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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Fünfzehntes Kapitel.

Der Bach, welcher das kleine Thal von Lomnäs durchströmt, bildete eine Strecke aufwärts einen schönen Wasserfall. Weißleuchtende Birkengehänge bedeckten die Waldleisten und stiegen bis in den Grund des Thals hinab, der wie ein Blumenteppich anzusehen war, so herrlich schimmerte die üppige grüne Matte. Da, wo die Berge sich 712 zurückzogen und einen weiten Kessel bildeten, sprang der Wasserfall von einem Felsenhange herunter und half das liebliche Panorama vollenden. Über dem Sturz lag eine Brücke von Birkenstämmen und Birkengeflecht gemacht, und jenseit derselben, auf der Höhe zur Seite, stand eine Bank von Stein, mit Moos bedeckt und von tief hängenden Weiden beschattet. Hierher begleitete Major Munk oft seinen kranken Sohn, denn es war dessen Lieblingsplatz von früher Jugend an gewesen. Die Bank hatte er gebaut, die Weiden hatte er gepflanzt, und oft hatte er hier mit dem Mädchen gesessen, deren Andenken ihn nimmer verlassen wollte.

Auch heute, an dem schönen warmen Septembertage, war der Invalide mit Magnus hinaus gewandert, und wie er ihn freundlich auf der Bank neben sich sitzen, auf den Wasserfall schauen und in den blumigen Grund blicken sah, wurde sein Herz froher und leichter, denn aus jedem Lächeln seines armen Kindes keimten ihm Hoffnungen auf. Er sah in das blaße, abgezehrte Gesicht, mit der Selbsttäuschung eines Vaters, der jedes kleine, gute Zeichen glücklich zu deuten weiß. Die Augen des Knaben glänzten heut so lebhaft, seine Wangen hatten einen röthlichen Schimmer, sein Athmen war nicht so oft von Husten unterbrochen. Der alte Mann hatte seit längerer Zeit seine geliebte Pfeife nicht mehr angesteckt, weil der Rauch dem Kranken nicht gut that, heut jedoch blies er die blauen Wolken in die sonnige Luft, und sorgte dabei, daß sie Magnus nicht belästigten.

Wenn du so fortfährst, mein Kind, sagte er, wirst du bald wieder einmal bis auf die Korpilaxberge steigen können. Sieh doch, wie noch Alles blüht und duftet. Hab's von Vielen schon sagen hören, daß unsere Matten mit ihren zahllosen Blumen und deren balsamischen Duft ein Heilmittel für alle Krankheiten sind, wie man's in der ganzen Welt nicht wieder findet; so daß die Finnen nicht in die Bäder nach Süden zu reisen brauchen.

Wir werden nicht reisen, Vater, antwortete Magnus lächelnd.

Gott weiß es! rief der Invalide. Ich möchte das Land meiner Väter nicht verlassen, auch das alte Haus dort nicht und meine geringe Habe; doch wenn's so sein müßte, Magnus, wenn Finnland für 713 immer ein russisches Land würde, russische Voigte unsere Herren würden, wenn wir uns dem neuen Herrn zuschwören sollten –

Magnus legte seine kalte Hand auf seines Vaters Hände, welche ingrimmig den Krückstock faßten. Zürne nicht so sehr, sagte er sanft, wir müssen standhaft unser Leid tragen, wie so viele Tausende es thun.

Fort müssen wir, Magnus, fort! rief der Major. So alt ich bin, ein Greis, ein Krüppel, dennoch würde ich längst gelaufen sein, um meinem Könige in seiner Noth beizustehen, wenn nicht –

Wenn ich dich nicht hielte, fiel der Knabe ein, als der alte Soldat sich schweigend über seinen Stock beugte. Gott hat es so gewollt, Vater, laß uns nicht verzagen. Wenn ich gesund werde und wenn der Krieg ein Ende hat, kommen auch wieder gute Zeiten.

Gute Zeiten, wenn der Krieg ein Ende hat! murmelte der alte Mann. Hast nichts von den Nachrichten gehört, die gekommen sind. General Sandels ist umringt worden, hat sich durchschlagen müssen, waren Vier gegen Einen. Von allen Seiten wird er jetzt gehetzt, muß zurück aus Savolax, wieder gegen den Norden hin, und vom Meere her ist auch nichts zu erwarten.

Blut, nichts als Blut! sagte Magnus seine Hände faltend. Wie viel Grausamkeit und Elend, Vater, um ein armseliges Stück Land. Wenn Frieden geworden ist, wollen wir fleißig arbeiten und Gott wird uns Glück geben.

Möchtest du arbeiten und ein Russe sein?! fragte der Major grollend.

Können sie uns denn die Sonne nehmen, und diese Matten und die schönen Bäume? antwortet Magnus, sich an ihn schmiegend. Ich möchte nimmer von hier gehen, Vater, möchte Lomnäs niemals verlassen!

Weil du krank bist, sagte der Invalide. Sie haben dir das Herz in der Brust zerbrochen, aber es wird wieder heilen. Du hast gezeigt, daß du ein Finne bist, wirst es sein zu aller Zeit. Ein schwedischer Offizier, den sein König in Ehren hält.

Niemals will ich Anderes sein als ein Landmann! rief Magnus ängstlich. Niemals wieder meinen schlichten Rock mit einer glänzenden 714 Uniform vertauschen. Hier möchte ich leben und sterben, Vater; hier, wo ich jeden Baum kenne, wo ich alle Freude meines Lebens erlebt habe. Wohin ich sehe, sehe ich mich froh und glücklich in meinen Erinnerungen. Es gibt keinen Steg, kein Plätzchen, das mich nicht an alte schöne Zeiten erinnert, und diese Bank – o! wo in der großen, weiten Welt könnte ich sie wieder finden!

Der Invalide blickte den Knaben gramvoll an; seine Augen wurden naß. Sanft waren die Wangen des armen Kranken geröthet, und bittende Blicke begleiteten das seelenvolle Lächeln, welches sein Gesicht so weich und schön machte, daß es unmöglich war, ihm zu zürnen.

Lebe, mein Magnus, lebe und Gott mache dein Herz froh! sagte der greise Mann gerührt. Ich wollte, du wärst niemals von mir gegangen, ich hätte dich nie von mir gestoßen. Mit Heftigkeit hob er seinen Stock auf und stieß die Eisenspitze auf einen Stein, daß dieser zersprang. Die dich verrathen haben, dein junges Leben zerbrochen – o sie, die all dies Elend verschuldet, mag sie Elend dafür verfolgen!

Magnus drückte seine Hand ihm auf den Mund. Du sollst nicht anklagen, sollst nicht böse sein! bat er.

Denke nicht mehr an sie, murmelte der Major, träume nicht mehr von der alten Zeit.

Ich sollte nicht mehr an sie denken? erwiederte Magnus, sanft ihn anblickend, indem er ihn küßte. Wie wäre das möglich, Vater. Ich bin niemals allein hier, immer ist sie in meiner Nähe. Ich laufe mit ihr über die Berge, sie ruft mich, hinter den Büschen versteckt; ich höre ihre frohe, liebe Stimme durch das Rauschen des Wasserfalls; ich höre ihre leisen Schritte auf Moos und Geblätter. Überall kommt sie mir entgegen, dort auf der hohen Brücke steht sie und oh! was ist das dort an der Waldecke. Großer Gott! Vater, da ist sie!

Der Invalide hatte seufzend den Kopf in seine Hände gelegt, bei diesem Aufrufe seines Sohnes hob er ihn auf und blickte verwundert zu der Brücke und zu dem Wege empor, der über den Bau fort in eine Bergschlucht führte. Steil ansteigend bog die Straße um die felsige Wand, und eben trat dort ein Mann hervor, der eine Dame an seinem Arme führte. Es war ein Offizier von hoher Gestalt, die Dame klein, in einen Mantel gehüllt, ihr Gesicht von einer 715 Reisekappe umschlossen. Als Magnus laut aufschrie, wandten sich Beide nach ihm um und sahen von der Weghöhe hinunter auf die Bank am Wasserfall. Des alten Mannes Kopf wurde dunkelroth, seine Augen traten groß und starr hervor, er blickte auf seinen Sohn, der leichenblaß von der Bank aufgestanden war und zog ihn in seinen Arm, als wollte er ihn schützen. War es Traum, war es Wirklichkeit, aber dort standen sie Beide, von der Sonne beschienen, die keine Gespenster duldet. Er wild verbrannt mit bärtigem Gesicht, trotzig und ohne Furcht vor Gott und Menschen, sie mit bangen Blicken schaamvoll freudig zugleich, von Angst und Sehnsucht ergriffen, und als der Invalide wie versteint das Bild anstarrte, hob sie ihre Arme auf, und eine Stimme, die seine Eingeweide beben machte, drang in sein Ohr. Vater Munk! O, lieber alter Vater Munk! rief sie hinab, und – er wußte nicht, was er that – er ließ den Sohn los und streckte seine Hände nach ihr aus. Wo war sein Zorn, wo war sein Fluch gegen sie! Ein heißer Liebesstrom schlug über seinen alten Kopf zusammen und begrub alle Qualen und Sorgen darin. Mein Kind, schrie er auf. Meine Louisa! o! mein Kind!

Ich komme! antwortete sie, ich komme, Vater Munk! und es war der alte Jubelton. Da lag der Mantel am Boden, die Kappe flog von ihren Locken und von der jähen Böschung sprang sie so leicht herunter, als käme sie wie ehemals singend über die Berge, um am schönen Morgen zu sehen, was der alte Vater Munk getrieben.

Mit einem Freudenschrei warf sie sich in seine Arme und hing an seinem Halse mit ihren Küssen und ihren Thränen. Serbinoff warf Mantel und Kappe in den Halbwagen, der so eben aus dem Walde kommend die Brücke erreichte. Mehrere Reiter, welche Handpferde führten, begleiteten diesen Wagen, der auf des Obersten Befehl über die Brücke fort und dem Ausgange des Thals entgegenfuhr. Als dies geschehen war, näherte sich auch Serbinoff dem Major und seinem Sohne, und er lächelte, als er sah, wie Magnus Louisa's Hand zwischen seinen Händen hielt und wie leuchtend seine Augen auf ihr ruhten.

Du mußt mich nicht schelten, Vater Munk, hörte er Louisa sagen, und auch du nicht, Magnus, auch du nicht! Ich habe euch nicht 716 betrüben wollen, ich konnte nicht anders. Otho wußte, was in mir vorging, er würde mir nicht zürnen, wäre er hier. Ach! lieber Vater Munk sieh mich nicht so traurig an. Mein Bruder ist zu Gott gegangen, ich habe Niemand mehr auf Erden. Niemand als Alexei und dich und meinen Bruder Magnus. Sie legte ihren Kopf an die Brust des greisen Mannes, der finster darüber fort auf Serbinoff blickte.

Major Munk, sagte dieser, ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie mich willkommen heißen, aber ich bitte Sie, Louisa Schutz und Beistand zu geben. Wie theuer sie mir ist, darf ich Ihnen nicht versichern. So lange ich lebe, werde ich sie niemals verlassen.

Soll Louisa bei mir bleiben? fragte Munk verwundert.

Ja, auf kurze Zeit. Ich darf sie nicht länger den Gefahren und Mühseligkeiten Preis geben, die mich umringen, und weiß keinen bessern Zufluchtsort, als wenn ich sie Ihnen anvertraue.

Jetzt also, oh! murmelte der Invalide.

So lange wir am Kalavesasee uns vertheidigten, konnte ich Louisa beschützen, fuhr Serbinoff fort. Nun ist General Sandels geschlagen, seine Schaaren haben sich aufgelöst, versprengte Haufen irren umher und suchen sich zu retten, ehe sie umringt und vernichtet werden. Einige Stunden von hier in den Bergen lagert das Regiment des Generals Dolgorucki, oder der Theil davon, den ich befehlige. Ich muß alle diese Schlupfwinkel durchsuchen, unmöglich kann Louisa mich länger begleiten. Darum bitte ich Sie, verwahren Sie mir mein Kleinod, bis ich es zurückfordern kann. Was uns auch trennt, Major Munk, ich weiß Sie als Mann von Ehre zu schätzen.

Und in welchen Verhältnissen steht Louisa zu Ihnen? fragte Munk mit düsterer Stirn.

Sie sollten diese Frage jetzt nicht thun, erwiederte Serbinoff. Es scheint mir Ihrem Charakter mehr angemessen, bei der Lage, in welcher Louisa sich befindet, ihr beizustehen, ohne ein Inquisitor zu sein.

Der Major sah seinen Liebling streng und mit funkelnden Blicken an. Es war als mache er eine Entdeckung, die seinen Haß gegen den Verführer erhöhte. Und sie ist nicht Ihre Frau? schrie er. Sie haben nichts gethan, um Ihre Sünden gut zu machen?

717 Erschrocken bebte Louisa zurück und floh an Serbinoff s Brust. Laß mich bei dir bleiben, Alexei! rief sie angstvoll. Er verstößt mich, er verachtet mich. Nein, Vater Munk, ich bin nicht seine Frau; wie wäre das möglich! Aber er liebt mich und ich verlange nichts mehr. Er wird mich ewig lieben, ewig werde ich sein eigen sein.

Vater, sagte Magnus fast unhörbar, Louisa darf nicht von uns gehen, wir dürfen sie nicht verlassen.

Ewig sein Eigenthum! murmelte der greise Mann ingrimmig. Nicht seine Frau, nicht ehrlich vor der Welt. Wenn deine Mutter aufwachte, unseliges Kind, dein Bruder es sehen könnte!

O! Vater Munk, antwortete sie, vertrauungsvoll ihre Augen aufhebend, ich würde mich nicht fürchten. Ich würde sagen, ich liebe ihn, und sie würden mir vergeben.

Nein, nein! schrie Munk, sie würden verzweifeln. Heiliger Gott! steh' ihr bei, gib ihr Licht in ihrer Blindheit.

Weine nicht, Louisa, sagte Magnus, als er sah, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten; weine nicht, komm her zu mir. Ich bin dein Bruder Magnus und will es immer sein. Gib ihr deine Hand, Vater. Hast du nicht heut noch in deiner Bibel gelesen: Geh' nicht ins Gericht mit uns, mein hoher Herr! Gib ihr deine Hand, Vater! man soll nicht von dir sagen, du habest eine Flehende von deiner Thür gestoßen, als sie dich Vater nannte. Komm her, meine Schwester, komm, er liebt dich.

Er führte sie die wenigen Schritte bis vor den alten Mann und als sie niederkniete, dessen Hand küßte und leise bebend fragte: Soll ich von dir gehen, Vater Munk, ach! ich habe dir ja nichts Böses gethan, da brach dem Invaliden das Herz. Er hielt ihren Kopf in beiden Händen und unter seinen grauen Wimpern rollten Thränen hervor. Armes Nixchen! murmelte er, armes Nixchen! du sollst nicht von mir gehen. Schützen will ich dich und Gott der Herr mag sich über uns Alle erbarmen!

Seien Sie überzeugt, Major Munk, betheuerte Serbinoff, daß ich mit ewiger Dankbarkeit Ihnen vergelten werde. Weisen Sie diese nicht zurück, es können Zeiten kommen, wo ich Ihnen nützlich sein kann. Es geht mit Schweden für immer zu Ende in Finnland. Täuschen 718 Sie sich nicht darüber, in wenigen Monaten wird Alles vorbei sein, dann will ich meinen ganzen Einfluß geltend machen, Ihnen und Ihrem Sohn Dienste zu leisten, und will Ihnen Freund sein, selbst gegen Ihren Willen, so sehr ich dies sein kann.

Ich thue nichts für Sie, sagte der alte Soldat hart und stolz. Nur für Louisa geschieht es, dafür verlange ich keine Dankbarkeit.

Doch Alles, was Sie ihr thun, thun Sie mir, erwiederte Serbinoff lächelnd. Wachen Sie über dies theure Kind, schützen Sie es wie ein Vater. Bald bin ich wieder da. Geh mit deinen Freunden, Louisa, ich muß scheiden. In dem Wagen finden Sie eine Geldsumme, Major, wenn Louisa Geld nöthig hat. Ich werde mehr senden, keine Summe ist mir zu groß, an Nichts soll es ihr fehlen. Und jetzt lebe wohl, theure Louisa, sei standhaft. Liebe mich, bete für mich, ich sehe dich wieder.

Ich sehe dich wieder, Alexei! rief sie, beide Arme um ihn schlingend. Ich weiß es, daß ich dich wieder sehe! – Ihre Augen glänzten in Begeisterung, dann ließ sie ihn los und sah ihn freudig an. Er winkte mit der Hand zurück und sprang zur Brücke hinauf, wo die Reiter hielten. Gleich darauf saß er im Sattel und in der nächsten Minute war er hinter der Biegung der Felsen verschwunden.

Bis dies geschehen, stand Louisa regungslos, dann aber wandte sie sich zu den Beiden um und rief mit der Lieblichkeit alter Zeiten: Nun bin ich dein Kind, Vater Munk, nun laß uns nach Haus gehen, mein Bruder Magnus!

Sie gingen durch das Thal und Louisa reichte Magnus ihre Hand, wie sie es sonst immer gethan hatte, plauderte und fragte fast wie in jenen schönen Tagen, die aus trüben Nebeln immer heller wiederkehrten. Einige Male stand sie still und blickte zurück; ihre Augen hefteten sich dann auf die Felsen, hinter denen Serbinoff verschwunden war, aber sie sprach nicht von ihm, auch nichts von der Vergangenheit, nichts von Allem, was sie erlebt hatte – Niemand erinnerte sie daran; der Invalide sowohl wie sein Sohn übten die zarteste Schonung. Es war jedoch als wäre Magnus nicht mehr krank. Sein Gesicht hatte eine frischere Farbe, und er bemühte sich, kräftiger zu scheinen, oder es war die Aufregung seiner Seele, die den Körper 719 auf ihren Flügeln fortführte. Er sprach zu seiner Jugendfreundin mit so sanfter Stimme, als müsse jeder rauhe Laut sie betrüben, und unterdrückte gewaltsam sein Hüsteln, damit sie nicht sorgen und ihn bedauern möchte. So führte er sie zu manchen ihrer Lieblingsplätze und lächelte beglückt, als sie lebhafter seine Hand drückend ausrief: Es ist noch immer so herrlich bei dir, wie es war. Längst habe ich mich danach gesehnt. Ich bin gerne zu dir gekommen, lieber Magnus, und freue mich, daß ich dich gefunden habe.

O! das ist mir lieb, sagte er leise; lieb auch, daß das Wetter so gut ist.

Alle Tage wollen wir wandern, wie wir es sonst gethan, fuhr sie fort. Morgen wollen wir durch den Wald bis auf die Schlangensteine gehen, wo man über alle Thäler und über den Pajäne fort, bis nach Laukas sehen kann.

So weit kannst du nicht sehen, erwiederte er noch leiser, aber du kannst nach Halljala hinüber und in die große Seebucht nach Louisa schauen.

Bei der Erwähnung von Halljala verschwand die Freudigkeit aus ihrem Gesicht. Ich will nichts davon sehen, Magnus, es hat sich viel Trauriges dort zugetragen, sagte sie, wie von einer plötzlichen Angst ergriffen. Aber wir wollen uns nicht betrüben; laß uns froh sein, so viel wir es können.

Ich will Alles thun, was dir Freude macht, liebe Louisa.

Und ich will es dir danken, antwortete sie. Sieh, wie viele Blumen noch blühen. Weißt du wohl, wie oft wir lange Ketten daraus flochten, mit denen wir uns schmückten und uns umwanden.

Ich weiß es, Louisa, ich weiß es. Wirst du lange bei uns bleiben?

Lange? Oh, bis er kommt! Ich bleibe gern bei dir, lieber Magnus. Wie sonst wollen wir bei deinem Vater sitzen, und er soll uns Geschichten erzählen und ich will ihm alle meine Lieder singen, die er immer so gerne gehört hat.

Jeden schönen Tag begleite ich dich, flüsterte er.

Und wir fahren über den blauen Pajäne. Da ist er! O! da ist er! rief sie jubelnd, denn eben öffnete sich das Thal und vor ihnen lag der große strahlende Wasserspiegel. Heimweh schien sie zu ergreifen, 720 sie starrte entzückt darauf hin, und streckte ihm die Arme entgegen; plötzlich küßte sie den alten Mann und weinte leise. Er legte seine rauhen Hände auf ihren Kopf und sagte tröstend: Sei ruhig, mein Kind, der Pajäne wird dir Frieden bringen.

Weißt du, Vater Munk, was ich damals sang, als Erich Randal uns seine Gäste brachte? Oh! wo sind sie alle. Frieden und Glück wohnten am Pajäne, ach! und nun – und nun – nun kehre ich allein zu ihm zurück!

Seufzend blickte Munk ihr nach, wie sie hastig vorauseilte, bis an das Ufer des Sees, und dort von einem der Felsblöcke über die weit ruhenden Wasser fort schaute. Auf seinen Sohn gestützt folgte er ihr, der sanft lächelnd seine Augen auf sie richtete.

Du hast dich sehr erhitzt und aufgeregt, sagte der greise Mann.

Ich fühle mich wohl, Vater.

Bist freudenvoll über diesen Besuch. Wird's so bleiben, Magnus?

O, gewiß! rief er mit glänzenden Blicken. Ich will für sie sorgen. Jeden Kummer will ich von ihr entfernen. Durch allen Trost, alle Liebe, Vater, die wir geben können, müssen wir sie abhalten, sich trüben Gedanken zu überlassen.

Unglückliches Kind! murmelte der alte Mann.

Ich bin nicht unglücklich; nein, ich bin glücklich, wenn ich sie froh sehe, fiel der Knabe ein, und auch du wirst beglückt sein. Du wirst nicht mehr einsam grollen und murren, dein Herz wird bei ihrem Geplauder aufgehen.

Und was soll daraus werden. Dieser Serbinoff; verflucht sei sein Name!

Sprich ihn nicht aus, bat Magnus. Laß sie niemals hören, was du von ihm denkst.

Verachtest, hassest du ihn denn nicht? fragte der Invalide ingrimmig.

Nein, sagte Magnus. Ihre Seele hängt an ihm, fester wie diese Felsen an ihrem Granitgrund. Ich hasse ihn nicht, Vater; mag er glücklich sein, damit sie glücklich ist.

Nun denn, so erbarme sich Gott über uns Alle! rief der Major voller Rührung, indem er seinen Sohn umarmte. Laß uns thun nach seinem Willen, er allein weiß, was gut ist!

721 Vor dem Hause hielt der Wagen, der Serbinoff gehörte, auf welchem sich mehrere Mantelsäcke und Kisten befanden. Die Hausleute, Frau Ulla an der Spitze, hatten sich darum versammelt und Alle liefen dem wieder gefundenen Fräulein entgegen und bewillkommneten Louisa mit herzlichen Worten und freudigen Ausrufungen. Als sie aber dann allein in der Küche waren, gab es viel geheimes Gezischel und Kopfschütteln. Frau Ulla sah sehr ernsthaft aus und sagte der hübschen Fulla, Jem's Geliebte, ins Ohr: Eine Schande bleibt es doch, und wenn ich der Major wäre, ich hätte sie nimmer mehr ins Haus genommen.

O, das arme kleine Fräulein, antwortete die mitleidige Magd. Sie lacht zwar und thut freundlich, aber wie sonst sieht das liebe Gesichtchen doch nicht aus, und ihre Augen haben tiefe Ringe und es liegt etwas im Grunde, das Einem bis ins Herz geht.

Wo ist sie denn so lange gewesen? flüsterte die Haushälterin. Bei ihrem russischen Liebhaber, der hat sie nun hier abgesetzt. Und was kann noch Alles kommen? Wer weiß, was wir noch erleben!

Fulla blickte sie fragend an. Die Haushälterin nickte und verzerrte ihren Mund. Es könnte wohl einmal in Lomnäs Kindtaufskuchen zu backen sein, sagte sie triumphirend.

Was? schrie Fulla. Es ist lästerlich gesagt, Frau Ulla. Aber wenn's auch so wäre, setzte sie nachdenkend hinzu, ich wollte doch immer gern für sie schaffen, was ich könnt'.

Die Haushälterin machte ein böses Gesicht und stand auf. Das schickt sich für Eine, die nahe daran war, Kirchenbuße zu thun, antwortete sie, wie es ganz Halljala weiß, weil ein Mann aus ihrem Kammerfenster sprang, der dich obendrein hat sitzen lassen.

Nun schweig stille! schrie Fulla. Er hat mich nicht sitzen lassen und wird's nimmermehr. Jem wird kommen und all dein giftig Gerede wird zu Schanden werden.

Darauf warte nur, sagte Ulla. Es ist keine Ehrbarkeit mehr im Lande. Der hochwürdige Propst Ridderstern, der nun Bischof in Helsingfors geworden ist, hat's vorher gesagt, daß sie Alle in ihren Sünden umkommen würden.

722 Es vergingen einige Tage, in denen sich Magnus sowohl, wie der Major bemühten, alle ihre Zusagen zu erfüllen und mit liebevoller Aufmerksamkeit um ihren Gast beschäftigt waren. Früh schon ging Magnus mit ihr in das Thal hinaus und erfüllte seine Versprechungen, denn er begleitete sie, wohin sie es wünschte. Er stieg mit ihr sogar bis zu den Schlangensteinen hinauf, weit aus dem Walde hervorragende Klippen, obwohl es ihm sehr schwer wurde, aber er überwand die Mattigkeit, die seinen Körper plagte, und schien heiter, um seine Gefährtin heiter zu stimmen.

Lange stand diese auf der nackten Spitze und blickte über die waldige Kette fort, welche zu ihren Füßen nordwärts das Bett des Pajäne begleitete, der sich durch diese Berge drängt. Sie konnte bis in die großen Sümpfe schauen, wo einst Arwed mit seiner Schwester sich verirrte, und jenseits derselben lagen andere Berge und Wälder, durch welche die Straße nach Laukas führt. Ihre Augen suchten umher, doch kein lebendiges Wesen war zu entdecken; einige Male glaubte sie ferne Reiter zu erblicken, allein es war Täuschung, und endlich ließ sie sich von Magnus hinunter führen, als der Wind gar zu heftig wehte.

Eine eigenthümliche Traurigkeit überfiel sie zuweilen und mitten im freundlichen Sprechen hörte sie dann auf, senkte den Kopf und verlor sich in ihre Gedanken. Ihre Hände fielen in ihren Schooß, sie schien über etwas nachzusinnen, das ihr Qualen bereitete, welche in ihren ängstlichen Mienen und umherirrenden heißen Augen deutlich zu erkennen waren. Plötzlich sprang sie dann wohl auf, sah wild umher und schien entfliehen zu wollen; aber nach solchen Minuten, welche rasch vorüber gingen, kamen Stunden, in denen sie mit Freudigkeit, wie in alter Zeit, lachte und scherzte. Magnus wand Kränze mit ihr und diese brachten sie mit nach Haus und schmückten den Invaliden damit, der mit seiner Pfeife in dem Gärtchen sie erwartete oder ungeduldig ihnen entgegen kam. Am Abend nahm Louisa die Kandele und sang ihre Lieder, und in der Ferne an der Thür sammelte sich das Hausgesinde und hörte zu; oder sie fuhr mit Magnus in den See hinaus, und der greise Mann saß sinnend auf der Bank und hielt ein Ohr den Tönen entgegen, welche klagend hineindrangen und die 723 Liebe und Hoffnung, wie die dunkle Angst in der Tiefe seines Herzens vermehrten. Wenn Louisa aber wieder bei ihm stand, ihre Hände um seinen Nacken legte, ihn anschaute und ihm zuflüsterte: Vater Munk, liebst du mich auch wieder? dann kam diese Liebe mit magischer Gewalt über ihn und er nannte sie sein Nixchen, sein Töchterchen, seine Rose vom Pajäne, und schmeichelte ihr mit den zärtlichsten Namen. Und waren denn nicht Alle, die sie sahen, ihre Freunde? Hätte Einer ihr ein Leid thun mögen? Es wohnte nicht mehr die alte, schelmische Lust in ihr, nicht die elfenartige Kindlichkeit, aber der Zauber dieser Kindlichkeit war nicht von ihr gewichen; er umschwebte noch ihr Lächeln, er lag in den milden frommen Augen, in den weichen feinen Zügen, die der alte Mann niemals ohne Rührung betrachten konnte.

Drei Tage lebte sie bei ihm und während dieser Zeit hatten sie von Serbinoff nichts gehört, auch war kein anderer Besuch gekommen, kein Kriegslärm hatte den Frieden gestört; am vierten Tage aber brachte der Wind ein dumpfes Getöse mit, das zuweilen stärker wurde, zuweilen aufhörte. Ein Bauer, der vorüber kam, sagte aus, daß es in den Korpilaxbergen wild hergehen müsse. Die Russen seien hinter den Schweden und es sei gewiß, daß diese nicht davon kommen könnten, denn es wären ihrer zu viele Feinde.

Thut nichts! schrie der Invalide kriegslustig. Sie werden sich dennoch durchschlagen. Weißt du nicht, wer die Schweden anführt?

General Roth soll er heißen und soll ein grimmiger Kerl sein, berichtete der Mann, aber die Russen werden von einem Prinzen angeführt, der heißt Dolgorucki; das hat mir ein Finne gesagt, der ein Russe hat werden müssen. Und von Laukas her warten sie auf denselben, der dem guten Freiherrn von Randal sein Schloß verbrannt hat.

Hole ihn Satan dafür! schrie der Major.

Serbinoff kommt! rief Louisa freudig. Er wird leben und siegen!

Schweig! antwortete Munk, sie finster anblickend. Geh hinein, Mädchen, ich will's nicht hören. Darfst Blut und Geschlecht nicht verleugnen! Gott segne den General Roth, er gebe alle Feinde in seine Hände!

724 Mit diesem Wunsche ging er selbst in sein Haus, als aber nach einer Stunde das Schießen immer heftiger wurde und sich immer mehr zu nähern schien, gerieth er in große Besorgniß, denn Magnus trat erschrocken herein und theilte ihm mit, daß Louisa nirgends zu finden sei.

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