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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Das alte Schloß Halljala blieb zwar der Sammelplatz für die Gäste des Freiherrn, den größten Theil ihrer Zeit verlebten diese jedoch jenseits des Wassers in dem einfachen Hause am See, wo sie immer willkommen waren, und Lieder, Lust und mannigfache Zerstreuungen fanden. Auf Otho's schnellen Pferden durchstreiften sie das Land, oder er führte sie mit Angeln und Netzen in den See hinaus zum fröhlichen Fischfang, oder sie zogen mit seinen grauen Hunden in Erich Randal's Wälder zur Jagd, und ihre Hörner schallten durch das Thal von Halljala zum Ärger des Propstes Ridderstern, der jedesmal sich in sein Haus flüchtete und dafür sorgte, daß sich seine Familie nicht blicken ließ, wenn die Jagdgenossen vorüber kamen. – An anderen Tagen führte Louisa ihre Freunde wohl zu einer der nackten Felsspitzen, welche aus der großen Hügelkette aufragten, die einen weiten Halbkreis um die Seebucht bildete, und es begann ein lustiges Steigen und Klettern um den Preis, der Erste zu sein. Seltsamer Weise geschah es dabei, daß Erich Randal, wenn er wollte, von Niemand übertroffen wurde. So kühn, gelenkig und stark seine Gegner waren, so thaten sie es ihm dennoch an Ausdauer und Überwindung großer Schwierigkeiten nicht gleich; doch nur in besonderen Fällen, oder wenn Ebba ihn dazu aufforderte, verstand er sich dazu, an einem Wettkampfe Theil zu nehmen und Andern den Sieg streitig zu machen. Oft, wenn die Gesellschaft an einem schönen Wasserfall oder an einer der Waldeinsamkeiten am Pajäne lagerte, wurden 162 von den jungen Männern Kampfspiele aufgeführt, bei denen Ebba und Louisa, als Preisrichter, Kränze und Sträuße, welche sie gewunden, an die Sieger vertheilten. Bei allen diesen Spielen, welche es auch sein mochten, fand es sich, daß Otho und Alexei Serbinoff zwei sich völlig würdige Gegner waren, die in Kraft und Gewandtheit, wie in künstlerischer Ausbildung derselben, Keiner dem Andern wichen. Schien Serbinoff von noch stärkerem Gliederbau, so war Otho dafür noch beweglicher. Verstand jener regelrechter mit dem Schwert zu fechten, oder gelang es ihm, einen Stein weiter zu schleudern, so war dieser Meister mit der Kugelbüchse und in den Springspielen, die von der finnländischen Jugend überhaupt viel geübt wurden. Auch Lindström zeigte sich voll Kraft und Ruhmeslust, und diese drei jungen Männer, die Repräsentanten drei verschiedener Volksstämme, thaten häufig bei diesen olympischen Festen ihr Bestes für die Ehre ihrer Stammesgenossen und für den Beifall der Zuschauer. Der Kammerherr betrachtete ihre Anstrengungen gewöhnlich von einem dichten Moospolster aus durch sein Lorgnon und bespöttelte die ungebührlichen Erhitzungen. Der junge Magnus Munk dagegen bedauerte nichts schmerzlicher, als daß er noch nicht groß und alt genug sei, um sich mit solchen Widersachern messen zu können.

Vergingen die Tage fröhlich, so waren die Abende noch angenehmer. An Otho's gastlichem Tisch gab es keine seltnen und köstlichen Speisen, allein selbst der verwöhnte Kammerherr fand immer Einiges, das ihm behagte, und dazu kam die heitere Geselligkeit als besondere Würze. Otho hat nicht umsonst seine Schwester einen Elf oder Nix genannt, Louisa verdiente in der That diese Namen. Mit Jedem wußte sie zu scherzen und zu lachen, Jedem etwas Freundliches und Gutes zu sagen, und wenn die feine behende Gestalt die Gäste umschwebte, ordnend und dienend, immer bereit zu heiterster Regsamkeit, war es wirklich, als berührten ihre Füße kaum den Boden und als tanze sie auf den Sonnen- und Mondstrahlen, die den Schmelz ihrer Augen und ihre rosige Haut so wunderbar durchsichtig machten.

Einen besondern Reiz jedoch erhielt die kleine Louisa noch durch ihren süßen Gesang und durch den Schatz alter Lieder, welche sie auf der Zither zu begleiten wußte. Die finnische Kandele ist ein ziemlich 163 unvollkommenes Instrument. Bespannt mit fünf dünnen Saiten erregte sie, als die schwedischen Herren sie zuerst sahen, das spottende Lächeln des Kammerherrn. Ich bin doch neugierig, flüsterte er Serbinoff zu, was die kleine Hexe aus diesem Ding, daß nicht viel größer als eine Violine ist, mit ihren Fingerchen herausquälen wird; aber zu seinem Erstaunen klangen die sanften Töne und Accorde äußerst angenehm und paßten vortrefflich zu Louisa's Gesang.

Das ist das älteste Instrument, das wir in Finnland haben, sagte Otho. Wainemonen, unser Apollo, hat diese Zither erfunden und seine göttlichen Finger rührten zuerst ihre Saiten mit solcher wundervollen Macht, daß die wilden Thiere begierig aus den Wäldern kamen, die Lüfte still standen und das Meer unbeweglich blieb, um den Gott zu hören, der selbst so gerührt von seiner Erfindung war, daß Thränen aus seinen Augen rollten. Und so entstanden, wie es in den Sagen weiter heißt, die Perlen, welche noch jetzt zuweilen in unseren Seen gefunden werden.

Leider, erwiederte Arwed, ist diese schöne Zeit jetzt vorüber. Alles noch so rührende Sentiment bringt nichts hervor, als laues Wasser.

Wainemonen, fuhr Otho fort, suchte lange vergebens nach einem Menschen, der seine Kandele spielen konnte. Die harten scharfen Griffe der Hirten brachten keine reinen Töne hervor. Darum schnitzte der Gott aus dem weißen Holze der Bergfichte schmale Stäbchen, mit denen noch jetzt unsere Landleute meist die Drähte schlagen; wer aber zu den Auserwählten gehört, dem führt Wainemonen noch immer die Finger und legt besonderen Zauber in seine Hand.

Er würde nicht vergebens nach einem Herrscher im Reiche der Töne gesucht haben, fiel Serbinoff ein, wenn er gehört hätte was wir hörten. Lieblicher, süßer hat Wainemonen seine Lieder selbst nicht singen können.

Doch die Thiere der Wildniß kommen nicht mehr, lachte Louisa, und die Wellen des Pajäne stehen nicht mehr.

Aber die Herzen stehen still, rief Alexei Serbinoff, das hat der Gott nicht bewirken können.

Das war nicht die einzige Schmeichelei, welche der russische Graf dem kleinen finnischen Fräulein sagte. Er zeigte sich ihr besonders 164 zugethan und je mehr dies deutlich wurde, um so mehr schien er sich vor Ebba zurückzuziehen, der er so lange gehuldigt hatte. Zwischen ihm und Otho wurde die Befreundung dabei immer inniger, was wohl zum guten Theil davon herrühren mochte, daß beide die persönlichen Eigenschaften hochschätzten, welcher jeder von ihnen an dem Andern bemerkte, und wie hätte Otho auch nicht Zuneigung für einen Mann empfinden sollen, der so stark, so kühn und gewaltig war, als er selbst, dabei unermüdlich rüstig im Ertragen von Beschwerden, vor keinem Wagniß erschreckend, immer bereit zur Jagd, zum Streit und zu jeder männlichen Lust. Dabei aber war Serbinoff auch weit umher gewesen in Krieg und Gefahren und wie in seinen tiefblauen Augen eine unerschütterliche Entschlossenheit blitzte, so lag doch darin auch wieder so viel Feines, Kluges und Einnehmendes, daß Otho nie einen Menschen gesehen zu haben glaubte, der ihn so angeregt und eingenommen hatte.

Daß es ein Russe sein mußte, wunderte ihn noch mehr. Er war mit angestammtem Mißtrauen gegen Alles was Russe hieß geboren worden, auch hatten sämmtliche Russen, die er bisher gesehen, nichts daran geändert. Das slavische Geschlecht hatte ihm bisher eben nur seine wenig einladenden Gestalten und rohen Gesichter gezeigt, welche gegen die schlanke Gliederung und die edleren Formen des finnischen Volks unvortheilhaft abstachen.

Jetzt sah er an Alexei Serbinoff plötzlich ein Menschengebild, das einen fast idealischen Eindruck auf ihn machte. So ritterlich, so schön geformt hätte er niemals einen Russen geglaubt, und dieser heitere kühne Mann kam ihm mit allen Zeichen der Freundschaft entgegen; er empfand ohne Zweifel ganz dasselbe Wohlgefallen an ihm.

Es währte nicht lange, so fand sich eine Gelegenheit, wo Otho freimüthig seinem neuen Freunde gestand, was in ihm vorging. Serbinoff sprach davon, daß er in einiger Zeit abzureisen gedenke, daß es ihm aber leid thun würde, wenn es bald geschehen müsse.

Und was könnte Sie dazu bewegen? fragte Otho.

Die Verhältnisse, erwiederte der Graf. Ich bin, wie Sie wissen, nicht mein eigener Herr, sondern noch immer im Dienste meines Kaisers.

165 Sie werden also wieder nach Stockholm zurückkehren? fuhr Otho nach einem Schweigen fort.

Das glaube ich nicht, war die Antwort, indeß hängt Alles von dem Verlauf der politischen Ereignisse ab. Mein Cousin, Graf Romanzoff, hat die Absicht, einen Diplomaten aus mir zu machen; meinen Neigungen nach bin ich jedoch lieber Soldat.

Rußland hat ja soeben Frieden mit den Franzosen geschlossen, meinte der junge Finne.

Was thut das? antwortete Alexei. Langer Friede ist jetzt unmöglich und wenn es wahr ist, was man sich erzählt, wenn Napoleon zu dem Kaiser Alexander in Tilsit gesagt hat: wir Beide, mein Herr Bruder, sind bestimmt Europa zu theilen und es zu beherrschen, werden wir noch Krieg in Hülle und Fülle haben.

So leicht und scherzend der Ton war, in welchem er dies hinwarf, so machte es doch auf Otho einen ernsten Eindruck. Er schwieg nachdenkend still, Serbinoff aber fuhr nach einigen Augenblicken fort: Rußlands Aufgabe ist es, den großen slavischen Volksstamm zu vereinen und die Türken aus Europa zu jagen, wohin sie nicht gehören. Asien ist ihre Heimat, in Europa sind sie fremde Eroberer und werden es bleiben, bis sie wieder hinaus geworfen werden. Sie wissen dies auch selbst so gut, daß sie nicht einmal in europäischer Erde sich gern begraben lassen.

Und aus dem Türkenreich soll dann ein Russenreich werden, antwortete Otho. Wo bleiben die Griechen, denen das Land eigentlich gehört und die doch wahrscheinlich auf ihre Auferstehung hoffen?

Stehen sie denn nicht von den Todten auf, sagte Serbinoff, wenn wir sie aus dem Joch ihrer Eroberer und Unterdrücker erlösen? Rußland herrscht über fünfzig Volksstämme, es ist jedoch weit entfernt, ihnen seine Sitten, seine Gesetze, seine Einrichtungen oder gar seine Religion und seine Sprache aufzuzwingen. Im Gegentheil, es schützt und unterstützt die Eigenthümlichkeiten der Nationalitäten, ob aber der Regent, der Kaiser oder König, aus russischem oder germanischem Blute entsproßte, das, lieber Freund, ist im Grunde doch ziemlich einerlei, obenein wenn der Landesherr doch ein Fremder ist, wie zum Beispiel in Finnland. Sehen Sie nachdem russischen Finnland, nach 166 Wiborg hin. Ich glaube nicht, daß die Einwohner dort sich unglücklich fühlen, ja ich möchte behaupten, daß sie nicht geneigt sind, unter schwedische Herrschaft zurückzukehren.

Es war das erstemal, daß Serbinoff über politische Verhältnisse sprach, und er brach auch bald davon ab, da Otho einsylbige Antworten gab, welche deutlich zeigten, daß er mit seinen Gedanken zurückhielt. Was der Graf behauptete, war mannigfach anzufechten. Allerdings hatte der russische Theil des finnischen Landes viele Vortheile, geringe Abgaben, verbriefte Rechte erhalten und die alterthümlichen Gesetze und Einrichtungen nicht verloren; bei alledem blieb der tiefverwurzelte Haß gegen die Russen in der Volksmasse auch jenseit des Grenzstroms rege genug und eben dadurch, daß ein Theil der Finnen unter russische Herrschaft gekommen und von seinen Brüdern losgerissen war, hatten sich Abneigung und Mißtrauen noch mehr geschärft. Ein so freiheitsliebender und von seines Volkes unterdrückten Rechten überzeugter feuriger junger Mann, konnte Serbinoff's Behauptungen, so weit diese Finnland betrafen, nicht zugeben, allein er war höflich genug, oder vorsichtig genug, lieber zu schweigen und nur mit einigen Worten zu erwiedern, daß Fremdherrschaft überhaupt schwerlich einem Volke, so lange es nicht verknechtet sei, gefallen könne.

Ich gebe Ihnen recht, versetzte Serbinoff; wenn jedoch ein Volk nicht selbständig sein kann, wenn es zu schwach und zu klein ist, oder heruntergekommen, wie die Polen, zerstückt und zerspalten wie die Deutschen, oder wenn es von je an als Provinz erobert und von einer schlechten Regierungswirthschaft danach ausgebeutet wurde, so ist es jedenfalls besser, sich einem großen mächtigen Staate anzuschließen. Ein solcher Staat besitzt wenigstens die Mittel Gutes zu thun, alle Kräfte anzuregen und statt zu vernachlässigen und auszusaugen, öffnet er seinen Unterthanen zahlreiche Hilfsquellen. Es ist ein Glück, mein lieber Freund, einer großen Nation anzugehören, die nach allen Seiten hin schützen, befördern und belohnen kann; doppeltes Unglück aber muß es genannt werden, in einem verarmten kleinen Staate geboren zu sein, der einmal eine große Rolle in der Geschichte gespielt hat, von diesen Erinnerungen immer noch gepeinigt wird, und immer noch den äußeren Schein ehemaligen Glanzes erhalten will. Die Folge davon 167 sind übermäßige Ausgaben, ein Überheben, das bis zur Lächerlichkeit ausarten kann und dessen Sünden zumeist auf das Volk zurückfallen, das für den Leichtsinn und die Verblendung seiner Fürsten büßen muß. – Ihre Familie, Herr Waimon, hat nun nicht einmal, wie ich glaube, an dem Glück der in Schweden lange herrschenden Adelskaste Theil genommen. Ihr Vater war nicht im Dienste des Staates?

Nein, erwiederte Otho. Mein Vater war in englischen Diensten und kehrte aus Amerika nach Schweden zurück, eben als Gustav der Dritte zum Thron gelangte. Er lernte den König noch als Kronprinz kennen und wie man mir gesagt hat, war er eine Zeit lang viel in dessen Nähe, während des ersten Jahres seiner Regierung. Als der König jedoch die Soldatenrevolution machte und mit Hilfe der jungen Offiziere und einer Anzahl Männer meist von schlechtem Ruf, seine eigene Gewaltherrschaft an Stelle der Gewaltherrschaft des Reichsraths setzte, verließ mein Vater Hof und Hauptstadt, verzichtete auf jede Anstellung und Gunst, und kam hierher in sein eigentliches Vaterland, wo er auf dem Gute lebte, das er uns hinterlassen hat und ein Bauer wurde, wie seine Vorväter gewesen sind.

Ihr Vater muß ein entschlossener, und wie ich denke, besonders begabter Mann gewesen sein, da er nicht allein solche Beschlüsse fassen, sondern auch die Schwester eines Freiherrn heirathen konnte. Inzwischen ist es selten, daß ein Soldat sein Schwert in einen Spaten verwandelt und in Ruhe damit den Boden umgräbt.

Sie haben Recht, sagte Otho, denn nach Allem, was ich hörte, ist mein Vater wirklich nur durch seine große Liebe zu meiner Mutter an dieser Scholle festgehalten worden. Mehrmals wollte er das Land verlassen und vielleicht hinderte ihn nur sein frühzeitiger Tod daran.

Und Sie, lächelte Serbinoff, der Sie der Sohn eines tapferen und ehrgeizigen Soldaten sind, haben Sie denn so große Lust auf Ihrer Scholle zu leben und zu sterben?

Ich bin dafür geboren, antwortete der junge Mann, will aber doch nicht leugnen, daß zuweilen das Blut meines Vaters sich in mir regt.

Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, sagte Alexei. Treten Sie in russische Dienste, Sie sollen darin willkommen sein. Mehr als ein kühner talentvoller Soldat hat in Rußland die höchsten Ehren 168 und die höchsten Stellen erworben. Wir fragen nicht nach Abstammung und Ahnen, wir fragen nach den Verdiensten. Es ist lächerlich, zu glauben, Geburt berechtige an die Spitze gestellt zu werden; Bildung, Kenntnisse, Geschicklichkeit stehen bei uns höher als aller Zufall, ererbter Adel und Reichthümer. Wenn Sie wollen, wird es Ihnen nicht fehlen. Ich bin so vertraut mit dem General Buxthövden, daß es mir leicht sein wird, Ihnen einen Platz in seiner Nähe zu verschaffen, unter seinen Ordonnanzoffizieren; dort werden Sie bald den Krieg lernen und sich auszeichnen können. Auf mein Wort, Herr Waimon, ich müßte mich sehr irren, oder Sie werden rasch Ihr Glück machen und wer weiß welchen hohen Rang einnehmen, denn in Rußland gibt es keine Schranken für den befähigten Geist. Überlegen Sie das, lieber Freund.

Otho hatte diese verlockende Einladung nachdenkend angehört, als Serbinoff schwieg erwiederte er: Ich will mir keine Bedenkzeit ausbitten, Herr Graf, sondern Ihnen sogleich antworten. Mein Vater hatte im Jahre 1788, als das schwedische Heer sich gegen Gustav den Dritten empörte und die Generale und Obersten mit den Russen einen Waffenstillstand abschlossen, einigen Antheil daran gehabt. Ihre Kaiserin lud ihn dafür ein, nach Rußland zu kommen und ihr zu dienen, allein mein Vater schlug es aus, obwohl er wußte, daß das Racheschwert über seinem Haupte schwebte. Ich kann niemals einer Fürstin Treue schwören, sagte er, die meines Vaterlandes gefährlichste Feindin ist, auch kann ich selbst kein Russe werden, denn ich bin ein freigeborener freiheitsliebender Mann, der an Menschenrechte und Volksrechte glaubt. So schlug es mein Vater ab, und seine Gründe sind meine Gründe. Ich bin mit der Abneigung gegen Rußland, russisches Wesen und russische Sitten aufgewachsen; vergeben Sie mir, daß ich dies so offen ausspreche. Verwundert bin ich über mich selbst, daß ich einen Russen achte, vertraue, ihm meine vollste Zuneigung weihe. Denn das thue ich, Graf Serbinoff, und bekenne, daß ich noch niemals einem fremden Manne mit solcher Freundschaft angehangen habe, wie Ihnen.

Und diese Freundschaft, antwortete der Graf lächelnd, indem er Otho's Hand nahm und sie herzlich schüttelte, ist doch nicht im Stande, 169 die Macht der Vorurtheile zu zerstören? Sind wir nicht ein großes Volk, das größte und mächtigste in der Welt? Gehört uns nicht die Zukunft? Gehört uns nicht die Herrschaft über Europa? Ich sage Ihnen, auch Frankreich, auch dieser Heros Napoleon wird zuletzt vor uns in den Staub sinken. Und ist es denn so verwerflich, einem solchen Volke anzugehören, der Diener eines Herrn zu sein, in dessen Reiche die Sonne nie untergeht? – Sind wir aber etwa Barbaren, wenn wir die vielen Millionen verschiedenartiger Menschen nach ihren Zuständen behandeln? Rußland ist ein jungfräuliches Land, das in das moderne Culturleben erst eintritt, doch seine ungebrochene Kraft mitbringt, um sich seinen eigenen Weg über Schutt und Trümmer verlebter Staaten und Völker zu bahnen. Gehen Sie nach Petersburg, bester Freund, sehen Sie was dort geschieht; sehen Sie den großen liebenswürdigen Beherrscher dieser ungeheuern Länder, die ihm unterworfen sind, überzeugen Sie sich, daß wir keinen tyrannischen, launenhaften Herrn haben wie er in Schweden, Ihrem Freiheitslande, thront, der jeden guten Rath von sich stößt, kein Gesetz achtet, das er nicht macht, keiner Vernunft Gehör gibt und in frömmelnder Phantasterei Verderben über sein Volk bringt. Gehen Sie hin, lieber Waimon, sehen Sie sich den Kaiser an, der von dem Republikaner Laharpe erzogen wurde, sehen Sie sich die Russen an, und beurtheilen Sie, ob Sie wirklich einen Haufen stumpfsinniger Sclaven finden.

Unsere Russen, fuhr er fort, haben so viel Verstand von ihrem Schöpfer bekommen, daß sie Alles lernen können und zu Allem geschickt sind, was man von ihnen verlangt. Leibeigenschaft und Peitsche sind freilich schreckliche Namen, allein, wie lange ist es denn her, daß in Frankreich diese Dinge nicht mehr bestehen, und in Deutschland bestehen sie noch, in dem aufgeklärten Preußen sind die Bauern hörige Leute, welche der Stock in Ordnung hält. Es wird eine Zeit kommen, mein Freund, wo auch in Rußland nur freie Leute wohnen, die der Peitsche nicht mehr bedürfen. Die Morgenröthe dieser Zukunft ist schon angebrochen, sie wird den Vorurtheilen gegen Rußland ein Ende machen. Warum sollen edle freiheitliebende Männer nicht für die Fortschritte der Menschheit Hand an's Werk legen helfen? Warum sollen sie nicht für ein Volk arbeiten, das kräftig nach oben strebt? 170 Warum sich nicht ein neues Vaterland suchen, wenn das alte verrottet und undankbar ist? Gehört der Mensch denn nicht der Menschheit, gehört er nur einem bestimmten Stamme an, von dem er, wie ein Blatt oder wie ein Baumzweig, sich nicht losreißen kann ohne zu verdorren?

Bedenken Sie das Alles wohl. Rußland bietet kühnen, strebenden Männern ein weites Feld für den höchsten Ehrgeiz. Wir werden öfter noch davon sprechen können, und vielleicht ändern sich Ihre Ansichten. Ich wünsche es sehr, weil ich Ihre Freundschaft mit aufrichtiger Freundschaft vergelte.

Während die jungen Männer unter solchen Gesprächen auf der Jagd nach den Schaaren von wildem Geflügel umherschweiften, das zur Herbstzeit die Gewässer des Pajäne bedeckte, waren Ebba und Louisa meist beisammen in dem Hause am See oder auf der Insel, wo Erich Randal ihnen Gesellschaft leistete. – Louisa hörte neugierig, was ihre Freundin ihr aus der großen Welt erzählte, die sie nicht kannte, und sie vergalt es durch Mittheilungen aus ihrem Leben, das so still und einsam vergangen war.

Der Mittelpunkt aller Geschichten Louisa's war ihre Mutter, und voll begeisterter Liebe ehrte sie den heiligen Schatten, der immer noch über diesen Räumen schwebte. An jenem Tage, wo Otho mit seinen Freunden jagte, hatte sie Ebba in die Zimmer ihrer Mutter geführt, und ihr die Reliquien gezeigt, welche darin bewahrt wurden. Alles war noch so erhalten wie bei ihrem Leben, und obwohl mehr als ein Jahr seitdem verflossen, lag noch auf dem Tische eine angefangene Arbeit neben welken Blumen; auf dem großen Schranke am Fenster ihre Bücher mit angesteckten Zeichen sammt beschriebenen Blättern und einem Schreibzeug, daneben aber lehnte eine der großen Harfen, wie sie das Volk gewöhnlich hat, und Jouhi-Kandele nennt.

Wer nicht wußte, daß die Eigenthümerin dieser einfach ausgeschmückten Gemächer auf immer von ihnen geschieden war, hätte gemeint, sie schlafe hinter den weißen Vorhängen des Bettes. Mit leisen Schritten, als fürchte sie die Schlummernde zu wecken, ging Louisa ihrer Freundin voran, und mit gedämpfter Stimme sprach sie zu ihr und zeigte ihr alle die Schätze theuerer Erinnerungen, alle die Stellen, 171 wo der letzte Abschied, der letzte Kampf stattgefunden, und die letzten Worte der Liebe und des Segens ihr und Otho geworden waren.

Deine Mutter, theure Louisa, muß eine vortreffliche Frau gewesen sein, sagte Ebba. O! daß sie noch lebte und ich um ihren Segen bitten könnte. Leider bin ich, als meine Mutter abgerufen wurde, noch zu jung gewesen, um von ihr etwas über jene Zeit zu erfahren, wo innige Freundschaft sie mit deiner Mutter vereinte. Aber hat sie denn nicht oft davon gesprochen, hat sie dir nichts von Christina Bungen erzählt, und einen Segen für mich hinterlassen?

Nur an jenem letzten ihrer Tage, wo sie meinem Vetter den Schmuck übergab, welchen sie für dich bestimmt hatte, sprach sie von dir und deiner Mutter. Dort auf dem Stuhle saß Erich's Vater, wir alle um ihn her und Lars in der Ecke dort, hielt die Harfe in seinen Händen, welche dann und wann leise klang. – Sie sprach so fest und klar wie in guten Tagen zu uns, ordnete was geschehen sollte, und vertheilte nach der Sitte Angedenken für alle ihre Freunde. Trost und Liebe waren auf ihren Lippen. – Dann befahl sie mir den Schrank dort zu öffnen und ein Fach aufzuziehen, das sie mir bezeichnete. Als ich nicht damit fertig werden konnte, mußte Lars mir helfen. Er nahm das rothe Kästchen heraus, und sie lächelte ihm leise zu, als sie es öffnete und die Goldgehänge und blitzenden Steine betrachtete. Du kennst das, mein alter Freund, sagte sie, und weißt was sie bedeuten. Darauf gab sie Erich das Kästchen und bat ihn, es an Ebba Bungen in Stockholm zu senden, der Tochter ihrer liebsten Freundin. Das war das erstemal, daß sie deinen Namen nannte.

Erich erfüllte diesen Auftrag erst nach einiger Zeit, sagte Ebba. Ich erhielt das Vermächtniß deiner Mutter zugleich mit der Nachricht vom Tode seines Vaters und was dieser für mich hinzu gefügt.

Es war eine schwere Zeit, antwortete Louisa. Erich's Vater starb meiner Mutter schnell nach, und vermehrte unsere Betrübniß. Damals war Mary Halset bei uns, und ihr Vater kam und machte uns viel zu schaffen.

Bei dem Namen Halset fiel Ebba das finstere, einsylbige Fräulein aus Abo ein. Ich habe diese Mary Halset kennen gelernt, auch ihren Vater, sagte sie. Warum machte er euch zu schaffen?

172 Höre, sagte Louisa, ich bin aus dem Ganzen nie recht klug geworden, und Mary ist ein ernstes Mädchen, sie hat mir niemals ihr Vertrauen geschenkt, auch war ich zu jung vielleicht dazu. Sam Halset ist unermeßlich reich, sie sagen, er sei der reichste Mann in ganz Finnland. Mein Vater war mit ihm verwandt, und zwischen ihnen soll ein Versprechen gewesen sein, wie dies häufig bei uns ist, Halset's Tochter sollte meines Bruders Frau werden. Otho wurde auch nach Abo gethan, um in Sam's Schreibstube zu sitzen, aber dafür ist er nicht geschaffen. Eher würden alle rothe Felsen im Tavastlande Schreibfedern werden und der Pajäne zu einem Tintenfasse, ehe er hinter den Rechenbüchern alt würde. Es dauerte kein Jahr, so war er wieder hier, und was dann geschehen ist, weiß ich nicht, doch Halset kam öfter, und längere Zeit lebte Mary bei uns. Als meine Mutter von uns geschieden war und Erich's Vater auf seinem Bette lag, kamen sie beide wieder, und es entstand ein großer Streit.

Ein Streit? fragte Ebba. Worüber stritten sie?

Das kleine Fräulein öffnete schlau ihre schimmernden Augen. Ja, worüber stritten sie, ich kann es dir nicht sagen, aber es war ein böser Streit. Halset forderte Geld von Erich's Vater, und weißt du was ich glaube?

Was glaubst du?

Ich glaube, er wollte Mary sollte Erich heirathen, denn sie hatte ihn gern, viel lieber als Otho. Als sie bei uns wohnte, habe ich es bemerkt.

Und er? fragte Ebba leise.

O! – Erich ist zu jedem Wesen gut, fiel sie ein. Er ist immer mild und sanftmüthig.

Dann wundert es mich, erwiederte das Fräulein, daß er die liebenswürdige Dame ausgeschlagen hat.

Du kennst ihn nicht, sagte Louisa. Seine Güte zwingt Andere nach seinem Willen zu thun, man kann ihm nicht widerstehen. Es ist gar eigenthümlich mit ihm, sie beugen sich Alle, auch Sam Halset hat sich gebeugt.

Er hat seinen Wunsch, wenn er diesen wirklich hegte, aufgegeben und sich mit Erich versöhnt.

173 Versöhnt, das weiß ich nicht, antwortete Louisa, den Kopf schüttelnd. Er ist nicht wieder bei uns gewesen, obwohl er öfter in der Nähe war. Dann wohnte er bei dem Propst in Halljala; Mary hat ihn niemals wieder begleitet.

Da dein Bruder, wie du mir sagst, eigentlich für Mary bestimmt war, sagte Ebba, und solche Versprechungen immer heilig gehalten werden, wundert es mich, wie eine so eigenthümliche Lösung stattfinden konnte.

Ich weiß es nicht, erwiederte Louisa, doch Otho ist stolz, und um alle Schätze der Welt würde er Mary nicht nehmen. Du kannst es glauben, fuhr sie fort, er hat es mir selbst gesagt, als ich ihn fragte, was daraus werden würde. Nichts, antwortete er. Sam Halset ist ein alter Gauner, Mary aber mag mich nicht, und wie könnte ich daran denken, um ein Mädchen zu werben, die kein Herz für mich hat? Möchtest du jemals einen Mann nehmen, nur weil er reich oder vornehm wäre?

Und darauf sagtest du gewiß, daß du dies niemals thun würdest, fiel Ebba ein.

Ich sagte, daß ich es wie meine Mutter machen würde, die nach ihrem Herzen gewählt hat, und mein Vater war kein Freiherr, ein finnischer Mann, ohne Reichthum und Namen.

Hat denn dies stolze freiheitliebende Herz keine Wahl getroffen? fragte Ebba, indem sie das schöne Kind umarmte.

Louisa machte eine abwehrende Bewegung und sah so schelmisch dabei aus, daß Ebba lachte. Einige Vorbereitungen dazu sind doch wohl schon getroffen, forschte sie. Es gibt einen jungen Herrn, den du gern siehst, und ich kenne Einen, der nirgend lieber ist, als bei dir.

Eine dunkle Röthe überflog das liebliche Gesicht des kleinen Fräuleins. Was du nicht Alles weißt, rief sie, indem sie sich an Ebba's Hals warf, aber ich weiß auch Etwas, das ich verrathen könnte. Alle Leute in Halljala erzählen sich davon, und Meinen, lange werde es nicht mehr dauern.

Was meinen Sie?

Daß in Schloß Halljala die Hochzeitskerzen bald brennen werden, und eine Braut unter der Krone geht, flüsterte Louisa zärtlich zu ihr auf.

174 Ebba neigte sich zu ihr nieder, ihre Küsse schlossen ihr den Mund. Plötzlich wurden Hufschläge unten laut, und Stimmen ließen sich hören. Ebba glaubte das rauhe Halloh des Majors zu vernehmen.

Da kommt er! rief sie.

Erich ist es nicht, erwiederte Louisa.

Nein, aber der, den du erwartest.

Sie eilten an das Fenster. Ein Reiter hielt unten, doch nicht der alte, grauhaarige Invalide, nicht sein blonder Sohn, sondern Serbinoff, dem der Wind durch die schwarzen glänzenden Locken fegte, als er grüßend seine Kappe schwenkte und seine feurigen Augen hinauf blickten. Hinter ihm kamen seine Jagdgenossen, die im Triumph einen Hirsch schleppten, der ihre Beute geworden war. Ihr frohes Gelächter und ihr Geschrei mischte sich mit dem Bellen der Hunde und dem Jubel der Hausleute, welche den glücklichen Jägern helfend entgegensprangen. Louisa riß sich los und flog die Stufen hinab, sinnend folgte ihr Ebba nach.

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