserin Elisabeth habe ihr dazu ein echtes Prunkkleid der berühmten Kaiserin geliehen.) Diese Ausführung (die sich nicht im Burgtheater bewerkstelligen ließ, sondern in einem anderen Theater Wiens), war trotz der Lorbeerkränze ein großer Mißerfolg, und die »Taktlosigkeit« empörte den Hof, der im Grunde doch selber dahinter stand.

Wie sollte sich zu diesen Schwierigkeiten die Intendanz – und schließlich der Kaiser selbst stellen? Die entstandenen Gegensätze im Burgtheater waren geradezu unüberbrückbar.

Unser freundschaftlicher Verkehr aber blieb nunmehr auf die guten Grüße beschränkt, die unsere gemeinschaftliche alte liebe Freundin, Frau Aline Bach, Schwägerin des einst so berühmten Schauspielers Döring in Berlin, vermittelte.

Mein Nachfolger auf dem Wiener Botschafterposten 1902 vermochte den vertrauensvollen Verkehr, den ich in Frau Kathis sympathischem Hause aufrecht gehalten hatte – (trotz der Überwachung durch das Ministerium Thun) – nicht fortzusetzen.

Daß ich jemals mit Frau Kathi große auswärtige Politik gemacht hätte, trifft nicht zu, das verbot sich schon aus dem Grunde, weil ihr das Verständnis hierzu völlig fehlte. Es handelte sich für mich auch lediglich nur darum, dem alten Kaiser den Rücken zu stärken, gegenüber der stets drohenden Gefahr, die ich katholische Politik nennen will und gegenüber jener Politik, die die mächtigste feudale österreichisch-böhmische Partei vertritt.

In dem alten gütigen Kaiser aber erweckte ich durch meinen vertraulichen Verkehr mit Frau Kathi gewissermaßen ohne jeglichen Druck das Gefühl, daß Deutschland diese seine Freundschaft nicht mißverstand.

Der Tod der Kaiserin Elisabeth war für diese Fragen eine gefährliche Klippe, die ich aber doch zu bewältigen vermochte. Sodann wurde »die Krise im Burgtheater« zu einer zweiten Klippe. Beide Ereignisse nahmen schließlich eine für uns friedliche Wendung.

 

Nachschrift 1918.

Bis zu seinem am 21. November 1916 erfolgten Tode hat uns Kaiser Franz Joseph seine Bundestreue bewahrt. Seine »fixe Idee«, daß er, der durch eine Revolution zum Kaiser erhoben wurde, auch durch eine Revolution seinen Thron verlieren werde, hat den Charakter einer gewissen Berechtigung erhalten. Sein Tod war mit dem Weltkrieg und der Revolution eng verbunden – der Zusammenbruch erfolgte sehr bald, nachdem er seine Augen für immer schloß. Der junge Kaiser Karl war nur ein flüchtiger Schein über dem Thron seines edlen Vorgängers gewesen, über dem Thron, der unter furchtbaren Konvulsionen der Völker des alten Habsburger Zepters, nun tatsächlich unter der von Kaiser Franz Joseph geahnten Revolution zusammenbrach.

Der junge Kaiser Karl aber zeigte einen edlen Charakterzug, als er an das Todesbett des alten Kaisers, das seine Familie umgab, die treue Freundin Kathi rief, die dem alten Herrn in den schweren Jahren des Weltkrieges unwandelbar in der besten Art oberösterreichischen Volkstums treu zur Seite geblieben war.

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