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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Mit einigem Sinn für die Reize eines ländlichen Aufenthalts und mit Gefallen an einem Wohnhause, das noch manche Spuren einer längst vergangenen Zeit an sich trug, konnten sich die Gäste des Freiherrn wohl bei ihm behagen. Auf dem erhöhten Boden, der sich zur Bucht des Pajäne hinabsenkte, stand das Schloß mit hohem 114 schwarzen Dach und schaute noch immer gebietend über Land und See. Der älteste Kern war durch den Anbau niederer Flügel vergrößert worden und durch das Abbrechen der festen Mauern an der Südseite hatten die letzten Besitzer Gärten geschaffen, welche bis zum See hinunterreichten. Landwärts dagegen standen die alten Schutzwehren noch und schlossen mit dem hohen runden Thorthurm einen geräumigen Hofplatz ein, in welchem die Wirthschaftsgebäude des jetzigen adligen Gutes Halljala standen.

Ausgedehnte Felder bezeugten, daß dies kein unbeträchtlicher Grundbesitz sei. Eine weite Landschaft öffnete sich zur Linken und zeigte im Hintergrunde das Kirchspiel Halljala mit seinen zahlreichen zerstreuten Häusergruppen und Höfen, welche das ganze Thal füllten. Zur Rechten schweifte der Blick über die Wasserspiegel des mächtigen Pajäne auf Wälder und Berge, die in kühner Nacktheit spitze Gipfel in den Himmel streckten, südlich aber dehnte sich die breite schöne Seebucht aus und jenseits derselben schimmerten zwischen den Einschnitten der hohen Ufer lichtgrüne Auen und unter Bäumen versteckte Menschenwohnungen.

Erich Randal hatte für seine Gäste so viel er konnte gesorgt und ihnen die besten Zimmer seines Hauses eingeräumt. Im Anfange dieses Jahrhunderts wußte man jedoch selbst in den größten Städten Europas noch nicht viel von dem Luxus an Geräthen und Bequemlichkeiten, welche jeder nur einigermaßen Bemittelte sich jetzt zu verschaffen weiß; in diesem entlegenen Norden war daher um so weniger auf mehr als das Nothwendigste zu rechnen. Dennoch fanden sich zum Erstaunen des Grafen Serbinoff hier mancherlei Gegenstände von alterthümlicher Pracht und nicht unbedeutendem Werthe. Er sah Teppiche, welche einst sehr kostbar gewesen sein mußten, Marmortische mit geschnörkelten Beinen, Armstühle mit verblichenen Damastbezügen von flandrischem Gewebe, einen großen Spiegel sogar und einige Schränke bedeckt mit kunstvollem Schnitzwerk, wie es das sechszehnte Jahrhundert in größter Vollkommenheit hervorgebracht hat. Vergebens sann er darüber nach, wie dies Alles hiehergekommen sei.

Am nächsten Morgen vereinigte sich die Gesellschaft in der großen Halle des Schlosses, welche als Wohn- und Familienzimmer 115 wahrscheinlich seit den ältesten Zeiten gedient hatte. An den Wänden hingen alte Familienbilder in schwarzen Rahmen, ritterliche Gestalten in Harnisch und Spitzenkrause, und zwischen ihnen prangten ungeheure Hirschgeweihe, vielleicht noch Theile ihrer Jagdbeute, welche sie einst mit Händen von Fleisch und Bein selbst hier aufhängten. – Der letzte Sprößling dieses kriegerischen Geschlechts, der seinen Vätern so unähnlich war, kam seinen Gästen mit derselben Einfachheit und sanften Freundlichkeit entgegen, mit welcher er sie gestern empfing, und führte sie zu dem Eichentische, wo das Frühstück bereit stand. Ein flinkes Mädchen in dunklen Faltenröcken und rothen Strümpfen brachte mit einem Knix eine Silberplatte herein, auf welcher der Kaffee dampfte, und hinter ihr erschien ein stämmiger alter Bursche in seinem finnischen kurzen weißen Rocke mit Schüsseln voll Fleisch und Backwerk, sammt Flaschen und Gläsern in Fülle. In dem ungeheuren Kamin brannte ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten, dabei aber war die Thür geöffnet, welche nach dem Garten führte und weite Fernblicke auf die sonnenhelle Landschaft erlaubte. Zu beiden Seiten fiel das Licht durch zwei hohe Bogenfenster herein, deren oberer Theil aus farbigem Glas und prächtiger alter Glasmalerei bestand.

Otho und seine Schwester haben mich gestern Abend schon verlassen, sagte Erich, und sind an ihren eigenen Herd zurückgekehrt. So muß ich denn allein versuchen, meine lieben Gäste mit dieser Einsamkeit zu versöhnen.

Eine prächtige Einsamkeit, erwiederte Arwed, obwohl ich, aufrichtig gesagt, sie nicht für immer theilen möchte.

Man muß für das Leben eines Landmannes erzogen sein und Neigung dazu haben, war Erich's Antwort.

Sind Sie denn so erzogen worden, und stimmen Ihre Neigungen so sehr damit überein? fragte das Fräulein.

O, gewiß! erwiederte er. Ich wüßte in Wahrheit nicht, was ich Anderes sein sollte.

Sie haben in Abo studirt und hätten, wie es gewöhnlich junge Edelleute thun, in den Staatsdienst eintreten sollen.

116 Ich habe allerdings die Schule in Abo besucht, versetzte er; allein meine Studien beschränkten sich auf einige Wissenschaften, welche mir besonders zusagten. Mein Lebenslauf, fügte er mit seinem sanften Lächeln hinzu, ist überhaupt mit wenigen Worten erzählt. Meine Mutter verlor ich schon sehr früh, meines Vaters Schwester, die Tante Louisa, welche mit dem Obersten Waimon, Otho's Vater, verheirathet war, erzog mich nun mit ihren eigenen Kindern. Mit Otho gemeinsam besuchte ich dann die Schule in Abo, bis ich zu meinem Vater zurückkehrte, der meine Unterstützung nöthig hatte.

Und nun wohnen und leben Sie hier ganz allein?

Ich habe Gesellschaft an Otho und seiner Schwester, habe auch einige Freunde in der Nähe und bin immer beschäftigt.

Seltsames Leben für einen jungen Edelmann! rief Arwed lachend. Seine Väter haben an Königstafeln gesessen, sind die Ersten voran in jedem Kampfe gewesen und haben den Staat regieren helfen. Er regiert den Pflug, verachtet Schwert und Jagdspieß und unterhält sich lieber mit Bauern als mit schönen Frauen.

Den letzten Vorwurf verdiene ich nicht, erwiederte der Freiherr, indem er auf Ebba blickte; aber meine Vorfahren werden es mir verzeihen, wenn ich ihrem Beispiele nicht folge und, wie mein Vater es gethan, lieber als schlichter Landmann zufriedener und glücklicher lebe, als es die Meisten unter ihnen gewesen sind.

Bei dieser Vertheidigung erblaßte der Sonnenschein, welcher in die Halle fiel, und die alten Bilder an den Wänden schienen zürnend auf ihren schwachherzigen Enkel zu sehen.

Sagen Sie mir doch, Herr Randal, fragte Graf Serbinoff, der das prächtige Farbenspiel der gemalten Fenster betrachtete, woher diese köstliche Arbeit stammt, die ich nicht genug bewundern kann.

O, sagte Arwed, wenn die alten tapferen Freiherren dort ebenso gedacht hätten, wie unser friedlicher Vetter, würden diese merkwürdigen Fenster so wenig Schloß Halljala geschmückt haben, wie Teppiche aus Flandern, venetianische Spiegel und künstlich geschnitzte deutsche Schränke. Sie werden wissen, lieber Freund, daß während des dreißigjährigen Krieges die schwedischen Heere bis über den Rhein in die Niederlande vordrangen. Manche Stadt und manches 117 Schloß fielen in ihre Hände, und die schwedischen Offiziere fanden darin so Vieles nach ihrem Geschmack, daß sie sich nicht wieder davon trennen konnten. Während des langen Krieges besuchten nun die Frauen regelmäßig ihre Männer in den Winterquartieren und nahmen zum Frühjahr alle die schönen Sachen mit nach Haus, welche ihre fleißigen Ehemänner gesammelt und aufgespeichert hatten. Es ist unglaublich, welche Menge alter Kostbarkeiten und Geräthe der verschiedensten Art auf diese Weise in ganzen Schiffsladungen nach Schweden gekommen sind, wo sie sich noch zum Theil in den Schlössern und Familienhäusern vorfinden. Damals befehligte nun auch ein Oberst Randal eine finnländische Reiterbrigade und, wie Sie bemerken, hat er als verständiger Hausvater für sich zu sorgen gewußt. Mit den Ledertapeten aus irgend einem deutschen Fürstenschlosse hat er seine Zimmer bekleiden lassen, ein flandrischer Graf hat vielleicht die Teppiche, Tische und Sessel geliefert, ein reicher Bürger aus Augsburg oder Regensburg die schönen Schränke, und seine Dragoner packten diese herrlichen Fenster aus irgend einer bayerischen oder böhmischen Abtei mit geübter Sorgfalt ein; denn sie sind vortrefflich erhalten angekommen.

Ist das wirklich so geschehen? fragte Serbinoff, in das Gelächter, das diese Erklärung erregte, einstimmend.

Es ist Alles so geschehen, erwiederte Erich, eben darum aber bestärken mich diese im Kriege zusammengeraubten und übel erworbenen Dinge in meinen Vorsätzen, ein friedlicher Landmann zu bleiben.

Du verabscheust also wohl Krieg und Blutvergießen? fragte der Seeoffizier, welcher bisher sich eifrig mit den Schüsseln und Flaschen beschäftigt hatte.

Von ganzem Herzen, lieber Vetter Lindström.

Was sollen wir aber thun, wir Soldaten? Sollen wir davonlaufen, wenn es zur Schlacht geht?

Das wäre ohne Zweifel das Beste, was ihr thun könntet, sagte Erich. Ich würde es jedenfalls so machen.

Ein anhaltendes Gelächter, begleitet von Spöttereien, antwortete darauf. Niemand dachte daran, daß Erich Randal größeren Muth 118 bewies, als diejenigen, welche an ihre Tapferkeit glaubten. Ebba blickte ihn unmuthig an und sagte dann stolz lächelnd:

Ich bin zwar kein Mann, Cousin Erich; dennoch würde ich vor den Feinden meines Vaterlandes niemals davonlaufen.

Und das sagt er Angesichts seiner Ahnen in diesem Saale, wo gewiß oft ihre Schwerter klirrten und ihre Hörner schallten, fiel der Kammerherr ein. Hängst du im Ernste solchen arkadischen Träumen nach, während ganz Europa in Waffen steht und der Schlachtendonner von der deutschen und dänischen Küste leicht einmal bis in diese Berge dringen könnte? Ich glaube nur, er weiß von dem Allen wenig oder nichts. Zeitungen kommen wohl nicht hierher, oder du liest sie nicht?

Ich kann es nicht leugnen, sagte Erich, daß Zeitungen eine unbekannte Sache in meinem Hause sind. Die Reichszeitung von Stockholm kommt zwar zu unserem Propst, dem Doctor Ridderstern in Halljala, da aber nichts darin steht, als was die Regierung zu sagen erlaubt, mag ich um so weniger damit zu thun haben.

Es ist allerdings kläglich, die Wahrheit erfährt man nicht, erwiederte Arwed; denn die Presse ist so gut unterdrückt wie jede freie Bewegung. Weder ein französisches noch ein deutsches Blatt darf mehr ins Land, ja die unschuldigsten Bücher werden mit Beschlag belegt. Ich kann aber doch nicht denken, Erich, daß du so gänzlich ohne Antheil an den Zuständen deines Vaterlandes fortlebst.

Gewiß nicht, versetzte der Freiherr. Ich beklage von ganzem Herzen die unglücklichen Vorgänge, von denen ich höre; allein da ich nichts daran zu ändern vermag, so denke ich so wenig als möglich daran.

Du beschäftigst dich mit angenehmeren Gegenständen.

Das thue ich wirklich, sagte Erich freundlich.

Und was verstehst du darunter?

Ich habe, wie du siehst, kein unbedeutendes Hauswesen, fuhr der Freiherr fort. Darin gibt es fortgesetzt zu thun und zu bessern. Meine Wälder erstrecken sich weit hinauf am Pajäne, ich beschäftige viele Leute mit Holzfällen; denn ich habe einen Holzhandel angefangen und bin mit Handelsleuten in Borga in Verbindung getreten. Seit Jahren habe ich auch eine Baumschule angelegt und 119 Obstbaumzucht über die ganze Umgegend verbreitet. Mein Vater schon besaß das Vertrauen vieler seiner ländlichen Nachbarn. Die Bauern und kleinen Leute kamen von weit und breit zu ihm, um sich Rath und Beistand in ihren Unternehmungen und Sorgen zu holen. Auch diese Erbschaft ist auf mich übergegangen, und macht mir Freude; denn ich sehe, daß ich manches Gute dadurch bewirke.

Eine sehr edle und lohnende Thätigkeit, welche ich gewiß nicht tadeln will, antwortete Arwed; allein das soll doch nicht ausschließen, daß ein Mann deines Standes und deiner Ansprüche sich um Sachen kümmert, welche zu seinen Pflichten gehören.

Meine Pflichten, mein lieber Arwed, lächelte Erich Randal, unserer aller Pflichten sind, wie ich denke, die, daß wir unser Leben für uns selbst sowohl wie für unsere Mitmenschen so nützlich und freundlich machen, wie wir es vermögen. – Er stand auf, und ohne daß der ruhige und sanfte Ausdruck aus seinem Gesichte verschwand, legte sich ein ernsterer Schatten darauf. Ich bin unfähig, mich mit Politik und was sich damit verbindet, einzulassen, fuhr er fort, dafür gibt es kluge und ehrgeizige Männer genug in Schweden.

Aber denken Sie nicht daran, Cousin Erich, sagte das Fräulein, daß Sie ein geborener Staatsmann sind, ein schwedischer Freiherr, der im Ritterhause seinen Platz und sein Recht zu behaupten hat?

Daran denke ich wirklich nicht, liebe Muhme Ebba, erwiederte er, denn es würde mir wenig Freude gewähren im Ritterhause zu sitzen, weil ich im Voraus davon überzeugt bin, dort eine sehr klägliche Rolle zu spielen.

Gott tröste uns! rief das Fräulein mit großer Lebhaftigkeit; welche Rolle haben Ihre Väter dort gespielt?

Es muß hier in der Nähe irgend einen Gegenstand geben, spottete der Seeoffizier, bei dem es ihm besser gefällt.

Ein Gegenstand, der ihn fesselt, wie Armide den kühnen Rinald, sagte der Kammerherr.

Und der ihn alles Andere vergessen läßt, fügte das Fräulein lächelnd hinzu.

Erich machte diesen Neckereien ein Ende, indem er die Hand seiner Muhme ergriff, und diese in einen Nebensaal führte. Sehen Sie 120 hier, sagte er, das ist der Gegenstand, der mich fesselt, und dem ich gern meine Zeit widme, wenn meine Arbeiten es zulassen.

Es war ein Büchersaal mit großen Schränken, welche eine bedeutende Zahl Bände enthielten. Neugierig betrachteten die Verwandten diesen Schatz, der zum Theil aus den Werken großer Naturforscher und aus Geschichtswerken der Engländer, Franzosen und Deutschen bestand. Daneben fanden sich Ausgaben der alten Classiker und die Werke der Dichter Schwedens und der modernen Nationen. Auf einem Tische lag Alexander von Humboldt's vor wenigen Jahren in Paris erschienenes berühmtes Buch über Amerika, und auf anderen Tischen, auch auf den breiten Fensterbrettern, standen ein paar Erd- und Himmelskugeln, ein großes Fernrohr und mehrere andere den Beschauern unbekannte Instrumente. Endlich fanden Sie große Mappen mit getrockneten Pflanzen, und Kasten mit allerhand Gestein gefüllt.

Das ist ja eine wahre Hexenküche! rief der Kammerherr lachend. Hast du das Alles selbst zusammen gesucht?

Mit nicht geringer Mühe, erwiederte Erich. Es sind Pflanzen, welche in Finnland wachsen, und Steine und Mineralien, welche unser Boden aufzuweisen hat. Manches darunter ist sehr merkwürdig, fuhr er freundlich erklärend fort. Dies ist Marmor von seltener Schönheit, der, wenn wir an Industrie zunehmen, für viele kunstvolle und theure Gegenstände benutzt werden könnte; eben so würden unsere Eisen- und Kupfererze zu Ansehen gelangen, um so mehr, da die Finnen ein ganz besonderes Geschick von alter Zeit her für Eisenarbeiten haben. Die Pflanzen aber werden, wenn man weiß wie und wo sie am besten wachsen und gedeihen, noch leichter nützlich, denn nichts befördert überhaupt die allgemeine Wohlfahrt eines Volkes so sehr, als die Kenntniß der Natur, welche uns lehrt, wie wir sie benutzen sollen.

Also mit solchen Mittel beschäftigst du dich, um die Menschen zu beglücken und aufzuklären, rief der Kammerherr spottend, und glaubst damit mehr zu bewirken als mit Reichsrath und Politik. Bücher, Pflanzen und Steine sollen das Vaterland aus aller Noth retten!

Die Kenntniß der Natur wird wenigstens mehr dazu thun als sämmtliche Reichsversammlungen bisher gethan haben, erwiederte Erich. 121 Wenn die geistigen Kräfte der Menschen geweckt werden, fügte er mit seinem sanften Lächeln hinzu, werden die tyrannischen Fürsten und ihr Anhang von Willkür und Gewalt von selbst verschwinden. Die einzige Sicherheit menschlicher Wohlfahrt liegt darin, daß gemeinsame Bildung und Gesittung nach und nach von sich abthun, was rohe Zeiten geschaffen haben.

Alles, was Erich Randal weiter sagte, bestärkte seine Verwandten darin, daß er ein eigenthümlicher Sonderling sei, der sich in seiner Abgeschiedenheit seltsame Grillen in den Kopf gesetzt habe. Aber er war doch so gutmüthig und von so sanfter Gemüthsart, daß es Vergnügen machen konnte ihn anzuhören, um darüber zu lachen und zu spotten, andererseits hatte seine immer gleiche Höflichkeit und Ruhe etwas, das eben so wohl Achtung abnöthigte, als seine Kenntnisse, wenn diese überhaupt in einer Zeit Achtung verschaffen konnten, wo die höheren Stände noch immer geringschätzig genug darüber dachten.

Ein Gefühl dieser Geringschätzung gegen einen Mann, der so wenig wie ein Freiherr dachte und handelte, hatte sich ohne Zweifel Allen eingeprägt, und würde sich noch mehr geltend gemacht haben, wenn nicht die Diener und die Gutsangehörigen Erich Randal's ihrem jungen Herrn einen hohen Grad von Ergebenheit bewiesen hatten, der deutlich zeigte, wie sehr sie ihn verehrten. Er führte seine Gäste in der Umgegend umher, bis in das Kirchspiel hinab, an manchen kleinen Häusern vorüber, und überall kamen die Bewohner mit freundlichen Gesichtern und Grüßen und dem unverkennbaren Ausdruck der Zuneigung herbei, um ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen. – Von dem hochliegenden Kirchplatz aus war das ganze Thal zu überblicken, und wie ein reicher großer Garten dehnte es sich bis an die fernen Berge aus. Die Häuser von Balken erbaut trugen meist Dächer mit Rasenstücken bekleidet, welche mit ihrem lichten Grün und blauen und rothen Blumen eben so viele kleine Gärten bildeten. Am Fuße der Höhe aber, auf welcher die Kirche lag, stand ein großes wohlgebautes Haus, und eben trat ein stattlicher Herr daraus hervor, der hinaufblickte, als er die Stimmen hörte, sich aber sogleich wieder zurückzog, ohne die Fremden bemerken zu wollen.

122 Seiner schwarzen Tracht und seinem Ansehen nach war es der Geistliche des Ortes; er war zugleich auch der erste Mensch, der, wie es schien, wenige Höflichkeit besaß.

Es ist der Propst Ridderstern, sagte Erich lächelnd, er gehört zu einer alten Familie.

Ich müßte mich irren, erwiderte Arwed, oder dieser geistliche Herr ist stolzer als der Freiherr Randal.

Wie unsere Geistliche zuweilen sind, versetzte Erich. Sie bilden einen mächtigen Stand, der große Rechte und Vorrechte besitzt, wichtigen Einfluß ausübt, und es nicht gerne sieht, wenn man sich diesem nicht unterwirft.

Wir müssen ihm unseren Besuch machen, sagte der Kammerherr, da er nicht zu uns kommen will.

Nach allen Regeln der Etikette, fügte Ebba hinzu.

Und Sie werden einen Mann finden, der Ihnen gefallen wird, antwortete Erich. Er besitzt viele Weltkenntniß, und hat diese auch auf Reichstagen und Concilien geltend gemacht.

Sie stiegen den Hügel hinab und erreichten einen Weg, der mit Vogelbeerbäumen besetzt war, die voll rother Dolden hingen. Das Pfarrhaus lag hinter einem geräumigen Vorplatz groß und behaglich, und trug alle Zeichen der Sauberkeit und des Wohlstandes. Eine Dienerin empfing die Fremden an der Thür und begleitete sie in ein schönes, mit allen Bequemlichkeiten ausgestattetes Zimmer; hier erschien bald darauf der Propst, der in Eile seinen weißen Kragen angelegt hatte.

Eine selbstbewußte Würdigkeit lag in seinem langen Gesicht, dessen harte, kalte Züge maschinenartig von Freundlichkeit belebt wurden. In gewählten Worten drückte er sein Vergnügen über den Besuch aus, nöthigte zum Sitzen, dankte dem Freiherrn für die Ehre, welche er ihm verschaffte, und war bald im Gespräch über die Reise der Gäste und über die neuesten Weltereignisse, welche er weit besser kannte als sein unkriegerischer und unpatriotischer Nachbar.

Nach einigen Minuten erschien die Dienerin mit Zuckergebackenem und gutem, französischen Wein, und ihr folgte die kleine runde Frau des Propstes in einer thurmhohen Haube mit grellen Bändern nach 123 der neusten Mode, begleitet von mehreren halberwachsenen Töchtern, die so schnell als möglich in ihr Bestes gesteckt und herausgeputzt waren. Die Gespräche wurden nun allgemein. Die Damen befreundeten sich leicht, denn die kleine runde Frau war in Stockholm erzogen worden, und wußte viel davon zu erzählen und zu fragen, ihre Kinder zu rühmen und von ihrem ältesten Sohn zu sprechen, der als Jäger-Fähnrich zur Besatzung von Sweaborg gehörte.

Der Propst vervollständigte dies, indem er bemerkte, daß der Oberst von Jägerhorn, der das Regiment commandire, ein Verwandter sei, und daß er die Freude gehabt habe, diesen lieben Freund erst kürzlich bei sich zu sehen.

Der Kammerherr dachte bei diesem Namen an die Äußerungen des jungen Waimon, und erklärte sich im Stillen, wo dieser den Obersten gesehen habe. Er blickte Serbinoff an, allein dieser versicherte eben der Frau Propstin, daß ihr Zuckergebäck von unnachahmlicher Vortrefflichkeit sei, und um seinerseits auch etwas zu thun, rühmte Baron Arwed die Vortrefflichkeit des Weines, den man von solcher Güte selten, selbst in Stockholm finde.

Damit versorgt mich mein sehr werther Freund Halset, antwortete der Propst, indem er den Namen scharf betonte, allein ich fürchte, daß wenn man in Stockholm fortfährt unseren einzigen wahren und natürlichen Bundesgenossen als ärgsten Feind zu behandeln, wir bald dies schöne labende Getränk gänzlich entbehren müssen.

Ich höre mit Vergnügen, sagte Arwed, daß auch Sie, mein hochwürdiger Herr, die Meinung theilen, welche in Schweden so allgemein ist.

Glauben Sie denn, erwiederte der Geistliche stolz lächelnd, daß wir in Finnland nicht dieselben patriotischen Gefühle haben? Die Schweden sind die Franzosen des Nordens! Der große Napoleon selbst hat dies von uns gesagt, und in seinem berühmten Briefe an den König hat er es auf's tiefste bedauert, daß die edle schwedische Nation, sie, welche unter allen Völkern den Franzosen am nächsten stehe, gegen Frankreich kämpft, das seit den ältesten Zeiten die Schweden als Brüder betrachtet. Im Munde dieses steifwürdigen Herrn klang die Berufung auf den nordischen Franzosentitel, der freilich damals ein Lieblingswort der 124 meisten Schweden war, lächerlich genug, und in Serbinoff's Augen schimmerte ein Spott, den er nicht ganz unterdrücken konnte. – Bei der französischen Lebendigkeit der schwedischen Nation, sagte er, und deren feurigem Geiste läßt sich wohl erwarten, daß eine Änderung der bisherigen Politik erfolgt.

Propst Ridderstern hob seinen langen Kopf auf und richtete die kalten Augen auf den Grafen. Sie haben vielleicht schon gehört, sagte er, was ich heut erst durch eine Mittheilung aus Abo erfuhr. Der Kaiser von Rußland, Ihr Kaiser, mein Herr, der zum Heile der Welt ein so inniger Freund des größten aller Menschen, des Kaisers Napoleon, geworden ist, hat eine dringende Aufforderung an seinen Schwager, unsern König, ergehen lassen, das Bündniß mit England aufzugeben und Frieden mit dem glorreichen Helden Europa's zu schließen.

Der Kaiser Alexander, erwiederte Serbinoff, ist ein so edler und hochbegabter Fürst, daß es das Ziel seiner Wünsche sein wird, diesen Frieden zu vermitteln. Ich zweifle auch nicht, fügte er hinzu, daß der König diese innigen Wünsche wohl aufnehmen werde, da das ganze schwedische Volk diesen Frieden für ein Glück hält.

Der Propst zuckte die Achseln und lächelte in seiner mechanischen Weise. Gott möge es geben! rief er salbungsvoll, wir in Finnland wünschen gewiß am meisten die Segnungen des Friedens, denn der Krieg verwildert die Gemüther und vermehrt nicht allein Armuth und Verbrechen, sondern er begünstigt auch Sittenlosigkeit und Gottlosigkeit.

Sie bewohnen aber doch ein wohlhabendes, schönes Land, sagte der Kammerherr, und so weit ich die Menschen darin bis jetzt gesehen habe, scheinen sie mir aufgeweckt und gutmüthig zu sein.

Die Finnen sind im allgemeinen ein Volk das manche gute Eigenschaften besitzt, erwiederte der Propst, allein sie haben immer noch zu viel von dem störrigen und widersetzlichen Geiste ihrer Väter in sich, und wie jene in Zucht und Ordnung gehalten werden mußten, so ist dies ihnen auch jetzt noch beständig nöthig.

Ah, ich merke, lachte der Kammerherr; auch hier gibt es Klagen über Unglauben, Neuerungen und über die Böcke unter den Schaafen.

125 Böse Beispiele thun dabei leider sehr viel, antwortete der Geistliche, und dies Volk, das zum Spott und zur Verachtung mehr als zu sehr geneigt ist, glaubt allzugern, was seinem Leichtsinn zusagt. Sie werden länger bei uns verweilen, und es wird mir immer Vergnügen gewähren, Sie in meinem armen Hause zu sehen, um Ihnen meine Hochachtung zu beweisen.

Er stieß mit seinen Gästen an, und das Gespräch wandte sich auf andere Gegenstände, aus welchem sich ergab, daß der Propst ein sehr bedeutendes Einkommen durch große Ländereien besaß, dabei reiche Kirchensteuern bezog, dennoch aber nicht damit zufrieden schien. – Nach einiger Zeit endete der Besuch mit der höflichen Einladung, ihn bald zu erneuen, und indem der Geistliche Erich die Hand reichte, fügte er hinzu: Sie wissen, mein lieber Freiherr, daß ich Ursach habe nicht zu Ihnen zu kommen, um so aufrichtiger werden Sie mir willkommen sein, denn es ist gewiß mein Wunsch, Ihnen zu beweisen, daß ich Ihr Freund bin. Nur die Gottlosen sind mir zuwider. Die Spötter und Verächter sollst du meiden, sagt der Apostel.

Warum will er nicht zu dir kommen? fragte der Kammerherr, als sie sich aus dem Bereich des Pfarrhauses befanden.

Otho's wegen, antwortete Erich. Der Propst machte schon vor Jahren Zehntenrechte an dem Gute geltend, das Otho jetzt gehört, und wurde damit abgewiesen. Dann gab es noch andere Gründe, fügte er lächelnd hinzu, welche die gegenseitige Abneigung vergrößerten. Ein junger Mensch, Jem Olikainen, der jetzt Otho's Diener ist, wurde von dem Propste eines Vergehens beschuldigt, das ihn in's Zuchthaus gebracht haben würde. Otho trat jedoch für ihn auf, und bewies die Grundlosigkeit des Verdachts; bald darauf erschien ein Spottgedicht, wie es hier gewöhnlich geschieht, wenn etwas vorkommt, das Aufsehen erregt; denn Sie müssen wissen, daß dies die gewöhnliche Art der Rache unter den Finnen ist. Sie rächen sich nicht mit Messerstichen, nicht mit Brand und Mord, sondern sie besingen ihren Feind und geben ihn dem allgemeinen Gelächter preis, was oft mit mehr Witz und Feinheit geschieht, als man es einfachen Landleuten zutrauen sollte.

126 Eine vortreffliche, gemüthliche Sitte! rief der Kammerherr. Es erschien also ein Spottgedicht auf den Propst und der Verfasser desselben war Herr Otho Waimon.

Wenigstens glaubte Herr Ridderstern, daß er damit gemeint sei, und daß Otho es gemacht habe. Seit dieser Zeit hat sein Widerwille gegen meinen Vetter sich gehäuft, und einen Theil davon auch auf mich übertragen.

Er sieht aus wie ein echter Pfaffe, rief der Seeoffizier, und ich gönne es ihm von Herzen, wenn Otho ihn derb gepeitscht hat. Er soll uns das Lied vorsingen, Ebba, damit wir auch darüber lachen können.

Am Nachmittage fuhren sie über die Seebucht zunächst nach der Insel, welche Ebba als Vermächtniß erhalten hatte. Erich wollte seiner Cousine ihr Eigenthum übergeben. Er selbst führte den kleinen Kahn, der eben groß genug war, die Gesellschaft aufzunehmen, und regierte die beiden Ruder mit mehr Geschicklichkeit und Kraft, als ihm zugetraut wurden. Der schöne See lag spiegelklar und ruhig, in bedeutender Tiefe noch ließ sich sein röthlicher Felsengrund erkennen, und die Schaaren flüchtiger Fische verfolgen, welche vor der Menschennähe davon eilten. Die Tiefe Bläue des Himmels, der über diesem weiten Wasserbecken hing, vermehrte dessen ungetrübten Reiz und herrlich säumte sich daran das grüne, reiche Waldgebiet, von Sonnenglanz und Sommerluft in weichen, warmen Armen getragen.

Diese Seen, sagte Erich, nehmen uns freilich einen großen Theil fruchtbaren Boden, aber sie geben unserm Lande dafür ein eigenthümliches romantisches Gepräge, zugleich auch Speise vollauf, denn es wimmelt darin von den schönsten Fischen aller Arten. Wären diese Seen nicht vorhanden, so würde uns das Beste fehlen. Man sieht an ihnen, wie merkwürdig diese Schöpfung ist. Ganz Finnland ist aus Granit gemacht, auf diesem liegt die fruchtbare Pflanzenerde, welche Millionen Jahre nöthig hatte, ehe sie sich zu solchen Lagern ansammeln konnte. Überall aber bricht durch Wald und Feld dennoch der Fels hervor, und diese Seen liegen in tiefen Schaalen von Granit, welche, wie die alten Sagen melden, den Göttern einst als Trinkschaalen dienten, und dazu auch von ihnen geschaffen und geformt wurden.

127 Nur schade, fiel Ebba ein, daß das finnische Wasser so sanftmüthig ist, wie das finnische Blut.

In unserer Natur wechselt häufig die Ruhe mit plötzlicher Leidenschaft, erwiederte Erich. Wenn der Sturm von den Luhangabergen über den Pajäne rast, würden Sie Ihre Meinung ändern. Ähnlich sieht es mit den Menschen aus.

Nur Sie, Cousin Erich, machen eine Ausnahme.

Sie haben Recht, erwiederte der Freiherr lächelnd. Ich bin, wie ich glaube, unveränderlich derselbe, auch werde ich es bleiben.

Er stieß den Kahn an's Land, denn die Insel war erreicht, und bot Ebba seine Hand. Hier ist Ihr Besitzthum, sagte er, wo unsere Eltern einst glückliche Tage verlebten, die ihrer Freundschaft gewidmet waren. Möge alles Glück wiederkehren und Sie begleiten, theure Ebba. Lange habe ich mich auf diese Stunde gefreut, wo ich Ihnen diese Ruhesitze und Plätze zeigen würde, die meinem Vater immer so werth gewesen sind und nun für mich neuen Reiz erhalten. Es ist Alles erhalten, wie es war, und Einer ist noch unter den Lebendigen, der Ihnen von Ihrer Mutter und von alten Zeiten erzählen kann.

Er leitete sie den Weg hinauf, durch deckendes Gebüsch und unter hohen Bäumen fort, bis sich ein schöner Rasengrund zeigte, der, ein Oval bildend und von Laubholz fast ganz umschlossen, nur an einer Seite sich öffnete. Im Hintergrunde lag unter tief hängenden Birken ein Haus ganz mit leuchtender Birkenrinde bekleidet und mit einem kleinen Vordach versehen, das, von weißen Säulen getragen, zierlich und einladend aussah. Immergrün rankte an den hellen Fenstern auf und Sonnenschein fiel auf die flüsternden langen Zweige der Birken, die sich vor ihnen neigten und ihrer jungen Herrschaft leises Willkommen entgegen rauschten.

Still und schön sah der nordische Meierhof in seinem waldumschlossenen Frieden aus. Die abgeschlossene Ruhe umher, und nur da, wo dieser Kreis sich öffnete, ein weiter Blick über den See fort auf Wälder und blaue Berge, erregten Empfindungen und Gedanken in Ebba, denen sie schweigend sich überließ, während ihre Augen mit feuchtem Glanz umherschauten.

128 Plötzlich drückte sie ihres Vetters Hand, und als sie in sein klares freundliches Gesicht sah, lächelte sie ihm zu, wie nie vorher. Das Alles ist also mein! rief sie aus. O! wie schön ist es hier, wie danke ich Ihnen, lieber Erich. Meine Mutter hat hier gewohnt und ist glücklich gewesen. Sie muß glücklich gewesen sein, denn was kann ein Mensch mehr vom Glück verlangen, als eine Heimat voll Frieden und treue Herzen, die ihn bringen und theilen. Dank, tausendmal Dank! Auch ich will hier wohnen, wie meine Mutter. Sie werden zu mir kommen, wie Ihr Vater kam. Louisa wird meine Freundin sein, wie ihre Mutter meiner Mutter Freundin war. Schöne heitere Tage sollen uns vereinigen, so lange – so lange menschliches Geschick es uns erlaubt, setzte sie leiser hinzu.

Erich hielt ihre Hand fest, seine Augen ruhten auf ihr, es war, als sprächen Freude und Kummer zugleich daraus. Wir müssen nicht daran denken, erwiederte er, daß Glück enden kann, nur so kann man es rein genießen.

Arwed und seine Begleiter traten jetzt aus den Gebüschen hervor und schon von weitem rief der Kammerherr: Das ist wahrlich ein allerliebster Aufenthalt; so recht gemacht, um an die Märchen von wilden Wasserfeien zu glauben, die mit solchen Paradiesen aus den Fluthen aufsteigen, arme Sterbliche verlocken und mit ihnen dann zehntausend Klafter tief versinken.

Wäre es ein Unglück zu nennen, wenn krystallne Mauern sich plötzlich um uns aufthürmten? fragte Ebba.

Sie ist schon angesteckt von den idyllischen Träumen, die über dieser Zauberinsel schweben, lachte Arwed. O! ich kann mir wohl denken, daß unsere Mutter ihrer Zeit hier auch im Sonnen- und Mondenschein geschwärmt hat, aber nach einer Anzahl kurzer Erdentage ist sie doch wieder nach Stockholm gefahren und leider niemals zurückgekehrt.

Sie hatten sich dem Hause genähert, auf dessen Schwelle sie einen alten Mann entdeckten, der sich damit beschäftigte, aus abgeschälten buntgefärbten Weidenruthen einen Korb zu flechten. In seinem grauweißen sackartigen Rock saß er da, ohne sich stören zu lassen, und seine breitschulterige, gekrümmte Gestalt sah so ungefügig aus, daß 129 der Kammerherr, als er ihn erblickte, seine Spötterei fortsetzte, und seiner Schwester zurief, daß dort schon ein dienender Gnom oder Wassermann sie erwarte.

Es ist der alte Schulmeister Lars Normark, sagte Erich, derselbe Mann, von dem ich Ihnen erzählte, daß er Ihre Mutter gekannt hat, denn er war der erste Lehrer meiner Eltern ebensowohl, wie er der meine gewesen ist.

Während Erich sprach, sprang plötzlich ein schöner gelb und bunt gesprenkelter Hahn, der neben dem Greis gesessen haben mußte, auf seine Beine, reckte den Hals, schlug mit den Flügeln und stieß ein gellendes Hahnengeschrei aus. Lars Normark richtete zugleich seinen Kopf in die Höhe und legte seine Arbeit bei Seite. Es war ein dicker mächtiger Kopf, den er auf seinen Schultern trug. Schneeweiße Augenbrauen saßen über seinen runden Augen, welche schlau und schelmisch umherblickten, und als er seine breitgeränderte grobe Filzkappe abnahm zog sich um seinen Schädel ein Kranz eben so weißer Haare.

Guten Tag, Erich Randal, sagte er, der Anrede zuvorkommend, und ohne aufzustehen, sind das deine Gäste? Feine Herren, willkommen in Halljala, und eine feine Dame. Gott behüt's, Fräulein, Gott behüt's! Sei stille Hans, ducke dich, mach' dein Compliment vor den Herrschaften.

Ja, Lars, erwiederte der Freiherr, während der Hahn gravitätisch sich verneigte, hier sind meine längst erwarteten Freunde und meine Muhme Ebba Bungen, die ihr Eigenthum in Besitz nehmen will.

Frisches Blut! rief der Schulmeister, der das Fräulein mit seinen runden hellen Augen schelmisch anschaute; stolzes schwedisches Blut. Das alte Herz lacht auf, wenn man es ansieht. Gott behüt's, Fräulein Ebba, gebt dem alten Lars Eure weiße Hand. Er streckte seine knochige dicke Tatze aus und nickte ihr zu, indem er den Mund beinahe bis an die Ohren öffnete und ein Gebiß zeigte, das einem Wolf Ehre gemacht hätte. – Ehe! sagte er, die Finger der jungen Dame festhaltend, bringt das Glück zurück nach Halljalaschloß, schönes Fräulein, daß es wieder einmal lustig darinnen hergeht, der alte Lars in der Halle am Feuer sitzen kann, seine Pfeife pfeifen läßt und seine Fibeln aus dem Sack holt.

130 Ich will thun, was ich vermag, guter Lars, erwiederte Ebba, eben so wohl über diesen drolligen Auftritt lachend, wie ihre Begleiter.

Es kann sein, Hans, antwortete der Alte seinem Hahn zunickend, es kann aber auch nicht sein. Der Mensch sagt oft, ich will, und er will nicht; ja spricht der Mund, und das Herz sagt nein. Das Wort ist nichts als ein Hauch, und Eure Augenbrauen sind zusammengewachsen, schöne Dame, so war es bei Eurer Mutter auch. – Aber macht, daß Ihr hinüberfahrt nach Louisa, sie warten dort auf Euch und das finnische Blut ist ein heißes Blut, der finnische Wind ein falscher Wind. Gott behüt's, daß ich ein echter Schwede bin! Alles ist echt und fest an dem alten Lars. Fahr' fort mit deinen Gästen, Erich Randal. Es hängen Windwolken über dem See und Wind ist deine Sache nicht, Freiherr Erich. Der Hans meint es auch so. Eh', Hans, hab' ich Recht?

Das ist ein sonderbarer alter Bursche! rief Arwed.

Mein alter Freund Lars ist über achtzig Jahre alt, sagte Erich, doch in Gemüth ist er noch jung und immer bereit, seine gute Laune zu beweisen. Sein Rath, nach Louisa hinüber zu fahren, ist jedoch jedenfalls gut, denn leicht könnte es sein, daß der Wind sich aufmacht. Dies also, liebe Muhme Ebba, ist Ihr freies Eigenthum, und wenn Sie es bei schönen Tagen bewohnen wollen, können wir alle Einrichtungen dazu treffen.

Er führte sie in den wenigen Gemächern umher. Sie waren mit Matten belegt, die Wände mit neuen Tapeten bekleidet, welche er aus Abo kommen ließ, und was er an passenden Geräthen besaß, hatte er schon herüberschaffen lassen. Tische und Stühle, von Weidenruthen zierlich geflochten, erklärte Erich als Arbeiten des alten Künstlers, der auf der Schwelle weiter schaffte, ohne sich mehr um den Besuch zu kümmern. Das Lob und den Dank des Fräuleins nahm er kopfnickend in Empfang und sagte dann zu seinem Hahn: Es steht Alles wieder so, Hans, wie damals und sie schlug eben so in die Hände, als sie es sah und dankte dem guten Lars, der noch nicht der alte Lars war! Regen kommt nach Sonnenschein und es vergeht Alles in dieser Welt. Macht fort, Ihr Herren, und Gott behüt's, schönes Fräulein. 131 Ich will Euch das Haus bewachen; wenn Ihr wiederkommt, sollt Ihr's fertig finden. Seht zu, wie es Euch gefällt im finnischen Land.

Gut, mein lieber Lars, erwiederte Ebba, ich nehme an, was du mir versprichst, und hoffe, wir werden uns besser befreunden, als es jetzt geschehen kann.

Mach dein Compliment, Hans, sagte Lars, und indem der Hahn sich duckte, nahm er selbst seine Kappe ab. Morgen ist auch ein Tag, rief er, und nach morgen kommen viele Tage. Kommt bald wieder und vergeßt es nicht. Es ist echt schwedisch Blut in mir und in dem Hans da.

Sie schieden froh gelaunt von dem alten Mann, der ruhig sitzen blieb und sein Geflecht wieder aufnahm. Der Hahn war auf seine Schulter geflogen und krähte ihnen gellende Abschiedsgrüße nach, die ihr Gelächter vermehrten.

Wo stammt dies alte Original denn eigentlich her? fragte der Kammerherr. Ist er wirklich von schwedischer Abkunft, wie er sich rühmt?

Die Untersuchung dürfte schwierig werden, erwiederte Erich. Sein Vater soll in Normark gewohnt haben. Seine Mutter ist aber sicher ein finnisches Mädchen gewesen. Den Krieg vom Jahr 1742 machte er als ein junger Bursche in einem finnländischen Regimente mit, und focht tapfer in der blutigen Schlacht von Willmanstrand, wo viertausend Finnen und Schweden einen ganzen langen Sommertag über gegen die dreifache Zahl Russen kämpften, bis endlich kaum tausend Mann entkamen.

Er ist jedoch glücklich mitentkommen, lachte Arwed.

Lars erzählt von seinen Abenteuern wunderbare Geschichten, fuhr Erich fort; gewiß ist, daß, als das schwedische Heer in Helsingfors die Waffen streckte, auch Lars zu den finnischen Soldaten gehörte, welche der russische Marschall Lascy nach Haus schickte. Seit dieser Zeit wurde er ein Schulmeister, wie sein Vater einer gewesen sein soll; das heißt, er lief von Hof zu Hof durch das ganze Tavastland und lehrte die Kinder den Katechismus, auch wohl etwas lesen, daneben aber erzählte er ihnen die schönsten und wunderbarsten Geschichten und Sagen, denn sein Kopf steckt ganz voll davon, wie auch von alten Liedern, meist aus der Heidenzeit, die sich im Volk erhalten haben, 132 Otho's Mutter und mein Vater waren seine besonderen Freunde und seine Zuneigung zu ihnen hat sich auch auf uns übertragen.

Er lebt also bei Euch als ein altes Erbstück.

Er kommt und geht, wie es ihm gefällt, sagte Erich, denn er ist überall willkommen. Den alten Schulmeister Lars, oder den Pfeifer von Normark, wie sie ihn häufiger noch nennen, kennt jeder hier im Lande und keine Hochzeit und kein Fest kann geschehen, wo er nicht dabei wäre.

Mit seinem Hahn! rief Lindström. Hat man je gehört, daß ein vernünftiger Mensch mit einem Hahn umherzieht!

Den besitzt er schon seit vielen Jahren, und das Thier unterstützt ihn bei seinen lustigen Streichen.

Im Grunde ist es also ein Possenreißer und Landstreicher, sagte Serbinoff.

Man muß es nicht so hart beurtheilen, erwiederte Erich. Er kann auch verständigen Rath geben in seiner Weise. Die Bauern hören auf ihn wie auf ein Orakel, und da er an viele Orte zu vielen Menschen kommt, ist er zugleich eine Art wandernder Zeitung, aus der sie allerlei Neuigkeiten und gute Lehren erfahren.

Seltsames Land! rief der Graf lachend, wo man die Zeitungen verbietet und dergleichen zweibeinige frei umherlaufen läßt.

In Rußland würde man es ihm nicht gestatten? fragte Ebba.

Ich glaube kaum.

Weil Lars dort ein Leibeigener sein würde, sagte der junge Offizier. Hier aber ist er ein freier schwedischer oder finnischer Mann so gut wie wir Alle, und das ist ein Glück und ein Recht, das uns noch Niemand angetastet hat und auch nicht antasten wird.

Das Eiland war bald betrachtet, denn es enthielt nichts als das Haus und die schönen Baumgruppen, welche dies umgaben. Erich führte seine Freunde daher bald zu dem Kahne zurück und fuhr mit ihnen über die Bucht nach dem jenseitigen Ufer, wo Waimon's Besitzung lag. Als das Fahrzeug sich eine Strecke vom Ufer entfernt hatte, schallten plötzlich die Klänge einer Pickelpfeife ihnen nach, und sie erblickten den Schulmeister auf einem Felsblock am Ufer sitzend, den Hahn auf seiner Schulter und an seinen Lippen die Pfeife, welche er mit Geschicklichkeit zu brauchen verstand. Er blies ein Lied, 133 das Ebba sehr gut kannte, ein altschwedisches Lied, das sie von ihrer Mutter gehört und gelernt hatte und das in Smoland ein Volkslied war. – Ihr Bruder kannte es auch und erzählte Serbinoff die Geschichte der Entstehung des Liedes.

Wo es nur der alte Taugenichts gehört haben mag, lachte er. Ich glaube beinahe, er hat es von der Zeit her behalten, wo es meine Mutter hier sang. Meine Mutter war eine Smoländerin, und Ebba ist dort in Wärend geboren. Smoland ist noch romantischer, mein lieber Erich, als Finnland, es ist berühmt durch seine Felsen, Wälder, Seen und Wasserfälle, und Wärend ist der Kern aller Romantik. Darum sind die Smoländer auch sehr stolze, trotzige Bursche, die sich rühmen, von den alten Riesen, den frühesten Bewohnern Schwedens, abzustammen, sich besser dünken als alle anderen Leute, immer ihr Messer an der Seite tragen und in dem Rufe stehen, ihr Vaterland über Alles zu lieben. Auch die Mädchen daselbst sollen dieselben Tugenden besitzen. Man sagt ihnen nach, daß sie die schönsten im ganzen Reiche sind, dabei eben so stolz und tapfer als die Männer, und daß sie alle Zweifler beschämen, die es wagen, Frauentreue zu verlästern und nicht daran zu glauben; denn die Weiber von Wärend sind im ganzen Norden als über alle Maßen treu berühmt.

Ich weiß nicht, fuhr er lachend fort, ob dieser Ruf noch jetzt seine volle Kraft hat; allein er ist wenigstens wohlberechtigt erworben worden. Denn es begab sich einst, daß die Dänen, unsere lieben Nachbarn, in Wärend einen Besuch machten, als alle Männer nordwärts gezogen waren, wo sie den Feind erwarteten. Schlau wie immer hatten die Dänen die tapferen Smoländer fortgelockt und glaubten nun plündern und brennen zu können, wie es ihnen gefiele; allein was geschah! die Mädchen von Wärend bewaffneten sich und zogen unter Führung einer tapferen Jungfrau, welche Blenda hieß, den Dänen entgegen, schlugen sie und befreiten das Land. Aber ach! Blenda's Geliebter, der Hauptmann der Feinde, fiel im Kampfe von ihrer Hand, und somit konnte sie dann als treue Braut nichts Anderes thun, als sich auf seiner Leiche selbst zu erstechen, um mit ihm in einem Grabe zu ruhen.

134 So lautet diese rührende Sage und darum nennen sich die Mädchen von Wärend noch heute Blenda's Schwestern. Darum haben sie auch heute noch die Sitte und das Recht, den Streitgürtel mit dem Messer darin zu tragen, und wenn das Vaterland in Gefahr geräth, sind sie berufen, zu den Waffen zu greifen und als Heldinnen auszuziehen, was sie jedoch zeither unterlassen haben.

Ebba antwortete nichts auf die muthwilligen Scherze, welche die Erzählung ihres Bruders begleiteten. Sie ließ ihre Hand nachsinnend und lächelnd in das Wasser sinken, das den Bord des kleinen Kahnes umspielte.

Nimm dich in Acht! rief Arwed, daß deine Hand nicht plötzlich von einem Raubfische weggeschnappt wird.

Eher, sagte Ebba aufblickend, mag sie verloren gehen, ehe ein Mädchen aus Wärend sie einem Feinde seines Vaterlandes reicht.

Ein Windstoß zog, als sie dies sagte, plötzlich über die Bucht hin und kräuselte das Wasser, das unruhig sich aushöhlte. Erich arbeitete aus aller Kraft, und das Schwanken des Kahnes reichte hin, um alle Aufmerksamkeit darauf zu richten; denn die Wellen fingen an zu schlagen, der breite Pajäne nahm eine düstere Färbung an.

Alle Wetter! rief der Kammerherr, der alte Gaukler hatte also doch Recht mit seiner Warnung. Was fangen wir an? Erich ist nicht stark genug, um gegen den Sturm zu kämpfen.

Erich gab darauf keine Antwort, aber seine Kraft verdoppelnd gewann der Kahn bald eine vorspringende Landspitze und den Schutz des Ufers, und endlich erreichte er wohlbehalten einen Landungsplatz, in dem Augenblicke, wo oben auf der Höhe Otho mit seiner Schwester erschien, die unter freudigem Rufen sich näherten.

Unter Scherzen über den Spuk des Sees und über Erich's Stärke legten sie den kurzen Weg zurück, der zu dem Wohnhause der Geschwister führte, das nicht viel besser als ein großes Bauernhaus aussah und sich von diesem im Äußern nur dadurch unterschied, daß die Baumstämme, aus denen es erbaut war, noch eine Bekleidung von übereinander gelegten schmalen Brettern hatte, deren grauweißer Anstrich ihm besondere Sauberkeit verlieh. Rund umher lag ein großer Garten, mit Blumen, Obstbäumen und Gemüsepflanzungen 135 versehen. Feldstücke und Wiesenflächen dehnten sich dahinter aus und zogen bis zu waldbedeckten Bergen fort. Eine Anzahl Hütten stand näher und ferner unter weißleuchtenden Birken und auf den Rasengründen weidete zerstreutes buntgeflecktes Vieh, das sein Glockengebimmel hören ließ.

Das Haus des finnischen Gutsherrn war geräumig und wohnlich, doch in seinen Einrichtungen sehr einfach. Die weißen Dielen mit Tannennadeln bestreut, die Wände, statt mit Tapeten bedeckt, mit Ölfarbe bestrichen, die Geräthe von dem festen Holz der nordischen Birke kunstlos gefertigt. Doch nicht in diesen niedrigen Stuben, sondern im Garten und im Schatten und Schutze des Hauses bewirthete Louisa ihre Gäste, wo die schönste Aussicht nach allen Seiten hin frei war.

Das also ist Ihr Eigenthum, mein lieber Waimon, sagte der Kammerherr. Ein schöner Besitz, wenigstens dem Ansehen nach, und ziemlich bedeutend.

Es ist nicht allzuviel, erwiederte der junge Mann; allein es genügt mir, um nach meinem Geschmack zu leben.

Ich glaube nicht, daß Sie den Geschmack unseres Vetters theilen, fuhr Arwed fort; ich meine, Sie besitzen keinen Büchersaal zur Erholung.

Meine Erholungen sind von anderem Schlag, antwortete Otho. Ich will Ihnen auf der Stelle zeigen, wie es damit steht. Er führte die Herren in ein Zimmer, an dessen einer Wand eine Anzahl verschiedenartiger Angelruthen, Fischspeere, Netze und Geräthe lagen und standen, wie sie zum Fischfange gebraucht werden, dann öffnete er einen Schrank an der anderen Seite, in welchem mehrere Gewehre, Büchsen und Pistolen hingen, endlich eine Thür, hinter welcher in der daranstoßenden Kammer verschiedene Sättel und reich beschlagenes Zaumzeug bewahrt wurde.

Also Jäger, Fischer und Reiter, sagte Arwed, und Alles, wie ich überzeugt bin, in größter Vollkommenheit.

Wie es sich für einen Mann paßt, der sein Leben zwischen Seen und Wäldern hinbringt, sagte Otho, und von frühster Jugend an darauf hingewiesen ward. Mein Gut hat wenig fruchtbaren Acker, 136 mein Vater schon trieb hier Viehzucht und Pferdezucht, verkaufte seine Thiere weit umher, handelte ein und stand mit den Kaufleuten in Verbindung, die nach Stockholm, nach Wiborg und Petersburg unser Fleisch und unsere Rosse schicken.

Und solchen Handel treiben Sie ebenfalls?

Otho bestätigte es. Seine großen Weiden begünstigten seine Unternehmungen, und ohne Rückhalt erzählte er, wie er seine Geschäfte betreibe, magere Thiere einkaufe und sie fett nach der Küste schicke, seine Pferde verhandle und die besten besitze, welche zu haben seien. Zur Bekräftigung führte er die Herren in seine Ställe und zeigte ihnen einige der schönsten Thiere, die von dem Kammerherrn sowohl, wie von Serbinoff sehr gelobt wurden. Serbinoff war ein Kenner, und was er von der Pferdezucht verschiedener Länder erzählte, von den Vorzügen der verschiedenen Racen und von seinen eigenen Gestüten, die er auf seinen Gütern im südlichen Rußland besaß, hatte großen Reiz für Otho. Die beiden jungen Männer, so verschieden sie auch waren, besaßen dennoch Ähnlichkeit genug, um eine Zuneigung zu empfinden, welche aus ihren verwandten Eigenschaften entsprang. Beide waren von großer schöner Gestalt, beide liebten männliche Übungen und besaßen ohne Zweifel Geschicklichkeit darin. Das feine gewandte Wesen des Grafen war doch zugleich ein offenes und freies, und aus seinen Mittheilungen erfuhr Otho, daß Serbinoff noch jetzt Capitain in der Reitergarde sei und als solcher den Feldzug von 1805 und die Schlacht bei Austerlitz, als Adjutant des Generals Buxthövden mitgemacht habe. Sein Vertrauen wuchs dadurch, weil seine Theilnahme sich vermehrte, und Serbinoff hatte sichtlich dasselbe Wohlgefallen an ihm. Noch ehe sie zurückkehrten, sprach sich dies in der Einladung Otho's aus, sobald der Graf es wollte, mit ihm einen Ritt durchs Land oder einen Jagdzug an den oberen Pajäne zu machen, wo dieser mit seinen Fortsetzungen in die Wildnisse von Savolax tritt, überhaupt aber recht oft nach Louisa zu kommen und seine Dienste in Anspruch zu nehmen, was Serbinoff mit Freundlichkeit und Dank annahm.

Als sie dann wieder in den Garten traten, wo Erich mit den beiden jungen Mädchen zurückgeblieben war, sahen sie, daß die 137 Gesellschaft sich vermehrt hatte. Ein alter Herr stieg so eben von seinem Pferde, das so kräftig und breitbrustig war wie er selbst, und neben ihm sprang von einem kleinen muthigen Thiere ein junger Mensch, in dem sich der Jüngling noch mit dem Knaben stritt. Der alte Herr in seiner festen Haltung, seinem blauen zugeknöpften Rocke, dem dicken Zopfe, zu welchem sein Haar zusammengebunden war, und dem starkknochigen Gesicht sah unverkennbar soldatisch aus; der Knabe an seiner Seite in blonden Haaren, leicht gerötheten Wangen, leicht beweglich und elastisch, hätte einem Künstler zum Bilde eines Ganymed dienen können. Serbinoff sowohl wie der Kammerherr blickten mit Wohlgefallen hin, wie er anmuthig und behend, gleich einem geschickten Voltigeur, mit einem kecken Satze aus dem Sattel war und gleich darauf die kleine Louisa haschte und küßte, wie er in Erich's Arme flog und vor dem fremden Fräulein sich sittig verbeugte. Der alte Herr ging langsam hinter ihm her und stützte sich auf einen Stock, denn er hinkte; aber seine Stimme hatte keinen Schaden gelitten, sie schallte kräftig genug herüber, begleitet von seinem markigen Lachen, als Otho's Schwester ihm entgegenlief und beide Arme um seinen starken Körper schlang.

Holla! rief der alte Herr, du Elf', du kleiner Nix, mein sonnig Mädchen, willst den alten Invaliden gefangen nehmen? Hast ihn schon erobert, er läuft dir nicht mehr fort. Und da ist ja der Gelehrte. Oho! Erich Randal! Er hat seine Bücher vergessen, der gelehrte Herr, um in einem schönern Buche zu lesen. Mit dieser artigen Wendung nahm er den dreieckigen abgeschabten Hut von seinem grauen Haar und begrüßte das fremde schwedische Fräulein.

Es ist der Major Munk, sagte Otho, ein alter tapferer Soldat, der auf einem Gütchen, eine Stunde aufwärts am Pajäne, sein Invalidengehalt verzehrt. Mein Vater war sein Freund. In der Schlacht in der Wiborger Bucht sprengte er sich mit seiner Bombenschaluppe in die Luft, um nicht in die Hände der siegenden Russen zu fallen. Er wurde jedoch lebend und fast unbeschädigt gerettet und konnte die Schlacht im Svensksund, sechs Tage später schon wieder mitfechten, wo er jedoch übler fortkam; denn sein Bein wurde lahm geschossen. Der Knabe ist sein jüngster Sohn Magnus, ein 138 prächtiger Wildfang. Ich denke, der Major wird Ihnen gefallen, er ist ein sehr ehrenwerther gradherziger Mann.

Sie waren während der Aufschlüsse in den Garten getreten, wo der alte Soldat ihnen die Hände schüttelte und freundliche Worte sagte. Ich bin von Lomnäs herübergekommen, begann er, weil ich gehört hatte, Sie seien endlich bei uns angelangt, und weil ich neugierig war, was uns Stockholm diesmal schickt. Sie müssen wissen, meine lieben Herren, fuhr er lachend fort, daß es ein altfinnisches Wort ist, aus Stockholm kommt nichts Gutes; doch sie machen es zu Schanden, und es ist mir eine wahre Freude, daß Sie dem Gelehrten da unter die Bücher gefahren sind. Oho! Erich Randal, jetzt heißt es ein finnländischer Freiherr sein, wenn eine schöne Cousine im Hause ist; aber der alte Invalide muß ihm Unterricht geben. Bei Odin's Bart, es ist kein Feuer mehr in der Jugend!

Mit ritterlicher Galanterie reichte der alte Soldat dem Fräulein seinen Arm und führte sie zu dem Ehrensitze im Schatten des Hauses, wo sich Alle bald um die große Tafel vereinigten, auf welcher Louisa ihre Gäste mit duftigem Kaffee, schönen Früchten und dem schönsten Waizenkuchen bewirthete. Die Stunden verrannen während dieses fröhlichen Beisammenseins sehr schnell, denn jeder trug dazu bei, sie zu verkürzen, und bald gab das heitere Geplauder zwischen Louisa und Magnus, in welches sich Serbinoff und Ebba mischten, Gelegenheit zu Scherz und Lachen, bald wieder wurden ernstere Gespräche zwischen den Herren angeknüpft, welche auf Landesverhältnisse und Zustände und auf die großen Weltbegebenheiten Bezug hatten, die damals so gewaltige Erschütterungen bewirkten.

Otho sorgte dann dafür, daß es seinen Gästen an süßem feurigen Punsch und Grogg, diesen im Norden so allgemein beliebten Getränken, nicht fehlte und auf die Mitte des Tisches stellte er eine blanke Schaale, gefüllt mit fein geschnittenem Tabak, sammt weißen kurzen Tonpfeifen, die unter dem Namen »holländische Pfeifen« in ganz Europa geschätzt und verbreitet waren. Der Major war auch gleich dabei sich in dichte Wolken zu hüllen, nachdem er vorher das Kraut mit Kennerblicken untersucht und, wie er bemerkte, sich überzeugt hatte, daß es nicht von Erich Randal's Gewächs sei.

139 Sie wissen doch, sagte er mit einem schelmischen Blitzen seiner grauen Augen, daß der Gelehrte da ein Tausendkünstler ist, der alle mögliche Kunststücke versucht. Bald glaubt er, daß aus unsern Wiesen und Seen Eisen gewonnen werden kann, genug, um gewaltige Schmelzöfen anzulegen und Dannemora's Gruben die Spitze zu bieten, bald hat er Marmorbrüche entdeckt, die Italiens Marmor überflüssig machen, und dann wieder bringt er neue Pflanzen zum Vorschein, Früchte aller Art, Bäume, wie sie nur in Deutschland fortkommen; endlich aber hat er auch sogar Amerika den Rang abgelaufen, denn er hat unser glückliches Finnland mit Tabak beschenkt, wie dieser, seiner Meinung nach, in Virginien und Cuba nicht besser zu finden ist. Gott bewahre aber jeden Christenmenschen vor seiner Freigebigkeit! rief er herzlich lachend, denn ein schrecklicheres Gewächs hat der gute finnische Boden noch niemals aufwachsen lassen.

Es ist Verleumdung! erwiederte Otho zum Schutze seines Freundes, auf dessen Kosten gelacht wurde. Vielen Leuten schmeckt Erich's Tabak vortrefflich, in manchen Gärten wird er gepflanzt und ich weiß einen gewissen Major, der es ganz heimlich eben so gemacht hat.

Ja, Ihr Beide, sagte der Invalide drohend, Ihr, die Ihr so unähnlich seid wie Milch und Blut oder wie Feuer und Wasser, paßt dennoch zusammen wie der Stahl zum Stein. Der übermüthige Bursche hier, der das wildeste Wetter nicht scheut und ohne Noth kein Buch in die Hand nimmt, preist und rühmt Alles, was der Gelehrte da ausheckt, als stamme es von Gott Vater selbst her.

Was er ausheckt, erwiederte Otho, ist immer noch etwas gewesen, das gut war und Ehre brachte und dabei hat er nicht allein seinen gesunden Kopf, sondern auch gesunde Füße behalten.

Wart', du Bösewicht! schrie der Major, willst du mir mein lahmes Bein vorwerfen?

Gewiß nicht, sagte Otho, ich meine nur, es bringt nicht allein Ehre, für seinen König sich lahm schießen zu lassen, sondern auch Ehre, für sein Volk Rüben zu bauen und Tabak zu pflanzen, dabei aber immer munter auf den Füßen zu sein.

Major Munk sah mit einem grämlichen Blick auf seinen zerschossenen Fuß und sagte dann lebhaft: Ich würde es dennoch wieder 140 thun, wenn das Vaterland in Gefahr geriethe und Ihr, die Ihr darüber lacht, Ihr würdet es eben so machen. Das Herz kehrt sich mir um, wenn ich höre, wie es jetzt zugeht. Wie die deutsche Provinz verloren gegangen ist und die Franzosen in Stralsund sitzen.

Geben Sie sich zufrieden, spottete der Kammerherr, allem Anschein nach werden sie dort nicht sitzen bleiben. Denn sobald die Engländer das Meer räumen, wozu sie so eben Anstalt treffen, nachdem sie die dänische Flotte genommen haben, werden die achtzigtausend Franzosen leicht auf die dänischen Inseln übersetzen und wenn der Winter den Sund mit Eis bedeckt, eben so leicht in Schweden einen Besuch machen.

Da wird man sie empfangen, wie es sich gehört! rief der Major.

Wie ich glaube, mit offenen Armen, als längst erwartete Freunde, lachte Arwed. In Stockholm ist man ganz entzückt von dem Gedanken französischen Besuch zu bekommen.

Schämt Euch! sagte der alte Soldat, schämt Euch! Ein Feind in Schweden und wenn es die himmlischen Heerschaaren wären und Gott Vater selbst commandirte sie in eigener Person, kann von schwedischen Männern nimmer mit offenen Armen empfangen werden.

Man meint in Stockholm, die Franzosen seien niemals des schwedischen Volkes Feinde gewesen, antwortete der Kammerherr. Seit den ältesten Zeiten waren sie Schwedens Bundesgenossen. Der König, sagt man, führt Krieg mit ihnen, so auch einige seiner Generale und Günstlinge, Männer wie Toll und Armfeld, sammt einem paar Dutzend anderer guten Leute; das gesammte Volk dagegen sei voller Widerwillen gegen diese Feindschaft.

Das ist ein spitzfindiger Unterschied! schrie der alte Soldat. Mit wem mein König Krieg führt, der ist des Volkes und Landes Feind, und wenn es auch anders gewünscht werden möchte, Gott besser's! so hilft es doch Alles nichts. Es ist und bleibt der Feind; dringt er in's Land, so muß er geschlagen werden, so lange ein Arm aushält.

Wenn das möglich wäre, antwortete der Kammerherr, so bliebe es freilich das Beste; allein übermächtige Feinde muß man sich nicht auf den Hals ziehen und das Land nicht durch solche Kriege in Noth und Schaden bringen. Wo war ein Grund dazu, – so raisonnirt man in Stockholm – um mit Frankreich in Krieg zu gerathen? Wo 141 war die Macht, es mit Erfolg zu können, und wo war der Geist und die Feldherrnkunst, welche dazu gehören? Haß gegen den großen Mann, der an der Spitze Frankreichs steht, sagt man, hat den König dazu verleitet. Er allein wollte ihn nicht als Kaiser anerkennen, als ganz Deutschland nichts dagegen zu sagen wagte. Beinah zwei Jahre lang verließ er Schweden, um in Deutschland am Rhein zu leben und die deutschen Fürsten gegen Napoleon zu verbünden. In unserm Vaterlande wurden inzwischen die letzten Reste alter Freiheit unterdrückt, während er Pläne schmiedete, wie Frankreich wieder unter die Herrschaft der Bourbons zurückgebracht werden könnte. Wie es ihm dabei erging, haben wir genugsam erfahren. Leider hatte Niemand eine größere Meinung von seiner Macht, als er selbst, darum wurde Manches schlimm, was er gut machen wollte. So schickte er seinen Adjutanten nach Paris, um Napoleon zu befehlen, den Herzog von Enghien frei zu lassen, aus Furcht vor dem Zorn des Schwedenkönigs, aber der unglückliche Herzog wurde darum nur um so schneller erschossen. Der Moniteur machte ihn für seinen Franzosenhaß endlich öffentlich lächerlich, damit kam er nach Schweden zurück und wurde mit den bittersten Spöttereien empfangen. – Statt aber davor zu erschrecken, danach zu fragen, was durch des Volkes Mund Gottes Stimme sei, zog er nach Pommern in den Krieg, den das Volk verfluchte, und wie wurde dieser Krieg geführt? – so jammervoll unfähig und unwürdig, daß der Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte. England, das überall dem großen Napoleon Feinde aufstachelt und sie mit seinem Golde bezahlt, hat auch den kleinen König von Schweden bestmöglichst benutzt und gibt ihm dafür jährlich einige hunderttausend Pfund, die Gott weiß wo bleiben. So steht es, Major Munk, das hört man auf allen Gassen, und wo ist bei dem Starrsinn des Königs auf Änderung zu hoffen, da er auf nichts hören will, als auf seinen Willen.

Der Major stützte sich nachdenkend und betrübt auf seinen Krückstock. Hat er denn keine treue Männer, die es redlich mit ihm meinen? fragte er.

Die Männer, mit denen er sich umringt, sind mit wenigen Ausnahmen die unfähigsten, die es geben kann, so wird behauptet, oder 142 es sind Günstlinge und Höflinge, welche Alles gut heißen, was der Herr befiehlt, oder endlich solche, die ihn noch mehr antreiben. Man darf nur die Namen Zibet, Ugglas, Wachtmeister, Rosenblad oder Toll aussprechen, um in ganz Schweden Spott und Verwünschungen zu hören. Die fähigsten Männer haben sich zurückgezogen, um nicht mehr zu sehen, was sie doch nicht ändern können.

Mit Unrecht, sagte der Major. Der Adel hat zwar viele Ursach, um dem Könige zu zürnen, wo es aber so steht, wie jetzt in Schweden, ist es dennoch seine Pflicht dem Lande zu helfen, wie er kann.

Da ist keine Hilfe möglich, erwiederte der Kammerherr. Manche, die ihre Dienste angeboten haben, sind zurückgewiesen worden und wer sich nicht in alle Launen und Gebote des Königs schicken kann, ist überhaupt unmöglich.

Sind Sie denn nicht auch in des Königs Diensten? fragte Munk.

Ich gehöre ebenfalls zu den Unmöglichen, sagte Arwed Bungen lächelnd. Mein Vater, das ist bekannt genug, war einer der treusten Diener Gustav des Dritten, bis an sein Lebensende. Ich habe bei seinem königlichen Sohne weniger Glück gehabt. Im auswärtigen Amte, wo ich eine Zeit lang arbeitete, bin ich überflüssig geworden und in die Nähe Seiner Majestät gelange ich ebenfalls nicht mehr, da ich nicht genug bewandert in der Bibel bin, um die Auslegungen der Offenbarungen Johannis zu begreifen.

Was soll es denn aber werden? fragte der alte Soldat. Was will der König jetzt beginnen?

Irgend eine neue Thorheit, meinen die Leute in Stockholm, antwortete der Kammerherr. Es gibt keine, die er nicht fertig brächte.

Ein Blick voll Unwillen drang unter den grauen Wimpern des Majors hervor. Es ist jammervoll, daß es dahin kommen kann, sagte er, wie mit sich selbst sprechend. Auch sein Vater hat Gewalt und Unrecht begangen und hat es auf ihn vererbt; dennoch war er ein anderer Mann.

Sein Vater war ein kluger Mann, sagte der Kammerherr. Ein ritterlicher König, dem Sie ja auch gedient haben, Major.

143 Der Invalide antwortete nicht, er ließ seine Pfeife so gewaltig dampfen, daß er wie in Wolken saß. – Nun, fuhr Arwed fort, vielleicht kommt uns das Heil bald von einer andern Seite. Sie wissen doch, daß Kaiser Alexander mit dem großen Napoleon Frieden und Freundschaft geschlossen hat. Es unterliegt auch keinem Zweifel mehr, daß Rußland nächstens mit England offen brechen wird, um sich ganz auf Seite der Franzosen zu stellen. Die Engländer haben ihre Barbarei so weit getrieben, Kopenhagen zu verbrennen und die dänische Flotte zu rauben. In Stockholm herrscht die größte Entrüstung darüber, denn so wenig wir auch die Dänen lieben, ist es doch empörend wie dies hochmüthige brittische Krämervolk keine Gewalt scheut, um alle Meere zu beherrschen und alle Völker zu unterjochen. Kaiser Alexander kann auf keinen Fall länger zusehen, wie Dänemark behandelt wird und wie die englischen Flotten und Heere die Ostsee als ihr Eigenthum betrachten. In Stockholm wollte man daher wissen, daß vor wenigen Tagen der König einen Brief seines Schwagers, des Kaisers Alexander, erhalten hat, der ihn dringend einladet, das englische Bündniß aufzugeben, mit Frankreich Frieden zu schließen und gemeinsam mit Rußland und Dänemark, kraft der noch bestehenden Verträge über die nordische Union, die Ostsee von dem englischen Übermuth zu befreien.

Aber der König will nicht, sagte der Major.

Ich weiß es nicht, versetzte der Kammerherr, allerdings besorgt man, daß bei dem starrsinnigen Hasse des Königs gegen Napoleon und die Franzosen die eindringlichsten Vorstellungen nichts fruchten werden.

Nun, Gott helfe ihm, daß er dabei bleibt! rief der alte Soldat, ich will's von ganzem Herzen hoffen. Es thut nichts, wenn Sie anderer Meinung sind, Baron Bungen, fuhr er fort, indem er den Kammerherrn anblickte, ich will Ihnen sagen, warum ich meine Meinung habe. Es ist noch nie etwas Gutes aus Rußland und Dänemark für uns gekommen und wird auch niemals geschehen. Darum sollte ich meinen, es könnte keinen Schweden geben, der von dort her Heil für sein Vaterland erwarten kann.

144 Baron Arwed hätte diese herbe Äußerung wahrscheinlich durch eine Spötterei vergolten, die schon in seinem Gesicht zu lesen war, es mochte ihm jedoch nicht unlieb sein, daß er nicht dazu gelangte, denn Serbinoff näherte sich mit Louisa und Otho und der Sohn des Majors eilte ihnen voran in das Haus und kehrte gleich darauf mit einem Instrument zurück, das Form und Ansehen einer kleinen Harfe hatte.

Louisa wird uns einen Gesang zum Besten geben, sagte Otho, Graf Serbinoff besteht darauf, und ich sagte Ihnen schon, Cousine Ebba, daß sie einige alte Lieder weiß, die aus der Heidenzeit sich fortgeerbt haben. Singe uns das Lied von Lully, deinem tapfern Ahnherrn, mein Schwesterchen, und von der Mütze des Bischofs Heinrich.

Louisa nahm die Harfe in ihre Hand und ihre feinen Finger flogen über die Saiten. Sanft klingende und verhallende Töne begleiteten ihre liebliche weiche Stimme, allein es war nicht der altfinnische Volksgesang, den ihr Bruder gefordert hatte, sondern nach den ersten Accorden neigte sie sich grüßend und lächelnd und begann in schwedischer Sprache ein Lied, dem alle ihre Gäste beifällig horchten. Sie sang, wie hier aufgeschrieben steht:

Seid willkommen! seid willkommen!
Am Pajäne ist es schön.
Wo die blauen Wellen schlagen,
Wo aus Wald die Felsen ragen,
Zum Pajäne müßt ihr gehn.

Seid willkommen! seid willkommen!
Am Pajäne steht mein Haus.
Tretet ein, ihr lieben Gäste,
Nehmt, wir geben euch das Beste,
Scherz und Lust, Gesang und Schmaus.

Seid willkommen! seid willkommen!
Am Pajäne wohnt das Glück.
Nimmer mögt ihr von uns scheiden,
Laßt die Welt mit ihren Freuden,
Zum Pajäne kehrt zurück.

145 Herrlich, mein Mädchen, herrlich! einen wackern Sang hast du für unsere Freunde gemacht, rief Otho, als seine Schwester die Harfe sinken ließ, Ebba's Hände drückte und sich an sie schmiegte, daß das Fräulein mit innigen Blicken sie küßte.

Und Dank, fiel Arwed ein, unseren wärmsten und lebhaftesten Dank der lieblichen Sängerin für ihre Einladung in dies gastliche Haus.

Wird der Fremdling auch immer darin willkommen sein? fügte Serbinoff hinzu, indem er sich lächelnd zu ihr neigte.

Louisa heftete ihre leuchtenden Augen auf den schönen, großen Mann.

Machen Sie den Versuch, sagte sie, ich fürchte nur, daß wir den vornehmen Herren aus der großen Welt zu wenig zu bieten haben.

Meine Schwester hat wohl Recht, meinte Otho, unsere Herrlichkeiten sind bald erschöpft, das soll uns jedoch nicht abhalten, uns zu bemühen, so viel zu geben als wir vermögen. Freilich, fuhr er neckend fort, indem seine Augen Ebba suchten, wir sind unbehilfliche Barbaren, und unser armseliges Land voll Wälder, Seen und Sümpfe läßt sich nicht mit andern schöneren vergleichen. Aber wir wollen doch fröhlich sein, nach finnischer Art. Lieder singen und Blumen winden versteht Louisa, und wer mit mir zu Pferde steigen und ein Gewehr in die Hand nehmen will, die Angel oder den Fischerspeer, und am Abend ein volles Glas, der soll von Allem das Beste haben, das ich besitze.

Diese Aufforderung fand von allen Seiten Dank und Antwort. Wer nicht mit uns jagen, lachen und trinken will! rief Lindström, der kann mit Erich in Halljala studiren.

Oder mit Ebba in Arkadien leben, fügte der Kammerherr hinzu.

Doch weder Ebba noch Erich befanden sich nahe genug, um dies zu hören. Sie waren den Gartenweg hinabgegangen, und betrachteten von einer freien Stelle aus den abendlichen Himmel, der ein anziehendes Schauspiel bot. Er schien den friedlichen und glücklichen Verheißungen zu verspotten, welche Louisa's Gesang füllten, denn wie Kriegs- und Feuersgluthen loderte es im Westen und verbreitete sich weit über das Firmament. Ein ungeheurer Brand schien Halljala in 146 Flammen zu setzen; Felder und Wälder hüllten sich in funkelnde Gewänder und die Wasser des großen Sees schienen Blut geworden. – Lange schaute Ebba in diese wunderbare und schreckende Pracht, bis sie endlich leise vor sich hin sagte: Ist das der Friede, der uns hier erwartet? Verkündigt sich so das Glück, das am Pajäne für uns blüht?

Der Friede, der uns Glück gibt, wohnt in uns, antwortete Erich's Stimme neben ihr. – Sie blickte in seine klaren Augen, die mit tröstender Macht sie anschauten; lächelnd und beruhigt reichte sie ihm ihre Hand.

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