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Erkämpftes Glück Teil 1

Karl May: Erkämpftes Glück Teil 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/may/waldroe5/waldroe5.xml
typefiction
authorKarl May
titleErkämpftes Glück Teil 1
publisherWeltbild
seriesWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde
volume5
illustratorFiruz Askin
year1999
firstpub1901/1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120628
projectid0889013b
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11. Kapitel.

Während dieser Unterredung befand Señorita Emilia sich in ihrem Zimmer. Sie ging nicht zur Ruhe, sondern wurde von der Frage wach erhalten, ob es geratener sei, gleich heute oder erst später Einsicht in den geheimen Briefwechsel des Paters zu nehmen.

Ihr Zimmer war nicht gar zu weit von dem seinigen, und so bemerkte sie, daß Personen leise gingen und kamen. Dies veranlaßte sie, ihr Licht zu verlöschen und die Tür ein wenig zu öffnen, um zu lauschen.

Nach einiger Zeit hörte sie wieder Schritte. Die Zimmertür des Paters wurde geöffnet, und beim Schein seiner Lampe sah sie eine männliche und eine weibliche Person bei ihm eintreten. Noch ehe die Tür sich hinter ihnen schloß, bemerkte sie, daß dem Mann ein Auge fehlte.

Nur einige Minuten später wurde sie abermals durch ein Geräusch aufmerksam gemacht. Sie sah den Pater mit der Laterne in der Hand auf der Treppe verschwinden, auf der sie mit ihm nach dem Keller gegangen war. Er stand nämlich im Begriff, den Brief des Panthers des Südens zu holen, den er Cortejo versprochen hatte.

Sie beschloß, ihm nachzugehen, und so glitt sie vorsichtig und lautlos hinter ihm die Treppe hinab. Da er hinter sich alle Türen offenließ, so konnte sie ihm fast bis in die Felsenkammer folgen, in der er seine Schätze und Papiere aufbewahrte. Sie bemerkte dort, daß er den Schrank öffnete und nach einem Brief suchte, den er zu sich steckte.

Nun mußte sie eiligst zurückkehren, um nicht von ihm gesehen zu werden. Sie erreichte ihr Zimmer glücklich und sah den Pater in das seinige zurückkehren. Aber nach längerer Zeit verließ er dasselbe wieder, und zwar in Begleitung der beiden Personen, die vorhin zu ihm gekommen waren. Er führte sie an ihrer Tür vorüber, und dabei hörte sie ihn mit leiser Stimme einige Worte sagen, von denen sie nur einen Teil verstand.

»Señorita Josefa, Ihr sei da unten vollständig ...«

Mehr konnte sie nicht vernehmen. Aber kaum waren die drei vorüber, so kam ihr ein Gedanke, den sie auch sofort ausführte. Sie nahm einige Zündhölzchen zu sich und schlich sich nach des Paters Zimmer. Dort war es dunkel. Sie strich eines der Hölzer an und gewahrte nun beim Schein desselben die Schlüssel, auf die sie es abgesehen hatte. Sie nahm sie von der Wand und kehrte mit ihnen in ihre Stube zurück.

Erst nach längerer Zeit hörte sie den Pater wieder zurückkommen. Er war allein. Er hatte Cortejo und Josefa nach ihrem unterirdischen Asyl gebracht. Er gewahrte nicht, daß während seiner Abwesenheit jemand zugegen gewesen war. Nachdem er die Laterne auf den Tisch gestellt hatte, schritt er im Zimmer auf und ab und sagte zu sich selbst:

»Welch ein Abend! Die Rache, die ich fast aufgegeben hatte, ist da. Dieser Cortejo ahnt gar nicht, daß er der Rache noch mehr verfallen ist als der Graf. Cortejo war damals der eigentliche Urheber meines Unglücks, und ihn soll auch die härteste Strafe treffen. Vorher aber soll er mir soviel als möglich behilflich sein, meine Pläne auszuführen. Welche Unvorsichtigkeit! Mir, seinem Feind, diese Geschichte der Rodrigandas mitzuteilen! Ich werde sie zu seinem Verderben und zu meinem Vorteil benutzen. Alle Teufel! Wenn ich meinen Neffen Manfredo als Graf unterschieben könnte! Aber da wäre es notwendig, alle, die das Geheimnis wissen, aus dem Weg zu räumen. Ich werde abwarten und dann tun, was der Augenblick gebietet. Morgen werden vielleicht die Verfolger eintreffen. Da gibt es zu tun. Ich werde mich jetzt niederlegen und den Brief des Panthers erst morgen wieder in den Schrank schließen.«

Dieser Entschluß war ein Glück für Emilia, denn hätte er noch heute abend den Brief wieder zurückbringen wollen, so wäre von ihm das Fehlen der Schlüssel bemerkt worden. So aber ging er schlafen, ohne zu ahnen, daß die Geheimnisse seiner Korrespondenz in Gefahr waren, verraten zu werden.

Emilia wartete noch eine Zeitlang, bis sie überzeugt sein konnte, daß alles zur Ruhe gegangen war, dann steckte sie eine genügende Menge Papier und eine Bleifeder zu sich, nahm eine Lampe und ein Fläschchen Brennöl, das ihr zur Verfügung stand, und ging an ihr Unternehmen.

Sie verschloß ihre Stube und steckte den Schlüssel zu sich, damit niemand bemerken könne, daß sie abwesend sei. Dann stieg sie ohne Licht leise die Treppe hinab, die zu den Kellern führte. Erst dort angekommen, brannte sie die Lampe an und öffnete mittels der Schlüssel die Türen. Auf diese Weise und da sie sich die geheimen Handgriffe gemerkt hatte, die ihr gelangen, kam sie in die Felsenkammer, in der sich das Gesuchte befand.

Sie ging sofort an die Arbeit, indem sie das Schränkchen öffnete und eine der Skripturen nach der anderen öffnete, um sie zu lesen.

Sie waren höchst interessant und für Juarez, ihren Auftraggeber, von der allergrößten Wichtigkeit. Darum nahm sie Papier und Bleistift zur Hand und schrieb sich die wertvollsten Stücke ab. Sie hatte im Schreiben eine nicht gewöhnliche Fertigkeit, und doch gab es der Notizen so außerordentlich viele, daß sie voraussichtlich kaum bis zum Anbruch des Morgens fertig zu werden vermochte.

Während sie sich mit dieser Arbeit beschäftigte, drangen Laute wie von menschlichen Stimmen zu ihr. Sie lauschte. Die Töne kamen aus einer Ecke hervor, und als sie mit der Lampe dorthin leuchtete, bemerkte sie ein Loch, das wie eine Gosse geformt war, dessen Zweck hier an diesem Ort sie aber nicht zu begreifen vermochte. So viel stand fest, daß dieses Loch ihren Raum mit einem anderen verband, in dem jetzt gesprochen wurde.

Emilia bückte sich zum Boden nieder und lauschte. Jetzt vernahm sie deutlich den Klang einer männlichen und einer weiblichen Stimme, und als sie ihr Ohr ganz nahe an das Loch brachte, konnte sie sogar, allerdings mit Anstrengung ihres sehr scharfen Gehöres, die Worte verstehen, die da drüben gesprochen wurden.

»Du traust diesem Pater vollständig?« fragte die weibliche Stimme. – »Ja, vollständig«, antwortete die männliche. – »Aber er ist ja früher dein Feind gewesen!« – »Er denkt ebensowenig an diese vergangenen Dinge, wie ich an sie gedacht habe. Er haßt diesen Juarez und ist ganz erpicht darauf, sich an dem Grafen Rodriganda zu rächen.« – »Ich glaube doch, daß es geraten ist, vorsichtig zu sein, Vater!« – »Habe keine Angst um mich, Josefa! Pablo Cortejo läßt sich nicht so leicht von irgend jemandem betrügen. Das müßtest du doch wissen!« – »Oh, hast du nicht gerade in letzter Zeit den Beweis wiederholt erleben müssen, daß es doch Leute gibt, die uns überlegen sind?« – »Das war allerdings eine Reihe von ganz ungewöhnlichen Unglücksfällen, die sich aber jedenfalls nicht wiederholen werden. Ich habe dabei mein Auge verloren. Der Teufel hole jenen Kerl, der den so poetischen Namen Geierschnabel führt.« – »Woher weißt du, daß der Mann, der dir das Auge genommen hat, diesen Namen trägt?« – »Grandeprise nannte ihn mir. Er kennt ihn und hat ihn in der Gesellschaft von Juarez getroffen.« – »Vielleicht kommt uns dieser Mensch einmal in den Weg, Vater!« – »Dann sollte er eine Strafe erleiden, wie kein Teufel sie sich besser ausdenken könnte! Ich hatte erst die Absicht, zu versuchen, ob ich mich mit Juarez verbinden könne. Wäre mir mein Streich auf diesen Engländer und seine Ladung geglückt, so hätte ich dem Präsidenten höchst willkommen sein müssen, und ich hätte ihn gezwungen, zu einem Werkzeug meiner Pläne herabzusinken. Nun aber ist auch das vorüber.« – »Wo mag Juarez jetzt sein?« – »Oh, da die Vereinigten Staaten und England ihn unterstützen, so wird er jedenfalls schnelle Fortschritte machen. Sind die Freischaren, denen ich ausweichen mußte, zu ihm gestoßen, so ist er stark genug, ein kräftiges und rasches Vordringen zu unternehmen. Er wird dann sehr bald auf der Hacienda del Erina eintreffen.« – »Warum gerade dort?« – »Ich denke es mir, weil diese verteufelten Mixtekas gerade dort den Aufstand unternommen haben, der uns um alle unsere Hoffnung gebracht hat.« – »Ich meine, daß noch nicht alles verloren ist.« – »Sprich mit dem Pater darüber, er denkt ganz anders. Der Panther des Südens hat uns betrogen.« – »Unmöglich!« – »Oh, der Pater hat mir einen Brief des Panthers gezeigt, der mir den sicheren Beweis gebracht hat. Aber für heute ist es genug, Josefa. Auch du wirst von dem Ritt ermüdet sein, mehr noch, als ich selbst; wir wollen also sehen, ob wir in diesem unterirdischen Asyl schlafen können.«

Darauf wurde es still. Emilia lauschte noch eine Weile, bekam aber keine Silbe mehr zu hören.

»Sie sind zur Ruhe gegangen«, sagte sie zu sich selbst. »Wer aber sind sie? Cortejo und seine Tochter Josefa jedenfalls. Welch eine Entdeckung mache ich da! Sie haben sich nach hier geflüchtet, und der Pater hat ihnen ein Asyl geboten. Was aber die Hauptsache ist, Juarez kommt nach der Hazienda. Dort kann ich ihn treffen, um ihm die hier gefundenen Geheimnisse mitzuteilen. Zwar sollte ich eigentlich nach hier vollbrachter Arbeit schnell nach der Hauptstadt gehen, aber ich habe keinen zuverlässigen Boten, dem ich so Wichtiges anvertrauen dürfte. Ich bin also gezwungen, mich selbst nach der Hazienda zu begeben.«

Emilia kehrte jetzt zu ihrer Arbeit zurück. Sie schrieb und kopierte noch eine lange Zeit, bis endlich diese Aufgabe vollendet war.

Schon wollte sie den Raum verlassen, da fiel ihr Blick auf die Kisten, die da standen. Sie hielt den Schritt zurück und fragte sich:

»Was soll ich hier tun? Diese Kisten enthalten Reichtümer, die meiner Ansicht nach dem Staat, also Juarez gehören. Am allerwenigsten hat der Pater das Recht, sie zu besitzen. Ich könnte mich an ihnen bereichern, aber das wäre ja Diebstahl, und eine Diebin bin ich nicht. Ich werde mich also an diesen Schätzen nicht vergreifen, Juarez aber davon Mitteilung machen, sobald ich ihn treffe.«

Sie brachte alles wieder in den früheren Stand und kehrte nach ihrem Zimmer zurück. Die Aufregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, ließ sie nicht schlafen; sie traf Vorbereitungen zu einer heimlichen Abreise.

Bereits am frühen Morgen war der Pater wach. Er ging, um Cortejo und dessen Tochter den Morgenimbiß zu bringen. Er mußte dabei an Emilias Tür vorüber. Das Mädchen hatte die Schritte gehört und trat aus der Stube, um zu sehen, wer der Nahende sei.

»Ah! Schon munter, meine schöne Señorita?« fragte er. – »Ja, Señor«, antwortete sie. – »Habt Ihr nicht gut geschlafen?« – »Sogar sehr gut, aber ich erwachte früh, weil ich mir einen Morgenspaziergang vorgenommen hatte.« – »Daran tut Ihr recht wohl. Überlegt Euch dabei die Antwort, die Ihr mir nach Ablauf der festgesetzten Frist geben werdet.« – »Sie wird sehr überraschend sein, Señor«, sagte sie freundlich.

Hilario fühlte sich von ihrem Ton sofort bezaubert und fragte, indem er ihre Hand ergriff, um sie zu küssen:

»Sie wird günstig ausfallen, Señorita?« – »Jedenfalls!« – »Ich meine natürlich, günstig für mich!« – »Wartet es ab! Man darf nicht zu viel auf einmal erfahren wollen!«

»Oh, Señorita, ich kenne die Antwort bereits«, sagte er, indem sein Antlitz vor Freude erglänzte. »Ihr braucht mir gar nichts zu sagen.«

Damit ging er. Kaum aber war er um die Ecke des Ganges verschwunden, so eilte sie nach seiner Tür. Der Schlüssel stak in derselben. Emilia trat ein und brachte die gestern entwendeten Schlüssel wieder an ihre Steile. Dann kehrte sie auf ihr Zimmer zurück.

Einige Augenblicke später verließ sie dasselbe. Sie trug ein ziemlich ansehnliches Paket in der Hand, was aber niemand bemerkte, da es noch früh am Tag war und die meisten der Klosterbewohner noch schliefen.

Emilia begab sich nun in die Stadt hinab, und zwar zu einem Pferdebesitzer, den sie fragte:

»Ihr verleiht Pferde?« – »Ja, Señorita«, antwortete er. »Wollt Ihr spazierenreiten?« – »Nein, ich habe eine Reise vor.« – »Weit?« – »Ziemlich weit. Ich will den Ort geheimhalten. Könnt Ihr schweigen?« – »Ich bin gewohnt, bezahlt zu werden und zu schweigen.« – »Ich werde Euch pränumerando bezahlen. Ist Euch die Hacienda del Erina bekannt?« – »Ja. Wollt Ihr dorthin?« – »Ja.« – »Das ist eine Reise von mehreren Tagen. Welche Begleitung habt Ihr?« – »Keine. Ich bin allein.« – »Dann seid Ihr eine sehr mutige Dame. Soll ich für Begleitung sorgen?« – »Zwei Männer werden genügen.« – »Ganz wie Ihr denkt. Wann soll es fortgehen?« – »Möglichst sofort.« – »Ich gebe Euch zwei meiner Knechte mit. Es sind sichere Leute. In einer halben Stunde werden sie fertig sein.« – »Ich bekomme natürlich einen Damensattel?« – »Das versteht sich ganz von selbst!« – »Nun gut! Hier dieses Paket mögen die Knechte mitbringen.« – »Wie, Ihr wollt nicht hier aufsteigen?« – »Nein. Ich gehe voraus und werde mich vor der Stadt von ihnen treffen lassen. Man soll nicht sehen, auf welche Weise und nach welcher Richtung hin ich Santa Jaga verlasse.«

Emilia besprach nun den Preis mit dem Pferdebesitzer und bezahlte ihn so, daß er ganz außerordentlich zufrieden war. Darauf begab sie sich in der Haltung einer Spaziergängerin hinaus.

Zur angegebenen Zeit wurde sie von zwei Reitern eingeholt, die ein Pferd mit Damensattel bei sich führten. Sie hielten bei ihr an.

»Ihr wollt nach der Hacienda del Erina?« fragte der eine. – »Ja«, antwortete sie. – »Ihr habt ein Pferd mit zwei Begleitern bestellt?« – »So ist es. Seid ihr diese Leute?« – »Wir sind es. Steigt auf, Señorita.«

Die Reiter sprangen ab und halfen Emilia in den Sattel, dann ging es nach mexikanischer Sitte im schnellsten Galopp von dannen.

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