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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Sie stiegen Alle die Treppe hinauf und befanden sich in dem Vorzimmer, an welches Gustav Adolph's Wohnzimmer und an dies sein Schlafzimmer stieß. An der Thür des Vorzimmers standen einige Offiziere, wie zufällig dort wartend. Adlercreutz näherte sich ihnen und sagte leise: Laßt Niemand mehr herein, auch darf sich Niemand entfernen.

Im Vorzimmer stand der Kriegsminister Tibell, der alte General Strömfeld, und der Generaladjutant Oberst Mellin mit dem schwarzen Amtsstabe. Der Finanzminister Graf Ugglas trat soeben aus dem inneren Zimmer. Des Königs harte, scharfe Stimme schallte ihm nach. Gustav Adolph öffnete selbst die Thür. Graf Ugglas blieb stechen und machte eine tiefe Verbeugung, als er sah, daß der König ihm soweit nachfolgte. Gustav Adolph trug wie immer 798 Generalsuniform, der Degen steckte an seiner Seite. Er sah erhitzt aus, seine Augen waren entzündet, er hatte die ganze Nacht über mit seinen Secretären gearbeitet, Befehle geschrieben und seine Papiere geordnet. Finsterer und härter konnte sein Gesicht nicht sein, und seine Stimme klang noch rauher, als dies gewöhnlich der Fall war.

Auf der Stelle also die Bankbevollmächtigten! schrie er dem Minister zu. Sagen Sie ihnen, daß ich in einer Stunde die zwei Millionen Thaler haben muß, wo nicht, werde ich sie mir holen!

Graf Ugglas verbeugte sich wiederholt. Wer ist hier? fragte der König, indem er nach den Offizieren sah.

Ich bin es, Majestät, erwiederte der Marschall.

Sie, Graf Klingspor! Was wollen Sie? Kommen Sie herein.

Der Graf folgte dem Gebot. Der Minister wandte sich um, Adlercreutz trat auf ihn zu und sagte leise: Bleiben Sie hier, Sie dürfen jetzt nicht fort.

Sein Blick mußte etwas Furchtbares haben. Was wollen Sie thun? fragte Ugglas erschrocken die Hände faltend.

Dem Könige Vorstellungen machen.

Er ist in übelster Laune. Die Bankbevollmächtigten wollen kein Geld geben. Ich zweifle nicht, daß er es mit Gewalt nimmt.

Er wird es nicht nehmen.

Erzürnen Sie ihn nicht noch mehr, General. Alle Ihre Vorstellungen werden fruchtlos bleiben.

Ich glaube es nicht! versetzte Adlercreutz mit solcher Gewißheit im Ausdruck, daß der Minister noch stärker zitterte.

Aber es war keine Zeit, eine Erklärung zu fordern, denn die heftige Stimme des Königs, welche durch die Thür schallte, beendete dies Gespräch. Alle, die im Vorzimmer waren, horchten schweigend. Es herrschte eine Todtenstille.

Nein! nein! schrie der König, ich will nichts hören. Ich will fort! Niemand soll mich abhalten!

Majestät! antwortete Klingspor, ich flehe Sie an, gehen Sie nicht. Der Untergang des Reichs ist unvermeidlich. Berufen Sie die Reichsstände, so ist dem Aufstande alle Macht genommen.

799 Nie, niemals! fuhr der König mit gleicher Heftigkeit fort. Wollen Sie sich auch zu den Verräthern gesellen? Kein Wort mehr! Hüten Sie sich!

Majestät! sagte der greise Marschall mit einer verzweiflungsvollen letzten Anstrengung seines Muthes, ich bin ein treuer Diener Ihres Hauses, aber auch ein Diener und Sohn meines Vaterlandes und Volkes. Finnland ist verloren, zwölf Millionen neue Schulden sind gemacht, eine neue Reichssteuer ist ausgeschrieben, ohne die Stände zu fragen. Unsere Jugend liegt im Grabe, die Landwehr ist von Seuchen hingerafft. Das Heer geht in Lumpen. Die Engländer haben uns nicht helfen können, überall ist Noth und Elend, Verwirrung und Mißbrauch und das Volk schreit nach Frieden. Schließen Sie Frieden, Majestät, damit unser altes Reich nicht untergeht!

Der König schien wie in Betäubung diese unerwartete Sprache anzuhören. Starr vor Erstaunen blickte er auf den Marschall, jetzt aber wachte er davon auf: Still! schrie er aufstampfend. Nein! nein! ich schließe keinen Frieden! niemals! Sie haben schon in Finnland sich unterstanden, mir ähnliche Dinge zu sagen. Hüten Sie sich, daß ich Ihr Benehmen nicht untersuchen lasse. Gehen Sie! Entfernen Sie sich!

Jetzt ist es Zeit! sagte Adlercreutz, denn eben öffnete der Marschall die Thür. Gebeugt, den Kopf gesenkt, sein eines Auge zugedrückt trat er heraus. Adlercreutz ging an ihm vorüber, die beiden Obersten, die Kapitäne und Adjutanten folgten ihm nach. Sein Gesicht war blutlos bleich, aber seine Haltung ruhig und würdig. Der König sprach kein Wort, als er diese große Zahl Offiziere erblickte, welche ohne Anmeldung sich in sein Zimmer drängten und vor ihm aufstellten. Niemals hatte Jemand bisher seinem Willen entschieden widersprochen, viel weniger noch sich ihm widersetzt. Der Zauber der Majestät, der ihn umgab und an welchen er selbst so fest glaubte, war nicht im leisesten getrübt und erschüttert worden. Nur auf seine Winke und Gebote durften sich selbst die höchsten Würdenträger des Reichs ihm nähern, plötzlich aber drang ein Schwarm Offiziere in sein Zimmer, von denen die meisten eine untergeordnete Stellung, keiner eine sehr hohe einnahm. Es war daher erklärlich genug, daß 800 der König einige Zeit lang regungslos in noch größerer Überraschung stand, als die gewesen, in welche der Marschall ihn versetzt hatte.

Er ließ es geschehen, daß die Offiziere sich in einen Halbkreis stellten und als General Adlercreutz vortrat und sich verbeugte, machte er eine Bewegung mit der Hand, als fordere er ihn zum Sprechen auf.

Allergnädigster Herr! begann der General ehrerbietig, wir nahen uns mit der unterthänigsten Bitte, daß Ew. Majestät mir erlauben mögen, Ihnen die große Bestürzung und die unglückliche Lage des ganzen Reichs zu schildern. Finnland ist nicht allein völlig verloren und keine Aussicht vorhanden, es wieder erobern zu können, ein russisches Heer ist in Schweden selbst eingedrungen und General Döbeln hat die Alandinseln aufgeben müssen. Bald werden wir den Kanonendonner in Stockholm hören.

Ein heftiges Zusammenzucken aller Muskeln im Gesicht des Königs ließ den General annehmen, daß seine Nachrichten nicht geglaubt wurden. Ich schwöre Ew. Majestät zu, daß dies die Wahrheit ist! fuhr er fort. Hier ist Kapitän Waimon, welcher in dieser Nacht von den Inseln kam. General Döbeln hat mit seiner Vorhut schon den schwedischen Boden bei Grisselhamn erreicht. Wollen Ew. Majestät den Kapitän Waimon hören, der dies Alles mit eigenen Augen sah.

Der König schüttelte heftig den Kopf und sagte mit Anstrengung: Ich will nicht, aber was wollen Sie?!

Ew. Majestät unterthänigst vorstellen, daß, von äußeren und inneren Feinden bedroht, das Land in äußerster Bedrängniß sich befindet, und Ew. Majestät ehrfurchtsvoll auffordern, Stockholm nicht zu verlassen.

Wer fordert mich auf? rief der König mit rollenden Augen.

Viele wohlgesinnte Männer. Herren vom Adel, Beamten, Soldaten, Bürger, welche zu Ew. Majestät durch unseren Mund sprechen.

Wenn Gustav Adolph aus seiner Verblendung erwacht wäre, hätte er sehen müssen, wie das Gesicht des Generals sich mit dem Ausdruck kühner Entschlossenheit füllte, wie seine Augen funkelten und sein kurzer starker Körper sich herausfordernd aufrichtete. Er hätte hören müssen, wie seine Stimme nichts mehr von Unterthänigkeit hatte und wie darin die Gewaltthat grollte, zu der er bereit war. Aber der 801 unglückliche Monarch sah und hörte nichts davon. Seine ganze Seele war mit blinder Wuth über die Unverschämtheit dieser Menschen gefüllt und je mehr er sich von dem maßlosen Erstaunen erholte, das ihn überfallen hatte, um so größer wurde sein Zorn. Die Adern an seiner Stirne schwollen auf, seine Lippen zitterten. Wie könnt ihr euch unterstehen, hier einzutreten? schrie er jetzt mit äußerster Heftigkeit.

Sind Ew. Majestät nicht geneigt, unsere dringende Vorstellung zu beachten?

Nein! nein! und tausendmal nein! rief der König.

Dann begehre ich Ew. Majestät Degen und verhafte Sie im Namen der Nation!

Verrätherei! schrie Gustav Adolph. Ihr seid Alle zeitlebens unglücklich! und seinen Degen aus der Scheide reißend, zückte er ihn auf den General.

Wir sind keine Verräther! Wir wollen das Vaterland retten! schrien die Verschworenen wie mit einer Stimme, während Adlercreutz, ehe der König den Stoß auf ihn thun konnte, ihn unterlief und mit beiden Armen um den Leib faßte. Oberst Silversparre ergriff in demselbigen Augenblicke des Königs Degen und drehte ihn aus dessen Hand.

Man will mich ermorden! schrie der überwältigte Monarch. Hilfe! Hilfe! Um Christi willen kommt zur Hilfe!

Beruhigen Sie sich, sagte Adlercreutz ihn loslassend, es soll Ihnen kein Leid geschehen.

Gebt mir meinen Degen wieder! – Verräther! meinen Degen! schrie der König, der von den Offizieren umringt war. Ich will euch verzeihen, aber meinen Degen gebt mir zurück.

Davon kann nicht die Rede sein, erwiederte Adlercreutz, mit energischer Bestimmtheit. Ew. Majestät Gesundheit ist in solchem Zustande, daß Sie fortan nicht weiter mit den Regierungsgeschäften sich befassen können.

Und jetzt begab sich eine unerklärbare Scene, die zu beweisen schien, daß Gustav Adolphs Gehirn wirklich in Unordnung war, oder an Erweichung litt, wie seine Feinde behaupteten. Eine Anzahl 802 Kammerdiener, Schloßknechte, Trabanten, Kammerhusaren und Wachtmeister rüttelten an der Thür, die nach dem Schlafzimmer des Königs führte, und sprengten diese auf, da sie verriegelt war. Sie hatten das Geschrei des Königs gehört und waren durch den Corridor hereingedrungen, mit Säbeln, Knütteln und Ofengabeln bewaffnet.

Alle Offiziere zogen ihre Degen und General Adlercreutz trat diesen Eindringlingen kühn entgegen. Was wollt ihr hier! schrie er sie an. Dem König ist nichts geschehen. Se. Majestät ist krank. Hinaus mit euch! Hinaus auf der Stelle!

Dies sagte der beim Könige beliebte, überall in hohem Ansehen stehende Generaladjutant, und der König schwieg dazu. Er ließ seine Vertheidiger sich entfernen, ohne einen einzigen Hilfsschrei zu thun. Hätte er ihn gethan, sich losgerissen, sich zu diesen armen ergebenen Dienern geflüchtet, sie würden ihn mit ihrem Leben vertheidigt haben und ohne Zweifel konnte die Trabantengarde im oberen Saale dann schnell ihnen zu Hilfe kommen; allein Gustav Adolph ließ diese Treuen sich entfernen, ohne den geringsten Versuch zu machen, den Verschworenen zu entkommen. Man hat ihm später daraus den Vorwurf großer Feigheit gemacht. Er war von verzweifelten Menschen umringt, deren Degen entblößt waren, welche jetzt entweder ihren Plan ausführen, oder auf den schimpflichsten Tod gefaßt sein mußten. Er mochte in ihren Mienen lesen, daß sie zu jeder That, selbst zum Morde, entschlossen seien, und in Wahrheit konnte ein solcher allein sie noch retten; aber ein kühner Mann würde es dennoch gewagt haben. Gustav Adolph wagte es nicht, sein persönlicher Muth war niemals groß gewesen.

Kaum hatte dieser Dienertroß sich scheu zurückgezogen, als Adlercreutz in das Vorzimmer eilte, an dessen Thür der Ceremonienmeister, Oberst Mellin, wie eine Bildsäule starr vor Schrecken und Bestürzung stand. Hinaus konnte Niemand, die Thür nach der Treppe wurde von Offizieren, die blanken Waffen in ihren Händen, bewacht. Adlercreutz stürzte sich wie ein Tiger auf Mellin und faßte dessen schwarzen Amtsstab. Gib her den Stock! schrie er ihm zu.

Der König hat ihn mir gegeben, nur mit meinem Leben will ich ihn lassen! antwortete der Oberst.

803 Der kräftige Adlercreutz nahm ihm den Amtsstab fort und warf den Ceremonienmeister dabei rückwärts auf ein Sopha. Ich werde jetzt hier im Hause befehlen! schrie er. Entwaffnet den Obersten, auch die Adjutanten dort und den Trabanten-Hauptmann. Gehorchen sie nicht, stoßt sie nieder!

Mit diesen Worten lief er hinaus, die Treppe hinauf und in den Saal der Trabantengarde. Erhitzt, ohne Hut, mit aufgerissenem Rock, trat er herein, in der einen Hand den schwarzen Amtsstab, in der anderen den Säbel eines Husaren, denn seinen eigenen Degen hatte er bei dem Ringen mit dem Könige verloren.

Die Trabanten wußten nicht, was sie thun sollten. Ihr eigener Offizier war gefangen; jetzt sahen sie einen General vor sich, dem gleich darauf noch eine ganze Schaar Offiziere folgte, denen sie militärischen Gehorsam schuldig waren.

Adlercreutz mit seinem edlen, lebhaften Gesicht, das einem Soldaten gehörte, mit seinen blitzenden Augen und seiner raschen Kräftigkeit trat vor sie hin und befahl ihnen, stille zu stehen. Hört mich an, meine Freunde, sagte er darauf. Ihr kennt mich alle und wißt, daß ich nicht lüge. Dem Könige soll kein Haar gekrümmt werden, meine Soldatenehre gebe ich zum Pfande! allein regieren kann er nicht länger, denn er ist krank und diese Krankheit hat Schweden ins Verderben gestürzt. Im Namen des Vaterlandes befehle ich euch, verhaltet euch ruhig. Was hier geschieht, geschieht zu des Königs Rettung. Vertheidigen könnt ihr ihn nicht, es würde euer Untergang sein. Das ganze Heer, das Land ist mit uns; der Herzog von Südermannland wird die Regierung übernehmen.

Die Trabanten waren eingeschüchtert, sie schwiegen und stellten ihre Waffen fort, doch während Adlercreutz und der größte Theil der Offiziere damit beschäftigt waren, diese Garde zu gewinnen, machte der König einen unerwarteten Fluchtversuch.

Der alte Marschall Klingsvor hatte in der tiefen Wölbung eines Fensters im königlichen Zimmer allen Vorgängen beigewohnt, ohne Theil daran zu nehmen; jetzt aber, als Adlercreutz sich entfernte, und der König scheinbar gefaßter mit dem Finanzminister Ugglas und dem greisen General Strömfeld auf und abging, die Beide ihn zu trösten 804 suchten, trat der Marschall hervor, und näherte sich seinem gefangenen Herrn.

Majestät, sagte er leise und hastig, ein alter treuer Diener naht sich Ihnen noch einmal. Noch ist Rettung möglich, doch es gibt nur ein Mittel.

Ist mein Leben in Gefahr? fragte der König ängstlich.

Nicht Ihr Leben, Majestät, aber Ihre Krone, die für Ihren ganzen Stamm verloren gehen kann, wenn Sie sich nicht entschließen, augenblicklich die Stände zu berufen. Schreiben Sie sogleich, ich verschaffe Ihnen die Mittel dazu. Entsagen Sie der Regierung zu Gunsten Ihres Sohnes.

Gustav Adolph schüttelte heftig den Kopf. Er blickte voller Haß den Marschall an, noch immer erkannte er nicht die ganze Wahrheit seiner Lage. Sie haben mich verrathen helfen! sagte er mit dem rauhen, polternden Ton wie vormals. Geben Sie mir meinen Degen wieder.

Gott steh' Ihnen bei! antwortete Klingspor. Nichts hilft gegen diese verblendete Halsstarrigkeit! und sich entfernend eilte er fort in ein anderes Zimmer, und endlich durch die Gänge des Schlosses zu dem Herzog von Südermannland.

In dem Augenblick aber, wo Klingspor ihn verließ, hatte der König den Degen des Generals Strömfeld aus der Scheide gezogen.

Mein Degen, Majestät, mein Degen! schrie der alte Mann.

Nichts da! antwortete der König, den Degen schwingend und ihn hoch in der Hand haltend, stürzte er sich auf eine Tapetenthür und verschwand, eben als Adlercreutz wieder hereintrat.

Haltet ihn fest! halt! schrie der General ihm nacheilend, indem er mit seinem Fuß die Thür einstieß, welche Gustav hinter sich verriegelt hatte. Zwanzig Offiziere sprangen ihrem Anführer nach und da sie meist junge Leute waren, überholten sie den kurzen, dicken Adlercreutz, der außer Athem kam, als er dem Könige einige Zeit lang Trepp auf, Trepp ab verfolgt hatte. Gustav Adolph kannte die Gänge und Verbindungswege dieses weitläufigen Schlosses besser als seine Verfolger und als auf einer Treppe einer derselben fiel, gewann er einen solchen Vorsprung, daß er durch einen langen Gang in den 805 östlichen Flügel des Schlosses laufen konnte, wo er eine Treppe hinabsprang und in den Schloßhof gelangte.

Otho Waimon gehörte nicht zu den Verfolgern des unglücklichen Fürsten. Er, der schnellste und kräftigste von Allen diesen jungen Offiziere, würde den König zuerst eingeholt haben, allein diese kläglichen Scenen machten einen widerwärtigen Eindruck auf ihn. Sein stolzes Herz empörte sich gegen diese schreckliche Jagd. Er liebte den König nicht und konnte ihn nicht achten. Gustav Adolph zeigte auch bei seiner Gefangennehmung, wie beschränkt sein Verstand und wie verknöchert alle seine Begriffe waren, dennoch drängte sich dem ritterlichen Charakter des jungen Finnen ein Mitleid für den verlornen König auf, der in seinem eigenen Hause von einer rasenden Meute gehetzt, von allen Seiten umgarnt, von denen zumeist verrathen war, die ihm zunächst standen. Diese düsteren und peinlichen Gefühle sollten aber bald noch vermehrt werden, denn indem Otho in dem Gang stehen blieb, in dessen Tiefe der König verschwand, hörte er von dem Hofe herauf ein wildes verworrenes Geschrei und als er eines der Fenster erreichte, sah er den verfolgten Fürsten ergriffen von einem breitschulterigen Mann, den er mit seinem Degen verwundet hatte.

Auch der König blutete. Er war mit der Stirn gegen einen Pfeiler gerannt und hatte sich überdies die Schulter verletzt. Sein Geschrei nach Hülfe war weniger männlich als kläglich. Laßt mich los! schrie er unaufhörlich. Rettet mich! Helft mir! Versteckt mich!

Der Mann, welcher den König umfaßte, war der Hofjägermeister Greiff, der seinem Namen Ehre machte, denn er hielt den schreienden und bittenden Fürsten trotz dessen heftigster Anstrengung so lange fest, bis die Verschworenen ihm zu Hilfe kamen.

Aber auch ein ganzer Haufe Holzträger, Bediente, Soldaten und Schloßwächter war abermals zusammen gelaufen und ihnen streckte der unglückliche Monarch seine Arme entgegen und rief ihnen sein klägliches: Helft mir! rettet mich! zu.

Seht ihr nicht, daß der König krank ist! antwortete Greiff dagegen. Seht ihr nicht, daß Seine Majestät im Fieber liegt und rast? Wir sind nur zu seiner Hilfe hier, um ihm Beistand zu leisten.

806 Es ist nicht wahr! schrie ein alter Bedienter. Der König ist nicht krank! Laßt uns unseren König befreien!

Im Augenblick erhielt er von einem Major einen Schlag ins Gesicht, daß er zu Boden stürzte. Ein halbes Dutzend Offiziere packten den Gefangenen bei den Armen und Beinen und trugen ihn ins Schloß, während er fortgesetzt um Rettung schrie.

Es war ein entsetzlicher Anblick. Das Blut lief über das blasse entstellte Gesicht des Königs, seine Augen rollten in Todesangst, er sah wie ein Wahnsinniger aus. Voll Grauen vor diesem Anblick zog sich Otho zurück. Als er aufschaute, erkannte er an einem der gegenüberliegenden Schloßfenster den Herzog von Südermannland, der seine gefalteten Hände zum Himmel erhob und in einem schrecklichen Seelenzustande zu sein schien. Mehrere andere Personen waren um ihn beschäftigt und suchten ihn wahrscheinlich zu trösten. Otho bemerkte den Staatssecretär Lagerbring, der den Herzog vom Fenster fortführte. Auch er entfernte sich und folgte dem Getöse, das aus dem Innern des Schlosses kann.

Man hatte den König in einen der prächtigsten Säle des Schlosses, den weißen Saal getragen, und ihn dort auf ein Ruhebett gelegt. Eine große Zahl Offiziere, zum Theil junge Lieutenants und Fähnriche, umringten ihn. Adlercreutz kam in Begleitung des Obersten Silbersparre Otho Waimon entgegen, als dieser die Thüre des Saales erreichte. Der General hatte seine Heiterkeit wieder bekommen, man sah ihm die Siegesfreudigkeit an. Gut, daß ich Sie treffe, sagte er. Bleiben Sie hier, ich muß zum Herzog. Unser Spiel ist gewonnen; aber auf keinen Fall lassen Sie den König noch einmal entfliehen.

Dafür werden diese Wächter sorgen, fiel der Hofmarschall ein. Schnell, Adlercreutz, jede Minute ist kostbar.

Die beiden Führer der Palastrevolution entfernten sich und mit düsterer Stirn und gekreuzten Armen blieb Otho an der Thür stehen und betrachtete das furchtbare Schauspiel, dessen Zeuge er war.

Alle Hoheit, aller Glanz der Majestät war von dem unglücklichen Fürsten abgefallen, eine einzige Stunde hatte sie zerstört. Er, dem bisher kein Sterblicher ohne Scheu und Ehrfurcht nahte, der nur unterthänige Diener duldete, vor dem die Mächtigsten sich beugten, 807 die Ersten schwiegen, die Stolzesten sich demüthigten, er lag ächzend, verlassen, blutend, krampfhaft zitternd in einem Winkel, und um ihn her wurde geflucht und geschrien, er wurde verhöhnt und mit erbarmungslosen übermüthigen Blicken betrachtet. Diese Menschen, welche vor wenigen Stunden noch vor seinen Winken gekrochen hätten, die nichts gescheut und geschont hatten, um seine Gnade zu gewinnen: sie saßen um ihn her in den großen mit weißem goldgepreßten Sammet ausgeschlagenen Lehnstühlen, in schmutzigen Kleidern, rauchend, trinkend, seine krampfhaften Zuckungen und Erbrechungen belachend, die ihnen Freude zu machen schienen. Sie, die sonst nicht wagen durften, auch nur die Schwelle dieser glänzenden Prachtzimmer zu betreten, sie stemmten die Füße gegen die Marmorsäulen und bespieen die kostbare Täfelei des Fußbodens. Diese Roheit aber erreichte den höchsten Grad, als Einer aus dieser Schaar vielleicht in einer mitleidigen Anwandlung dem Könige ein Glas Wasser reichen wollte. Mit einem furchtbaren Blicke stieß es der König zurück, wahrscheinlich vermuthete er, daß es Gift sei. Lösen Sie mir lieber ein wenig meine Halsbinde, sagte er mit schwacher Stimme, sie thut mir weh.

Der Teufel mag es thun! schrie der nebenstehende Lieutenant, Jacob Cederström. Spei so viel du willst, du –, und hier fügte er ein gemeines Schimpfwort hinzu, vor dem selbst manche Mitglieder dieser Bande ernsthaft wurden.

Der König schien vor dieser Nichtswürdigkeit sich aufzuraffen. Er warf einen stolzen Blick auf den frechen Menschen und sagte mit würdiger Fassung: Mit solcher Umgebung sollte man mich doch verschonen.

In diesem Augenblick war Otho an das Ruhebett getreten und leistete dem Könige den Dienst, welchen dieser gewünscht hatte. Er öffnete die Schnalle der Binde, öffnete ihm den engen Rock und entfernte die zerrissene Goldborte, in welcher der Degen gesteckt hatte. Gustav Adolph ließ es geschehen, und obwohl unter den Verschworenen ein unwilliges Gemurmel entstand, wagte doch Keiner eine laute Äußerung. Sie wußten nicht, wer dieser Samariter sei. Einer aber flüsterte seinen Kameraden zu, daß er mit Adlercreutz in genauer Freundschaft stehen müsse, und wie knurrende Hunde, die nicht zu beißen 808 wagen, zogen sie sich noch weiter zurück, als jetzt der alte Hofkanzler Zibet hereintrat und sich seinem unseligen Herrn näherte.

Schweigend, doch mit wankenden Schritten, ging er durch die Reihe der jungen übermüthigen Soldaten, die ihn hohnvoll empfingen.

Seht die alte Katze, wie sie ihr Junges sucht! rief Einer laut genug.

Einen Strick für Beide! antwortete ein Anderer, aber das verwitterte Gesicht des Hofkanzlers hatte keine Regung, weder für Schmerz noch für Zorn. Seine grauen kalten Augen richteten sich auf den leidenden König und sein versteinter Kopf sah ganz so aus, wie wenn er Morgens kam, um seinen Vortrag zu halten. Der schwarze Anzug, das große weiße Jabot, die Schnallenschuhe und seine dick gepuderte Perrücke waren so sauber und in bester Ordnung, wie immer. Er machte seine steife gravitätische Verbeugung, als käme er zu der gewöhnlichen Audienz, und sagte mit derselben knarrenden unbiegsamen Stimme, was er jeden Morgen sagte, wenn er bei dem Könige eintrat: Wie befinden sich Eure Majestät?

O, Zibet! rief der König aus tiefer Brust. Es geht schlecht! Verschafft mir ein Glas Wasser! Steht mir bei!

Der Hofkanzler holte Wasser und unterstützte seinen Herrn mit Otho's Hilfe, daß er sich aufrichtete, ein wenig trank und leichter athmete.

Zibet! was ist mit mir geschehen? murmelte der König mit wilden Blicken, als glaube er furchtbar zu träumen.

Was Gott über Ew. Majestät verhängt hat, antwortete der greise Staatsmann.

Ein Verbrechen! Entsetzlich!

Verbrechen werden bestraft, so hier wie dort! sagte Zibet.

Aber wir, wir, Freiherr Zibet!

Wir unterwerfen uns dem Willen des Allmächtigen und stehen ihm Rede.

Das werde ich, ja, das kann ich! erwiederte der König mit Fassung. Aber o! meine arme Frau! meine Kinder! – Und was ist aus meinem Oheim geworden? Was haben diese Menschen mit ihm gemacht? Was soll aus uns werden? Wie soll dies enden?!

809 Was Gott zuläßt, wird geschehen, versetzte der Hofkanzler fatalistisch wie ein Orientale. Richten Sie Ihren Muth auf, mein königlicher Herr. Zeigen Sie Ihren Feinden, daß Sie auf Gott vertrauen. Auch die rohesten Gemüther, fuhr er mit lauter Stimme fort, werden nicht vergessen, daß der König hier ist. Wie Viele sind es denn, die Ihnen keine Wohlthaten verdanken?

Ach! rief Gustav Adolph seufzend, lieber Zibet, jetzt erkenne ich es mit Schmerzen, daß nichts leichter vergessen wird, als Wohlthaten. Dieser junge Mann hier, dem ich niemals wohlthat, er ist der einzige, der mir beigestanden hat. Sie sind ein Adjutant des Generals Adlercreutz. Wo ist er?

Bei Sr. königlichen Hoheit dem Herzog.

Bei ihm! Gehen Sie zu dem General, sagen Sie ihm, wie man mich hier behandelt. Ersuchen Sie ihn, daß man mich wenigstens mit solcher Gesellschaft verschont; daß man die Achtung nicht vergißt, die man mir schuldig ist. O, Zibet! fuhr er fort, begleiten Sie diesen Herrn, sehen Sie nach meinem Oheim; suchen Sie ihn zu trösten, sorgen Sie, daß ihm kein Leid geschieht!

Alle Rührung, die dem alten Hofkanzler zu empfinden möglich war, zitterte in seinem ausgetrockneten Gesicht. Es war als würden seine Augen naß, aber Thränen hatte er nicht zu vergießen. Er wollte etwas erwiedern, und doch vermochte er es nicht, weil er wußte, daß er den Schmerz des Königs vermehrt haben würde, wenn er seine Gedanken ausgesprochen. Schweigend küßte er die Hand, welche sein unglücklicher Herr ihm reichte, und ging gebeugten Hauptes aus dem Saal, gebeugt und bald lautere, bald leisere Worte vor sich hin murmelnd durch die langen Gänge, ohne sich darum zu bekümmern, ob Otho ihm folge.

Endlich trat dieser dicht hinter dem Minister in das Empfangzimmer des Herzogs, wo in größter Eile herbeigerufen, mehre Minister, Staatssekretäre und Präsidenten der Staatsbehörden sich versammelt hatten, die jedoch bei weitem nicht so zahlreich waren, wie die Generale und Offiziere aller Art. Herzog Karl von Südermannland stand in der Mitte dieses weiten Kreises; seine Augen glänzten, seinen 810 Kopf trug er hochaufgerichtet, aber seine Mienen schienen noch immer voller Schmerz und Unruhe.

In meinen alten Tagen soll ich diese Last auf mich nehmen! rief er aus. Mit welchem Unglück sucht mich Gott heim. Laßt ab! ich zittere und bebe davor.

Gnädigster Herr! sagte Adlercreutz, das Vaterland verlangt von Ihnen dies Opfer.

Ich bin zu alt, zu schwach! antwortete der Herzog seufzend, wie soll ich das Ruder in diesen Stürmen halten.

Der Himmel wird Ihnen Beistand verleihen, und die Gebete des schwedischen Volks werden diesen erflehen! fiel der Staatssecretär Lagerbring mit frommer Salbung ein.

Reichsdrost Graf Wachtmeister! rief Karl, an Sie wende ich mich in meiner großen Noth. Sie sind der erste Mann in Schweden nach dem König, der höchste Beamte des Reichs – sagen Sie mir, was ich thun muß.

Der alte Reichsdrost hatte sich in seinem Bett ins Schloß tragen lassen und wohnte in Betten und Decken gehüllt dieser Versammlung bei. Gott sei es geklagt, daß es dahin gekommen ist! sagte er, allein wenn Ew. königliche Hoheit nicht an die Spitze der Regierung treten, so ist Schweden verloren. Ich beschwöre Sie im Namen des Vaterlandes und Aller, die es gut mit ihm meinen, weigern Sie sich nicht länger, die Regierung zu übernehmen.

Der Herzog stand einige Augenblicke stumm, ein feierliches Schweigen herrschte. Nun denn, begann er, wenn es das Vaterland und sein Heil unerbittlich und unabweisbar von mir fordern, so unterwerfe ich mich. Da Se. Majestät durch Krankheit und eingetretene Umstände außer Stande ist, länger zu regieren, will ich dies thun und als Reichsverweser so lange die Geschäfte leiten, bis die Reichsstände bestimmen, was weiter geschehen soll.

Gott segne Ew. königliche Hoheit! riefen viele Stimmen, andere sagten mehr oder weniger laut: Victoria! einige aber auch: Es lebe König Karl der Dreizehnte! Karl selbst schien sich höher aufzurichten. Ein Lächeln schwebte um seine Lippen, als er nach allen Seiten hin dankte. Er wandte sich rasch und fest; sein Gesicht erhielt lebhaftere Farbe.

811 Vor allen Dingen, begann er, muß es meine erste Pflicht sein, die Bürger von Stockholm zu beruhigen und Schweden mit dem, was vorgefallen, bekannt zu machen.

Eine Proclamation wird zu entwerfen sein, antwortete eine Stimme aus dem Kreise.

Die Sie sogleich uns vorlegen sollen, Staatssekretär Lagerbring, fiel der Herzog ein.

Und die schon fertig ist, flüsterte Adlercreutz in Otho's Ohr. Alles ist abgemacht. Jetzt hinaus mit dem Reichsverweser zu den Regimentern.

Er brach ab, denn der Hofkanzler Zibet fing an zu sprechen. –

Mein lieber Freiherr Zibet! sagte der Herzog, auf den alten Staatsmann losgehend, auch Ihrer Dienste bedarf ich.

Ich muß unterthänigst um meinen Abschied bitten, erwiederte der Kanzler, steif sich verbeugend, da ich in meinem hohen Alter keinem neuen Herrn mehr dienen kann. Wenn ich hier das Wort nehme, geschieht es allein, um Ew. königliche Hoheit anzuflehen, den König vor Mißhandlungen zu beschützen, und nun erzählte er, was er gesehen und gehört hatte, und was die jungen Offiziere sich gegen den erlaubten, der, wie er mit einem starren Blick auf den Herzog hinzufügte, bis vor wenigen Stunden Aller Herr gewesen sei.

Der Unwille wurde allgemein.

Das darf nicht geschehen, rief der Herzog verlegen und dunkel erröthend. Gehen Sie zu dem Könige, Oberst Silversparre, bleiben Sie bei meinem unglücklichen Neffen. Ich mache Sie dafür verantwortlich, daß Alles geschieht, was zu seinem Troste geschehen kann.

Oberst Silversparre verließ sogleich den Saal, als er aber bei Adlercreutz vorüberging, murmelte er ihm zu: Auf jeden Fall laßt Euch von der alten Perrücke nicht etwa noch weiter mitleidig stimmen. Nach Gripsholm muß der König noch in dieser Nacht. Sage dem Herzog, er möge sich auf mich verlassen. Gebt mir den Greiff mit, wir wollen gute Kerkermeister sein.

Der General machte ein zustimmendes Zeichen. Ich hoffe, sagte Otho leise, daß des Königs Leben nicht gefährdet ist.

812 Gewiß nicht. Mein eigenes Leben würde ich wagen, wenn ich das denken könnte, erwiederte Adlercreutz. Beruhigen Sie sich, Freund, ich habe noch immer Gutes mit ihm im Sinn.

Könnten Sie daran denken, ihm nach dem, was geschehen, die Krone wieder aufzusetzen?

Niemals! Ich glaube Zibet selbst ist überzeugt, daß er unfähig zum Regieren ist. Aber er hat einen schuldlosen Sohn, und es gibt Leute – er schwieg, indem er seine Augen auf den Herzog richtete, der mit den Ministern und dem Grafen Klingspor vertraulich und verbindlich sprechend durch den Saal ging. Sie scheinen sehr ergriffen von dem, was Sie erlebten, fuhr Adlercreutz fort, nehmen Sie es nicht allzuschwer. Der elende rohe Cederström und seine Genossen werden rasch vergessen und so gebrandmarkt sein, wie sie es verdienen; doch glauben Sie darum nicht, daß unser Werk schlecht und ungerecht war. Mag der Mann, der so viel Elend und Schmach verschuldet hat, an seiner Schmach Buße thun; er büßt, wie es in der Bibel steht, auch die Sünden seiner Väter. Keine Hand hat sich für ihn gerührt, keine wird sich rühren. Sehen Sie alle diese Männer hier, seine Minister, seine ersten und höchsten Diener, sie haben ihn schon verlassen und aufgegeben. Der alte Zibet und der alte Ehrenheim sind die Einzigen, die ihm folgen werden, weil sie die Einzigen sind, die ihm wirklich anhingen. Die Anderen buhlen schon um des neuen Herrn Gnade durch verdoppelte Bedientendemuth; nachdem die That geschehen, zu der sie zu feige oder zu pfiffig waren, eilen sie herbei, um sie für sich auszubeuten. Und nun gehen Sie und hören Sie, was das Volk sagt. Hören Sie, ob Einer um ihn klagt, Einer weint. Das war es, was ich vorher wußte. Er mußte fallen, kein Gott konnte ihn retten! Täglich grub er an dem Abgrund, der ihn verschlingen sollte. Ein Stoß, so war er verloren. Sehen Sie nicht die dunklen Hände, die ihn längst erwarteten? Und war er nicht ein Wahnsinniger? Haben wir kein Recht, ihn so zu nennen?

Hier wurde der General, der dies Alles eilig leise vor sich hin flüsterte, von dem Herzoge gerufen und gleich darauf verließ dieser begleitet von den Häuptern der Verschwörung und vielen andern Offizieren das Zimmer. Auf dem Schloßhofe standen schon Pferde für 813 ihn und sein Gefolge bereit. Die Thore öffneten sich jetzt zuerst wieder und der Herzog sprengte den Regimentern zu, welche sich um das Schloß bis zur Schiffbrücke aufgestellt hatten, da sie den König auf seiner Reise begleiten sollten. Gerüchte von dem, was im Schlosse geschehen war, hatten sich unter die Soldaten und unter die Volksmenge verbreitet. Der Herzog wurde mit Jubel empfangen, mit Freudengeschrei begleitet: seine kurze Anrede, daß der König krank, weiter zu regieren unfähig und er Reichsverweser sei, mit Begeisterung erwiedert. Menschen mit glücklich strahlenden Gesichtern liefen an Otho vorüber, jauchzend, gedankenlos oder voll befriedigter Rachelust. Der König ist verhaftet! schrien sie sich zu. Gottlob! Gottlob! antworteten die Meisten. Seine Tyrannei ist aus! Und kein Blut ist geflossen! Gottlob! Gottlob! Der Herzog ist Reichsverweser. Die Reichsstände kommen! Der Friede ist da! Jetzt wird es besser. Napoleon wird unser Freund und Alliirter sein. Gottlob! Gottlob!

Düster blickend und stumm ging Otho durch das Gewühl. Was hat dies Volk gelitten und getragen, murmelte er. Zwölf Jahre lang hat dieser König sinnlos gewirthschaftet, wie es seiner Willkür beliebte. Kein Recht hat er geachtet; seinen Launen, seinem schrankenlosen Eigenwillen, seinem frömmelnden Fanatismus, seinem verblendeten Dünkel über den Umfang seiner absoluten königlichen Macht Volk und Staat geopfert und dies Volk hat sich knechten und opfern lassen bis ein roher Soldatenhaufen, eine Hand voll Verschwörer Allem ein Ende macht. Welche Lehre für Völker und Fürsten! Welche Lehre für die Weltgeschichte! Was ist göttlich, gerecht und wahr auf Erden!

Endlich erreichte Otho seine Wohnung. Da saß seine holde Ebba ihn erwartend. So freundlich ihr edles Lächeln, so klar ihr Auge, so voller Frieden und Liebe ihr Gesicht.

Mein Otho, rief sie ihm entgegen, kommst du endlich. Bange Stunden habe ich verlebt.

Er fiel auf sein Knie vor ihr nieder, blickte zu ihr heiß und heftig empor und preßte sie in seine Arme. Er dachte an den unglücklichen Mann, der getrennt von der Frau, die ihm anhing, getrennt von seinen Kindern, von allen, die er sein nannte, in grausamen Qualen litt. Was ist Hoheit, was sind alle Kronen, alle Schätze des 814 Ehrgeizes! rief er mit leidenschaftlicher Gewalt. Fort mit dem Blendwerk! Bei dir, meine Ebba! Mit dir, o, du Geliebte! Frieden soll mit uns sein! Frieden und Liebe, daß ich nie mich von dir trenne, nie dir bange Stunden mache.

Sie sah ihn verwundert an, aber alles Glück, das ihre Seele füllte, strömte über ihn aus. Eben schmetterten draußen die Trompeten. Der Reichsherold ritt in seinem bunten Wappenrocke durch die Stadt und verkündete mit lauter Stimme die Proclamation des Reichsverwesers, daß wegen eingetretener Umstände König Gustav Adolph der Vierte aufgehört habe in Schweden zu regieren.

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