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Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen

Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleErlebnisse an deutschen und fremden Höfen
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid5552a445
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Wiener Karneval

Wien, Januar 1898.

Karneval ist überall der gleiche: dieselben zerstreuten Mienen, dieselben Toiletten, dasselbe Geschwatze und Geschwitze. Der Luxus ist international. Die gesellschaftlichen Formen sind es auch. Will man ein Charakteristikum herausziehen aus dieser sich so absolut gleichenden Gesellschaft der großen Städte, so würde man die Wiener »Hof-Gesellschaft« etwa »vornehm – aber entsprechend mittelmäßig« nennen können.

Eine vornehme Gesellschaft wie die hiesige, wo die großen Herren es chic finden, halb nonchalant, halb töricht zu erscheinen, vielleicht, um durch einen (vorher präparierten) plötzlichen Geistesblitz denjenigen zu verblüffen, von dem sie annehmen können, daß er sie durchschaut haben könnte, ist sonderbar. Wird es einmal chic werden, etwas gelernt zu haben? Das erleben wir sicherlich nicht.

Diese vornehme Nonchalance hat jedoch etwas Gemütliches und ist nicht mühsam.

Ich erfrische mich nach solchem Verkehr an Freund Berger, an Graf Wilczek, Fürstin Pauline Metternich, Frau Malwine von Dutschka, an der urwüchsigen Klugheit der alten Fürstin Gabi Hatzfeldt – und Gott sei Dank bietet mir mein eigenes Heim vorläufig noch das sicherste Refugium vor Verflachung....

Ball bei mir.

Die Saison begann am 6. Januar 1898 mit einem Ball bei mir. Man fand ihn »glänzend, elegant und animiert«. Ich fand ihn »lustig«, weil meine älteste Tochter Adine – nun ballfähig geworden – ihn eröffnete und sich göttlich amüsierte. Die Geschwister saßen oben in der Loge des Saales und folgten mit kritischen Blicken der Schwester, deren Aussehen, Haltung und Wesen jedoch der schärfsten Kritik widerstand und der gesamten Wiener Welt einen vortrefflichen Eindruck machte. Alles kam, »mir zu meiner Tochter zu gratulieren« – (als ob der erste Ball das Leben bedeute!!) – und ich wurde damit offiziell in das Register der »alten Papas« geschoben. Aus diesem Grunde ließ ich mich nicht erweichen, länger als bis 1 Uhr tanzen zu lassen, denn ich gebe vier Bälle und sehe nicht ein, wozu ich bis um 5 oder 6 Uhr als nächtliche Jammergestalt über das Parkett schleichen soll?

Die Erzherzöge Rainer und Ludwig Victor Vetter und Bruder Kaiser Franz Josephs. kamen. Die vier neu auftauchenden Erzherzoginnen sollten erst auf dem Hofball ihren Einzug in die »Welt« halten. Vortänzer sind auch bei mir die netten jungen Leibgardisten, Graf Ceschi a Santa Croce und Graf Meran. Beide machen ihre Arbeit recht flott und geschickt.

Meine, zum Besuch bei mir weilende Mutter schrieb in ihr Tagebuch:

6. Januar 1898.

Die obere Festwohnung wird mit Blumen dekoriert. An 400 Einladungen sind ergangen für 4 Donnerstage. Wer kommt, ist ungewiß. Ich gehe abends um 9 Uhr hinauf, die Säle zu sehen. Die Attachés sind schon im Tanzsaal und die zwei Vortänzer. Adine sieht niedlich aus, weiß, mit Rosen vorgesteckt; Brillantenhalsband.

Der Büffettisch ist mit Rosen dekoriert, alles sehr festlich. Dann gehe ich mit Fräulein von Prittwitz und den Kindern hinauf in die Loge. Es kommen viele Gäste und es wird sehr eifrig getanzt. Unzählige Herren. Um 11 Uhr gehe ich herunter mit Karl und Tora und Mademoiselle. Am Schluß des Balles um 2 Uhr kommt Filly noch zu mir.

Hofball.

11. Januar 1898.

Es sieht in Wien stets bunt und lustig aus. Heute aber soll ein Posten in Schönbrunn in der Nacht auf die weiße Frau (!!) – geschossen und der von ihm gerufene Offizier nach ihr mit dem Säbel gestochen haben. Mehr kann man wirklich nicht verlangen! Die Stadt Wien erzählt es sich, und die tanzende Jugend zittert im Gedanken an die deshalb drohende Hoftrauer. (Ich wußte bisher nicht, daß auch hier diese weiße Dame bisweilen spazierengeht.) Es zitterten bei diesem Ereignis auch fünf Erzherzoginnen, die gestern zum erstenmal auf dem Hofball tanzten: zwei Töchter Karl Ludwigs, zwei Toskanas, davon eine Tochter Immaculata (Schwester des verschollenen Orth), eine Tochter Friedrichs, dazu eine kleine Cumberland. Keine besonders hübsch, aber alle frisch und appetitlich. Manche schöne Frau war zu sehen – weniger hübsche Mädchen und der Durchschnitt der Offiziere ist mangelhaft. Die Garde in Berlin sieht ganz anders aus Österreich besitzt kein Armeekorps Garde in Wien. Überhaupt keine Garde. Die Armeekorps wechseln ihre Garnison nach einigen Jahren, so daß auch die Wiener Garnison nicht durch eine äußerlich glänzende Truppe wie in Berlin ausgezeichnet ist.. Die hiesigen Offiziere tanzen »mittelmäßig«, denn die Haltung ist etwas zu »leicht«. Der Kaiser machte mir eine abfällige Bemerkung darüber. Er sagte, daß man zu seiner Zeit besser getanzt habe. Ich bemerkte dazu, daß in Berlin der Kaiser schlecht tanzende Offiziere nach Hause schicke, was Kaiser Franz Joseph sehr praktisch fand. Er machte eine Bemerkung, aus der hervorging, daß nach solchen Prinzipien der Ball hier hätte abgebrochen werden müssen.

Ich hatte eine ganz konfuse Quadrille mit der Kronprinz- Rudolf-Witwe Stephanie zu tanzen, vis-à-vis der Herzogin von Cumberland.

Es ist sehr angenehm, daß durch die Vorstellung des Herzogs von Cumberland an Kaiser Wilhelm bei dem Begräbnis Erzherzogs Albrechts 1895 das Eis gebrochen und nun, nach 32 Jahren, ein Modus vivendi geschaffen wurde. Man braucht sich um das Haus Hannover nicht mehr herumzudrücken. Ich erfülle die »Gesellschaftspflichten« gegenüber diesen Herrschaften, – ohne intim zu werden.

Zu essen gab es nichts. Zu trinken nur jene berühmte Bouillon der Kaiserin Maria Theresia – und Tee, den man mühevoll in einem weit abgelegenen Salon erhält. Ich muß gestehen, daß mir die Genügsamkeit der hiesigen jungen Herren wirklich imponiert. Sie verlangen nichts als »einen Tee« und »eine Limonad'«

Bei den Engländern.

Der englische Botschafter gab als nächster einen Ball in den zu engen Räumen des Botschafterpalais, und man stieß sich erhitzt herum.

Bei dem Souper gab es Konfusionen. Der baumlange Sekretär, Mr. Findlay Später englischer Gesandter in Norwegen, der bei der Verhaftung des Irenführers Sir R. Casement eine bedeutsame Rolle spielte., fragte mich: »Weshalb haben Sie sich hergesetzt?«

»Weil Sie mir gesagt haben, daß ich mich rechts von der Erzherzogin Otto setzen soll.«

»Wo sitzt die Erzherzogin Otto?« fragte er weiter.

»Links von mir.«

»Ooh!!« rief er.

Die Herzogin mußte laut lachen.

Ball am Hof.

Es folgte der »Ball am Hof«, die zweite der einzigen großen Festlichkeiten, welche alljährlich in der Burg veranstaltet werden. Dabei ist die Gesellschaft kleiner und die Damen zeigen ihre größte Eleganz. Man soupiert an kleinen Tischen. Meine Tochter Adine amüsierte sich herrlich.

Der Kaiser machte Cercle und hatte lange Unterhaltungen mit mir über Kreta, die Dreyfuß-Sache und anderes mehr. Erzherzog Otto fehlte, da er krank an Influenza war. Die Erzherzöge Rainer, Eugen und Sohn Toskana waren anwesend. Schon um 12 Uhr wurde der Ball abgeblasen.

Ball bei mir.

Zu dem zweiten Ball bei mir am 20. Januar 1898 fanden sich von hohen Herrschaften Kronprinzessin Stephanie, Erzherzog Ludwig Victor, Großherzogin von Toskana mit Tochter und zwei Söhnen, der Herzog und die Herzogin von Cumberland mit Tochter ein. Das Fest begann um 9 Uhr und schloß um 2 Uhr, etwa 300 Personen, 80 Paare.

Die Anwesenheit der Cumberlands bei mir auf der deutschen Botschaft war das Ereignis des Tages. Daß ich in dieser Hinsicht den Ton von gesellschaftlicher »Schieberei« beseitigen konnte, war wohl gut. Aber ich muß mich sehr scharf auf der Grenze halten, um nicht unrealisierbare Hoffnungen zu erwecken. Sie waren sehr höflich und freundlich, gingen aber vor dem Souper fort, – ich vermute aus Angst, nicht als »Majestäten« bei dem Souper placiert zu werden. Denn diesen Rang gibt man ihnen am hiesigen Hofe durchaus. Die Tochter ist sehr hübsch und scheint ein allerliebstes Mädchen zu sein.

Kronprinzessin Stephanie, die in den Räumen der Botschaft zuletzt den Kronprinzen Rudolf gesehen hat, tanzte wie ein Wasserfall von Anfang bis zu Ende und jagte den tobenden Schlußgalopp mit Graf Larisch derartig im Saal herum, daß ich mich energisch weigerte, sie vor einer halben Stunde Abkühlung herauszulassen. Eine merkwürdige Frau!

Sie gab uns bald darauf einen charmanten musikalischen Abend in dem Salon, in dem der Kronprinz seinerzeit aufgebahrt wurde. Als Wirtin ist sie sehr liebenswürdig, versteht es auch gut, die Künstler freundlich zu stimmen. Mr. Ben Davis, ein bekannter englischer Sänger, sang auffallend gut. Sie setzte ihn und die hübsche Sängerin Frau Forster mit mir an ihren Tisch zum Souper. Als Obersthofmeister hat sie jetzt Graf Koloniewski, einen recht liebenswürdigen Galizier mit einer Riesenfrau, die wie ein eingeheizter roter Kachelofen aussieht.

Ordensschmerzen.

Graf Casimir Leyden (der stets unglücklich verliebte), einzige Bruder meiner verehrten Freundin Lady Charlotte Blennerhasset, ist ein recht kluger Mensch, wenn auch nicht auf der Höhe seiner Schwester – (was allerdings keine Herabminderung seiner tüchtigen Fähigkeiten bedeutet, da ich nicht viele Männer kenne, die bezüglich Verstand und Kenntnissen sich mit Lady Charlotte hätten messen können). Casimir, der ein liebenswürdiger, guter Mensch ist, war unlängst deutscher Gesandter in Bukarest geworden. Seine alte, einst berühmt schöne Mutter (geb. von Weling), wollte die Freude haben, ihren über alles geliebten Casimir als Chef der Mission in seiner Amtstätigkeit zu sehen, und rastete nun, auf dem weiten Wege von München nach Bukarest, bei uns in Wien mit Tochter Charlotte und ihrem Casimir.

Nun wollte der Zufall, daß gerade während der kurzen Anwesenheit der Familie Leyden bei uns ein sehr großer Rout stattfand, bei dem, wie bei allen solchen Veranstaltungen, »ganz Wien« sich einfand. Ich machte dem guten Casimir, der bei mir wohnte, selbstverständlich den Vorschlag, sich die Wiener Gesellschaft anzusehen, worauf er jedoch nur zögernd einging, – obgleich ihn die Begegnung mit allen »Größen« Wiens interessieren mußte. »Ich habe«, sagte er mir, »während meiner Urlaubsreise keine Orden mitgenommen, und ohne Orden...« Aber ich schlug seine Bedenken mit den Worten nieder: »Das tut nichts zur Sache. Suchen Sie sich aus meinem Ordenskasten irgendein Großkreuz heraus, da Sie als Gesandter doch wohl ein solches besitzen, ist der kleine ›Irrtum‹ zu entschuldigen.«

Casimir lachte und suchte sich abends aus meinem großen Kasten einen Stern heraus. Es war der Stern »Heinrich des Löwen« aus Braunschweig, dessen himmelblaue Emaille ihn bestochen hatte. Jedoch richtete er an meinen Leibjäger nicht die Frage, welchen Landes der Orden sei.

Casimir unterhielt sich vortrefflich auf dem Rout – und mein guter Vetter und Freund, Graf Eberhard Dohna, der zu derselben Zeit wie Familie Leyden unser Hausgast war, gleichfalls. Dieser hatte sich – selbst ziemlich fremd in Wien – viel mit Casimir beschäftigt und sagte mir nach der Abreise der Familie Leyden: »Ich finde Casimir recht angenehm, aber ich hätte ihn nicht für so albern gehalten, mir weiszumachen, daß er so viel Orden besitze, daß er nicht einmal wisse, welchen Ordensstern er trage!« »Halt!« - rief ich lachend aus, »Casimir hat nur gesagt: er wisse nicht, welchen Orden er angesteckt habe. Mehr hat er nicht gesagt.«

»Nun«, gab Eberhard zu, »das mag sein. Aber man kann doch nur behaupten, daß man nicht wisse, welchen Orden man trage, wenn man geradezu zahllose Orden besitzt.«

»Wie kommst du überhaupt auf Casimirs Orden?« fragte ich Eberhard.

»Ich stand bei Leyden, und da mir sein merkwürdiger blauer Ordensstern aufgefallen war, den ich niemals früher gesehen hatte, so fragte ich ihn danach. Er guckte herunter, faßte den Stern an und sagte dann: »Der Orden? Ach ja, der Orden. Ich weiß wirklich nicht, welcher Orden es ist.« Dann sprach er von anderen Dingen und tat so, als ob es ihm völlig gleichgültig sei. Ich muß gestehen, es ist doch nicht gerade gleichgültig, ob man ein Großkreuz hat oder nicht Mein guter Eberhard »hielt auf Orden« und befand sich in der »glücklichen« Lage, ein italienisches Großkreuz mit schönem rot-weißem Bande zu besitzen das ich ihm durch Vermittlung meines verehrten Kollegen des Grafen Nigra besorgt hatte. Das aber ging auf sehr natürlichem Wege vor sich. Eberhard als Erbe seines Großvaters, des Gesandten Graf Waldburg am Hofe zu Turin, der der intime Freund König Carlo Albertos war, besaß das Original-Tagebuch dieses Königs. Ich erzählte es Nigra, der mich dringend bat, das Tagebuch für König Umberto zu gewinnen. Eberhard ging darauf ein, – und das Großkreuz flog ihm an seine glückliche Brust.. Ich muß wirklich sagen, daß ich diese Geschichte mindestens »albern finde«.

Nun aber war es mit meiner Zurückhaltung zu Ende. Ich klärte Eberhard auf, und wir lachten beide über Heinrichs des Löwen blauen Emaille-Stern. Aber ich mußte auch über die Verlegenheit des guten Casimir lachen, der Eberhard nur ganz oberflächlich kannte und dem einzugestehen, daß er sich mit einem fremden Orden schmücke, peinlich gewesen war.

Mir würde es nicht peinlich gewesen sein, einen kleinen Ordensbetrug einzugestehen, da ich bezüglich der Orden sehr »freie« Ansichten habe. Ich erinnere mich nur einmal, bezüglich eines Ordens, einen Wunsch ausgesprochen zu haben. Das war, als ich an einem preußischen Halsorden »krankte«. Ich gebrauche dieses Wort, weil mit dem ewigen Anlegen eines Halsordens derartige Unbequemlichkeiten verbunden sind, daß ich geradezu wütend über den Zeitverlust durch derartige Lächerlichkeiten wurde. Als daher einst der allmächtige Kabinettsrat Herr von Lucanus meiner eiligen Toilette unterwegs in der Bahn mit dem Kaiser anwohnte, und immer wieder das Band rutschte, und immer wieder die Sache schief wurde, sagte ich ihm verzweifelt, er möge mir bald die höhere Klasse dieses roten Vogels besorgen, denn ich würde noch verrückt werden, wenn ich mit diesen Bändern am Halse weiter zu tun hätte! Er lachte sehr über meine Wut und muß wohl dem Kaiser etwas gesagt haben, was diesen amüsiert hatte, denn ich erhielt bei irgendeiner nächsten Gelegenheit die »höhere« Klasse, was mich nun andererseits wieder verstimmte, denn bei meiner Abneigung gegen derartige »Auszeichnungen« war es mir unangenehm, infolge meines »Wutanfalles« selbst ein Wort für einen Orden gesprochen zu haben!

Meine Verachtung für diese menschliche Eitelkeit war infolge von Erfahrungen eingetreten, die ich auf dem Ordensgebiete gemacht hatte. Hier einige Beispiele:

Ich traf einst den Zeremonienmeister Herrn von R.... in Berlin Unter den Linden, der wie eine schiefe Bohnenstange vor mir auftauchte. »Sie sehen leidend aus«, sagte ich, »waren Sie ernstlich krank?« – »Haben Sie nichts davon gehört?« lautete die Gegenfrage, »die Geschichte mit dem Braunschweigischen Orden hat mich ganz entsetzlich mitgenommen!« – Da er anzunehmen schien, daß jedermann diese Ordensgeschichte kenne, fragte ich nicht weiter, erkundigte mich aber an anderer Stelle: Der unglückliche Mann hatte die dritte Klasse dieses Ordens erhalten und nicht die zweite. Auch waren seine starken Bemühungen, diese zweite Klasse eingetauscht zu erhalten, gescheitert. Das gab ihm den Rest – er lag einige Wochen krank.

Der zweite Fall war vielleicht noch eindrucksvoller. Ich ritt im Feldzug 1870 als Leutnant einsam im Norden von Paris, um einen Befehl zu überbringen, und holte einen Rittmeister der Landwehr, Herrn von P ... ein, der den gleichen Weg ritt wie ich. Nach stundenlangen, sehr langweiligen Gesprächen begann er von Orden zu sprechen. »Der vornehmste Orden, den ich kenne«, sagte er, »ist der Malteser-Orden, ich hoffe ihn zu erwerben.«

»Sind Sie nicht Protestant?« fragte ich, da nur Katholiken den Malteser-Orden erhalten dürfen.

»Allerdings«, antwortete er völlig ruhig, und setzte, wie selbstverständlich hinzu: »Ich bin Protestant, aber ich habe natürlich die Absicht überzutreten.«

Der dritte Fall war ein Kuriosum in anderer Beziehung. Ein Herr von X., das älteste Mitglied des österreichischen Landtages, 92 Jahre alt, ließ sich bei mir in der Botschaft melden. Er war allerdings noch merkwürdig rüstig, aber sein Anliegen setzte mich in Erstaunen: er hatte gelegentlich der Ordenregulierung einst den Kronen-Orden 3. Klasse erhalten; sein höchster Wunsch sei die 2. Klasse dieses Ordens. Ob ich ihm diese wohl verschaffen könne? Ich fragte ihn natürlich nicht, ob er diesen Halsorden im Himmel tragen wolle, sondern sagte, daß ich mir Mühe geben wolle, ihm diese Auszeichnung zu verschaffen. Als er freundlich grinsend hinaushumpelte, erfaßte mich ein Gefühl des Entsetzens: 92 Jahre lang Ordensschmerzen! – welcher Dornenweg! Friedensorden betrachte ich als Unfug. Nur der Krieg und die persönliche Tapferkeit im Feuer darf ein Wahrzeichen erhalten.

Bei den Spaniern

Die spanische Botschaft ist noch unendlich viel enger als die englische. Darum konnten die liebenswürdigen Marquis' Hoyos, die nun leider dem neuen Regime in Madrid zum Opfer fallen, nur einen Rout mit Musik geben. Es war haarsträubend heiß, und eine Sängerin schrie wie am Spieß.

Aber für Jeden fanden die liebenswürdigen Leute ein freundliches Wort. Der Marquis hat eine merkwürdige Art, mit großer Geschwindigkeit französisch zu sprechen, ohne diese Sprache zu beherrschen, und hat sich daher durch allerhand lustige Entgleisungen in der Wiener Gesellschaft beliebt gemacht.

Ich fragte ihn einst, ob seine Familie in Spanien, so wie seine Vettern in Österreich, großen Grundbesitz hätte?

» Ah non«, antwortete er mir schnell, » car en Espagne les femelles héritent aussi«. (Er wollte sagen, daß in Spanien auch die Frauen bei der Erbschaft von Grundbesitz des Adels beteiligt sind.)

Auf dem Eise ließ er sich der Fürstin Montenuovo, die Schlittschuh lief, vorstellen, obgleich er ihr bereits vorgestellt war. Die liebenswürdige Frau sagte ihm, daß sie bereits die Freude gehabt habe, ihn kennenzulernen. » Ah pardon, Madame«, rief er aus, » je vous avais seulement vue en grande costume de la nuit.« Das war (wie ich hoffe) die Ball-Toilette gewesen.

Zum Souper sollte ich eine junge Erzherzogin führen – eine Immaculata –; der türkische Botschafter war in derselben Lage bezüglich einer Annunciata, der er jedoch noch nicht vorgestellt war. Ich sagte ihm, er solle sich dicht hinter mir halten, und wir würden uns dann durch das Gedränge der Gesellschaft bis in die Nähe der hohen Dame quetschen, wo ich die Vorstellung über nehmen könne. Nach einer Viertelstunde waren wir dicht bei den Erzherzoginnen angelangt. Ich machte eine Verbeugung und sagte zu der Erzherzogin Annunciata:

»Permettez – moi, Madame, de vous présenter l'Ambassadeur de la Turquie«, – mit einer Handbewegung halb hinter mich weisend, da ich Nedim-Bei dort wähnte. Plötzlich aber stand der dicke Nuntius Taliani neben mir, der mit einer abwehrenden Handbewegung rief: »Pas ça! pas ça"«

Ich hatte in dem entsetzlichen Gedränge den Türken verloren. Nun gab ich das Gefecht auf und führte die arme Erzherzogin, die mit ihren frommsten Empfindungen und dem Herausplatzen kämpfte, schnell davon.

Wir setzten uns an einen kleinen Tisch, und es erschien dazu die riesengroße Herzogin von Beaufort, geb. Princesse de Ligne. Freundlich lächelnd ließ sie sich auf ein goldenes Rohrstühlchen nieder, das sofort unter ihrem so bedeutenden Körpergewicht in tausend kleine goldene Stückchen zerbrach. Es erdröhnte der Saal. Sie blieb lächelnd am Boden sitzen, denn sie wußte, daß sie ohne Hilfe nicht aufstehen konnte. Vier Lakaien unter Führung des vor Verlegenheit spanisch sprechenden Hausherrn, Don Isidor Hoyos, griffen ihr unter die ungeheuren Arme und setzten sie blaurot auf einen Fauteuil.

Diese Herzogin gab am nächsten Abend einen sehr schönen Ball. Der Herzog (der Franzose, Belgier und Österreicher zugleich ist) hat ein Palais und lebt den Winter hier, weil ihm die anderen Vaterlande zu demokratisch sind. Er ist Antisemit und glaubt deshalb auch an die Schuld des unglücklichen Dreyfuß. Seine Tochter ist ein nettes, aber wenig hübsches Mädchen. Im vorigen Jahre hatte sie auf dem Ball der Eltern niemand zum Kotillon engagiert. Das ist leider für den Genre der hiesigen jungen Herren sehr bezeichnend. Nonchalance!

Diners

Die Diners bei den Erzherzögen Ludwig Victor und Otto nehmen auch einen Platz in der Gesellschaft ein. Ludwig Victor zerfließt in Liebenswürdigkeit für meine Frau und mich. Ich weiß wahrhaftig nicht, wodurch wir diese Aufmerksamkeiten hervorgerufen haben, – ich weiß auch nicht, wie lange sie dauern werden. Denn er ist wie eine alte nervöse Dame, die plötzlich schnappt, nachdem sie lange freundlich gelächelt hat.

Erzherzog Otto gibt sich entschieden Mühe, die Last seiner hohen Stellung würdig und freundlich zu tragen. Bei dem Diner von 40 Personen, das er heute gab, war er wirklich sehr liebenswürdig. Die gute Erzherzogin (Tochter des Königs Georg von Sachsen) ist über jedes Lob erhaben und würde als Kaiserin das Glück des Landes machen.

Fürstin Pauline Metternich hat ihr neues, kleines Palais bezogen und gibt gemütliche Diners. Vor einigen Tagen hatten wir das »Einweihungsdiner«: Berger. Wilczek, Rothschild und Maler Felix. Sie war klassisch amüsant – etwas scharf im Urteil über die hiesige Gesellschaft, was diese ihr gelegentlich wiedergibt.

Alles war entzückt von dem Prinzen Heinrich von Preußen, der liebenswürdig war, so gut aussieht und sich anerkennenswerte Mühe beim Cercle gab. Das fiel allerdings sehr auf gegenüber den jungen Erzherzögen, die nebeneinander stehen und, als einzige Betätigung ihres Zusammenhanges mit der Hofgesellschaft, befreundeten Damen Gesichter schneiden – (was natürlich auch andere Sterbliche bemerken müssen). Fürstin Pauline Metternich ist so wütend über diesen Mangel an Formen und Erziehung, daß sie mir mit einer Art Wutgeschrei sagte: »Kaiser Wilhelm und ich, wir sollten einmal die Höfe in Ordnung bringen! In 8 Tagen wäre alles geschehen – und ich versichere Sie, hier würde weder die Affäre Chotek Der Thronfolger Franz Ferdinand heiratete die Hofdame Gräfin Chotek., noch die Heirat der Kronprinzessin Die Kronprinzessin-Witwe Stephanie heiratete den Grafen Lonvay., noch das Gesichterschneiden der Erzherzöge auch nur eine Stunde andauern. Auch flögen 200 Beamte mit 10000 vertrockneten Pasteten, die man uns seit Jahren bei den Hofbällen die Unverschämtheit hat, zu servieren, zu den Fenstern der Burg heraus!«

Ich habe der Fürstin gesagt, daß Kaiser Wilhelm gern mittäte, aber daß die Nonchalance und der Mangel an Pflichtgefühl der modernen Zeit eine Hydra sei, mit der selbst ein Herkules - (auch wenn er Pauline hieße), – heute schwer fertig werden könnte.

Die Amerikaner

Der hiesige amerikanische Gesandte heißt Mr. Tripp. Er hat eine blasse, kleine, alte Frau mit einem Diamanthalsband und eine blasse Stieftochter mit vielen Zähnen. Es sind brave Leute. Er spricht nicht eine Silbe französisch oder deutsch und ist der Schrecken Goluchowskis, welcher nicht englisch versteht und jeden Mittwoch handelspolitische Auseinandersetzungen von Mr. Tripp während des diplomatischen Empfanges anhören muß, die er mit Lächeln beantwortet, während Tripp nicht eine Miene verzieht. Nimmt der Tonfall Tripps den Charakter einer Frage an, so sagt Goluchowski sehr laut: »Bitte schriftlich«, was dann Tripp zu verstehen scheint.

Die Familie Tripp sitzt bei allen diplomatischen Diners nur pagodenhaft am Tisch und ist deshalb nicht leicht zu plazieren.

Nun hatte sie auch der belgische Gesandte, le Baron de Borchgrave, zu Tisch geladen. Er gibt vorzügliche Diners und erzählt nachher immer eine gewisse Anekdote von Äpfeln, über die auch stets wieder gelacht wird, obgleich sie gar nicht komisch ist. Als er aber, einige Tage vor dem Diner, tief in sein Placement versank, wurde ihm klar, daß es unmöglich sei, die Familie Tripp einzureihen. Überall stieß er an Nachbarn, welche seinem Diner fluchen würden, wenn sie sich neben der Familie Tripp langweilen müßten. Schließlich wurde ihm klar, daß nur eine Sache möglich sei: die Familie Tripp wieder auszuladen. Er nahm deshalb seinen Zylinderhut und fuhr zu den Amerikanern, die er schweigsam zusammensitzend fand.

Mr. de Borchgrave war bezaubernd liebenswürdig – auf französisch, denn er spricht nicht englisch – er erzählte sogar die Geschichte »mit den Äpfeln« und bat dann in den schönsten Wendungen der französischen Sprache die Familie Tripp, ein anderes Mal zu kommen. »Durch ein unglückliches Zusammentreffen könne er ihr nur so unangenehme Nachbarn geben, daß er sich erlauben würde, sie demnächst einmal besser zu plazieren.«

Die Familie, welche freundlich verständnisvoll zugehört hatte, sagte sehr gütig lächelnd: »Very well« und sogar »Merci«, begleitete Mr. de Borchgrave bis an die Treppe und soll nachher eine lange Beratung darüber abgehalten haben, was eigentlich der Gesandte gewollt habe? Soviel die Familie überhaupt verstanden hatte, schien es sich um Äpfel gehandelt zu haben. Dieses versicherte wenigstens die Tochter, die sich früher einmal mit der französischen Sprache beschäftigt hatte.

Mr. de Borchgrave aber, stolz über seine diplomatische Gewandtheit, lud eilends noch drei Gäste ein, machte ein neues, sehr glückliches Placement, und der Abend des Diners nahte.

Er stand in der Nähe des Eingangs. Einige Gäste waren erschienen, da öffnete sich die Tür und – freundlich lächelnd trat die Familie Tripp ein.

Mr. de Borchgrave war zumute, als rühre ihn der Schlag. Der Tisch, ja der Saal war so eng besetzt, daß nicht daran zu denken war, die Familie zu setzen. Die Amerikaner aber, welche nicht die Worte des Wirtes verstanden, begriffen doch sehr wohl, daß ihm bei ihrem Anblick schlecht geworden sei. Es dämmerte ihnen auf, daß »p ommes« doch vielleicht etwas anderes als Äpfel bedeute, und während noch der erschütterte Wirt mit dem Sekretär nach der Möglichkeit rang, einen Katzentisch für die Tochter und zwei Sekretäre zu beschaffen, machte die Familie Tripp vor der Blässe und Erstarrung des Wirtes kurz kehrt und schritt sehr betrippst die Treppe hinunter, abweisende Gebärden gegen den Hausherrn machend, welcher oben die Hände rang, so betrippst, daß die ankommenden Gäste, denen die ernste Familie begegnete, den sehr berechtigten Eindruck hatten, daß oben etwas Fürchterliches oder der Familie Tripp selbst etwas Unsagbares passiert sei.

Unten war aber der Wagen mit dem Diener und den Mänteln der Familie Tripp bereits fortgefahren. Erst nach längerem dekoltierten Aufenthalt in der Portierloge war es möglich, Wagen und Mäntel per Telephon herbeizuschaffen.

Oben aber sah der Baron de Borchgrave bereits im Geist Antwerpen durch die Amerikaner besetzt und sein blutiges Haupt bei dem Festmahl der Eroberer durch Miß Tripp auf einer goldenen Schüssel der Mutter darreichen.

Nach Verhandlungen, welche sich der Öffentlichkeit entzogen haben, soll die Sache durch Vermittlung eines befreundeten Dolmetschers aufgeklärt worden sein, und man spricht nun von einem Diner bei Mr. de Borchgrave, wo rechts von ihm Mrs. Tripp, links Miß Tripp und ihm gegenüber Mr. Tripp gesessen haben.

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