Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Heyse >

Erkenne dich selbst

Paul Heyse: Erkenne dich selbst - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/heyse/erkenne/erkennexml
typenovelette
authorPaul Heyse
titleErkenne dich selbst
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1856
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
Schließen

Navigation:

Ein Theil meiner Zeit war in Florenz einigen würdigen Pergamenen gewidmet, die in der Lorenzbibliothek auf hohen Pulten in langen Reihen an der Kette liegen und auch wenn sie von ihrem bestimmten Platze losgelöst werden, das Kettchen überall mitschleppen. Dort in dem schönen, von Michel Angelo gebauten Bibliotheksaale verbrachte ich meine Vormittage, kühl, ruhig und in der besten Gesellschaft. Hatte ich dann meinen Gefangenen wieder ausgeliefert, so war ich gewiß, in einer der Gallerien Franz und die jungen Leute zu treffen. Leonardo, der, obwohl der Jüngere von Beiden, der Vorgeschrittnere war, hatte aus Venedig einige Bestellungen auf Copieen mitgebracht und schlug seine Staffelei zunächst vor einer Tafel Fiesole's in den Uffizien auf. Mich wunderte, als ich seine rasche, geübte Hand sah, daß er dennoch die Akademie mit dem Bruder in den Frühstunden besuchte, und zwar, wie ich aus einigen dort ausgeführten Blättern sah, die Gypsklasse. Nach dem lebenden Modell schienen sie noch nicht zu zeichnen. Man kann sich nicht genug üben, erwiederte er auf meine Frage, ob er diese Dinge nicht längst hinter sich habe. Es schien ihm unlieb, daß ich mich um sein Treiben bekümmerte.

Während er nun saß und fleißig an seinem Bilde malte, wandelte Franz mit dem älteren Bruder von Saal zu Saal und machte seinen Cursus aufmerksam durch. Nur selten tauchte der alte verneinende Geist wieder auf, und ein Drohen mit dem Finger bändigte ihn sogleich wieder. Die rätselhafte Herrschaft, die der knabenhafte Jüngling über den reifen Mann ausübte, wurde täglich fester, und täglich schien Franz sich williger darein zu fügen. Er gestand mir, daß er seinen Arzt segne, der ihn nach Italien geschickt habe. »Ich werde wie ein anderer Mensch heimkehren, und nur das ängstigt mich, daß dann diese ganze Zeit wie ein Traum hinter mir liegen wird und ich wachend mir eben so zur Last sein werde, wie bisher.«

Einmal, als wir in unserer Trattorie zusammen saßen, kam Franz mit dem Vorschlage heraus, die Brüder sollten ihn nach F. begleiten. Ihr werdet dort deutsche Kunst sehen und mehr lernen, als hier, sagte er eifrig. Oder, was noch besser wäre, Carlo, Ihr hängt die ganze Malerei an einen Florentiner Nagel und werdet mein Compagnon. Sagt Ihr nicht selbst, daß Euch immer mehr die Zweifel zusetzen, ob Ihr es zu was Rechtem bringen würdet? Ich sehe, daß Ihr vor dem Gedanken erschreckt, in einem Comptoir zu sitzen und Briefe zu schreiben. O, ihr solltet es gut haben! Ich habe die schönste Bibliothek, die Ihr Euch denken könnt, Ihr würdet eine Welt vor Euch aufgehen sehen und auch mich wieder zu meinen alten Liebhabereien bringen. Dann und wann säßet Ihr ehrenhalber ein paar Stunden bei mir in meinem Cabinet, und wenn Euch die doppelte Buchhaltung langweilte, führten wir eine ganz neue Art derselben ein, nämlich Ihr hättet zum Schein ein Handlungsbuch vor Euch liegen und daneben ein anderes, in dem keine anderen Zahlen stünden, als die Seitenzahlen. Wollt Ihr?

Und Leonardo?

Der fände auch in F. genug zu malen, da er es denn doch einmal nicht mehr lassen kann, am Verfall der modernen Kunst mitzuarbeiten. Ueberlegt es Euch. Wenn Ihr Nein sagt, so mache ich am Ende den dummen Streich, hier in Florenz sitzen zu bleiben. Denn es ist eine wahre Schande, wie ich mich jetzt langweile, wenn ich mich ein paar Stunden ohne Euer Kunstgeschwätz behelfen soll.

Carlo antwortete nichts. Von Stund an aber ward er in sich gekehrter und schien sich absichtlich von Franz ferner zu halten. Er gab ihm keine Hand mehr und nahm nie seinen Arm. Oft mitten im lebendigsten Gespräch stockte er, verwirrte sich, wurde roth und schloß sich mehr an mich an, wenn wir spazieren gingen in der lachenden Gegend um die Stadt oder in Kirchen und Klöstern. Es schien etwas in ihm zu wühlen und zu arbeiten, womit er nicht ins Klare kommen konnte.

Auch der Signora Eugenia gegenüber hielt er sich zurück. Er gestand uns am Tage nach dem Theater mit lachender Verlegenheit, daß er aus der Akademie heimkehrend ein Sonett auf seinem Tisch gefunden habe, mit der Ueberschrift: »An Romeo«, ohne Namen des Autors. Franz schalt ihn heftig, was er schweigend hinnahm. Später waren wir einmal in die Zimmer der jungen Leute getreten, ihre Arbeiten anzusehen. Da stand eine Vase mit ausgesucht schönen Blumen auf dem Tisch. Woher sie kamen, wußten die Brüder nicht zu sagen, doch war es klar, daß sie für Romeo bestimmt waren. Franz wurde wild, und in der aufgebrachten Laune, in der er war, tadelte er rücksichtslos Carlo's Zeichnungen, die allerdings hinter denen des Bruders weit zurückstanden. Die Thränen traten dem guten Jungen in die Augen, und er trieb uns in hellem Zorn wieder hinaus. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war mir aufgefallen, daß die Brüder sich die Zimmer völlig geteilt hatten und jeder in dem seinigen sein Lager hatte. Ein wunderlicher Verdacht stieg in mir auf.

Einige Wochen aber waren vergangen ohne besondere Ereignisse, nur daß die Krisis in Franzens Krankheit ernstlich zu sein schien. Ja eine gewisse Leidenschaftlichkeit, mit der er Carlo's Zurückhaltung empfand, und eine seltsame Eifersucht gegen mich bestärkte mich in der Hoffnung, daß er aus dem unseligen Hang der Selbstzerstörung herausgerissen und des dunklen Grundes in seinem Wesen wieder theilhaftig geworden sei. Doch war er noch genug der Alte, um über dieses Verhältniß selbst zu reflectiren, sich mir gegenüber zu verspotten, daß er es nicht ertragen könne, wenn Carlo ihn bei irgend einer Gelegenheit übersah, und sich zugleich zu segnen, daß dieser unbedeutende junge Mensch es vermochte, ihn in völlige Selbstvergessenheit zu wiegen, ja ihn mit seinen eigenen unreifen Schwärmereien anzustecken. Der Schlingel könnte mich zu den Stillen im Lande bekehren! sagte er einmal. Wahrhaftig, ich mache Fortschritte in meinen Andachtsübungen, ich kann stundenlang in die Wolken starren, wenn er mir vorfabelt, welche herrlichen Formen und Farben dort bei einander stehn; ich kann sogar Gedichte, die er mir vorliest, anhören wie im Schlaf und den Mangel an Logik darin nicht von fern empfinden. Am Ende bin ich aus einer Krankheit in eine schlimmere gerathen. Denn was soll daraus werden, wenn der Leichtfuß sich einmal verliebt und mir davon läuft? Jetzt habe ich das Gefühl, ihm zu nützen, indem ich ihn hofmeistere. Aber wenn er sich von mir emancipirt – ich fühle, ich könnte ihn dafür hassen, wie ich ihn und Sie schon jetzt in die Hölle wünsche, wenn ihr so vertraut und halblaut mit einander redet.

Ich lächelte und hatte meine Gedanken dabei.

In solchen Gedanken kam ich eines Vormittags wider Gewohnheit nach Hause, da die Bibliothek, ich weiß nicht mehr, aus welchem Grunde, geschlossen blieb. Als ich auf dem Korridor an den Zimmern der Brüder vorbeiging, standen die Thüren offen, und ich erblickte Signora Eugenia, die auf Carlo's Sopha saß und einen Teller mit Früchten im Begriff war mit Blumen zu verzieren. Ich ging auf den Zehen vorüber, um sie in ihrem verstohlenen Liebeswerk nicht zu erschrecken, und betrat mein Zimmer. Die Thür nach Franzens Wohnung war den ganzen Tag über geöffnet, um dem Luftzuge einen Paß mehr zu gestatten. Er saß an seinem Tisch und schrieb, und da er mich nicht vermuten konnte, schrieb er bei meinen Schritten fort, denn er hielt mich für die Magd, die männlich genug aufzutreten pflegte. Es reizte mich, zu wissen, woran er so eifrig war; ich sah Bücher aufgeschlagen, die ich sonst nicht bei ihm gefunden, und trat endlich über die Schwelle. Da sah er um, und seine erste Bewegung war, die Blätter, an denen er schrieb, bei Seite zu schieben. Dann besann er sich schnell, stand lächelnd auf und sagte: Sie sehen, ich entsetze mich vor Ihnen, wie ein in flagranti ertappter Falschmünzer. Lachen Sie mich nur aus, aber dann kommen Sie und halten Sie mir still; zur Strafe für Ihre Heimtücke sollen Sie mir jetzt zuhören. Ich bin ohnedies so gut wie fertig. Können Sie rathen, um was es sich handelt? Sie erinnern sich jenes Bildes von Philipp II., das von Van Dyk gemalt ist. Vor etwa vierzehn Tagen stehe ich mit meinem kleinen Lehrmeister davor, und der Junge kramt aus seinem Schiller und Alfieri das unsinnigste Zeug über diesen Herrn und seinen sauberen Sohn Don Carlos aus, und als ich mir bescheidene Einwendungen erlaube, will er keine Raison annehmen und sagt mir ins Gesicht, daß die Geschichtschreiber grämliche alte Herren seien, und nur die Poeten wüßten, wie dem armen Carlos zu Muth gewesen. Die Galle lief mir über, als ich den Kleinen so trotzen hörte; ich kenne zufällig diese Geschichte genau, und gleich schoß mir's in den Kopf, das Wahre von der Sache einmal gründlich zu sagen, um dem Vorwitz eine Lection zu geben. Damit hab' ich nun ein Dutzend Vormittage verdorben; wie es gerathen ist, urteilen Sie selbst.

Er fing an zu lesen, und bald interessirte mich der lebhafte, warme Stil, um so mehr, als ich deutlich sah, wie Franzens gewöhnliche Ironie und Skepsis nach und nach das Feld räumte. Der Eingang war noch als hörte man ihn reden. Er wog Amt und Würde der Historie und Poesie mit sarkastischem Lächeln gegen einander ab, bekannte sich als einen Jünger der nackten Wahrheit, warf hin, daß die Wahrheit, obschon sie nackt sei, ihre Reize habe, und begann unmerklich mit sicheren Strichen die Gestalten zu umreißen. Mehr und mehr hob ihn seine Aufgabe, seine Worte wurden schärfer, sein Stil größer, das Bild jener Zeiten, mit grellen Lichtern und tiefen Schatten, stieg gewaltig auf, und wenn die Wahrheit, die er gezeichnet, nackt war, so war sie es wie die Gestalten Michel Angelo's, von deren stählernen Muskeln alles Gewand wie Zunder abgefallen zu sein scheint. Es ergriff mich tief, ihn dabei anzusehen, die Hand zitterte, die das Heft hielt, seine Stirne röthete sich, und die Stimme, die sonst schneidend war, brach tief aus dem Busen hervor.

Er hatte kaum die letzten Zeilen gelesen und ruhte mit geschlossenen Augen im Sessel zurückgelehnt, als ein Schrei von außen die Stille unterbrach. Wir hörten ein hastiges Rauschen und Schlurfen über den Corridor, zugleich die beiden Jünglinge auf der Treppe; die Thür von Signora Eugenia's Gemach ward eilig zugeschlagen, die Venetianer gingen in ihre Zimmer, und es war wieder still. Ich sagte, wie ich unsere gute Wirthin überrascht hatte, und wie sie wahrscheinlich erst jetzt vor Carlo geflüchtet sei. Franz überhörte Alles, er stand auf und durchmaß das Zimmer, betrat dann meines und verweilte drinnen einen Augenblick. Was ist das? hörte ich ihn plötzlich rufen. Sie sind aus der Akademie heim, früher als sonst, drüben wird gesprochen, Leonardo's Stimme, dazwischen geweint – was kann geschehen sein? Der sanfte, stille Leonardo, entsinnen Sie sich eines solchen Tones von ihm? Er ist wie außer sich.

Wir horchten wieder und konnten kein Wort unterscheiden. Immer noch weinte es dazwischen, und wie sich der Weinende zuweilen unterbrach und dem Anderen zuredete oder ihn anzuflehen schien, kam mir wiederum aus dem Ton, in dem dies alles geschah, mein alter Verdacht. Ich sah, wie Franz auf der Folter war, und wollte eben meine Vermutung gegen ihn aussprechen, als es drüben still wurde. Einige Minuten vergingen. Franz warf sich auf mein Sopha, wühlte in den Haaren und sah ins Leere vor sich hin. Da öffnete sich die Thür, und Carlo trat ein.

Sein Gesicht war blaß, seine Augen verweint, und all jene Munterkeit und Raschheit des Wesens war von ihm gewichen. Als er Franz bei mir fand, schien er zu stutzen und sich zu bedenken. Dann nahm er sich zusammen, schloß behutsam die Thür, wie er sie unhörbar geöffnet hatte, und sagte: Verzeihung, daß ich ohne zu klopfen einzutreten wage. Ich wünsche nicht, daß mein Bruder von diesem Besuche weiß, ich habe einen Vorwand gebraucht, ihn zu verlassen, denn er würde mir's nie verzeihen, wenn er erführe, daß ich mich an Sie gewandt. Und doch – zu wem sonst kann ich meine Zuflucht nehmen?

Er lehnte den Platz neben Franz auf dem Sopha, den ich ihm anbot, ab und setzte sich uns gegenüber. Eine Weile schien er mit sich zu kämpfen, wie und wo er anfangen solle, dabei traten wieder helle Tropfen in seine Augen. – Was werden Sie denken, hub er an, daß Sie mich so weinen sehen! Wenn Sie es für weibisch halten, kann ich das nicht für eine Schande achten, denn wer will es mit seiner wahren Natur aufnehmen? Sie bezwingt mich, sie bricht endlich durch. Ich bin, was ich Ihnen erst in dieser Stunde scheine, ein Weib, ein armes, rathloses, schwaches Mädchen.

Ich fühlte, wie das Sopha, auf dem ich und Franz saßen, bei diesen Worten erzitterte. Ein scheuer Blick Carlo's glitt zu meinem Freunde hinüber; sein Gesicht war plötzlich erblaßt; dann stand er auf, trat ans Fenster, lehnte gegen die Jalousie und kreuzte die Arme über die Brust. Fahren Sie fort! sagte er gelassen.

Sie that es mit freierer Stimme, als habe das erste Bekenntniß ihr einen Stein vom Herzen gewälzt. In welchem Lichte muß ich Ihnen erscheinen, sagte sie, daß ich in dieser Verkleidung in die Welt hinaus gegangen bin! Wenn Sie zurückdenken, wie ungebunden und übermüthig ich oft genug war, müssen Sie da nicht glauben, ich sei eine Abenteurerin, die sich in solcher falschen Rolle wohlgefalle? Ach, wenn ich auf Augenblicke mich selbst vergaß, wenn es mich reizte, die Komödie recht gut zu spielen, Sie auf jede Weise in der Täuschung zu erhalten, und mir die Zärtlichkeit unserer guten Wirthin sehr lustig vorkam – in dieser bitteren Stunde büß' ich es hundertfach, was ich dadurch an meinem Geschlecht gesündigt habe.

Sie weinte von neuem. Ich suchte sie zu beruhigen und versicherte ihr, daß sie sich nicht das Mindeste vergeben, in nichts jemals die Sitte verletzt habe.

Sie reden umsonst, erwiederte sie. Ich habe es dennoch, durch jenen ersten Schritt über die Schranke. Ja, hätte ich ein großes Talent, das des Opfers werth wäre! Aber ich werde lebenslang eine Dilettantin bleiben. Sehen Sie, ich hatte bei meinem Vater viel gezeichnet und gemalt; er wollte was aus mir machen, denn ich war sein Augapfel. Als er nun nicht mehr war und sich meinem Bruder die Gelegenheit bot, hier einige Aufträge auszuführen, da kam mir der Einfall: wie, wenn du mitgingest und es ernstlich versuchtest, dich zur Künstlerin zu bilden? Sie wissen, wie schwer es ist für ein Frauenzimmer, wirklich, wie es nöthig ist, zu studieren, wenn sie nicht reich genug ist, sich zu einem guten Meister allein in die Schule zu geben. Es verlockte mich Alles zu dieser phantastischen Thorheit, meine Liebe zu Leonardo, mein Abscheu, allein bei unsern alten Verwandten in Venedig zurückzubleiben, und daß ich's nur gestehe, auch die Lust, einmal die Welt kennen zu lernen, wie sie sonst nur Männern zugänglich ist. Mein Bruder widersprach mir lange, aber wozu hätte ich ihn nicht überreden können, wenn es sich darum handelte, zusammen zu bleiben! Zuletzt gab der Grund den Ausschlag, daß dieses der kürzeste Weg sei, meine Kräfte wirklich zu prüfen, ob sie für ein Leben ausreichten. Wir wußten uns einen Paß zu verschaffen, in dem ich als Carlo aufgeführt war. Meine Haare schnitt ich ab, Niemand in Venedig erfuhr ein Wort von meinem Vorhaben, denn unsere Verwandten standen uns ziemlich fern, und Briefe wechselten wir nicht mit ihnen. So sind wir hieher gekommen, so ging ich auf die Akademie, und mein Bruder wurde endlich ruhiger über das Wagestück, da er sah, daß ich mich in meiner Rolle bald mit Leichtigkeit bewegte. Innerlich wurde sie mir freilich mit jedem Tage schwerer. Ich fühlte, daß mir die Ausdauer fehlte, ohne die kein wahrer Künstler gedeihen kann, daß ich mehr empfänglich war, als zum Schaffen begabt, und – läugne ich es nicht – auch Ihnen gegenüber schämte ich mich meiner Dreistigkeit und Keckheit, die mir meine Kleidung auferlegte. Sie kennen mich gar nicht, wie ich bin; ein Bischen Muthwille, darauf läuft meine ganze Ungebundenheit hinaus. Wie oft wünschte ich, daß Sie fortreisen möchten, damit ich nur vor Ihnen mich nicht zu verstellen brauchte! Und je freundlicher Sie zu uns wurden, um so mehr beklemmte mich's, daß Sie mir Ihre Freundschaft entziehen würden, wenn Sie wüßten, wie beständig ich Sie hinterging. Ich war sehr unglücklich und mußte es doch am sorgfältigsten vor meinem eigenen Bruder verbergen, um ihm zu aller Sorge nicht auch noch diese zu bereiten.

Mit unbeschreiblich rührendem, schüchternem Ausdrucke sah sie mich an und flüchtig zu Franz hinauf. Die reinste Kinderseele trat ihr ins Gesicht. Franz regte sich nicht, blickte fest zu Boden und preßte die Lippen zusammen.

Und was ist Ihnen heute begegnet, das Sie bewog, sich uns zu entdecken? fragte ich endlich.

Sie erröthete und schwieg eine Weile. Ich sehe es als einen Theil meiner Strafe an, sagte sie darauf, daß ich Ihnen auch das eröffnen muß. Wir gingen heute früh, wie gewöhnlich, in die Akademie. Schon früher hatte meinen Bruder der rohe Ton verdrossen, den einige Schüler anschlugen. Gewöhnlich aber ist der Professor während der ganzen Zeit zugegen, und wir wählten unsern Platz neben den feineren und wohlerzogeneren unter unsern Kameraden. Heute, nachdem der Lehrer seinen ersten Umgang von Bank zu Bank vollendet hatte, entfernte er sich und ließ uns bei der Arbeit allein. Sogleich machten sich jene Ungezogenen die Freiheit zu Nutze und fingen allerlei Reden an, die ich mich zu überhören bemühte. Ich sah in wachsender Angst, wie unruhig meinem Bruder das Blut zu Herzen stieg. Ich sprach leise und eifrig mit ihm und suchte ihn abzulenken. Umsonst. Ein Stück Kohle nach dem andern zerdrückte er mit bebenden Fingern, und sein Blick wurde immer fieberhafter. Endlich fing Einer an, eine Geschichte zu erzählen – wie sie allerdings für Mädchenohren nicht berechnet war. Ich will nach Hause gehen, flüsterte ich ihm zu; du sagst, mir sei unwohl geworden. Er hielt mich gewaltsam fest und sagte mit erstickter Stimme: du bleibst! ich muß ein für allemal ein Ende machen, wenn unseres Bleibens hinfort hier sein soll. Damit stand er auf und befahl jenem Menschen über die ganze Klasse weg, zu schweigen und uns mit seinen Geschichten zu verschonen. Ein allgemeiner Lärm antwortete ihm, von allen Seiten drangen Hohn- und Scheltreden auf uns ein; jener, der es angestiftet, trat dicht vor meinen Bruder hin und sagte, daß solche Schwächlinge, die hier Sittenprediger sein wollten, sich aus der Gesellschaft freier Künstler entfernen möchten, oder man werde ihnen die Wege weisen. Ob hier ein Nonnenkloster sei oder eine Akademie? Leonardo kam außer sich, er faßte den Frechen beim Arm und schüttelte ihn wie wüthend, bis sich die Anderen dazwischen warfen; er hätte ihn sonst gewürgt. Ich will dir zeigen, Unverschämter, rief er, daß ich meinen Mann stehe. Wir sprechen uns! – Da lachte Jener zähneknirschend, ballte die Faust und rief: ich treffe dich, sei überzeugt, und ehe du es denkst. Zittre vor meiner Rache; es war dir lange zugedacht, du österreichisches Milchgesicht, und nun ist dein Maß voll! – So, während sich mir das Haar bei seinen Drohungen sträubte, gelang es mir endlich, meinen armen, völlig seiner unbewußten Bruder hinauszuziehen. Und nun, nun liegt er drüben wie im Fieber, von dem Vorfalle tief erschöpft, allen meinen Bitten und Warnungen taub, ohne Mitleid mit meiner Angst, und sagt, daß ihn der Schimpf rasend machen würde, wenn ich ihn hinderte, den Elenden niederzuschießen. Und das alles ist mein Werk, meine Schuld, mein ewiger Vorwurf!

Ich sah sie an, als sie geendet hatte. Sie war aufgesprungen, während sie erzählte, und stand nun uns abgewendet, ihre fassungslosen Thränen zu verbergen. Mein Auge suchte in Franzens Gesicht zu lesen. Er sah sehr ernst vor sich nieder, und die gekreuzten Arme hoben sich auf und ab über der arbeitenden Brust. Jetzt richtete er sich hoch auf.

Eine Kinderei ist's, sagte er trocken, und die düsterste Ironie überflog seine Lippen. Er ging nach seinem Hut, ohne einen von uns anzusehen, und verließ mit kurzem Kopfnicken das Zimmer.

Wohl sah ich, wie das große Auge des Mädchens mit tiefer Angst ihm folgte, bis die Thür hinter ihm zugefallen war. Ihre Thränen waren plötzlich gehemmt, ihre Aufregung wie auf Einen Schlag gelähmt, und all ihre Gedanken schienen den Schritten nachzueilen, die draußen über den Flur erschallten. Signora Eugenia's Thür hörten wir gehen – eine kurze Stille – dann wieder Franzens Schritte, neben dem Rauschen eines Frauenkleides, und Beides verklang und verrauschte die Treppe hinab.

Ich war ans Fenster getreten und sah unten auf der Straße Franz mit unserer Wirthin sich entfernen. Die Stunde war für einen Ausgang der guten Dame so ungewöhnlich, daß ich mich nicht wenig verwunderte und mir lange den Kopf zerbrach, wohin sie gehen möchten. Auf jeden Fall handelte sich's um die Auflösung des ärgerlichen Knotens, den die Geschwister geschürzt hatten, und ich kannte meinen Freund hinlänglich, um die Sache bei ihm in den besten Händen zu wissen.

Das sagte ich der schönen Traurigen, aber es fand wenig Eingang bei ihr. Kaum schien sie es zu hören. Denn mit regungslosen Augen stand sie mir gegenüber, und statt aller Antwort sagte sie nur: Er verachtet mich, ich weiß es! – Es war umsonst, sie davon abbringen zu wollen.

Während ich noch im tiefsten Mitgefühl Alles, was ich nur an beruhigenden Worten fand, an sie hinredete, stürmte der Bruder herein. Der Schmerz hatte ihn ganz verwandelt; der sonst so stille, schlichte und gehaltene Jüngling war in Wort und Geberde maßlos, Haar und Anzug verwildert, die Augen unstät und geröthet.

Du hast uns verraten! rief er, hastig an die Schwester herantretend. Sage es, nur das sage, alles Uebrige kannst du sparen! – O, recht so! fuhr er fort, als sie mit einem Nicken antwortete, ohne aus ihrem eigenen Kummer aufzusehen, so werden wir noch lächerlicher werden, da wir nur unglücklich waren, ein Stadtgespräch, Zeitungsfiguren, auf die man mit Fingern weist. War dir's nicht genug, einen Todten oder einen Mörder zum Bruder zu haben? Muß die Welt wissen, warum er Eins oder das Andere ward? Aber du hast falsch gerechnet, indem du das Mitleiden Fremder zu Hülfe riefst. Niemand soll mich hindern, was ich wie ein Knabe angefangen, wie ein Mann durchzuführen. Ich danke Ihnen im Voraus, mein Herr, für allen guten Rath, den ich Ihnen an den Lippen absehe. Geben Sie sich keine Mühe. Ich weiß, was ich meinem Vater im Grabe schuldig bin. Aber hüten Sie sich wohl, von dem Vertrauen Gebrauch zu machen, das diesem schwachen Mädchen die Verwirrung ihrer Angst ablockte! Wenn Sie sich anmaßen, meine Schritte zu hemmen oder gar die Einmischung der Obrigkeit herbeizuführen, bei Gott im Himmel, ich würde nicht ruhen, ehe auch wir einen Gang mit einander gemacht hätten. Und nun komm hinweg, Carlotta! Nicht zum zweitenmal sollst du mich betrügen, nicht noch einmal deine Ehre, die auch die meinige ist – –

Sie sprechen im Fieber, Leonardo! unterbrach ich ihn. Mischen Sie nicht den Begriff der Ehre hier ein, und schämen Sie sich, daß ich, den Sie einen Fremden nennen, Ihre Schwester gegen Sie verteidigen muß. Wie? Sie wagen, mit ihr zu rechten, weil sie der Wahrheit die Ehre gab, die allein der Quell aller echten Ehre ist? weil sie uns in ein Vertrauen zog, dessen wir uns durch unsere herzliche Freundschaft für Sie beide doch wohl werth gemacht haben?

Reden Sie nur, stürmte er dazwischen, o reden Sie nur und erbittern Sie mich immer mehr! Also auch Ihr Freund war zugegen, als die Schwester sich und ihren Bruder verrieth? Vortrefflich! Ich sehe den Spott auf seinen Lippen und das Achselzucken und die kalte Miene des Weltweisen! Aber das ist das Wenigste. Was am bittersten schmerzt, ist die Ueberzeugung, die ich gewinne, daß ich ihr nichts gelte, daß sie, um die ich Alles zu thun und zu dulden Muth habe, mich so gering schätzt, jedes Vertrauen auf mich wegzuwerfen und zu Fremden zu flüchten. Bin ich allein nicht Manns genug, diese Sache zu Ende zu bringen? Bin ich ein Kind, daß meine Schwester mir Vormünder bestellt? ein Wahnsinniger, für den Aerzte geholt werden müssen? Und wo ist Ihr Freund? Warum findet er sich nicht ein, daß ich ihm, wie Ihnen, für seinen guten Willen danken und mir jede Einmischung in meine Angelegenheiten verbitten kann.

Er ist fortgegangen, Leonardo, sagte ich ruhig. Seien Sie überzeugt, daß ihm Ihre Sache, und was Sie Ihre Ehre nennen, heilig ist, wie seine eigene. Sie sind kein Kind, kein Kranker. Aber in der Leidenschaft Ihrer Sorge um Ihre Schwester übersehen Sie, wie mir scheint, daß Sie, wenn Sie Carlotta nicht unglücklich machen wollen, auch für sich zu sorgen haben. Sie wollen ihr den Vater ersetzen und tragen kein Bedenken, sie des Bruders zu berauben.

Er stutzte und sah mich an. Gleichviel! erwiderte er nach kurzer Pause. Wenn mir denn ein Unglück zustoßen sollte, und ich hätte eine Schwester zurückgelassen, wie ich mir die meine dachte, muthig, mit fester Seele und klarem Geist, so würde ich mein Schicksal getrost erfüllen. Ich sehe nun freilich, daß sie viel Schutzes bedarf, da ihr der meine nicht einmal genügt, und diese Erkenntniß wäre fast im Stande, eine Memme aus mir zu machen.

Damit warf er sich auf einen Stuhl und brütete verzweifelt vor sich nieder. Während des ganzen Gesprächs hatte die Schwester kein Zeichen des Antheils gegeben, und erst jetzt schien sich ihre Versteinerung zu lösen. Ein tiefschmerzlicher Blick fiel auf den geliebten Jüngling; sie trat leise neben ihn hin und ließ ihre Hände auf seiner Schulter ruhen. Leonardo, sagte sie, laß uns fortreisen, nach Hause, heute noch! Wir haben uns geirrt, es steckt keine Künstlerin in mir, ich verdiene kein Opfer, das geringste nicht, denn ich bin nichts, kann nichts, und was ich war, ein einfaches Mädchen und deine Schwester – ich will Gott danken, wenn ich es wieder bin und bleiben darf. Was hält uns hier? Deine Bestellung ist vollendet, auf der Akademie verlorst du nur die Stunden um meinetwillen. Laß uns nach Venedig zurück und diese Kleider verbrennen, die mich jetzt in den Boden drücken wollen, als wären sie von Blei.

Nein! rief er aus und sprang plötzlich wieder auf, ich weiche nicht vor einer erbärmlichen Drohung, ich will das Gelächter dieser Bursche nicht in meinem Rücken lassen; einmal für allemal will ich zeigen, mit wem sie es zu thun haben. Sei ruhig, Carlotta, ich kenne diesen Menschen; er ist so feige, wie er neidisch ist. Hatte er Ehre und Muth genug, meine Herausforderung anzunehmen? Leere Drohungen waren seine Antwort. Was denkst du nur? So wohlfeil kauft man denn doch die Dolchstiche nicht in Florenz. Und was kann er thun? Eine nichtswürdige Verläumdung gegen mich zusammenblasen, das ist Alles. Das, denke ich, kann ich mit ansehen. Ich weiß, daß er mich haßt; wir sind von gleichem Alter, und er sieht mich doch in der Galerie malen und pfuscht selber noch an seinen Gypsen herum. Es that ihm wohl, was er lange hatte hinunterschlucken müssen, heute in einem Schwall gegen mich auszuschütten. Der Erbärmliche! Aber er wagt nichts, ich kenne ihn, sei überzeugt, Schwester. Ich gehe morgen wieder in die Klasse, als wäre nichts geschehen, und warte es ab. Und inzwischen bedenke dich, was du thun willst, und nun – nicht wahr? – du vergiebst? ich war außer mir und redete irre und habe dir weh gethan.

Sie fiel ihm um den Hals und konnte nichts sagen: heftig weinend hing sie in seinem Arm, und er ahnte nicht, wie ich, um was sie weinte. Ich sah, daß er ruhiger ward, da er sie zu beruhigen hatte. Schon lächelte er wieder, und indem er zärtlich das krause Haar der Schwester streichelte, sah er zu mir hinüber und sagte: Sie werden es hinlänglich bereuen, sich mit so lästigen Menschheit, wie wir beide, jemals eingelassen zu haben. Wenn diese Kleine hier nicht ganz den Kopf verloren hätte, so wäre Ihr Zimmer nicht der Schauplatz ihrer Thränen und meiner Raserei geworden. Aber wir hoffen, daß Sie, was Sie dem Bruder übel nehmen möchten, der Schwester zu Gute halten werden.

Während ich herzlich seine dargebotene Hand drückte und das schöne Mädchen, sich aufrichtend, mit fremden Augen, noch immer in ihren heimlichen Gram vertieft zwischen uns stand, fuhr ein Wagen am Hause vor. Sie schrak zusammen und wagte nicht sich umzuwenden, als bald darauf sich die Thür unseres Zimmers öffnete. Aber nicht Franz trat herein, nur unsere Wirthin, Signora Eugenia.

Wo ist sie? war ihr erstes Wort. Wo ist der böse Schelm von einem Mädchen, die Hexe, der Irrwisch? Nicht um ihr eine Hand zu geben, behüte! Nur um mich vor ihr zu bekreuzigen und dann basta! Ist es erhört, vor unseren offenen Augen, wochenlang –? Aber nein, hernach will ich schelten und zürnen, jetzt vor Allem sagen, wie die Dinge stehen: nicht gut und doch nicht zum ärgsten, und jedenfalls besser, als diese böse kleine Person verdient für all ihre Teufeleien. O! welche Hitze draußen und das alles leid' ich um die schlimme Spitzbübin da, die ladra, die birba!

Es war hochkomisch, wie die gute Dame mit einem brillanten Theaterblick an Carlotta vorbeirauschte und sich in voller Majestät auf das Sopha niederließ. Sie bemühte sich, das Mädchen völlig zu übersehen, das ihr in der Maske so viel zu schaffen gemacht hatte. Aber ihre natürliche Gutmütigkeit ließ sie rasch aus der Rolle fallen. Es entging ihr nicht, wie tief niedergeschlagen Carlotta zwischen uns stand. Alsbald sprang sie auf, ergriff ihre beiden Hände und sagte: Kind, Kind, die Augen auf und das Kinn in die Höhe und munter, liebes Herz! Was ist denn? Da hast du einen Schlag – und da einen Kuß – und nun sind wir gute Freunde, du Nichtsnutzige, und bessere als vorher, nicht wahr? Komm, da setz dich neben mich und höre, was geschehen ist. Ihr tragt nun freilich den Schaden, Signor Leonardo, aber besser Euer Werk, als Euer junger Leib. Seht, ich lag drüben und las gerade meinen Monti, den ich liebe, obwohl er kein Mann war, – und sie warf einen komischen Seitenblick auf Carlotta; da bricht Signor Francesco in meine Musenstille ein, wie ein Lavastrom in ein stilles Dorf am Sonntag. – Steht auf, sagt er, und werft ein Tuch um Eure Alabasterschultern – der gottlose Spötter! – und stülpt ein Strohdach über. Ihr sollt mit mir gehen. – Es ist eigen, man kann sich gegen ihn nicht wehren. Seine Tyrannei ist so kurz angebunden, daß kein Widerspruch zu Athem kommen kann. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, bin ich unten auf der Straße und frage nun erst: wohin? – Der Director der Akademie, sagt er, geht bei Euch ein und aus. Ihr sollt zu ihm und eine dumme Geschichte ins Reine bringen, welche die Venetianer angestiftet haben. Wo wohnt der Herr? Ich nenne die Straße, er ohne Weiteres winkt einen Wagen herbei, und im Fahren erzählt er mir das Uebrige. Ich schalt auf Euch, Kind, daß Ihr auch uns angeführt habt; ich will's nur gestehen, ich war Euch ernsthaft böse, ich meinte, ich könnte nie wieder ein gutes Wort an Euch wenden. Wie er's ansah, wurde mir nicht klar. Es ist schade! sagte er mit seinem bösen, spöttischen Lächeln. Und nun hielten wir, und er versprach, mit dem Wagen unten auf mich zu warten. Kein Wort von Eurer Verkleidung – das hatten wir ausgemacht. Ich sollte sagen, daß Ihr austreten würdet, und dann nach dem schlimmen Burschen fragen, der mit Eurem Bruder an einander gerieth. Was Signor Francesco mit ihm vorzunehmen gedachte, weiß ich nicht. Nun denkt, wen finde ich bei meinem edlen Freund, dem Director? Einen Sbirren, der ihm so eben eine saubere Anzeige gemacht hatte. Gleich nachdem Ihr aus der Classe fort waret, Leonardo, warf auch Jener, mit dem Ihr den Streit gehabt, sein Zeichenbrett in den Winkel und verließ, ohne ein Wort zu sagen, den Saal. Er ging schnurstracks nach den Uffizien in die lange Galerie, wo Ihr zu malen pflegt. Ist's nicht eine Copie nach Fra Angelico? Nun wohl! Er tritt vor Eure Staffelei, als wär' es seine Arbeit, und macht sich da zu schaffen. Es war gerade menschenleer, nur die lange Reihe der Copisten saß auf ihrem Posten, Staffelei hinter Staffelei, die tiefe Fensterflucht hinunter. Plötzlich hört eine Dame, eine Engländerin, die hinter Eurem Platze malt, einen seltsamen Ton auf Eurer Leinwand und blickt um, über ihren Rahmen weg. Da steht sie den elenden Menschen in aller Ruhe pian piano damit beschäftigt, mit einem Federmesser die Leinwand quer durchzuschneiden. Eben setzt er schon wieder an, um das Werk noch gründlicher zu zerfetzen, der Wicht, da fühlt er die Hand der herzhaften Dame an seinem Arm, augenblicklich wird ein Lärm um die Beiden, und als mir mein Freund, der Director, die arge Neuigkeit erzählte, saß Euer ruchloser Kamerad schon eine halbe Stunde in sicherem Verwahr und erwartete sein Verhängniß.

Unser aller Augen hefteten sich, während sie sprach, auf Leonardo. Aber der Ausbruch gerechten Aergers und Grimmes, den wir fürchteten, unterblieb. Es ist gut, sagte er mit einem stillen Gesicht, ich habe die Zeit nicht verloren, die mir die Arbeit gekostet hat.

Tobt Euch aus, Lieber! sagte die Signora und schüttelte ihre beiden Seitenlocken. Das ist nicht in der Natur, dergleichen zu verschlucken, wie ein Glas Limonade.

Was wollt Ihr? versetzte der Jüngling und sah zärtlich zu seiner Schwester hinüber. Es ist doch wohl das bischen Farbe und Leinwand werth, den armen Hasenfuß dort beruhigt zu sehen.

O Leonardo, sagte das Mädchen, soll ich ruhig sein, jemals ruhig werden? Zu allem Unheil, das ich dir gebracht, noch dieses? Und meinst du, daß es seine Tücke nicht doppelt stachelt, wenn er jetzt um deinetwillen gestraft wird? Und wenn er den ersten Fuß wieder aus dem Gefängniß setzt ...

Ihr könnt ruhig schlafen, carina mia! er wird nicht mehr dieselbe Luft mit Eurem Bruder athmen, sagte Eugenia. Sie werden ihn über die Grenze schaffen, wie mein Freund, der Director, mir versicherte. Denn er ist aus Bologna, und da er in der Akademie nicht bleiben darf, hat er in Florenz nichts mehr zu suchen. Signor Francesco, als ich ihn unten am Wagen wiederfand, sagte auch: Der hat sich uns selbst vom Halse geschafft. Ich Sollte Euch grüßen und trösten, trug er mir auf. Dann hob er mich in den Wagen und – wart! bald hätt' ich es vergessen! Da ist ein Bettel an Euch, Signor Paolo, den er inzwischen geschrieben hatte, für mich so gut wie versiegelt, denn es ist Deutsch.

Befremdet nahm ich das Blatt und las folgende Worte:

»Lieber Freund!

»Die Komödie ist wieder einmal aus, und es wird Zeit, nach Hause zu gehen und von dem Vergnügen auszuschlafen, so gut es gelingen will. Danken Sie allen Mitspielern. Jeder hat seine Sache gut gemacht, und es war recht hübsch. Schade, daß es so kurz war!

»Ich wage es, Sie zu bitten, meine wenigen Siebensachen in meinen Koffer zu packen und selbigen nach Livorno per Post mir nachzuschicken. Ich denke vorher noch eine kleine Fußreise zu machen. Nehmen Sie im Voraus herzlichen Dank für Ihre Bemühung.

Ihr Franz.

»N.S. Meine Schulden im Hause bezahlen Sie doch. Sie finden Geld in meinem Schrank. Den Schlüssel schick' ich mit. Es ist immer gut...«

Die letzten Worte waren ausgestrichen, die Zeilen hastig und offenbar mit aufgeregter Hand hingeschrieben, denn die Bleistiftstriche hatten sich hie und da durch das Blatt durchgestampft. Ich starrte eine Weile darauf und suchte mich zu sammeln. Als ich aufblickte und der tiefen Angst in den Zügen des Mädchens gewahr wurde, versagte mir das Wort auf der Zunge.

Und hier ist der Schlüssel zu seinem Schrank! sagte Eugenia, und nun verratet, was Euer Freund für heimliche Dinge in dieser gottlosen Handschrift zu melden hat.

Er ist abgereist, sagte ich. Ein Brief, der ihm von einem Bekannten eingehändigt wurde, als er auf der Gasse mit dem Wagen wartete, macht seine schleunige Rückkehr nach Deutschland nöthig. Er schickt Allen im Haus sein herzliches Lebewohl.

Das log ich auf eigene Rechnung hinzu, denn ich sah eine tödtliche Blässe auf Carlotta's Wangen. Niemand sagte ein Wort. Aber auch Eugenia bemerkte den seltsamen, heftigen Eindruck, den der Brief auf ihren Liebling gemacht hatte, und ihre beiden schwarzen Locken pendelten gravitätisch nachdenklich hin und her. Es ist immer eine Verlegenheit für eine Nothlüge, wenn sie das letzte Wort behält. Die meinige hatte volle Zeit, ihrer unbeholfenen Durchsichtigkeit inne zu werden.

Carlotta stand auf. Komm, sagte sie zu dem Bruder, ohne ihn anzusehen. Sie ging voran nach der Thür, Leonardo folgte, nachdem er mir stumm die Hand gegeben, und so blieb ich mit unserer edlen Wirthin allein. Die Gute saß noch eine Weile in ihrem besinnlichen Stillschweigen. Dann warf sie die beiden Locken zurück und drückte mir mit rascher Zeichensprache in großer Ernsthaftigkeit das Ergebniß ihres Nachdenkens aus. Ich seufzte und zuckte die Achseln. Auch sie seufzte, aber zorniger. Sie ballte eine tragische Faust und drohte zum Fenster hinaus, dem Entflohenen nach. Verräter! sagte sie. Wenn ich ein Mann wäre und an seiner Stelle –!

Ich setzte mich nun zu ihr und suchte ihr den wunderlichen Zustand meines Freundes zu erklären. Ich bot das beste Italienisch auf, über das ich zu verfügen hatte, und schilderte ihr die ganze Krankheit. Sie hörte scharf zu, aber dennoch blieb alles Deutsch für sie, so gut wie versiegelt. Ich sagte: das Räthsel hat ihn angezogen, gefesselt und glücklich gemacht. Sein lang verachteter und mißhandelter Instinct hat feurige Kohlen auf sein Herz gesammelt und seinen meisternden Verstand beschämt; denn er witterte das Räthsel, da es noch tief verborgen war. Nun es aufgelöst ist, fürchtet er, es möchte nur zu bald seinen Zauber für ihn verlieren, und darum will er bei Seiten fliehen. – Er ist ein Narr, sagte sie feierlich. Ein rechtes Frauenzimmer gibt dem Mann, und wäre er so klug wie Salomo, sein Leben lang Räthsel auf. Ihr seid ein unglückliches Volk, ihr Deutschen. Ihr wagt nicht zu genießen, wenn ihr euch nicht vorher gequält habt. Was ist einfacher als das Schöne? Und was ist räthselhafter? Geht, ihr seid werth in einem Lande zu wohnen, wo Winter und Sommer sich nur dadurch unterscheiden, daß es im Juli seltener schneit. Napoleon hatte Recht, Ideologen seid ihr. O, o! die Arme, das süße Ding! Wenn Ihr nicht ein Stein seid, Signor Paolo, so ist es jetzt an Euch, sie zu lieben und zu heirathen!

Diese praktische Schlußwendung ihres Zornes machte mich herzlich lachen und überhob mich jeder Schutzrede für meine Nation. Aber als ich dann allein war und die Zeilen des Billets nochmals überlas, gerieth ich in die peinlichste Stimmung. Sollte ich den Auftrag unverzüglich ausführen, der vielleicht nur von der ersten, stürmischen Erwägung dictirt worden war? Eine kleine Fußreise wollte er vorher machen! Franz! der schon auf der Universität berüchtigt war wegen seiner tiefen Geringschätzung aller Freuden, die man erwandern muß! Es war offenbar, daß er den Zettel in krankhaftem, unzurechnungsfähigem Zustande geschrieben hatte. Und wer stand mir dafür, daß er nicht plötzlich, einen Augenblick, nachdem ich seinen Koffer auf die Post geschickt, zu mir ins Zimmer treten und meine Psychologie, mit der er mich immer zu necken pflegte, in ihrer Kurzsichtigkeit unbarmherzig verspotten würde?

Ich beschloß, jedenfalls den nächsten Tag abzuwarten. War es Ernst mit der Fußreise, so kam die Sendung immer noch früh genug nach Livorno.

Der Tag verging mir betrübt genug. Unser Zusammenleben seit unseres Freundes Flucht sah mich so verstört an, wie ein Instrument, auf dem eine Saite gesprungen ist. Wir übrigen wollten nicht mehr zusammenklingen. Die Geschwister ließen nichts mehr von sich hören. Signora Eugenia schmollte in ihrer Musenstille mit allen Deutschen, die den Fehler des Einen nicht wieder gut zu machen und die schöne Traurige zu lieben und zu heirathen eilten. Aristodemo selbst, der sonst gern herüberkam, um Zucker bei uns zu naschen, murrte entfremdet, wenn er meiner ansichtig ward, und nur die gute Stella fuhr fort, ihr geringes Licht in meine Einsamkeit leuchten zu lassen.

So kam die Nacht, und aus unruhigem Schlafe weckte mich ein ängstliches Rühren und Regen im Hause. Schritte hin und her hasteten über den Flur, behutsam gingen Thüren auf und zu, und aus dem Zimmer nebenan, wo Carlotta's Bette stand, fing ich abgerissene laute Sätze auf, die mir sagten, was ich dunkel befürchtet hatte. Ich hörte das Mädchen wie aus dem Traume reden, tief rührende Selbstanklagen, dazwischen: Er verachtet mich, er hat Recht, aber wehe thut's, wehe! Wo find meine Segnungen? Macht ein Feuer im Kamin, Stella! Die Studien hinein, die Skizzen, meine Kleider – mein Herz! Leonardo! Warum sprichst du nicht? Ach, deine Lippen sind ganz blaß, er traf dich gut! Sieh, da steht deine Leinwand; Blut fließt aus dem Schnitt – sie heilt nicht wieder! Ich bitte sehr, schafft mir ein Mädchenkleid, ich will aufstehen und nach Hause gehen – nein, ihr habt Recht, ich darf es nicht mehr tragen, ich hab' es verscherzt, Alles ist hin!

Ich fuhr in großer Bestürzung auf, warf mich in die Kleider und trat auf den Flur hinaus. Das Fieber schüttelt sie, sagte die Wirthin, die eben aus dem Krankenzimmer kam; kaum daß man sie im Bette halten kann. Ich wollte Euch gerade wecken und bitten, daß Ihr einen Arzt holtet. Der Bruder darf ihr nicht von der Seite, oder sie denkt, man habe ihn umgebracht; und Stella muß sie halten. Wenn er das sähe, Euer kluger Freund – wo bliebe sein Spott?

Ich holte den Arzt, der wenig Rath wußte. Doch ließ das Fieber gegen Morgen nach, und über Tag schlief sie so fest und sanft, daß wir schon alle Gefahr überwunden glaubten. Als aber der Abend hereindunkelte, fing es zuerst mit Träumen, dann mit ängstigenden wachen Gesichten von Neuem an, und ich ging in lebhafter Sorge wieder zu dem Arzte. Er war nicht der nächste, denn er wollte am Lungarno, aber ein Deutscher und mir gut empfohlen. Leider hörte ich, daß er über Land geholt worden sei, und trat in wachsender Unruhe meinen Heimweg an, denn ich wußte nicht, an wen ich mich wenden sollte. Der Weg führte mich an der Loggia vorbei, und selbst in meiner Noth und Traurigkeit konnte ich nicht vorüber, ohne einen Blick auf meinen wohlbekannten Perseus zu werfen. Er stand schon in dichten Schatten, melancholischer als je; nur über das Haupt der Meduse fiel ein rötlicher Schein aus einer Straßenlaterne. Wer aber stand neben seinem hohen Sockel, die Arme über die Brust gekreuzt, und sah auf das nächtliche Gewoge des Platzes hinunter? Nein, es war kein Spuk, ich fühlte, daß mich zwei lebendige Augen trafen. Franz! rief ich. Gute Nacht! antwortete der Mann in der Halle und winkte mir mit der Hand, zu gehen. – Im Augenblicke war ich bei ihm. Sie hier? rief ich. Ein guter Gott hat Sie hieher und mich in Ihre Nähe geführt. Sie müssen mit mir gehen, nach Hause, sogleich! – Ich bin hier zu Hause, anwortete er. Es schläft sich gut zu Füßen des ritterlichen Herrn da oben, ich habe es schon gestern erprobt. Es ist sehr reinlich hier und die Nacht angenehm kühl, besonders wenn man sich über Tag heiß gelaufen hat. – Ich will Sie in Ihrer Liebhaberei nicht stören, sagte ich, aber erst müssen Sie mit mir und ein schwer gebeugtes Herz aufrichten und heilen, das sich von Ihnen verachtet glaubt. Ich ging aus, den Arzt zu holen; keinen bessern kann ich nach Hause bringen, als Sie. – Wissen Sie auch, was Sie thun? sagte er düster, indem er sich schon wandte, um mir zu folgen. Können Sie dafür stehen, daß Sie nicht einen Feind mitbringen, wo Sie einen Arzt gefunden zu haben meinten? – Ich antwortete nicht und zog ihn mit fort, und er folgte bald ohne Widerstreben, ja ich hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Unterwegs sagte ich ihm, was geschehen war; er hörte alles schweigend an, nur ein Seufzer entrang sich ihm, und eine Zeit lang ging er mit geschlossenen Augen neben mir her. Noch einmal schien er mit sich zu kämpfen, als wir die Thür unseres Hauses erreicht hatten. Er zauderte, mir über die Schwelle zu folgen. »Es ist bestimmt in Gottes Rath,« hörte ich ihn dann vor sich hin sagen, und wir stiegen mit einander die Treppe hinauf.

Signora Eugenia, den Arzt vermutend, erwartete uns oben im Flur. Madonna! rief sie, als sie Franz erkannte, so seih Ihr es wirklich? – Wie steht's? fragte er rasch und bückte sich zu dem Hündchen hinab, das ihn bewillkommnete. – Zitto, sagte sie. Es geschehen noch Wunder. Ihr waret kaum fort, Signor Paolo, da begehrte sie plötzlich mit klarer Stimme, aufzustehen und sich anzukleiden: sie erwarte Besuch. – Welchen? fragten wir. – Und sie darauf: Ich weiß nicht: fragt mich nicht; aber bringt mir ein Mädchenkleid, denn die Maske da würde mich von Neuem krank machen. – Und das alles ruhig und ohne Einbildungen, obwohl ihre Stirn noch glühte. Was war zu machen? Meine Kleider passen ihr nicht, und Stella ist zu lang, und so entsann ich mich, daß ich noch einen alten Bäuerinnen-Anzug von meinem Braut-Carneval in der Lade verwahrte. Damals hatte ich so ungefähr ihren Wuchs. Was wollt Ihr? Jedes Geschöpf Gottes ... – Kann man sie sehen? unterbrach Franz die Rednerin. – Wenn Ihr es verdient, Verräther! erwiederte sie mit großer Feierlichkeit. – Lassen wir Gnade für Recht ergehen, sagte ich.

... al fine
Ignudo ei mostra di pentito il volto. Endlich

Zeigt er uns unverhüllt ein reuig Antlitz.

Ich wußte es, daß sie einem Citat aus Alfieri nicht widerstand. Sie lächelte erhaben, nickte mit den beiden Locken vor sich hin und sagte: Kommt! Sie ist in Leonardo's Zimmer und sitzt aufrecht auf dem Sopha, wie um Besuch zu empfangen. Süßes Kind! Ich schütte Euch Gift in den Kaffee, Signor Francesco, wenn Ihr sie mißhandelt.

Wir traten in das Zimmer, die Dame voran. Da bringen wir Euch Euren Besuch, sagte sie, wenn Ihr ihn wirklich sehen wollt, nachdem er so heimtückisch sich davon gestohlen. Und man weiß auch noch gar nicht, was ihn fortgelockt hat. Erzählt Eure Abenteuer, Signor Francesco! – Er antwortete nicht und trat rasch an den Tisch, wo die schöne Kranke saß. Die drei Flämmchen der Lampe rötheten ihr blasses Gesicht und beschienen das seltsame Costüm, welches ihr übrigens vollkommen paßte. Welch einen reizenden Wuchs hatte uns der böse Malerkittel vorenthalten! Dazu der Kopf mit den kurzgekrausten Haaren, der nun frei und schlank auf dem feinen Halse sich bewegte, daß man immer noch im ersten Augenblicke zweifeln konnte, welche Verkleidung eigentlich die echte sei. Wie ein gescholtenes Kind, das aber wieder zu hoffen anfängt, man werde nicht immer mit ihm zürnen, blickte sie zu Franz auf. – Sie waren krank? sagte er, sie fest ansehend. Wie fühlen Sie sich jetzt? – Besser – gut, erwiederte sie. – Auch ich hatte das Fieber, sagte er nach einer Pause. Sprechen wir nicht mehr davon; ich habe mich nach meiner Manier damit abgefunden, Jeder hat die seine. Guten Abend, Leonardo; was macht der Verfall der Kunst? – Niemand antwortete eine Silbe. Kommt, flüsterte ich Eugenien zu, mich dünkt, wir sind hier zu viel. – Zu viel? wiederholte Franz laut. Zu wenig seid ihr; die ganze Welt könnte in dieses Zimmer sehen, und ich würde mich nicht schämen, wie ein Narr hier zu stehen und zu betteln, daß man mich ein wenig lieb haben möge. Wahrhaftig, es thut mir sehr noth, und du könntest nichts Verdienstlicheres thun, Leonardo, als deiner Schwester zuzureden, daß sie ihre kleine Hand nach mir ausstrecken möchte. Denn ich selbst – ihr mögt mir's wohl ansehen – ich habe nicht mehr Muth, als Aristodemo, aber dafür Treue für zehn seinesgleichen.

Sie sah ihn leuchtend an und hielt ihm über den Tisch die Hand hin. Er legte die seine still hinein. Sehet es alle! rief er, sie wagt es, wahrhaftig, sie wagt es! O, ziehe diese Hand zurück, mein Junge; noch ist es Zeit, noch habe ich sie nicht fest gefaßt und halte sie nicht für immer. Weißt du auch, was du wagst? Kennst du die Hand, vor deren Berührung du dich nicht scheust? Sie trug schon einmal den ersten Ring einer langen Kette und hat Ring und Kette zerbrochen und ein Lebensglück dazu.

Ich sah, wie er in banger Spannung an ihrem Gesichte hing. Aber das Leuchten ihres Auges trübte sich nicht. Da faßte er ihre Hand mit beiden Händen und bog sich nieder und drückte seine Lippen auf die zarten Finger, die er gefangen hielt, und ließ so eine Zeit lang das Gesicht auf ihrer Hand ruhen.

Nein! rief er dann und richtete sich hoch auf, du wagst nichts damit, du nicht, geliebtes Kind! ich weiß es seit diesen zwei Tagen, daß du sicher bist in meinem Herzen für ewig. Ich ahnte es noch nicht, als ich vor dir floh. Ich wollte es nicht noch einmal erleben, was mich vor einem Jahr elend gemacht und beinahe umgebracht hätte: ein unschuldiges armes Herz an mir verzweifeln zu sehen. Dieses Mal hätte ich es nicht überlebt. Es ist nun vorbei, sagte ich mir. Das Räthsel, das dich lockte, ist gelöst. Sie wird wieder, was viele sind, ein liebenswürdiges Mädchen, und der Himmel sende ihr jemand zu, der würdig ist, sie zu lieben. O, ich glaubte Wunder, wie ich wieder zu Verstande käme. Mein Kopf, der eine Weile ganz aus dem Spiel geblieben war, fing seine alten Bosheiten wieder an und hielt es für eine Bagatelle, auch mit diesem Gefühl fertig zu werden. Erkenne dich selbst! triumphirte er. Du bist nur eine Zeit lang hinters Licht geführt worden von einer armseligen Maskerade. Die Maske fällt, und Alles wird nüchtern, und du wachst aus deinen Täuschungen auf. O über den hochmütigen Schächer! Was half ihm sein Raisonniren? Hier innen, da trug ich dich leibhaftig, Zug für Zug, so wohlbekannt und doch so unergründlich, und es war mir, als hörte ich dich den überklugen Freudenverderber auslachen mit deinem hellsten Mädchenlachen, und mein ganzes Herz lachte mit, und ich wußte, daß ich gesund geworden. Glaube es, mein Junge, wenn ich nicht umkehrte und dir zu Füßen stürzte, so geschah es nur, weil ich dachte, nun wäre die Reihe, zu verzweifeln, an mir, zur Buße für meine alte Schuld. Lieber Freund, – und er wandte sich zu mir – habe ich denn recht gehört, daß sie im Fieber meinen Namen gerufen hat?

Ihr seid und bleibt unverbesserliche Ideologen, zürnte die edle Wittwe. Was predigt Ihr da in Eurem abscheulichen Deutsch eine halbe Stunde lang? Wenn ich ein Mann wäre und hätte das Recht erhalten, diesen Mund zu küssen, kein Wort sollte eher aus dem meinigen, und säße mir ein Sonett auf der Zunge, das Petrarca's würdig wäre.

Er sah die Eifernde lächelnd an. Langsam ging er ans Sopha und setzte sich neben die Geliebte. Kind, sagte er, »ich sterb' um dich!« Sie sahen einander mit vollem Glanz des Glückes in die Augen und schwiegen. Dann stand Franz auf, umarmte Leonardo und sagte: Wir wollen gehen. Es ist spät, und dies ist ein Krankenzimmer. Und wenn ich morgen zu dir komme – wirst du es nicht verschlafen haben?

Sie antwortete ernst: Nicht im Tode verschlief' ich es, daß du mich liebst!

*

Wenige Tage darauf saß ich am Vormittag in dem dämmerhaften, stillen Zimmer der Signora Eugenia mit ihr allein. Sie lag wieder, wie sie pflegte, in eine ehrwürdige Kugel geballt in der Sophaecke, Aristodemo ihr zu Füßen. Wir waren alle drei sehr betrübt.

Sie haben gutes Reisewetter, sagte ich endlich. Der Himmel ist bewölkt, und der Wind regt sich seit Wochen zum erstenmal. Apropos, da habe ich noch meine Bestellung an Freund Aristodemo vergessen. Diesen Kuchen schickt ihm Carlotta.

Welch ein Herz! seufzte die edle Wittwe. – Nach einer Pause: Sie hätten hier bleiben und in Florenz Hochzeit machen sollen. Wie kann man sich freuen, wenn man friert?

Werthe Freundin, sagte ich, in unserer Heimath blühen jetzt, ohne Uebertreibung, die Rosen im Freien. Und dann, er mußte nach Hause, ich rieth ihm selbst dazu. Die Stadt, wo er lebt, ist eine Art Republik. Nun sind sie auf den Gedanken gekommen, ihre Verfassung zu ändern, und haben ihm geschrieben, daß man ihn in den Ausschuß gewählt habe. Nichts konnte sich glücklicher treffen, um jeden Rest seines alten Uebels aus ihm wegzutilgen und ihn vollends dem Leben wiederzugeben.

Muß denn gleich wieder gearbeitet werden? sagte sie zürnend. Freilich, es mag sonst wohl bei Euch nöthig sein gegen das Frieren. Aber wer diesen Schatz heimbringt – er sollte sich schämen, nicht die Welt darüber zu vergessen.

Darauf lag sie eine Weile mit geschlossenen Augen, und sprach dann, sie öffnend und feierlich in die Höhe blickend, folgende Verse:

O lieblich war die Zeit, da wir sie hatten,
Holdselig wie der Hauch der Morgenröthe!
Wie junger Lerchen silbernes Geflöte,
Scheucht' ihre Stimme dieses Lebens Schatten.
Und so wie Dämm'rung lagert auf den Matten,
Umgab Geheimniß sie. Den Reiz erhöhte
Ein stiller Gram um jugendliche Röthe,
Und auch ihr Leid kam unsrer Lust zu Statten.
Nun schwand sie weg. Die Schleier sind gefallen,
Der grelle Tag sieht stumm in mein Gemach,
Der Abend naht, mit ihm die Nachtigallen.
Umsonst! Und ahmte selbst die Muse nach
Der lieben Stimme Klang – ach, in uns allen
Bleibt eine Sehnsucht nach der Lerche wach!

 << Kapitel 3 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.