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Erkämpftes Glück Teil 1

Karl May: Erkämpftes Glück Teil 1 - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/may/waldroe5/waldroe5.xml
typefiction
authorKarl May
titleErkämpftes Glück Teil 1
publisherWeltbild
seriesWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde
volume5
illustratorFiruz Askin
year1999
firstpub1901/1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120628
projectid0889013b
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29. Kapitel.

Unterdessen hatte Geierschnabel ganz ahnungslos sein Frühstück beendet.

»Soll ich etwa auf diesen Leutnant warten?« fragte er sich. »Oho, Geierschnabel ist schon der Kerl, ohne Empfehlung mit Bismarck zu sprechen. Allerdings werde ich mir mit ihm keinen Spaß machen dürfen, wie mit den anderen. Meine Sachen bleiben also hier. Aber neugierig bin ich doch, was er für Augen machen wird, wenn ein so gekleideter Kerl Audienz bei ihm verlangt.«

Geierschnabel schaffte seine Habseligkeiten in das Schlafzimmer. Dieses verschloß er und zog den Schlüssel ab, den er zu sich steckte.

»Dieses Volk braucht während meiner Abwesenheit nicht zu erfahren, was in meinem Sack steckt«, brummte er. »Der Kellner hat bereits genug gesehen. Und haben sie hier einen Hauptschlüssel, so habe ich meine Schraube.«

Damit zog er aus der Tasche eine jener amerikanischen, patentierten Sicherheitsschrauben, mit denen man das Schlüsselloch verschließen kann, ohne daß es einem zweiten gelingt, sie wieder zu entfernen. Er drehte die Schraube in das Loch, bis auf einen Druck die Feder vorsprang, dann verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinab.

Es war eigentümlich zu nennen, daß er nicht bemerkt wurde, aber das ganze Personal war in der Küche versammelt, um das hochwichtige Ereignis zu besprechen. Sie glaubten ihn sicher beim Frühstück und hatten keine Ahnung von der Schnelligkeit, mit der ein Präriejäger die größten Quantitäten eines Mahles verschwinden läßt

So kam er ungesehen aus dem Haus und schlug den Weg ein, den ihm die Kellnerin beschrieben hatte. Es wurde zwar einige Male notwendig, sich zu erkundigen, aber er erreichte doch glücklich und unbelästigt sein Ziel. Der Großstädter, selbst der großstädtische Schulbube, hat keine Lust, dem ersten besten Menschen, der sich auffallend kleidet, nachzulaufen.

Als er den Portier sah, der am Tor stand, trat er vertraulich zu ihm heran und fragte:

»Nicht wahr, hier ist Bismarcks Wohnung?« – »Ja«, antwortete ihm der Zerberus, indem er den Frage mit lustigem Lächeln musterte. – »Eine Treppe hoch?« – Ja.« – »Ist der Master zu Hause?« – »Master? Wer?« – »Na, Bismarck!« – »Sie meinen Seine Gnaden, den Grafen von Bismarck Exzellenz?« – Ja, ich meine den Grafen, Seine Gnaden, die Exzellenz und auch Bismarck selbst.« – Ja, er ist zu Hause.« – »Na, da treffe ich es also gut.«

Geierschnabel wollte an dem Portier vorüber, dieser aber faßte ihn am Arm und fragte:

»Halt! Wohin soll es denn gehen?« – »Na, zu ihm natürlich!« – »Zu Seiner Exzellenz?« – »Natürlich!« – »Das geht nicht!« – »So? Ach! Warum denn nicht?« – »Sind Sie bestellt worden?« – »Ich weiß nichts davon.« – »In welcher Angelegenheit kommen Sie?« – »Das wird er erfahren, sobald ich bei ihm bin.« – »Ah!« lachte der Portier. »Sie denken wohl, mit der Exzellenz zu sprechen, das sei ganz dasselbe, als wenn man zu seinem Schneider geht?« – »Ja. Ich kenne Schneider, die auch ganz exzellent sind.« – »Aber eine Exzellenz ist darum noch kein Schneider.« – »Meinetwegen. Ich bitte Sie, mich passieren zu lassen. Meine Angelegenheit ist sehr wichtig.« – »So müssen Sie den gewöhnlichen, vorgeschriebenen Dienstweg gehen.« – »Dienstweg, was ist das?« – »Da muß ich erst wissen, in welcher Angelegenheit Sie kommen. Ist es eine Privatsache, eine diplomatische oder sonstwie?« – »Es wird wohl eine ›sonstwie‹ sein.« – »Na«, meinte der Portier jetzt ernster, »wenn Sie denken, daß ich nur vorhanden bin, damit Sie sich mit mir einen Scherz machen können, da irren Sie sich. Wenn Sie ›sonstwie‹ kommen, da gehen Sie nur immerhin auch ›sonstwo‹ hin. Wir sind fertig.«

Geierschnabel nickte ihm vertraulich zu.

»Das denke ich auch«, meinte der freundlich. »Ich hätte auch keine Zeit gehabt, Sie weiter zu belästigen. Adieu!«

Aber anstatt fortzugehen, wandte er sich dem Inneren des Gebäudes zu.

»Halt!« rief der Portier abermals. »So war das nicht gemeint.« – »Wie denn?« – »Sie dürfen nicht passieren.« – »Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen.«

Bei diesen Worten faßte Geierschnabel den Mann an und schob ihn zur Seite. Er hatte aber noch nicht fünf Schritt getan, so hielt ihn der Portier abermals fest und rief:

»Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie sich entfernen sollen!« – »Das tue ich ja auch«, meinte Geierschnabel. – »Ich meine aber auswärts.« – »Und ich meine einwärts.« – »Gehen Sie nicht gutwillig, so brauche ich mein Recht!« – »Und ich meine Hände.« – »Sie werden wegen Hausfriedensbruch arretiert!« – »Möchte den sehen, der das fertigbrächte! Machen Sie nun Platz!«

Dabei faßte Geierschnabel den Portier, schob ihn zur Seite und erreichte die Treppe, ehe es dem Bediensteten gelang, ihn abermals festzuhalten. Es hätte sich jetzt ein viel heftigerer Wortwechsel entsponnen, wenn nicht ein Herr erschienen wäre, der zur Treppe herabkam und die kleine Balgerei bemerkte. Er trug einen einfachen Uniformrock und eine Mütze auf dem grauen Haupt. Sein Gang war fest und sicher, seine Haltung militärisch stramm, aber in seinem Gesicht lag ein Zug herablassenden Wohlwollens, und seine Auge blickte mit einer Art freundlicher Mißbilligung auf die beiden Männer, die sich hin- und herzogen und -schoben.

Der Portier ließ beim Anblick des Mannes seinen Gegner sofort los und stellte sich in Achtung. Geierschnabel bemerkte das nicht, er benutzte diesen Augenblick der Freiheit zu zwei raschen Schritten, mit denen er gleich drei und drei Stufen auf einmal nahm, so daß er nun auf einer und derselben Stufe mit dem herabsteigenden Herrn zu stehen kam. Dann rückte er mit der Hand an dem Hut und sagte:

»Good morning, alter Herr! Können Sie mir wohl sagen, in welcher Stube ich die Exzellenz von dem Minister Bismarck finde?«

Der ›alte Herr‹ besah sich den Frager. Sein Schnurrbart zuckte ein wenig.

»Sie wollen mit Exzellenz sprechen?« fragte er. – Ja.« – »Wer sind Sie?« – »Hm. Das darf ich nur der Hoheit dieses Ministers sagen.« – »So. Sie sind bestellt worden?« – »Nein, my old master!« – »Dann werden Sie sich wohl unverrichteter Sache entfernen müssen.« – »Das geht nicht. Meine Sache ist sehr wichtig.« – »So, so. Eine Privatsache?«

Der old master machte doch einen nicht gewöhnlichen Eindruck auf den Präriemann. Einem anderen hätte dieser keine Antwort gegeben, hier aber meinte er:

»Eigentlich brauche ich das Ihnen nicht zu sagen, aber Sie haben so ein Stück von einer Art von Gentleman an sich, und da will ich nachsichtig sein. Nein, es ist keine Privatangelegenheit.« – »Was für eine sonst?« – Ja, weiter kann ich wirklich nichts entdecken.« – »Ist es denn ein gar so großes Geheimnis?« – »Das versteht sich.« – »Haben Sie denn keinen Herrn, der Sie bei Seiner Exzellenz einführen oder anmelden könnte?« – »Das schon. Aber er ist nicht hier. Er kommt erst später, und ich wollte nicht länger warten.« – »Wer ist diese Person?« – »Eine Person ist es nicht, sondern ein Gardehusarenoberleutnant.« – »Ah! Wie heißt er?« – »Kurt Helmers.«

Über das milde Gesicht des ›alten Herrn‹ ging ein rasches Zucken.

»Den kenne ich«, sagte er. »Er will nach Berlin kommen, um Sie dem Grafen von Bismarck zu melden?« – Ja.« – »Aber ich denke, er befindet sich auf der Reise.« – »Er wollte fort. Da traf ich ihn in Rheinswalden, und er erfuhr dabei einiges, was ihm wert erschien, daß es der Minister erfahre.« – »Ist das so, so werde ich an Stelle des Leutnants treten und Sie einführen, wenn Sie mir sagen wollen, wer Sie sind.« – »Hier nicht. Hier hört es dieser Dummkopf von Portier.« – »So kommen Sie!« meinte der Mann lächelnd, indem er wieder umkehrte und voranschritt.

Sie erreichten ein Vorzimmer, in dem sich ein Diener befand. Dieser wollte bei ihrem Erscheinen sich in eine demütige Positur werfen, aber der Begleiter Geierschnabels verbot ihm dies durch einen heimlichen Wink.

»Nun, hier sind wir unter uns«, sagte er. »Jetzt können Sie sprechen.« – »Aber hier steht doch wieder so eine Salzsäule.«

Dabei deutete Geierschnabel auf den Diener. Der Herr gab demselben einen zweiten Wink, worauf er sich zurückzog.

»Also jetzt«, sagte der Führer in einem Ton, in dem sich einige Ungeduld aussprach. – »Ich bin Präriejäger und Dragonerkapitän der Vereinigten Staaten, mein alter Freund.« – »So, so. Ist das, was Sie da tragen, die Uniform der US-Armee?« – »Nein. Wenn Sie das für eine Uniform ansehen, so müssen Sie verteufelt wenig militärische Ansichten haben. Na, Alter, das ist ja auch gar nicht notwendig. Ich bin nämlich ein etwas wunderlicher Heiliger, ich mache mir gern einen Spaß, und da habe ich mir diesen Anzug über das Fell gehängt, um meine Lust an den Maulaffen zu haben, die mich anstaunen.« – »Das ist ein eigentümlicher Sport! Wenn ich Sie hier einführen soll, so möchte ich aber doch vorher wissen, welcher Gegenstand es ist, den Sie mit Exzellenz verhandeln wollen.« – »Das ist ja eben das Ding, das ich nicht verraten darf.« – »Dann werden Sie auch keinen Zutritt finden. Übrigens können Sie mir getrost alles sagen, was Sie dem Grafen mitteilen wollen. Er hat kein Geheimnis vor mir.« – »Wirklich?« – »Ja.« – »So sind Sie wohl so etwas wie Ordonnanz oder vertrauter Adjutant bei ihm?« – »Man könnte es beinahe so nennen.« – »Na, so will ich es wagen. Ich komme aus Mexiko.«

Das Gesicht des alten Herrn nahm sofort den Ausdruck großer Spannung an.

»Aus Mexiko?« fragte er. »Haben Sie dort gejagt, oder sind Sie Kombattant gewesen? – »Beides, mein alter Freund. Zunächst war ich Führer eines Englishman, der Waffen und Geld zu Juarez brachte ...« – »Lord Lindsay?« – »Ja. Sie kennen ihn?« – »Ja. Sie sind mit ihm gereist?« – »Den Rio Grande del Norte hinauf, bis wir Juarez fanden.« – »So haben Sie Juarez gesehen?«

Man sah es dem Sprecher an, daß er dem Gespräch jetzt mit dem allergrößten Interesse folgte.

»Oh, täglich. Ich bin bis vor meiner Abreise nach Deutschland bei ihm gewesen. Wir trafen in Fort Guadeloupe mit ihm zusammen, nämlich der Graf von Rodriganda, Sternau, Helmers aber da schwatze ich von Leuten, die Sie gar nicht kennen!« – »Rodriganda? Sternau? Helmers? Wer ist dieser Sternau?« – »Der Mann der Gräfin Rosa de Rodriganda.« – »Den? Den haben Sie getroffen?« – Ja freilich. Kennen Sie ihn?« – »Ich habe von ihm gehört. Aber warum kommen Sie nach Deutschland?« – Juarez hat mich gesandt, um mit Sternaus Verwandten zu sprechen. Habe ich so viel gesagt, so kann ich Ihnen auch meine Legitimationen zeigen. Hier sind sie.«

Geierschnabel zog seine Papiere hervor und reichte sie dem alten Herrn. Dieser überflog sie rasch, musterte den Mann noch einmal und sagte:

»Es muß eigentümliche Leute da drüben geben!« – »Hier auch«, unterbrach ihn der Jäger. – »Davon später. Ich werde Sie jetzt dem Grafen vorstellen, denn ...«

Der Sprecher wurde abermals unterbrochen, denn die Tür öffnete sich, und in derselben erschien Bismarck in eigener Person. Er hatte die Stimmen der Sprechenden vernommen, und da er sich durch dieselben gestört fühlen mochte, so hatte er selbst nachsehen wollen, wer sich da unterhalte. Als er die beiden erblickte, zeigte sein Gesicht ein allerdings rasch unterdrücktes Staunen.

»Wie, Majestät befinden sich wieder hier?« fragte er, indem er sich mit einer tiefen Verneigung an den alten Herrn wandte. – »Majestät!« rief Geierschnabel schnell. »Kreuzdonnerwetter!«

Bismarck blickte ihn beinahe erschrocken an. Der ›Majestät‹ Genannte aber nickte ihm freundlich zu und sagte:

»Sie brauchen nicht zu erschrecken.« – »Das fällt mir auch gar nicht ein«, antwortete Geierschnabel, »aber wenn dieser Master Sie Majestät nennt, so sind Sie wohl gar der König von Preußen?« – Ja, der bin ich allerdings.« – »Alle Teufel. Was bin ich da für ein Esel gewesen! Aber wer hätte das auch denken können. Kommt dieser alte, brave Her so still und schmauchend die Treppe herab, fragt mich nach hier und dort und ist der König von Preußen in eigener Person. Na, Geierschnabel, für was für einen Dummkopf wird dich dieser König halten.« – »Geierschnabel? Wer ist das?« fragte der König. – »Das bin ich selbst. In der Prärie hat nämlich jeder seinen Beinamen, durch den er am besten kenntlich wird. Dem Kerl, der mir den meinigen gegeben, hat es eben meine Nase angetan. Aber Majestät, wer ist denn dieser Herr hier?« – »Kennen Sie ihn nicht?« – »Nein, ich habe nicht das Vergnügen.« – »Es existieren aber so viele Porträts von ihm.« – »Ich handle nicht mit alten Bildern. Kerl selbst ist Kerl selbst. Was tue ich mit einem Porträt?« – »Nun, es ist der Herr, zu dem Sie wollten.«

Da machte Geierschnabel den Mund auf, trat einen Schritt zurück und sagte:

»Was? Der ist Bismarck? Wirklich?« – »Ja.« – »Na, den habe ich mir ganz anders vorgestellt!« – »Wie denn?« – »Klein, dürr und dürftig, wie einen echten, rechten, pfiffigen Federfuchser. Aber eine größere Figur schadet auch nichts, im Gegenteil, sie macht Eindruck. Ich bitte Eure Majestät, dem Master Minister zu sagen, wer ich bin.«

Der König reichte dem Grafen lächelnd die Dokumente Geierschnabels. Bismarck überflog sie, ein durchdringender Blick fiel auf den Jäger, und dann sagte er:

»Kommen Sie, Kapitän!«

Damit trat er unter Vorantritt des Königs in sein Kabinett zurück, und Geierschnabel folgte. Der Diener, der einige Augenblicke später in das Vorzimmer trat, merkte an den lauten, oft wechselnden Stimmen, daß da drinnen ein sehr animiertes Gespräch geführt werde. Der Inhalt desselben aber war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

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