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Erkämpftes Glück Teil 1

Karl May: Erkämpftes Glück Teil 1 - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/may/waldroe5/waldroe5.xml
typefiction
authorKarl May
titleErkämpftes Glück Teil 1
publisherWeltbild
seriesWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde
volume5
illustratorFiruz Askin
year1999
firstpub1901/1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120628
projectid0889013b
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23. Kapitel.

Einige Stunden später schlenderte Geierschnabel langsam durch die Gassen von Mainz und betrachtete die Ladenschilder mit neugierigen Blicken. Endlich blieb er vor einem Haus stehen.

»Kleiderladen von Levi Hirsch«, brummte er. »Ich trete ein!«

Sobald er die Tür öffnete, wurde er von einem Sohn Israels mit forschenden Blicken empfangen. Sein Äußeres versprach nicht viel.

»Was wünscht der Herr?« fragte der Jude. – »Einen Anzug.« – »Einen Anzug? Einen ganzen? Auwei!« – »Natürlich einen ganzen!« meinte der Jäger. »Zerrissen darf er nicht sein.« – »Zerrissen? Gott Abrahams! Soll ich haben zerrissene Kleider für die Herrschaften, die kommen, um zu kaufen schöne Sachen bei Levi Hirsch, der ist der größte Marschang tällör von Mainz! Was ist der Herr?« – »Das geht Ihm nichts an.« – »Ist der Herr von hier?« – »Nein.« – »So wird der Herr doch nicht etwa kommen, zu nehmen die Sachen auf Kredit, was man heißt Pump?« – »Ich bezahle gleich!«

Der Jude betrachtete Geierschnabel jetzt aufmerksamer vom Kopf bis zum Fuß herab, als es vorher geschehen war, und sagte:

»Das ist für meine Ohren zu hören lieblich und schön. Also hat der Herr bei sich Geld genug, um zu bezahlen einen kompletten Anzug, der besteht aus Rock, Hose und einer feinen Weste?« – »Für jetzt hat Er sich den Teufel um meinen Beutel zu kümmern, versteht er mich!« – »Gott der Gerechte! Darf ich doch fragen, um zu gehen sicher, wenn es sich darum handelt, zu machen ein Geschäft!« – »Sichergehen? Donnerwetter, hält Er mich etwa für einen Lump?«

Der Jude streckte als Abwehr alle zehn Finger gespreizt empor, fuhr einen Schritt zurück und rief:

»Was sagt der Herr? Wie könnte ich denken das Wort, das er hat ausgesprochen zu klingen wie ein Lump. Aber der Her mag doch werfen einen gütigen Blick auf sich selber. Trägt er doch im Winter Kleider, die sind sogar für den Sommer zu kalt und die getragen werden nur von sehr gewöhnlichen Leuten.« – »Pchtichchchchch!« fuhr ihm ein Strahl des Tabaksaftes gerade in das Gesicht. Er fuhr sich erschrocken mit beiden Händen an die Wange und rief: »Gott Abrahams! Was tut der Herr! Spuckt er an das Gesicht eines ehrlichen Mannes. Kann er nicht spucken dahin, wo keine Gesichter sind und wo nicht gerade steht ein Mann, der nicht liebt zu werden getroffen von der Brühe des gekauten Tabaks?« – »Pah! Wer nicht angespuckt sein will, der mag sich vorher seine Worte überlegen, ehe er spricht. Ich habe keine Zeit, lange Einleitungen zu machen. Wische Er sich also ab und sage Er mir, ob Er mir einen Anzug zeigen will oder nicht.«

Der Sohn Israels fuhr mit dem Schoß seines Rockes über das Gesicht und antwortete:

»Natürlich will ich zeigen einen Anzug; aber der Herr mag mir doch sagen, was er wünscht für einen zu sehen!«

»Hm!« meinte Geierschnabel nachdenklich. »Ich brauche einen, in dem man mich nicht erkennt.« – »So will der Herr sich verkleiden?« – »Ja. Man soll nicht merken, woher ich komme.« – »So muß ich wissen, woher kommt der Herr?« – »Das geht Ihm nichts an. Es möge Ihm genügen, daß ich die Absicht habe, zu reisen so, was man inkognito nennt.« – »Inkognito? Dann muß ich wenigstens wissen, wohin oder zu wem der Herr gehen will inkognito.« – »Hm! Ich will – ja, ja, ich muß zu einem Minister.«

Der Jude blickte ihn zweifelhaft an, sagte aber doch: »Zu einem Minister? Da wird der Herr nicht tragen einen Rock.« – »Was sonst? Soll ich in Hemdsärmeln gehen?« – »Nein. Wenn man geht zu einem Minister, so darf man erscheinen nur im Frack, weil dieses ist die Kleidung der Etikette und Höflichkeit.« – »Schön. Zeige Er mir einen Frack.« – »Werde ich vorlegen einen Frack, wie ihn getragen hat der große Metternich zur Zeit des Kongresses, der gehalten wurde in der Hauptstadt Wien gegen den französischen Kaiser Napoleon.« – »Wer war Metternich?« – »Ein Minister und Fürst, mächtig wie ein Kaiser und reich wie der große Mogul, der zweimal größer ist als ein Elefant.«

Das schmeichelte dem Trapper.

»Gut, gebe Er den Frack her!«

Der Händler holte aus dem verborgensten Winkel seines Gewölbes das Kleidungsstück. Es hatte eine braunrote Farbe und war mit Puffen, Patten und tellergroßen Knöpfen versehen. Geierschnabel sah es an und fragte:

»Was kostet dieser Ministerfrack?« – »Kann ich ihn unmöglich geben unter zwölf Talern zehn Silbergroschen.«

Der Jäger war die amerikanischen Preise gewöhnt.

»Das ist billig«, sagte er. »Hier sind dreizehn Taler!«

Er griff in seinen Leinwandsack und zog einen großen Beutel heraus, aus dem er dem Juden dreizehn blanke Taler vorzählte. Der Händler war außerordentlich überrascht von dieser Kulanz. Er sagte:

»Der Herr hat erhalten diesen Ministerrock um vier Taler zu billig, aber habe ich verlangt so wenig, weil der Herr will nehmen noch mehr, um zu komplettieren den ganzen Anzug. Darf ich bringen eine Weste?« – »Natürlich. Aber auch sie muß mich inkognito machen.« – »Da muß ich vorher fragen, als was der Herr erscheinen will.« – »Als was? Hm! Verdammt! Daran habe ich gar nicht gedacht. Als was kann man denn erscheinen, wenn man inkognito reist?« – »Als vielerlei. Zum Beispiel als Kandidat und Geistlicher?« – »Nein, die sind mir zu fromm.« – »Als Müller oder Bäcker?« – »Die sind mir zu mehlig.« – »Als Gerber oder Schuster?« – »Die sind mir zu ledern.« – »So mag der Herr nicht als Handwerker, sondern als Beamter gehen.« – »Gut! Was für Beamte gibt es?« – »Kreisamtmänner und Chausseegeldeinnehmer?« – »Paßt mir nicht.« – »Finanzräte und Weichensteller?« – »Auch nicht.« – »Bankdirektoren und Nachtwächter?« – »Auch nicht.« – »Hm. Will der Herr nicht lieber gehen als Künstler?« – »Künstler? Donnerwetter, ja! Dazu passe ich. Dazu bin ich wie geschaffen. Aber wie viele Sorten von Künstlern gibt es?« – Erst kommen die Dichter.« – »Danke. Die hungern zu viel.« – »Die Weber.« – »Die schmieren und klopfen zu viel.« – »Die Bildhauer.« – »Die hämmern zu viel.« – »Die Architekten.« – »Danke. Die stehen in einem schlechten Geruch. Ihre Häuser halten nur von heute bis morgen.« – »Die Komponisten und Musikusse.« – »Hm! Das wäre nicht übel. Komponist und Musikus? Das gefällt mir eher. Was für eine Weste müßte ich da haben?« – »Werde ich geben dem Herrn eine grüne Weste mit soviel blauen Blumen, daß man ihn soll halten für eine Wiese mit lauter Vergißnichtmein.« – »Donnerwetter, ja, diese Weste muß ich haben!«

Sie war dreißig Jahre alt und wurde mit vier Talern bezahlt.

»Und die Hosen?« fragte der Jude. »Was soll ich bringen für welche?« – »Sie müssen auch inkognito sein.« – »So werde ich bringen schwarzgraue Hosen, wie sie Mode gewesen sind bei Sebastian Bach, der gewaltig geschlagen hat alle Orgeln und dazu komponiert viele Tragkörbe voll Noten.« – »War er berühmt?« – »So berühmt, daß man ihn nach zehntausend Jahren noch kennen wird.« – »So bringe er die Hosen her.«

Es waren alte, abgetragene Lederhosen, die jedenfalls aus einem Dorf der Umgegend von Mainz stammten. Geierschnabel machte ein ganz undefinierbares Gesicht, als er sie erblickte, bezahlte aber sofort die drei Taler, die dafür verlangt wurden.

»Und nun die Stiefeln. Was soll ich für welche bringen?« fragte der glückliche Handelsmann. – »Inkognito! Man darf mich nicht kennen.« – »So werde ich vorschlagen Schuhe, ein paar Tanzschuhe, so fein und leicht, daß man springt in die Luft, sobald man sie angezogen hat. Solche Schuhe muß tragen ein Herr, der ist Komponist und Musikus.« – »Her damit!«

Sie wurden gebracht und sofort bezahlt.

»Will der Herr bedecken auch seinen Kopf?« fragte der Jude. – »Natürlich, aber auch inkognito.« – »So werde ich ihm geben einen Hut, so hoch und breit, wie ihn getragen hat Orpheus, ehe er stieg in den Orkus hinab.« – »Wer war dieser Orpheus?« – »Ein großer Komponist und Musikus, der erfunden hat die Ziehharmonika und das Klavier mit doppelten Seiten.« – »War er berühmt?« – »Außerordentlich. Wenn er hat gespielt die Ziehharmonika und dazu geklimpert das Klavier, sind die Steine geworden lebendig.« – »Gut. Der Hut wird gekauft.«

Der Hut war fürchterlich. Die Krempe hatte drei Fuß im Durchmesser, und der Kopf war dementsprechend hoch.

»Der Herr trägt doch auch Handschuhe?« – »Freilich. Aber man darf ihnen nicht ansehen, woher ich bin.« – »So werde ich geben weiße Handschuhe, so zart wie Spinnwebe, damit keiner kann drücken die Fingernägel entzwei.«

Der Jude brachte weiße Leichenhandschuhe, für die der Amerikaner den sechsfachen Preis bezahlte. Der letztere glaubte, nun alles beisammen zu haben, aber er irrte sich sehr, denn der Jude forschte noch in seinem Laden herum und fragte:

»Wenn der Herr will gehen als Musikus, muß er da nicht auch haben Noten, um zu zeigen, daß er ist ein großer Komponist?« – »Donnerwetter, ja, Noten, die hätte ich am Ende fast vergessen. Hat Er welche hier?« – »Warum sollte ich nicht haben Noten? Hat doch mein Töchterlein gezogen an der Gitarre und gegriffen an das Flageolett! Dort liegen sie bei den Zeitungen. Will der Herr geben einen Taler?« – Ja. Her damit!«

Der Händler brachte Gitarrennoten und eine Übungsschule für das Flageolett. Dann meinte er nachdenklich:

»Aber wenn man ist ein Komponist, so muß man auch haben ein Instrument, um zu blasen hinein oder zu streichen hinauf und herab.« – »Das ist wahr. Hat Er denn auch Instrumente?« – »Natürlich werde ich haben Instrumente! Habe ich doch eingelöst eine Violinenbratsche mit zwei Saiten und eine Posaune, worauf sind gestürzt drei Mauern von Jericho.« – »Bringe Er sie her!« – »Was? Die Bratsche oder die Posaune?« – »Die Posaune ist mir lieber.« – »Hier ist sie.«

Der Jude zog das Instrument unter einem Haufen alten Eisens heraus.

»Alle Teufel!« meinte der Jäger. »Die hat aber Narben!« – »Kann es sein anders? Habe ich nicht gesagt, daß darauf gefallen sind drei Mauern von Jericho?« – »Hm! Wenn's so ist! Aber hier gibt es auch zwei Löcher!« – »Sind dem Herrn diese Löcher etwa unbequem?« – »Nein. Aber sie gehören doch wohl nicht hinein!« – »Warum soll man sein unzufrieden mit die Löcher, da sie doch sind vorteilhaft für die Musik und die Atmosphäre und die Lunge!« – »Inwiefern?« – »Man braucht nicht zu blasen die Luft bis ganz hinten hinaus, da sie kommt bereits zu den Löchern heraus.« – »Sapperlot! Das ist vorteilhaft! Was kostet die Posaune?« – »Hat sie mich gekostet zehn Taler, so gebe ich sie um acht.« – »Gut, hier ist das Geld! Oder kann ich nicht lieber mit Banknoten bezahlen? Ich brauche das Silbergeld später.«

Geierschnabel griff in den Sack und zog eine Anzahl Zehntalerscheine hervor, wovon er einen auf den Tisch legte; die anderen steckte er in seine Hosentasche. Der Händler folgte dieser Bewegung mit Begierde. Welch eine Unvorsichtigkeit, zwanzig und noch mehr Zehntalerscheine so in die Taschen zu stecken.

»Ich bekomme zwei Taler heraus«, meinte Geierschnabel. »Gebe Er mir dafür eine Brille.« – »Was für eine wünscht der Herr?« – »Eine, durch die man hindurchsehen kann.« – »Soll ich geben Brille, Lorgnon oder Monokel?« – »Eine, die zum Inkognito paßt.« – »So werde ich geben eine antiquarische Quetsche von der Nase des Meisters Gluck, der hat komponiert viele Stücke für das Theater, wo die Welt ist mit Brettern verschlagen.« – »Gluck? War er berühmt?« – »Ungeheuer. Hier ist seine Brille. Kostet mich vier Taler, will ich sie aber geben um zwei, weil der Herr hat gekauft einen ganzen Anzug.« – »Schön! Ich werde ihn gleich anlegen. Gibt es hier einen Raum, wo man sich aus- und anziehen kann?« – »Eben dieses Geschäft ist der Raum, in dem die Kunden werden an- und ausgezogen. Der Herr mag treten in die Ecke, und ich werde zu helfen bereit sein.« – »Hätte er nicht Lust, mir diesen alten Anzug abzukaufen?« – »Auwei! Was soll man geben für solche Sachen! Ich werde ihn ansehen und dann bieten, soviel wie ich kann.«

Trotz seines Weherufes hatten seine Augen freudig aufgeleuchtet Er verwandte kein Auge mehr von Geierschnabel, der begann, die Kleider zu wechseln. Der Jude wußte, daß die Zehntalerscheine in der Tasche steckten, und wollte sich überzeugen, ob dieselben herausgenommen würden.

Als Geierschnabel den gekauften Anzug angelegt hatte, schob er den alten mit dem Fuß von sich und fragte:

»Nun, wie steht es? Kauft Er ihn?«

Der Jude hatte ganz genau aufgepaßt, er wußte, daß die Scheine nicht angerührt worden waren.

»Ich werde ansehen die Sachen«, sagte er.

Er nahm die Hosen zur Hand, griff unbemerkt, wie er dachte, von außen an die Tasche, und fühlte ganz deutlich, daß die kostbaren Papiere unter seinem Druck knitterten. Sie waren mehr als zweihundert Taler wert.

Seine Hände begannen zu zittern. Die Habsucht packte ihn.

»Was soll ich geben für dieses Zeug, das kaufen wird kein Mensch?« sagte er. »Es ist nichts wert.« – »Was bietet er?« fragte Geierschnabel kurz. – »Ich gebe für die ganze Geschichte gerade einen Taler.« – »Wo denkt Er hin! Her damit! Ich packe sie in meinen Sack.«

Da trat der Händler schnell zurück und sagte:

»Werde ich geben zwei Taler.« – »Fällt mir nicht ein«, meinte Geierschnabel, der zum Gehen fertig war und die Hand nach den Sachen ausstreckte. – »Drei Taler«, meinte der Händler. – »Unsinn.« – »Vier Taler.« – »Nein!« – »Fünf Taler.«

Der Jude bebte vor Angst, als ob ihn ein Fieber ergriffen hätte.

»Nein. Der Anzug ist mir nicht um vierzig Taler feil.« – »Vierzig!« rief der Händler, indem er die Augen fast ebensoweit aufriß wie den Mund. »Wie ist das möglich!« – »Das Zeug zu diesen Sachen ist von Faultierhaaren gesponnen.« – »Wozu?« – »Wer solche Wolle trägt, bekommt nie ein Fieber. Ich lasse diese Sachen einspinnen, wenn ich zu wenig bekomme.« – »Faultierwolle? Vierzig Taler! Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, warum ist es gerade Wolle vom Faultier! Ich werde geben zehn Taler, aber keinen Pfennig mehr.« – »Vierzig und keinen weniger.« – »Zwölf!« – »Vierzig! Her damit! Ich habe keine Zeit!«

Der Jude tat einen Sprung rückwärts. Er durfte sich das Papiergeld nicht entgehen lassen.

»Zwanzig Taler!« rief er vor lauter Angst. – »Vierzig! Ich sage es zum letzten Male. Ich muß mit dem Zug fort und habe keine Minute Zeit zu verlieren.«

»Mit dem Zug fort?« dachte der Jude. Da ging der Mann ja fort, ohne wiederzukommen oder wiederkommen zu können. Das steigerte den Wert des Papiergeldes.

»Ist es wirklich Wolle vom Faultier?« frage er hastig. – »Ja.« – »So gebe ich fünfundzwanzig.« – »Vierzig!« – »Sechsundzwanzig!« – »Ich gebe Ihm noch eine Minute Bedenkzeit, dann aber gehe ich mit meinen Sachen ganz sicher fort!«

Der Jude tat noch einen konvulsivischen Griff nach der Taschengegend.

»Dreißig Taler!« bot er – »Vierzig!« – »Herr Zebaoth! Vierzig Taler für solche Lumpen!« – »Was Lumpen? Wer zwingt Ihn, sie zu kaufen? Her damit!«

Geierschnabel faßte die Hosen an und zog sie hin. Der Händler ließ sie nicht los und zog her, indem er in höchster Bedrängnis rief:

»Zweiunddreißig.« – »Vierzig!« – »Fünfunddreißig.« – »Vierzig!« – »Ich kann nicht. Es ist unmöglich!« rief der Jude.

Es griff ihn am meisten an, daß es ihm nicht gelingen wollte, auch nur einen einzigen Taler abzuhandeln.

»So gebe er endlich her.«

Mit diesen Worten machte der Amerikaner eine kräftige Anstrengung, die Kleider wieder in seine Gewalt zu bekommen, aber der Jude ließ nicht los, sondern rief:

»Sechsunddreißig!« – »Vierzig.« – »Achtunddreißig!« – »Vierzig! Her mit den Sachen!« – »Gott Abrahams! Es sind nicht des Herrn Sachen, sondern es sind die meinigen, denn ich werde geben die vierzig Taler.«

Der Sprecher schwitzte im Gesicht.

»Gut. Her damit!« meinte Geierschnabel.

Der Jude griff zu seiner Sicherheit noch einmal nach den Papieren, wickelte die Kleidungsstöcke dann zusammen, legte sie fort und griff zum Geld. Bei jedem harten, blanken Taler, den er aufzählte, sah man ihm an, wie schwer es ihm wurde, die Summe aufzuzählen. Und dennoch beeilte er sich, den Fremden loszuwerden, damit diesem nicht noch einfallen möge, wo er sein Papiergeld gelassen habe.

»So, das sind vierzig Taler«, sagte er endlich. »Ein Heidengeld für solche Lumpen. Wir sind fertig. Der Herr kann gehen.«

Geierschnabel lachte ihm ins Gesicht und antwortete:

»Ja, wir sind fertig, ich kann gehen. Er hat mir ganz gehörige Preise angesetzt, aber ich habe nichts abgehandelt, weil das ein Gentleman nicht tut. Demnach sind wir quitt. Adieu.« – »Adieu, der Herr.«

Kaum war Geierschnabel zur Tür hinaus, so öffnete sich die Tür eines hinter dem Gewölbe liegenden, kleinen Raumes. Dort war das Wohnzimmer des Juden. Seine Frau trat ein.

»Levileben!« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Was hast du gemacht Eine große, grausame Dummheit!«

Er verschloß den Laden von innen, damit der soeben Fortgegangene nicht wieder eintreten könne, blickte seiner Frau überlegen in das runzelige Gesicht und antwortete:

»Was soll ich gemacht haben? Eine Dummheit?« – »Ja, eine grausame und große.« – »Inwiefern Sarahleben.« – »Haste gegeben doch für diese Lumpen vierzig Taler. Bist doch wohl verrückt gewesen in deinem Kopf.« – »Nein, bin ich sehr klug gewesen in dem Kopf, der ist der meinige. Habe ich soeben gemacht ein sehr gutes Geschäftchen.«

Das Gesicht der Frau erheiterte sich, indem sie sagte:

»Habe ich gehört jedes Wort eures Handels. Wer war der Mann?« – »Weiß ich es? Habe ich ihn gefragt? Ein Dummkopf war es. Kauft mir ab die schlechtesten Sachen um einen wahnsinnigen Preis.« – »Und du kaufst diese Lumpen, die nicht wert sind zehn Silbergroschen, für einen noch wahnsinnigeren Preis.« – »Frau, was verstehst du davon?« – »Haste nicht gegeben vierzig Taler?« – »Ja. Aber diese Lumpen sind wert viermal so viel.« – »Wohl, weil sie sind aus Faultierwolle, he?« – »Faultierwolle? Laß dich auslachen, Sahraleben. Faultierwolle gibt es nicht. Man hat es gemacht weis diesem Menschen.« – »So ist es gewesen nur Schafwolle?« – »Ja.« – »Und du gibst vierzig Taler! Willst du dich einsperren lassen in das Haus, wo die Verrückten haben ihr Sommerlogis?« – »Sarahleben, du dauerst mich. Diese Sachen sind wert hundertundvierzig Taler.« – »Wirst du können dieses beweisen?« – »Ich werde es dir beweisen sofort. Greife in die Tasche.«

Er zog die Öffnung der Hosentasche auseinander und hielt sie ihr hin.

»Was ist darin?« fragte sie zögernd. – »Greife hinein. Sieh, was du findest.«

Sie streckte die Hand hinein und sagte darauf:

»Papier.« – »Ja. Nimm es heraus!«

Er blickte mit überlegener und gespannter Erwartung auf ihre Hände, die einige Stückchen Papier hervorbrachten.

»Was ist es?« fragte er.

Sie untersuchte die Stücke und antwortete:

»Zerschnittene Zeitung.« – »O Manasse und Ephraim. Ich habe die falsche Tasche erwischt. Greife schnell hier hinein, Sarahleben.«

Er hielt die andere Tasche hin, und sie fuhr mit der Hand hinein.

»Nichts«, sagte sie. Er erbleichte.

»Nichts?« fragte er. »Nichts hast du gesagt?« – »Ja.« – »Es ist nichts darin?« – »Gar nichts.« – »Und in der ersten Tasche?« – »Nur diese Papierfetzen.«

Jetzt untersuchte er selbst schnell die Taschen. Es war nicht das mindeste darin zu finden. Er ließ vor Schreck die Hosen fallen.

»Gott der Gerechte«, rief er, »ich bin betrogen worden, ich bin kapores, ich bin pleite um vierzig Taler!«

Er fühlte sich so schwach, daß er sich auf einen Stuhl niedersetzen mußte. Sie aber stemmte die Arme in die Seite und fragte:

»Was bist du? Pleite und kapores bist du um vierzig Taler? Nein. Kapores ist dein Verstand, und pleite ist dein Gehirn.« – »Sarahleben!« jammerte er. »Er hatte doch über zwanzig Scheine in den Hosen stecken.« – »Scheine? Was für Scheine?« – »Zehntalerscheine.« – »Das hast du gesehen?« – »Ja.« – »So hat er sie wieder herausgenommen!« – »Das habe ich nicht gesehen.« – »Wer ist er?« – »Weiß ich es?« – »Wohin ist er?« – »Er sagte, er müsse nach dem Bahnhof.« – »So gehe, springe, laufe, eile, renne! Du mußt ihn finden.« – »Aber wozu, Sarahleben, wozu?« – »Er muß dir die Hosen wieder abkaufen, um vierzig Taler.« – »Er wird sich hüten.« – »Er hat dich betrogen.« – »Nein, sondern ich habe ihn betrügen wollen.« – »Oh, Levileben, was bist du für ein Dummkopf! Ich schäme mich deiner bei jeder alten Hose, die ich zu sehen bekommen werde.« – »Ich bin wie Hiob«, antwortete er. »Erst reich und nun arm.« – »Schweig, Hiob kaufte keine Faultierwolle.« – »Vielleicht hat es damals noch keine Faultiere gegeben. Sarahleben, ich bin matt, ich bin krank, ich bin tot. Mich kann nichts mehr retten, das Grab allein. Oh, vierzig Taler. Oh, Faultierwolle! Oh, alte Hosen! Oh, Sarahleben! Mein Testament ist gemacht. Es liegt dort in der Hochzeitslade. Dir vermache ich alles, die Gläubiger aber bekommen nichts. Leb wohl. Adieu. Gute Nacht, du schnöde Welt!«

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