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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Gegen Ende des Monats Mai fuhr ein Wagen, der von Kosaken begleitet war, von Tavastehuus nach Abo. Erich Randal, welcher seither als Gefangener in dem alten Schlosse bewacht wurde, sollte auf Befehl des russischen Obergenerals in die Hauptstadt geführt werden. Er hatte an seinen Wunden lange niedergelegen, denn in Folge seiner Fortschaffung von Halljala bei strenger Kälte und im Wundfieber, war er als ein Sterbender in Tavastehuus angelangt, allein diejenigen, welche auf sein Ende hofften und dies herbeizuführen dachten, wurden 644 dennoch getäuscht. Erich erholte sich und genas auch bei geringer Pflege, wenn gleich langsam; jetzt jedoch war er so weit hergestellt, daß der Befehl des Grafen Buxthövden ihm keinen Schaden mehr zufügen konnte. Danach würde freilich nicht gefragt worden sein. Der General wollte ihn haben, das Kriegsgericht erwartete ihn, und obenein war es nicht unmöglich, daß eine Befreiung in Tavastehuus stattfinden konnte, denn nach langem Zögern hatte das schwedische Heer nach dem Siege bei Revolax sich vorwärts bewegt, und Oberst Sandels war mit seiner Schützenbrigade mitten durch Finnland bis nach Savolax vorgedrungen. Streifende Haufen sollten schon am Saimasee und am oberen Pajäne sich sehen lassen und Gerüchte drangen selbst durch die dicken Thürme des Tavastehuusschlosses, daß in verschiedenen Gefechten die Russen geschlagen waren. Die Besatzung von Tavastehuus wurde daher verstärkt und schickte nach allen Seiten Vorposten aus. Den Russen war nicht wohl zu Muthe; sie wußten, daß das Landvolk aufstehen würde, sobald sich Schweden blicken ließen. Nur der gänzliche Mangel an Waffen und an Leitung hielt die Bauern davon ab, aber es war bekannt genug, daß im innern Lande Bauernhaufen sich zusammenrotteten und General Buxthövden hatte so eben eine Proclamation erlassen, welche ganz anders lautete als jene erste. Bei Todesstrafe wurde die Auslieferung jeder Waffe anbefohlen, jede Widersetzlichkeit mit Tod bedroht und wenn der Verbrecher nicht erreicht werden konnte, sollte seine Familie an seiner Stelle erschossen werden.

Der russische Obergeneral hielt es daher für gewagt, den gefangenen Freiherrn länger an einem so unsichern Ort zu lassen, und befahl seine Versetzung, aber er hatte hinzugefügt, daß der Gefangene mild behandelt und ihm jede Erleichterung gestattet werden solle. Milde Behandlung hatte Erich schon seit längerer Zeit erfahren und er war nicht zweifelhaft, wem er diese verdankte. Sein Vetter hatte ihn eines Tages besucht, ihn bedauert, getröstet und Hoffnungen ausgesprochen, die anscheinend liebevoll und freundlich lauteten. Er hatte ihm mitgetheilt, daß Ebba in Abo sei, und zu seiner Freude sich ein inniges Verhältniß zwischen ihr und Mary Halset entwickelte; dann hatte er sein Benehmen zu entschuldigen und mit Gründen zu unterstützen 645 gesucht, endlich aber sich zu jeder Hilfe bereit erklärt, um Alles auf den alten Fuß zu bringen und seinen irrenden Freund und Vetter mit der russischen Regierung zu versöhnen.

Was Erich Randal darauf erwiederte, war unerschütterlich dasselbe, was er an jenem schrecklichen Abend antwortete. Arwed war gewiß, daß er niemals davon ablassen werde. Seine arglistige Freude darüber ließ sich nicht ganz unterdrücken und ohne Zweifel fühlte Erich sehr gut, daß seines Vetters bedauerliche Klagen und kummervolle Ermahnungen nichts als Heuchelei seien. Die stoische Milde des Philosophen mit den Schwächen und Fehlern anderer Menschen überwältigte die Verachtung, welche er empfand, und ließ ihn weit mehr den Mann bedauern, der gegen ihn, gegen sein Vaterland und gegen alles Rechte und Gute gefrevelt hatte, als er ihm zürnen konnte.

Ich beklage dich, Arwed, sagte er daher auch beim Abschiede, denn was du auch gewinnen kannst, du hast weit mehr verloren, und wie sehr du über mich spotten magst, so gibt es dennoch Güter, die kein Mensch ungestraft von sich werfen darf, mag er auch dafür den höchsten Preis von denen erhalten, die sie ihm abkaufen.

Laß das, erwiederte der Baron lächelnd, du bist krank, wirst aber gesund werden. Ich will Gott bitten, daß er deine Augen klärt, sie sind dir durchaus nöthig, dann wirst du mich im anderen Lichte sehen. Liebe, Vertrauen, Ehre, Freundschaft, Gewissen, sind hohe Worte, die ich achte, aber sie dürfen nichts Unvernünftiges von mir verlangen.

Niemals werden sie das, erwiederte Erich in seiner sanften Weise. Alles Gute und Schöne wird wo es Menschen gibt verstanden und selbst die Ungerechten empfinden das Gerechte.

Der Baron stand auf und sagte lächelnd: Das viele Sprechen ist dir schädlich. Lebe wohl! Ich werde wiederkommen, wenn du dich stärker fühlst.

Er kam jedoch nicht wieder. Es vergingen Tage und Wochen, ehe Erich hörte, daß sein Vetter die Provinz bereise, um die Behörden zu organisiren, die verdächtigen Voigte, Landrichter und Lensmänner abzusetzen und die neue Regierung zu befestigen. Dagegen empfing er nach einiger Zeit ein Schreiben von Sam Halset, das ihm meldete, er habe seine Forderungen beim Gerichtshofe in 646 Tavastehuus anhängig gemacht und dieser die gerichtliche Beschlagnahme und Verwaltung der adligen Herrschaft Halljala verfügt, bis der Prozeß entschieden sei. Der Ton des Briefes war jedoch eher bedauerlich als unfreundlich. Halset ertheilte dem Freiherrn den guten Rath, scharf darüber nachzudenken, was ihn aus dem Bankerott helfen könne, und endlich bot er ihm Geld an in seiner gegenwärtigen schlechten Lage, weil's sein christlich Gewissen nicht anders könnte.

Alles, was Erich las, machte jedoch weit weniger Eindruck auf ihn, als zwei Worte, die am Rande des Papiers so klein und fein geschrieben standen, als seien sie ohne Halset's Wissen dahin gekommen. Mit kaum sichtlichen Strichen stand dort geschrieben: Denke nach! und er beugte sich darüber hin und deckte seine Hand darauf, die leise zitterte.

Ich denke nach, Mary! sagte er leise während ein schwermüthiges Lächeln den trüben Ernst in seinem Gesicht verdrängte. Seine Augen leuchteten auf, sie flogen durch das enge Fenster über das Thal fort, wo soeben der annahende Frühling mit der zauberischen Schnelle, die diesem Norden eigen ist, seine grünen blüthenvollen Finger überall emporstreckte. Der Frühling kommt, flüsterte er mit sanfter Entsagung, auch für mich bringt er Freude mit.

Kurz darauf traf der Befehl ein, ihn nach Abo zu schaffen, und jetzt fuhr er von drei Kosaken begleitet der Hauptstadt zu, welche er endlich mit bangen und sehnsüchtigen Empfindungen vor sich liegen sah.

Was hatte er zu erwarten. Welchen Stürmen, welchen Leiden ging er entgegen, und dennoch – war nicht in dieser Stadt Alles, was ihm noch werth und theuer war? – Aus den Morgennebeln traten die Massen des alten Domes hervor, dann blitzte lichter Sonnenschein auf den raschfluthenden Aurajocki, der jetzt leer von Schiffen, leer von dem Bootsgewimmel war, das sonst seinen Lärm die Hügel hinaufschickte. Die Vorübergehenden sahen den bleichen Gefangenen scheu an und eilten furchtsam weiter ohne umzublicken. Eine schwere Hand schien auf dem sonst so lauten, zu Lachen und Lust so geneigten Volke zu liegen, eine furchtbare Hand, die mit einem Griffe den kecksten Mund zum Schweigen brachte.

Abo hatte eine starke Besatzung. Der Generalgouverneur, Graf Buxthövden, sein ganzer Stab und was zum russischen 647 Regierungsapparat gehörte, befand sich hier. Vor manchen Häusern standen Schildwachen in langen grauen Röcken mit stumpfnasigen, flachen Gesichtern; menschenartige Maschinen von sonderbarer Ähnlichkeit. Erich erinnerte sich, wie Serbinoff einmal gesagt hatte, die größte Tugend seines Volkes sei der Gehorsam, der Alles vollzieht, was befohlen werde; damit erobere Rußland die Welt! und er zweifelte nicht daran, daß alle diese abgerichteten Wesen Vater und Mutter auf Commando niedermetzeln würden, wie sie soeben die unglücklichen Einwohner der Stadt Wasa mit Weib und Kind auf Befehl ihres Generals Demidoff erwürgt hatten, weil bei einem Gefecht mit den Schweden einige junge Bursche ihre Gewehre aus den Fenstern abfeuerten.

Abo war, wie alle Städte und Festungen Finnlands, ohne Widerstand in die Hände der Russen gefallen. Die Flottendivision von mehr als sechszig der schönsten Schiffe saß im Eise fest und wurde von den Schweden verbrannt, ehe diese selbst entflohen. In der Festung lagen mehrere hundert Kanonen und viel anderes Kriegsgeräth; Alles wurde den Russen überlassen, denn die Überraschung war allgemein. Was fliehen konnte, floh vor den Kosaken, die überall zum Vorschein kamen.

Eben fiel helles Sonnenlicht auf das hohe Gemäuer der Citadelle, als Erich's Blicke sich sorgenschwer auf diese richteten. Von ihren Thürmen wehte die Fahne mit dem Doppeladler und in der Tiefe dieser düsteren Donjons gab es manchen öden dumpfen Kerker. Am Regierungsgebäude, wo der Generalgouverneur wohnte, hatte der Wagen gehalten und der Kosakenunteroffizier hatte seine Meldung gemacht; gleich darauf aber wurde weiter gefahren, und den Kosaken gesellte sich ein Beamter bei, der zur neuerrichteten Polizeiwache gehörte. Er deutete dem Wagenführer an, ihm zu folgen, und ritt voraus am Ufer des Flusses hin, der Festung entgegen, welche den Gefangenen wie so manchen Anderen aufnehmen sollte.

Ein leiser Schauder rieselte durch Erichs Brust hin. In welche düstere Gewölbe wollte man ihn vergraben? Die milde sommerwarme Luft, welche er athmete, war so blüthenweich, und wie bedürftig war sein halbgenesener Leib dieser Frühlingssonne. Welche feuchtkalte Mauern erwarteten ihn und welch Grauen der Verlassenheit sollte ihn 648 aufnehmen?! – Er unterdrückte die bange Furcht, welche ihn überkam, durch die Festigkeit seines Willens, ungebeugt zu tragen, was er nicht zu ändern vermochte, aber dort lag an der Höhe ein Haus, unter welchem die Straße vorüber führte; Halset's Haus lag dort, und seine Blicke hingen schon von Ferne an den grauen Säulen, die zwischen dem Gebüsch hervorsahen, an dem Gitterwerk der Fenster, an dem Altan und seinem Eisengeschnörkel, und jetzt, oh! – ein weißes Gewand, eine weiße Gestalt war zu bemerken – Mary! – Ebba! – Wer war es? Nun war sie verschwunden, jetzt, wo er ihr nahte. Seine Augen dunkelten, mit gewaltsamer Anstrengung wandte er sich davon ab, in tiefer Trostlosigkeit mit der Sehnsucht in seinem Herzen ringend und mit der Ergebung in seinem Kopfe.

In diesem Augenblicke aber drang eine Stimme in sein Ohr, eine Stimme rief seinen Namen, die ihn vom Sterbelager aufgetrieben hätte. Was auch geschehen mochte, er konnte diesem Rufe nicht widerstehen. Mit einem Sprunge war er aus dem Karren und zwischen den Pferden der Kosaken lief er die Stufen hinauf, Mary Halset entgegen, die ihre Arme nach ihm ausstreckte.

Meine Mary! O! meine Mary! rief er athemlos, ich habe dich noch einmal gesehen.

Mary's Küsse antworteten ihm. Sie sprach nicht, aber sie hielt ihn krampfhaft fest und ihre Arme schlangen sich um seinen Hals, ihre Augen strahlten ihn wie Meteore an, die in dunkler Nacht durch den Himmel glühen. Und plötzlich schrie Sam Halset neben ihnen: Eh, Freiherr Randal! Glück ins Haus, Herr, wünsch' Euch Glück und seid willkommen. Herein, Herr, herein, ehe sich Leute sammeln, können drinnen in besserer Muße unsere Geschäfte in Ordnung bringen.

Ich muß fort, antwortete Erich aufschreckend, indem er einen scheuen Blick nach der Straße und dem Reisekarren warf, in welchem er gekommen war. Aber zu seinem Erstaunen sah er die Kosaken ruhig halten und den Wagen umwenden, und der Polizeimann zog den Hut vor Sam Halset, der ihm zunickte, und der alte Herr schrie noch einmal: Komm herein! Denn es paßt sich nicht für Mary an eines Mannes Hals auf offener Straße zu hängen. Auch muß Verstand in jede Sache kommen, also auch in diese, und es ist mir so, 649 Freiherr Randal, als fehlte der noch. Eh! laßt sehen. Gib ihm deine Hand, Mädchen, und halt' ihn fest; denke so wird's gehen.

Während er dies sagte, hatte er selbst seinen Arm untergeschoben und führte ihn mit Mary vereint dem Hause zu, dann hinein, in das große helle Zimmer.

In den Polsterstuhl mit Euch, Herr! schrie er dann mit seinem angenehmsten Grinsen, habt eine harte Reise gemacht und seht nicht gut aus. Ist kummervoll zu sagen und zu sehen. Krankheit, Wunden, Sorgen, Herzenstraurigkeit und Noth um die Zukunft. Seid aber jung, Freiherr, und Jugend heilt Alles. Seid jung, und habt eine Schule durchgemacht, die Euch helfen wird. Hole Wein, Mary, schaff herbei, was ihm gut thut. Pflege müssen Sie haben, Herr, und wo wollen Sie diese besser finden, als hier?

Er fing an zu lachen, denn Erich blickte ihn an, wie Einer, der von Wundern träumt, und mit seiner krähenden Stimme fuhr er dann fort: Will Ihnen zunächst sagen, wie Sie hierher kommen, damit Sie sehen, ist Alles richtig hergegangen. Der Kaiser hat mich zum Staatsrath gemacht; ist ein Titel, bah! wie alle Titel; hat mir den Annenorden auch an den Rock gehängt, der hängt an vielen Röcken. – Trotz der Gleichgiltigkeit, mit welcher Halset von seinen erlangten Auszeichnungen sprach, war seine Eitelkeit doch nicht zu verbergen. Sie blitzte aus seinen Augen, als er fortfuhr: Das Beste ist, daß ich damit auch das Vertrauen des Generalgouverneurs besitze, zu Rathe gezogen werde, wo es etwas zu rathen gibt, und noch immer Sam Halset bin, der gebraucht wird und zu helfen weiß.

Graf Buxthövden ist ein Mann, der mit sich sprechen läßt und Freunde zu schätzen weiß. Ist kein Mann von auffallendem Wesen, sondern zur Milde geneigt, deßwegen habe ich mit ihm gesprochen. Es war kein leicht Geschäft, Herr, denn gesorgt genug war dafür, das Kriegsgericht dort oben in Abohus gleich morgen bei der Hand zu haben und ein festes Stübchen erwartete Sie auch. Aber es ging dennoch, wie ich es wollte. Das Kriegsgericht soll warten, bis Sie gesund sind, und bis dahin müssen wir's für immer los werden. Darum hab' ich Bürgschaft geleistet für Sie, Freiherr Randal, mit Hab und Gut und Kopf und Leben. Habe dem Generalgouverneur gesagt: 650 Freiherr Randal ist mein Verwandter durch die Waimon's, und ich will für ihn haften, weil ich weiß, daß, wenn er mir sein Wort gibt, Abo nicht zu verlassen, bis seine Sache geordnet ist, er nicht gehen wird, und könnte er mit einem Schritt, sich vom Henkertod ins Paradies retten.

Dankbar streckte Erich ihm seine Hand hin. Ihre Güte, Herr Halset, ist unerwartet groß gegen mich, sagte er, aber ich gelobe Ihnen, treu zu halten, was Sie versprochen.

Weiß das Alles! rief Halset, aber meine Güte ist nicht größer, wie sie sein muß, Freiherr; denn, was würde Mary thun, wenn ich kein zärtlicher Vater wäre? – Was habe ich gesagt, Freiherr, damals in Halljala? fuhr er fort, wo ich mein Mädchen anbot, weil ich wußte, wie es mit ihrem Herzen stand.

O, Herr Halset! murmelte Erich, während sein bleiches Gesicht sich roth färbte.

Sagte damals, was ich dachte, Freiherr, sagte, Sie liebten meine Mary; wurde dafür beleidigt durch wildes Reden. Das edle Fräulein aus Stockholm war eine Erbschaft, die Ihnen besser dünkte.

Ebba ist noch immer meine Verlobte, Herr Halset! versetzte Erich in angstvoller Heftigkeit. Wo ist sie? Bringen Sie mich zu ihr, sie zunächst muß mich hören.

Wo ist sie? erwiederte Halset lachend. Denke bei dem, der das meiste Recht auf sie hat, und denke, ist nach allen Seiten hin ein Heil. Je mehr ich darüber nachgesonnen habe, Freiherr, um so mehr kommt es mir vor, als könnten wir Alle Gottes Hand erkennen; denn gab es einen anderen Weg für Sie, um frei von ihr zu werden? Das alte Schloß mußte niederbrennen. Sie mußten blutig am See liegen, Mary mußte Sie finden, um ihr Herz aufschreien zu lassen, das so lange fest verschlossen war.

Aber Ebba, Ebba! Herr Halset, und – ihr Bruder! murmelte Erich Randal.

Meinen Sie, der könnte schaden? antwortete der Staatsrath trotzig lächelnd. Ich gab ihm mein Wort niemals unbedingt, kann's also zu jeder Zeit zurücknehmen. Was aber das Fräulein betrifft, so ist ein Schreiben für Sie hier geblieben, und es freut mich aufrichtig 651 sagen zu können, daß es eine Dame ist, die Jedermann hochachten muß, denn es ist etwas an ihr, das verdient's.

Er ging an sein Schreibpult, öffnete dies und nahm ein Papier heraus, mit dem er zurückkehrte. Lesen Sie, sagte er, ehe Mary uns überrascht. Hat sein Gutes, wenn wir vorher damit fertig werden.

Erich brach das Blatt auf und erkannte sogleich Ebba's Schriftzüge. – »Ich bin im Begriff, stand darin, meinen Bruder zu begleiten, der im Auftrag des Generalgouverneurs nach Borgo und Helsingfors reist, daher kann ich deine Ankunft nicht erwarten. Nicht Arwed's Drohungen oder seine Versprechungen bewogen mich dazu, seinem Willen zu folgen, sondern mein freier Wille ist es, wenn ich thue was ich muß. Niemand sollte mich jemals zwingen von dir zu lassen, mein edler Freund, doch ich selbst lasse von dir. Du bist frei, Erich; Mary liebt dich. Ich achtete, ich verehrte dich, aber unsere Herzen blieben still. Ich weiß, daß ich dir nichts Unbekanntes, nichts tief Schmerzliches sage. Wir folgten Beide der Pflicht vernünftiger Überlegung und den Verhältnissen, die uns vereinigten und wir wußten Beide, was wir davon zu hoffen hatten. Wenn dein Auge mich freudig anblickte, dein Lächeln den schmerzlichen Ausdruck verlor, wenn du meine Hände an dein Herz drücktest, wolltest du mir dann nicht sagen: Sei ruhig wie ich es bin, auch ohne den Zauber, den man Liebe nennt, wirst du glücklich sein. – O Erich! das war mein Trost, das war mein Glaube. Auch ich hoffte auf dein Glück. Es war ein Bund heiliger Gelöbnisse zwischen uns, den wir treu erfüllt hatten. Plötzlich aber, in jener schrecklichen Nacht, wo du blutig und halb erstarrt vor mir lagst, ein anderes Weib um deinen Nacken, ein anderes Weib in Schmerzen und Entzücken an deinen Blicken hängend, der Schrei der Verzweiflung auf ihren Lippen, todtspottende Gluth in ihren Augen – ja, in jener Nacht, Erich, erkannte ich, daß zwischen uns ein Abgrund liege, den ich niemals schließen könnte. Sie liebte dich, ich nicht. Ihre Liebe war es, die dich unter Leichen und Sterbenden suchte, zu Thaten bereit, welche Liebe allein vollbringt. Und das nicht allein, auch du sahst nur sie, nicht mich. Deine erstarrten Lippen riefen nach ihr, Alles, was verständig lang und qualvoll aufgebaut war 652 stürzte zusammen. Deine Liebe riß alle diese angekünstelten Schranken nieder, wie sollte ich diese je wieder aufbauen! Du bist frei, Erich, du mußt frei sein. Mary ist dein, du bist ihr Eigen, sie hat dich in Nacht und Tod erworben; nie sollst du sie verlassen. Ich aber, Erich, ich liefere dich ihr aus, all mein Recht auf dich ist ausgestrichen. – Ich gehe, was mir geschieht ist gleichgiltig. Arwed sagt mir, daß Serbinoff mir nur entsagt habe, weil er gesehen, wohin ich neigte und was immer sein Wunsch gewesen. Sie lügen Beide, doch was liegt daran. Wäre ein Mann da, der mich unter den Todten aufhöbe, mein Herz würde ihm antworten. Aber der schläft auf ewig unter Woge und Eis, dem ich zurufen möchte: Rette mich von Jenen da! Und so mögen sie mich hinnehmen. Ich will tragen was kommt und will leben, weil ich muß. Fürchte nicht für mich, theurer Erich, denke daran, wie wenig ich zu verlieren habe. Sorge für dich, wahre deine Mary vor den Drachen, die mich verschlingen wollen. Gott möge euch schirmen!«

Erich ließ das Papier sinken und blickte in Halset's Gesicht, das ihm lustig grinsend zunickte. Es ist so! rief der Staatsrath. Sie hat es eingesehen, was ihr Bestes ist, und hat nicht ein Wort dagegen gesagt, als der Baron ihr den Vorschlag machte, mit ihm zu reisen. Oberst Serbinoff war hier vor einiger Zeit und es kann kein Anbeter galanter und zartfühlender sein, wie er; kam mir vor wie ein Löwe, der sich am Zwirnsfaden leiten läßt. Er lachte hell auf und rieb seine Hände. Machte aber einen sehr guten Eindruck, der wilde Kriegsmann, fuhr er fort, und soll mich nicht wundern, wenn ihm nächstens die dicken Generalstroddeln auf den Schultern sitzen. Der Sturm auf Halljala ist ihm hoch angerechnet, mehr vielleicht, als er's verdiente; es geht einmal so in der Welt her. Ein Unglück ist es auf keinen Fall, Frau Gräfin Serbinoff zu heißen und in einem Palast auf dem Alexander-Newsky-Prospect zu wohnen. Sie wird sich trösten, Freiherr, bin gewiß, sie wird sich trösten.

Meine Mary! rief Erich, denn eben trat Mary wieder herein. O, Ebba hat Recht, ich gehöre dir an und will deine Herrschaft nie wieder abschwören. Was ich meinem Vater gelobte ist nun gelöst. Ebba selbst spricht mich frei davon. Vergebung, geliebte Mary wenn ich 653 dich verließ, ich habe dafür gelitten und gebüßt. Vergebung, Herr Halset, lassen Sie uns vergessen, was uns trennte. Geben Sie mir Ihr Kind, ich will es lieben und ehren und was Sie – ja was Sie von mir begehren können in Ehren, das will ich freudig thun und erfüllen.

Halset umarmte ihn. Still! still! Baron von Halljala! rief er. Alte Geschichten, wollen nichts mehr davon hören, fangen heut' ein neues Leben an. Habe Ihnen mein Kind geben wollen, schon vor Jahr und Tag und thue es noch heute wieder. Mary soll in Halljala als Frau am Herde sitzen! hab's geschworen, Herr, und will es halten. Kann's nicht mehr in der alten Halle sein, soll's in einer neuen geschehen, die wir bauen wollen, besser und prächtiger als irgend eine in Finnland, besser als die Wright's jemals ihr Schloß aufputzten.

Bringen wir Friede und Liebe hinein, sagte Erich, Mary küssend, die sich an ihn lehnte.

Und das richtige Nachdenken, setzte der Staatsrath hinzu, damit es ein fester Bau wird.

Sagen Sie mir, Herr Halset, welche Bedingungen ich erfüllen muß, um Sie zufrieden zu stellen.

Bedingungen? rief Halset, ich habe keine, Freiherr Randal. Sie lieben Mary, ich bin's zufrieden. Bleibt nur übrig für uns, Alle jetzt die richtigen Wege zu gehen, um in Halljala endlich einträchtig zu wohnen. Danach also müssen wir trachten, doch vor allen Dingen werden Sie gesund. Mary soll Sie pflegen, alle Tage wollen wir beisammen sein, denke es wird Ihnen gut thun, Herr Erich. Und jetzt gieb ihm deinen Arm, Mary, wollen ihn Beide führen, damit er nicht strauchelt. Steht hier ein gedeckter Tisch bereit, Freiherr, ist werth, sich darum zu bemühen. Also vorwärts, Herr, vorwärts! es wird Alles gut gehen. 654

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