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Erkenne dich selbst

Paul Heyse: Erkenne dich selbst - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleErkenne dich selbst
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1856
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Und war das Franz, den ich am andern Vormittag in eifrigem Gespräch mit den Venetianern durch die Uffizien wandeln sah? Derselbe Franz, der sonst wie ein Abwesender an allen Meisterwerken vorbeidämmerte, jetzt stand er geduldig in der Tribüne vor dem rafaelischen Julius II., in dem er früher nur einen bösen, schlauen, fatalen alten Herrn gesehen, und horchte auf Carlo's enthusiastische Reden über Kolorit, Zeichnung, Haltung und Costüm? Ich traute meinen Augen nicht. Endlich hörte ich, wie sie in einen Zank geriethen, der Jüngling im höchsten Unwillen ihn einen Blinden schalt, der nicht werth sei, daß ihn Rafaels Sonne bescheine, und sah Franz sich mit einem kurzen Hm! abwenden – ja wohl, das war Franz ohne Frage.

Ich schloß mich ihnen an und stiftete bald Frieden.

So ein gottverlassener Mensch, wie Sie sind, ist mir noch nicht vorgekommen! rief der Jüngling, zu Franz gewandt, mit komischem Zorn. Warten Sie, ich muß Sie in die Schule nehmen, von unten auf müssen Sie mir anfangen, beim Allermagersten und Ehrwürdigsten, was hier ist, beim byzantinischen ABC. Ist es denn wahr, daß Sie nicht aus dem Monde mitten in Florenz hineingefallen sind, daß Sie vorher in Rom waren? Lassen Sie sich sagen, daß Sie mich dauern. Ich will thun, was ich kann, aber Sie müssen mich machen lassen, hören Sie? Ihre abscheulichen Ketzereien mir nicht dazwischen werfen und fein anhören, was ich Ihnen sage, so verspreche ich Ihnen ...

Daß Sie mich mit der Zeit dahin bringen werden, vor diesen alten Farbenkrusten die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen gleich Ihnen. Nicht wahr?

Der Jüngling blitzte ihn heftig an. Sie wissen, daß Sie mich ärgern, darum reden Sie solches Zeug. Sie glauben selber nicht an Ihre Lästerungen, Sie haben nur die böse Freude, sich und Anderen den Spaß zu verderben. Das ist schlecht von Ihnen, und obwohl ich Sie erst seit gestern kenne, nehme ich mir doch die Freiheit, Ihnen das zu sagen.

Damit drehte er sich auf dem Absatz herum und ging weiter von Bild zu Bild, bald zum Bruder, bald zu mir sein Entzücken aussprechend, Franz folgte uns; ich bemerkte, daß er trotz seines spöttischen Zuges andächtig zuhörte, wobei er freilich mehr den Redenden, als die Dinge, von denen er sprach, im Auge hatte. Zuweilen konnte er es nicht lassen, ein paar Tropfen Wasser in die Glut zu spritzen. Carlo aber that, als gehöre er nicht zu uns und mische sich sehr unberufen ein. Als er vor einer Venus Titians nun seinerseits parodirend in Begeisterung gerieth, sah ihn Carlo ruhig eine Zeitlang an. Sie sind unglücklich, sagte er dann, ich habe das herzlichste Gefühl davon. – Franz brach augenblicklich ab; über eine Weile, als wir uns nach ihm umsahen, war er verschwunden.

Ich gab den Brüdern die nöthigsten Erklärungen über diesen befremdlichen Geist, denn es war mir drückend, daß sie ihn völlig verkennen und sich von ihm abwenden möchten. Beide zeigten lebendigen Antheil, Carlo wurde stiller; Leonardo sagte, daß jenseits der Alpen eine andere Menschenwelt beginnen müsse; wenigstens sei ihm auch sein Vater anders vorgekommen, als Alle um ihn her. Ich freute mich, daß beide Jünglinge sich begierig zeigten, Franz zu zerstreuen und ihn aus sich heraus zu locken. Für den Abend mußten wir leider darauf verzichten, ihn unter uns zu haben. Signora Eugenia hatte in besonderer Liebenswürdigkeit die Brüder aufgefordert, sie ins Theater zu begleiten, wo Silvio Pellico's Francesca von Rimini mit der Ristori als Francesca bevorstand. Als sie Franz davon gesagt, habe er heftig gescholten, daß die alte Närrin ihnen in solcher Hitze die frische Luft mißgönne, um sie in ein dumpfes Wachsfigurenkabinet zu sperren. Sie hatten ihn ausgelacht und weiter nicht davon gesprochen.

So fanden wir uns denn Abends im Parquet des Teatro Cocomero wieder zusammen, unsere Signora sichtlich geschmeichelt von dem Aufsehen, das sie in der Mitte der beiden Jünglinge auf ihre älteren Bekannten machte. Sogar ihr Hündchen Aristodemo, das sie sonst in einem großen Pompadour mitzunehmen pflegte, aus dem es mit verständiger Ruhe und gelegentlichem Naserümpfen hervorsehend das Spiel verfolgte, ohne gleich anderen unvernünftigen Creaturen an der Casse zurückgewiesen zu werden, selbst diese Perle aller gebildeten Quadrupeden war heute zu Hause geblieben. Die Dame hatte große Toilette gemacht und war sehr echauffirt. Sie saß auf ihrem gewöhnlichen Platze mitten unter dem Herrenpublikum und stellte einem und dem andern alten Freunde die Venetianer als ihre Hausgenossen vor. Carlo zog auch hier die Aufmerksamkeit auf sich, und ich mußte ihn im Stillen einer kleinen Koketterie schuldig finden, mit der er seiner würdigen Nachbarin in aller Weise den Hof machte. Zum ersten Male schien mir auch, als ob Leonardo von der übermüthigen Laune des Bruders beunruhigt werde. Ich saß neben dem Schweigsamen, und ein Zug geheimnißvoller Schwermuth auf seiner Stirn beschäftigte immer mehr meine Neugier. Als der Vorhang aufging, wurden freilich alle Gedanken einzig auf das Stück und die Darsteller gelenkt.

Ich hatte das in Italien sehr überschätzte Trauerspiel gelesen und die opernmäßige Allgemeinheit der Charaktere, die Abdämpfung des tief leidenschaftlichen Conflicts, die Zahmheit der Sprache mit Unmuth empfunden. Nun aber ergänzten die Spieler, was die Natur dem Dichter versagt hatte; es war, wie wenn sich in Adern von Marmorbildern volles, klopfendes heißes Blut ergösse und die Steine bewegte. Wer ist nicht schon in den Fall gekommen, eine flache italienische Opernarie durch eine leidenschaftliche Stimme zu ungeahnter Macht vertieft zu hören. Aehnlich war es hier. Eine Gewitteratmosphäre schien über dem Proscenium zu schweben, jedes Wort, jede Geberde mit verhaltenem Feuer zu tränken, und als die herrliche Ristori die lange bekämpften Gefühle gegen Paolo in das Eine Wort: Ich sterb' um dich! ausgoß und den geliebten Versagten umfaßte, hätte es mich nicht gewundert, zwischen den beiden Gestalten, wie zwischen elektrischen Wolken, die sich umarmen, den Blitz auflodern und die Soffiten in Brand stecken zu sehen.

Auch unter der Menge hatte es eingeschlagen, und ein Donner des Beifalls folgte, der die Vorstellung lange Minuten unterbrach. Zufällig sah ich während des Aufruhrs zur Seite; da stand Einer an die Parterrewand gelehnt, eine kräftige hohe Gestalt, die Arme gekreuzt, den Hut auf dem Kopf, die Augen fest auf die Bank, wo wir saßen, nein, auf Carlo allein gerichtet. War das derselbe Franz, der sich in kein dumpfes Theater sperren lassen wollte? Und wenn er es denn war, erkannte er sich genugsam selbst, um zu wissen, was ihn hergezogen?

Die Anderen schienen seine Gegenwart nicht zu bemerken, mich aber versenkte sie in ein wunderliches Grübeln, in welchem ich den letzten, so viel schwächeren Acten des Stückes wenig Aufmerksamkeit schenkte. Es war offenbar, daß etwas in meinem Freunde gährte, eine seltsame Krisis seiner Krankheit sich vorbereitete. Was war es, das ihn an diesen jungen Menschen knüpfte, ihn zwang seinen Spuren nachzugehen, in seiner Nähe duldsamer, stiller und wie verwandelt zu werden? Er hatte es kein Hehl, daß ihn jeder Mensch, wie jedes Ding, nur so lange interessirte, bis er ihn »von zwei Seiten angesehen«, ihn durchschaut hatte, wie einen gläsernen Würfel. Dann pflegte er ihn wegzuwerfen, oder ihn mit höflicher Gleichgültigkeit fernerhin neben sich zu leiden. Daß er sich tiefer einließ und zu einer Freundschaft fortgerissen wurde, hatte ich nie erlebt. Und doch schien hier dergleichen im Werk zu sein, obwohl ich an dem kecken Jungen nicht mehr entdecken konnte, als ihm früher auf der Universität so und so viel begabte strebsame Kameraden hätten bieten können.

Am Ausgang aus dem Theater erwartete er unsere kleine Gesellschaft und ließ sich gutmütig von Carlo necken, daß er dennoch gekommen sei. Was wollen Sie, mein Junge! sagte er; Thorheiten stecken an. Aber eine Thorheit bleibt es bei alledem, sich in die Liebe zu verlieben, die ein Dritter liebt, und zumal es in solcher Hitze zu thun. Habt ihr nicht alle mit euren eigenen Leidenschaften genug zu thun? Müßt ihr noch euer Geld dafür ausgeben, euch von fremder Sehnsucht plagen zu lassen? Ich zwar, der ich nie verliebt war, kann an diesen Abgründen ruhig vorbeitraben, wie ein armer Esel, ohne schwindlig zu werden. Aber Sie, junge Strudelköpfe, und Ihr, edle Signora, – denn meinen Freund da nehme ich aus, weil er psychologische Studien damit verbindet – ihr solltet klüger sein und euch an den Trauerspielen genügen lassen, die ihr auf eigene Rechnung in Scene setzt.

Alle schalten eifrig oder lachend auf ihn ein, daß er ihnen den Nachgenuß verderben wolle, und unsere Freundin sprach viel und gut von den Wirkungen der Kunst, ja auch der nachdenkliche Leonardo schüttete ein volles, warmes Jugendgemüth über diesen Gegenstand aus. Franz ließ sie reden und lächelte in sich hinein. Auf einmal traf ihn eine hingeworfene Frage Carlo's: Und Sie sagen, Sie hätten nie geliebt?

Nie länger als zwei Stunden hinter einander, mein junger Freund, und das im besten, will sagen im schlimmsten Fall. Das Beste bei der Liebe thut in der Jugend der gute Wille, verliebt zu sein, es mitzumachen, wie Andere. Dazu war ich einem armen Ding von Mädchen gegenüber immer zu ehrlich. Aber auch wenn es scheint, als würden wir gar nicht gefragt, als müßten wir eben diesem oder jenem Gesicht anhangen, wir möchten wollen oder nicht, gehört doch eine gewisse Ausdauer dazu, bis man endlich bis über die Ohren festsitzt. Keiner ist gleich in der ersten Stunde unrettbar verloren, denn die Liebe ist nicht blind. Aber die Menschen verbinden sich selbst die Augen, um die Wege nicht zu sehen, auf denen sie sich retten könnten. Und warum das? Damit sie recht bequem mit der Menschenliebe sich ein- für allemal abfinden möchten, verlieben sie sich in ein einzelnes Geschöpf; die andere Menschheit kann dann der Teufel holen. Wer vor der Liebe flüchtet, der hat gewöhnlich nichts Eiligeres zu thun, als sich die Verliebtheit in eine einzelne Person anzugewöhnen.

Anzugewöhnen – welch ein garstiges Wort!

Das richtigste, Signor Carlo, wenn auch die Schwärmer mich dafür steinigen werden. Jeder, der anfängt sich zu verlieben, hat helle Intervalle, Rückfälle in seine frühere Gleichgültigkeit. Denn seine Geliebte mag ein so himmlisches Wesen sein, als sie irgend will, sie hat darum nicht minder ihre zwei Seiten, und auch die Kehrseite wird ihm zuweilen klar; dann aber redet sich der gute Junge eifrig aus, was er mit Augen gesehen hat, um nur erst recht in Zug mit der Passion zu kommen. Ach, es ist ein gar so trefflicher Vorwand, nichts zu denken, was doch den meisten Menschen das süßeste Vergnügen ist. Ich theile diesen Geschmack leider nicht. Ich sah immer, wie das Gefühl, wenn es in mir aufging, Ebbe und Fluth hatte, wuchs und fiel, und mußte mir ehrlich sagen: das ist eine endliche Wallung wie hundert andere, und du wirst eine Lüge sagen, wenn du ewige Treue schwörst. Auch Treue ist ja eine Gewohnheitssache. Wem das Leben, die Welt, sein eigenes Herz alle Tage neu erscheinen, wie kann er sich mit gutem Gewissen Dauer von seinen Gefühlen versprechen?

Er hatte das lebhaft, fast nur für sich gesprochen, deutsch, so daß die Signora, als er schwieg, Carlo um eine Verdollmetschung bat. Verlangt nicht, theuerste Freundin, rief der Jüngling, daß ich Euch diese schlimme deutsche Philosophie in die zärtliche Sprache Italiens übersetze, deren Worte mir auf der Zunge sich sträuben würden gegen diese Gotteslästerung. Ja, fuhr er gegen Franz gewendet fort, nichts Geringeres sind Eure Reden. Ich für mein Theil habe noch keine Erfahrungen, mit denen ich Euch widerlegen könnte. Aber schon das Wort Liebe überschauert mich, wie nichts Endliches kann, wie nur ewige Mächte vermögen. Fühltet Ihr Euch heute nicht wie in der Kirche, als Francesca alle Schranken durchbrach und sagte: Ich sterb' um Dich? Aber ich weiß wohl, Ihr habt überhaupt keine Andacht, Signor, Ihr kritisirt wohl gar den Sonnenuntergang oder den gestirnten Himmel.

Wenn das Andacht heißt, daß einem Sinne und Gedanken schwinden, so weiß ich allerdings nicht, was ich entbehre, wenn sie mir mangelt.

Sinne und Gedanken! das ist alles Stückwerk. Euren ganzen Menschen auf einmal würdet Ihr empfinden, wenn Ihr andächtig sein könntet. Aber ich bin ein Thor, daß ich auf Eure Reden antworte. Ihr seid doch wohl besser, als Ihr Euch macht, und wollt uns nur verwirren und aufbringen.

Ich wollte, Ihr hättet Recht, erwiederte Franz nach einer Weile. – So gingen wir, ohne des Weges zu achten, selbst die Signora trotz ihrer Schwerfälligkeit tapfer mit, bis wir uns an einem der Thore befanden. Mit bunten Lampen winkte von draußen ein Garten herüber, und der Entschluß war schnell gefaßt, dort den Rest des Abends im Freien zu verbringen.

Bald saßen wir alle in einer Laube um den steinernen Tisch; die Kühle that uns wohl, der Geruch der Nachtblumen zog durch die Zweige, über uns breitete sich die Pracht der Sterne aus, und eine glimmende Wolke von Leuchtkäfern setzte das Gefunkel auf der Erde fort, daß Himmel und Gesträuch fast ohne Grenze in einander zu verfließen schienen. Franz stürzte ein Glas über das andere hinab, und es gelang ihm wirklich, sich in eine Art Taumel hineinzutrinken, in dem ihm alle guten Stunden seines Lebens wieder aufgingen. Wenigstens erzählte er die heitersten Dinge aus seiner Vergangenheit. Es fiel mir auf, daß Carlo immer einsylbiger wurde. Als ich ihn endlich fragte, was ihm sei, sagte er ernsthaft: Morgen gehen wir zuerst auf die Akademie. Mir ist bange, wenn ich daran denke. Ich bin zum ersten Male unsicher in mir, ob mein Talent ausreichen wird. – Der Bruder drückte ihm die Hand unter dem Tische, so saßen sie eine Weile. Eugenia sah den Jüngling zärtlich an, das schien ihm seinen alten Uebermuth wiederzugeben. Er hob sein Glas und trank ihr zu; dann flocht er von den Ranken der Laube einen stattlichen Kranz und ruhte nicht, bis er ihn ihr aufgesetzt hatte. Gesteht es nur, daß Ihr ihn verdient, und wär's auch echter Lorbeer, rief er mit lustigem Pathos. Ich will meine rechte Hand ins Feuer legen, wenn Ihr nicht auf Eurer einsamen Klause zuweilen die höchsten Herrschaften, Ihre Majestäten die Musen empfangt. Ich habe ein Buch bei Euch liegen sehen, dem schon auf drei Schritte anzumerken war, daß geschriebene Verse darin standen.

Birbone! schalt die gute Dame, Ihr habt diebische Augen, man muß sich und das Seinige dreifach vor Euch verschließen.

Seht Ihr, wie Ihr roth werdet, theuerste Freundin? rief Carlo. Die Maske ist gefallen, Euer wahres Gesicht strahlt uns an. Nun aber lass' ich Euch keine Ruhe, bis Ihr uns einige von Euren Versen recitirt habt. Sträubt Euch nicht, wir lassen Euch nicht eher heim, wenn auch Aristodemo kein Auge zuthun sollte, bis Ihr ihm eine gute Nacht gewünscht habt. Und horch, wie bestellt fängt da unten auf der Straße eine Guitarre an zu klingen.

Eugenia sah vor sich nieder, faltete die Hände um ihr Glas und sprach nach einer Weile stiller Meditation folgenden Monolog Julia's vor dem verhängnißvollen Schlaftrunk:

Hinab, hinab! schon harrt der finstre Kahn,
Mich von des Lebens Ufern zu entführen.
O Mutter, Deine Scheideblicke schnüren
Mein Herz zusammen – dennoch sei's gethan!
Was siehst du, Charon, mich so schaurig an?
Nicht will ich deinen Grimm mit Seufzern schüren.
Fahr zu! Doch eh' wir jenen Strand berühren,
Wird mein geliebter Freund dem Flusse nahn.
Er kommt, als lockt es ihn zu kühlem Bad,
Du siehst ihn, und der Reiz der schönen Glieder
Zieh dich zurück zum kaum durchmess'nen Pfad.
Du winkst ihm freundlich in den Nachen nieder –
Er scheint bereit – da spring' ich ans Gestad.
Und Romeo und die Sonne küßt mich wieder!

Wir hörten dem Fluß der Worte zu, während dem die Guitarre, sich mehr und mehr entfernend, in sanften Accorden forttönte, bis endlich, wie verabredet, mit den letzten Versen der Saitenklang im Weiten verhallte.

Das war schön! das war wundervoll! sagte Carlo halblaut, als sie geendet hatte.

Ich hab' es in meiner Jugend gedichtet, sprach die gute Dame errötend. – Dann, nachdem wir ein wenig geschwiegen und gesonnen hatten, stand sie auf, zog sich ihr Tuch fester um die Schultern und begehrte heim. Seit zehn Jahren ist es das erste Mal, daß ich so in die Nacht hinein im Freien saß. Stella wird meinen, mir sei ein Unglück begegnet.

Kommt, sagte Carlo, gehen wir langsam nach Hause, Madonna Giulia! Gebt mir Euren Arm, und im Gehen, nicht wahr, erzählt Ihr mir noch mehr von der Zeit, die Ihr Eure Jugend nennt, obwohl Ihr wissen müßt, daß die Poeten ewig jung sind.

Beschützt mich vor diesem argen Menschen, ihr Herren! Er hat eine Art, zu fragen, daß man seiner Geheimnisse bei ihm nicht sicher ist. Euren Arm will ich, Signor Paolo!

So führte ich sie voran und ergötzte mich über die halb mütterliche, halb verschämte Art, wie sie auf dem ganzen Wege von nichts als von dem Jünglinge sprach. Wenn ich noch jung wäre, sagte sie ernsthaft, ich reiste morgen in aller Frühe weg, um vor diesen Augen geschützt zu sein.

Was hülf es aber, wenn er Euch nachgereist käme?

Der? Glaubt Ihr wirklich, daß er ein Herz hat?

Er hatte vielleicht noch vor kurzem eines, sagte ich, bis Ihr es ihm mit Euren Versen entwendet habt.

Ihr spottet, sprach sie halb lachend, Ihr seid auch nicht besser als die Andern. Wir wollen warten, bis die Drei herankommen; der Leonardo wenigstens ist ein gescheiter und höflicher Mensch, sonst taugt die ganze Gesellschaft Einer so wenig wie der Andere.

Ich wunderte mich, daß wir bei unserm Schlendern dennoch so lange zu warten hatten, bis Franz mit den Jünglingen nachkam. Ich hörte ihn von fern lebhaft reden, und sah, als sie endlich nahe kamen, daß Carlo den Kopf hängen ließ, und erhitzte Wangen hatte. Als man sich darauf im Hause trennte und Franz noch auf einen Augenblick bei mir eintrat, befragte ich ihn, was er dem jungen Mann so Heftiges gesagt habe.

Seinen Leichtsinn hab' ich ihm vorgeworfen, fuhr Franz auf, seine Spitzbübereien, mit denen er die arme, halbverrückte Person vollends zur Närrin macht. Gefällt es Ihnen denn, dieses Gethue, dieses Handküssen, und von ihrer Seite dieses Anschmachten und Erröthen?

Verstehen Sie denn nicht Spaß, Franz?

Spaß! Es ist mir gar nicht spaßhaft dabei zu Muthe. Der gute Kern, der in dem Jungen steckt, wird in den Grund verdorben durch diese faden Possen. Das hab' ich ihm gesagt.

Und was erwiederte er Ihnen?

Sie kennen ihn, seine ungezogene Art, sich mit einem Scherz aus der Affaire zu ziehen. Wenn ich wüßte, wie lustig ihm das sei, wenn sich die gute Dame wirklich in ihn verliebte, würde ich ihn nicht so ernsthaft zur Rede setzen. Das war denn auch dem Bruder zu toll, und er sagte ihm, er solle bedenken, was er spräche. Daß er noch nicht wirklich schlecht ist, sah ich dann wieder, als er betrübt neben mir her ging. Er dauerte mich, ich sagte ihm, daß ich ihn lieb hätte, und was ich an ihm hofmeisterte, könnte ich fast beneiden, die ganze leichtblütige Kunst, in den Tag hinein zu leben. Noch nie sei ich von meinem Gegentheile so lange angezogen worden, wie von ihm, und wenn es ihm recht sei, wollten wir hier gute Freundschaft halten; ich fühlte, es müsse mir heilsam sein, mit so jungem Blute zusammen zu leben, und mehr dergleichen. Das hörte er an, ohne ein Wort zu erwiedern; aber wie er mir vorhin gute Nacht sagte, empfand ich, daß auch er trotz all meiner Schroffheiten und Unarten mir zugethan ist. Ihnen kann ich es gestehen, Bester, ich erkenne mich selbst nicht wieder seit gestern. Wie ein Bruder ist mir dieser Junge, oder wie ein eigenes Kind, über dessen Geschwätz man alle seine Sorgen vergessen mag. Ja, es ist lächerlich, wie ich mich vor mir selber fürchte, den Augenblick mit Schrecken erwarte, wo ich ihn näher kennen und auch mit ihm fertig sein werde. Darum fahre ich gleich so auf, wenn ich einen Fehler an ihm entdecke, und möchte den mit Stumpf und Stiel ausrotten, damit er mir nicht die Freude verderbe. – Welch ein schöner Tag war das heute, mein erster genossener in Italien! Wir müssen das öfter so machen, den Abend vor die Stadt zu gehen. Und dann lassen wir die Dichterin zu Hause.

Ich glaube gar, Sie sind eifersüchtig, Franz.

Meiner Treu', ich glaube es beinahe auch, sagte er in vollem Ernste. Dann lachte er, sah sich im Zimmer um und nahm einen Jasminzweig, den mir Carlo aus einem Garten, wo wir vorübergingen, abgebrochen, wie aus Zerstreuung in die Hand und dann mit in sein Zimmer. Ich that, als bemerke ich es nicht, und sah ihn noch am anderen Tage in Wasser gestellt an seinem Fenster.

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