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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Am nächsten Morgen wurde die Reise fortgesetzt und die Wagen verfolgten nun eine nördlich laufende Straße, die in das bergige Land des Pajäne führte. Die Fröhlichkeit der Reisenden unterstützte der schöne Tag, welcher hell und warm dies Land beschien, dessen romantischer Reiz sich vermehrte, je weiter sie es kennen lernten. Die Hügelgewinde stiegen höher auf, felsige Gipfel und mächtige Steinmassen sprangen kühn daraus hervor, die Fruchtfelder und Ebenen aber wurden kleiner und durchbrochener und der Wald, welcher die Höhe bedeckte, begann nach und nach auch in die Thäler niederzusteigen. Ohne den Charakter der fruchtbaren Landschaft aufzuheben, erhielt diese immermehr ihr eigenthümliches Gepräge, diesen sonderbaren Wechsel von Wildheit, hervorgebracht durch jähen Fels und düstre, dichte Wälder, durch brausende Wasser, welche in tiefen Betten über zahlloses Gestein schäumten und durch ein wunderbares Gemisch von steilen Höhen und eben so steilen Senkungen, welche sich endlos folgten. Je weiter in's Land hinein, je länger dauerten diese Unterbrechungen und je enger wurde die Straße, welche zuweilen durch lange Hohlwege führte, zuweilen von dichtem Wald eingeschlossen wurde. Gigantische Tannen, Eschen und Birken streckten sich nicht selten darüber hin und brachten eine Dämmerung hervor, die mit dem blendenden Sonnenschein der offenen Stellen wechselte. Langes Moos füllte dann die Ritzen und Spalten der Steinlager, und das Wasser, welches davon niedertropfte, durchweichte den Boden, der unter den Hufen der vorüberjagenden Rosse zerspritzte.

Das Alles ist nur ein Anfang, sagte Otho, als der Baron von den finnischen Sümpfen sprach. Wer diese kennen lernen will, muß sie jenseits des Pajäne in Savolax und Carelien suchen. Jene großen, oft viele Meilen langen und breiten Sümpfe sind von anderer 94 Art als diese Pfützen. Wer Muth und Lust hat, eine Heerde Ellen-Hirsche zu sehen oder gar mit ihnen anzubinden, fügte er mit einem schalkhaften Seitenblick auf das Fräulein und den Seemann hinzu, der muß sich darauf gefaßt machen, nasse Füße und den Schnupfen zu bekommen.

Ich denke mich vor diesen finnischen Vergnüglichkeiten zu bewahren, erwiederte Baron Arwed. Alles wilde und halbwilde Gethier ist mir zuwider, und ich habe niemals begreifen können, wie man Tage lang sich abmühen kann, um ein armseliges Geschöpf endlich zu tödten, oder sich gar von ihm tödten zu lassen.

Aber das Ellen gibt vortreffliche Braten, sagte Lindström.

Dann wollen wir uns einen solchen verschaffen, ohne uns zu erkälten, antwortete Arwed. Unser Vetter Erich ist wahrscheinlich ein eben so großer Jäger, wie Sie, Herr Waimon?

Sie täuschen sich, erwiederte Otho lachend. Erich theilt ganz Ihre Ansicht.

Er jagt nicht?

Nein.

Das freut mich von ihm zu hören.

Doch nicht etwa aus Liebe zur Bequemlichkeit oder aus Scheu vor Wind und Wetter, sondern weil er alles Blutvergießen haßt und jedes lebendige Wesen bei ihm Schutz findet.

Er ist also, wie es scheint, ein frommer Christ, sagte Serbinoff.

Sind das nur fromme Christen, die das Blutvergießen hassen, erwiederte Otho, so gibt es deren wenige auf Erden. Wie soll man denn die nennen, die das Blut ihrer Mitmenschen in Strömen vergießen; glorreiche Fürsten, die ihre Unterthanen haufenweis ihrem Ehrgeize, ihrer Eroberungssucht oder ihren eigensinnigen Launen schlachten.

Auf diese kecke Frage erfolgte keine Antwort. Die beiden vornehmen jungen Herren lächelten, endlich aber sagte der Kammerherr: Allerdings ist der Krieg der furchtbare Bruder der Jagd und die Jagd ein grausames, rohes Vergnügen.

Bah! rief Waimon, seine Peitsche schwingend, daß der Knall von Fels und Wald wiederhallte, während er zugleich seine Rosse 95 bändigte. Jagd und Krieg sind auch Gottes Werke, und so lange es wilde Thiere gibt, und Menschen gibt, die sich dazu gebrauchen lassen, auf Wink und Befehl andere Menschen zu morden, wird es mit beiden kein Ende nehmen.

Und dies wird vermuthlich so lange dauern, sagte der Baron spottend, bis die Wölfe mit den Schaafen auf die Weide gehen, und die Menschen wieder in paradiesischer Unschuld neben ihnen wandeln.

Oder, erwiederte Otho, eben so lustig, bis die Schaafe endlich so klug werden, sich zusammenthun und die Wölfe todt beißen, auch die Menschen es mit ihren Wölfen eben so machen.

Eine glückliche Aussicht, mein lieber Waimon, lachte Arwed, aber wer sollte meinen, daß Sie in diesen Wäldern und Sümpfen zu solchen Weltanschauungen kommen können. Danach zu urtheilen, dürfte die Stimmung im finnischen Herzogthum überhaupt nicht sehr günstig über unsere jetzigen Zustände lauten.

Kummer und Thränen sind überall zu finden, antwortete Otho, denn mancher Mutter Kind ist in die Regimenter gesteckt, die nach Deutschland oder gegen die Dänen marschirten und kehrt wohl nimmer zurück. Die Steuern und Abgaben wachsen, die Armuth nimmt zu, Land und Volk kommen zurück und Alles das warum? Sind wir von einem Feinde bedroht worden? Nein, man hat sich einen Feind geschaffen. Weil der König den Kaiser der Franzosen nicht mein lieber Bruder nennen will, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, dieser Napoleon Bonaparte sei das siebenköpfige Ungeheuer der Offenbarung Johannis, dessen Pestilenz er ein Ende machen müsse, darum müssen Schweden und Finnen seit Jahren hergeben, was sie haben.

Herr Waimon gehört, wie wir merken, zur französischen Partei, sagte Serbinoff, und diese ist wahrscheinlich hier stark genug vertreten.

Ich bin meine eigene Partei, erwiederte Otho. Im Übrigen ist es wahr, der König hat Wenige, die ihm anhängen. Die es am meisten thun sollten, denen er Gutes gethan hat, die meinen es am Übelsten mit ihm.

Auf Dankbarkeit, Cousin Otho, darf kein Mensch, am wenigsten aber ein König rechnen, sagte das Fräulein.

96 Und warum nicht? fragte er. Dankbar ist selbst das Thier für Wohlthaten und hängt mit Treue seinem Herrn an, warum soll der Mensch allein Güte mit Bosheit vergelten? Aber das ist auch nicht der Fall. Der bei weitem größte Theil der Menschen ist besser als man sagt, und es gibt Beispiele genug, die das beweisen. Sehen Sie den Burschen dort hinter uns, den Jem. Er ist sehr arm, doch nicht um eine Tonne voll Speziesthaler würde er mich verrathen. Ich habe ihm einmal einen Dienst geleistet, als Einer, der weit über ihm steht, aber doch ein Schelm ist, ihn in Schande bringen wollte; dafür habe ich ihn gewonnen mit Leib und Leben. Man sollte nun denken, Fürsten, die so viel Lohn und Ehre zu bieten haben, müßten die allertreusten Freunde und Diener besitzen. Wenn es nicht der Fall ist, was kann die Ursache sein?

Ich will Ihnen sagen, wie meine Mutter urtheilte, fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt. Fürsten, sagte sie, sind Wesen, welche sich von der übrigen Menschheit abgetrennt haben, dafür trifft sie die Nemesis, selten oder nie einen Freund zu finden. Ihre Günstlinge, die sich um sie drängen, sind ihre Schmeichler und die Werkzeuge ihres Willens; treu bleiben sie nur, so lange die Sonne des Glücks ihren gnädigen Herrn bescheint, den sie verlassen und verrathen, sobald der Himmel sich verfinstert, oder eine andere aufgehende Sonne ihnen mehr Lohn verspricht.

Der Baron zuckte verächtlich mit den Lippen und über sein kaltes, blaßes Gesicht flog ein Ausdruck feindlichen Hohns; allein Serbinoff ließ ihn nicht zu einer Antwort kommen. Es scheint mir zweifelhaft, sagte er lächelnd, ob die Fürsten oder ihre Umgebungen bei dieser Charakteristik übler fortkommen, jedenfalls aber hat Herr Waimon die Lehren seiner Frau Mutter gut behalten und König Gustav, der, wie man sagt, die Deutschen und die Finnen zumeist lieben soll, hat wenigstens bei Ihnen nicht auf Anerkennung dafür zu rechnen.

Er liebt die Deutschen und Finnen mehr als die Schweden, rief Lindström, weil diese unterthäniger gehorchen.

Der stolze, schwedische Freiheitssinn hat allerdings schon schöne Proben seiner Kraft und Stärke abgelegt, antwortete Otho lachend. Mit seiner Hilfe sind wir Alle dahin gekommen, daß es keinen andern 97 Willen im Reiche gibt, als den Königswillen. Was aber Finnland und die Liebe der Finnen betrifft, so weiß ich wahrlich nicht, warum diese so anhänglich sein sollte. Dies ist ein erobertes Land, für dessen Wohlfahrt wahrlich von je an, so wenig als möglich geschah. Seit Jahrhunderten sind wir beständig in Gefahr gewesen, einem andern Herrn zuzufallen, denn Rußland und Schweden haben von uralter Zeit an um diese Beute gestritten. Erst als Karl der Neunte die Russen vom Ladogasee jagte und das ganze Becken des finnischen Meerbusens, bis an die Polengrenzen, in Besitz nahm, war es endlich entschieden, daß wir schwedisch blieben, und bis zu Peter des Großen Zeit war die Schwedenherrschaft gesichert. Von da ab geht der Kampf von Neuem an. Finnland wurde erobert, sieben Jahre lang war es eine russische Provinz, bis es Peter im Frieden von Nystadt im Jahre 1721 an Schweden zurückgab. Er begnügte sich mit Lievland, Esthland, Ingermannland und Karelien, aber er behielt die Schlüssel von Finnland, Wiborg und Kerholm, und überließ es seinen Nachfolgern sich mehr zu holen. Das ausgeplünderte, verbrannte, verwüstete Land, in welchem kaum noch zweihunderttausend Menschen dem Tod entronnen waren, fiel den alten Besiegern der Finnen wieder zu. Seit dieser Zeit jedoch sind die Schweden der bedrohte Theil geworden.

Da Sie die Geschichte Ihres Landes und Volkes so gut kennen, sagte Graf Alexei, werden Sie zugestehen müssen, Herr Waimon, daß die Beherrscher Rußlands keinen Angriff auf Finnland weiter machten.

Nein, erwiederte Otho. Der Krieg von 1741 war einer, den die Finnen der übermüthigen Adelspartei zu danken hatten, die in Schweden unter französischem Einfluß regierte. Die Russen sollten abgehalten werden, sich in den österreichischen Erbfolgekrieg zu mischen, dafür wurden mit französischem Golde die Taschen der schwedischen Reichsräthe gefüllt, welche zur französischen Partei hielten, während russisches Gold die russische Partei fütterte.

Jedenfalls, lächelte Serbinoff, wäre diese Fütterung allgemein wohlthätiger gewesen, wenn der Krieg dadurch vermieden wurde.

Um uns ohne Blut zuletzt zu verkaufen durch euren erdrückenden Einfluß, sagte der junge Mann, um dem ganzen Schwedenreiche 98 endlich dasselbe Schicksal zu bereiten, das dem Polenreiche ein Ende gemacht hat. – Die schwedischen Reichsherrn wollten das abgetretene Stück Finnland und Wiborg wieder erobern, das war für die Finnländer genug, ihre Kriegslust und Tapferkeit anzufachen.

Und was war das Ende? fragte Alexei.

Ach, erwiederte Waimon lebhaft, die Kaiserin Elisabeth benutzte damals zuerst ein Zaubermittel, das von wunderbarer Wirkung gewesen sein würde, hätten die Finnen daran glauben können. Elisabeth's Manifest forderte das finnische Volk auf, sich von dem schwedischen Joche zu befreien, und der russischen Hilfe und Großmuth zu vertrauen. Sie schilderte mit brennenden Farben alles Unrecht und alle Gewalt, welche die Finnen ertragen hatten von den Feinden und Verderbern ihres alten Stammes, und bot ihnen an, unter russischem Schutz künftig ein eigenes Reich in vollkommener, politischer Unabhängigkeit zu bilden; einen freien Staat mit jeder beliebigen Regierungsform.

Das war allerdings verlockend genug, sagte der Graf, und zu verwundern bleibt es, daß es keinen Anklang fand.

Durchaus nicht, denn man kannte die zu gut, die solche schöne Dinge fast umsonst feil boten, antwortete Otho mit freimüthiger Unerschrockenheit. Hat man nicht später dasselbe Spiel mit den Polen gespielt? Hat dieselbe grausame Politik nicht die leichtgläubigen Griechen damit mehr als einmal zum Aufstande getrieben, wenn es zum Kriege gegen die Türken ging, und hat man sie nicht immer zuletzt der fürchterlichsten Rache der Türken überlassen, wenn sie nichts mehr nützen konnten?

Diese Zeiten sind jetzt vorüber, lächelte Serbinoff ohne gereizt zu scheinen.

Gottes Gnade, fuhr Otho fort, hat den Finnen eine tüchtige Portion Mißtrauen und Zähigkeit mit auf den Weg gegeben, dadurch wurden sie vor den Folgen arger List bewahrt. Zum Überfluß machte der schwedische Reichsrath ein Gegenmanifest bekannt, in welchem russisches Wesen und Treiben erbaulich dargestellt wurden. Eines aber erreichte Rußland damals dennoch. Von Bewaffnung des finnischen Volkes war in Stockholm nicht mehr die Rede. Im Gegentheil, alle 99 Waffen wurden den Finnen fortgenommen, und als General Löwenhaupt, der würdige Reichstagsmarschall und Oberfeldherr, von dem es unentschieden geblieben ist, ob er mehr Verräther oder Verrathener war, sein Heer den Russen überliefert hatte, eroberten diese zum andernmale ganz Finnland ohne Widerstand zu finden.

Was jedenfalls für das finnische Volk das Beste war, bemerkte Alexei.

Wenigstens wurde dies jetzt nicht wie von Peter des Großen Soldaten, gemordet und gebraten, sagte Otho; auch wurden nicht Tausende, wie damals, als Leibeigene nach Rußland geschleppt, wo ihre Nachkommen noch jetzt zu finden sind, sondern die Kaiserin streute Wohlthaten aus, weil sie Finnland schon als ihr Eigenthum betrachtete. Alle Finnen, welche in dem gefangenen, schwedischen Heere dienten, wurden mit Güte oder Gewalt nach Haus geschickt, den finnischen Bauern wurde Getreide gespendet, am Besten aber kamen die Festungscommandanten fort, welche über Hals und Kopf die ihnen anvertrauten Plätze den Russen überlieferten, wie auch die pflichtgetreuen Beamten, welche sich nicht genug beeilen konnten, in demüthigen Briefen an die Kaiserin diese als ihre erhabene Beherrscherin anzurufen.

Ist das wahr? Alle diese Schande wahr! rief das Fräulein.

Niemand wird es leugnen können, sagte Otho. Manche hohe Offiziere, Herren aus vornehmen alten Familien, aus schwedischen Familien, verkauften und verhandelten sich den Russen und diese führten eine halb russische, halb finnische Verwaltung ein. Ganz Finnland ward russische Provinz und schwur der Kaiserin den Eid der Treue. Von der versprochenen Selbständigkeit und Unabhängigkeit war natürlich nicht mehr die Rede.

Aber um so mehr von der Milde und Großmuth, erwiederte Serbinoff, mit welcher die Kaiserin im Frieden zu Abo abermals Finnland zurückgab, das ihr Niemand mehr entreißen konnte, und nur den Landstrich bis zum Kymenestrom behielt, welcher noch jetzt die Grenze bildet.

Das waren, erörterte Otho, allerdings nur zweihundert Quadratmeilen finnisches Land, welche abermals verloren gingen, allein mit 100 ihm wurden alle schwedischen Grenzfesten Nyschlott, Friedrichshavn und Willmanstrand abgetreten. Finnland lag jetzt, jedem russischen Einfall Preis gegeben, als sichere Beute da.

Man hat dafür gesorgt, ihnen einen anderen harten Bissen in den Weg zu werfen, rief der junge Offizier. Sweaborg ist nicht vergebens seit jener Zeit aufgebaut, und viele Millionen Thaler dafür verwandt worden.

Die Großmuth der Kaiserin war auch nicht weit her, sagte Waimon. Ihr Verwandter, der Herzog Adolph Friedrich von Holstein, mußte zum Thronfolger ernannt werden, und über dies hatte sie schwere Kriegsverwicklungen mit den größten europäischen Mächten zu fürchten, welche Einspruch gegen die Eroberung thaten, die abermals weiter vorbereitet, auf bessere Zeiten verschoben wurde.

Sie müssen gerecht sein, Herr Waimon, lächelte der Graf, und eingestehen, daß, wie Rußland diesen Krieg nicht verschuldete, es auch in dem letzten Kriege von 1788 der angegriffene Theil war.

Mit Freuden will ich das bestätigen, antwortete Otho. Gustav der Dritte war ehrgeizig genug, um den Plan zu fassen, das Stück Finnland wieder zu erobern, das Rußland abgerissen hatte. Er fing an in Schweden durch sein zügelloses Leben und seine Verschwendungen verhaßt zu werden; durch Kriegsruhm dachte er das Mißvergnügen zu ersticken, und für solchen Ruhm ihrer Könige sind die Schweden von je an so empfänglich leichtsinnig gewesen wie die Franzosen. Zudem dachte er Geld dadurch zu bekommen, denn Katharine hatte Feinde genug, die vor ihrer Arglist bangten, und eben damals war sie in den Türkenkrieg verwickelt. Gutes hatte der Schwedenkönig auch von ihr nicht zu erwarten. Wenn sie mit Polen und Türken fertig war, konnte er wohl denken, daß Finnland an die Reihe kommen würde. So brach er denn, wie es eroberungslustige Fürsten thun, und wie es die größten seines Jahrhunderts Ludwig der Vierzehnte und Friedrich von Preußen gethan haben, die Gelegenheit vom Zaun, um über den verlegenen Nachbar herzufallen. Wäre er der Mann danach gewesen, so hätte es ihm glücken können, Petersburg zu erobern und Kronstadt zu zerstören, statt dessen spielte er Komödie in seidenen Kleidern und rothen Schuhen, umringt von seinen Sängern und lustigen Freunden, 101 die mit ihren tollen Possen den Unwillen und Ekel aller ernsten, verständigen Männer erregten.

Unter diesen ernsten Männern verstehen Sie ohne Zweifel die Obersten des Heeres, welche sich gegen den König verschworen, sagte der Kammerherr,

Das waren die schlimmsten Verschwörer wahrlich nicht, erwiederte der junge Mann. Es waren Männer darunter von reinem Charakter, die ihr Vaterland innig liebten, und der König handelte gegen die Landesgesetze, wie es seine Art war. Er durfte ohne Zustimmung der Reichsstände keinen Krieg führen. Die Obersten waren daher im Rechte, wenn sie der Verfassung treu blieben und ihm zeigten, daß auch ein König die Gesetze heilig halten muß. Wäre er ein großer Fürst und Feldherr gewesen, wie die alten eisernen Wasa's, so würden seine Generale bei alledem ihm willig gefolgt sein, oder wäre er ein Mann gewesen, wie Karl der Elfte, so kühn und schlau, so hätte er wie dieser gewußt, wie man vom Reichstag erlangen kann, was man will; aber dieser König war von Allem etwas und darum nichts Ganzes. Leichtsinnig und sorglos, nichts achtend und nichts glaubend, umringte er sich mit einer Rotte Günstlingen und Lieblingen, welche zehnmal schlimmer waren, als die Obersten vom Angelabunde, Menschen, die seine Ausschweifungen theilten, die das Land in Schulden und Noth stürzten, das Volk herunter bringen halfen, ihn selbst aber dennoch verriethen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot.

Solche Beschuldigungen, antwortete der Kammerherr, beruhen gewöhnlich auf Verleumdungen und Übertreibungen. Die unverständige, einsichtslose Menge glaubt gar zu gern, was sie nach ihrem Geschmack findet. Wer Karl den Elften, diesen Tyrannen und rohen Bauer, loben kann, der freilich muß Gustav schmähen, dessen feiner Geist und liebenswürdige künstlerische Natur ihm nicht behagen können. Alles was wir an Kunstbildung und Kunstverständniß, an Politur und geistiger höherer Entwicklung besitzen, ist Gustav des Dritten Werk. Er unterstützte Gelehrte, Dichter und Künstler, er sammelte Kunstwerke und wissenschaftliche Schätze, liebte und förderte Gesang, Musik und dramatische Kunst, so daß nach langen Zeiten zum 102 erstenmale wieder der schwedische Name mit Achtung und Anerkennung in Europa genannt wurde.

Karl der Elfte, sagte Otho lachend, wird ein Tyrann genannt, weil er dem Adel und dem Reichsrath auf die Finger klopfte, aber der Bauer nennt ihn heut noch den Bauernkönig, denn dem Volke that er Gutes und die Landesgesetze hat er niemals verletzt. Gustav der Dritte hat Reichsrath und Adel ebenfalls hart mitgenommen und ihnen die Gewalt entrissen; aber der Unterschied zwischen ihm und Karl ist der, daß Bauer und Bürger ihn zuletzt eben so verabscheut haben, wie der Adel, denn trotz seiner Genialität und liebenswürdigen künstlerischen Natur preßte er das Land aus, und schonte und scheute nichts, wo er sich Geld verschaffen konnte, um es in Schwelgereien und verschwenderischem Tand zu verprassen. Ja, er schämte sich nicht, das Volk durch den Branntwein gänzlich zu demoralisiren, denn er verkaufte jeder Hütte das Recht, dies Gift zu brennen, und an dieser Branntweinpest krankt Schweden seitdem und wird sich kaum je wieder davon erholen. Wissen Sie, fuhr er lebhaft fort, indem er sich zu dem geärgerten Baron umwandte und ihn mit seinen kühnen Augen furchtlos anschaute, seit wann in Schweden das allgemeine Verderben begonnen hat? Seit dem Tode oder dem Morde Karl's des Zwölften, also seit beinahe einem Jahrhundert. Von jener Zeit an, als der Reichsrath und die Adelsparteien sich der Regierung bemächtigten, wurde Alles käuflich und es geschahen die schändlichsten Dinge; nicht von der unvernünftigen Menge, sondern von denen, die sich rühmen, mit Verstand und Einsicht besonders gesegnet zu sein. Wer hat früher etwas von schwedischem Verrath, von Verkäuflichkeit, Bestechlichkeit und so nichtswürdiger Entartung gehört, wie sie in jener Zeit schaamlos zum Vorschein kamen? In jedem Kriege brachten seitdem die Verräther mehr Unglück über uns, als die Waffen der Feinde, und ist es in dem letzten Kriege etwa anders gewesen? Hat Gustav der Dritte mit aller seiner ritterlichen Genialität es hindern können, daß bestochene russische Spione ihn umgaben, oder daß Menschen, die er mit Wohlthaten überhäufte, Alles, was er that, den Russen verriethen? Liefen nicht auch diesmal wieder hohe Beamte und Offiziere, feine Leute von Bildung und Kunstgefühl, geschmückt mit Titel und Orden, zu dem 103 Feinde über? Erst vor wenigen Tagen habe ich einen Mann gesehen, den Oberst Jägerhorn, welcher jetzt zur Besatzung von Sweaborg gehört, dessen Bruder, ein Liebling des geistvollen Königs, ihn verrieth und zu den Russen endlich desertirte, sammt andern Herren in goldgestickten Sammetröcken. Wenn ich nicht zu der gedankenlosen, leichtgläubigen Menge gehörte – er lachte auf und vollendete nicht, was er sagen wollte. – Wenn's wieder so kommt, fuhr er statt dessen fort, werden Sie sehen, was geschieht. Das unverständige Volk wird, wie immer, bereit sein, Gut und Leben für seine gnädigen Herren in die Schanze zu schlagen, die Verräther aber werden eben so wenig fehlen, und es kann Einem zuweilen vorkommen, als seien sie schon da und in voller Arbeit.

Damit endete diese Unterhaltung, welche der Baron nicht länger fortsetzen mochte. Sein bisheriges Lächeln war einem ärgerlichen Ernst gewichen, und eine Wolke von Zorn lag in den kleinen tiefen Falten über seinen Augen. Der Weg senkte sich ziemlich steil in ein Thal hinab, das einen fesselnden Anblick gewährte, und es dem hilfreichen Serbinoff leicht machte, durch einige bewundernde Ausrufungen und Fragen die Aufmerksamkeit seiner Reisegefährten diesen Landschaftsbildern zuzuwenden. Ein Kirchspiel drängte sich in der Mitte des Thals zusammen, und streckte seine rothen, freundlichen Häuser von dort aus weit über den reichen Anbau, jenseits aber stiegen hohe Felsen auf, eingefaßt von einem mächtigen Waldgebiet, das den ganzen Horizont begrenzte. Nur zur Rechten schimmerte in der Tiefe ein breites Gewässer.

Da ist der Pajäne! rief Otho, und hier unter uns liegt Hormola, wo wir rasten werden. Dort das Haus vor der Kirche ist die Posthalterei; aber wahrlich, da stehen die Pferde schon, Erich's Pferde, welche uns erwarten, und was ist das – ich dachte es wohl – da steht er selbst, um seine Gäste zu empfangen.

Alle Augen richteten sich auf das Haus, an dessen Breitseite mehrere Pferde mit tief gebeugten Hälsen ihr Mahl zu halten schienen, während nicht weit von ihnen auf einem der großen Steine an der Thür ein Mann saß, der mit seinem Stocke Linien oder Worte auf den Boden malte. Es schien eine Zeit lang, als beachtete er das 104 Rollen der Wagen nicht, denn erst als diese ziemlich nahe waren, sah er auf und nach einem langen prüfenden Blicke erhob er sich von seinem Platze und that einige Schritte, indem er seinen Hut abnahm und die Winke und Grüße seiner Verwandten erwiederte.

Neugierig wurde er von diesen angeschaut, allein ohne Zweifel waren sie sämmtlich in ihren Erwartungen getäuscht, denn dieser letzte Sprößling des alten ritterlichen Geschlechts hatte nichts von der Heldenlänge und kriegerischen Stärke seiner Väter, welche im Dome zu Abo schliefen. Ebba hatte seinen Briefen nach wenigstens einen jungen, lebhaften Mann vermuthet, und die Bewunderung und Liebe, mit welcher Otho von ihm erzählte, setzten in ihren Vorstellungen ein Bild zusammen, dem dieser vielbelobte Vetter in keinem Zuge glich. Ihrem Bruder und seinem Freunde erging es jedoch nicht besser. Arwed konnte sich nicht enthalten, Serbinoff zuzuflüstern: Gut, daß wir ihn haben, so werden wir endlich diese schwatzende Elster los, aber daß der die Jagd nicht liebt, oder in irgend einer Art gefährlich werden kann, glaube ich gern.

Sie sprangen aus dem Wagen und der Kammerherr zunächst umarmte den Freiherrn. Mein theurer Erich! rief er, wie lange habe ich mich nach dieser Stunde gesehnt. Ich mache von meinem Rechte Gebrauch, dich Freund und Vetter zu nennen, und hier ist meine Schwester Ebba, eben so entzückt, wie ich selbst, dich endlich zu sehen, hier sind Graf Serbinoff und Gustav Lindström. So hast du uns Alle, bester Vetter, doch unser erstes Wort muß ein herzlicher Dank sein, daß du so weit von deinem Hause uns erwartest.

Umringt von den hohen kräftigen Gestalten dieser jungen Männer sah der Freiherr noch kleiner und zarter aus, als er war. Sein Gesicht hatte scharfe feste Züge, das braune Haar fiel reich ohne Band und Puder auf eine hohe, eckig harte Stirn, unter welcher zwei klare tiefliegende Augen einen eigenthümlichen Schimmer sanftmüthiger Freundlichkeit verbreiteten. In damaliger Zeit trugen die jungen Herren vom Adel entweder glänzende Kleider von Sammet und Brokat oder sie waren mit Spornstiefeln, Jagdrock, Waidmesser und aufgeschlagenem Tressenhut versehen, und hätte Erich Randal in dieser Tracht seine Verwandten empfangen, so würde sein Äußeres mehr Beifall 105 gefunden haben. Statt dessen erschien er schwarz und einfach, eher wie ein Dorfkaplan, denn wie ein Freiherr gekleidet. Sein Hut hatte weder eine Goldschnur noch eine Borde, es war ein breitgekrämpter niedriger finnischer Bauernhut, und was noch ärger war, er trug nicht einmal Reitstiefeln, sondern seine Füße steckten in Schuhen mit dicken Sohlen.

Als er seine schöne Muhme auf die Stirn küßte und ihre Hand festhielt, wurde die Freude in seinem Gesicht und in seinen Augen heller und lebendiger. Alles, was ich über das Glück sagen könnte, Sie hier zu sehen, begann er dann, würde immer hinter dem, was ich empfinde, zurückbleiben. Leider war es mir nicht vergönnt, Sie von Abo aus in mein einsames Haus zu begleiten, so will ich denn versuchen, Sie so lange als möglich darin festzuhalten, als einen theuern vielgewünschten Gast.

Seine Stimme klang äußerst wohllautend, und sein Lächeln verschönte das scharfe starke Gesicht. Die höfliche Gemessenheit seines Wesens hatte etwas schulmeisterlich Bedächtiges, das er selbst dann nicht verlor, als Serbinoff mit der Gewandtheit und Feinheit, die ihm eigen war, seinen Besuch entschuldigte, und Lindström mit seemännischer derber Fröhlichkeit sich einmischte.

Wir wollen dein altes Schloß so laut und lustig machen, wie es je in seiner Jugend gewesen sein mag, rief der junge Offizier. Wir wollen tanzen und schmausen, jagen und trinken, bis du froh sein wirst, uns wieder heim zu schicken.

Dieser Tag, mein lieber Gustav, wird niemals kommen, erwiederte Erich.

Lindström sah ihn übermüthig an. Mag es gemeint sein, wie es will, fuhr er fort, ich bin damit zufrieden. Aber du bist ein gelehrter Mann, wie ich gehört habe, und siehst, bei meiner armen Seele, auch darnach aus. Solche Herren lieben Ruhe und Stille.

Nach dem Kleide darf man nicht urtheilen, versetzte Erich lächelnd. Du sollst mit dem Keller und der Küche meiner Einsiedelei zufrieden sein. Wein und Jagd werden uns nicht fehlen.

Vortreffliche Aussichten! fiel Arwed ein. Der liebenswürdige Einsiedler hat doch gewiß auch dafür gesorgt, daß die Schönheit seinem einsamen Herde nicht fehlt.

106 Sie kommt mit dir, antwortete Erich, indem er Ebba anblickte, darum ist dieser Tag mir ein dreifach gesegneter. Was ich bis jetzt davon in meiner Nähe besaß, siehst du dort.

Sie waren dem Hause zu gegangen, aus welchem so eben Otho hervorsprang, der an seiner Hand ein junges Mädchen führte, das noch auf der Grenze erster Jungfräulichkeit zu stehen schien. Ihr schlanker Körper in Mieder und Jäckchen gehüllt, war elfenartig leicht und das rosige, frische Gesicht schimmerte glückselig unter dem kleinen Strohhut mit flatternden rothen Bändern, der wie ein Vogelnest auf ihrem Kopfe saß, von welchem reiche Flechten in ihren Nacken fielen. Dies liebliche Geschöpf, das wie ein Maitag aussah, der alle Blüthen aufweckt, lief mit einem Freudenschrei auf Ebba zu, schlang seine Arme um sie und betrachtete sie mit Blicken, welche vor Liebe und Freude funkelten.

Es ist meine Schwester Louisa, sagte Otho.

Und du bist Ebba! rief Louisa. Wie bist du schön, wie liebe ich dich! Dulde es, daß wir dich verehren und habe mich auch ein wenig lieb.

Das will ich, theure Louisa, das will ich recht von Herzen, erwiederte Ebba, überrascht und gerührt von diesem Empfange, an dem die Herren sich lächelnd ergötzten. Aber Louisa ließ sich dadurch nicht stören. Sie plauderte erzählend und betheuernd weiter, wie sie, seit ihr Bruder fortgereist sei, keine Ruhe gehabt, wie sie über die Seebucht gefahren sei noch am späten Abend, als Erich zurückgekommen, und wie sie vor Freude und Glück ganz närrisch geworden, als sie hörte, daß sie ihn hierher begleiten solle. Erich steigt selten zu Pferde, sagte sie, er geht lieber, aber ich besitze ein Pferd, mein Bruder hat es mir geschenkt und abgerichtet. Es ist so sicher und klug, daß es niemals strauchelt und irrt. Du sollst es reiten, meine schöne liebe Ebba, dort steht es schon mit seinen Muschelzäumen und wartet auf dich. Jetzt aber komm, du mußt ausruhen und speisen von dem, was da ist.

Die kurze Zeit, welche die Reisenden verweilten, um auszuruhen und sich zu erfrischen, reichte hin, um im freundlichen Beisammensein das Fremde eines ersten Begegnens zu überwinden. Die gewandten 107 Formen der beiden Herren, welche daran gewöhnt waren, sich im Gewühl eines vielgestaltigen Lebens zu bewegen, halfen eben sowohl dazu, wie die anregende und vertrauliche Weise, mit welcher Ebba sich ihrem Vetter zu nähern wußte, der trotz seiner Bescheidenheit und Einfachheit bald ein günstiges Urtheil hervorrief. Was er sagte war verständig und seine Unterhaltung nicht ohne Reiz. Seine ungekünstelte Höflichkeit trug den Ausdruck der Herzensgüte, und an seiner Freude über den Besuch seiner Verwandten konnte Niemand zweifeln, der in sein lächelndes Gesicht sah. Noch mehr als mit ihm beschäftigten und vergnügten sich Alle mit der liebenswürdigen Louisa, welche nicht wußte, wie und wodurch sie ihre Herzensgefühle den lieben Gästen recht deutlich machen sollte. Sie versprach ihnen alle mögliche Lust und Herrlichkeit, Wasserfahrten und kleine Reisen, Feste und Besuche, und ihre Erzählungen und drollige Äußerungen wurden von den Liebkosungen unterbrochen, mit denen sie sich an Ebba zurückwandte.

Die Pferde waren inzwischen durch Otho's Fürsorge in Bereitschaft gesetzt, und als die Wagen mit den Dienern die Fahrstraße eingeschlagen hatten, welche nach Halljala führte, mußte Ebba das schöne graue Thier besteigen, das Louisa selbst herbeibrachte. Es war von der echten nordischen Bergrace, deren unermüdliche Ausdauer und Sicherheit berühmt genug sind. Seine schlanken, schwarzen Füße, der schwarzborstige Kamm auf dem schön gebogenen Hals und die feurigen Augen unter dem dichten Haarbüschel auf seiner Stirn kündigten einen stolzen und muthigen Renner an. Louisa klatschte jubelnd in die Hände, als sie die schwedische Dame keck und gewandt im Sattel sitzen und die rothen mit Schlangenmuscheln besetzten Zäume ergreifen sah, dann hob sie Otho auf den Rücken eines wilden Ponys, und nun bewegte sich der Zug der Reiter rasch durch das üppig grüne Thal. Eine Zeit lang folgten sie dem Laufe eines Baches, und nichts konnte anmuthiger sein, als an diesem sonnenhellen Tage, unter dem schönsten Himmel, in milder, erfrischender Luft über einen blumenvollen Grund frohgelaunt dahinzujagen. Bald aber stiegen vor den Reitern steile Waldhügel auf und zwischen diesen öffnete sich eine Schlucht, durch welche der Bach im immer schnelleren Sturze dem See zueilte. Ein Pfad lief schmal daran hin und über nacktes, nasses Gestein stieg 108 er jäh hinauf bis zu dem Waldgebiet, wo Tannen und Lärchenbäume sich mit zahllosen Wurzeln um mächtiges Steingetrümmer klammerten. Die Pferde konnten hier nur einzeln gehen, ihr Hufschlag widerhallte auf dem nackten Fels, mit kräftigen Sätzen halfen sie sich über die hochkantigen Lager- und Rollsteine fort.

Erich Randal war als Führer an der Spitze geblieben, und wenn sein Vetter Arwed heimlich über ihn gelacht hatte, wie er sehr wenig ritterlich stolz im Sattel saß, so mußte er dagegen eingestehen, daß der junge Freiherr mehr körperliche Gewandtheit besaß, als er ihm zutraute. Er sprang plötzlich aus den Bügeln auf einen Felsblock, ließ sein Pferd reiterlos laufen und stieg mit Hilfe seines Stockes sehr schnell und ohne Anstrengung bis auf die Berghöhe.

Das ist die beste Art zu reisen für mich, sagte er, als er endlich neben Ebba herging, und hier haben Sie gleich ein Beispiel der eigenthümlichen Beschaffenheit unseres Landes. Fruchtbare schöne Thäler und plötzlich mitten darin steile Granitmassen, ungeheure über einander gerollte Felsstücke, Bergwälder und diese unendliche Zahl großer und kleiner Seen, welche alle Tiefen ausfüllen.

Aber es ist keine großartige Natur, erwiederte Ebba, indem sie schelmisch nach Otho blickte.

Nein, erwiederte Erich, gewaltige Gebirge mit Gletschern und gigantischen Felsspitzen gibt es in ganz Finnland nicht. Sie finden hier mehr idyllische Reize, murmelnde Bäche, üppige Thäler und Matten, deren Gras- und Blumenschmuck oft wunderbar reich und schön sind. Unsere Berge kommen von Norwegen herüber. Von den Quellen der Tana streicht ihre Hauptkette, die Maanselkberge, durch Osterbottnien und wirft ihre drei großen Arme nach Osten, Westen und Süden. Über zwölfhundert Fuß steigt kein Gipfel auf und hier in Tavastland erreichen die höchsten kaum sechshundert Fuß.

Für bescheidene Ansprüche ist das immer genug, lachte Ebba.

Wir sind auch damit zufrieden, liebe Muhme, sagte Erich. Hätten wir Gletscher und hohe Gebirge, so würde Finnland so unfruchtbar sein, wie ein großer Theil Schwedens und Norwegens; statt dessen aber sind unsere Berge fast überall mit Wald bedeckt und unsere 109 Thäler und Ebenen liefern bis in den hohen Norden noch mancherlei Getreide.

Eine harte Natur, antwortete die junge Dame, bringt auch harte und kräftige Männer hervor, die so leicht nicht verweichlichen.

Erich lächelte sanftmüthig. Darauf hin, entgegnete er, möchte ich dennoch wünschen, daß auch die rauhen und unfruchtbaren Theile unseres Landes, die großen Sümpfe und die mit Kieseln und Muschelsand bedeckten Flächen die gütige Natur unseres schönen Tavastlandes annähmen.

Es ist also nicht überall so wie hier? fragte Serbinoff.

Nein, gewiß nicht, sagte Erich. Leider gibt es noch viele Einöden und Wildnisse, obwohl der größte Theil des Landes eines guten Anbaues fähig ist und es nur an Menschen fehlt, die den Segen ausbeuten möchten.

Vielleicht auch an einer Regierung, die es verstände, diese Schätze zu heben, fiel Arwed ein.

Auch daran allerdings, war Erich Randal's Antwort. Wenn die Regierung den Aufschwung des Ackerbaues kräftig unterstützte, wenn sie Ansiedler ermunterte, in den Städten die Industrie belebte, wenn sie für gute Einrichtungen, gute Straßen und Canäle sorgte, mittelst welcher die Systeme unserer Seen, wie die Natur sie schon geordnet, verbunden und geregelt würden, so könnte dies Land einen nie geahnten Aufschwung nehmen.

Aber dazu gehört viel Geld, Herr Randal, sagte Serbinoff.

Allerdings Geld, doch noch mehr Wohlwollen, Fürsorge und Weisheit, und diese haben leider zu sehr und zu lange uns gefehlt. Der Krieg hat Finnland immer wieder von Neuem entvölkert, zerstört, was mühsam kaum geschaffen ward, und während die Regierung immer größere Forderungen stellte, bemühte sie sich zu wenig, auch die Hilfsquellen des Landes zu vermehren, um seine Bewohner in den Stand zu setzen, in Zeiten der Noth den Staat zu unterstützen, ohne dabei selbst zu verarmen oder zu verkümmern.

Während dieses Gespräches waren sie über den Bergrücken fortgezogen, und jetzt öffnete sich der Wald und zeigte zu ihren Füßen das große unabsehbare Seebecken des Pajäne, eines der mächtigsten 110 unter allen finnischen Gewässern. Meerartig dehnte der See sich aus und kaum waren an der gegenüberliegenden Seite die hohen waldigen Gewinde zu erkennen, welche ihn umringten. Große und kleine Inseln, bald felsig und zackig, bald fruchtbar ausgebreitet und mit einzelnen Häusern und Hütten besetzt, unterbrachen die tief blaue schimmernde Fluth. Da und dort ließ sich ein Fischernachen sehen, doch nirgend ein Segel, nirgend ein Schiff und nirgend ein belebter Ort. Einsam zwischen den granitnen Mauern und Klippen wogte das bewegliche Element, das sonst so gern die Menschen anlockt.

Es ist allerdings so, sagte Erich auf eine Bemerkung seines Verwandten über diese Stille, kein Ort von einiger Bedeutung findet sich hier; denn nirgend wird Handel getrieben, der die Menschen vereinigt und zur gemeinsamen Thätigkeit antreibt. Der Pajäne ist über fünf und zwanzig Meilen lang und bis vier Meilen breit. Er ist mit reichen und fruchtbaren Thälern umgeben, welche sich gegen den See öffnen; unermeßliche Wälder bedecken diese Berge, und seine Wasser verbinden sich mit einer Reihe anderer großer Seen, bis sie endlich dem Kymenestrom zufließen, der jetzt unsere Grenze gegen Rußland bildet. Der Kymene führt diesen ganzen Wasserreichthum in fünf Armen ins Meer. Wäre der industrielle Sinn geweckt, so würde unser Holzhandel, welcher immer mehr abnimmt, mit Hilfe dieser flüssigen Straßen rasch zunehmen. Schiffe würden in diesen großen Becken erscheinen und die Getreidemassen hinunterführen. Diese gewaltigen Bergfesten würden das schönste Bauholz liefern, freilich aber müßten Canäle und Schleusenwerke gebaut werden; denn es fehlt uns nicht an Wasserfällen und Hindernissen, welche zunächst wegzuschaffen sind.

Sie scheinen mit allen diesen Verhältnissen sehr genau bekannt zu sein, sagte Serbinoff.

So viel ich es vermochte, erwiederte Erich, habe ich mich zu belehren gesucht.

Haben Sie niemals große Reisen gemacht, wie dies der finnische Adel gern thut? fragte das Fräulein.

Ich habe nur Finnland, mein nächstes Vaterland, bereist.

111 Und nirgend in der Welt ist es schöner! rief Louisa. Gottes Paradies kann nicht schöner sein, wie es am Pajäne ist.

Und wo ist es am Pajäne am schönsten? fragte Serbinoff.

An der Halljalabucht, antwortete sie, ohne sich zu bedenken. Sie werden mir Recht geben müssen, wenn Sie diese sehen.

Dann müssen wir eilen, sagte er, denn wer möchte nicht so schnell als möglich im Paradiese wohnen.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und mehrere Stunden lang währte dieser Lustritt an den Ufern des herrlichen Sees, der den lieblichsten Wechsel seiner malerischen Umgebungen und Fernsichten bot. Bald eilten die muthigen Rosse mit ihren frohen Reitern durch schöne Gründe und Thäler, bald durch lange Felsengassen, unter dem Gemurmel klarer Bäche oder unter dem Rauschen der Wasserfälle, die aus Bergspalten und Wald hervorbrachen; bald wieder ging es steile Hügel hinauf über ungeheure Blöcke und Steinmassen, die von Giganten übereinander gewälzt schienen. Der See verschwand zu Zeiten hinter Vorgebirgen und Klippen, dann trat er von neuem hervor und zeigte sich in überraschenden Verwandlungen. Hier verengte er sich und zeigte deutlich die weiten lachenden Auen der jenseitigen Ufer und dann wieder reichte sein Wasserspiegel bis an den sinkenden Horizont, der darin niedertauchte. Gleich den Fjorden des Nordens schickte er seine Arme tief in klippige Wände, welche ihn nackt und kühn umringten, doch nicht lange und die Reiter gelangten zu klaren, schönen Buchten, die von weit hängenden Birken und hohen Laubbäumen träumerisch eingeschlossen in tiefer Ruhe lagen.

Endlich lief der Weg durch eine mit dichtem Tannenwald bedeckte Halbinsel, und Otho bemerkte, daß dies der eigentliche Charakter des finnischen Landes sei. Hier freilich ist es Spaß und Spiel, sagte er, aber noch gibt es in dem gesegneten Finnland Pfade, welche oft viele Meilen lang durch undurchdringliche Wälder und Sümpfe laufen und nur von den leichten raschen Füßen unseres Volkes betreten werden können.

Da die Finnländer so rasche Füße besitzen, erwiederte Ebba spöttisch, so müssen es vortreffliche Tänzer sein.

112 Wir sind von unseren schwedischen Freunden mit vielen vortrefflichen Dingen beschenkt worden und haben nach ihrer Pfeife uns drehen gelernt, erwiederte er, allein zum Tanzen haben sie uns bei alledem nicht bringen können.

Merkwürdig genug ist es, fügte Erich Randal hinzu, daß ein dem Gesange und der Dichtkunst so ergebenes Volk wie die Finnen gar keine Neigung zum Tanz besitzt. Es gibt keinen Nationaltanz, keine Festlichkeit, wo junge Leute sich schwenken möchten.

Man sollte meinen, erwiederte Ebba, indem sie nach Otho blickte, daß es solchen jungen Leuten an Tact und Gefühl mangelt.

Oder sie fürchten sich vor dem Schwindel, versetzte er rasch.

Oder es ist Furcht vor der schwedischen Pfeife, sagte Serbinoff.

Sollen wir keinen Ball haben! rief der Seemann. Schöne Louisa, ich kann's nicht glauben, und was soll aus Ebba werden, der besten Tänzerin in Stockholm!

Wenn Sie den Freiherrn Wright besuchen, fiel Otho ein, werden Sie Ihre Sehnsucht zu Genüge stillen können, Cousine Ebba. Die jungen Offiziere aus Swartholm und Helsingfors besitzen so viel Tact und Gefühl, daß sie vom Abend bis zum Morgen damit ausreichen, und die russischen Herren aus den Grenzplätzen, welche man häufig dort antrifft, geben ihnen darin nichts nach.

Vielen Dank für diese frohe Nachricht, mein lieber Cousin, erwiederte sie. Ich verliere die Hoffnung nicht, daß die Bildung in Finnland Fortschritte macht.

Heh, Erich, rief der Kammerherr, du hast uns noch nichts von dem Freiherrn Wright erzählt. Wohnt er weit von dir?

Ziemlich weit, jenseits des Pajäne, in der Nähe von Heinola. Er ist ein entfernter Verwandter meiner Mutter.

Du stehst also in fortgesetzter Verbindung mit ihm?

So lange meine Mutter lebte, sagte Erich, war dies mehr der Fall als jetzt. Er besucht mich jedoch zuweilen, und da seine Tochter so eben in sein Haus zurückkehrte, konnte ich seine Einladung nicht ausschlagen.

Ohne Zweifel eine junge reizende Tochter? fragte Arwed lächelnd.

113 Eine Wittwe. Sie heirathete vor einigen Jahren einen Herrn Gurschin, welcher damals russischer Civilgouverneur in Willmanstrand war. Später hat sie mit ihm in Petersburg gelebt und jetzt ist er gestorben.

Ist sie Ihnen bekannt, Serbinoff? fragte der Kammerherr?

Dem Namen nach, erwiederte Alexei gleichgiltig.

Die russische Grenze ist, wie es scheint, nicht weit von dem Landsitze des Freiherrn?

Man kann in einem halben Tage bis an die schönen Wasserfälle des Kymene gelangen.

Commandirt der Freiherr nicht das Regiment Nyland Dragoner? fragte Lindström.

Der Oberst ist sein Bruder, sagte Erich. So bald es meinen lieben Gästen gefällig ist, wollen wir nach Liliendal fahren. Dort aber liegt mein stilles altes Haus vor uns und heißt Sie willkommen.

Die Waldhöhe öffnete sich vor ihnen und unten schimmerten See und Land weit aufgethan. Der Pajäne bildete hier einen seiner großen Wasserknoten; mit einer tiefen breiten Bucht drängte er sich in ein schönes von Bergen umringtes Thal. Vor den Reisenden aber lag auf dem Abhange ein alterthümliches Bauwerk, von einem hohen runden Thurme überragt. Nach einer Viertelstunde ritten sie durch das gewölbte Thor, über welchem das Wappen der Freiherrn Randal aus verwitterndem Stein hervorsah.

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