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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

Der Winter dieses Jahres war ein nicht weniger harter, als der vorhergehende, aber es lag nicht so viel Schnee. General Adlercreutz machte diese Bemerkung, während er in seinem Zimmer in Stockholm hastig auf- und niederging und einige Augenblicke lang am Fenster stehen blieb, zum Himmel aufblickte, eine Wetterfahne betrachtete, und den Sonnenschein, der die Straßen erhellte. Der Wind hat sich diese Nacht gedreht, sagte er, wir haben Südwind. Es ist möglich, daß Thauwetter eintritt; heute ist der dreizehnte März, es kann nicht so bleiben.

Er wandte sich um und indem er das Zimmer hinabging murmelte er hastiger: Nein, es kann nicht so bleiben und ich bin keine Wetterfahne, die heut nach Süden zeigt, morgen nach Norden. Die Zeit ist da, ich muß fort!

Er war in voller Uniform und griff soeben nach seinem Degen, als er im Vorzimmer die Schritte mehrerer Männer hörte. Wie von einem Verdacht ergriffen blieb er horchend stehen und preßte die Hand um den Griff seiner Waffe, aber nach einem Augenblick legte er diese auf den Tisch und öffnete selbst die Thür.

Herein! rief er, ich erkannte den Freund an seiner wohlbekannten Stimme. Herein, mein lieber Waimon, welch glücklicher Zufall führt Sie nach Stockholm. Und wen bringen Sie mir da?

786 Es war Otho, den er umarmte und neben welchem Erich Randal stand. Es ist mein Vetter und bester Freund, Erich Randal, den ich Ihnen zuführe, General Adlercreutz, sagte Otho.

Seien Sie mir Beide willkommen, erwiederte der General. Doch ehe wir etwas Weiteres sprechen, erzählen Sie mir, ob das schöne Fräulein Bungen Ihre Frau geworden ist.

Sie ist meine Frau geworden und den Winter über habe ich mit ihr, meinem Vetter und dessen Gattin im schönsten jungen Eheglück gelebt.

Das ist also der Baron von Halljala, erwiederte Adlercreutz, indem er Erich lächelnd anblickte, der die Tochter des alten reichen Halset in Abo entführt hat, oder vielmehr, den sie aus dem Kerker entführte. Es ist vor einigen Tagen erst beim König davon die Rede gewesen. Aber nichts Gutes, mein lieber Freiherr. Dieser Halset hat durch Vermittelung des russischen Gouverneurs in Finnland eine Acte eingeschickt, die seiner Tochter zugestellt werden soll, worin er diese enterbt, sein gesammtes Vermögen aber dem Verräther Bungen zuwendet, als Entschädigung für die entflohene Braut.

Damit wird Arwed wohl zufrieden sein, sagte Otho.

Wo ist dies Schreiben? fragte Erich.

In den Händen des alten Ehrenheim, wo Sie es gewiß empfangen können. Warum sind Sie jetzt nach Stockholm gekommen, meine Herren?

Weil die Alandinseln in den Händen der Russen sind!

Ganz in den Händen der Russen?

Ja, General. General Döbeln hat alle bedeutenden Punkte verloren bis auf Eckerö, seinen letzten Zufluchtsort. Als der Brand der Magazine und Schiffe in Dagerby den Himmel röthete und der Donner der Kanonen unser glückliches Asyl erschütterte, kamen Flüchtlinge, die uns benachrichtigten, was geschah. Mit dreißig Bataillonen ist der russische Feldherr Knorring über das Eis gekommen; zwölf schwache schwedische Bataillone war die ganze Kriegsmacht des tapferen Döbeln. Mehr als tausend Kosaken schwärmten über diese weiten Ebenen von Krystall, aus denen die Granitfelsen aufragen, die ihren Schutz, das Meer, jetzt verloren haben. Alles floh jammernd, was 787 fliehen konnte, entsetzliche, barbarische Thaten der Kosaken sind an den unglücklichen Einwohnern verübt worden. Auch wir mußten uns zur Flucht entschließen, nur unser armer alter Freund Jönsson wollte uns nicht folgen, er ist allein zurückgeblieben.

Sie haben Recht gethan, sagte Adlercreutz. Gelobt sei Gott, daß Sie hier sind! Sie glauben nicht, daß Döbeln länger widerstehen kann?

Nein. Ich habe den General selbst gesprochen, er muß sich zurückziehen, rasch zurückziehen, wenn er der Übermacht nicht erliegen will. Seine Vorhut hält Signal-Skär besetzt, noch ein Schlag und er wird auf die schwedische Küste geworfen werden. Nichts hindert die Russen ihm zu folgen.

Und dann können wir sie in drei Tagen in Stockholm haben, sagte Adlercreutz tonlos vor sich hin schauend. Im Norden sind sie schon herübergekommen. Wir haben Nachricht, daß General Barkley de Tolly mit 5000 Mann über den Meerbusen gegangen und in Westbottnien eingefallen ist. Wann sind Sie hier angelangt, Waimon?

In dieser Nacht. Ich suchte Sie sogleich auf, General, um Ihnen zu sagen, was General Döbeln mir mittheilte; daß Alles verloren sei, wenn er keine schnelle Unterstützung erhält. Nächstdem aber komme ich, um Sie zu bitten, meinem Vetter eine Audienz beim Könige zu verschaffen.

Beim Könige? Was wollen Sie bei ihm?

Ihm meine Erlebnisse schildern und meine Dienste antragen, wenn er davon Gebrauch machen kann, sagte Erich Randal.

Damit ist es nichts! rief der General. Sie sind ihm längst als ein Unruhestifter, ein Jakobiner geschildert worden. Sie haben die Bauern in Halljala bewaffnet. Ich habe ihn sagen hören, daß Sie Ihr Unglück selbst verschuldet hätten.

Um so mehr ist es meine Pflicht, mich zu rechtfertigen, erwiederte Erich.

Erwarten Sie nichts, fiel der General ein. Doch Sie gehören zu den alten Familien des Reichs. Er schwieg einige Augenblicke still und begann dann wieder: Ich will Ihnen den Rath geben, den ich geben kann. Gehen Sie zum Herzog von Südermannland, sogleich, auf der Stelle! Sagen Sie dem Baron Ankerswärd, den Sie 788 dort treffen werden, Sie kämen von mir. Warten Sie, bis der Herr Sie empfängt. Erzählen Sie ihm Ihre Schicksale, erzählen Sie ihm auch, daß der König Sie Aufrührer und Jakobiner genannt hat.

Aber, ich weiß das nicht.

Mein Wort darauf! Erklären Sie dem Herzog, daß Frieden geschlossen und die Reichsstände berufen werden müssen.

Bei dieser jetzigen Noth sollte ich meinen, versetzte Erich Randal, daß die Berufung der Reichsstände nicht so nöthig thut, als eine einmüthige Begeisterung des ganzen Volks, ein Schweigen aller Parteistreite, um zunächst den Feind von Schwedens Küste zurückzutreiben und ihre Vormauer, die Alandsinseln, wieder zu erobern.

Einigkeit! – Einigkeit ist uns nöthig! rief Adlercreutz. Dreißig Bataillone Russen werden jedoch Schweden nicht erobern. Wenn der Südwind anhält, treibt dieser sie allein zurück.Was in der That auch nach drei Tagen geschah. Aber wissen Sie nicht, Freiherr Randal, daß Stockholm seit gestern sich in der größten Aufregung befindet. Die Westarmee hat die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt. Unser alter Freund, der Oberstlieutenant Jöran Adlersparre, Herr Waimon, steht an der Spitze. Er kommt aus Wärmeland mit 5000 Mann und marschirt auf Stockholm. Seine Proclamation fordert Berufung der Reichsstände, Entfernung der Verräther aus der Umgebung des Königs und Umkehr von der Willkür zum Rechte.

Adlersparre! rief Otho erstaunt.

Das ist offener Aufruhr, fügte Erich hinzu. Was soll aus Schweden werden, wenn der Bürgerkrieg sich mit dem äußeren Feind vereint!

Es wird kein Bürgerkrieg entstehen, fiel der General lächelnd ein. Dieser Aufstand der Westarmee wird sein schnelles Ende erreichen.

Aber soll diese Armee nicht Schweden gegen einen Einfall der Dänen aus Norwegen schützen?

Allerdings, allein die Dänen und Norweger werden nicht einfallen. Adlersparre hat einen Waffenstillstand mit ihrem General, dem Prinzen Christian August, geschlossen.

Und was sagt der König zu diesem Aufruhr?

789 Er will fort nach Schonen, will heut' noch Stockholm verlassen, um sich mit den Regimentern zu vereinigen, die Marschall Toll für ihn bereit hält. Was noch von den Leibwachen übrig, die er entehrt und aufgelöst hat, dazu die deutschen Regimenter, die Kürassiere, kurz Alles, was in Stockholm Waffen trägt, soll ihn begleiten. Die Minister, die Archive, der Herzog, die Prinzessin, es ist eine allgemeine Flucht. Aber er darf nicht fort! rief er im energischen Tone, denn damit ist der Bürgerkrieg fertig, und Schweden den Russen preisgegeben.

Kann er bleiben, General Adlercreutz, erwiederte Erich, um die empörten Regimenter und deren Offiziere zu erwarten? Er würde sich ihnen willenlos ergeben müssen.

Die Stirn des Generals verfinsterte sich. Was glauben Sie denn, was er thun soll? fragte er.

Was ein König thut, muß freiwillig und aus Überzeugung geschehen. Zwingt ihn Gewalt, so wird er bald wieder seine Gewalt gebrauchen, um das Erzwungene zu vernichten.

Ihr Freund, mein lieber Waimon, spricht wie der weise Mann in der Komödie, sagte Adlercreutz lachend, der als der Blitz sein Haus in Flammen setzte, eine Rede über die Vortrefflichkeit der Blitzableiter hielt. Doch bei alledem haben Sie Recht, Freiherr Randal. Wir wollen ihm jede mögliche Freiheit bewahren, um freiwillig zu thun, was er thun muß. Stockholm darf er nicht verlassen; die Reichsstände muß er berufen! Es wird nicht an demüthigen Bitten und dringenden Vorstellungen fehlen, und wenn er sich überzeugen läßt, soll Adlersparre keinen Schritt weiter thun. Mein Arm soll der erste gegen ihn sein.

Und wenn er sich nicht erbitten und überzeugen läßt, General Adlercreutz?

Der General wandte sein Auge grollend und scheu von Erich ab, der ihn klar und fest anblickte. Nun zum Teufel! rief er heftig aus, was meinen Sie denn, was dann geschehen muß?

Dann, sagte Erich, mögen alle diejenigen, welche umsonst ihm ernste und eindringliche Vorstellungen machten, vor ihn hintreten und ihm sagen, daß sie ihn verlassen. Wenn seine Minister, seine 790 Generale, seine besten Diener, seine eigenen nächsten Verwandten sogar, mit dem Muthe ihrer Meinung, ohne Menschenfurcht, voll Mannesstolz dies thun, dann, General, wird er nachgeben.

Adlercreutz sah den wunderlichen Freiherrn eine Minute lang erstaunt an. Es wäre möglich, rief er aus, daß diese Rechnung richtig wäre, doch dazu sind nicht Drei zu bewegen. Die Menschen sind nicht aus solchem furchtlosstolzen Stoff gemacht, nicht so lüstern nach entsagender, altrömischer Tugend oder Märtyrerthum, um solchen Weg zu wagen.

Sie wagen lieber – eine Revolution! antwortete Erich, ihn fest anblickend.

Genug! rief Adlercreutz, genug! Gehen Sie zu dem Herzog, Freiherr Randal, sprechen Sie mit ihm, ich muß fort. Ich hoffe, Herr Waimon, daß Sie mich auf meine Bitte begleiten.

Wohin Sie gehen, mein General!

Zum Könige! Diese Karte, Freiherr Randal, wird Ihnen das östliche Thor des Schlosses öffnen. Dort ist die Wohnung des Herzogs.

Dank Ihnen, General. Ich kann jedoch keinen Gebrauch davon machen.

Sie wollen nicht?

Nein.

Es könnte vortheilhaft für Sie sein, wenn Sie heut' in der Nähe des Herzogs wären.

Ich danke Ihnen nochmals, sagte Erich Randal, aber bei einer Revolution kann ich nichts helfen.

Nun so gehen Sie! rief Adlercreutz, und sein offenes Soldatengesicht erheiterte sich voll Vertrauen. Sie wollen nicht mit uns sein, doch Sie sind ein ehrlicher Mann und ein Freund Ihres Vaterlandes. Meine Rolle steht fest, ich kann nicht zurück und will nicht zurück. Bleiben Sie in Ihrer Wohnung bis Sie Nachricht erhalten, und schweigen Sie gegen Jedermann. Das ist Alles, was ich von Ihnen fordere.

In der That weiß ich so wenig, lächelte Erich, indem er die dargebotene Hand des Generals schüttelte, daß ich leicht diese Bedingungen halten kann.

791 Um so besser für Sie! fuhr Adlercreutz fort, indem er die unbesorgte frohe Miene annahm, welche er gewöhnlich hatte, und sein Schwert in den Gurt steckend griff er nach dem Federhut, der daneben lag, und setzte ihn auf.

Ein leichtes Klopfen an der Thür erfolgte zu gleicher Zeit und ein kluges, scharf geschnittenes Gesicht streckte sich durch den Spalt. Der Körper folgte rasch nach. Es war ein Herr in Hoftracht.

Staatssecretär Lagerbring! rief Adlercreutz ihm entgegen.

Der Staatssecretär richtete seine durchdringenden Augen auf die Fremden und verbeugte sich.

Zwei Freunde, theuerer Lagerbring, fuhr der General fort. Mein Adjutant, Kapitän Waimon, und sein naher Verwandter, der Freiherr Randal.

Sie sind noch nicht auf dem Schloß? fragte der Staatssecretär. Ich sah den Finanzminister Ugglas dorthin fahren und soeben begegnete mir der Feldmarschall Klingspor.

Und Sie, lieber Lagerbring, woher kommen Sie?

Aus der Reichsbank, mein lieber General, wo das Collegium eben eine Versammlung hielt.

Was ist beschlossen worden?

Da wir den Reichsständen allein für das uns anvertraute Vermögen der Bank verantwortlich sind, erwiederte der Staatssecretär mit seinem feinen Lächeln und einem Achselzucken, so sind die Bankbevollmächtigten bei der Ansicht stehen geblieben, daß es unmöglich sei, den Wunsch Sr. Majestät zu erfüllen.

Sehr wahr! rief Adlercreutz und sein Gesicht drückte Freude über das aus, was er hörte. Sie wissen, Freiherr Randal, daß die Bank als Eigenthum des Landes unter Aufsicht der Stände steht und daß die von ihnen ernannten Bankbevollmächtigten mit ihren Köpfen für das Bankkapital haften müssen. Der König hat nun gestern Abend von diesen Herren alle disponiblen Gelder und Papiere der Bank verlangt, um sie vor den Aufrührern in Sicherheit zu bringen, wie er sagt. Mindestens aber zwei Millionen Bankthaler will er haben, um seine Reisekosten zu decken und eine Kriegskasse nach Schonen zu bringen.

792 So eben verfügt sich Graf Fabian Fersen, der Bankpräsident, zu Seiner Majestät, fiel Lagerbring mit demselben feinen Lächeln ein, um Bericht zu erstatten und um Nachsicht zu bitten.

Dann müssen wir eilen, sagte Adlercreutz. Begleiten Sie uns, bester Lagerbring.

Nein, mein lieber General, ich bin bei Ihren Geschäften überflüssig; allein ich werde in der Nähe sein, da Seine königliche Hoheit, der Herzog, mich zu sehen wünscht.

Die beiden Herren wechselten einige rasche Blicke, dann sagte Adlercreutz: Sie thun wohl daran, bleiben Sie in seiner Nähe. Haben Sie mir noch etwas zu sagen?

Ich habe Ihnen nichts zu sagen, erwiederte der Staatssecretär. Die Lage der Dinge ist so, daß Worte nichts bedeuten.

Wir müssen handeln! rief der General, und bei diesen Worten nahm er den Arm des Staatssecretärs und führte ihn die Treppe hinab aus dem Hause. Otho und Erich folgten ihnen nach, bald aber trennte sich Lagerbring höflich grüßend und schlug eine Seitenstraße ein.

Noch einmal, Freiherr Randal, sagte Adlercreutz, schärfe ich Ihnen ein, Ihr Haus nicht zu verlassen, denn es könnte sein – er hielt einen Augenblick inne und blickte Otho an. Wenn Sie Ihren Vetter begleiten wollen, Kapitän Waimon, mögen Sie es thun.

Ich begleite Sie, mein General.

Auch wenn es den Kopf kostet?

Mag er fallen! Was Sie thun ist recht gethan. Lebe wohl, Erich!

Und Ebba? murmelte Erich Randal.

Ebba! sage ihr – daß ihre Liebe mich begleitet.

Er folgte dem General, der einige Schritte unruhig und rasch vorangeeilt war und nun mit ihm heimlich sprechend über den großen Platz am Theater und über die Norderbrücke dem Schlosse zuging. An verschiedenen Ecken hatten sich Menschengruppen gesammelt, die wachsame Polizei war jedoch heute nicht aufgelegt, diese zu zerstreuen, denn sie selbst befand sich in Unruhe und Verwirrung. Die Gerüchte über den Aufstand des Westheeres und über die Entschlüsse des 793 Königs, Stockholm zu verlassen, alle Soldaten sammt Hof, Minister, Regierung und Bank mitzunehmen, fingen an, sich in der Masse der Bewohner zu verbreiten. Die Bürgerschaft war längst unzufrieden, einzelne Anhänger des Königs fanden wenige Freunde, manche laute und heftige Äußerung wurde gehört, aber das Volk war an Gehorchen und Leiden gewöhnt, mehr gleichgiltig, als geneigt, Partei zu nehmen. Die thatkräftigen Feinde des Königs befanden sich im Adel, in den höheren Ständen überhaupt und im Heere. Die entlassenen Gardeoffiziere liefen auf den Plätzen und Straßen umher; manche fein gekleidete Herren grüßten den General Adlercreutz, oder näherten sich, drückten ihm die Hand und wechselten einige Worte mit ihm. In der Nähe des Schlosses gesellten sich auch einige Offiziere zu ihm, und dies Gefolge vergrößerte sich noch mehr, als ein Dragoneroberst und der Oberst und Hofmarschall Silversparre am Eingange des Schlosses ihm entgegenkamen.

Wer ist bei dem Könige? fragte Adlercreutz nach der ersten Begrüßung.

So eben ist der Herzog gekommen, erwiederte Silversparre. Marschall Klingspor erwartet Sie.

Wo?

Im Pfeilersaal.

Lassen Sie uns gehen. Sind sie Alle bereit mich zu begleiten?

Ja, antworteten die Umstehenden dumpf und leise.

Machen Sie nicht zu viele Umstände mit Klingspor, flüsterte Oberst Silversparre. Will er nicht mit uns gehen, so thun Sie es allein. Das Schloß ist gut bewacht, alle Thore sind geschlossen, wenige Anhänger des Königs zu fürchten.

Ich hoffe, es soll kein Blut fließen, murmelte Adlercreutz, wenn es – nicht das unsere ist.

Keine Unglücksgedanken, General.

Wo ist das Unglück! rief Adlercreutz, indem er sein Haupt aufhob, als wollte er eine Last abschütteln. Glückt unser Unternehmen, so sind wir die Retter des Vaterlandes; glückt es nicht, nennt man uns Hochverräther.

Es wird glücken, General. Es muß glücken.

794 Auf jeden Fall, fuhr Adlercreutz mit erzwungener Heiterkeit fort, hat mein junger Freund Waimon Recht, daß ich Aussicht habe, in die Gallerie von Gripsholm aufgenommen zu werden.

Ich denke, sagte Silversparre, dies gute Schloß Gripsholm soll noch heut einen Anderen aufnehmen und ihn sobald nicht wieder fort lassen.

Wenn es dahin kommen sollte, sagte Adlercreutz, indem die Heiterkeit plötzlich aus seinem Gesicht verschwand, so soll Niemand uns anklagen dürfen, daß wir vorher nicht Alles versuchten, um ihn vom Verderben zu retten.

Niemand wird uns anklagen, antwortete der Hofmarschall, der die Geschichte unseres Unglücks und seiner grenzenlosen Verblendung kennt.

So sei es denn! rief Adlercreutz im entschlossenen Tone. Folgen Sie mir nach, meine Herren!

Er ging voran und blieb an der Treppe stehen, wo er den Hut abnahm, was seine Begleiter ebenfalls thaten, denn die Stufen herunter kam der Herzog von Südermannland. Sein Gesicht war geröthet, seine Augen blickten scheu und düster umher, und als er den ehrfurchtsvollen Gruß der Offiziere erwiederte, zitterte seine Hand, welche er an den Hut legte.

Indem er vorüber ging, that er einige zögernde Schritte und sah Adlercreutz starr und ängstlich an.

Königliche Hoheit kommen von Sr. Majestät? fragte dieser.

Ja, General.

Se. Majestät befinden sich wohl?

Dem Anschein nach wohl.

Beharrt Se. Majestät bei ihrer Reise?

In zwei Stunden, erwiederte der Herzog seufzend, soll diese beginnen. Ich habe nichts daran ändern können.

Er grüßte die Anwesenden, wandte sich schnell um und ging weiter, als wolle er nichts mehr hören oder antworten.

Er will die Frage nicht abwarten, ob er dem König folgen werde, flüsterte Silversparre lächelnd.

Jeder gute Fechter denkt an seine Deckung, murmelte Adlercreutz.

795 Er will nichts wissen und er darf nichts wissen, versetzte Silversparre eben so leise, aber er läßt uns machen, und wenn wir fertig sind – da ist der Marschall!

Der greise Graf Klingspor kam aus dem Pfeilersaal und Adlercreutz ging ihm entgegen. In seinem hohen Alter hatte Klingspor den Feldzug in Finnland durchgemacht und Kriegsruhm mit nach Haus genommen, den Adlercreutz für ihn eroberte. Er sah kräftig und ehrwürdig aus; sein einziges Auge hatte noch einige Lebendigkeit, der König schätzte ihn, und sein soldatenhaftes Wesen verschaffte ihm beim Heere, wie beim Volke Anhänger. Der alte Marschall war aus Finnland mit der Überzeugung zurückgekehrt, daß Friede geschlossen werden müßte, wenn Schweden nicht zu Grunde gehen sollte, aber er war übel fortgekommen, als er dem Könige die ersten Andeutungen machte. Mehr zu thun wagte er nicht, doch gehörte er seit dieser Zeit zu den Mißvergnügten und Adlercreutz, der ihn längst in der Hand hielt, konnte ihn leicht bewegen, an die Spitze der Verschwörung zu treten. Jetzt aber in der Stunde der Entscheidung, schien dem alten General der Muth zu fehlen. Er nahm Adlercreutz bei der Hand, führte ihn in ein Fenster des Pfeilersaales und sagte mit merklicher Besorgniß: Es ist Alles vergebens, wir werden nichts ausrichten. Er hat den Herzog, er hat Ugglas abgewiesen.

Er muß wollen, erwiederte Adlercreutz.

Wir dürfen nichts übereilen. Adlersparre kommt in Eilmärschen; wir müssen ihn erwarten.

Nein, Excellenz! entgegnete Adlercreutz, wir dürfen Adlersparre nicht erwarten.

Gewiß, gewiß! antwortete der alte ängstliche General. Wir haben keine Truppen, auf welche wir uns verlassen können. Die deutschen Regimenter bedürfen nur eines Wortes des Königs, so thun sie was er befiehlt.

Eine solche Anrede darf also nicht erfolgen.

Und hier im Schlosse, im Trabantensaale, hat er eine Compagnie Trabanten, die ihm ganz ergeben sind, flüsterte Klingspor. Wir haben nichts, nicht ein Regiment, nicht ein Bataillon, nichts als ein paar Dutzend Offiziere, ein Häufchen Verschwörer. Adlersparre hat fünftausend Mann.

796 Wir haben die allgemeine Überzeugung, daß es so nicht länger gehen kann.

Nichts! nichts! sagte Klingspor. Adlersparre muß uns helfen.

Wie, Excellenz! murmelte Adlercreutz mit unterdrückter Heftigkeit, sehen Sie nicht, daß wenn der König Stockholm verlassen darf, Alles verloren ist.

Wir sind verloren! wir! flüsterte der greise General.

Verloren sind wir, wenn noch vier und zwanzig Stunden vergehen, fuhr Adlercreutz fort. Was so Viele wissen, kann nicht länger verschwiegen bleiben. Bei Gottes Thron! wir sind zu weit gegangen, Niemand kann mehr zurück.

Der Marschall gab keine Antwort, aber er schüttelte den Kopf als verneine er diesen Ausspruch. Adlercreutz trat dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr: Glauben Sie denn, daß der König Ihnen jemals vergeben wird, wenn er erfährt, daß Sie um unser Unternehmen wußten und ich gestern Abend bei Ihnen die Briefe schrieb, die unsere Mitverschwornen heut hier versammelten? Und wenn Adlersparre wirklich kommt, wird er dann nicht der Mann sein, nach dessen Willen Alles geschieht? Wird er den König schonen? Wird nicht noch viel Schlimmeres geschehen? Wir wollen nichts, als Se. Majestät nochmals dringend bitten, seine Entschlüsse aufzugeben, in Stockholm zu bleiben, und die Reichsstände zu berufen. Alle Vernünftigen wollen dasselbe, ganz Schweden fordert es. Weigert er sich, so ist es erwiesen, daß seine geistigen Kräfte gestört sind, daß eine Regentschaft eintreten muß.

Der Herzog wird sich weigern diese anzunehmen, antwortete Klingspor. Ich sah ihn. Er war verzagt, wußte nicht was er thun sollte.

Seien Sie ohne Sorge, sagte Adlercreutz zuversichtlich, Lagerbring ist bei ihm. Ist hier Alles geschehen, wird Herzog Karl sich nicht länger weigern, Regent zu sein, als nöthig ist.

Der Marschall schwankte. Kein General von allen, die in Stockholm sind, ist damit einverstanden und hier bei uns, begann er nochmals.

Die Meisten aber wissen es, ahnen es und schweigen, erwiederte Adlercreutz. Armfeld ist in der Nähe. Ist der Schlag gefallen, so wird sich keine Hand für den Mann aufheben, den Keiner liebt.

797 Ich will es noch einmal versuchen, flüsterte der alte Marschall in seiner Beklommenheit. Ich will zu ihm gehen, ihn nochmals anflehen mich zu hören. Wenn er mich aber wiederum abweist –

Dann stellen Sie sich an unsere Spitze, fiel Adlercreutz ein, als er abbrach.

Nein, das kann ich nicht! Ich will mit dem Fuß im Grabe keinen Antheil an dieser That haben. Macht dann, was ihr wollt. Ja, er muß nicht recht bei Sinnen sein!

Ein verächtliches Lächeln zuckte über das entschlossene, stolze Gesicht des Generals, als der Marschall seine Hände zaghaft faltete und ihm voran ging. An der Thür stand Adlercreutz still und seine wartenden Gefährten anblickend sagte er tiefathmend: Die Stunde ist da, aber Gott ist mein Zeuge! in hundert Schlachten wollte ich mich lieber stürzen, als diesen Gang thun!

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