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Erkämpftes Glück Teil 1

Karl May: Erkämpftes Glück Teil 1 - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/may/waldroe5/waldroe5.xml
typefiction
authorKarl May
titleErkämpftes Glück Teil 1
publisherWeltbild
seriesWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde
volume5
illustratorFiruz Askin
year1999
firstpub1901/1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120628
projectid0889013b
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16. Kapitel.

Hilario brannte eine Laterne an und führte Mariano leise und heimlich nach dem unterirdischen Gang, in dem sich die Gefängnisse befanden.

»Überliefern kann ich ihn Euch jetzt noch nicht«, sagte er dabei. – »Warum nicht?« – »Ich darf Euch nicht helfen; ich darf überhaupt von ihm nicht gesehen werden. Ihr aber allein seid zu wenig, die beiden ohne Lärm fortzubringen. Ich will Euch jetzt nur beweisen, daß sie da sind. Dann holen wir Eure beiden Gefährten herbei, mit deren Hilfe Ihr es viel leichter und besser fertigbringen werdet. Kommt!«

Der Pater führte Mariano in den Gang hinein, blieb vor Josefas und Cortejos Gefängnistür stehen und gab Mariano die Laterne in die Hand.

»Ich werde jetzt öffnen«, flüsterte er. »Sie dürfen mich nicht sehen. Leuchtet sie an. Ihr werdet sie erkennen und da sehen, daß ich es gut und ehrlich mit Euch meine. Nur bitte ich Euch, kein unnützes Gespräch mit ihnen anzuknüpfen.« – »Das wird mir gar nicht einfallen. Habt keine Sorge!«

Jetzt öffnete der Pater die Tür und trat zur Seite. Mariano leuchtete hinein. Seine Gestalt befand sich im Dunkeln.

»Verfluchter Pfaffe!« tönte ihm Cortejos Stimme entgegen. »Laß mich los, oder ich werde mich fürchterlich rächen!« – »Teufel!« rief auch Josefa. »Sollen wir hier elend verhungern?« – »Nein«, antwortete Mariano. »Ich werde Euch von hier fortbringen.«

Als Josefa hörte, daß es nicht der Pater war, fragte sie rasch: »Señor, wer seid Ihr?« – »Seht mich an, ob Ihr mich erkennt.«

Mariano drehte die Laterne herum, so daß ihr Schein voll auf ihn selbst fiel.

Josefa starrte ihn einige Augenblicke lang an, dann rief sie erschrocken:

»O ihr Heiligen! Das ist Mariano.« – »Ja, ich bin es«, antwortete er. »Die Zeit, Gericht zu halten, ist gekommen. Ihr werdet Eure Strafe erhalten.« – »So war es nur Täuschung, daß der Pater Señor Sternau und die beiden andern ...«

Krach. Der Pater warf die Tür zu. Das Mädchen stand ja im Begriff zu verraten, daß auch Sternau gefangen sei.

»Warum macht Ihr so schnell zu?« fragte Mariano. – »Ich bat Euch, kein Gespräch anzufangen. Ihr droht mit dem Gericht, und nun werden sie Euch nur unter Anwendung von Gewalt folgen.« – »Wir werden mit ihnen fertig werden.« – »So kommt wieder mit hinauf, damit wir Eure Gefährten holen.«

Die Männer kehrten zur Wohnung des Paters zurück, wo dieser Mariano die Weisung gab zu warten.

»Ihr selbst wollt meine Freunde holen?« fragte der letztere. – »Ja.« – »Warum nicht ich?« – »Ihr vergeßt, daß alles in tiefster Stille abgemacht werden muß. Kein Unberufener darf etwas merken. Ihr kennt die Schliche nicht.«

Damit ging der Pater. Aber ehe er zum Tor ging, suchte er seinen Neffen in der Klosterzelle auf, die er ihm zur Wohnung angewiesen hatte.

»Halte dich bereit«, sagte er. »Es gibt heut wieder zu tun.« – »Was?« fragte Manfredo. – »Es sind drei gekommen, die wir festnehmen müssen.«

Er gab ihm die nötige Weisung und suchte dann André und Helmers auf. Diese hielten noch immer in der Nähe des Tores. Die Zeit war ihnen außerordentlich lang geworden. Da hörten sie nahende Schritte. Nicht das Tor war ihnen geöffnet worden, sondern die kleine Pforte, die der Pater bei solchen Gelegenheiten zu benutzen pflegte. Er trat zu ihnen heran und fragte sie leise:

»Ihr seid Señor André und Señor Helmers?« – Ja«, antwortete der erstere. »Wo ist unser Freund?« – »Bei mir. Habt die Güte, mir zu folgen.«

Hilario wandte sich nicht nach dem Tor, sondern der Gegend zu, in der das Pförtchen lag. Der kleine Jäger war aber ein vorsichtiger Mann.

»Warum nicht durch das Tor?« fragte er. – »Eure Anwesenheit soll geheimgehalten bleiben, weil ich Euch Cortejo überliefern werde, und das darf doch kein Mensch merken.« – »Donnerwetter, Cortejo ist da?« – »Ja.« – »Gut, wir folgen. Aber was tun wir mit den Pferden?« – »Führt sie leise hier längs der Mauer hin, bis Ihr an einige Bäume kommt, wo Ihr sie anbinden könnt. Ich werde hier warten.«

Dies geschah, und dann brachte Hilario André und Helmers mit solcher Vorsicht nach seinem Zimmer, daß kein einziger Bewohner des Klosters etwas davon merkte.

Der vorsichtige kleine André erkundigte sich nun zunächst bei Mariano. Als er aber von diesem hörte, daß er Cortejo nebst dessen Tochter bereits gesehen und auch gesprochen habe, verschwand jedes Mißtrauen.

Nun brachen sie nach dem unterirdischen Gang auf. Vorher aber nahm der Pater aus einem Kästchen eine dünne Papierhülse, die er zu sich steckte, und zwar in einer Art und Weise, daß es gar nicht auffallen konnte.

Sie gelangten unten bis an die starke Tür, die nach dem Gefängnisgang führte. Dort griff Hilario in die Tasche, um den Schlüssel hervorzuholen. Er fand ihn nicht.

»Ah, der Schlüssel ist nicht da«, sagte er. »Er liegt in der Nische, an der wir vor der letzten Tür vorüberkamen. Entschuldigen die Señores einen Augenblick!«

Die Männer befanden sich jetzt in einem quadratischen Raum, der nicht sehr groß war. Der Pater wandte sich zurück und öffnete die Laterne. Er zog die Hülse aus der Tasche, brannte das eine Ende derselben an und blies in das andere hinein. Sofort entstand ein Strahl, ähnlich demjenigen, wenn man Bärlappsamen und Kolophonium durch eine Flamme bläst. Dann war er mit zwei Schritten zur Tür hinaus, die er hinter sich zuwarf und schnell verriegelte.

»Gefangen!« lachte er höhnisch. »Ah, nun weiß ich alles. Dieser Mariano war dumm genug, mir alles bis ins einzelne zu beichten. Nun bin ich Meister der ganzen Angelegenheit. Ah, wie sie da drinnen fluchen und toben! Es wird nicht lange währen.«

Man hörte, wie auch diese drei Männer sich Mühe gaben, die Tür aufzubrechen. Es gelang ihnen nicht, und nach zwei Minuten war es vollständig ruhig. Da hörte der Pater nahende Schritte.

»Manfredo!« rief er nach rückwärts. – »Ja, ich bin es«, ertönte die Antwort. – »Komm! Es ist Zeit!«

Der Neffe kam herbei; er war mit keinem Licht versehen.

»Das läuft sich verdammt schlecht hier im Dunkeln«, klagte er. »Sind sie da drinnen?« – »Ja. Ich glaube, wir dürfen nicht zögern, sonst ersticken sie«, entgegnete Hilario, schob die Riegel zurück und öffnete. Sofort strömte ihnen ein betäubender Geruch entgegen. Sie wichen zurück, bis er sich verzogen hatte, und traten dann ein. Die drei Männer lagen besinnungslos an der Erde. Der Pater untersuchte sie. – »Sie leben noch«, sagte er, »aber schnell fort mit ihnen!« – »Wohin?« – »Neben die anderen.« – »Warte, bis ich ihnen ihre Waffen abgenommen und sie durchsucht habe.«

Der saubere Neffe nahm den Gefangenen alles ab, was sie bei sich hatten. Als er das auch bei Mariano tat, sagte er:

»Schau, Oheim, welch ein Ring! Ist das ein Diamant?«

Er zog dabei dem Bewußtlosen den Ring vom Finger und reichte ihn dem Pater hin. Dieser antwortete, nachdem er ihn genau betrachtet hatte:

»Ja, ein Diamant, und zwar mit der Grafenkrone der Rodriganda. Ich werde ihn einstweilen zu mir stecken.« – »Ich denke, daß alles mir gehört, was diese Kerle bei sich tragen?« – »Ja.« – »Nun, warum dieser Ring nicht?« – »Er gehört dir. Ich nehme ihn nur einstweilen, weil ich denke, einen Plan auszuführen, bei dem ich ihn brauchen kann.«

Sie faßten jetzt die drei ausgeplünderten Männer an und trugen sie nach dem Gang, wo ein jeder von ihnen, noch bewußtlos, in eines der Gefängnisse gesteckt wurde. Als dies geschehen war, öffnete der Pater die Tür, hinter der Cortejo nebst seiner Tochter steckte.

»Kommt Ihr, um uns abzuholen, Señor Mariano?« fragte Josefa. – »Nein, es ist nicht Mariano«, antwortete Hilario. – »Ah, der Pater, dieser Satan!« stöhnte Josefa. – »Ich, ein Satan?« lachte der Pater. »Ihr seid viel eher eine Teufelin, als ich ein Teufel. Glaubt Ihr übrigens, mit Euren Schimpfreden Eure Lage zu verbessern? Da irrt Ihr Euch gewaltig.« – »Was haben wir Euch getan, daß Ihr uns auf eine so schreckliche Weise umkommen lassen wollt?« – »Oh, ich habe eine kleine Rechnung mit Eurem Vater quittzumachen. Wenn Ihr mit darunter leidet, so seid Ihr selber schuld. Härtet Ihr Euch einen besseren Kerl als Vater ausgesucht!« – »Schuft!« knirschte Cortejo. – »Schimpft nicht«, gebot der Pater. »Übrigens steht es ganz bei Euch, ob ich Euch verschmachten lasse oder ob Euch noch Hoffnung auf Rettung gelassen werden kann.« – »Rettung?« fragte Cortejo. »Was verlangt Ihr dafür?« – »Darüber wollen wir später sprechen. Jetzt handelt es sich einstweilen nur um Milderung Eurer augenblicklichen Lage. Ich bin bereit, Euch eine bessere Zelle und auch Nahrung zu geben, wenn Ihr mir eine aufrichtige und wahre Auskunft erteilt.« – »Worüber?« – »Über Henrico Landola, den Seeräuber.« – »Ah! Warum über ihn?« – »Das ist meine Sache. Ihr habt diesem amerikanischen Jäger Grandeprise versprochen, Landola in seine Hände zu geben?« – »Ja.«– »Ihr habt dies also für möglich gehalten?« – Ja.« – »Ihr wart also überzeugt, Landola wiederzutreffen?« – »Ja.« – »Wo?« – »Das ist unbestimmt. Ich weiß es nicht.« – »Ich aber will es wissen. Gebt Ihr mir darüber einen festen Anhaltspunkt, so werde ich Euch die gedachten Vergünstigungen gewähren.« – »Was wollt Ihr von Landola?« – »Ich habe auch mit ihm eine Rechnung quittzumachen.« – »Ihr wollt ihn einstecken und quälen wie uns?« – Ja, sogar noch ein weniger intensiver, wenn ich ihn nämlich bekomme.« – »Das würde mir ein Gaudium sein; aber trotzdem weiß ich nicht, wo er sich jetzt befindet.« – »Es gibt aber ein Mittel, es zu erfahren?«

Cortejo zögerte mit der Antwort. Darum meinte der Pater streng:

»Gut, behaltet es für Euch, wenn Ihr hier elend verschmachten wollt!«

Er stand bereits im Begriff, die Tür zuzumachen, da sagte Josefa:

»Um Gottes willen, sagt es ihm Vater! Ich will nicht sterben, ich muß leben bleiben. Oh, diese Schmerzen in meiner Brust.« – »Ja, ich glaube es«, lachte der Pater. »Ihr seid falsch kuriert worden. Ich könnte Euch die Schmerzen nehmen, ich könnte Euch heilen und herstellen, aber Ihr wollt es ja nicht.« – »Ich will, ich will! Vater, sage es ihm!« rief das Mädchen. – »Er betrügt und peinigt uns dennoch fort«, entgegnete Cortejo. – »Nein«, antwortete der Pater. »Wenn Ihr mir ehrlich antwortet, nehme ich Euch aus diesem Loch.« – »Gut; erst heraus, dann werde ich reden, eher aber nicht.« – »Ah, Ihr traut mir nicht? Na, ich will Euch das nicht übelnehmen und Euch daher Euren Wunsch erfüllen. Ich werde Euch aus den Eisenringen befreien, Euch aber vorher auf andere Weise fesseln, so daß Ihr mir keine Dummheiten machen könnt. Gebt Ihr dann aber keine Auskunft, so trifft Euch doppelte Strafe.«

Hilario fesselte nun Cortejo und Josefa mit Hilfe seines Neffen so, daß sie sich zwar erheben und auch langsam bewegen konnten, zu einem Widerstand aber unfähig waren. Dann machte er die Eisenhalter von ihren Hälsen und Leibern los.

»Jetzt kommt und folgt mir«, sagte er darauf. »Ich weise Euch nunmehr ein besseres Loch an, mit dem Ihr zunächst zufrieden sein könnt.«

Er schritt voran, die Gefangenen und sein Neffe gingen hinterher. Am Ende des Ganges befand sich eine Tür, die in einen Raum führte, der eher einer kleinen Stube als einem Gefängnis glich. Diese Tür öffnete Hilario und sagte:

»Hier herein!«

Sie traten ein und atmeten auf, denn hier konnten sie wenigstens stehen oder sich in voller Länge auf dem Boden niederstrecken.

»Das wird Eure jetzige Wohnung sein«, fuhr der Pater fort. »Nun aber verlange ich auch Auskunft. Wie oder wo kann ich erfahren, wo Landola sich befindet?« – »Bei meinem Bruder«, antwortete Cortejo. – »Also in Rodriganda in Spanien?« – »Ja.« – »Das ist mir zu weitläufig, das kann mir nichts nützen. Gibt es nicht noch eine andere und bessere Auskunft?«

Cortejo blickte den Pater finster und grimmig an und erwiderte:

»Wir bleiben wirklich hier in diesem besseren Loch?« – »Ja.« – »Wir bekommen hinreichende Nahrung?« – »Ja, wenn Ihr redet.« – »Wenn Ihr mir noch zweierlei versprecht, werde ich Euch eine vollständige Auskunft erteilen.« – »Sagt, was ich versprechen soll.« – »Erstens, daß wir hier nicht ermordet werden, und zweitens, daß Ihr meine Tochter ärztlich behandelt und herstellt.« – »Ich verspreche Euch das, wenn nämlich Eure Auskunft gut ist.« – »Sie ist gut.« – »So redet.« – »Ich traue Euch nicht. Schwört erst, daß Ihr Wort halten werdet.« – »Was kann Euch das nützen? Bin ich wirklich so treulos, wie Ihr meint, so werde ich auch den Schwur nicht achten.« – »Ihr habt recht. Wir sind ganz und gar in Eure Hand gegeben. Und darum will ich Euch sagen, daß ich meinem Bruder wegen des Landola geschrieben habe. Auch ich wollte wissen, wo derselbe sich befindet.« – »Und Ihr erwartet Antwort?« – »Ja.« – »Wann?« – »Sie muß bereits angekommen sein.« – »Wo?« – »In Verakruz bei meinem Agenten.« – »Warum nicht in Mexiko?« – »Ihr vergeßt, daß ich mich in der Hauptstadt nicht sehen lassen darf.« – »Das ist wahr. Wer ist Euer Agent?« – »Das werde ich Euch erst dann sagen, wenn wir Essen und Trinken erhalten haben und Ihr meine Tochter untersucht habt.« – »Señor Cortejo, Ihr seid eigentlich gar nicht in der Lage, mir Bedingungen vorzuschreiben, aber ich befinde mich heute in guter Stimmung, und darum will ich auf Euer Verlangen eingehen. Manfredo, hole Wein, Brot und Käse, ich will nach den Verletzungen der Señorita sehen.«

Der Neffe entfernte sich. Als er nach längerer Zeit mit dem Verlangten zurückkehrte, war der Pater auch mit seiner Patientin bereits fertig. Er hatte ihr gesagt, daß er hoffe, sie herstellen zu können.

»Jetzt habe ich mein Wort erfüllt«, sagte er, »nun haltet auch das Eurige.« – »Mein Agent ist der Fischer Gonsalvo Verdillo«, antwortete Cortejo. – »Und Ihr denkt, daß bei ihm die Antwort liegt?« – »Sie ist ganz sicher da.« – »Wie aber kann man sie von ihm erhalten?« – »Durch einen Boten.« – »Wird er sie ihm aushändigen?« – »Nur dann, wenn dieser Bote einen Brief von mir bringt, durch den er sich zu legitimieren vermag.« – »Dieser Agent kennt Eure Handschrift?« – »Genau.« – »Gut, so werdet Ihr diesen Brief schreiben.« – »Davon war keineswegs die Rede. Ich habe Euch nur versprochen, Euch Auskunft zu geben, und das habe ich getan.« – »Das heißt wohl, daß Ihr den Brief nicht schreiben wollt?« – »Wenigstens nicht umsonst.« – »Was verlangt Ihr dafür?« – »Eine wahre Auskunft über diesen Mariano, der sich vorhin bei uns sehen ließ. Was habt Ihr mit ihm vor?« – »Ich habe ihn gerade so gefangengenommen wie Sternau und die anderen. Er ist mein Gefangener und steckt in einer Zelle dieses Ganges.« – »Was werdet Ihr überhaupt mit all diesen Leuten tun?« – »Das weiß ich jetzt noch nicht; ich will an ihnen meine Rache kühlen. So, das ist meine Auskunft. Nun werdet Ihr wohl schreiben?« – »Unter einer Bedingung nur.« – »Abermals eine Bedingung? Hört, nehmt Euch in acht, daß meine Geduld nicht zu Ende geht! Welche Bedingung soll das sein?« – »Daß ich den Brief meines Bruders auch zu lesen bekomme.« – »Das will ich Euch zugestehen. Wie pflegt Ihr an den Agenten zu schreiben? Was braucht Ihr dazu?« – »Nichts als Tinte, Feder, Briefbogen und Kuvert.« – »Ich werde gehen, es zu holen.« – »Ah, ich soll hier in diesem Loch schreiben?« – »Ja. Übrigens merkt es Euch, daß dies kein Loch ist! Oder wünscht Ihr vielleicht, daß ich Euch wegen dieses Briefes in ein Damenboudoir führen soll? Da irrt Ihr Euch; ich werde Euch, damit Ihr schreiben könnt, die Handfesseln abnehmen, aber bei der geringsten verdächtigen Bewegung, die Ihr macht, werde ich Euch eine Kugel durch den Kopf jagen. Jetzt bleibt Ihr, bis ich wiederkehre, unter Manfredos Bewachung.«

Hilario ging. Als er zurückkehrte, hatte er außer den erwähnten Schreibrequisiten auch einen hölzernen Schemel mit, den Cortejo als Schreibpult benutzen sollte. In höchst unbequemer Lage und beim Schein der Laterne faßte dieser den Brief ab. Der Pater las ihn durch.

»Er scheint unverdächtig zu sein«, meinte er. »Oder gibt es zwischen Euch und Eurem Agenten geheime Zeichen, die man nicht bemerken kann, mittels deren Ihr Euch aber verständigt?«

– »Nein.« – »Es würde Euch nur schaden, mich betrügen zu wollen; jetzt seht, wie Ihr Euch in dem Logis einrichtet, Girlanden wurden beim Einzug nicht verwendet. Wenn die Antwort kommt, dürft Ihr sie lesen.«

Nach diesen Worten schloß er den Kerker und entfernte sich mit dem Neffen.

»Wer wird den Brief nach Verakruz schaffen?« fragte dieser. – »Der amerikanische Jäger.« – »Grandeprise?« – Ja.« – »Aber wenn dieser nun nach Cortejo gefragt wird?« – »Da laß mich nur machen! Jetzt vor allen Dingen hast du die Pferde der neuen Gefangenen fortzubringen, damit man nichts merkt.«

Es war während des Geschehens eine ziemliche Zeit vergangen, so daß es zu spät war, noch mit Grandeprise zu sprechen; am anderen Morgen aber ließ Hilario ihn bereits früh zu sich rufen.

»Señor Grandeprise, ich habe Euch einen Auftrag zu erteilen«, sagte er. »Seid Ihr bereits einmal in Verakruz gewesen?« – Ja«, lautete die Antwort. – »Aber von hier aus nicht?« – »Nein.« – »So würde es Euch wohl schwer werden, den kürzesten Weg zu finden.« – »Mir, einem Jäger? Wo denkt Ihr hin! Aber was redet Ihr von Verakruz, ich habe dort ja gar nichts zu schaffen.« – »Und doch; ich möchte Euch bitten, einen Brief dahin zu besorgen.«

Grandeprise machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Señor, Ihr habt mich vom Tod errettet«, sagte er, »ich bin also sehr gern bereit, Euch jeden Gefallen zu tun; jetzt aber ist es mir nicht möglich.« – »Warum nicht?« – »Weil ich in Señor Cortejos Diensten stehe; ich kann nicht fort.« – »O doch, denn gerade von Señor Cortejo ist dieser Brief.« – »Er ist es, der mich nach Verakruz schickt?« – Ja.«

Die Brauen Grandeprises zogen sich zusammen.

»Donnerwetter, ich errate etwas«, sagte er. – »Was?« – »Dieser Mann will mich gern von hier forthaben.« – »Warum?« – »Damit er mir ein Versprechen, das er mir gegeben hat, nicht zu erfüllen braucht.« – »Ihr meint das Versprechen, Euch Landola zu verschaffen?« – »Ja. Aber woher wißt Ihr das?« – »Er selbst hat es mir gesagt. Übrigens ist Eure Vermutung eine sehr irrige. Señor Cortejo will Euch nicht betrügen, sondern er will sein Versprechen erfüllen, indem er Euch nach Verakruz schickt. Dort liegen bei seinem Agenten Nachrichten über Landola, die Ihr im bringen sollt.« – »Das läßt sich eher hören. Aber warum schickt er Euch zu mir? Warum spricht er nicht selbst mit mir?« – »Weil er nicht kann; er ist nicht mehr da.« – »Nicht mehr da?« fragte der Jäger enttäuscht. »Seit wann?« – »Seit heute nacht.« – »Das kommt mir verdächtig vor, Master Hilario.« – »Das sollte mich wundern. Bei der jetzigen Lage der Dinge kann manches passieren, was ungewöhnlich ist. Hat Señor Cortejo Euch denn versprochen, hierzubleiben?« – »Nein, das allerdings nicht.« – »Oder schuldet er Euch größeres Vertrauen als anderen Leuten?« – »Hm, wie man es nimmt. Ich habe ihm das Leben und die Freiheit gerettet. Ohne mich wäre er entweder tot oder gefangen und blind. Einen solchen Retter in der Not läßt man nicht sitzen, ohne ihn vorher gesprochen oder benachrichtigt zu haben.« – »Das war unmöglich; es kam ein Bote, der ihn sofort abrief.« – »Wohin?« – »Zum Panther des Südens.« – »Hole den der Teufel!« – »Cortejo hatte kaum noch Zeit, diesen Brief zu schreiben, den ich Euch übergeben soll.« – »Hm, der Brief handelt wirklich von Landola?« – »Ja, ich habe ihn gelesen.« – »An wen ist er? Zeigt einmal her!« – »An den Fischer Gonsalvo Verdillo, der der Agent Cortejos ist. Dieser letztere hat um Auskunft geschrieben, wo Landola sich befindet. Die Antwort liegt bei dem Fischer. Ihr sollt sie holen.« – »Wohin ist sie zu bringen, etwa zum Panther des Südens?« – »Nein, sondern zu mir.« – »Aber Cortejo ist ja gar nicht bei Euch.« – »Er wird zur Zeit Eurer Rückkehr wieder hier sein.« – »Dann bin ich eher einverstanden. Gebt den Brief her. Ich werde gleich aufbrechen.« – »Darum wollte ich Euch bitten. Augenblicklich fort und so bald wie möglich wieder zurück. Aber seid vorsichtig; es ist heutzutage nichts Kleines, einen Brief von Cortejo bei sich zu haben.«

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