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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Während der Sommermonate wurde Erich Randal hergestellt, und was irgend dazu dienen konnte, geschah durch Halset's unverdrossene Bemühungen, ihm jeden möglichen Beistand und jede Pflege zu verschaffen. Am meisten aber trug gewiß dazu bei, daß er wenig oder nichts von der peinlichen Lage gewahrte, in welcher er sich befand, wenigstens erinnerte ihn nichts daran. Keine Bewachung beschränkte seine Freiheit, Niemand schien sich um ihn zu bekümmern und, zur Vermehrung seiner Zufriedenheit, war Halset selbst größtentheils nicht in Abo, also auch nicht bei seinem Gaste. Die Regierung und der Generalgouverneur benutzten seine Erfahrenheit zu vielen Geschäften der Verwaltung, zu Ankäufen von Vorräthen, Unterhandlungen mit Magistraten und Corporationen, zu Geldbeschaffungen und Errichtung einer Landbank in Borgo, die das ausführen sollte, was Serbinoff dem Freiherrn Erich schon in Halljala gesagt hatte.

Selten kam der Staatsrath während dieser Zeit zum Besuch und seine Geschäfte waren dann so dringend, daß er meist nur wenige 672 Stunden in seinem Hause verweilen konnte; aber diese Stunden wurden freundlich verlebt. Halset war voller Theilnahme, gesprächig und lebendig, und dabei ohne Anspielung auf seines Gastes Geschick. Er wies es von sich, als Erich einst ihn fragte, was Graf Buxthövden endlich mit ihm thun und was überhaupt aus ihm werden solle?

Eh! rief er, die runden blauen Augen voll Schelmerei, merke es, wird Ihnen die Zeit hier schon zu lang. Mary versteht es nicht, Sie an's Haus zu fesseln. Wäre eine schlimme Entdeckung. Eh!

Stärkere Fesseln kann es nicht geben, Herr Halset, erwiderte Erich, allein ich bin gesund und an Thätigkeit gewöhnt.

Glaub's nicht! fiel Halset ein, indem er lachend den Kopf schüttelte. Ist noch nichts mit der Gesundheit, aber es wird kommen. Bleiben Sie noch ein paar Wochen bei Mary, und wenn es Ihnen zu langweilig wird mit ihr in dem Gärtchen zu sitzen und auf den Aurajocki zu sehen, auf dem es jetzt freilich nichts zu sehen gibt, so steigen Sie hinauf auf die Berge, gehen Sie mit Mary spazieren, lassen Sie sich von ihr unser kleines Lust- und Landhaus zeigen. Es liegt manch schönes Plätzchen bis ans Meer hinaus, und es wird auch kommen, Freiherr Randal, daß wir wieder ins blaue Wasser fahren können und der Aurajocki sich mit vollen Booten und Kauffahrern füllt. Es hat Alles seine Zeit, Herr, das muß man bedenken.

Und die Zeiten ändern sich, Herr Halset. Die Alandinseln sind von den Schweden erobert, die Russen darauf gefangen genommen worden.

Die Zeiten ändern sich, Freiherr, es ist eine Redensart, die ihren Sinn hat, aber oft scheint es auch nur so, und wer klug ist, denkt nicht, es sei Sommerzeit, wenn die Sonne einmal im Januar hinter den Wolken hervorkommt. Wenn Sie mit Mary hinaus aufs Vorgebirge gehen, flattert wohl mehr als ein schwedischer Wimpel auf dem Wasser und von der Insel herüber. Was will das sagen, Herr? Die Bauern in Aland sind aufgestanden, ihre Priester an der Spitze, und auf allen Inseln haben sie es nachgemacht. Fort konnten die Russen nicht, weil's Eis brach, ehe sie es dachten. Mußten sich gefangen geben, mehr als Tausend zu Roß und zu Fuß, aber was kann's helfen! Statt der Tausend sind zwanzig Tausend aus Rußland 673 gekommen, und was hat der König in Stockholm gethan? Wo sind seine Heere? Was hat er zusammengebracht? Was wird er erreichen? – Nichts, Freiherr, gar nichts! obwohl tapfere Leute genug sich schlachten lassen. Die Zeiten werden sich ändern, Herr, will's zugeben, aber hört an wie. Nicht ein Jahr wird vergehen, so wird kein Schwede mehr in Finnland sein. Ist keine Hexerei das vorher zu sagen; denn nirgend ist eine Macht da, um zu erobern, was verloren ging, und endlich wird der beste Stab zerbrochen. Bald wird man's in Stockholm inne werden, nur der nicht, der von Gott gestraft ist, Alles verkehrt zu thun, und damit wird er nicht aufhören bis zum Letzten. Gebt Acht dann, was das Ende sein wird. So wird die Zeit sich ändern, Freiherr! Also gehen Sie spazieren mit Mary und warten es ruhig ab, bis Ihre Gesundheit fest ist, kein Fieber mehr im Kopf, alles klar, dann ist's auch Zeit thätig zu sein.

Nach einer Stunde reiste er wieder ab und Mary ging, ihres Vaters Gebot befolgend, mit Erich über den Bergzug, welcher den Aurajocki bis ans Meer begleitet. Während der Wochen, daß Beide in so naher täglicher Gemeinschaft lebten, hatte ihr gegenseitiges Verhältniß bei aller Innigkeit doch einen dunklen Hintergrund behalten, an welchem Keiner zu rütteln wagte. Ihre Blicke wiederholten oft genug das Bekenntniß ihrer Liebe, diese war in Allem, was sie sprachen, zu erkennen und doch war ein offener rückhaltloser Austausch ihrer Gedanken noch nicht erfolgt. Erich wagte nicht von der Zukunft zu sprechen und auch Mary schien wie ihr Vater zu glauben, daß dies so weit als möglich hinauszurücken sei. Wenn sich Gelegenheit geboten hätte, eine Erklärung herbeizuführen, wußte sie diese zu umgehen, und fast erschien es als ihre Aufgabe, den zum Nachdenken so geneigten Mann alle Gedanken an Vergangenheit und Zukunft vergessen zu machen. Die schweigsame düstere Jungfrau war lebhaft und fröhlich geworden, freilich nicht von jener leichtfertigen, unbefangenen, kindlichen Fröhlichkeit, die Louisa zu einer so lieblichen elfengleichen Erscheinung machte; aber ein glückliches Lächeln verschönte und erheiterte den Ernst auf ihrer hohen Stirn und in den dunkeln Augen glänzte ein sanftes Feuer, wie es nur Liebe zu entzünden vermag. Ihre Kenntnisse, ein reicher Schatz von Büchern, mehr aber 674 noch der Zauber, mit dem sie Alles, was sie that und sagte, zu beleben wußte, boten unzählige neue Anknüpfungspunkte für Erich's freudige Theilnahme. Wenn sie ihm vorlas, freute er sich an dem tiefen, reinen Klang ihrer Stimme, wenn sie ihm zulächelte, sah er in ein Meer von Licht, das aus ihren Augen sich über ihn ausgoß und er dachte dann an die selige Minute, wo er sich in ihren Armen unter ihren Küssen und Thränen gefunden hatte. An jedem Tage viele Male hätte er ihr sagen mögen, was sein Herz füllte, doch streng gegen sich selbst, die Verhältnisse bedenkend und was er dem Vertrauen schuldig sei, das Halset ihm erwiesen, endlich leidend unter den geheimen Qualen trauriger Vorstellungen, die ihn nur zu oft bestürmten, schlossen sich seine Lippen immer wieder und im Beherrschen der Gefühle, die niemals bei ihm den Charakter stürmischer Leidenschaft einnehmen konnten, erhielt sein Gesicht einen Ausdruck zärtlicher Sorgfalt und treuer Anhänglichkeit, einen Ausdruck schmerzlicher Freude, der ihn schweigen und verstummen ließ, wenn sein Herz ihn zum Herzen der Geliebten drängte. Beide suchten sich fortgesetzt zu sagen, was Beide wußten, und dennoch mieden sie jede Erklärung, weil sie sich davor fürchteten. Ihr Begegnen war immer in den Schranken der Höflichkeit geblieben und da Sam Halset nach finnischer Sitte viele Diener hielt, die stets in der Nähe waren, gab es selten Stunden, in denen das junge Paar sich allein befand. Erich suchte diese Stunden auch nicht, wie sehr er sich danach sehnen mochte, und bald fand er, daß Mary dies zu wünschen und zu wollen schien. Sie suchten sich und doch wollten sie sich meiden, sie sehnten sich nach dem Morgen, der ihnen erlaubte, am Frühstückstisch zusammen zu treffen und doch trennten sie sich ehe der Abend kam, weil es nicht länger glücken wollte, unbefangen froh zu sein.

Wo sich das Vorgebirge, das auf seinem Scheitel die Festung trägt, zum Meere niedersenkt, lagen viele kleine Häuser auf den Abhängen, von Gärten und kleinen Feldstücken umringt, meist von Fischern, Gärtnern und kleinen Leuten bewohnt. Manche reiche Einwohner der Stadt aber hatten sich dort auch Pavillons erbauen lassen, um die schönen Tage dort zu verweilen oder mit Freunden froh zu tafeln, und einer derselben gehörte Sam Halset. An eine Schlucht gelehnt, 675 stand er auf einem Vorsprung hart über dem Meere; ein Streckchen davon ab lag ein Wirthschaftshaus, das dazu gehörte und einer alten Dienerin übergeben war, deren Kuh und Ziegen am Berge weideten. Dorthin führte Mary ihren Freund und er folgte ihr gern, obwohl es ein ziemlich weiter Weg war. Der Tag schien so hell und klar, sie gingen durch Busch und Thal und als sie endlich auf der letzten Höhe standen, lag das Meer in voller Herrlichkeit vor ihnen.

Aus seiner tiefen Bläue hoben sich in der Ferne zahllose Inseln mit gelb und röthlich schimmernden hohen Ufern, Boote mit weißen Segeln schwammen auf dem Wasser und eben als sie darauf hinblickten, wurde in der Festung eine Kanone gelöst, deren Donner über die Wellen fuhr und von den Bergwänden zehnfach zurückprallte. Die alte Frau, welche einst Mary's Wärterin gewesen, lief jetzt herbei, mit vielen freudigen Worten und Klagen, daß sie so lange Zeit schon vergebens auf einen Besuch der gnädigen Herrschaft gewartet habe.

Es ging nicht an, sagte Mary wir hatten einen Kranken zu pflegen, doch nun ist er gesund und hier siehst du ihn, Margareth. Es ist der Freiherr Randal; du hast ihn früher schon gesehen.

Freilich habe ich ihn gesehen! rief die Frau. Ei, wie ist mir denn, ich habe auch davon gehört, daß bald eine Hochzeit sein soll und Gott behüt', mein Jüngferchen, das ist er wohl, der gnädige Herr Bräutigam!

Wer weiß, sagte Mary lächelnd.

Wer weiß? fragte Margareth mißtrauisch. Ist er es nicht? O! was hat Klas Gullick neulich erzählt. Ja, so war's. Sie hätten den Freiherrn Randal gefangen genommen und dem Russenkaiser sollte er sich zuschwören, oder sie wollten ihm das Leben absprechen.

Du bist eine Schwätzerin, Margareth! sagte Jungfrau Halset. Willst du Kaffee für uns kochen?

Gerne, gerne! Gleich soll's geschehen! Aber gesagt hat es Klas, und gefangen sitzen viele gute Männer dort oben in der Festung.

Sage uns lieber, was das Schießen bedeutet?

Das Schießen? O, das kann man jetzt alle Tage hören. Seht, da kommt er zwischen den Inseln heraus und dort ist noch einer. Zwei weiße Vögel; sie haben ihre Hauben auf den Köpfen und halten Wache hier vor dem Aurajocki. O, du meine Güte! wie war es 676 sonst, wo dort unter den Felsen vierzig, fünfzig solche schmucke, schlanke Schwäne schaukelten mit langen eisernen Schnäbeln und Krallen. Jetzt ist keiner mehr da, alle sind verbrannt, aber die Russen haben vor den beiden dort mehr Angst wie wir. Sobald die sich sehen lassen, schießen sie ihre Kanonen ab und alle Boote müssen an's Land fahren bei Leib und Leben, daß kein Finne mit ihnen sprechen soll. Und unten am Strande haben sie Wachen stehen, das geht meilenweit fort; sie sagen bis Hangö-Udd, aber ob es ihnen helfen thut? Es hilft ihnen doch nichts, liebster Schatz, denn es sind kecke Bursche, unsere Fischer, und den möchte ich sehen, der sie festhalten will.

Sie hatte den Pavillon aufgeschlossen, der nichts war, als ein Häuschen von einem Gemach, das nach dem Meere zu Fenster und Thür und einen Vorplatz hatte, der mit einem Geländer gegen den steilen Abhang der Schlucht versehen war. Dann eilte sie fort und ließ ihre Gäste allein, die, als sie auf jenem natürlichen Altan standen, deutlich sehen konnten, wie zwei lang und scharf gebaute Schiffe sich der Küste näherten und die Fischerbarken zu verfolgen schienen, welche vor ihnen flohen. Es waren ohne Zweifel zwei Kriegsfahrzeuge, die den königlichen Löwen von Schweden in ihrer Flagge führten, aber sie schienen nicht sonderlich gefährliche Absichten zu hegen. Kein Schuß wurde von ihnen gethan, sie jagten den armen Haufen kleiner Boote nur vor sich her, der sich unter die Kanonen einer Strandbatterie an der Mündung des Aurajocki flüchtete, und zogen dann, alle ihre großen Segel entfaltend, längs der Küste weiter, bis sie hinter Buchten und Vorsprüngen verschwanden.

Lange, bevor dies geschah, brachte Margareth den Kaffee und sogleich nahm sie den Faden ihrer Mittheilungen wieder auf. Da fahren sie hin, lachte sie, und es ist eine Lust zu sehen, wie sie alle Tage bis dicht unter die Schanzen kommen, und wie der rothe Löwe sich gar nichts aus all' dem Geschieße und Gelärme macht. Es sind auch manche junge Bursche schon nach den Inseln hinüber und manche andere thäten's gern, wenn sie nur fort könnten.

Davon wissen die Leute in der Stadt nichts, fuhr sie fort, aber hier draußen wird scharf aufgepaßt. Ehe man's denkt, sind die Kosaken da, und Mancher ist schon fortgeschleppt worden und soll 677 noch wieder kommen, von dem sie meinten, die alte Herrschaft sei ihm lieber wie die neue.

Es wird also so leicht Niemand sich damit einlassen, Einem zu helfen, der hinüber möchte.

Gewiß nicht, Liebchen, sagte Margarethe, bei Leibe nicht! Besonders jetzt, wo die Nächte hell sind, aber es sind verwegene Männer auf den Schiffen, und Verräther gibt's hier nicht, nein, die gibt's hier nicht! Na, ich wollt's Keinem rathen, der einen Flüchtling verrathen thäte, wie die zuweilen aus dem Lande kommen und sich übers Meer zu retten suchen. Aber jetzt muß ich meinen Ziegen nachlaufen, die in die Schlucht hinabgeklettert sind. Sitzt nur still hier, Liebchen, und wartet bis die Sonne herunter ist, dann kommt der Mond und leuchtet Euch nach Haus. Es ist nichts Schöneres auf der ganzen Welt, sagt Euer Vater, Liebchen, als das zu sehen, und der muß es wissen, der ist doch der Klügste in ganz Finnland.

Wollte Gott, daß die alte Frau Recht hätte, sagte Erich nach einem Weilchen, indem er Mary's Hand nahm.

Du zweifelst daran, antwortete sie, hat er es nicht bewiesen, als er dich in sein Haus führte und in meinen Schutz gab?

Möchte ich ewig von dir beschützt sein! rief er mit liebevoller Innigkeit. Ich lebe wie ein Narr des Glücks, theure Mary, wie Einer, der unermeßliche Schätze sein nennt und doch die Angst nicht los wird, daß Alles nur ein Traum sei. Wir müssen endlich von deinem Vater sprechen, von seiner Klugheit, von mir, Mary und von dir.

Warum sollten wir es thun? fragte sie. Warum wollen wir nicht von unserem Glücke und von unseren Hoffnungen leben, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Mein Vater ist ein kluger Mann, er rechnet scharf in seinen großen Büchern, und wir Beide stehen dort als Zahlen. Jeder Mensch ist ihm ein Capital, das nützlich angelegt werden muß, um Vortheile zu bringen, und jedes dieser lebendigen Capitale hat die Pflicht, eifrig zu streben, daß es wachse und gedeihe und eine Hauptsumme werde. Weiter hast du nichts von meinem Vater zu erwarten, weiter habe ich nichts zu erwarten.

Er liebt dich, sagte Erich.

678 Nicht mehr als dich, nicht mehr als jeden Anderen. Glaube nicht, daß eine Bitte ihn erweichen kann; glaube nicht, daß, wenn er sich freut, sein Herz bewegt und gerührt wird, oder wenn er zürnt, sein Blut sich empört.

Er ist hartgesotten in seiner Schale, flüsterte Erich leise vor sich hin.

Er kann nicht anders, erwiederte sie. Wie alle Menschen ihm Zahlen sind und Exempel, so ist er dies selbst zumeist. Er kann großmüthig sein, nachgiebig, aufopfernd, jede Beleidigung vergessen, jedem Feind helfen und ihn beschützen, wenn dies zu seiner Rechnung stimmt; doch eben so undankbar, eben so arglistig wird er den Vertrauenden vernichten, den Freund verderben, den Bittenden jedem Elend überliefern, wenn dies zum richtigen Facit nöthig ist.

Du hoffst weniger von ihm, als ich, antwortete Erich, dennoch aber –

Täusche dich nicht, fiel sie ein. Er hat dir seine Hand noch einmal geboten, und in dieser Hand liegt meine Hand – dafür hat er eine lange wohlgeprüfte Rechnung.

O, wie gern möchte ich seine Rechnung dankbar unterschreiben, geliebte Mary! rief Erich.

Und doch thatest du es nicht, stolzer, kalter Mann, erwiederte sie, ihre Arme um ihn schlingend. Als dein Vater todt war, bot Sam Halset dir seine Hilfe und bot dir seine Tochter. Ein Sterbender galt dir mehr, als ich und deine Liebe. Antworte nicht, ich weiß, was du sagen willst. Deinen Abscheu vor meinem Vater mußte sein Kind entgelten. Du rissest mich aus deiner Brust und setztest eine Ungeliebte hinein. Solchen Frevel rächt Gott, Erich Randal, er hat dich gefunden. Was hat sich geändert zwischen sonst und jetzt? Du liebst mich, du hast es vor aller Welt gestanden. Mein Vater rechnet weiter mit dieser neuen Zahl. Jetzt hat er dich und mich. Er weiß, daß ich tausendmal für dich sterben könnte.

Lebe für mich, meine Mary! sagte Erich. Gottes Segen über dich! O, daß dein Glaube dich nie verlassen möge!

Werde ich für dich leben können? fragte sie, indem sie ihn betrachtete. Unglück über uns, Erich! die Stunde wird kommen, wo 679 mein Vater sagen wird: Hier ist meine Mary, nimm sie hin, aber höre an, wofür ich sie verkaufe.

Ein schmerzliches Lächeln zuckte um Erich's Lippen, sein Gesicht wurde bleich, er versuchte mit Anstrengung seine Unruhe zu bezwingen. Er kann nichts fordern, was mich entwürdigen müßte, begann er leise, und weil er klug zu rechnen versteht, weil er weiß, was in Halljala vorging, so wird er hören, wenn ich ihm sage –

Halt ein! rief Mary sich aufrichtend, sprich es nicht aus. Du hast Zeit, was du sagen willst, zu bedenken. Gott steh uns bei, Erich! aber Eines wisse: Ich bin nicht Ebba Bungen, die dich verlassen kann, denn ich liebe dich! Was auch geschehen mag, ich liebe dich! Und eher sollen Gottes Blitze mich zerschmettern, eher will ich von dieser Klippe in den Abgrund springen, ehe ein anderer Mann mich berühren soll.

Das nenne ich herzhaft geschworen! rief eine Stimme hinter ihnen und mitten in der Thür des Pavillons stand ein Mann, der über die Bestürzung des überraschten Paares laut lachte. Er trug weite grobe Leinenhosen, die in hohen Fischerstiefeln endeten, eine blaue Jacke und um den Hals ein lose geschleiftes buntes Baumwollentuch. Auf seinem Kopf saß eine Kappe von Wachstaffet, welche tief in sein Gesicht gezogen war, das er obenein in seinen Händen verbarg.

Trotz dieser Vermummung erkannte ihn Erich sogleich. Gustav! rief er erleichtert von seiner Entdeckung. Ist es möglich!

Daß ich es bin? antwortete der Seemann. Auf mein Wort! ich glaube es selbst. Im Übrigen ist es auch gewiß am Besten, daß nicht etwa Herr Sam Halset oder ein gewisser Kammerherr in der Nähe war, der, wenn ich ihn hätte, Bekanntschaft mit der Nocke meiner großen Raa machen sollte, so wahr er mein leibhafter Vetter ist.

Aber wie kommst du hierher? fragte Erich.

Ich soll dir eigentlich diese Frage zurückgeben, versetzte Lindström, allein ich will dir dennoch sogleich antworten. Wir haben trotz aller Strenge, mit welcher die Russen Finnland absperren, so daß die Luft selbst von den Kosaken durchsucht wird, dennoch erfahren, daß der Baron von Halljala wie ein tapferer Mann sich in seinem Schlosse vertheidigte, bis er gefangen wurde. Die Fischer an der Küste erzählen davon, daß die Russen ihn neulich nach Abo gebracht haben und ihn 680 richten lassen wollen, und als ich jetzt eben bei einem alten Bekannten dort unten in der Schlucht saß, um die Nacht abzuwarten, kam ein geschwätziges altes Weib herein und erzählte uns, daß ihre junge Herrschaft bei ihr anlangte und einen Bräutigam mitgebracht habe, der kein Anderer sei, als Herr Erich Randal. Da schien es mir denn am Besten, selbst hinauf zu klettern, und so kam ich gerade zur rechten Zeit, um zu hören und zu sehen, daß das alte Weib nicht gelogen hat.

Aber jedenfalls setzest du dich großer Gefahr aus.

Nicht mehr, als es mein Beruf mit sich bringt, lachte der Seemann. In meiner abgeschabten Jacke und wie ich sonst aussehe, ist nicht viel zu besorgen; überdies haben wir manchen guten Versteck, den so leicht kein Russe ausmittelt, und endlich – hier schlug er seine Jacke auf und deutete auf Pistolen und Dolchmesser, die er darunter verbarg – besitze ich hier einige wirksame Mittel, um in meine Hängematte zu kommen.

Auf den Schiffen, die in der Nähe sind?

Auf der Kanonenschaluppe, die dort eben um die Spitze steuert. Ich bin ihr Commandant, denn glücklicher Weise entkam ich der Gefangenschaft in Sweaborg. Nie ist ein so schändlicher Verrath begangen worden, und daß es ein Admiral sein mußte, ist eine besondere Schande für uns, denn bisher ist wenigstens noch niemals ein schwedischer Seemann zum Verräther an Vaterland und Ehre geworden. Wir werden's abwaschen, Erich. Es gibt Keinen, der's nicht geschworen hat, und dankbar bin ich dem alten Cronstedt wenigstens dafür, daß er mich zur rechten Zeit noch nach Abo schickte. Ich habe die Schiffe hier verbrennen helfen, bin dann auf die Inseln und über das Eis nach Schweden geflohen und halte nun Wache vor dem Aurajocki, bis es Besseres zu thun gibt.

Wird es Besseres zu thun geben?

Die Mienen des jungen Offiziers verdüsterten sich. Verdammt mögen die sein, die uns wie eine Heerde Schaafe bald hierher, bald dorthin hetzen und uns unnütz bluten lassen! sagte er zürnend. Was hat es geholfen, daß sechs solcher Angriffe gemacht werden? Überall wurden sie zurückgeschlagen, denn was wollen 681 schwache Haufen gegen einen starken Feind, der wahrlich kein feiger ist. Aber jetzt, fuhr er lebhaft fort, indem sein Gesicht sich erheiterte, jetzt kommt der König selbst, endlich kommt er und bringt die längst versprochenen Garden mit. Wir wissen es ganz gewiß. Zwei Escadern sind zusammengezogen, Admiral Helmstjerna führt die Flotte und die Russen rüsten in Sweaborg. Das ist unsere letzte Hoffnung, Erich; schlägt die fehl, so ist's vorbei. Ich glaube selbst, es bleibt dann wenig mehr übrig, als den Tod zu suchen.

Du hast ein langes Leben noch vor dir, erwiederte Erich.

Was ist ein langes Leben werth, wenn es kein ruhmvolles Leben ist! rief der Seemann, indem er sein jugendliches Gesicht stolz und feurig aufhob. Der Abendschein erhöhte den Ausdruck der Kraft und Jugendlust darin. Für mein Vaterland zu sterben, für seine gerechte Sache gegen Barbarei und Knechtschaft bin ich jeden Augenblick bereit, aber Gott behüte mich davor, daß ich den Russen lebendig in die Hände falle. Nur kein Gefangener sein! Jedem Gefangenen, jedem Flüchtling will ich gerne helfen und darum bin ich hergekommen, Erich. Du gehst mit mir; sobald es dunkel ist, bist du frei.

Ich kann dich nicht begleiten, sagte Erich, ihm die Hand drückend.

Du kannst mich nicht begleiten? Sagen Sie es ihm, Jungfrau Mary. Befehlen Sie es ihm.

Befehlen darf ich ihm nichts, erwiderte Mary, aber er mag bedenken, was kommen wird. Erich, ich sehe keinen Rettungsweg für uns. Beschütze dich vor Gewalt. Ich will nicht eher von hier gehen, bis ich dich in Sicherheit weiß.

Ich werde dich nicht verlassen, antwortete er in seiner sanften, festen Weise.

Hätte ich nur zwei von den achtzig Männern, die dort auf der Schaluppe schwimmen! rief Lindström, ich wollte dich nicht länger bitten. Sieht dein Verstand denn nicht ein, wie das Stück hier enden muß? Erzählen die armen Leute in ihren Hütten sich etwa umsonst, was dem Baron von Halljala geschehen soll, der hundert Russen verbrannt und todtgeschlagen hat? Höre was der Mund zu dir spricht, der dich liebt. Sam Halset hat eine hübsche Fliegenfalle für dich aufgestellt, nächstens wird er sie zuschlagen, ich sehe es deutlich kommen. 682 Er wird dich fragen, ob du ein Russe werden willst, wird dir dafür die weiße Hand bieten, die du jetzt fest hältst, wo nicht so – O! schlag der Blitz in den alten Sam! zerreiß sein Gewebe. Die dich liebt, will es selbst so haben, ihren Schwur wird sie halten. Vorwärts! in einer halben Stunde fällt die Sonne ins Meer.

Ich darf nicht gehen, sagte Erich, du würdest es auch nicht thun.

Du darfst nicht? Nichts sollte mich abhalten! Warum darfst du nicht?

Weil ich mit meiner Ehre mich verbürgte. Weil Halset gelobt hat, mit Gut und Blut für mich zu haften, weil er mir vertraute und, gleichviel warum, mich beschützt und beglückt hat.

Es ist falsch! rief Lindström. Wie der Satan hat er dich versucht.

So mag der Versucher zu Schanden werden.

Nieder mit ihm! Befreie dich von ihm und all dem Teufelszeug.

Würdest du denn, um welchen Preis es sei, von deiner Ehre abfallen? fragte Erich Randal. Würdest du die Geliebte verlassen, auf ihr Haupt alle Wuth und alle Rache beschwören? Das würdest du nicht thun, Gustav Lindström, so wenig ich es thun werde. Und warum soll ich fliehen, warum nicht abwarten, was mir geschieht. Noch hat Halset nicht zu mir gesprochen, noch weiß ich nicht, was ich zu fürchten habe. Aber wenn auch das Schlimmste mich betrifft, wenn er mich meinem Schicksale überläßt, so ist dies doch noch nicht ganz hoffnungslos. Ich werde vor Richtern mich vertheidigen können. Ich werde beweisen, daß ich gezwungen wurde, mein Leben zu vertheidigen, daß ich ein friedlicher Mann bin, der jeder Nothwendigkeit sich willig unterwirft.

Das Gesicht des jungen Mannes verdüsterte sich. So geh' und sieh zu, sagte er rauh, wohin du mit deiner Bereitwilligkeit kommst. Was ist das für ein Zwitterding von Mann, nicht Russe nicht Schwede, nicht Fisch nicht Fleisch. Leb' wohl denn! Werde, wenn du es kannst, ein guter Unterthan!

Ein Mann, lieber Gustav, will ich sein und bleiben, der sich bestrebt, ohne Furcht das zu thun, was er für das Rechte und Gute hält, sagte Erich sanftmüthig.

683 Der Seemann wandte sich trotzig um, aber an der Thüre blieb er stehen. O, zum Teufel! rief er, mein Kopf ist heiß, er kann's nicht fassen, und doch weiß ich, daß du Muth hast, mehr als ich, und es ist etwas in mir, das dich bewundert. Wie es kommen kann, weiß ich nicht, aber wenn du mich brauchen solltest, so liegt hier unten ein Haus, darin wohnt Klas Gullik, ein Fischer und Lootse. An den wende dich, so wirst du mehr hören.

Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er fort und nach wenigen Augenblicken verschwand er hinter den Steinblöcken in der Schlucht. Die rothe Sonnenkugel schwebte auf dem Meeresspiegel und dieser färbte sich davon feurig roth. Aus dem abendrothen Duft stiegen die Klippen und Inseln auf und über ihnen hing ein lichtvoller fleckenloser Himmel in wunderbarer Klarheit und Ruhe. Erich blickte zu ihm auf, sein Gesicht war voll Frieden und voll jener unwiderstehlichen Kraft der Überzeugung, die alle Zweifel überwindet. Sanft lächelnd blickte er Mary an. Aus seinen dunklen Augen brach ein Strom heißer Liebe und göttlicher Macht. Zitternd im tiefempfundenen Glück stand sie vor ihm und ohne Worte sagte ihm ihr Anblick, was sie gelobte und empfand.

Dann stieg der Mond über die Berge empor, und freudig vertrauend mit dem Muthe der Gewißheit, der alles Bangen überwunden hat, kehrten sie zurück. Als sie den Weg erreichten, der in das Thal hinabläuft und die Stadt zu ihren Füßen lag, theils in halb durchsichtige Nacht gehüllt, theils von glänzenden Lichtstreifen durchschnitten, rollte ein Wagen an ihnen hin, aus welchem plötzlich ein lautes Halt! gerufen wurde. Es war eine leichte Reisekalesche, und eine Dame beugte sich daraus hervor, deren muthwillig frohe Stimme Erich's Namen nannte.

Er ist es wirklich! fügte sie hinzu. Unser unglücklicher Philosoph! Und mit welchem Zögling der Natur macht er seine belehrenden Mondscheinpromenaden?

Constanze Gurschin! sagte Erich.

Dachte ich es doch, daß es so kommen müßte, fuhr die schöne Frau fort. Unser gelehrter Vetter kehrt zu seinen Jugendstudien zurück, welche immer für uns eine bleibende Anziehungskraft haben. Dies 684 bezeugt Ihren bildungsfähigen Geschmack, Herr Philosoph; nehmen Sie also meine heitersten Glückwünsche.

Das ist ein unerwartetes Zusammentreffen, liebe Constanze.

Nicht ganz so wie es aussieht, erwiderte sie, denn eigentlich bin ich nach Abo in der Absicht gekommen, Sie zu sehen und Ihnen beizustehen, wenn es nöthig sein sollte.

So dankbar ich auch dafür bin, sagte er, hätte ich doch nicht geglaubt, Ihren Antheil in solchem Grade zu besitzen.

Nein, mein sehr aufrichtiger Vetter, lachte Constanze Gurschin, ich will mich auch nicht mit falschen Federn schmücken. In einigen Tagen wird in Abo eine Versammlung des finnländischen Adels stattfinden und, im Fall Sie dies noch nicht wissen sollten, füge ich hinzu, daß dem Kaiser von ihm der Eid der Treue geleistet werden soll. Mein Vater, mein Onkel und eine beträchtliche Zahl der Landbarone kommen; es werden Feste gefeiert werden und Graf Buxthövden ist ein so liebenswürdiger Festgeber, daß er gewiß Außerordentliches darin leistet. Das ist der eigentliche Zweck meines Kommens, Cousin Erich. Nebengründe sollen Sie bald erfahren. Aber ich bin müde. Es ist entsetzlich, so lange auf diesen elenden Felsenstraßen zu fahren, wo man unmöglich in einem bequemen Wagen fortkommen kann. Auf Wiedersehen also!

Auf Wiedersehen, Cousine Constanze!

Halt! noch etwas für die Fräulein Halset. Ich habe Ihren Vater heute gesehen, er wird morgen wieder bei Ihnen sein.

Ich danke Ihnen, gnädige Frau, erwiederte Mary.

Benutzen Sie die Zeit, ihm einen freudigen Empfang zu bereiten. Schade, daß Erich keine Uniform hat. Wir lieben die Uniformen in Rußland; ein uniformirter Mensch ist erst ein eigentlicher Mensch; die wahre Menschheit beginnt mit ihm. Wir wollen sehen, was sich thun läßt, um ihn auf den Festen glänzen zu lassen. Der Staatsrath Halset im goldgestickten Rock, seinen Orden um den Hals, sieht bewunderungswürdig angenehm aus.

Ihr Spott ließ sich deutlich genug erkennen. Lachend fuhr sie fort zu sprechen. Sobald ich kann, komme ich zu Ihnen, bestes Fräulein Halset; wir müssen uns näher befreunden! Ich bin noch immer betrübt, daß meine süße Louisa mich verlassen hat.

685 Wo ist Louisa? fragte Erich.

Der Schmetterling! rief Frau von Gurschin. Er ist davon geflogen, mitten in den wilden Kriegslärm hinein! Ich schwöre es! ganz gegen meinen Willen. Aber wer kann der Leidenschaft widerstehen, die alle Gefahren verachtet.

Wo ist das unglückliche Kind?

Dürfen Sie in den Armen der Liebe so jämmerlich darüber schreien, Cousin Erich. Würden Sie die Geliebte verlassen, würden Sie nicht Alles für das Glück opfern bei ihr zu sein? Sie antworten nicht, aber wer nicht sich selbst und Alles, was er besitzt, seiner Liebe opfern kann, der liebt nicht. Louisa ist der höchsten Opfer fähig! Serbinoff ist ihr Gott, Welt, Seligkeit und Himmel. Sie hat ihn begleitet, als er mit einer Brigade nach Savolax, zog, um den wilden Sandels zu jagen. Seitdem habe ich einen Brief von ihr aus Kuopio erhalten, wo Serbinoff sich befestigt hatte, um den General Barkley de Tolly zu erwarten. Es muß äußerst romantisch sein, mitten unter Kugeln und Mordgeschrei an des Geliebten Herz zu liegen. Aber ich versichere Sie, Louisa ist glücklich. Sie hat nicht einmal Sorge um Serbinoff, denn sie ist überzeugt, daß alle Kugeln von ihm abprallen.

Erich murmelte einen Namen, den Constanze verstand. O, lachte sie, das wird allerdings eine äußerst pikante Episode in diesem Roman werden. Der geistreiche Kammerherr und Gouverneur von Tavasteland hat, wie mir Serbinoff schreibt, schon einen Versuch gemacht, ihn mit seiner Schwester im Feldlager zu überraschen. Serbinoff hat dies abzuwenden gewußt, es wird aber dennoch geschehen und dabei kann es zu ergötzlichen Scenen und Bekenntnissen kommen. Doch nun gute Nacht, Cousin Erich! Gute Nacht, schöne Jungfrau Mary! Träumt Beide von eurem Glück. Solche Träume sind oft weit herrlicher, als alle Wirklichkeit. 686

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