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Erkämpftes Glück Teil 1

Karl May: Erkämpftes Glück Teil 1 - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/may/waldroe5/waldroe5.xml
typefiction
authorKarl May
titleErkämpftes Glück Teil 1
publisherWeltbild
seriesWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde
volume5
illustratorFiruz Askin
year1999
firstpub1901/1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120628
projectid0889013b
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18. Kapitel.

Es war frischer Schnee gefallen, wie ihn der Jäger so gern hat, weil sich da die Fährte des Wildes am leichtesten erkennen und ablesen läßt. Nur noch einzelne Flocken wirbelten träumerisch hernieder und setzten sich als glitzernde Sternchen an die Zweige der Tannen und Kiefern, die beide Seiten der Straße besäumten, die nach Rheinswalden führte.

Der Wintertag begann zu dämmern, aber trotz dieser frühen Morgenstunde gab es doch bereits ein menschliches Wesen, das auf dieser Straße dahergeschritten kam.

Es war ein Mann, dessen Erscheinung höchst eigentümlich genannt werden mußte. Die herrschende Kälte schien auf ihn gar keinen Eindruck zu machen, obgleich seine Kleidung eine ganz leichte war. Er trug Schuhe, oder vielmehr Halbstiefel, von einer in dieser Gegend fremden Form und Arbeit, kurze, blaue und sehr weite Leinwandhosen, die hier und da zerrissen waren, eine ebensolche Jacke, die ihm zu kurz und zu eng zu sein schien, und auf dem Kopf eine Mütze, die früher jedenfalls eine Blende hatte, nun aber an allen Nähten aufgeplatzt war. Die Jacke war offen, so daß man ein Hemd sehen konnte, das sicher monatelang nicht gewaschen worden und, vorn nicht geschlossen, eine völlig nackte Brust sehen ließ, die, dicht behaart, ein Aussehen hatte, als ob sie Jahre hindurch allen Winden und Wettern ausgesetzt gewesen war. Um den langen, hageren Hals schlang sich ein altes Taschentuch, von dem sich nicht bestimmen ließ, welche Farbe es früher einmal hatte, und zwischen Hose und Jacke wand sich als Gürtel ein Schal um den Leib, der seit einem Jahrhundert zu allem möglichen gedient zu haben schien. Auf dem Rücken trug dieser Mann einen ziemlich großen, gefüllten Leinwandsack, und über die linke Schulter hing ihm ein alter, langer Lederschlauch, dessen Bestimmung ein Uneingeweihter wohl schwerlich erraten haben würde.

Das sonderbarste aber an diesem Mann war sein Gesicht. Es war hager und von der Sonne und der Witterung hart und dunkel gegerbt. Sein breiter Mund hatte fast keine Lippen. Die kleinen Augen blickten außerordentlich scharf und sicher unter den Liedern hervor, und die Nase war fast ungeheuerlich zu nennen. Sie besaß eine Dimension, zufolge deren man sie eher einen Schnabel als eine Nase hätte nennen mögen.

Der Fremde folgte eben einer Krümmung der Straße, als er bemerkte, daß er nicht der einzige Wandersmann sei; denn eine kurze Strecke vor ihm schritt ein kleines, hageres Männchen desselben Weges dahin.

»Well, ein Menschenkind«, murmelte der Fremde. »Das ist mir lieb, denn ich kalkuliere, daß er hier bekannt sein wird und mir also Auskunft geben kann. Ich werde ihn einholen.«

Seine Schritte wurden nach diesen Worten rascher. Man sah aber nicht, daß ihm dies Anstrengung gekostet hätte; doch ein Pferd hätte Trab laufen müssen, um in dieser Weise mit ihm fortkommen zu können. Dabei wurden seine Schritte durch den Schnee so gedämpft, daß der Vorangehende seine Anwesenheit nicht eher bemerkte, als bis er angerufen wurde.

»Good morning, Sir«, rief der Fremde und fuhr in einem ziemlich gebrochenen Deutsch fort: »Wohin geht diese Straße, Freund?«

Der Angerufene drehte sich rasch um, fuhr aber bei dem Anblick des Sprechenden erschrocken zurück, denn dieser glich eher einem Vagabunden als einem ehrlichen Mann.

»Nun, warum antworten Sie nicht?« fragte der Fremde barsch.

Diese Frage brachte das Männchen zu sich. Es schien einzusehen, daß es geraten sei, mit einem solchen Strolch möglichst höflich zu sein.

»Guten Morgen«, sagte er. »Diese Straße geht nach Rheinswalden.« – »Sind Sie dort bekannt?« – Ja.« – »Wohnen Sie vielleicht dort?« – »Nein.« – »Was sind Sie denn eigentlich?« fragte der Fremde mit einem forschenden Blick auf den anderen. – »Tierarzt«, antwortete dieser. – »Tierarzt? Hm! Ein schönes Handwerk. Das Vieh ist leichter zu kurieren als das Menschenpack. Da habt Ihr wohl in Rheinswalden zu tun?« – Ja, ich wurde vorhin einer kranken Kuh wegen geholt.« – »Schießt sie tot, da ist sie geheilt, und Ihr seid die Plage los.«

Der Kleine sah den Großen erschrocken an.

»Wo denken Sie hin«, sagte er. »Eine Kuh totschießen.« – »Pah, ich habe viele Hunderte totgeschossen.«

Der Kleine machte ein sehr ungläubiges Gesicht und meinte:

»Das glaube Ihnen der Teufel!« – »Würde es dem Teufel auch geraten haben. Wenn er etwas, was ich sage, nicht glauben wollte, so wäre ihm sein Brot gebacken.« – »Na, schneiden Sie nicht so sehr auf.«

Da spitzte der Fremde den Mund. »Pchtichchchchch«, klang es, und dabei spritzte er dem Kleinen einen Strahl dicken dunklen Tabaksaftes so nahe am Gesicht vorüber, daß dieser erschrocken zurückwich.

»Donnerwetter! Nehmen Sie sich doch in acht«, rief er. »Passen Sie auf, wo Sie hinspucken.« – »Weiß es ganz genau«, versicherte der Fremde ruhig.

Der Kleine betrachtete ihn mit scheuem Blick von oben bis unten.

»Sie kauen wohl Tabak?« fragte er dann. – »Ja.« – »Warum rauchen oder schnupfen Sie nicht lieber?« – »Zum Rauchen fehlt mir der Geschmack, und zum Schnupfen ist mir meine Nase zu lieb.« – »Na, der sieht man es auch an, daß Sie sie liebhaben. Aber das Tabakkauen ist fürchterlich ungesund.« – »Meinen Sie?« fragte der Fremde im Ton der Überlegenheit. – »Ja. Ich als Tierarzt muß das verstehen.« – »So, so. Hm! Da lassen Sie das liebe Vieh wohl nicht Tabak kauen?« – »Fällt mir gar nicht ein.« – »Sondern lieber rauchen oder schnupfen?« – »Machen Sie keine dummen Witze über die hochgeehrte Wissenschaft. Ohne sie würde manches Tier zugrunde gehen.« – »Ja, und ohne sie würde mancher Mensch leben bleiben. Also eine Kuh wollen Sie heute kurieren?« – »Ja. Sie hat die Perlsucht.« – »Wem gehört sie denn?« – »Frau Helmers auf dem Vorwerk neben dem Schloß.« – »Helmers? Hm. Ist diese Frau Witwe?« – »Ja und nein.« – »Wie meinen Sie das?« – »Ihr Mann wird wohl gestorben sein, aber sie kann es nicht beweisen. Er hat nämlich eine weite Reise gemacht und ist nicht wieder zurückgekehrt.« – »Wohin?« – »Die letzte Nachricht ist aus Mexiko gekommen.« – »Wann?« – »Am Ende des Herbstes.« – »Hm«, meinte der Fremde nachdenklich. »Rheinswalden ist ein Schloß?« – »Ja.« – »Wem gehört es?« – »Dem Herrn Hauptmann und Oberförster von Rodenstein.« – »Ist dieser Mann verheiratet?« – »Nein, aber er hat einen Sohn.« – »Der wohnt mit auf Rheinswalden?« – »Nein, sondern auf Rodriganda.« – »Rodriganda? Was ist das?« – »Ein Schloß in der Nachbarschaft von Rheinswalden. Es gehört dem Herzog von Olsunna, der der Schwiegervater des Malers Otto von Rodenstein ist.« – »Ah, ist dieser Herzog nicht der Vater eines gewissen Sternau?« – »Hm, darüber kann ich nichts sagen, aber es wohnt bei ihm die Frau Rosa Sternau, die eigentlich eine Gräfin Rodriganda ist. Ihre Tochter ist das Waldröschen. Warum erkundigen Sie sich so?« – »Das kann Ihnen gleichgültig sein.« – »Möglich. Aber Sie sehen nicht so aus wie einer, der Veranlassung hat, sich nach so vornehmen Leuten zu erkundigen.« – »Nicht? Wieso denn, he?«

Der Kleine warf einen geringschätzigen Blick auf den Fremden und antwortete:

»Na, das müssen Sie doch zugeben, daß Sie wie ein echter Bummler aussehen.« – »Pchtichchchchch«, fuhr ihm ein dicker Strahl von Tabaksaft an den Hut. – »Heidenelement! Nehmen Sie sich in acht«, rief er zornig. – »Pah, Bummler pflegen das nicht anders zu machen.« – »Aber ich verbitte mir das.« – »Wird Ihnen nicht viel helfen, wenn Sie grob bleiben.« – »Soll ich Sie etwa mit Glacéhandschuhen angreifen? Sie wären mir der Kerl dazu. Kommt so ein hergelaufener Mensch und spuckt mich so voll, daß ich mich in Rheinswalden gar nicht sehen lassen kann.«

Das Männchen war außerordentlich grimmig geworden. Er hatte den Hut abgenommen und hielt ihn dem Fremden entgegen.

»Wischen Sie es ab«, meinte dieser kaltblütig. – »Abwischen? Ich? Was fällt Ihnen ein? Wollen Sie es auf der Stelle selbst abwischen? Wo nicht, so sollen Sie mich kennenlernen!« – »Wer reinlich sein will, mag sich lecken. Ich hab's nicht nötig.« – »So! Also nicht? Wollen Sie es abwischen, oder ...«

Er hob drohend den Stock.

»Was – oder?« fragte der Fremde. – »Oder ich haue Ihnen eins über das Gesicht herüber!« – »Hauen Sie! Pchtichchchchch!«

Ein abermaliger Strahl spritzte dem Tierarzt auf den Rock.

»Nun ist's gut! Nun habe ich es satt!« rief er. »Da! Da!«

Er holte zum Schlag aus, kam aber nicht dazu, denn der Fremde riß ihm blitzschnell den Stock aus der Hand und warf diesen weit über die Wipfel der Bäume weg. Dann faßte er den kleinen Helden bei den Hüften, hob ihn empor und schüttelte ihn derart, daß ihm Hören und Sehen verging, worauf er ihn behutsam wieder zur Erde niedersetzte.

»So, mein Zwerg«, sagte er, »das ist für den ›Bummler‹. Nun aber nimm Reißaus und laufe, was die Beine herhalten! Denn wenn ich dich in einer Minute noch einmal erwische, so quetsche ich dir die ganze ›hochgeehrte Wissenschaft‹ aus dem Leib!«

Der Tierarzt holte tief Atem. Er wollte reden, seine Augen funkelten vor Wut, aber er besann sich, wandte sich um und war im nächsten Augenblick zwischen den Bäumen verschwunden.

»Eine kleine Kröte! Aber mutig!« schmunzelte der Fremde. »Jedenfalls sehen wir uns in Rheinswalden wieder. Bin doch neugierig, was er da sagen wird! Hm! Geierschnabel und ein Bummler! Der Teufel hole diese verdammte Zivilisation, die jeden, der nicht einen schwarzen Frack um die Rippen hängen hat, für einen Bummler erklärt!«

Er setzte seinen Weg fort, blieb aber nach kurzer Zeit plötzlich stehen, sprang rasch über den Straßengraben hinüber und duckte sich hinter einen Busch nieder, der dicht genug war, ihn zu verbergen.

Er hatte nämlich ein Geräusch gehört, das er als Präriejäger nur zu wohl kannte. Im nächsten Augenblick trat ihm gegenüber ein prächtiger Rehbock langsamen Schrittes aus dem Wald hervor.

»Ein Bock!« flüsterte er. »Und was für ein Kapitalkerl! Donnerwetter, welch ein Glück, daß mein altes Schießeisen geladen ist!«

Ohne daran zu denken, daß er sich keineswegs mehr im wilden Westen von Amerika befand, riß er schnell den alten Lederschlauch von der Schulter und nahm die Büchse heraus. Der Hahn knackte laut. Der Bock hörte es und hob lauschend den Kopf. In demselben Augenblick aber krachte auch der Schuß, und das Tier brach im Feuer zusammen.

»Hallo!« rief der Schütze laut. »Das war ein Schuß! Jetzt hin zu ihm!«

Er sprang hinter dem Busch hervor und zu dem Tier hin, warf Leinwandsack und Lederschlauch von sich, zog das Messer hervor und begann, den Bock regelrecht aufzutun.

Während dieser Arbeit hörte er nahende Schritte, aber das kümmerte ihn, den das Jagdfieber ergriffen hatte, nicht im mindesten. Er fuhr in seiner Arbeit ruhig fort, bis der Nahende hinter ihm stand.

Dieser ergriff zunächst das am Boden liegende Gewehr des Wildfrevlers, betrachtete es mit einem erstaunten Blick und sagte:

»Donnerwetter, was fällt denn diesem verfluchten Kerl ein dahier!«

Jetzt erst drehte Geierschnabel den Kopf herum und antwortete:

»Was mir einfällt? Das sehen Sie ja!« – Jawohl sehe ich es! Er hat den Bock geschossen!« – »Jawohl«, antwortete der Jäger mit einem Kopfnicken. – »Aber wer hat es Ihm denn geheißen?« – »Geheißen? Niemand.« – »Niemand? Nun, warum tut Er es dennoch?« – »Warum? Na, soll ich mir denn so einen Bock entkommen lassen?«

Bei diesen Worten hatte der Fremde sich erhoben, um einen außerordentlich erstaunten Blick auf den Sprecher zu werfen. Dieser konnte nicht umhin, in wenigstens ebenso erstauntem Ton zu fragen:

»Kerl, ist Er denn verrückt?« – »Verrückt? Pah! Pchtichchchchch!«

»Millionenschockschwerebrett! Was fällt Ihm ein? Hält er mich etwa für einen holländischen Spucknapf?« – »Nein, aber für einen Erzgrobian!« – »Ich? Ein Erzgrobian? Das wird immer bunter!« – Ja, ein Erzgrobian ist Er! Ich sage ›Sie‹ zu Ihm, und Er nennt mich ›Er‹. Wenn das höflich ist, so lasse ich mich aufhängen.« – »Höflich oder nicht. Aber aufgehangen oder so etwas wird Er doch!« – »Ah! Von wem?« fragte Geierschnabel lächelnd. – »Das wird Er merken, ohne daß ich es Ihm zu sagen brauche. Weiß Er denn nicht dahier, daß die Wildschießerei mit soundso vielen Jahren Zuchthaus bestraft wird?«

Da sperrte Geierschnabel den Mund so weit auf, daß man alle seine zweiunddreißig prächtigen Zähne zu zählen vermochte. »Zucht – haus ...«, sagte er. – »Ja, Zuchthaus, Er Erzhalunke!« – »Donnerwetter! Daran habe ich weiß Gott nicht gedacht.« – »Ja, das glaube ich wohl. Diese Kerle denken erst dann an die Strafe, wenn sie in der Patsche stecken. Wer ist Er denn?« – »Ich? Hm! Wer sind denn Sie?« – »Ich bin der Ludwig Straubenberger.«

Da ging ein heiterer Blitz über das Gesicht des Amerikaners. »Ludwig Straubenberger?« sagte er. »Was geht das mich an!« – »Sehr viel sogar geht das Sie an. Ich stehe im Dienst des Herrn Oberförsters von Rodenstein.« – »Sie tragen doch keine Jägeruniform.« – »Weil ich Diener des Herrn Oberleutnants Helmers bin.« – »Und dennoch stehen Sie im Dienst des Oberförsters? Wie paßt das zusammen? Dienen Sie etwa zwei Herren?« – »Zweien oder zwanzigen, das geht Ihm ganz und gar nichts an dahier. Er ist mein Arrestant und hat mir zu folgen.« – »Zum Herrn Oberförster?« – »Ja. Zu wem denn sonst, Er Schlingel?«

Da reckte sich Geierschnabel empor und sagte:

»So schnell geht das nun allerdings nicht. Sie tragen keine Uniform. Legitimieren Sie sich mir als Forstbeamter.«

Das war dem braven Ludwig noch niemals vorgekommen.

»Hölle und Teufel!« rief er. »Verlangt so ein Spitzbube gar noch eine Legitimation von mir! Ich werde Ihn legitimieren, daß ihm der Buckel braun und blau anlaufen soll. Seine Flinte ist bereits konfisziert. Geht Er gutwillig mit oder nicht?« – »Ich habe es nicht nötig.« – »So werde ich nachzuhelfen wissen.«

Ludwig faßte den Fremden beim Arm.

»Tun Sie die Hand von meinem Arm!« sagte dieser jedoch in befehlendem Ton. – »Ah, Er wird ja immer renitenter! Ich werde Ihn kuranzen!« – »Pchtichchchchch!«

Ein Strahl braunen Tabaksaftes fuhr Ludwig an den Kopf. Da ließ er den Arm des Wilderers los und rief im höchsten Zorn:

»Alle Teufel! Auch noch anspucken! Das soll Er teuer bezahlen!«

In diesem Augenblick rief eine Stimme hinter einem der nächsten Bäume hervor:

»So hat er auch mich angespuckt. Soll ich Ihnen helfen, mein lieber Herr Straubenberger?«

Ludwig drehte sich um.

»Ah, der Kuhdoktor!« sagte er. »Was machen denn Sie dahier?« Der kleine Mann trat langsam und vorsichtig hinter dem Baum hervor.

»Ich wollte nach Rheinswalden, und da traf ich diesen Menschen.« – »Nun, und weiter!« – »Er fing ein Gespräch mit mir an, und dann kamen wir in Streit. Soll ich Ihnen helfen, ihn zu arretieren?« – »Na, ich habe Sie gerade nicht nötig, denn ich bin selbst Manns genug, um mit einem solchen Halunken fertigzuwerden, aber besser ist besser; er scheint nicht gutwillig mitzugehen. Wir wollen ihm die Hände ein wenig auf den Rücken binden!«

Da zuckte es eigentümlich um den Mund Geierschnabels. »Das wäre allerdings lustig genug!« sagte er. – »Wieso?« fragte Ludwig. »Für Ihn finde ich gar nichts Lustiges dabei.« – »O doch! Oder ist es nicht spaßhaft, wenn ein Wilddieb seinen Wildbrethändler arretiert?« – »Wildbrethändler? Wie meint Er das?« – »Ich meine damit mich. Ich bin Wildbrethändler aus Frankfurt.« – »Ah!« meinte Ludwig erstaunt. – »Und dieser Kleine da ist der eigentliche Wilderer«, fuhr Geierschnabel fort. »Er hat mir seit drei Jahren alles geliefert, was er in den Rheinswalder Forsten zusammengeschossen hat.«

Der kleine Tierarzt traute seinen Ohren nicht, als er diese Worte hörte. Auch Ludwig machte ein ganz verblüfftes Gesicht.

»Donner und Doria!« rief er. »Da muß doch gleich der helle, lichte Teufel drin sitzen! Ist das wahr, Kleiner?«

Erst jetzt kam dem vom Erstaunen Übermannten die Sprache wieder: »Ich ein Wilddieb?« fragte er. Und alle zehn Finger wie zum Schwur in die Höhe streckend, fügte er hinzu: »Ich schwöre tausend körperliche Eide, daß ich noch keine Maus, viel weniger aber einen Rehbock geschossen habe!« – »Oho, jetzt will er sich weißbrennen!« lachte Geierschnabel. »Wem gehört denn dieser alte Schießprügel da?« – »Ja, wem?« fragte Ludwig. – »Und wer hat den Bock geschossen? Ich nicht, sondern der Doktor da; ich habe ihn bloß aufgemacht und ausgenommen.« – »Herr Jesses, ist so etwas möglich!« zeterte der Kleine, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Glauben Sie es nicht, mein lieber, guter Herr Straubenberger.« – »Zum Teufel, ich weiß da allerdings nicht, was ich denken soll!«

Bei diesen Worten blickte Ludwig den Fremden ratlos an.

»Denken Sie, was Sie wollen«, meinte dieser. »So viel aber ist gewiß, daß ich mich allein nicht arretieren lasse. Ich bin so dumm gewesen, mit meinem Lieferanten auf den Anstand zu gehen, aber ich werde nicht so dumm sein, die Strafe allein zu tragen!« – »Heilige Mutter Maria, wo will das hinaus!« rief der Kleine. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Flinte in der Hand gehabt.« – »Aber an der Wange«, sagte Geierschnabel. »Ich kann es beweisen, und die Untersuchung wird alles ans Licht bringen.«

Da wandte Ludwig sich mit ernster Miene an ihn:

»Sagt Er wirklich die Wahrheit?« – »Ja.« – »Kann Er es beschwören?« – »Mit tausend körperlichen Eiden.« – »Da kann ich Ihm nicht helfen, Kleiner; ich bin gezwungen, auch Ihn als Wilderer zu arretieren.«

Der Arzt tat vor Schreck einen Sprung zurück.

»Um Gottes willen, Sie machen nur Spaß!« rief er. – »Nein, nein, es ist mein voller Ernst dahier!« – »Aber ich bin ja so unschuldig wie die liebe Sonne am Himmel!« – »Das wird die Untersuchung ergeben. Sie sind mein Arrestant!« – »Arrestant? Himmel, ich reiße aus!«

Der Kleine wandte sich um und wollte fliehen, aber Ludwig war schnell genug, ihn zu fassen und festzuhalten.

»Ah, schießen die Preußen so?« rief er. »Entfliehen will Er? Damit hat Er seine Schuld eingestanden. Ich werde diese beiden Kerle zusammenbinden, damit keiner mir entweichen kann.« – »Das lasse ich mir gefallen«, meinte Geierschnabel, »ich will nicht der einzige Schuldige sein. Wenn es gerecht zugeht, lasse ich mich ohne alle Gegenwehr binden und fesseln.« – »Gut, das ist verständig von Ihm. Gebt Eure Hände her. Hier habe ich die Schnur.« – »Aber ich schwöre bei allen Heiligen, daß ich unschuldig bin!« versicherte der Kleine. »Dieser Spitzbube will mich unglücklich machen!« – »Das wird sich ausweisen«, versicherte Ludwig. – »Aber Sie werden mich doch nicht etwa gefesselt nach Rheinswalden schleppen. Das wäre ja fürchterlich.« – »Schleppen? O nein, Sie werden selber laufen müssen.« – »Aber meine Ehre, meine Ambition, meine Reputation ...« – »Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Auf die Reputation eines Wilddiebes gibt kein Mensch einen Pfifferling. Wie wird es, geben Sie die Hand freiwillig her, oder soll ich Gewalt brauchen?«

Geierschnabel bückte sich zur Erde nieder, hob seinen Leinwandsack auf, warf ihn sich über den Rücken und sagte:

»Ich füge mich freiwillig. Hier ist meine Hand.« – »Und ich füge mich gezwungen«, rief der Kleine. »Hier ist meine Hand, aber ich werde Genugtuung verlangen.« – »Das ist nicht meine Sache«, meinte Ludwig. »Ich tue meine Pflicht, alles andere wird der Herr Oberförster untersuchen.«

Er fesselte die rechte Hand Geierschnabels mit der linken des Arztes zusammen. Dann sagte er:

»So, das ist abgetan. Aber den Bock, den soll doch nicht etwa ich nach Hause schleppen? Das ist Eure Sache.« – »Ich habe schon meinen Pack«, meinte Geierschnabel. – »Was ist denn drin in dem Sack?« – »Fünf Hasen.« – »Hasen? Donnerwetter! Woher sind sie?« – »Der Doktor hat gestern Schlingen gelegt, und heute vor Tagesanbruch gingen wir, sie abzusuchen; es hingen diese fünf darinnen.«

Der Kleine war ganz starr; er brachte kein einziges Wort hervor. Ludwig aber machte ein grimmiges Gesicht und sagte erbost:

»Also auch Schlingensteller! Das verschlimmert die Sache bedeutend. Fünf Hasen hat er zu tragen, da mag der Doktor den Bock auf sich nehmen.« – »Aber es ist ja Lüge, lauter infame Lüge!« stieß jetzt endlich der kleine Mann hervor. »Er hat die Hasen selbst gefangen!« – »Das wird sich alles, alles finden«, meinte Ludwig, indem er sich niederbückte, um die Läufe des Bockes zusammenzubinden. – »Herr Straubenberger, ich verklage Sie!« – »Meinetwegen!« – »Ich lasse Sie bestrafen.« – »Kümmert mich nicht; ich tue meine Pflicht dahier.« – »Aber mein ganz guter Ruf ist zum Teufel.« – »Die Hasen und der Bock auch. Hier ist er, da.«

Ludwig hing das Tier dem Kleinen über den Rücken.

»Heiliger Ignatius«, jammerte dieser, »jetzt muß ich unschuldiges Menschenkind auch noch das schwere Viehzeug schleppen!« – »Der Bock ist noch lange nicht so schwer wie die anderen alle, die du schon auf dem Gewissen hast«, sagte Geierschnabel. – »Mensch! Kerl! Ich vergifte dich, wenn ich erst wieder frei bin.« – »Sapperlot, das wird immer schlimmer«, meinte Ludwig. »Also auch ein Giftmischer! Da wollen wir nur machen, daß wir nach Rheinswalden kommen. Der Herr Oberförster wird sich wundern, was für Galgenvögel ich ihm bringe!«

Er gab den beiden einen Stoß, und der interessante Marsch begann.

Der Doktor bat, jammerte und klagte umsonst. Ludwig war ganz darauf versessen, seine Pflicht zu tun, und so sehr sich der Kleine auch sträubte, der kräftige Amerikaner zog ihn ohne große Anstrengung mit sich fort.

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