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Erkämpftes Glück Teil 1

Karl May: Erkämpftes Glück Teil 1 - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/may/waldroe5/waldroe5.xml
typefiction
authorKarl May
titleErkämpftes Glück Teil 1
publisherWeltbild
seriesWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde
volume5
illustratorFiruz Askin
year1999
firstpub1901/1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120628
projectid0889013b
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22. Kapitel.

Kurt ging. Aber noch befand er sich kaum fünf Minuten in dem Zimmer, das hier stets für ihn reserviert war, so klopfte es leise, die Tür öffnete sich, und Waldröschen steckte ihr schönes Köpfchen herein.

»Darf ich eintreten, lieber Kurt?« fragte sie. – »Ja, liebe Rosita«, antwortete er.

Da zog sie die Tür hinter sich zu, näherte sich ihm und sagte: »Weißt du, daß ich recht sehr besorgt um dich bin?« – »Warum wohl, Röschen?« – »Ich denke, nun wirst auch du nicht wiederkommen.« – »Und ich denke gerade das Gegenteil.«

Seine heitere, zuversichtliche Miene bestätigte diese Ansicht allerdings.

»Ist die Aufgabe, die du da drüben zu lösen hast, gefährlich?« – »Nein, ganz und gar nicht.« – »Aber du wirst dich in Gefahr begeben, um Papa und die anderen ausfindig zu machen und zu befreien.« – »Das steht bei Gott, meine liebe Rosita. Noch weiß ich ja nicht, was ich in dieser Angelegenheit zu tun haben werde!«

Rosita blickte Kurt mit liebevoller Besorgnis in die Augen und sagte:

»Oh, das wird noch viel gefährlicher sein als damals das Doppelduell.« – »Damals hattest du doch keine Angst!« – »Ja, damals kannte ich die Gefahr und wußte, daß du ihr gewachsen seiest, jetzt aber ist sie mir unbekannt.« – »Ich weiß ein Mittel, das mir helfen würde, alle Gefahren siegreich zu bestehen, liebes Röschen.« – »Welches ist es?«

Da beugte er sich zu ihr herab und fragte leise:

»Weißt du, was ich bei jenem Duell auf der Brust trug?«

Sie errötete ein wenig, zögerte aber nicht mit der Antwort: »Meine Schleife.« – »Die du dir wieder einlöstest.«

Ein liebliches, verschämtes Lächeln überflog ihr Gesichtchen, und dann antwortete sie:

»Ja, aber ich gab sie dir zurück, und dafür zwangst du mich, auch den Preis zurückzunehmen.« – »Das war wohl sehr bös von mir?« – »Sehr, sehr bös!« – »Dann bin ich ja ganz außerordentlich undankbar, denn die Schleife war ja mein Talisman gewesen und hatte mich im Kampf beschützt. Weißt du nun vielleicht, was ich meinte, als ich vorhin von dem Mittel sprach?«

Sie nickte und sagte:

»Wohl abermals einen Talisman?« – »Ja, mein liebes Röschen.« – »Von wem erwartest du denn einen solchen? Gewiß von deinem Paten, dem Oberförster?« – »O weh! Nein, sondern von dir!« – »Von mir? Ah, was könnte das denn sein?« – »Nun, abermals eine Schleife oder so etwas.« – »Du sollst es haben, lieber Kurt. Geht etwa ein Handschuh an?« – »Ja, aber du mußt ihn bereits getragen haben.« – »Das versteht sich. Ich werde jetzt gehen und dir einen Talisman suchen, den du mitnehmen sollst. Aber eigentlich kam ich aus einem ganz anderen Grund zu dir.« – »Darf ich ihn erfahren?« – »Ja, ich sage ihn dir, obgleich es vielleicht nicht ganz in der Ordnung ist. Glaubst du, daß du mir meinen lieben Papa wiederbringen wirst?« – »Ich hoffe es. Gott wird mir helfen.« – »Ich werde recht innig zu ihm beten. Und du, du sollst einen Lohn haben, obgleich ich nicht weiß, ob er dir auch recht sein wird.« – »Welchen meinst du?« – »Sage mir erst einmal, ob du irgendeine Dame lieb hast!« – »Ja, ich habe eine lieb!«

Ihr Gesichtchen wurde um einen Schatten bleicher.

»Sehr lieb?« fragte sie. – »Ja, sehr lieb.« – »So lieb, wie du dich selbst hast?« – »Oh, noch viel, viel lieber! Lieber noch als mein Leben!«

Sie war noch bleicher geworden.

»Du meinst, so lieb, wie man – wie man seine – seine Braut haben muß?« fragte sie stockend. – »Ja, so unendlich lieb!«

Da beugte sie schwer das Köpfchen nieder, ihr Busen hob und senkte sich ängstlich, und ihre Stimme zitterte, als sie erwartungsvoll fragte:

»Darf ich wissen, wer diese Dame ist?«

Er ergriff ihre beiden Hände und antwortete:

»Du, du selbst bist es, meine süße Rosita!«

Jetzt kehrte die Röte wieder auf ihre Wangen zurück, ihre Augen leuchteten auf, und im Ton des Glückes fragte sie:

»Ist das auch wahr, lieber Kurt?«

Er zog langsam und innig ihr Köpfchen an seine Brust und erwiderte:

»Könntest du daran zweifeln? Rosita, meine herrliche Rosita, du bist es, der jeder Tag meines Lebens gehört hat und noch gehören wird; du bist es, an die sich jeder Gedanke und jeder Pulsschlag meines Herzens richtet. Ohne dich mag ich nicht auf der Erde sein, ohne dich gibt es für mich kein Leben, und du fragst, ob es wahr sei, daß ich dich liebe!«

Da legte sie ihre beiden Arme um ihn und antwortete:

»Ich glaube es dir, lieber Kurt. Und nun will ich dir auch den Preis sagen, den ich darauf setze, daß du meinen Papa bringst.« – »Sage ihn, mein Röschen.« – »Wenn du Papa nach Rodriganda bringst, so sage ich ihm, daß ich dich gerade so lieb habe, wie du mich, und daß ...«

Rosa stockte. Er wartete ein kleines Weilchen und fragte dann:

»Nun, und daß ...? Bitte, bitte, fahre fort!« – »Und daß ich nur dann glücklich sein werde, wenn – wenn ...« – »Wenn? O sprich mein süßes Waldröschen.« – »Wenn ich nie im Leben von dir getrennt werde.« – »Röschen! Rosita!« jubelte er auf.

Sie lächelte ihm selig in das Angesicht und fragte:

»Nicht wahr, das ist ganz gegen Herkommen und Form, daß ich als Dame so zu dir spreche?« – »Ja, aber es macht mich zum glücklichsten Menschen, obgleich ich auf diese Seligkeit – verzichten muß.«

Seine Stimme war bei den letzten Worten tief herabgesunken.

»Verzichten; warum?« – »Dein Papa ist ein Herzog von Olsunna.« – »Aber auch der Sohn einer Erzieherin; er wird unsere Liebe nur als Doktor Sternau beurteilen.« – »Und deine Mama ist eine Gräfin de Rodriganda.« – »Jetzt nur die Frau eines Arztes. Ich weiß, daß Mama nicht daran denkt, mich unglücklich zu machen.« – »Weißt du das gewiß?« – »Ja.« – »Woher?« – »Denke dir, dein Waldröschen hat einmal die Lauscherin gemacht.« – »Wirklich; wen hast du denn da belauscht?« – »Mama und den Hauptmann. Sie sprachen von uns. Sie befanden sich auf der Veranda, und ich stand auf dem Balkon über ihnen, ohne daß sie es wußten. Ich konnte jedes Wort verstehen.« – »Da machst du mich allerdings höchst wißbegierig, liebe Rosita. Was sagten sie denn? Bitte, bitte, ich darf es doch hören!« – »Der Hauptmann warnte meine Mutter, du seiest mir sehr gut, noch viel mehr, als für einen Freund und Gespielen nötig sei.« – »Was antwortete da deine Mama?« – »Sie fragte ihn, ob er bemerkt habe, wie ich mich zu deiner Liebe verhalte.« – »Und was sagte da der alte Graubart?« – »Er meinte, das Waldröschen werde sich gar wohl hüten, einem Leutnant Hoffnungen zu machen. Leider habe ich sie dir bereits gemacht.« – »Du mir?« fragte er. »Wann wäre das gewesen?« – »Damals, als du deinen Schatz in Mainz erhalten hattest.« – »Ah, die mexikanischen Kostbarkeiten?« – »Ja. Weißt du noch, was du damals mit dem Hauptmann gesprochen hast?« – »Ich weiß es noch. Er fragte, was ich mit den Sachen machen werde, ich sagte ihm, daß ich sie dir schenken wolle.« – »Und was antwortete er da?« – »Ich solle mir keine Rosinen einbilden.« – »Aber dann abends in Berlin, als du das erzählt hattest, was tat ich da? Weißt du es noch, lieber Kurt?« – »Ja, du kamst zu mir und sagtest, ich sei schon der Mann, dem Waldröschen etwas zu schenken. Ich solle die Sachen nur aufheben.« – »Nun, war das nicht eine Hoffnung, die ich dir machte?« – Ja, das war eine, und zwar eine unendlich reiche und große. Aber da du Mama und den Hauptmann belauscht hast, so mußt du wohl auch gehört haben, was die erstere dem letzteren antwortete.« – »Das möchtest du wohl gern hören?« fragte sie lächelnd. – »Ja, denn es ist die Hauptsache.« – »Nun, sie sagte, sie stelle es dem guten Gott anheim, dieser wisse am besten, was ihrem Waldröschen zum wahren Frieden diene.«

Da legte Kurt die beiden Hände zusammen, als ob er beten wolle und sagte:

»Das sagte sie wirklich? Gewiß und wahrhaftig?« – »Ja, lieber Kurt. Es war mir, als ob ich Mama um Millionen Male lieber haben müsse als vorher, wenn dies überhaupt möglich wäre. Ich habe vor Freude geweint, lange, lange Zeit.« – »Gott segne deine Mama viele tausend, tausend Mal.« – »Ja, ja, das möge er tun, sie ist es wert. Nun aber will ich eilen, dir einen Talisman auszusuchen.«

Rosita schickte sich an, sich zu entfernen, Kurt aber hielt sie zurück.

»Rosita«, sagte er, »glaubst du wirklich, daß ich dich so ohne Kuß von mir lasse?«

Sie lächelte ihn schelmisch an und fragte:

»Ist ein Kuß denn so notwendig?«

Kurt machte ein höchst ernsthaftes Gesicht und antwortete zuversichtlich:

»Ganz außerordentlich notwendig! Das Gesetzbuch der Liebe schreibt es vor!« – »Das ist unmöglich!« – »Unmöglich? O nein! Steht nicht bei jedem unserer zehn Gebote: ›Wir sollen Gott fürchten und lieben‹? Und beginnt nicht eine jede Sure des Korans mit den Worten: ›Im Namen des allbarmherzigen Gottes‹? So steht auch im Gesetzbuch der Liebe über jedem Paragraphen: ›Im Namen Eures Glückes! Ihr sollt Euch bei jeder Gelegenheit einen Kuß geben‹!« – Jim, als ob das Küssen etwas so Schönes wäre.« – »Meinst du das Gegenteil, Röschen?« – »Ja.« – »Warum?« – »Weißt du noch damals, als die Rede von der alten Tante war?« – »Ah, mit der großen Nase und den Warzen darauf!« – »Du sagtest selbst, daß man solche Tanten nicht gern küsse.« – »Aber du bist ja keine solche alte, häßliche Tante.« – »Oh, ich werde vielleicht einmal eine.« – »Aber sicher keine häßliche. Und jetzt bist du sie noch gar nicht.« – »Du meinst also, daß ...«

Rosita hielt inne, als ob sie bereits zu viel gesagt hätte.

»Daß man dir schon einen Kuß geben darf?« antwortete er. – »Ja.« – »Das ist allerdings meine Ansicht.« – »Hm. Wir wollen dennoch tun, als ob ich eine alte Tante sei.« – »O weh! Da soll ich wohl auf den Kuß verzichten?« – »Ja, außer du denkst einmal, daß du ein alter Onkel seist.«

Da stieß er ein herzliches Lachen aus und meinte:

»Onkel und Tante dürfen sich dann küssen?« – »Natürlich! Aber fein sittsam und dezent, wie ein paar Alte aus der Zeit des Großen Kurfürsten.« – »Nun, ich weiß zwar nicht, wie man sich damals geküßt hat, aber vielleicht läßt es sich bei einiger Übung lernen.«

Kurt zog das schöne Mädchen an sich, hob dessen Köpfchen in die Höhe und legte seinen Mund auf die roten Lippen. Er küßte Röschen wieder und immer wieder und bemerkte vor Glück gar nicht, daß die Tür geöffnet wurde, bis die Stimme des alten Hauptmanns erschallte:

»Kreuzmillionenschockhagelwetter! Was habt ihr euch denn da an den Mäulern herumzubeißen und herumzuknaupeln!«

Sie fuhren erschrocken auseinander. Der Alte trat ein und machte die Tür vorsichtig hinter sich zu.

»Habe ich euch endlich einmal erwischt, ihr Schwerenöter?« rief er grimmig. »Kerl, weißt du nicht, daß das eine Prinzessin von Olsunna und Rodriganda ist?« – »Ja, das weiß ich«, antwortete Kurt ruhig. – »Und du, was bist denn du, he?« – »Ein Offizier und Ehrenmann.« – »Das ist auch etwas Rechtes.« – »Herr Hauptmann!«

Kurt war einen Schritt zurückgetreten und hatte das Wort mit beinahe donnernder Stimme ausgesprochen.

»Was beliebt?« fragte der Alte verwundert. – »Ich lasse mich in Gegenwart dieser Dame nicht beleidigen.«

Seine Augen funkelten, und an dem Ton seiner Stimme ließ sich erkennen, daß es ihm sehr ernst mit seinen Worten war. Der Alte wurde schüchtern. Er schnalzte mit den Fingern und sagte:

»Nicht beleidigen? Schön. Da schnäbelt nur zu. Ihr werdet wohl sehen, wie lange das geduldet wird. Ich kam nur, um dir zu sagen, daß der Amerikaner aufbrechen wird.« – »Nach Berlin bereits?« – »Erst zu mir. Ich habe sein Gewehr noch. Ein verdammt dummer Schießknüppel. Der Kerl selbst aber hat Haare auf den Zähnen.« – »Da wird es wohl nichts aus dem Zuchthaus?« – »Eigentlich sollte ich ihn einstecken; aber der Kerl ist mir zu grob. Ich liebe die Höflichkeit und bin feinere Umgangsformen gewöhnt, da mag ich lieber mit ihm nichts zu tun haben. Waldröschen, gehst du mit hinab?« – »Ja«, antwortete sie. »Adieu, lieber Kurt!« – »Adieu, liebe Rosita!«

Sie ging mit dem Alten. An der Treppe blieb er stehen und sagte:

»Lieber Kurt und liebe Rosita! Kreuzbataillon! Das klingt ja, als wäre ich unter lauter Tauben und Täuberiche geraten. Denkst du denn, daß dieser Täuberich für dich paßt?«

Sie errötete, antwortete aber herzhaft:

»Ja, lieber Pate.« – »Und du für ihn?« – »Ja.« – »Da schlage das Wetter drein! Der Junge ist mir lieb, ich halte große Stücke auf ihn, aber er ist nur ein Bauers- und Schifferssohn. Du aber bist ...« – »Seine Braut!« – »Sein Gänschen. Weiter nichts«, meinte der zornig. »Weiß denn die Mama davon?« – »Nein.« – »Ja, da hat man die Bescherung! Der Teufel soll mich holen, wenn ...« Röschen faßte den Hauptmann rasch am Arm und unterbrach ihn:

»Ach, lieber Pate, ich denke, Sie sind feinere Umgangsformen gewöhnt.« – »Ja«, antwortete er verblüfft. »Bin ich dir etwa nicht fein genug?« – »Jim. Ich will nicht übermäßig klagen.« – »Das will ich dir auch geraten haben. Ja, ja, der Kurt scheint allerdings feinere Umgangsformen zu haben als ich.« – »Das ist wahr, Pate.« – »Bomben und Granaten! Wenn das zu der Feinheit gehört, so kann ich dich auch schmatzen, bis mein Schnurrwichs dir am Mäulchen hängenbleibt.«

Sie lachte goldig auf und antwortete:

»Ich habe dir niemals einen Patenkuß verwehrt« – »Das ist wahr. Aber jetzt muß ich danken. Ich drücke meine Petschaft nicht dahin, wo der Junge bereits gesiegelt und gestempelt hat Mädel, du wirfst dich ganz gewaltig weg. Dieser Kurt wird zwar Karriere machen, aber ich hatte einen ganz anderen für dich in petto.« – »Wen?« – »Nun, rate einmal.« – »Sage es lieber.« – »Na, einen großherzoglichen Prinzen. Für solch einen Topf wärst du die allerrichtigste Zwiebelstaude!« – »Ich muß danken. Adieu, Pate.« – »Adieu? Warum? Ich gehe ja mit!« – »Nein, nein! Deine Umgangsformen werden so sein, daß man die Feinheit gar nicht mehr bemerkt.«

Damit huschte sie an ihm vorüber und zur Treppe hinab.

»Wetterhexe«, brummte er. »Was soll daraus werden. Haben sich die beiden da gepackt und umklammert. Und sie wetzt ihr Näschen an seinem Schnurrbart. Wenn sie das so gern hat, so will ich ihr meinetwegen meinen Rasierpinsel dazu borgen, aber den Jungen soll sie sich aus dem Kopf schlagen. Für den habe ich ja bereits eine Frau!«

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