Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Am nächsten Morgen, als der Tag dämmerte, waren Pferde und Wagen bereit. Otho Waimon und sein flinker Diener Jem vertheilten das Gepäck und trafen alle nöthigen Anordnungen. Die Wagen waren leicht und schmal, mit hohen Rädern und flachen Sitzen, denn, obwohl bis nach Tavastehuus eine ziemlich breite und gute Straße führte, kannte man doch damals in Finnland keine andere Wagenart, als zweirädrige Karren oder fest auf den Axen liegende Halbwagen, welche außer einem schützenden Hinterdeck sehr geringe Bequemlichkeiten boten. – In einem solchen Halbwagen, welcher zwei Sitze hatte, nahmen die vier Reisenden Platz, vorn aber auf einem vorspringenden Brett setzte sich Otho in eigener Person als Führer und Lenker des Fahrzeugs. Ihm nach folgte dann ein Karren mit dem Diener des Barons und der Dienerin seiner Schwester und hinter Beiden saß Jem auf Koffern und Kasten und ließ seine Peitsche lustig knallen.

72 Die Fahrt nach Tavastehuus währte den ganzen Tag über und je länger sie dauerte, je höher stieg das Land auf und jemehr entfaltete sich der eigenthümliche Charakter desselben. Anfangs lief die Straße nördlich an der Küste hin und die Blicke der Reisenden schweiften über das Meer in der Tiefe zu ihrer Rechten und über die unermeßliche Inselmenge, welche aus bleichen Nebeln aufstieg und darin verschwand. Endlich durchbrach die Sonne alle Hüllen und im Thale lag die rauchende Stadt, vor ihr der blaue strahlende Seeschild mit weißen Segeln bedeckt und von hohen Vorgebirgen eingefaßt, landwärts dagegen winkten höhere Berge, hellgrüne Abhänge, Waldleisten und die wohlgepflegten Gärten und Fruchtfelder fleißiger Menschen. In den Schooß dieser Berge zog die Straße hinein und oft ging es steil an Wänden hin, deren Granitmassen fast senkrecht abfielen; oben jedoch dehnte sich dann das Land zu Ebenen aus, welche wellig sich an neue Berge schlossen, und dieser Boden war von großer Fruchtbarkeit, denn überall wurde eine reiche Ernte eingebracht. Wenn der Weg an den Rändern dieser Ebenen hinführte, blickten die Reisenden zuweilen dicht neben sich in Thäler hinunter, malerisch mit Felsen besetzt, an denen dichter, schöner Wald hing, während ihr Grund mit dem üppigsten Gras bedeckt war. Rothbraune und bunte Heerden weideten dort, Glockengeläut und Geschrei der Hirten schallte zu ihnen auf und mischte sich mit dem Rauschen und Brausen eines Baches, der aus tiefem Gerinn seinen Schaum aufsprühte und endlich wohl einen jähen Sprung von Fels zu Fels machte. Überall war das Land hier auch besser bewohnt als die schwedischen Herren es gedacht hatten. Nicht allein lagen manche kleinere und größere Häuserzeilen am Wege, die den Kern der Kirchspiele bildeten und aus deren Mitte die Kirche auf erhöhter Stelle hervorragte, über die Felder zerstreut und an Gehängen und Waldsäumen konnte man noch viele einzelne Höfe von sehr verschiedener Größe entdecken.

Alle diese Häuser waren von Balken erbaut und rothbraun gefärbt, bald langgestreckt, mit einer Reihe unregelmäßiger kleiner Fenster versehen, bald dürftig und niedrig; zuweilen aber erhob sich darunter ein stattliches Pfarrhaus oder ein großer Rittersitz mit hohem Dach und breitem Vorhof, umringt von Gärten und weit hinlaufenden Äckern.

73 Sollte man es glauben, rief Lindström erstaunt, daß ein Land so tief im Norden wie dieses so vortreffliche Früchte aller Art tragen kann. Selbst Weizen, der in Schweden nur auf einigen Stellen fortkommt, wird hier in Feldern gezogen, die man nicht abzusehen vermag. Wie mag es zugehen, daß solche Frucht hier zum Wachsen und Reifen gelangt?

Die Gelehrten, erwiederte Otho, suchen mancherlei Gründe dafür auf. In der Menge der Gewässer, in der Nähe des Meeres und in der West- und Südküste finden sie die Ursachen größerer Wärme und glücklicheren Gedeihens. Ich halte dafür, daß, weil alle diese Thäler und Ebenen sich meist gegen Süden öffnen und senken, weil Wald und Berge sie nordwärts schirmen und weil unser Boden häufig ein fetter von Pflanzenerde durchdrungener ist, lohnt er auch gedeihlich des Menschen Fleiß. Und das haben die alten Tavasten schon in früher Zeit gewußt, fuhr er fort, denn als alles innere Land noch Wildniß war und nur Hirten und Jäger darin umherzogen, bauten sie schon Korn und Gerste, regierten den Pflug, und hatten, wie die alten Schriften sagen, ein Land inne, das einem großen Garten glich.

Mit einem Garten läßt es sich noch heut vergleichen, sagte Ebba freundlich.

Sie haben den schönsten Theil noch nicht gesehen, antwortete er. Noch sind wir nicht in dem Gebiete der Seen, die eine so eigenthümliche Schönheit Finnlands bilden. Ich hoffe, mein Vaterland wird Ihnen noch besser gefallen, wenn wir Tavastehuus hinter uns haben und der edle Pajäne uns seine klaren Fluthen entgegenrollt.

Die Begeisterung in seinem Gesichte war eine natürliche, und stand ihm eben so gut wie Alles, was er that. Überhaupt konnten die Reisenden mit ihrem Führer zufrieden sein und sie waren es auch, nur der Kammerherr hatte sichtlich kein besonderes Gefallen an dessen Wesen, das zu seinem eigenen so wenig paßte. Die raschen und rücksichtslosen Antworten, das stolze Behaupten seiner Meinungen und die kecken Widersprüche, welche dieser junge Mensch gegen Alles erhob, das ihm nicht behagte, hatten von Anfang an bei dem Baron ein Mißbehagen bewirkt, das, wie immer, gegenseitig war. Otho ließ es 74 jedoch an Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht fehlen. Er kannte jeden Berg, jeden Bach, jeden Weg und jedes Thal, und während er Land und Menschen schilderte, von Sitten und Gebräuchen erzählte, und sich den heitersten Plaudereien überließ, lenkte er die feurigen Rosse mit vollendeter Geschicklichkeit oft dicht an gefährlichen Tiefen vorüber oder Anhöhen hinab, die in gestrecktem Galopp zurückgelegt wurden.

Dem Kammerherrn wurde zu Zeiten ängstlich dabei, und seinen Begleitern mochte es heimlich eben so gehen, allein Otho beruhigte sie, ehe sie zu Worte kamen. In unsern Bergen fahren wir rasch, sagte er. Pferde und Wagen sind dazu geschaffen, selten oder nie kommt ein Unglück vor. Die Pferde selbst sorgen dafür; sie gehen vorsichtig abwärts, so lange sie eine Gefahr wittern, und greifen erst dann aus, wenn sie gewiß sind, wohlbehalten unten anzukommen. Mitten in Nacht und Nebel finden sie ihren Weg; man kann getrost ihnen die Sache allein überlassen. Darum genügt auch ein Kind, das meist den Reisenden mitgegeben wird, und unsere Damen nehmen unbesorgt die Zügel in die Hand und machen oft tagweite Fahrten ohne alle Begleitung.

Ist das Land so sicher? fragte der Graf.

Sie werden finden, erwiederte der junge Mann, daß viele Thüren keine Schlösser haben.

Aber die Raubthiere?

Unter diesen, sagte Otho lachend, haben die zweibeinigen von je an den Finnen den meisten Schaden gethan, und werden von ihnen auch zumeist gefürchtet. In unsern Wäldern gibt es viele Bären und Luchse, das Ellen schweift in den großen Sümpfen von Savolax im Norden umher, Wölfe schickt uns Rußland besonders zur Winterzeit oft in ganzen Schaaren, darum nennt sie das Volk auch wohl gemeinhin die Russen. Von Allen aber ist nichts zu besorgen, denn man kennt sie und hier in diesen angebauten Gegenden kommt solch wildes Gethier selten mehr vor.

Wie? rief Lindström, sollen wir keine Bärenjagden machen?

Nur Geduld, antwortete sein Freund, es wird auch daran nicht fehlen, zunächst jedoch wollen wir in Somero, das vor uns liegt, ein friedliches Mahl halten.

75 So geschah es, und zur Überraschung der Reisenden brachte Jem eine Kiste herbei, welche Herr Halset am frühen Morgen vor der Abreise geschickt hatte. Sie war mit Wein und Speisen gefüllt, und erregte keine geringe dankbare Zufriedenheit mit dem vorsorglichen Geber.

Ein höchst liebenswürdiger alter Herr! sagte der Baron. Dieser Portwein ist der beste, den es geben kann. Er besitzt, wie ich meine, ein eben so großes Vermögen, als guten Geschmack.

Sam Halset gilt als der erste und reichste Großhändler in Abo.

Womit treibt er Geschäfte? fragte Lindström.

Vornehmlich mit Getreide. Er kauft von den Gütern, macht Vorschüsse auf die Ernten, besitzt selbst mehrere Schiffe und bedeutende Grundstücke.

Ohne Zweifel ist er ein angesehener Mann im Lande?

Wie es nicht anders sein kann, wenn man reich ist, antwortete Otho.

Warum nennen Sie ihn Sam? wollte Ebba wissen.

Es ist eine Abkürzung seines Namens in der Volkssprache.

Und diese Tochter ist sein einziges Kind?

Er hat kein anderes.

Irre ich mich nicht, begann Serbinoff, so hörte ich von ihm, daß er mit Ihnen verwandt sei.

Hat er es erwähnt? so darf ich nicht nein sagen.

Er ist also ein Finne, da Sie dies von sich selbst behaupten.

Ohne Zweifel, erwiederte Otho lächelnd.

Und seine Tochter jedenfalls eine reiche Erbin, rief der Seeoffizier. Schade, daß ich nicht in Abo bin, ich würde versuchen, ihr die Zunge zu lösen.

Ich glaube kaum, daß es dir gelingen würde, erwiederte der Kammerherr. Sie müssen diese schweigsame Dame ja besser kennen, als wir, Herr Waimon. Ist sie immer so stumm und einsylbig?

Immer der Gegensatz zu ihrem Vater.

Weiß es Gott! Sie haben Recht, aber bei alledem ist dieser Gegensatz interessant genug. Ich hoffe, Sie selbst empfinden etwas davon.

76 Meine Empfindungen, erwiederte der junge Mann aufstehend, beschränken sich darauf, daß wir noch einen langen Weg nach Tavastehuus haben, und unsere Pferde warten.

Mit dieser scherzenden Antwort entfernte er sich, aber es war deutlich genug, daß er Fragen überhoben sein wollte, die ihm nicht behagten.

Ich will jede Wette verlieren, sagte der Kammerherr spöttisch lachend, wenn er sich nicht vergebens angestrengt hat, diesem schwarzen Bilde Empfindungen beizubringen. Gestern Abend schon habe ich bemerkt, wie er über den Tisch fort zuweilen sie voll schmachtender Betrübniß ansah, und wie sie ihn dafür mit Blicken belohnte, so kalt und hart wie finnischer Granit.

Dann mußt du jedenfalls ein aufmerksamer Beobachter gewesen sein, erwiederte Ebba.

Warum denn nicht? lachte er. Wenn der alte lustige Papa sie mitbringt, soll es meine Aufgabe sein, mit Gustav um die Wette mich ihrer anzunehmen, für den Fall sich keine bessere Beschäftigung für mich findet.

Gesprochen wie ein Cavalier, der verdient hätte, zur Zeit Gustav des Dritten ein würdiger Gefährte Armfeld's und des berühmten Gefolges gewesen zu sein, das den Zug nach Italien mitmachte, sagte Ebba.

Ein Zug nach Finnland ist vielleicht noch lohnender, mein Schwesterchen. Aber da kommt unser Reisemarschall. Alles ist in Ordnung. Wir jagen, wenn auch nicht durch Citronenhaine, doch dem Glück entgegen.

Citronenhaine waren allerdings hier nicht zu finden, aber Serbinoff, der Italien kannte, versicherte, daß manche dieser lieblichen Landschaften einen italienischen Charakter besaßen, und dies, fügte Otho hinzu, sei schon häufig von Reisenden behauptet worden. Eine Hochebene dehnte sich weit hin aus, von den schönsten Abwechselungen begleitet. Bald wurde sie von Thälern durchschnitten, die äußerst fruchtbar sein mußten, und dann hoben sich mächtige Felsen und Berglagen mitten darin empor und rundeten sich um klare runde Seebecken, an deren Ufern Mühlen und mannigfaches Gebäu standen. Der Wald 77 zog in Büschen und langen Strecken auf den Höhen hin und über ihn hinaus starrte nacktes Gestein. Ungeheure Blöcke lagen zuweilen chaotisch über einander gestürzt, plötzlich aber verschwand alle diese Wildheit vor einer milden, schönen Natur, welche der rege Menschenfleiß sich unterthan gemacht hatte. Jenseits Tamala zog die Straße dann auf ein neues Bergplateau, durchstickt von unzähligen zerstreuten Höfen und Häusern, und Waimon nannte viele bei ihren fremdklingenden Namen.

Sie sehen daran, sagte er, daß in das Innere des Landes die schwedische Bevölkerung sehr wenig eingedrungen ist. An den Küsten klingt Alles schwedisch. Dort haben sie die Städte erbaut und ihnen germanische Namen gegeben, sich auch in vielen von ihnen gegründeten Colonien festgesetzt; je weiter aber hinauf, je mehr verschwindet der Schwede und seine Sprache.

Die Beamten und was zu ihnen gehört sind aber doch Schweden, sagte der Kammerherr. Nur das gewöhnliche arme Volk ist bei seiner eigensinnigen Unwissenheit geblieben.

Die Beamten, die Richter, die Priester und wer überhaupt zu den Herrschenden und Angesehenen gezählt sein möchte, erwiederte der junge Mann, spricht schwedisch und ist meist auch Schwede, oder möchte es sein; denn nicht wenig eitle Thoren gibt es, hier wie überall, die sich von Volk und Vaterland lossagen, um zu scheinen, was sie nicht sein können.

Die Regierung aber, berichtigte Arwed, macht keinen Unterschied zwischen Finnen und Schweden. Alle haben gleiche Gesetze, gleiche standesmäßige Privilegien, und was im Mutterlande Schweden als Recht gilt, gilt auch in Finnland.

Seit Gustav Adolph's und Christinen's Zeit, erwiederte Otho dies bestätigend, haben Unterschiede und Verfolgungen nach und nach aufgehört. Finnland erhielt damals schwedisches Recht, und edle Männer, wie Graf Peter Brahe, nahmen sich der Verlassenen an. Es galt nicht mehr für Schande und Unehre, ein Finne zu sein. Einzelne Familien kamen durch Handel und Kriegsdienste empor, andere lernten etwas auf der neu gestifteten Universität in Abo und auf den 78 Schulen, allein eine Verschmelzung der beiden Nationalitäten hat doch nicht stattgefunden und wird auch nimmer erfolgen.

Warum kann es nicht geschehen? fragte Serbinoff.

Weil's ander Blut und ander Fleisch ist, sagte der junge Mann, und weil die Finnen immer noch etwas von dem uralten Geist ihrer Väter haben.

Dort liegt Tavastehuus, fuhr er dann fort, viele Menschenalter lang der christliche Vorposten im Lande der freien Heiden. Mancher Priester ist von hier ausgezogen mit Kreuz und Schwert, ohne wieder heimzukehren; mancher fromme Ritter schlachtete zur Ehre Gottes die tapfern Kinder Jumala's in ihren Schlupfwinkeln am Pajänesee und es hat lange gedauert, ehe sie überwältigt wurden. Sie müssen sich von meiner Schwester Louisa davon vorsingen lassen. Sie kennt einige alte Lieder von ganz merkwürdigem Klang und Inhalt, die obenein eine Art Familieneigenthum sind, denn einer meiner Vorfahren, der ein großer Häuptling und Kriegsführer war, spielt darin eine Rolle.

Ei, sagte Arwed spöttelnd, so gehört Ihre Familie also doch zu dem ältesten Landesadel.

Wenn es bei den Finnen einen Adel gegeben hätte, so wäre es wie Sie sagen, lachte Waimon, allein da haben Sie gleich einen wichtigen Unterschied meines Volkes mit allen andern Völkern. Es gab nie einen Fürsten, nie einen Adel bei ihm, ja, wir haben in unserer Sprache nicht einmal einen Ausdruck dafür. Alle Finnen waren unabhängige, freie Männer, die Keinen über sich dulden mochten.

Das ist eben nichts Besonderes, mein lieber Freund, antwortete Arwed, denn alle rohen Volksstämme haben in den Anfängen ihres gesellschaftlichen Verbandes mehr oder minder auf ähnlicher Stufe gestanden. Auch in Schweden waren es in den frühesten Zeiten die Bauern, welche den König wählten, und wenn er ihnen nicht gefiel ihn wieder absetzten, auch wohl tödteten.

Bis dies in späteren Zeiten der Adel übernahm, fiel Otho ein. Sei es, wie es sei, König wie Adel haben die Finnen erst durch ihre Herren, die Schweden, erhalten und es war ein Geschenk, das meinem Dafürhalten nach uns schlecht genug bekommen ist.

79 Aufrichtigkeit gehört jedenfalls auch zu den finnischen Tugenden, sagte der Kammerherr stolz lächelnd.

Wir haben Manches lernen müssen, erwiederte Otho, doch immer noch nicht gelernt, unsere Meinung zu verbergen.

Wenn man jung ist hat man gern das Herz auf der Zunge.

Was immer besser ist als wenn, wie das finnische Sprichwort sagt, Hyji das Herz verzehrte. Sie müssen wissen, daß Hyji der Gott der Falschheit und der Lüge ist.

Eine Antwort des Barons wurde unterdrückt, denn Serbinoff mischte sich ein, indem er die Schönheit des Thales pries, das sich vor ihnen öffnete, und auf die malerischen Fernsichten aufmerksam machte, welche ein Schloß im Hintergrunde und einige kühn geformte Bergspitzen gewährten.

Es war in der That ein breites reizvolles Thal, das zwischen zwei waldigen Hügelketten hinzog. Das Schloß mit seinen gewaltigen Thürmen und zackigen Mauerkronen schaute düster und gebietend auf die langgestreckte Stadt, welche in einer breiten mit Weiden und Birken besetzten Straße sich ausdehnte. Freundliche Häuser standen zu beiden Seiten und von oben sahen die grünen Berge neugierig herein. Vor manchen Thüren befanden sich Vorplätze, mit Steinen ausgelegt und mit Bänken besetzt, auf welchen die Hausbewohner arbeitend und schwatzend beisammen saßen. Schmucke Dirnen mit farbigen Miedern und langen blonden Doppelzöpfen arbeiteten am Brunnen und schwatzten lachend mit Soldaten von der Schloßbesatzung; als aber die Wagen daherrollten und den Staub hinter sich aufwirbelten, stand Mancher auf und grüßte freundlich die reisenden Leute.

Dies Schloß ist also noch eine Festung und wohlbewacht, fragte Serbinoff, als er die Zugbrücken und Schildwachen sah.

Ehemals war es ein Bollwerk für die schwedischen Eroberer, erwiederte Otho, jetzt hat es sicher nicht viel zu bedeuten, obwohl es von Kanonen und Soldaten vertheidigt wird.

In Finnland gibt es nur eine starke Veste, das ist Sweaborg, sagte Lindström, das Gibraltar des Nordens, wie man es mit Recht nennt.

Unser ganzes Land ist eine Festung, meinte Otho. Mit seinen Wäldern, Felsen, Seen und Sümpfen ist es unüberwindlich.

80 Und doch ist es öfter schon erobert worden, erwiederte der Graf lächelnd.

Ich meine dies auch nur, wenn die Vertheidiger danach sind, fuhr der junge Mann fort. Was helfen alle Mauern und Wälle, wenn es an Muth und Geschick dahinter fehlt, oder wenn Verräther darinnen sind. Hier in diesem alten Schlosse liegen Waffen genug. Es ist ein Waffenplatz für Kriegsvorräthe. Warum gibt man die Gewehre nicht dem Volke, warum übt man es nicht, da doch seit Jahren Krieg ist? Man hat die meisten Soldaten aus dem Lande gezogen, um so mehr sollte man daran denken, das Volk wehrhaft zu machen. Das paßt jedoch nicht zu dem Soldatenwesen, wie es jetzt ist.

Sind die Bauern nicht gute Schützen und mit Büchsen und Gewehren zur Jagd versehen? fragte Serbinoff.

Einzelne wohl, sagte Otho, allein bei weitem nicht Alle. Der Bauer hat überhaupt keine Zeit zu jagen; zur bloßen Lust thut er es selten. Die meisten sind zu arm, zu abhängig und zu arbeitsam. Wenn ein Volk für seine Rechte und seine Unabhängigkeit einstehen soll, muß es dazu ausgebildet werden, das hat man hier jedoch niemals gethan und thut es auch jetzt nicht, obwohl man es nöthig genug hätte. Oftmals ist es vorgeschlagen worden, den Finnen eine ganz militärische Organisation zu geben. Hätte Gustav der Dritte länger gelebt, so wäre es vielleicht dazu gekommen, jetzt ist nicht daran zu denken. Was gilt nicht jetzt in Stockholm für revolutionär, gefährliche Neuerung und französischen Unfug!

Die Wagen hielten vor der Thür des Kaufmanns, welcher zugleich Posthalter war, und in seinem netten Hause fanden die Reisenden alles zu ihrer Aufnahme bereit. Das Erste aber, womit der dienstfertige Wirth sie überraschte, war ein Brief, den er Otho überreichte und den dieser sogleich erbrach.

Ein Schreiben von Erich, sagte er, und hier ist ein anders an den Herrn Kammerherrn Bungen. Er ist zurück in Halljalahaus und hat, wie er schreibt, Pferde nach Hormola geschickt, damit, wenn es den Herrschaften beliebt, sie morgen den Weg von da ab zu Rosse machen können. Die Fahrstraße wird eng und führt durch Sumpf und Dickicht, es gibt jedoch einen schönern Weg auf den Höhen am 81 Pajäne, der grade auf das alte Schloß zuführt und zu den schönsten gehört, den man nehmen kann.

Dann wählen wir diesen und steigen in den Sattel, sagte Ebba. Ich hoffe, daß wir Alle damit zufrieden sind.

Otho schaute sie freundlich an. Es geht über manchen schroffen Kamm, sagte er, und Sie wissen was Sam Halset Ihnen gerathen hat.

Ich weiß auch, erwiederte sie, daß Sie ihm antworteten, noch Niemand habe Schaden genommen, der Ihnen vertraute.

Und das ist Wahrheit! rief er, indem seine Augen aufleuchteten. Wenn Sie nicht zu ermüdet sind, so möchte ich Ihnen den einzigen Punkt zeigen, um welchen Tavastehuus wirklich den Ruf seiner Schönheit verdient.

Der Kammerherr hatte den Brief gelesen und faltete ihn zusammen. Erich schreibt mir, daß er unglücklicher Weise zu einer Gesellschaft eingeladen war, auf ein Gut, das dem Freiherrn Wright gehört, als unser Schreiben anlangte; daß er somit seinem Freunde Otho herzlich danke, daß dieser den Brief erbrach und sofort nach Abo fuhr. Man hat ihn jedoch benachrichtigt und er ist zurückgekehrt und hat der Familie Wright auf ein andermal unsern gemeinsamen Besuch versprochen. Das ist also die nothwendige Reise, Herr Waimon, von der Sie uns sagten?

Es ist allerdings eine Reise, antwortete Otho, denn man braucht einen Tag jenseit des Pajäne, um nach Liliendal zu dem Freiherrn Wright zu kommen.

Wir sind Ihnen großen Dank schuldig, fiel Ebba ein, und dieser vermehrt sich durch jeden neuen Beweis Ihrer Güte. Ich bin nicht müde und gewiß gehen wir Alle gern und sehen was Sie uns zu zeigen haben.

Darin hatte die junge Dame sich jedoch getäuscht. Ihr Bruder erklärte ziemlich mürrisch, keine Lust zu spüren, sich noch mehr zu ermüden und Serbinoff wollte ihn nicht allein lassen als er hörte, daß eine Berghöhe erstiegen werden müsse. Nach einer längeren Unterhandlung, welche Otho geduldig abwartete, ließ sich Ebba nicht zurückhalten, mit ihm und Lindström allein zu gehen, obwohl ihre Hartnäckigkeit die üble Laune des Kammerherrn vermehrte. Kaum war dieser mit seinem 82 Freunde allein, als er seinen Mißmuth auch nicht länger zurückhielt und ihn lebhafter äußerte als es sonst seine Gewohnheit war.

Ich muß gestehen, sagte er, dieser junge vorlaute Mensch wird mir in einem Grade unbequem, daß ich sehr froh sein werde, wenn wir von ihm befreit sind. Alles was er spricht ist mir zuwider und was er thut, hat einen solchen Grad von Anmaßlichkeit und Selbstgenügsamkeit, daß es unerträglich ist.

Serbinoff saß am Tische und schrieb in sein Taschenbuch. Sie haben ganz recht, erwiederte er ohne sich stören zu lassen, allein Sie können ihn nicht los werden, und da dies nicht geschehen kann, denn er ist der intimste Freund Ihres Vetters, so thun Sie wohl, sich an diese Großsprechereien und Albernheiten zu gewöhnen. Ich belustige mich daran, im Übrigen ist er sehr nützlich und hat eine Menge Bemerkungen gemacht, welche sehr gut zu brauchen sind. Ich werde mancherlei von ihm erfahren, und werde ihn benutzen, wie er benutzt werden muß. Man muß nicht immer das hören wollen, was man gern hört, bester Freund, vielmehr die unangenehmsten Menschen sogar zuweilen aufsuchen, um aus dem was sie vorbringen sich ein Urtheil zu bilden.

Darf ich fragen, welches Urtheil Sie sich aus dem Geschwätz dieses rohen und übermüthigen Burschen gebildet haben?

Ich habe es hier niedergeschrieben, erwiederte Alexei, hören Sie zu: Es gibt in Finnland eine sogenannte Volkspartei, die allerlei phantastische Träume über Nationalität und nationale Freiheit hat. Diese Partei haßt die Schweden ebenso sehr wie die Russen, ist jedoch jedenfalls nicht stark, da das Volk auf einer zu untergeordneten Bildungsstufe steht, um was die Führer wollen zu begreifen. Indeß gehören zu diesen nicht allein geborne Finnen, sondern auch Schweden, welche, ihren Ursprung verleugnend, sich als Finnen betrachten und Finnland selbständig, frei, am liebsten wohl zur Republik machen möchten.

Ist das Ihr Ernst? fragte Arwed verwundert lachend.

Mein vollkommener Ernst, erwiederte der Graf. Es gehört zu dieser nationalen Partei gewiß ein guter Theil jener eingebornen Schweden, welche sich, wie sie selbst sagen, gern und mit Stolz Finnen nennen.

83 Die jedoch, so viele ich deren kenne, nichts weniger als Republikaner sind.

Das mag sein, antwortete Serbinoff kaltblütig, allein, mein Freund, selbst die Schweden haben republikanische Anlagen genug und dieser heißblütige junge Mensch, der Ihnen erwiederte, daß, wenn zuerst die Bauern die Könige beseitigten, welche ihnen nicht gefielen, der Adel dies Geschäft später übernommen habe, hat damit bestätigt, was ich behaupte. In eurer blutigen Geschichte waren von jeher die Könige abhängig vom Volks- oder vom Adelswillen. Mit dem Adel im Bunde, unterdrückten sie die uralte Gleichheit und Freiheit. Kühnen Regenten gelang es dann wohl, sich wieder auf das Volk oder auf ihr Schwert oder auf beide zu stützen, den Adel zu bändigen und ziemlich unbeschränkt zu herrschen. In Karl dem Zwölften erreichte diese königliche Gewaltherrschaft ihren Gipfel; als er in den Laufgräben vor Fredrickshall sein Ende fand, bemächtigte sich der Adel der Regierung und nahm Rache für das, was er erduldete. Damals bracht ihr mit dem Königthum und gabt seinen getreuen Dienern und Gehilfen eine furchtbare Lehre, als ihr Karl's Minister und innigsten Freund, den Grafen Görz, hinrichten ließet. Bis Gustav der Dritte auftrat, habt ihr dann eine republikanische Patricierwirthschaft getrieben, wie diese je in Rom, Venedig, Florenz oder in einer andern mittelalterlichen Republik möglich wurde. Wäret ihr, ich meine der schwedische Adel, klüger und einiger gewesen, so hätte eure oberste Herrlichkeit länger dauern können, allein geldgierig und ehrgeizig bekämpfte der Adel sich selbst, beneidete sich um Ansehen und Stellen, haßte sich mit aller Wuth des Parteihasses und verkaufte sich und seinen Einfluß an Frankreich und an Rußland. Diese Herren Reichsräthe und ihr Anhang, diese Parteien der Hüte und der Mützen, haben es Gustav dem Dritten leicht gemacht, mit ihnen fertig zu werden, denn er konnte sich bald einen Anhang schaffen und war gewiß, daß das Volk auf seiner Seite stand und Beifall klatschte, als er der aussaugenden republikanischen Adelswirthschaft ein Ende machte.

Er hat es aber nicht hindern können, erwiederte der Kammerherr, daß, als er unbeschränkter Herr zu sein glaubte, und im Jahre 1780 Rußland angriff, seine eigenen Generale und Obersten ihm den 84 Gehorsam aufkündigten, weil er einen auswärtigen Krieg nicht ohne Zustimmung des Reichstags anfangen durfte und es dennoch gethan hatte.

Das ist wirklich geschehen, erwiederte Serbinoff lachend, und Rußland wird diesen trefflichen pflichtgetreuen Offizieren immer dankbar sein müssen, denn der ganze Feldzug und die ganze Überraschung Rußlands gingen dadurch verloren. Vielleicht wäre es wirklich möglich gewesen, daß ein schwedisches Heer damals bis nach Petersburg vordringen konnte. Die Verschwörung der Generale und Obersten, oder der sogenannte Angelabund, zerstörte alle Pläne. Aber, mein Freund, was war die Folge davon? Der König demüthigte den Adel gänzlich. Im Jahre 1772 hatte er sein Werk halb gethan, im Jahre 1789 machte er es besser. Er warf euch seine Sicherheitsacte auf den Tisch und ließ zum Ritterhause hinauswerfen und in die Gefängnisse stecken, wer ihm widerstand. Von dieser Zeit an war er unbeschränkter König, und wie ging es den Thoren, welche den Angelabund gestiftet hatten, offenen Ungehorsam ausübten und sich doch nicht mehr zu thun trauten? Sie wurden als Hochverräther zum Tode verurtheilt, hingerichtet, verbannt, in Kerker geschleppt. Niemand wagte es mehr, sich auf Landesrechte und Privilegien zu berufen.

Aber zu diesen Gewaltthaten klatschte das Volk nicht Beifall, sagte Baron Arwed, und ihnen hat Gustav der Dritte seinen Tod zu danken.

Ein Fanatiker mordete ihn, der seinen Lohn dafür auf dem Schaffot empfing, dessen That die Abneigung des Volks gegen den Adel vermehrte und der nichts bewirkte, als eine Befestigung der königlichen Macht. Wohin hat es diese jetzt in Schweden gebracht?

Dahin, sagte der Kammerherr leise lächelnd, daß ein Blödsinniger schalten und walten kann, wie es ihm beliebt.

Sehr wahr! Besser also jedenfalls, wenn man bei Zeiten daran denkt, sich zu retten und mit Leuten zu verbinden, welche Verdienste zu würdigen wissen, antwortete Serbinoff in derselben Weise. Was jedoch die Volkspartei in Finnland betrifft, fuhr er lauter fort, so ist diese von ganz anderer Art. Ihr Republikanismus stammt aus den Ideen der französischen Revolution, den Ideen der Menschenrechte, der Gleichheit und dem übrigen Unsinn. Wir würden schöne Tiraden hören, wenn wir diesem Waimon den Mund öffnen wollten, ich zweifle aber 85 gar nicht daran, daß der Gebieter von Halljala, Ihr edler Vetter, noch viel verderbter ist, wie dieser hier.

Meinen Sie? antwortete Arwed, mechanisch aus seinem Nachsinnen aufblickend.

Würde Herr Otho sonst mit solcher Verehrung und Bewunderung von ihm sprechen? Dieser junge Fant ist viel zu ungestüm und kurzsichtig, um etwas Anderes verehren zu können, als Vorbilder in welchen er sich selbst geläutert und geheiligt wieder findet. Ich täusche mich gewiß nicht, wenn ich voraussehe, daß wir verwirrte Köpfe finden und mit harten Steinen mahlen sollen.

Das käme allerdings unerwartet, sagte Arwed. Sie wissen, ich kenne ihn nicht, und eine Reihe Jahre sind vorübergegangen, wo wir uns nicht um einander kümmerten. Sein Vater war so ergrimmt über den Gewaltstreich Gustav des Dritten vom Jahre 1772, daß er nie wieder nach Stockholm kam. Mein Vater im Gegentheil schloß sich der Partei des Königs an und gewann dessen Gunst. Als die Verschwörung der Generale, eben jener Angelabund, gegen Gustav zu Stande kam, waren mehrere Verwandte der Randals darin verwickelt; einer derselben, der Oberst Freiherr Hästenskö, wurde sogar hingerichtet. Damals reiste mein Vater im Auftrage des Königs nach Halljala, denn der Angelabund hatte in den unzufriedenen Familien viele Anhänger, und wäre es zu einer Untersuchung gekommen, würde mehr als ein Kopf gefallen sein. Der König dagegen war großmüthig oder klug, er wollte nichts davon wissen. Mein Vater kam voller Verdruß von dieser Reise zurück, und obwohl ich damals noch ein halbes Kind war, erinnere ich mich, daß er in seinem Ärger äußerte, der König habe keine schlimmeren Feinde als die Sippschaft in Halljala, welche niemals anders werden würde. – Seit jener Zeit hörte jede Verbindung zwischen uns auf, und erst im letzten Jahre, als Otho's Mutter, die Schwester des alten Freiherrn Randal, starb, wurden wieder Briefe gewechselt. Sie hatte Ebba einige Schmucksachen vermacht, Geschenke unserer Mutter, denn sie lebte in ihrer Jugend längere Zeit in unserem Hause. Bald nach ihrem Tode starb Erichs Vater und auch er hinterließ Ebba ein Erbe, nämlich einen Heimat, das heißt einen finnischen Meierhof.

86 Was bewog ihn zu solchem köstlichen Geschenke? fragte Alexei.

Es ist nichts, so viel ich weiß, als eine kleine Insel im Pajänesee, erwiederte Arwed; ich glaube jedoch, der alte Herr hat sich von der Romantik seiner Jugend dabei überfallen lassen. Meine Mutter war seine erste Liebe und jene Insel soll sie besonders reizend gefunden, haben.

Dies Paradies also, wo er mit der Mutter geschwärmt, hat er der Tochter vermacht! rief Serbinoff spottend. Ein Andenken an selige Stunden; vielleicht aber hatte er dabei noch eine andere Absicht.

Die beiden Herren blickten sich an und verstanden sich. Möglich wäre es wohl, sagte der Kammerherr, daß er auch daran dachte, indeß versichere ich Sie, daß der Briefwechsel zwischen meiner Schwester und Erich zwar freundschaftlich und verwandtschaftlich betrieben würde, keineswegs jedoch eine Spur wärmerer Theilnahme enthält. Was mich betrifft, so wissen Sie, daß ich nur Ihrem Wunsche nachkam, als ich diesen Besuch einleitete, den wir jetzt ausführen.

Wofür ich Ihnen immer von Neuem dankbar bin, erwiederte Alexei. – Er stellte sich einen Augenblick ans Fenster, sah hinaus und trommelte an die Scheiben, dann ging er bis an die Thür, öffnete diese ein wenig und kehrte um. – In diesen verdammten Holzhäusern ist man niemals sicher allein zu sein, sagte er mit gedämpfter Stimme. Ein Wort noch ehe wir abbrechen. Sie wissen, wie hoch ich Ihre Schwester verehre und welche Hoffnungen ich hege. Lassen wir uns jedoch Zeit, alle Verhältnisse zu überblicken, und beschließen Sie dann in voller Freiheit was Ihnen nöthig scheint oder nothwendig wird. Antworten Sie nichts darauf, wir müssen etwas älter werden, um diesen Gegenstand wieder aufzunehmen, und jetzt lassen Sie uns die Spaziergänger aufsuchen.

Während dieser vertrauten Mittheilungen zwischen den beiden Freunden hatten Ebba und ihre Begleiter die Stadt verlassen und die waldige Anhöhe erstiegen, welche sich zur Linken erhob. Ein anmuthiger Weg führte zunächst zwischen Gärten und Fruchtfelder hin, dann verengte er sich zu einem Fußpfad, der ziemlich steil und in mannigfachen Windungen um zerstreute Blöcke und vorspringendes Gestein aufwärts führte. Die Stadt und das alte Schloß lagen bald tief unter ihnen 87 und dies gewährte mit seinen hohen, runden Thürmen, Halbmonden und gewölbten Thoren manchen fesselnden Anblick.

Sind Sie niemals in Stockholm gewesen? fragte Ebba.

Nicht in Schweden, nicht in Stockholm, erwiederte Otho. Auch mag ich Beides niemals sehen.

Sie müßten es dennoch besuchen, gab das Fräulein zurück, denn Stockholm ist der Sammelplatz der Bildung, der Kunst, der Wissenschaft und aller Cultur unseres Landes.

Ich will von allen diesen schönen Dingen nichts wissen, lachte Otho, denn was haben Sie uns Gutes gebracht? Sind die Menschen dadurch besser geworden, ist die Welt glücklicher? Glauben Sie, daß die Bewohner der Städte an Weisheit und Tugend der ganzen übrigen Menschheit vorleuchten? Die Städte erschlaffen und verweichlichen. Was ist Bildung?! Die Verfeinerung des Lebens, der Durst nach Genuß, die Verachtung der einfachen Sitten, die Schwelgerei des Reichthums und die Gier nach Geld und was Geld verschaffen kann. Griechenland und Rom sind untergegangen, als die Bildung dort so weit gelangt war, daß die alte Kraft und Freiheitslust an der gebildeten Entnervung starb. Wir lesen hier auch den Tacitus, Cousine Ebba. Erich ist so gelehrt wie der beste Professor. Ich habe im Winter ebenfalls Zeit genug meine Nase in allerlei Bücher zu stecken und meine kleine wohlunterrichtete Schwester Louisa ist ein so lieblicher Elf, wie er je im Mondschein über Heiden tanzte. Dennoch ist wenig Gefühl für Bildung in uns Allen. Es wird Ihnen wunderbar zu Muthe werden bei solchen Wüstenbewohnern, doch wir werden Alle sorgen, Ihnen so viele Freude zu machen, wie wir es vermögen.

Sein Geplauder blieb trotz der kecken Widersprüche neckend und harmlos, und seine Augen leuchteten so lebhaft, daß Ebba ihm gerne in derselben Art antwortete und unter lachend geführtem Streite über die Vorzüge der Bildung, der feinen Sitte und der schwedischen Civilisation der Hügelkamm erstiegen wurde. Oben war dieser gekrönt von mächtigen Fichten und durchwachsen von dichtem Gebüsch, bis plötzlich daraus hervortretend das Fräulein auf einem Felsenaltan stand, der über einer fast senkrechten Wand mehrere hundert Fuß hoch hing. Es war, als sei ein Vorhang aufgezogen worden, so überraschend 88 breitete sich ein schönes Panorama vor den Beschauern aus. Am Fuß des Granitfelsens zog ein klares Wasser hin. Stadt und Schloß glühten im Abendschimmer; die grüne breite Gasse des Thals, gefüllt mit Menschenleben mannigfacher Art, lag lieblich ausgestreckt, voll Frucht und Gedeihen. Zur Linken schweiften die Blicke über ein weites Land mit solchem Wechsel mannigfacher Scenerie gefüllt, daß jeder empfängliche Sinn davon berührt werden mußte. Wald und Fels, Schlucht und Ebene, Land und See mischten sich wunderbar. Ein Gewimmel von kleinen Thälern ließ sich bis in die Ferne verfolgen, unterbrochen von Flächen, in denen der rosige finnische Granit die letzten Sonnenstrahlen auffing. Eine unermeßliche Zahl großer und kleiner Seen durchstickte das farbenvolle Gewand mit Silberbändern und hielt es mit Silberfäden zusammen, bis alles Licht und aller Schmelz sich in nebelumhüllten Bergen verlor, die ihren tiefgeschweiften Bogen um den Hintergrund spannten.

O, das ist schön! rief Ebba nach einigen stillen Minuten und ihre Augen überschauten entzückt dies reiche Bild, ihre Lippen lächelten unter dem Eindruck dieser edeln Natur, welche so friedlich und so glücklich die Nacht erwartete. Selbst der junge Seeoffizier mußte in diesen Ausruf einstimmen; obwohl er zuletzt meinte, daß das Schönste in der Welt doch immer das Meer bleibe, wenn man nichts sähe als Himmel und Wasser, gefielen ihm dennoch diese Seespiegel ausnehmend.

Wir haben Seen genug, sagte Otho, die den Meeren wenig nachgeben und auf welchen Stürme zuweilen toben, welche sich Ihre volle Achtung erwerben würden. Hinter den Bergen dort, liegt der Pajäne; auf mehr als zwanzig Meilen streckt er seine Arme und Buchten nach allen Seiten aus. Morgen werden wir ihn sehen, möge er Ihnen gefallen und Ihr Aufenthalt an seinen Ufern Ihnen ein bleibendes frohes Angedenken sein.

Er verbeugte sich vor der jungen Dame, an welche er diese höflichen Worte richtete, als wollte er beweisen, daß es ihm trotz aller Spötterei über die Nachtheile der Bildung doch nicht an weltmännischem Wesen und Formen fehle, als er aber Ebba's muthwilliges Lächeln bemerkte, fügte er hinzu: Und das ist ehrlich gemeint, schöne 89 Cousine. Erich erwartet Sie voller Freude und meine Schwester Louisa wird die Zeit kaum hinbringen können, bis sie Ihnen entgegenfliegt.

Ich bin Ihnen dankbar für so viele Güte, aber ich begreife doch nicht, Cousin Otho, erwiederte Ebba, daß eines schwedischen Mädchens wegen so viele Freude bei Ihren Verwandten sein könnte.

Sie wollen mich für das strafen, was ich gegen Schweden gefrevelt, rief er lachend, doch was geht das uns an? Ihre Mutter war die Jugendfreundin meiner Mutter. Dürfen wir uns nicht freuen, wenn Sie zu uns kommen, und haben die Kinder nicht ein gewisses Recht, die Freundschaft ihrer Eltern wieder aufleben zu lassen?

Gewiß, das haben sie, sagte das Fräulein, und indem sie ihm die Hand reichte fuhr sie fort: Wir wollen gute Freundschaft halten, Cousin Otho, bei allem ehrlichen Streit zwischen uns, und, obwohl es in Schweden viele weit schöneren Gegenden und Naturschönheiten gibt, als diese sind, die Schweden mir auch weit besser gefallen als – mit Ihrer nachsichtigen Erlaubniß sei es gesagt – alle Finnen, welche ich bisher gesehen und nicht gesehen habe, so finde ich doch Finnland weit schöner als ich dachte und die Menschen darin, obwohl Barbaren, weit gebildeter und freundlicher, als sie selbst es gelten lassen wollen.

Haben Sie Dank, erwiederte er, und nehmen Sie meine Versicherung, daß wir Alles versuchen wollen, um Ihr Urtheil noch mehr zu unsern Gunsten umzuwandeln.

Gut, mein schöner Herr. Ich dagegen werde nicht aufhören, meine Urtheile zu vertheidigen.

Damit erklären Sie mir also den Krieg.

Es ist mir, versetzte sie, als würde dieser wenigstens bald zwischen uns ausbrechen.

Wohlan denn! rief er übermüthig, wir wollen den Kampf nicht fürchten und dennoch Freunde sein. Doch setzen wir uns in Frieden diesmal noch auf diese Bank; ich habe öfter schon hier ausgeruht und immer that ich es gern.

Es war ein Sitz nahe an dem Absturz errichtet, dort saßen die drei Pilger längere Zeit und Otho bezeichnete ihnen den Weg, den sie morgen einschlagen würden. Er nannte die Seen und die fernen 90 Berge, von denen manche sich steil und spitz erhoben, endlich aber sprach er von seinem eigenen Leben und von Vielem, was damit zusammenhing.

Wir wohnen, sagte er, wie Sie sehen werden, auf einem kleinen Gute, eigentlich nichts weiter als ein großer Bauernhof oder Heimat, der an der Seebucht, dem Schlosse Halljala gegenüber liegt, und dies ist fast zu jeder Zeit schnell zu erreichen. Mein Vater hat den Hof gekauft, er hat dort gelebt, ich bin auf ihm geboren worden und habe diese süße Heimat nie verlassen.

Das ist auch ein uralt schwedisch-germanisches Wort von schöner Bedeutung, erwiederte Ebba, daß der Wohnsitz jeder Familie, ihr Feld und Haus, Heimat genannt wird.

Hätten die Schweden nur nicht so Vielen dafür die Heimat genommen, als sie das Wort nach Finnland brachten, erwiederte er.

Ich wenigstens bin ihnen dankbar, sagte Ebba, denn wenn es nicht geschehen wäre, würde ich nicht hier bei Herrn Otho Waimon sitzen, auch würde dieser alle Kunst und Wissenschaft verspottende junge Herr nicht gezwungen worden sein, schwedisch zu lernen, um nach Abo in die Schule geschickt zu werden.

Was das anbelangt, rief Otho lachend, so bin ich nicht allzu lange dort gewesen, denn ich konnte es nicht aushalten und lernte blutwenig. Aber meine Mutter, Cousine Ebba, war ja selbst von Ihrem Blut, und diese theure Mutter wurde meine liebste Lehrerin. Von ihr weiß ich das Meiste, das ich achte und hoch halte.

Sie war also eine gelehrte Dame.

Gelehrt! antwortete er spottend; muß man denn gelehrt sein, um viel zu wissen? In der Zeit ihrer Jugend hielt man nicht viel vom Lernen. In Stockholm hatte man ihr etwas von dem dort üblichen französischen Geplapper angewöhnt, und zwischen Halljalahaus und Louisa wandelt noch heutigen Tages ein altes Gespenst umher, das ihr allerlei grausame Künste beibrachte, als da Lesen und Schreiben sind. Ihm habe ich und meine Schwester ebenfalls zu verdanken, was wir beide davon wissen.

Also mit Zöglingen der Geister haben wir es zu thun, Gustav, sagte das Fräulein zu dem jungen Offizier.

91 Es wird ein alter Schulmeister sein, von der Art, wie sie auch bei uns zu Lande hin und her wandern, war Gustav's Antwort.

Getroffen! fuhr Otho fort. Ein alter Schulmeister, ein alter Vagabond, der sein Leben lang hin und her irrte, und noch jetzt keine Ruhe in seinen Beinen hat. Meine Mutter lernte von ihm viele Sagen und Geschichten, von denen er voll steckt, und lernte die finnische Zither spielen. Alle diese Kunst und Wissenschaft ist auf uns übergegangen, wenigstens auf meine Schwester. O! Alles was sie that war gut, Alles was sie sagte war mir Gesetz. Ihr Wollen und Walten war wie Gottes Walten, und wer ihr nahe kam, der ehrte sie.

So von meiner Mutter erzogen, bin ich ein einfacher Landmann, ein Heimatmann geworden, der auf seinem Stückchen finnischer Erde leben und sterben will, und das soll immer mein höchster Wunsch sein.

Ihr Vater lebt nicht mehr? sagte Lindström.

Er starb, antwortete Otho, als ich kaum zwölf Jahre alt war, nun hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Als er so alt war wie ich jetzt bin, ging er außer Landes in fremde Kriegsdienste nach England, und kehrte aus den amerikanischen Colonien zurück, eben als diese ihren Freiheitskampf begannen. Mein Großvater war damals gestorben. Mein Vater wollte sein Erbe verkaufen und nach Amerika zurückkehren, allein es kam anders mit ihm. Er lernte meine Mutter kennen, blieb im Lande, warf den Degen fort und wurde ein Bauer. Die Leute sagen, daß ich ihm an Gestalt und Wesen gleiche, und das freut mich; denn Alle, die ihn kannten, loben ihn noch und lieben ihn. Erich, der einige Jahre älter ist als ich, weiß mehr von ihm, und wenn er von ihm spricht, geschieht es mit einer Hochachtung, die er wenigen Menschen schenkt.

Unser Vetter Erich scheint sehr stolz zu sein.

Stolz, sagte Otho, ja das ist er, sehr stolz, aber mild und wärmend wie Frühlingssonnenschein. Meiner Mutter edler Geist ist auf ihn übergegangen; er hat ihre Ruhe, ihre sanftmüthige Entschlossenheit. Sie werden ihn kennen lernen, und dann vielleicht werden Sie mir Recht geben. – Er hielt inne, und nachdem er einen Augenblick lang lächelnd in ihr Gesicht geschaut, stand er auf und mahnte an die Rückkehr.

92 Sehen Sie wie die Nacht aus der Tiefe steigt und mit ihren dunkelblauen Armen an dem Felsen aufklettert! rief er aus. Täglich kämpft der Gott alles Lebens, Wainemonen, mit dem schwarzen Adler, dem er die Eier nahm und daraus Sonne, Mond und Sterne schuf. Die Flügel des ungeheuren Vogels bedecken dann den Himmel und löschen alles Licht aus. Zuweilen scheint es, als müsse der Gott erliegen, allein seine Harfe und seine Lieder, seine helle Stimme und die feurigen Pfeile seiner Augen verscheuchen immer wieder das Ungethüm. So steht es in unsern alten Sagen. Lassen Sie uns gehen, Cousine Ebba, der böse Mahilainen möchte kommen, ehe wir es denken, und ein schwedischer Fuß ist nicht dazu gemacht, um leicht und sicher selbst über diese Gesenke zu gleiten.

Ich werde Ihnen beweisen, daß ein schwedischer Fuß sich vor den steilsten und beschwerlichsten Pfaden nicht fürchtet, erwiederte Ebba.

Sie sollen Gelegenheit genug dazu bekommen, sagte er, jetzt aber stützen sie sich auf mich.

Sie schlug es aus und folgte ihm steile Stufen hinab, welche in den Fels gehauen, über glatte Lager abschüssig niederliefen. Zuweilen stand er still und streckte ihr die Hand entgegen, sie nahm diese jedoch nicht an. Herr Samuel Halset hat mich zu eindringlich vor Ihrem Beistande gewarnt, rief sie ihm zu, und ich bin gewohnt, mir immer selbst zu helfen.

Das höre ich gern, erwiederte er. Selbst muß man sich helfen, aber rufen Sie den bösen Sam nicht an, sein Rath war niemals gut. Da kommt Ihr Bruder und sein russischer Freund. Sie laufen Beide als gäbe es Heldenthaten zu verrichten. Im Augenblick strauchelte das Fräulein, doch Otho hielt sie in seinen Armen fest, trug sie über das glatte Rollstück fort und führte sie dann sicher hinab, eben als Serbinoff und der Kammerherr unten anlangten. 93

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.