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Erkämpftes Glück Teil 1

Karl May: Erkämpftes Glück Teil 1 - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/may/waldroe5/waldroe5.xml
typefiction
authorKarl May
titleErkämpftes Glück Teil 1
publisherWeltbild
seriesWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde
volume5
illustratorFiruz Askin
year1999
firstpub1901/1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120628
projectid0889013b
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25. Kapitel.

Geierschnabel wanderte, angestaunt und verfolgt von neugierigen Menschen, nach dem Bahnhof. Dort betrachtete er die Inschriften über den Türen, löste sich ein Billett erster Klasse, wartete aber bis zum Abgang des Zuges im Wartezimmer dritter Klasse. Als der Train bereitstand, wurde er erst im letzten Augenblick von einem Beamten darauf aufmerksam gemacht, daß er einsteigen müsse, wenn er noch mit fortkommen wolle. Er eilte hinaus und bemerkte mit einem raschen Blick, daß nur ein einziges Kupee erster Klasse vorhanden sei. Der Schaffner, an den er sich wandte, blickte ihn erstaunt an.

»Erster Klasse wollen Sie fahren?« fragte er. – »Ja.« – »Wirklich erster?« wiederholte der Mann, der es gar nicht begreifen konnte, daß ein so gekleideter Mensch sich der besten Klasse bedienen wolle. – »Zum Donnerwetter, ja doch«, antwortete der Gefragte. – »Haben Sie ein Billett?« – »Das versteht sich!« – »Zeigen Sie einmal!«

Geierschnabel gab ihm das Billett. Der Schaffner überzeugte sich, schüttelte den Kopf und meinte dann:

»Na, da steigen Sie schnell ein, es läutet soeben zum dritten Male.«

Der sonderbare Passagier wurde samt Büchsenfutteral und Leinwandsack in das Kupee geschoben. In demselben Augenblick pfiff die Maschine, die Tür wurde zugeschlagen, und der Zug setzte sich in Bewegung.

»Kreuzmillion«, tönte es dem Jäger entgegen. »Was fällt Ihm ein?«

Der, welcher diese Worte ausrief, der einzige Passagier, der schon in dem Kupee saß, war kein anderer als Leutnant von Ravenow.

»Geht Ihm nichts an«, antwortete Geierschnabel kurz, indem er seine Sachen ablegte und sich behaglich auf das Polster niederstreckte. Damit aber war der einstige Offizier keineswegs einverstanden. – »Hat Er denn ein Billett erster Klasse?« fragte er. – »Geht Ihm abermals nichts an!« lautete die Antwort.

Da riß der Leutnant das Fenster auf, um den Schaffner zu rufen; der aber war bereits in seinem Dienstkupee verschwunden. Er wandte sich nun wütend zurück und sagte:

»Das geht mich wohl etwas an. Ich muß und will mich überzeugen, ob Er wirklich berechtigt, ist, hier einzusteigen.« – »Sei Er doch froh, daß ich Ihn nicht danach frage. Es ist sogar eine Ehre für Ihn, daß ich mich herablasse, mit Ihm zu fahren.« – »Kerl, nenne Er mich nicht Er. Wenn Er erster Klasse fahren will, so hat Er sich nach den in derselben gebräuchlichen Umgangsformen zu richten, sonst lasse ich Ihn hinausschaffen.« – »Ah, so hat Er ein Billett vierter Klasse genommen, weil Er sich der in dieser gebräuchlichen Umgangsformen befleißigt. Wer hat mit dem ›Er‹ begonnen, Er oder ich? Wenn Er mich provozieren will, so werde nicht ich hinausgeschafft, sondern Er selbst ist es, den ich an die Luft setzen lasse.« – »Himmeldonnerwetter. Will Er eine Ohrfeige haben, Er Lump Er?« – »Oh, ich kann auch mit derselben Ware dienen. Hier hat Er eine Probe davon. Sie wird wohl gut geraten.«

Damit holte Geierschnabel mit der Schnelligkeit des Blitzes aus und gab dem Leutnant eine so kräftige Ohrfeige, daß der Getroffene derart mit dem Kopf an die Wand flog, daß ihm für kurze Zeit die Gedanken vergingen.

»So«, meinte Geierschnabel. »Ist es Ihm erwünscht, so bin ich bereit, Ihn ganz nach Probe weiter zu bedienen.«

Der Leutnant hielt eine Zeitlang die beiden Hände vor das Gesicht. Kaum aber war es ihm gelungen, seine Gedanken zu sammeln, so fuhr er wie ein Wütender empor und brüllte:

»Hund, du wagst, mich zu schlagen? Ich massakriere dich.«

Im selben Augenblick warf er sich auf Geierschnabel, um ihn bei der Gurgel zu fassen, erhielt aber, ehe ihm dies gelang, eine zweite und so gewaltige Ohrfeige, daß er zurückflog und auf den Boden des Kupees stürzte.

»So«, lachte Geierschnabel. »Die erste für den ›Lump‹ und die zweite für den ›Hund‹. Hat er noch mehrere solche Worte in petto, so bin ich zu einer gleichen Antwort gern bereit.«

Ravenow raffte sich auf. Seine Wange brannte, und seine Augen waren vor Grimm mit Blut unterlaufen.

»Kanaille!« knirschte er, fast sinnlos vor Wut. »Was mache ich mit dir? Ich erwürge dich!«

Er drang wieder auf Geierschnabel ein, ohne zu bedenken, daß er sich nur einer Hand zu bedienen vermochte und soeben den Beweis erhalten hatte, daß er auch mit zwei Händen diesem Mann nicht gewachsen sei.

Nun erhob sich auch Geierschnabel, der bisher sitzen geblieben war, faßte ihn mit der Linken bei der Brust, schüttelte ihn und antwortete:

»Kanaille? Gut, du willst es nicht anders, und ich kann dir ja den Willen tun!«

Damit drängte er den Leutnant mit unwiderstehlicher Gewalt in die Ecke, ohrfeigte ihn mit der Rechten auf beiden Seiten und ließ ihn dann in den Sitz fallen.

»So«, sagte er. »In Deutschland scheint man sich in den Kupees erster Klasse ganz angenehm zu unterhalten. Ich bin zur Fortsetzung bereit.«

Er setzte sich mit größter Seelenruhe wieder nieder. Der Leutnant aber kochte förmlich. Seine Brust arbeitete mit aller Macht, seine Hand hatte sich krampfhaft geballt, und aus seiner Nase floß Blut. Er fand vor Aufregung keine Worte, er stöhnte nur, und es war ihm geradezu unmöglich, sich zu bewegen. Und als erst nach geraumer Zeit er Sprache und Beweglichkeit wiedergefunden hatte, gab die Lokomotive das Zeichen, daß der Zug sich einer Station nähere.

Ravenow flog an das Fenster und riß es auf.

»Schaffner! Kondukteur! Hierher, hierher«, brüllte er, trotzdem der Zug noch lange nicht im Stehen war.

Die Räder rasselten, und die Hemmungen kreischten, der Train hielt.

»Schaffner, hierher«, brüllte der Offizier abermals.

Der Gerufene hörte der Stimme an, daß hier Eile gewünscht werde. Er kam rasch herbeigesprungen und fragte:

»Mein Herr, was wünschen Sie?« – »Machen Sie auf und bringen Sie den Zugführer und den Vorstand der Haltestation!«

Der Angeredete öffnete, und Ravenow sprang hinaus. Die beiden gewünschten Herren kamen schleunigst herbei.

»Meine Herren, ich habe Hilfe in Anspruch zu nehmen«, sagte Ravenow. – »In welcher Angelegenheit?« fragte der Zugführer. – »Hier zunächst meine Karte. Ich bin Graf Ravenow, Oberleutnant. Man hat mich hier in diesem Kupee überfallen.« – »Ah! Wer?« fragte der Stationsvorsteher. – »Dieser Mensch!«

Der Leutnant deutete bei diesen Worten auf Geierschnabel, der behaglich in dem offenen Kupee saß und die Szene mit größter Ruhe betrachtete.

»Dieser Mann? Wie kommt er in ein Kupee erster Klasse?«

Die beiden Bahnbeamten traten näher, um sich den Amerikaner genauer zu betrachten.

»Wie kommen Sie hier herein?« fragte in strengem Ton der Stationsvorsteher. – »Hm! Eingestiegen bin ich«, lachte Geierschnabel. – »Das versteht sich von selbst Aber Sie gehören nicht in das Kupee.« – »So? Ah! Warum nicht?« – »Haben Sie ein Billett erster Klasse?« – »Das hat er«, bestätigte der Schaffner des betreffenden Wagens. – »Auch nicht übel«, meinte der Vorsteher. »Solche Leute und erster Klasse. Herr Graf von Ravenow, darf ich Sie fragen, was Sie unter dem Wort ›überfallen‹ verstehen?« – »Er ist über mich hergefallen und hat mich geschlagen.« – »Ist das wahr?« fragte der Inquirierende den Amerikaner. – Ja«, nickte dieser sehr freundlich. – »Warum? Welchen Grund hatten Sie dazu?« – »Er nannte mich zunächst einen Lump, sodann einen Hund und zuletzt gar eine Kanaille. Für jedes dieser Worte habe ich ihm eine Ohrfeige gegeben. Haben Sie etwas dawider?«

Der Vorsteher beachtete diese Frage nicht, sondern wandte sich an den vormaligen Leutnant:

»Ist es wahr, daß Sie sich dieser Ausdrücke bedienten?« – »Es fällt mir nicht ein, es zu leugnen. Sehen Sie den Menschen an. Soll ich mir etwa gefallen lassen, mit dergleichen Gelichter zusammenzutreffen, wenn ich erste Klasse bezahle?« – »Hm! Ich kann Ihnen allerdings nicht widersprechen, denn ...« – »Oho«, unterbrach ihn Geierschnabel. »Habe ich nicht dasselbe bezahlt?« – »Das mag sein«, meinte der Vorstand achselzuckend. – »Gehe ich zerrissen oder zerlumpt?« – »Das gerade nicht, aber ich meine ...« – »Oder bin ich mit einem häßlichen Gebrechen behaftet?« – »Man sieht freilich nichts davon.« – »Oder bin ich betrunken?« – »Das müßte untersucht werden.« – »Schön! Untersuchen Sie es. Ich bin neugierig, wie Sie das anfangen werden.«

In diesem Augenblick gab der Maschinist durch einen kurzen Pfiff das Zeichen, daß die Zeit verflossen sei.

»Meine Herren«, meinte Ravenow, »ich höre, daß man fertig zum Abfahren ist. Ich verlange die exemplarische Bestrafung dieses frechen Menschen.« – »Frech?« rief Geierschnabel. »Willst du eine vierte Ohrfeige haben?« – »Ruhe!« gebot ihm der Stationsvorsteher und wandte sich an Ravenow: »Wenn Sie eine Bestrafung verlangen, so muß ich Sie ersuchen, die Reise zu unterbrechen, um Ihre Aussage zu Protokoll zu geben.« – »Dazu habe ich keine Zeit. Ich muß zur bestimmten Zeit in Berlin sein.« – »Das tut mir leid. Ich brauche Ihre Gegenwart.« – »Soll ich einem obskuren und frechen Menschen meine Zeit opfern?« – »Das ist allerdings wahr.« – »Ich halte es übrigens gar nicht für notwendig, hier ein Protokoll abzufassen. Arretieren Sie den Kerl einfach, lassen Sie ihn vernehmen, und dann mögen die Akten nach Berlin geschickt werden, um meine Aussage aufzunehmen. Meine Adresse haben Sie ja auf dieser Karte.« – »Ich stehe zu Diensten, gnädiger Herr.«

Mit diesen Worten trat der Beamte an die Tür des Kupees.

»Steigen Sie aus«, gebot er Geierschnabel. – »Ich? Warum?« fragte dieser. – »Sie sind Arrestant!« – »Alle Wetter! Ich muß nach Berlin, ganz ebenso wie dieser Graf.« – »Geht mich nichts an.« – »Ich habe ebenso bezahlt wie er.« – »Ist gleichgültig.« – »Er ist schuld an dem ganzen Vorgang.« – »Das wird sich finden. Steigen Sie aus!« – »Fällt mir nicht ein.« – »So werde ich Sie zu zwingen wissen.« – »Machen Sie keine Umstände mit ihm«, meinte Ravenow. »Ich war dabei, als er bereits in Mainz arretiert wurde. Er ist ein Vagabund, der aus übertriebener Frechheit erster Klasse fährt.« – »So, so! Also bereits einmal arretiert. Steigen Sie aus.« – »Wenn ich zum Aussteigen gezwungen werde, verlange ich ganz dasselbe auch für den Grafen«, erklärte Geierschnabel. – »Halten Sie den Mund! Sie haben sich an ihm vergriffen.« – »Er hat bereits gestanden, daß er mich vorher beleidigt hat.« – »Sie gehören nicht in die erste Klasse.« – »Das zu beweisen, dürfte Ihnen große Mühe machen. Ich erkläre, daß ich ganz dieselben Rechte beanspruche, da ich dasselbe Geld bezahlt habe.« – »Ihr Recht wird Ihnen werden. Aussteigen.« – »Ich bin bereit, mich zu legitimieren.« – »Dazu ist nachher Zeit.« – »Donnerwetter, ich will es aber jetzt.« – »Zügeln Sie Ihr Mundwerk. Wollen Sie endlich aussteigen, oder soll ich meine Hilfsarbeiter herbeirufen?« – »Gut. Lassen Sie mich nicht weiterfahren?« – »Nein.« – »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie den Schaden zu tragen haben werden.« – »Wollen Sie mir noch drohen?« – »Ich komme schon, alter Freund.«

Bei diesen Worten stieg Geierschnabel aus, warf Leinwandsack und Gewehr über, ergriff seine Posaune und wartete, was nun mit ihm geschehen werde. Die Blicke der sämtlichen anwesenden Menschen waren auf ihn gerichtet, er jedoch achtete gar nicht darauf.

Der Graf stieg mit triumphierender Miene ein und verabschiedete sich mit einem gnädigen Kopfnicken von den Beamten. Der Stationsvorstand gab das Zeichen, daß der Zug abgehen könne, ein kurzer Pfiff des Zugführers, und die Räder setzten sich in Bewegung.

»Kommen Sie!« gebot der Stationsvorstand seinem Gefangenen. – »Wohin?« fragte dieser. – »Zum Verhör.« – »Hm! Da bin ich neugierig.«

Sie begaben sich nach der Expedition des Vorstehers, der nach der Polizei schickte. Die betreffende Station war ein kleiner Ort, an dem zwar ein Gendarm stationiert war, der aber wegen seinen anderweitigen Pflichten nicht bei jedem Zug auf dem Bahnhof zu erscheinen hatte. Darum dauerte es einige Zeit, ehe er herbeigeschafft werden konnte.

Geierschnabel hatte sich bis dahin ganz ruhig verhalten, zumal auch der Vorstand sich nicht die Mühe gegeben, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Jetzt aber teilte der letztere dem Gendarmen das Geschehene mit.

Der Gendarm betrachtete sich den Gefangenen mit hochmütigen Blicken und fragte ihn dann:

»Sie haben den Grafen von Ravenow geohrfeigt?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel. – »Dreimal?« – »Ja.« – »Warum?« – »Weil er mich dreimal beleidigte.« – »Er hat Sie nur darauf aufmerksam gemacht, daß Sie nicht in ein Kupee erster Klasse gehören.« – »Donnerwetter! Mit ebendemselben Recht könnte ich sagen, daß die gegenwärtige Angelegenheit Sie nichts angeht!« – »Das würde ich mir verbitten!« – »Ebenso habe ich mir die Bemerkungen des Grafen verbeten. Er hat mich Lump, Hund und Kanaille genannt, nachdem ich ihm nicht das geringste zuleide getan hatte. Wer ist da der Schuldige?« – »Sie hatten nicht zu schlagen.« – »Er hatte nicht zu schimpfen. Übrigens gestehe ich Ihnen aufrichtig, daß ich auch Sie ohrfeigen würde, wenn Sie sich erlaubten wollten, in gleicher Weise unhöflich gegen mich zu sein.« – »Was! Sie drohen mir?« – »Unsinn! Ich verteidige nur meine Ansicht, daß auf ein solches Schimpfwort eine Ohrfeige gehört.« – »Sie hätten ihn anzeigen können.« – »Habe keine Zeit dazu. Ebenso konnte er mich anzeigen, anstatt mich zu beschimpfen, wenn er wirklich meinte, daß ich nicht in sein Kupee gehörte.« – »Sie scheinen allerdings nicht in die erste Klasse, sondern viel eher in die vierte zu gehören.« – »Himmeldonnerwetter! Wollen Sie es ebenso machen wie dieser ehrenhafte Herr Graf, so dürfen Sie sich auch nicht beklagen, wenn ich Sie ebenso behandele wie ihn.« – »Ah! Meinen Sie etwa Ohrfeigen?« – »Ich meine gar nichts; aber ich will Ihnen sagen, daß bei mir Wort und Hiebe zusammenzufallen pflegen. Mich hat man arretiert und den Schuldigen mit großen Komplimenten entlassen. Aber wir wollen sehen, ob ich einem Leutnant nachzustehen brauche. Wissen Sie, wer und was ich bin?« – »Das werde ich schon erfahren«, meinte der Polizist. »Haben Sie eine Legitimation bei sich?« – »Das versteht sich. Ich habe mich bereits dem Herrn Stationsvorsteher legitimieren wollen, er aber hat es mir nicht erlaubt. Den Schaden wird er natürlich zu tragen haben.« – »So zeigen Sie her!«

Geierschnabel zog alle die Dokumente hervor, die er bereits dem Polizeikommissar zu lesen gegeben hatte. Der Gendarm las sie durch, und sein Gesicht wurde dabei immer länger. Als er fertig war, sagte er:

»Himmelelement, ist das eine verdammte Geschichte!« – »Was?« fragte der Stationsvorsteher neugierig. – »Dieser Frack und dieser verdammte Anzug können einen irremachen. Wissen Sie, Herr Vorsteher, was dieser Herr ist?« – »Nun?« – »Zunächst Präriejäger und dabei amerikanischer Offizier, nämlich Kapitän.« – »Unmöglich!« – »Nein, wirklich! Mein bißchen Schulfranzösisch reicht gerade zu, um diese anderen Papiere passabel zu entziffern. Der Herr Kapitän ist Gesandter des Präsidenten Juarez von Mexiko.«

Der Bahnbeamte erbleichte.

»Wirklich?« fragte er. »Sind diese Papiere denn richtig?« – »Das versteht sich. Und da ist noch eine Empfehlung des Herrn von Magnus, der preußischer Geschäftsträger in Mexiko ist.« – »Wer hätte das gedacht!«

Die beiden Männer blickten einander ganz fassungslos an.

»Na, wie steht es nun?« fragte Geierschnabel. – »Aber, mein Herr, warum kleiden Sie sich in dieser Weise!« rief der Stationsvorsteher. – »Darf ich mich etwa nicht kleiden, wie es mir beliebt?« – »O doch. Aber Ihr Gewand ist schuld, daß wir Sie für etwas anders gehalten haben, als Sie sind.« – »Mein Gewand? Pah! Suchen Sie keine Entschuldigung. Nicht mein Gewand ist schuld, sondern Sie selbst haben sich anzuklagen.« – »Ich wüßte nicht, weshalb.« – »Ich habe Ihnen angeboten, mich zu legitimieren. Sie haben mir das nicht erlaubt; das ist die Schuld. Was wird nun geschehen?« – »Sie sind natürlich frei«, sagte der Gendarm. – »Trotzdem ich den Leutnant geohrfeigt habe?« – »Ja. Es ist das eine gegenseitige Beleidigung, die nur auf Antrag bestraft wird. Der Graf mag den Antrag stellen; mich geht es nichts an.« – »So. Hm. Das ist interessant! Weil ich Offizier bin, läßt man mich laufen, wäre ich das nicht, so hätte man mich eingesperrt, weil der hochgnädige Graf es haben wollte. Der Teufel hole diese liebenswürdige Art der Gerechtigkeit!« – »Entschuldigung, Herr Kapitän«, meinte der Bahnbeamte. »Der Graf sagte, Sie hätten ihn angefallen.« – »Was weiter?« – »Daraus mußte ich schließen, daß es sich um einen strafbaren Angriff handle.« – »Unsinn! Er hat zugegeben, daß meine Ohrfeigen nur die Antworten auf seine Beleidigungen waren.« – »Aber Ihr Äußeres! Ihre Posaune!« – »Schweigen Sie! Meine Posaune hat hierbei gar nichts verschuldet. Wissen Sie überhaupt, ob der Mensch, den ich geohrfeigt habe, wirklich Graf von Ravenow ist, für den er sich ausgab?« – »Natürlich.« – »So? Inwiefern denn?« – »Er hat sich ja legitimiert!« – »Davon weiß ich nichts!« – »Er gab mir seine Karte.« – »Donnerwetter! Meine Legitimation wurde nicht angesehen, und die Karte dieses Menschen hatte Geltung. Eine solche Karte kann sich ein jeder Schwindler anfertigen lassen. Ihre Unvorsichtigkeit wird Ihnen noch ganz bedeutend zu schaffen machen.«

Der Bahnbeamte erschrak.

»Ich hoffe, daß der Herr Kapitän sich mit meiner Bitte um Verzeihung zufriedengibt«, sagte er. – »Zufrieden? Ich? Na, meinetwegen! Ich bin einmal eine alte, gute Seele. Wie aber andere die Sache aufnehmen werden, das weiß ich nicht.« – »Andere? Darf ich fragen, wer da gemeint ist?« – »Hm. Eigentlich nicht. Aber unter dem Siegel des Dienstgeheimnisses will ich es Ihnen anvertrauen. Ich gehe zu Herrn von Bismarck.«

Der Stationsvorsteher trat einen Schritt zurück.

»Zu Bismarck?« rief er, ganz erschrocken. – »Ja.« – »Ich hoffe, daß da das fatale Vorkommnis nicht in Erwähnung genommen wird.« – »Nicht? Im Gegenteil! Ich muß es sehr ausführlich erwähnen.« – »Dürfte das nicht zu umgehen sein, Herr Kapitän?« – »Nein. Ich muß doch sagen, warum ich zu der anberaumten Konferenz nicht erscheinen konnte.«

Jetzt war es dem Beamten, als ob er eine fürchterliche Ohrfeige erhalten hätte. Er blickte den Amerikaner ganz erstarrt an und fragte:

»Eine Konferenz?« – »Ja, eine wichtige, diplomatische Konferenz, die ich nun versäumen werde. Hätten Sie meine Legitimation gelesen!« – »Mein Gott, ich bin verloren!« – »Das glaube ich auch, aber das geht mich gar nichts an.« – »Kommen denn der Herr Kapitän nicht noch zur rechten Zeit, wenn Sie den nächsten Zug benutzen?« – »Nein. Es war genau auf die Viertelstunde ausgerechnet.« – »Welch ein Malheur! Was ist da zu tun?« – »Gar nichts. Oder glauben Sie etwa, daß ich, um Ihre Dummheiten gutzumachen, einen Extrazug nehmen werde?«

Da atmete der geängstigte Mann tief auf.

»Einen Extrazug?« fragte er. »Ah, das ginge! Das wäre das einzige Mittel, die verlorene Zeit wieder einzubringen.« – »Das ist freilich wahr; aber ich werde mich nicht dazu verstehen.« – »Darf ich fragen, warum?« – »Ihr ganzes Verhalten war eine einzige große Beleidigung gegen mich. Soll ich diese Beleidigung etwa noch belohnen? Soll ich sie etwa noch mit dem Preis für einen Extrazug bezahlen?« – »Herr Kapitän, das verlange ich ja gar nicht.« – »Nicht? Was denn?« – »Ich stelle Ihnen eine Maschine mit Wagen kostenfrei zur Verfügung.« – »Hm. Das ließe sich vielleicht überlegen.« – »Die Maschine bringt Sie, wenn Sie den Zug nicht eher erreichen, bis Magdeburg, wo Sie ihn dann sicherlich noch treffen.« – »Wann könnte es hier fortgehen?« – »Gleich allerdings noch nicht. Ich muß nach Mainz um die Maschine und den Wagen telegrafieren.« – »Eine verdammte Geschichte!« – »Sie können überzeugt sein, daß es mir ebenso unangenehm ist. Ich bitte ganz dringend, auf meinen Vorschlag einzugehen. Ich bedaure, einen Fehler begangen zu haben, aber Sie werden mir die Gelegenheit nicht versagen, ihn wieder gutzumachen.«

Geierschnabel blickte dem Beamten nachdenklich in das Gesicht. In seinen Zügen zuckte es eigentümlich. Er rieb sich die Nase, machte sogar ein pfiffiges und höchst vergnügtes Gesicht und fragte:

»Sagte dieser Graf nicht, daß er nach Berlin will?« – »Ja.« – »Fährt er über Magdeburg?« – »Bebra und Magdeburg.« – »Muß er in Magdeburg aussteigen?« – »Er wird aussteigen. Es ist ein längerer Aufenthalt da.« – »Und ich kann den Zug vor Magdeburg noch einholen?« – »Es kann eingerichtet werden, daß Sie ihn auf einer Nebenstation überholen.« – »So daß ich also eher in Magdeburg bin als der Graf?« – »Ja.« – »Gut. Ich gehe auf Ihren Vorschlag ein.« – »Sie erlauben also, daß ich telegrafiere?« fragte der Mann erfreut. – Ja.« – »Und werden die Güte haben, meinen Irrtum nicht zu erwähnen?« – »Na, ärgerlich war die Geschichte, doch ich will sie hingehen lassen. Aber sagen Sie, haben Sie hohes Einkommen?« – »Nein.« – »Und der Extrazug ist teuer?« – »Ich werde allerdings sehr lange Zeit an den Folgen dieser Ausgabe zu leiden haben.« – »Hm. Es ist Ihnen schon recht, aber mich dauert es. Wie wäre es, wenn wir die Kosten untereinander teilten?«

Da klärte sich das Gesicht des Mannes blitzschnell auf.

»Herr, ist das wahr?« fragte er. – »Ja, was will ich denn weiter tun, wenn ich Sie nicht unglücklich machen will!« – »Ich danke. Sie zeigen hier, daß Sie in Wahrheit Amerikaner sind.« – »Wieso?« – »Gentleman.«

Geierschnabel fühlte sich geschmeichelt. Er machte abermals ein höchst pfiffiges Gesicht und sagte:

»Besser wäre es wohl, wenn ich sämtliche Kosten trüge?« – »So, daß ich gar nichts zu bezahlen brauchte?« – »Ja.« – »Allerdings wäre mir das am allerliebsten, Herr Kapitän.« – »Na, da mag es sein. Ich zahle alles.« – »Wirklich? Wirklich?« beeilte sich der Beamte zu fragen. – »Ja, ich mache aber die Bedingung, daß ich vor dem Grafen in Magdeburg bin.« – »Ich werde dafür sorgen, daß dies geschieht.« – »Und sodann verlange ich von Ihnen einige Zeilen.« – »Welchen Inhaltes?« – »Daß ich mich legitimiert habe und daß Sie infolge der Angaben des Grafen in Unannehmlichkeiten geraten sind.« – »Darf ich erfahren, welchen Gebrauch Sie mit diesen Zeilen machen wollen?« – »Der Graf wird mich in Magdeburg sehen und wohl von neuem Händel suchen. Ihre Zeilen sollen mir als Ausweis dienen, daß ich Ihnen nicht etwa entflohen bin.« – »Ich werde Sie Ihnen schreiben, sobald ich die Depesche nach Mainz besorgt habe.« – »Tun Sie das. Nun Sie, Gendarm! Ich bin also entlassen?« – »Ganz und gar, Herr Kapitän«, antwortete der Polizist. – »So sind Sie unnütz bemüht worden.«

Der Mann zuckte die Achsel und meinte:

»Das muß man sich gefallen lassen!« – »Wirklich? Na, weil Sie sich so guten Mutes darein finden, will ich Ihnen diese Stimmung nicht verderben. Hier nehmen Sie.«

Geierschnabel griff in die Tasche, langte zwei Talerstücke hervor und reichte sie dem Polizisten hin. Der also Beschenkte bedankte sich auf das höflichste und verließ dann mit dem Stationsvorstand, der die Depesche besorgen wollte, das Zimmer. Draußen blieben die beiden noch einige Minuten beieinander.

»Eine eigentümliche Geschichte«, meinte der Gendarm. – »Und ein eigentümlicher Kerl«, flüsterte der Beamte. – »Sie konnten da in bedeutende Verlegenheit kommen.« – »Das ist richtig. Aber der Teufel mag es diesem Mann ansehen, daß er eine so wichtige Persönlichkeit ist.« – »Hm. Dieser Frack!« – »Dieser Hut!« – »Diese Weste!« – »Diese Lederhosen!« – »Ein Leinwandsack!« – »Eine alte Posaune! Unbegreiflich!« – »Aber Geld muß er haben, und zwar nicht wenig.« – »Das versteht sich ganz von selbst. Aber begreifen kann ich nicht, daß er in einem solchen Habit läuft.« – »Hm, ich habe einige amerikanische Reisen gelesen und dabei erfahren, daß die Präriejäger auf Kleider gar nichts geben. Sie pflegen im Gegenteil Ihr Äußeres oft absichtlich zu vernachlässigen.« – »Das wäre vielleicht eine Erklärung. Ein gutes Gemüt aber hat dieser Kapitän auf alle Fälle. Ich hätte nicht geglaubt, daß er die bedeutenden Kosten auf sich nehmen würde.«

Ja, ein gutes Gemüt hatte Geierschnabel allerdings. Und der Gedanke, dem Grafen zuvorzukommen und ihn zu verblüffen, hatte etwas so Erfreuliches, daß der alte, brave Jäger sich leicht dazu entschloß, die Kosten dieser Unterhaltung auf sich zu nehmen.

Eine Stunde später kam die verlangte Maschine an. Geierschnabel stieg abermals in ein Kupee erster Klasse, dieses Mal aber nicht von einem Donnerwetter empfangen; dann rasselte der kurze Train zum Bahnhof hinaus.

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